1897 / 20 p. 2 (Deutscher Reichsanzeiger, Sat, 23 Jan 1897 18:00:01 GMT) scan diff

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Chef⸗Sekretär Irland G. Balfour erklärte, nach dem, was England schon für den Elementarunterricht in Irland gethan habe, könne niemand die Einrichtung eines besseren höheren Unterrichtswesens für die Katholiken beanstanden, aber vor der Einbringung einer neuen Vorlage müsse das Haus überzeugt sein, daß dieselbe den bestehenden Bedürf⸗ nissen entspreche. Er wünsche vor allem zu erfahren, welche

Anschauungen in Irland bezüglich der ein solches Institut ver⸗ waltenden Körperschaft herrschten. Sein aufrichtiger Wunsch

sei, in dieser Frage alle Vorurtheile der Seite zu setzen und

zu versuchen, den Wünschen Irlands entgegenzukommen. Auf diese Erklärung hin zog Engledow seinen Unterantrag zurück. Howorth brachte einen Unterantrag ein, welcher die Erklä⸗ rung der Regierung zur Rechtfertigung der Freilassung der rischen Dynamitverbrecher als ungenuͤgend bezeichnet und für ge⸗ eignet hält, zu solchen Verbrechen zu ermuthigen. Der Erste Lord des Schatzes Balfour wies den Angriff Howorth's zurück, da seine Ausführungen nicht nur die Urtheilskraft des Ministers des nnern, sondern auch dessen Ehre und die Ehre des Kabinets

aantasteten durch die Andeutung, daß das Vorgehen des

Ministers von politischen Interessen eingegeben worden sei. Er sei überrascht, daß Howorth Führern folgen könne, von denen er eine so schlechte Meinung habe. Hierauf wurde die weitere Debatte auf Montag vertagt.

, Gestern und vorgestern sind Blaubücher, welche die diplomatische Korrespondenz über die orientalischen

8 Angelegenheiten enthalten, ausgegeben worden.

Das eine bringt Depeschen aus der Zeit vom Dezember 1895 bis August 1896, das andere umfaßt die Zeit vom 20. September 1896 bis zum 2. Januar 1897.

„Wie „W. T. B.“ berichtet, enthält das erste Blaubuch haupt⸗ sächlich Berichte der Konsuln in Kleinasien über die dortigen Metzeleien und die allgemeine Lage der Armenier, sowie Einzelheiten über den Feldzug im Hauran im Juni 1896. Dasselbe veröffentlicht ferner ein von dem Botschafts⸗Sekretär Herbert dem Premier⸗Minister Lord Salis⸗ bury übermitteltes Schreiben des Sultans, in welchem sich der letztere bitter über die Unterstützung der Armenier durch England beschwert. Während England sich früher der Wohlfahrt aller Unterthanen des Sultans angenommen habe, scheine es jetzt lediglich die Armenier zu beschirmen. Es sei unmöglich, Reformen einzuführen und die Ord⸗ nung aufrecht zu erhalten, solange die Armenier ihre gegenwärtige Stellung behielten. Der Sultan wünsche, daß den Armeniern gute Rathschläge gegeben würden, sonst müsse sich die Türkei die Freiheit ihrer Handlungen vorbehalten. In dem zweiten Blaubuch heißt es: Nachdem Lord Salisbury am 23. September v. J. die österreichisch⸗unga⸗ rische Regierung um ihre Ansicht habe befragen lassen, habe er am 20. Oktober an alle Mächte ein Zirkular gesandt mit dem Vorschlage, die Botschaften in Konstantinopel sollten einen Reformentwurf abfassen, sowie dem weiteren Vorschlage, wangsmaßregeln zu ergreifen für den Fall, daß der Sultan sich weigern sollte, die von den Mächten genehmigten Reformen anzunehmen. Die Antworten der Mitglieder des Drei⸗ bundes auf diese Vorschläge hätten bejahend zelautet. Der großbritannische Botschafter in Berlin, Sir Frank Lascelles, habe am 23. Oktober Lord Salisbury berichtet, er habe dem Staatssekretär Freiherrn von Marschall das Zirkularschreiben vorgelesen. Freiherr von Marschall, der mit größter Aufmerksamkeit zugehört, habe geantwortet: er könne ohne eingehende Erwägung eines so wichtigen Schriftstücks keine endgültige Antwort geben, er könne indeß schon jetzt sagen, daß Deutsch⸗ land sich gern allen Schritten anschließen werde, über welche die Mächte sich zu dem Zwecke, die Integrität der Türkei aufrecht zu er⸗ halten und die Lage aller turischen Unterthanen, ohne Unterschied, zu verbessern, einigen würden.

