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wohnen von Räumen, deren Wände mit arsenhaltigen Farben bemalt sind, ernstlich gewarnt. Die Gewerbetreibenden, welche derartige Farben zu vorgedachten Zwecken verwenden, oder in den Verkehr bringen, werden auf die Bestimmungen der §§. 323 und 326 des Strafgesetzbuches hingewiesen.
In sämmtlichen Räumen der Philharmonie findet morgen Abend ein Fest statt, welches vom Vorstande des neubegründeten „All⸗ gemeinen Deutschen Vereins“ veranstaltet ist und als All⸗ gemeines deutsches Fest bezeichnet wird. Der Verein hat sich die Förderung der allgemein⸗deutschen Bestrebungen auf sämmtlichen Gesittungsgebieten zur Aufgabe gestellt. „Er schließt alles Staat⸗ liche und den Glauben Betreffende, ebenso alles Unduldsame, Großprahlerische auf das Strengste aus, betrifft das Deutsche nur so weit, als es streng vom Staatlichen und den Glauben Be⸗ treffenden getrennt werden kann, erstreckt sich auf Das, was sämmt⸗ lichen Deutschen auf dem Erdenrund gemeinsam ist, wo sie sich auch befinden, welchem Staate sie auch angehören.“ So heißt es in dem ausgegebenen gedruckten Entwurfe der Aufgaben und des Arbeits⸗ plans dieses Vereins. Das beabsichtigte Fest soll „unter Mitwirkung deutscher Musik im Sinne des Vereins erhebend und belebend wirken und feierlichst zur Prüfung der Bestrebungen des Vereins an⸗ regen“. In dem Concert, welches von der Concertdirektion Hermann Wolff eingerichtet ist, wirken namhafte Künstler, wie das Sängerpaar Frau Schmidt⸗Köhne und Professor Felix Schmidt, Dr. Reimann (Orgel), Hr. Felix Dreyschock (Klavier), Waldemar Meyer (Geige) und der Chor des Mohr'schen Konservatoriums unter Leitung des Hrn. Otto Schmidt mit. Ansprachen werden durch die stell⸗ vertretenden Reichstags⸗Präsidenten Grafen von Ballestrem und Ober⸗Bürgermeister Dr. Baumbach, den Reichstags⸗Präsidenten, Landes⸗Direktor von Levetzow, den General⸗Major z. D. von Sucro u. A. gehalten. Der Feier, die um 10 Uhr endet, schließt sich ein Fest⸗Ball an. Eintrittskarten zu 2 ℳ sind durch den Schatzmeister des Vereins, Hrn. Geheimen Hofrath Bork, Berlin W. 62, Lützow⸗Ufer 1 a, zu beziehen. Der Ertrag ist für die Kasse des Allgemeinen Deutschen Vereins bestimmt. Dem Fest⸗ ausschuß gehören an: Graf von Ballestrem, stellvertretender Reichstags⸗Präsident; Becker, Professor, Präsident der Akademie der Künste; Borchardt, Stadtrath; Bork, Geheimer Hofrath, Berlin W. 62, Lützow⸗Ufer 1a; von Gneist, Professor, Dr., Wirtklicher Geh. Ober⸗ Justiz⸗Rath, Mitglied des Staatsraths; Richard Korth, Student der Rechts⸗ und Staatswissenschaften; von Levetzow, Landes⸗Direktor, Reichstags⸗Präsident; Marggraff, Stadtrath; Ludwig Pietsch, Schrift⸗ steller; Reuleaux, Geheimer Regierungs⸗Rath, Professor, z. Rektor der Technischen Hochschule; von Sucro, General⸗Major z. D.; Heinr. Thießen, Dr., Deutschforscher, Berlin W. 35, Steglitzerstraße 64.
Das seit vorgestern eingetretene Thauwetter hat einer großen
Zahl von Arbeitern sofort wieder Beschäftigung verschafft. Das war
der „N. A. Z.“ zufolge, namentlich auf dem Potsdamer Bahnhof und den Vorortsstationen wahrzunehmen, wo gestern Morgen ganze Kolonnen von Erdarbeitern und Bauhandwerkern antraten, um sich ihr Arbeitsfeld anweisen zu lassen. An den Brückenbauten über den Kanal, die zu den beiden Nebenbahnhöfen für Ringbahn⸗ und Vor⸗ ortsverkehr führen, wird wieder gearbeitet, ebenso nehmen die Maurer⸗ arbeiten ihren Fortgang.
Das Ballfest des Vereins „Berliner Presse“ findet am 31. Januar in der Philharmonie statt. Der Preis für die durch Mitglieder des Vereins eingeführten Gäste beträgt 10 ℳ Meldungen
werden durch die Vereinsmitglieder bis zum 25. Januar vermittelt.
Breslau, 12. Januar. Ununterbrochener Schneefall ver⸗ ursacht, wie der „N. Pr. Z.“ mitgetbeilt wird, die ärgsten Verkehrs⸗ stockungen; alle Züge erleiden bedeutende Verspätungen, die Berliner Post hat seit mehreren Tagen nicht mehr den planmäßigen Anschluß nach Oberschlesien erreicht. Hier klagt man über das Ausbleiben der
Landzufuhren.
Warmbrunn. Unsere an landschaftlichen Schönheiten über⸗ aus reiche Gegend, die ein zur Erde herabgefallenes Stück Himmel sein soll, überragt an eigenen Wintervergnügungen wohl die meisten unseres lieben Vaterlandes. Wir können mit der „Hörner⸗ schlittenfahrt“ aufwarten, die unstreitig die Krone aller vornehmen Wintervergnügungen bildet. Daß diese Hörnerschlittenfahrt in den letzten Jahren in immer weitere Kreise gedrungen ist, ist nicht zum Geringsten das Verdienst des Riesengebirgs⸗Vereins, dessen Mitglieder in ganzen Karawanen, selbst aus weiter Ferne, nach dem Gebirge eilen, um diesen bherrlichsten aller Genüsse durchzukosten. Da die Hörnerschlittenfahrten auch nicht die geringsten Gefahren heraufbeschwören, — ein kundiger Gebirgsfahrer lenkt den Schlitten während der ganzen Fahrt — sehen wir jetzt auch das schöne Geschlecht in unseren Bergen die ver⸗ gnügte Eilfahrt nach dem Thale unternehmen. Als gesuchteste Punkte der Hörnerschlittenfahrt gelten die Petersbaude, die Neue Schlesische Baude, die Grenzbauden; in jüngster Zeit wird auch die Prinz⸗Heinrichs⸗Baude auf dem Kamm des Gebirges als Abgangs⸗ station vielfach aufgesucht. — Als Rathgeber für diejenigen Herr⸗ schaften, welche aus dem Flachlande unserem Gebirge einen Besu abstatten wollen, stellt sich die Ortsgruppe Warmbrunn des R.⸗G.⸗V. (Hofjuwelier Bergmann) bereitwilligst zur Verfügung.
Halle a S., 13. Januar. Die Zuckerfabrik Minsleben bei Halberstadt ist nach einer Meldung der „N. Pr. Z.“ nieder⸗ gebrannt. Zweitausend Centner Zucker gingen mit zu Grunde.
Paris, 13. Januar. Wie aus Tlemcen (Algier) dem „W. T. B.“ gemeldet wird, ist eine Abtheilung Zuaven und Trainsoldaten auf dem Marsche von dort nach Sebdou eingeschneit und voll⸗ ständig blockirt. Von der Garnison in Tlemcen sind 200 Mann zur Hülfeleistung abgegangen. — In der heutigen Sitzung der 9. Kammer des Zuchtpolizeigerichts wurde der wegen Begünstigung der Flucht in contumaciam zu acht Monaten Gefängniß verurtheilte
ournalist Grsgoire mit vier Monaten Gefängniß bestraft.
St. Petersburg, 11. Januar. Der „Voss. Ztg.“ wird tele⸗ graphirt: Die amtliche Zählung der Einwohner St. Peters⸗ burgs ergab im Vergleich zur Zählung von 1881 einen Zuwachs von 94 923 Seelen. Ohne die Vorstädte hat jetzt die Hauptstadt des Zarenreiches 956 226 Einwohner. Die ersten vier Stadtbezirke weisen eine Abnahme auf, dagegen haben sich die Bezirke auf dem rechten Ufer der Newa bedeutend vergrößert. Hier beträgt der Zuwachs im Vergleich zu 1881 volle 16 %; die, Gesammtziffer wird aber durch die Abnahme oder die sehr geringe Vermehrung der Bevölke⸗ rung 18 den Bezirken auf dem linken Newa⸗Ufer auf 11 % herab⸗ gedrückt.
Madrid, 13. Januar Eine neue Untersuchung der in Olot verhafteten Persönlichkeit (vgl. die gestrige Nummer d. Bl.) hat laut Meldung des „W. T. B.“ ergeben, daß letztere dem Signalement von Padlewski nicht entspricht. Der Mörder des Generals Seliverstoff trug ein künstliches Gebiß, während der Verhaftete natürliche Zähne besitzt. Dem Pariser „Figaro“ zufolge wäre die verhaftete Persönlichkeit ein gewisser Heim, der vor einigen
Wetterbericht vom 14. Januar, Morgens 8 Uhr. Argonauten.
7 Uhr.
Henry Meilhac
Stationen. Wind. Wetter.
Bar. auf 0 Gr. u. d. Meeressp red. in Millim.
Mullaghmore 786 NNO 5
779 NNW 6
758 NW 5 Schnee
755 NNW 4 wolkenlos
746 WNW A halb bed.
aparanda. 737 N 4 bedeckt — 8 t. Peterbb. 748 SSW 3 bedeckt Anfang
Moskau. 767 SSW 1 Schnee
Cork, QOueens-
785 3 heiter 774 6 bedeckt E111 W 3 wolkenlos ylt 762 5 wolkenlos amburg.. 762 4 halb bed. i ü 756 6 heiter 753 4 Schnee
neu einstudirt: Wellen.
Trauerspiel in 1 Aufzug. Zweite Abtheilung: Die Trauerspiel in 4 Aufzügen. Anfang
Freitag: Opernhaus. 14. Vorstellung. Carmen.
Scene gescßt vom Ober⸗Regisseur 7 Uhr.
Freitag: Die Kinder der Excellenz. Sonnabend: Das Wintermärchen.
Freitag: Dieselbe Vorstellung. 14. Vorstellung. Das goldene
Residenz-Theater. Direktion: Sigmund Lauten⸗ 2 burg. Donnerstag: Zum 6. Male: Der selige Tou⸗ 3 8 bvA 1 e 3 Akten Verlobt: Frl. Elisabeth Brandhoff mit Hrn. 3 von exandre Bisson. eut von Gustav von Oper in 4 Akten von Georges Bizet. Text von Moser. In Scene gesetzt von Sigmund Lautenburg.
und Ludovic Halsvy, nach einer 1 6 1 Novelle des Prosper Mörimse. Tanz von Paul . E11““
Taglioni. (Don José: Hr. Anton Erl, Königlich . sächsischer Kammersänger, vom Hoftheater in Dresden von Sigmund Lautenburg. Anfan wolktg als Gast.) Anfang 7 Uhr. veeh vf7, he aehaut 13.Gedisce ns 3 Abtbenl est. ramatisches Gedi in 2 btheilungen 8 von Franz Grillparzer. Dritte Abtheilung, neu ein⸗ Belle-Alliance-Theater. Donnerstag: Ensemble⸗
studirt: Medea.
In Scene gesetzt g 7 ½ Uhr.
Jahren Redacteur des „Temps“ war. Von Größenwahn be⸗
fallen, wurde er in eine Irrenanstalt gebracht und ging später auf Reisen. — In ganz Spanien herrscht fortdauernd Kälte; in Madrid, Granada und Sevilla haben bedeutende Schneefälle stattgefunden. Die Landwirthschaft ist durch den Frost schwer geschädigt. An den Küsten dauern die Stürme fort. — In Oporto ist seit 1856 zum ersten Male wieder Schnee ge⸗ fallen. Das Ereigniß rief große Bewegung hervor, denn ein großer Theil der Bevölkerung hatte noch nie Schnee gesehen.
New⸗York, 12. Januar. Auf der Hochbahn der 3. Avenue stieß, dem „R. B.“ zufolge, gestern ein Personenzug mit einer Rangir maschine zusammen. Die letztere stürzte auf die Straße und wurde zertrümmert. Nur wie durch ein Wunder kam der Loko⸗ motivführer ohne starke Verletzungen davon; auch der Personenzug blieb völlig unbeschädigt.
Nach Schluß der Redaktion eingegangene Depeschen.
Königsberg i. Pr., 14. Januar, Mittags. (W. T. B.)