Weiter wird darin gesagt:

Der Verweser des russischen Ministeriums des Aeußer 8 Schischkin, habe zuerst Einspruch gegen Zwangsmaßregeln erhoben, aber am 28. November habe der britische Botschafter in St. Peters⸗ burg O’'Conor berichtet, der Kaiser habe Schischkin zu der Erklärung ermächtigt, die russische Regierung werde, wenn der Sultan wieder seine gewöhnlichen Ausflüchte in Betreff der Ausführung der von den Maͤchten empfohlenen Reformen gebrauchen sollte, es nicht ablehnen, den britischen Vorschlag, Zwangsmaßregeln zur Anwendung zu bringen, in Erwägung zu ziehen unter der Bedingung, daß unter den Mächten hierüber Einmüthigkeit bestehe. Der fran⸗ zösische Botschafter in London Courcel habe am 23. Dezember Lord Salisbury eine Note übergeben, worin die dem französischen Botschafter in Konstantinopel Cambon ertheilten Instruktionen dargelegt worden seien. Diese Instruktionen hätten im allgemeinen ein Zusammengehen mit den übrigen Mächten vorgeschrieben, unter der Voraussetzung einer Verständigung über folgende drei Punkte: 1) Integrität der Türkei; 2) Kein isoliertes Vorgehen; 3) Kein Kondominium. In Betreff der Frage von Zwangsmaßregeln habe Frankreich ebenso wie Rußland eingewilligt, diese Frage einer Prüfung zu unterziehen, wenn die Mächte einstimmig Zwangsmaßregeln für durchaus nothwendig er⸗ achten sollten. 8

Cecil Rhodes ist gestern an Bord des „Dunvegan Castle“ in Plymouth eingetroffen. Trotz des herrschenden Schneesturms hatte sich eine zahlreiche Menge am Hafen ein⸗ gefunden; Cecil Rhodes beschloß jedoch, nicht an Land zu gehen, und fuhr an Bord des Dampfers nach London weiter.

Frankreich.

Das Uebereinkommen der französischen und der dänischen Regierung betreffend Tunis ist, dem „W. T. B.“ zufolge, gestern unterzeichnet worden.

Der Senat verwarf gestern einen die Abänderung der Schulgesetze bezweckenden Antrag und nahm im Ein⸗ verständniß mit dem Unterrichts⸗Minister Rambaud eine Tagesordnung an, welche die Rechte der bürgerlichen Gesell⸗ schaft anerkennt und die Anwendung der bestehenden Schul⸗ gesetze mit Festigkeit verlangt.

Die Deputirtenkammer nahm die Berathung des Gesetzentwurfs, betreffend die Zuckersteuer, wieder auf. Der Deputirte Trannoy vertheidigte die Vorlage, indem er aus⸗ führte, daß die Zahlung von 12 Millionen Francs Export⸗ prämien eine Ausfuhr von 300 000 t Zucker ermöglichen würde. Der Deputirte Jumel bekämpfte den Entwurf im Interesse der Konsumenten. Der Berichterstatter Graux betonte, es sei nothwendig, Deutschland zu verhindern, nicht nur den europäischen Markt, sondern auch noch den Welt⸗ markt in Beschlag zu nehmen. Deutschlands Stärke beruhe in seinem Steuersystem, welches vor dem französischen einen Vorsprung von 50 Jahren habe. Redner hielt daran fest, daß eine theilweise Entlastung des Zuckers ein unwirksames Mittel sein würde, und schloß mit den Worten: es sei nöthig, den französischen Zuckermarkt zu vertheidigen durch Be⸗ willigung einer der deutschen und österreichisch⸗ unga⸗ rischen gleichkommenden Exportprämie, wenn man den Untergang von 25 Departements verhüten wolle. Der De⸗ putirte Julien bekämpfte den Entwurf, welcher nur für England vortheilhaft sein würde. Der Minister⸗Präsident Méline führte aus: Es handle sich um eine Frage der nationalen Vertheidigung; die Kammer sei mit verschiedenen Systemen befaßt worden, von denen keines vollkommen sei. Die

da man eine Meuterei der eingeborenen Truppen befürchte

der General Vigano sei in der Nacht zum Freitag daselbst

Die Derwische zögen in der Richtung auf Tokar.

Regierung meine, das beste System sei dasjenige, welches die

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größte Stimmenmehrheit auf sich vereinigen werde, denn

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mit einer großen Kammermajorität wuͤrde die Regierung

die Macht besitzen, an einer internationalen Kon⸗ ferenz zu betheiligen. Ausfuhrprämien seien nöthig. Zwischen Freneec und Deutschland bestehe eine wesentliche Ungleichheit hinsichtlich der Produktion, die in Deutschland billiger sei als in Frankreich. Man verlange von den Konsumenten ein leichtes zeitweiliges Opfer bis ein neues Steuersystem durch eine internationale Konferenz aufgestellt sei die Generaldebatte geschlossen Mid die Dringlichkeit für die Vorlage erklärt. Die Kammer beschloß sodann zur Berathun der eigzelnen Artikel überzugehen. Die Sitzung wurde aufgehoben.

Der Armee⸗Ausschuß der Deputirtenkammer hat gestern den Gesetzentwurf des Kriegs⸗Ministers Generals Billot, betreffend die Bildung von vierten Bataillonen bei den Infanterie⸗ Regimentern, angenommen und den Abg. Mézières zum Berichterstatter ernannt. 1

Graf Rémusat, welcher bei der Senatswahl in Toulouse gegen Constans gewählt wurde, ist gestorben. 8

. Rußland.

Das russische Mittelmeer⸗Geschwader soll, wie „W. T. B.“ meldet, durch das Geschwader⸗Panzerschiff „Kaiser Nikolai I.“ verstärkt werden.

Den „Nowosti“ wird aus Tiflis telegraphiert: 40 000 armenische Uebersiedler seien auf russischem Gebiet unter⸗ gebracht worden, davon 22 000 im Gebiete von Kars, 14 000 im Bezirke des Schwarzen Meeres und die übrigen in der Um⸗ gebung von Eriwan. Zum Unterhalt der Uebersiedler bis zum Frühjahre seien Proviantsendungen aus Moskau und aus Astrachan eingetroffen.

Italien.

Der General Baldissera ist gestern früh in Brindisi gelandet und Abends nach Rom weitergereist.

Eine Note der „Agenzia Stefani“ erklärt die wieder⸗ holt aufgetauchten Gerüchte, nach welchen der Gouverneur der Erythräischen Kolonie vor einigen Monaten eine Verstärkung von sechs Bataillonen verlangt habe, was die Regierung jedoch abgelehnt hätte, für unbegründet. Die Erwägungen der Regierung bezüglich einer Ent⸗ sendung von Verstärkungen nach Erythräa hätten sich auf gewisse Möglichkeiten bezogen, die jedoch nicht ein⸗ etroffen seien. Der Gouverneur von Erythräa, weit entfernt, erstärkungen zu verlangen, habe vielmehr gegen Ende Dezember v. J. die Heimsendung zweier Bataillone beantragt, zu deren Beförderung die Regierung ein Packetboot entsandt habe, welches vorgestern in Massowah angelangt sei.

Dänemark.

Im Folkething legte gestern der Finanz⸗Minister von Lüttichau den in der Sitzung vom 21. Dezember v. J. an⸗ gekündigten Gesetzentwurf, betreffend die Einführung einer niedrigen staatlichen Einkommen⸗ und Vermögenssteuer nach preußischem System, vor. Der Minister des Innern Hörring brachte einen Gesetzentwurf ein, nach welchem ein Theil der direkten Staatssteuer an die Gemeinden übertragen werden soll. Die Staatseinnahmen werden durch die beiden Vorlagen um 800 000 Kronen jährlich vermindert werden.