8
In Folge eines in vergangener Nacht eingetretenen sehr starken Schneesturms ist der Verkehr überall ge⸗
hemmt. Die Chausseen sind nahezu unfahrbar; die Eisenbahnzüge erleiden, namentlich auf der Strecke Berlin, vielstündige Verspätungen. Auf dem Frischen Haff liegt der Schnee 3 ½ Fuß hoch, sodaß die Fischer kaum durch denselben hindurchdringen können. Gegenwärtig ist das Wetter wieder besser geworden. 1
Aachen, 14. Januar. (W. T. B.) Bei der heute statt⸗ gehabten Landtags⸗Ersatzwahl für den 2. Wahlbezirk Aachen (Eupen⸗Aachen — Stadt Aachen) wurde an Stelle des verstorbenen Abg. Dr. Krebs (Centrum) der Kandidat des Centrums Landgerichts⸗Rath Spahn⸗Bonn gewählt.
Stuttgart, 14. Januar. (W. T. B.) Das Ab⸗ LE11“ beschloß mit 63 gegen 21 Stimmen die
eibehaltung der lebenslänglichen Anstellung der Ortsvorsteher in Gemäßheit des von der Regierung vor⸗ gelegten Entwurfs. Von dem Abg. Hausmann war im Namen der demokratischen Partei die Abschaffung dieser Ein⸗ richtung beantragt worden. Der Minister des Innern von Schmid war für den Standpunkt der Regierung energisch eingetreten.
Coburg, 14. Januar. (W. T. B.) Die Herzogin von Sachsen⸗Coburg hat sich heute nach Nizza begeben. Die Herzogin von Edinburg ist mit ihrer Tochter Prinzessin Beatrice über Darmstadt nach England abgereist.
Metz, 14. Januar. (W. T. B.) Wie die „Lothringer Ztg.“ meldet, stattete der Bezirks⸗Präsident von Hammer⸗ stein dem Großherzog von Luxemburg gestern einen
Besuch ab. Abends fand ein größeres Diner statt, zu welchem
auch Herr von Hammerstein geladen war.
Brüssel, 14. Januar. (W. T. B.) Nach einem heute Vormittag 9 Uhr 30 Minuten veröffentlichten Bulletin ist die bereits gestern konstatirte Besserung in dem Befinden der Prinzessin Henriette auch heute bemerkbar.
(Fortsetzung des Nichtamtlichen in der Ersten Beilage.)
Familien⸗Nachrichten.
—
Reg.⸗Baumeister Heinr. Plange (Elberfeld). — Frl. Elisabeth Büsing mit Hrn. Ger.⸗Assessor Paul Schmidt (Schwerin). — Frl. Marie Witt⸗ feld mit Hrn. Karl Janssen (Krefeld). — Frl. Luise Weber mit Hrn. Reg.⸗Assessor Paul Spicken⸗ dorff (Steglitz —- Hannover). — Frl. Elisabeth Gläser mit Hrn. Linus Lindner (Aue —Leipzig). — Frl. Auguste Simon mit Hrn. Landwirth Ernst Hofmeister (Oebisfelde — Magdeburg). — Frl. Anni Friederichs mit Hrn. Dr. med. Walther
Schwank in
Trauerspiel in 4 Agfaüg 8 Gastspiel von Mitgliedern des Wallner⸗Theaters. Anger (Warnemünde— Leipzig). — Frl. Ida
8*
Brentano. Anfang 7 ½ Uhr. Freitag: Zum letzten Male:
Deutsches Theater. Donnerstag: Zur Erinne⸗ Lehmann. rung an Grillparzer's 100 jährigen Geburtstag,
Hans Bette.
Adolph Ernst-Theater. Donnerftag⸗ Zum
haus. 13. Vorstellung. Don Juan. 2 Akten mit Tanz von Mozart. Text von Daponte. Dirigent: Kapellmeister Sucher. Anfang 7 Uhr.
O=SSSSO
752 6 bedeckt 772 1 bedeckt 767 2 wolkenlos 769 5 Schnee 767 1 bedeckt 766 S 5 bedeckt 764 4 Schnee 760 4 bedeckt 767 1 bedeckt 761 3 bedeckt
774 4 wolkig 767 O 3 wolkenlos 765 2 wolkenlos
Uebersicht der Witterung.
Ein tiefes Minimum liegt über Lappland, einen Ausläufer nach dem östlichen Deutschland entsendend und an der deutschen Küste starke im Binnen⸗ lande auffrischende südwestliche bis nordwestliche Winde verursachend. Das barometrische Maximum hat westlich von Irland 785 mm überschritten. Das Wetter ist in Deutschland vorwiegend trübe, stellenweise fällt Regen oder Schnee. Die Frost⸗ grenze verläuft von Wisby über Neufahrwasser nach Wiesbaden. In Ungarn sowie im südlichen Ruß⸗ land herrscht strenge Kälte.
Deutsche Seewarte.
— bo — “
Theater⸗Anzeigen.
Rönigliche Schauspiele. Donnerstag: Opern⸗ Oper in
Schauspielhaus. 13. Vorstellung. Zur Feier des
8 100 sten Geburtstages Franz Grillparzer’'s: Gedicht vpoon Ernst von Wildenbruch, gesprochen von Frl.
Lindner. Zum ersten Male: Das goldene Vließ. Dramatisches Gedicht in 3 Abtheilungen von Franz Grillparzer. In Scene gesetzt vom Ober⸗Regisseur Max Grube. Erste Abtheilung: Der Gastfreund.
Berliner Theater. Donnerstag: Goldfische.
Freitag: 19. Abonnements⸗Vorstellung. In der Mark.
Sonnabend: Zum 1. Male: Das Fränlein von Seudery.
Tessing-Theater. Donnerstag: Zum hundert⸗ jährigen Geburtstag von Franz Grillparzer. Der Traum, ein Leben. Dramatisches Märchen in 4 Aufzügen von Franz Grillparzer, mit anschließendem Epilog von Ludwig Fulda.]
Freitag: Ohne Ideale. Schauspiel in 4 Akten von Richard Jaffé.
Bictoria-Theater. Donnerstag: Zum 46. Male: Die sieben Raben. Romantisches Zaubermärchen in 5 Akten von Emil Pohl. Musik von G. Lehn⸗ hardt. Balletcompositionen des 3. Aktes von C. A. Raida. Ballets unter Leitung des Balletmeisters C. Severini. In Scene gesetzt vom Ober⸗Regisseur W. Hock. Anfang 7 ¼ Uhr.
Wallner-Theater. Donnerstag: Zum 7. Male: Talmi. Volksstück mit Gesang in 4 Akten von Moritz Schlesinger und L. Herrmann. Musik von Fritz Krause. Anfang 7 Uhr.
Freitag: Talmi.