1“ Amerika. Dem „W. T. B.“ wird aus Washington berichtet, daß gestern, als im Senat der britisch⸗amerikanische Schieds⸗ gerichtsvertrag, 889 auf der Tagesordnung zu stehen, berührt worden sei, der Senator Sherman Anerika zu der großen That dieses Vertrages beglückwünscht und erklärt habe: der Ausschuß für die auswäͤrtigen Angelegenheiten werde alles thun, um die Annahme des Vertrages zu fördern. Der Senator Stewart habe aus⸗ geführt: der Ober⸗Schiedsrichter, der König von Schweden und Norwegen, sei ein Blutsverwandter der Königin Victoria und werde daher nicht unparteiisch sein.

Aus Havanna wird berichtet, der General Weyler habe allen Befehlshabern befohlen, binnen einer Frist von drei Tagen sämmtliche Plantagen und Wohnhäuser in der Provinz Havanna zu zerstören, um die Aufständischen zur Unterwerfung Nach Meldungen, die aus Manila in Madrid eingetroffen sind, hätten die Aufständischen bei einem belgischen Handels⸗ hause in Hongkong 30 000 Gewehre bestellt. Kriegsschiffe bewachten die Küsten, um die Ausschiffung derselben zu ver⸗ hindern. Das Kriegsgericht habe 13 Aufständische, darunter Mitglieder der revolutionären Regierung, abgeurtheilt. Man behaupte, daß die Anstifter des Aufstandes mit Japan verhandelt hätten. Personen, die aus dem Rebellenlager bei Cavite gekommen seien, gäben an, die Aufständischen seien 70 000 Mann stark, von denen 7000 gut bewaffnet seien. Dieselben errichteten verschanzte Lager. Nach Mindanao seien sechs Kompagnien entsendet worden,

Afrika. v;e1“ Der „Agenzia Stefani“ wird aus Agordat gemeldet,

angekommen und habe zu den aufgeführten? ertheidigungs⸗ werken seine völlige Billigung ausgesprochen. Das Operations⸗ korps sei reichlich mit Munition und Lebensmitteln versehen, und die telegraphischen Verbindungen mit Kassala seien gesichert. Es sei Vorkehrung getroffen, um über die Bewegungen und etwaigen Schwenkungen des feindlichen Heeres Nachrichten zu erhalten. Die Hauptmacht der Derwische stehe bei Sciaglet (Schaghet?) mit dem Vortrupp halbwegs zwischen Sciaglet und Agordat. In der Flanke stehe ein detachiertes Korps von etwa 1000 Mann bei Toculai (Tucualai ²) mit vorgeschobener Spitze. 400 bis 500 berittene Derwische streiften auf den Flanken, welche nicht weiter gedeckt seien, da die Einwohner mit ihrem Vieh und ihren Vorräthen schon seit acht Tagen in die Berge geflohen seien. Sichere Anzeichen ließen darauf schließen, daß die Gesammtmacht des Feindes aus 5000 bis 6000 mit Ge⸗ wehren bewaffneten und aus mehreren Tausenden mit Lanzen Derwische bestehe.

us Suakin vom 20. d. M. wird dem „Reuter'’schen Bureau“ gemeldet, daß Osman Digma von Omdurman zurückgekehrt sei und demnächst bei Sinkat erwartet werde.

Nuach einer Meldung des „Reuter'schen Bureaus“ aus Sansibar wäre die Nachricht von einer lebensgefähr⸗

Hierauf wurde .

auf unbegründeteten Gerü . Der Sultan 8 kommen wohl besinden. ö Demselben Bureau wird aus Braß berichtet, es sei da⸗ selbst die Nachricht eingegangen, das Expeditionskorps der dee. eeges Cenvenh habe 8— 1““ in Kabba ge⸗ funden, da ie ganze Armee der Full üdli Niger zerstreut habe. iss 82

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Parlamentarische Nachrichten.

Die Berichte über die gestrigen Sitzungen Reichstages, des Herrenhauses und des auses 8 ö“ befinden sich in der Ersten und Zweiten

age.

In der heutigen (160.) Sitzung des Reichstage welcher der Staatssekretär des 8 Stsa, rhagga. von Boetticher und der Staatssekretär des Reichs⸗Schatz⸗ amts Dr. Graf von Posadowsky beiwohnten, wurde 8 zweite Berathung des Reichshaushalts⸗Etats für 1897/98 beim Etat der Reichsschulden fortgesetzt.

„Das Wort nahm zuerst der Abg. Dr. Lieber (Zentr.). Bei Schluß des Blattes sprach der Staatssekretär des Reichs⸗Schatzamts Dr. Graf von Posadowsky, dessen Rede am Montag nachgetragen werden wird.

Das Herrenhaus trat in der heutigen (7.) Sitzu in welcher der Finanz⸗Minister Dr. Miausdh 2 Mönnc. der öffentlichen Arbeiten Thielen und der Minister für Landwirthschaft ꝛc. Freiherr von Hammerstein zugegen waren, in die Berathung der Interpellation des Grafen von Klinckowstroem ein, welche, wie folgt, lautete:

1) Ist es richtig, daß seit circa 2 Jahren die Königsberger Walzmühle Roggenmehl im Verhältniß von 87 ½: 100 (sogenanntes Neptunmehl) ausgeführt und dadurch den Staat um erhebliche Zollbeträge und die Landwirthschaft durch vermehrte zollfreie Einfuhr geschggigt bata n, welche Sch

2 ventuell, welche ritte sind gethan, um den dadu entzsgenen Zol angte dch eht meh

Nachdem der Finanz⸗Minister Dr. Miquel sich zur Beant⸗ wortung der Interpellation bereit erklärt hat, bemerkt zur Begründung derselben

Graf von Klinckowstroem: Meine Interpellation hat nicht den Zweck gehabt, irgend eine Mühle anzugreifen; meine Interpellation befolgt weit wichtigere und höhere Zwecke. Es ist mir bekannt, daß nach dem Vorgang einer anderen, der Altonaer Mühle, die Königsberger Mühle die Erlaubniß angesucht und leider auch er⸗ halten hat, in derselben Weise zu verfahren. Der Zweck meiner Inter⸗ pellation ist, für die Zukunft unmöglich zu machen, daß für dieses zur Einfuhr gelangte, nicht gebeutelte Mehl zollfreie Einfuhrscheine ertheilt werden, wodurch die „Landwirthschaft in doppelter Weise benachtheiligt wird. Von einem Roggenproduzenten aufgefor⸗ dert, irgendwelche Schritte zu thun, schickte ich das be⸗ treffende Schreiben an den Finanz⸗Minister, ein zweites, von Mehl⸗ proben begleitetes Schreiben desselben gab ich, nachdem noch kein Bescheid eingegangen war und ich mir nicht als genügend fachmännisch urtheilsfähig vorkam, an den Vorstand der ostpreußischen Landwirth⸗ schaftskammer, welche bei der Steuer⸗Direktion weitere Nach⸗ frage hielt. In dem Schreiben der Steuer⸗Direktion wird gesagt, daß auf Grund einer Entscheidung des Finanz⸗ Ministeriums das Neptunmehl als gebeuteltes Mehl nicht anerkannt werden kann. Trotzdem hat die Mühle die betreffende Erlaubniß egen die Vorschriften des Reglements erhalten, und erst izt ist eine gegentheilige Verfügung ergangen, gegen welche die Walzmühle Widerspruch erhoben hat. Die Entscheidung steht noch aus. Was ich behauptet habe, ist also Thatsache. Wenn dieses Mehl mit 87 ½ % gezogen wird, bedeutet das eine sehr erhebliche Herabsetzung des Rendements. Nach den ungefähren Zahlen, die ich habe ermitteln können, würde es sich um einen Zoll⸗ betrag von 200 000 handeln. Die Weizenmühlen haben sich bekanntlich wegen der französischen Konkurrenz um die Herabsetzung ihres Rendements von 75 auf 72 ½ bemüht; alle Landwirthschaftskammern, bis auf eine einzige, haben sich dagegen er⸗ klärt. Wenn die Mühlen selbständig Mehl von 87 ½ % ziehen, setzen sie damit das Rendement von 65 auf 48 herab, wodurch die Einfuhr zollfreien Roggens ungemein begünstigt und gesteigert wird. Die ostpreußische Landwirthschaft ist durch den russischen Handelsvertrag und die Aufhebung der Staffeltarife schon genügend geschädigt; innerhalb des engen Raumes, der uns noch zum Leben gelassen ist, müssen doch also wenigstens die Bestimmungen respektiert werden, welche zu unseren Gunsten sprechen. Die Kontrole dieser Rendements ist ja sehr schwierig; es müssen aber in Zukunft bessere Kontrolmittel gefunden werden wirthschast zu schützen. Wird dieser erreicht, dann bin ich befriedigt.