Sonnabend: Benefiz für Carl Meißner. Die Sternschunppe. Schank in 4 Akt n Moser und Otto Girndt. 8
Friedrich-Wilhelmstädtisches Theater. Direktion: Julius Fritzsche. Donnerstag: Zum 26. Male: Die Gondoliere. Burleske Operette in 2 Akten von W. S. Gilbert. Deutsch von F. Zell und R. Gense. Musik von A. Sullivan. In Scene gesetzt von Julius Fritzsche. Dirigent: Hr. Kapell⸗ meister Federmann. Anfang 7 Uhr.
Die Gondoliere.
131. Male: Unsere Don Inaus. in 4 Akten von Leon Treptow.
Freitag: Dieselbe Vorstellung.
von C. Millöcker.
Gustav Görß. Musik von Franz Roth und Adolph Ferron. Anfang 7 ½ Uhr. 38 “
Thomas-Theater. Alte Jakobstraße 30.
Donnerstag: Auftreten von Betty Damhofer. Drei Paar Schuhe. Posse mit Gesang in 3 Abthei⸗ lungen und einem Vorspiel von Carl Görlitz. Musik
Freitag: Zum 54. Male: Der Soldatenfreund.
Zum vorletzten Male: Mein Freund Lehmann. ; Pitt st 5 Schwank in 4 Aufzügen von O. Klaußmann und F. E Hrn. Rittergutsbesitzer Max Krüger
Mein Freund
Sonnabend: Zum 1. Male: Die Nachbarinnen. Des Meeres und der Liebe Posse in 3 Akten nach dem Französischen von
g. b. Satow, Mecklenburg Schwerin — Gorschendorf).
Verehelicht: Hr. Landrichter Heinr. Hoelzer mit Frl. Margarethe Willems (Aachen — Trier). — Hr. Prem.⸗Lieut. Karl von Ernsthausen mit Frl. Minna Mohr. — Hr Georg Brödemann mit Frl. Käthe Rohland (Berlin). — Hr. Rechts⸗ anwalt Dr. jur Max Willmann mit Frl. Anna Merseburger (Leipzig). — Hr. Wilh. Paul Berger mit Frl. Else Timaeus (Leipzig). — Hr. Polizei⸗ Assessor Engelbert Löninger mit Frl. Emmy Hack (Köln). — Hr. Franz Peters mit Frl. Regina Weidenbach (Köln — Bergheim).
(Geboren: Ein Sohn: Hrn. Leo Frhrn. von Rheinbaben (Sauen b. Pfaffendorf, Mark). — Hrn. Dr. med. Marechaux (Magdeburg). — Hrn. Prem.⸗Lieut. Max von Sevydewitz (Berlin). — — Hrn. Lieut. Theurich (Breslau) — Hrn. Hanpt⸗ mann Friedrich Frhrn. von Houwald (Eisenach). — Hrn. Dr von Eicken (Muͤlheim a. d. Ruhr). — Hrn. Sec.⸗Lieut. von Knoblauch⸗Schulkeim (Königsberg i. Pr.). — Hrn. Lehrer Paul Hell⸗ muth (Bad Elmen). — Eine Tochter: Hrn.
Gesangsposse Couplets von
“
Concert⸗Anzeig
Concert-Haus. Donnerstag: Concert. Gesellschafts⸗Abend.
“ Baurath Garnper (Sorau) — Hrn. Lieut. Frörn. en. von Moeller⸗Lilienstern (Berlin). — Hrn. Kgl. Reg⸗Bauführer Wolfg. Schierer (Charlottenburg).
Karl Meyder⸗⸗ — Hrn. Lieut. Günther von Puttkamer (Heuken⸗ hagen b. Gienow). — Hrn. Rittmeister Baron
Am Landes⸗Ausstellungs⸗Park (Le Geöffnet von 12—11 Uhr. Täglich
zettel.
wissenschaftlichen Theater. Näheres die Ans
Digeon von Monteton (Deutz).
Urania, Anstalt für volksthümliche Naturkunde. Gestorben: Hr. Rittergutsbesitzer Herm. Jentsch
(auf Osselwitz). — Hr. Bürgermeister a D. Jul. Stahn (Bunzlau). — Hr. Major a. D. Adalbert von Hugo (Hannover). — Frau Rechnungs⸗Rath Karoline Wozeck, geb. Zuelke (Danzig) — Hr. Großherzogl. Revierförster Fr Ketel (Testorf) —
hrter Bahnhof). KFeft hr im lag⸗
Clowns.
Freitag: Im dunklen Erdtheil.
Circus Renz. (Carlstraße.) Donnerstag, Abends 7 Uhr: Japan oder: Die neckischen Frauen des Mikado. Großes equestrisches Ausstattungs⸗ Divertissement nebst einer mimischen Handlung in 2 Abtheilungen. Neu arrangirt und in Scene gesetzt vom Direktor E. Renz. Ferner: Jeu de la rose, geritten von Frl. Clotilde Hager und Miß Lillie Meers. Agat, Feuerpferd, dress. und vorgef. von Hrn. Franz Renz. Visier, Schulpferd, geritten von Hrn. Gaberel. Auftreten der Künstler⸗Spezialitäten Berlin: 68 Fß 1“ 8. Der 899 Mr. William mit seinen 4 dressirten ferden. 8 Mr. Burnell Fillis als I“ I. Druck der Norddeutschen Buchdruckerei und Verlags⸗ Auftreten der Reitkünstlerinnen Elly und Gierach. Komische Entrées und Intermezzos von sämmtlichen
Hr. Rentier J. H. Paetow (Berlin). — Frau verw. Pfarrer Bertha Schurig, geb. von Reidnitz (Braunsberg). — Hr. Rittmeister a. D. Friedr. Ludw. Leonh. von Zobeltitz (auf Eichow). — Hr. Rentier Wilh Filter (Berlin). — Hr. Ritterguts⸗ besitzer Gottfried Dalmer (auf Duvendiek).
Redacteur: Dr. H. Klee, Direktor.
Verlag der Expedition (Scholz).
Anstalt, Berlin SW., Wilhelmstraße Nr. 32.
Vier Beilagen (einschließlich Börsen⸗Beilage).
s⸗Anzeiger und Königlich Preußischen Staa
Berlin, Mittwoch, den 14. Januar
1891.
Deutscher Reichstag. 2. Sitzung vom 13. Januar, 2 ½ Uhr.
Am Tische des Bundesraths: Reichskanzler von Caprivi, die Staatssekretäre Dr. von Boetticher, Freiherr von Maltzahn und Freiherr von Marschall und Staats⸗ Minister von Heyden.
Präsident von Levetzow eröffnet die Sitzung mit einem „Neujahrsgruß an die Herren Kollegen“ und theilt mit, daß er aus Anlaß der Geburt eines Prinzen des Königlichen Hauses Sr. Majestät dem Kaiser die herzlichsten Glück⸗ wünsche des Reichstages im Namen des Reichstages darge⸗ bracht habe. Mit Bezug darauf sei ihm folgende Aller⸗ höchste Kabinets Ordre zugegangen:
In herzlicher Freude habe Ich die Glückwünsche entgegen⸗ genommen, welche im Namen des Reichstages Mir zu der Geburt Meines sechsten Sohnes dargebracht sind. Ich kann es Mir nicht
versagen, für den Ausdruck der freudigen Antheilnahme an dem
glücklichen Ereigniß dem Reichstage Meinen Dank auszusprechen. Berlin, den 6. Januar 1891. Wilhelm.
Das Haus tritt in seine Tagesordnung, die erste
Berathung der Anträge Auer und Richter über Lebensmittelzölle, ein. (Den Wortlaut beider Anträge s. in der gestrigen Nummer.)
Reichskanzler von Caprivi:
Auf der heutigen Tagesordnung stehen die beiden Anträge, be⸗ rührend Fragen, deren Bedeutung für das wirthschaftliche Leben der Nation die verbündeten Regierungen nicht verkannt haben. Die Anträge sind im Mai und Juli vorigen Jahres eingebracht worden; inzwischen ist Deutschland, wie den Herren bekannt ist, mit Oesterreich⸗ Ungarn über den Abschluß eines neuen Handelsvertrages in Verhandlungen getreten, und es steht zu erwarten, daß diesen Verhandlungen solche mit anderen Staaten, die ebenso wie wir das Interesse nach wirthschaft⸗ licher Annäherung haben, folgen werden. Wir können uns der Hoffnung hingeben, daß die Verhandlungen mit Oesterreich zu einem beide Theile befriedigenden Resultate führen werden. (Bravo!) Nähere Mittheilungen darüber zu machen, sind wir zur Zeit nicht im Stande; wir können uns weder über den bisherigen Ver⸗ lauf, noch über den gegenwärtigen Stand der Verhandlungen, noch über die endlichen Ziele, welche die verbündeten Regierungen verfolgen, zur Zeit äußern. Wir müssen uns heute auf die Bemerkung beschränken, daß die Sorge für Erleichterung der Volksernährung den verbündeten Regierungen ebenso sehr am Herzen liegt, wie irgend einer Partei in diesem Hause, und wir dürfen als Bekräfti⸗ gung hierfür Bezug nehmen auf diejenigen Maßregeln, die seit einigen Monaten zur Erleichterung der Fleischversorgung in Deutschland eingeführt worden sind. Zugleich erkennen wir aber an, daß wir die Pflicht haben, für die Entwickelung derjenigen wirth⸗ schaftlichen Erwerbszweige zu sorgen, die für die Erhaltung des Staats von hoher Bedeutung sind, wie in erster Linie die Landwirth⸗ schaft. (Bravo! rechts.) Wir erkennen an, daß eine gedeihliche Landwirthschaft über diejenigen Zahlen hinaus, die in Bezug auf ihre Produktion sich feststellen lassen, für die Er⸗ haltung des Staats vom höchsten Werthe ist. Treten die Herren heute in eine Diskussion über die beiden vorliegenden Anträge ein, so werden die Vertreter der verbündeten Regierungen, Angesichts der schwebenden Verhandlungen, sich darauf beschränken müssen, an dieser Diskussion theilzunehmen, wenn etwa bedenkliche Irrthümer über thatsächliche Verhältnisse klar zu stellen wären.
Abg. Schumacher: Es freue ihn, daß auch die Regierung dafür Sorge tragen wolle, daß eine Erleichterung der Volksernährung eintrete. Ueber die Nothwendigkeit dieser Maßregel könne hier kein Streit sein. Mit Unrecht habe seiner Partei die schutzzöllnerische Presse vorgeworfen, es handle sich bei dem Antrage auf Aufhebung der Getreide⸗ und Viehzölle mehr um eine Demonstration und um die Erzeugung neuer Unzufriedenheit, als um das igelge Wohl des Volkes. Für die Neuerzeugung von Unzufriedenheit sei gerade die gegnerische Seite verantwortlich. Gewiß beruhe auf dem Bauern⸗ stande, auf der Landwirthschaft das ganze Staatswesen; seine Partei müsse aber entschieden bestreiten, daß die Getreidezölle für den eigent⸗ lich nothleidenden Bauer ins Leben gerufen seien. Der Bauer habe von den Getreidezöllen absolut keinen oder nur sehr wenig Nutzen. Die Roth der Landwirthschaft könne nicht bestritten werden. Die⸗ jenigen aber, die im Reichstage für die Einführung der hohen Ge⸗ treide⸗- und Viehzölle gearbettet hätten, hätten am Allerwenigsten Ursache, sich zu beklagen. Er erinnere daran, wie sehr der Werth des Grund und Bodens seit dem vorigen Jahrhundert gestiegen sei. Die notariellen Akten würden dem Reichstage darüber über⸗ raschende Aufschlüsse geben. Im Rheinlande — wo es sich allerdings um abnorme Verhältnisse handele — seien früher in der unmittelbaren Nähe von Köln 300 Morgen für 25 000 Fr., d. h. der Morgen für 83 ½ Fr. verkauft worden. Heute koste der Morgen 250 Thaler. Leute, die solche Geschäfte gemacht hätten, könnten wohl zufrieden sein. Grund zur Klage hätten die Pächter, die sehr hohe Pachtpreise bezahlen und sich quäͤlen müßten, und der kleine und mittlere Bauer, der keine Viehzucht habe und gezwungen sei, Futter und Korn zu kaufen. Ein Bauer der Eifel, der zwanzig Morgen besitze und fünf Kinder habe, könne vom Getreidebau gar nicht leben. Dieser Bauer müsse schon früh sein Getreide zu einem billigen Preise verkaufen und es später zu einem viel höheren Preise kaufen. Man sage, daß die Getreidezölle die Lage der ländlichen Arbeiter gehoben hätten. Ein Beweis hierfür sei bisher nicht erbracht worden. Der Gutsbesitzer mit seiner Familie lebe bei guter oder schlechter Zeit ganz gleich, seine Frau trage deshalb keinen Hut oder Schleier weniger. Die Gutsbesitzer der östlichen