(Schluß des Blattes.)

Im Hause der Abgeordneten gelangte in der heutigen (25.) Sitzung, welcher der Minister für Landwirth⸗ schaft ꝛc. Freiherr von Hammerstein beiwohnte, zunächst der Gesetzentwurf, betreffend die Forstschutzbeamten der Gemeinden und öffentlichen Anstalten im Regierungs⸗ bezirk Wiesbaden mit Ausschluß des vormals Landgräf⸗ lich hessen⸗homburgischen Gebiets und des Stadtkreises Frank⸗ furt a. M., zur ersten Berathung.

Abg. von Tepper⸗Laski (fr. kons.) begrüßt die Vorlage namens seiner Freunde mit großer Freude, weil sie die Lage der Forst⸗ schutzbeamten im Regierungsbezirk Wiesbaden verbessere und für die Zeit ihrer Dienstunfähigkeit und für ihre Relikten sorge. Die Vorlage liege auch im Interesse der Gemeinden. Da der Etat jetzt die staat⸗ lichen Förster aufbessere, erfordere die Gerechtigkeit, auch für die Gemeindeforstschutzbeamten besser zu sorgen. Er empfehle die mög⸗ lichst schnelle Annahme der Vorlage ohne Kommissionsberathung. Abg. Cahensly (Zentr.) begrüßt ebenfalls die Besserstellung der Kommunalförster mit Freude, bemängelt aber einzelne Beftim⸗ mungen der Vorlage und empfiehlt deshalb eine Vorberathung in der Kommission, welcher die hessische Landgemeindeordnung überwiesen sei. Abg. Dr. Lotichius (nl.) befürwortet gleichfalls Kommissions⸗ berathung, ebenso die Abgg. Schaffner (nl.) und Dr. Beck⸗ mann k(kons.). 8 „Minister für Landwirthschaft ꝛc. Freiherr von Hammerstein theilt mit, daß die Vorlage zwar nicht dem Provinzial⸗Landtage, wohl aber einer besonderen Kommission desselben zur Begutachtung vor⸗ gelegt worden sei. 1 Nach einigen weiteren Bemerkungen des Abg. Hofmann

gemeindeordnung überwiesen.

Ess folgt die erste Berathung des Antrages der Abgg Langerhans und Gen. auf Annahme eines Gesetzentwurfs betreffkend die Verpflichtungen der bürgerlichen G

meinden bezüglich der Bauten und Reparaturen von Kirchen⸗, Pfarr⸗ und Küstergebäuden. Dana

sollen diese besonders auf der Visitations⸗ und Konsistorial ordnung des Kurfürsten Johann Georg von 1573 und L.

lichen Erkrankung des Sultans unrichtig und beruhe

Flecken⸗, Dorf⸗ und Ackerordnung vom 16. Dezemb beruhenden Verpflichtungen aufgehoben werden.