Provinzen beklagten sich darüber, daß ihre Arbeiter zuviel verdienten, sie sagten aber nicht, ob die Arbeiter auch damit auskommen könnten. Wenn die Arbeiter zuviel verdienten, würden sie nicht nach dem Rheinland und nach Sachsen gehen. Ein Ochsenknecht verdiene jährlich mit Natura⸗ lien 384 ℳ 80 ₰, ein Schäferknecht 396 ℳ 80 ₰ und ein Pferde⸗ knecht ebensoviel. Auf den Dominien im Kreise Neiße erhalte eine Frau einen Tagelohn von 40 bis 50 ₰ und ein Mann einen von 60 ₰ bis 1 ℳ ohne Kost. Immer wieder werde behauptet, daß der Getreidezoll vom Auslande getragen werde. Es sei aber statistisch nachgewiesen worden, daß der Roggenpreis in Köln durchschnittlich um den Betrag des Zollsatzes höher stehe als in Rotterdam und Brüssel. Das Nämliche gelte in Danzig, Stettin und Königs⸗ berg. Wenn lediglich die Bäcker das Brot vertheuerten, dann wür⸗
den die Leute z. B. an der niederländischen Grenze nicht über die
Grenze gehen, um billigeres Brot zu kaufen. Nein, den Zoll trage
das Inland. Es scheine, als ob heute das Gegentheil von dem maß⸗
gebend sei, was früher in den Schulen gelernt worden sei. Da habe man
im Lesebuch von einem Kornwucherer gelesen, der im Hungerjahre 1817
gelebt habe Dieser Kornwucherer habe mit Kreide an seine Thür geschrieben:
„Nur für den und den Preis wird das Korn verkauft.“ Dann habe
es weiter geheißen: „Die Vorsehung hat den Mann bestraft; Haus
und Hof sind ihm abgebrannt.“ Heute werde in den Gesetzbüchern
festgelegt: „Das Brot muß möglichst vertheuert werden.“ Friedrich II.,
gewiß kein Freihändler, habe in Bezug auf Getreide⸗ und Viehzölle
ganz anders gedacht. Nachdem die Einfuhr des amerikanischen Specks,
angeblich der Trichinen wegen, verboten worden sei, sei dem armen
Manne auch der billige Speck entzogen worden, und die Pferde⸗
metzgerei komme immer mehr in Aufnahme. Es sei von sozial⸗
demokratischer und von fortschrittlicher Seite wiederholt darauf auf⸗
merksam gemacht worden, daß durch Schutzzölle das Ausland ge⸗
wissermaßen zu Gegenmaßregeln provozirt worden sei. Deutschland habe
es denn auch erlebt, daß ihm der amerikanische Markt abgeschnitten
worden sei. Wenn man jetzt nicht dafür sorge, daß die Zölle er⸗
mäßigt würden, werde es später kaum mehr möglich sein. Gerade die
reicheren Fabrikanten hätten im Auslande noch besondere Fabriken
angelegt, und bei den jetzigen hohen Zöllen sei es deshalb den kleineren
deutschen Fabrikanten nicht mehr möglich, vortheilhaft in jene Länder
zu exportiren; sie seien vom Auslande völlig ausgeschlossen. So
werde durch das Schutzzollsystem der eigene Mittelstand geschädigt. Trotz des heutigen niedrigen Zinsfußes müßten doch gerade die kleinen Leute noch immer recht hohe Zinsen tragen. Daß Deutschlands Industrie, als Gesammtheit aufgefaßt, in ihrem Export in den letzten Jahren Schiffbruch gelitten habe, zeigten deutlich die amtlichen Zahlen über Einfuhr und Ausfuhr. Seit 1886 sei das Verhältniß von Ausfuhr und Einfuhr ein immer ungünstigeres geworden. 1888 habe das Minus der Einfuhr 52 Millionen Mark, 1889 bereits 808 Millionen Mark betragen. Wie könne man bei der jetzigen Schutzzollpolitik den Amerikanern ihre Mec. Kinley⸗ Bill übelnehmen? Die „Kölnische Zeitung“, die schon lange nicht mehr auf dem Boden des absoluten Freihandels stehe, habe zwar einen von dem General⸗Sekretär Dr. Beumer in Düsseldorf unter⸗ zeichneten lebhaften Nothschrei der rheinisch⸗westfälischen Industriellen gebracht; die Amerikaner aber könnten es sich leisten, auf das Aus⸗ land keine Rücksicht zu nehmen, während das Deutsche Reich das größte Interesse an der Erhaltung des Friedens habe. In den letzten drei Monaten seien in Folge der Me. Kinley⸗Bill allein von Solingen aus für 4 ½ Millionen Mark weniger Messerwaaren nach Amerika exportirt worden als im Vorjahre. Für einen Ort wie Solingen bedeute ein solcher Ausfall schon sehr viel. Aehnlich aber lägen die Dinge in Thüringen und im Königreich Sachsen. Es scheine sich nun auch in jenen Kreisen, die fortwährend für die Zölle gearbeitet hätten, allmählich ein Umschwung geltend zu machen. Die Zeitung „Die Post“ habe neulich einen Artikel gebracht, in welchem sie lebhaft bedauert habe, daß im Jahre 1881 der Handelsvertrag mit Oesterreich nicht zustande gekommen sei. Der Antrag seiner Partei gehe dahin, daß man ebenso wie mit Oesterreich auch mit Rußland, Frankreich und Amerika Verträge abschließe, damit die Zölle schließlich ganz aus der Welt geschafft würden. Differentialzölle würden noch größeres Unglück bringen, als die anderen Zölle. Der Artikel der „Post“ (worin sie die Wirkung der Schutzzölle mit der Wirkung von Morphiumeinspritzungen verglich. D. R.) zeige, daß man sich in gewissen Kreisen bereits schäme über das früher Verbrochene. Der Abg. Dr. von Frege habe früher einmal für den Verlust der bisherigen Absatzgebiete auf die Kolonien hingewiesen und das Beispiel der Ostindischen Compagnie herangezogen, die für Eng⸗ land bedeutet habe, was etwa Kamerun für Deutschland bedeuten werde. Das seien doch nur leere Ausflüchte. Allerdings müsse, wenn die Zölle aus der Welt geschafft würden, für Ersatz gesorgt werden. Das könne geschehen durch Verminderung der hohen Militärlasten. Deutschland habe die stärkste Armee und könne sagen: Rüstet einmal ab! Wenn der Reichstag den Antrag seiner Partei annehme, habe er (der Reichstag) sich wirklich einmal um das Vaterland verdient gemacht! (Beifall bei den Sozialdemokraten.)
Abg. Richter: Der Antrag seiner Partei bezwecke, das, was sie in den Wahlkämpfen für die Reform der Zoll⸗ und Wirthschafts⸗ politik vertreten habe, in präziser Form im Reichstage zu wieder⸗ holen. Der Antrag erschöpfe nicht Alles, was die freisinnige Partei überhaupt an Reformen anstrebe, sondern hebe nur die Beseitigung derjenigen Privilegien des Großgrundbesitzes und Großkapitals hervor, die in weitesten Kreisen als besonders ungerecht und drückend empfunden würden. Daß dies in immer weiteren Kreisen des Volkes der Fall sei, bewiesen die Wahlen. Im letzten Reichstage habe seine Partei höchstens darauf rechnen können, daß ein Achtel der Mitglieder mit den Grundanschauungen ihres Antrages ein⸗ verstanden gewesen sei; jetzt dürfe sie mindestens ein Drittel der Mitglieder des Hauses als solche annehmen. Die Partei habe nicht erwarten können, daß eine Wahlbewegung mit einem Schlage eine freihändlerische Mehrheit herstellen würde, aber aus den Wahlen habe sie die Zuversicht geschöpft, sofort mit der parlamentarischen Aktion in der Richtung dessen, was sie bei den Wahlen erstrebt habe, zu beginnen; sie habe den Antrag am ersten Tage der Session eingebracht. Daß sie ihn in Uebereinstimmung mit den Sozialdemokraten im Juni v. J. zurückgestellt habe, weil damals gerade die Militärfrage im Vordergrund des öffentlichen Interesses gestanden habe, bedauere sie nicht, denn inzwischen hätten sich die Verhältnisse für den Antrag er⸗ heblich günstiger gestaltet. Die Macht der Verhältnisse habe auch ihre Einwirkung auf die Regierung nicht verfehlt, insofern das Zucker⸗ steuergesetz vorgelegt sei und der Reichskanzler wiederholt Mitthei⸗ lungen über das Schweben von Verhandlungen zum Abschluß von öö gemacht habe. Der sozialdemokratische Antrag habe die
orm eines Gesetzentwurfs, der seiner Partei die einer Resolution. Initiativ⸗ anträge, wenn sie nicht von vornherein einer großen Mehrheit sicher seien, gelangten in Form von Gesetzentwürfen in Folge der drei Lesungen viel schwieriger zu positiven Ergebnissen, als eine einfache Resolution. Die Resolution betreffe nicht bloß die Zölle, sondern auch die Verbrauchssteuern, denn eine Beseitigung der Einfuhrprämien bei der Zuckersteuer und des Privilegiums der Brenner bei der Branntweinsteuer sei ebenso dringend wie die Zoll⸗ reform. Der Antrag betreffe nicht nur die Produkte des Ackerbaues, sondern auch die industriellen Erzeugnisse. Es sei falsch, zu glauben, daß seine Partei aus Rücksichtnahme auf die Industrie des Westens einer Reform der Industriezölle anders gegenüberstehe als einer solchen der Agrarzölle. Die Industriezölle schadeten zum großen Theil der Industrie selbst, namentlich leide die Kleineisenindustrie unter den Eisenzöllen und den Ringbildungen. Seine Partei fordere allerdings nicht die sofortige Beseitigung der Nahrungsmittelzölle auf einmal, obgleich sie die Aufrechterhaltung eines Theiles derselben auch nicht für gerechtfertigt halte. Die Ausführungen des Vorredners theile auch er in jeder Beziehung, aber unter den gegebenen parlamen⸗ tarischen Verhältnissen halte seine Partei den Weg ihres Antrages am meisten für gangbar. Man werfe ihr vor, sie fordere eine theilweise sofortige Aufhebung der Nahrungs⸗ mittelzölle, nicht aber der Industriezölle, obwohl beide gleichzeitig ein⸗ geführt seien. Allerdings seien beide gleichzeitig 1879 eingeführt, aber die Getreidezölle nur in Höhe von 10 ℳ für die Tonne. 1883 seien die Getreidezölle für sich auf 30 ℳ, 1887 auf i g erhöht worden,
ohne entsprechende Erhöhung der Industriezölle. Deshalb müßten die Agrarzölle zunächst heruntersetzt werden, nachdem sie zuletzt allein erhöht worden seien. Seine Partei bedauere nicht, daß der Antrag erst heute verhandelt werde; denn gleichviel, welches Schicksal der An⸗ trag habe, könne die Partei ihre Forderungen an drei Stellen wieder aufnehmen. Das Zuckersteuergesetz sei vorgelegt, allerdings be⸗ packt mit einer Erhöhung der Verbrauchsabgabe, welche dasselbe in den Abgrund ziehen könne. Anstatt den Schwanz der Ausfuhr⸗ prämien stuͤckweise von Jahr zu Jahr abzuschneiden, sollte man die Zuckerindustrie lieber dadurch entschädigen, daß man den Konsum des
Inlandes wohlfeiler mache, wenn der Konsum des Auslandes nach⸗-
lassen sollte. Bei der Novelle zum⸗Branntweinsteuergesetz könne die freisinnige Partei auch ihren Antrag weiter verfolgen. Ferner könne sie beim Etat Anträge auf Abänderung des Zolltarifs unabhängig von diesem Antrag stellen, ebenso auch, wenn Handelsverträge vor⸗ gelegt würden. Seine Partei vernehme mit Befriedigung, daß die Ver⸗ handlungen mit Oesterreich⸗Ungarn einen günstigen Verlauf nehmen; hoffentlich werde noch in der jetzigen Session ein solcher Vertrag vor⸗ gelegt werden. Der Abschluß von Tarifverträgen sei ein Mittel, zu vernünftigen Tarifreformen zu gelangen. Ein Handelsvertrag habe
schon dadurch besonderen Werth, daß er eine Sicherheit gegen eine rückläufige Bewegung durch schutzzöllnerische Bestrebungen gewähre.
Diese Sicherheit müsse gerade jetzt gegenüber der Unsicherheit, die
in handelspolitischer Beziehung seit ungefähr einem Jahrzehnt
vorherrsche, werthgeschätzt werden. Es komme nicht nur darauf an, neue Absatzquellen zu erschließen und neue Verbindungen unter den Völkern anzubahnen, sondern diese Möglichkeit müsse auch für längere Dauer gesichert sein; denn das erste Anknüpfen neuer Ver⸗ bindungen erheische Mühe und Kosten, die sich nur lohnten, wenn man auf ihre Erhaltung für längere Zeit rechnen könne. Seine Partei sei gegen das System der Differenzialtarife. Es hälten in Deutschland erhebliche Besorgnisse geherrscht, daß die Vertrags⸗ verhandlungen mit Oesterreich es auf Differenzialtarife absähen. Diese Schatten seien inzwischen wesentlich gewichen, und aus der An⸗ kündigung des Reichskanzlers, daß es sich nicht bloß um einen Ver⸗
trag mit Oesterreich⸗Ungarn, sondern auch um die Einleitung von Verhandlungen mit anderen Staaten handele, entnehme er (Redner)
eine Bekräftigung der Ansicht, daß die Regierung nicht Differenzial⸗ tarife, sondern eine allgemeine Tarifreform im Wege der Handels⸗ verträge beabsichtige. Es sei in Frage gekommen, inwieweit eine parlamen⸗ tarische Erörterung bei schwebenden Vertragsverhandlungen angebracht sei. Die heutige Erklärung des Reichskanzlers von Caprivi sei vom konsti⸗ tutionellen Standpunkt aus durchaus korrekt. Es müsse einer Regierung überlassen sein, ob sie bei schwebenden Vertragsverhandlungen auf Fragen antworten wolle oder nicht. Seine Partei habe auch den Reichskanzler zu einer Antwort nicht provozirt, weil sie glaube, daß diese Verhandlungen mit Oesterreich sich in einer Richtung bewegten die ihr genehm sei. Man könne es für inopportun halten, unter diesen Umständen eine parlamentarische Abstimmung herbeizuführen. Sollte dies die Ansicht sein, so lege er kein Gewicht darauf, ob ein materielle Abstimmung über seine Anträge heute erfolge oder nicht Für den sozialdemokratischen Antrag sei eine Abstimmung ausge schlossen, weil er nur zur ersten Berathung stehe. Er (Redner wäre also damit einverstanden, wenn beide Anträge der Budget⸗ kommission überwiesen würden. Aber eine Diskussion im All emeinen halte seine Partei auch während schwebender Vertragsver andlungen über Handelsverträge für durchaus zulässig. Im englischen Parlament werde auch während schwebender Verhandlungen diskutirt Während der Deutsche Reichstag sich über den deutsch⸗englischen Vertrag Stillschweigen auferlegt habe, sei im englischen Par
lament wiederholt darüber debattirt worden. Wohin würde es auch führen, wenn während solcher Verhandlungen die ganze Presse,
Vereine und Versammlungen sich damit beschäftigten, die Regierung selbst Sachverständige zu Gutachten auffordere und nur das Parla ment verurtheilt sein solle, zu schweigen? Es sei bezeichnend
daß gerade Diejenigen am meisten sich besorgt zeigten in Bezug auf
etwaige Störungen der Vertragsverhandlungen durch das Parlament, die im Grunde ihrer Seele einen Handelsvertrag mit Oesterreich
auf Ermäßigung landwirthschaftlicher Zölle selbst durchaus nicht wollten. Die Anknüpfung von Vertragsverhandlungen mit Oesterreich
sei gerade während der parlamentarischen Ferien politischen Angriffen ausgesetzt gewesen. Man habe versucht, die Agrarier diesseits der Grenze und die industriellen Schutzzöllner jenseits der Grenze gegen einen Handelsvertrag mit Oesterreich aufzuwiegeln. Es sei dargestellt
worden, als ob ein solcher Handelsvertrag, indem er wirthschaft⸗
liche Beschränkungen beiden Völkern auferlege, sich vergleichen lasse mit der Absicht, Deutschland einen Tribut an Oesterreich aufzu⸗ erlegen; dies sei geeignet, den politischen Dreibund unpopulär zu machen und dadurch auch die politische Situation zu trüben; die Re⸗
eg müsse deshalb, wenn sie wirklich einen Tarifvertrag mit 2
esterreich anstrebe, zuvor den Reichstag auflösen und dem Volke Gelegenheit geben, sich darüber auszusprechen, ob es eine solche
Tarifreform Volk bisher in dieser Beziehung noch nicht zum Wort gekommen sei. Diese Aeußerung habe in der ausländischen Presse eine gewisse Beach⸗ tung gefunden, weil sie von einer Stelle herrühre, die um die Stiftung des politischen Dreibundes sich Verdienste erworben. Eine Auflösung des Reichstages und eine Neuwahl unter der Parole, ob die Re⸗ gierung in Bezug auf die Verwohlfeilerung und Erleichterung der Ernährung zu unterstützen sei oder nicht — solche Wahlen möchte er noch einmal erleben (Heiterkeit), denn sie wären geeignet, die letzten Agrarier in Deutschland auszurotten. (Heiterkeit und Beifall.) Es sei
im Wege des Vertrages wünsche, da das
schade, daß Fürst Bismarck — denn von dessen Agitation gegen den
Handelsvertrag spreche er — diese konstitutionellen Ansichten nicht schon während seiner aktiven Dienstzeit gehabt habe. In beiden Fällen, in denen er den Reichstag aufgelöst habe, 1878 und 1887, sei wohl von Sozialdemokraten und Militärseptennat die Rede gewesen; Fürst Bismarck habe sich damals aber gehütet, von den neuen Zöllen und Steuern zu sprechen, zu deren Einführung er nachher die Mehrheit gebraucht habe. Es handele sich bei dem Abschluß von solchen Handelsverträgen nicht um Auferlegung eines Tributs für Deutsch⸗
land an Oesterreich, sondern umgekehrt; die beiden Länder wollten sich wechselseitig beistehen, um sich von Tributen zu befreien, die sie an den Grundbesitz und gewisse Zweige des Kapitals
entrichtet hätten, solange diese allein den Markt in jenen Staaten zu beherrschen in der Lage gewesen seien. Mit Recht sei vor Kurzem von hoher Stelle ausgesprochen worden: „Die Welt am Ende des 19. Jahrhunderts stehe unter dem Zeichen des Verkehrs, der Verkehr durchbreche die Schranken, welche die Völker trennten und knüpfe zwischen den Nationen neue Beziehungen an.“ Das sei richtig in Bezug auf jede Verkehrserleichterung, Eisen⸗ bahn⸗, Dampfschiffverbindung u. dergl. Was wollten aber Handels⸗
verträge Anderes? Sie wollten die künstlichen Hindernisse beseitigen,
die das selbstische Interesse der beiden Völker sich aufzurichten be⸗ mühe. Wenn Tarifverträge im Stande wären, einen Tribut auf⸗ zuerlegen, dann würde man dasselbe von wirthschaftlichen Verträgen aller Art behaupten können, und dann dürfte man überhaupt keinerlei
wirthschaftliche internationale Verträge abschließen, denn sie legten der wirthschaftlichen Autonomie jedes Staates besondere Beschränkungen
auf. Ja, wenn diese Theorie richtig wäre, dürfte man wirthschaft liche und Tarifverträge nur abschließen nicht mit befreundeten, son dern allein mit wilden oder politisch gleichgültigen Völkerschaften
Nein, die politische Freundschaft werde durch solche Verträge nicht