(nl.) wird die Vorlage der Kommission für die hessische Land-

Abg. Langerhans (fr. Vag.): Es muß wohl jeder damit ein⸗ verstunden sein, daß die gemeinden für sich selber sorgen müssen. Berlin ist aber durch Erkenntniß des Reichsgerichts zur Beitrags⸗ leistung für evangelische Kirchen verurtheilt worden auf Grund der alten Bisitationsordnung von 1573. Die Visitationsordnung schrieb zeitweise vorzunehmende Visitationen der Kirchen im Lande vor, und die betreffende Kommission sollte danach Verbesserungen vorschlagen. Man sollte meinen, daß diese alte Ordnung durch die Kirchengemeinde⸗ und Synodalordnung aufgehoben sei, das Reichsgericht hat aber anders entschieden, und deshalb bleibt nichts Pbrig als die Aufhebung- jener.- alten Bestimmungen. Die Dorfordnung von 1702 sagt ganz

allgemein, es solle jeglicher zu den Kirchenbaulasten bei⸗

tragen. Damals gab es aber noch keine Organisation der Kirchengemeinden. rt. 12 der Verfassung gewährleistet aber die Bildung besonderer Kirchengemeinden. Damit hat die Verfassung doch nicht etwa sagen wollen, daß auch andere, nicht zur Landeskirche gehörende Staatsbürger für die Landeskirche beitragen sollten. Jetzt sind die evangelischen Kirchengemeinden organisiert, und die vereinigten Kreissynoden in Berlin haben auch das. Anleiherecht für Kirchenbauten erhalten. Nach der Verurtheilung der Stadt Berlin zur Beitragsleistung verhandelte das Konsistorium mit dem Magistrat und wollte von seinem Recht keinen Gebrauch machen, wenn Berlin eine Abfindungssumme von 30 Millionen Markgebe, welche Summe sich im Laufe der Verhandlungen auf 5 Millionen ermäßigte. Die Stadtverordneten⸗Versammlung stimmte dem nicht zu, weil durch solche Verhandlungen das Gesetz selbst nicht beseitigt werde. Dank der Fürsorge Ihrer Majestät der Kaiserin und des Kirchenbauvereins und dessen eifrigen Ge⸗ shäftsführers von Mirbach sind jetzt eine große Zahl neuer Kirchen in Berlin entstanden, sodaß wir jetzt ir 18—19 000 evangelische Einwohner eine Kirche haben. Keine Parochie in Berlin ist so arm, daß sie nicht selbst ihr kirchliches Bedürfniß befriedigen könnte. König Friedrich Wilhelm IV. hat sich dahin geäußert, daß ein Zwang zur Beitragsleistung nur Gehässigkeit eegen die Kirche erzeuge. Durch eine Vorlage von 1880 wurde ein Fenzösisches Gesetz für das linksrheinische Gebiet aufgehoben und damit dort die Verpflichtung der bürgerlichen Gemeinden zur Subventios⸗ mierung der Kirchengemeinden beseitigt. Kein Mitglied des Zentrums, kein katholischer Priester innerhalb und außerhalb dieses Hauses hat damals eine Abfindungssumme verlangt. Ich bitte um Annahme meines Antrags.

Hierauf nimmt der Minister der geistlichen ꝛc. Angelegen⸗ heiten D. Dr. Bosse das Wort, dessen Rede am Montag im

Wortlaut nachgetragen werden wird.

Dem Herrenhause sind von dem Hause der Abgeordneten der Entwurf eines Gesetzes, betreffend Tilgung von Staats⸗ schulden, sowie der Staatsvertrag zwischen Preußen und Oldenburg wegen Herstellung einer Eisenbahn von Lohne nach Hesepe (Bramsche) oder einem anderen geeigneten Punkt der Eisen⸗ bahn von Osnabrück nach Quakenbrück, zugegangen.

Die Kommission des Herrenhauses für Vorberathung des Entwurfs eines Gesetzes, betreffkend das Diensteinkommen der Lehrer und Lehrerinnen an den öffentlichen Volks⸗ schulen, hat sich konstituiert und Herrn von Puttkamer⸗Carzin zum Vorsitzenden, Herrn Dr. von Lepetzow zum Stellvertreter des Vorsitzenden, Herrn Zweigert zum Schriftführer und Herrn Grafen von Hutten⸗Czapski zum Stellvertreter

zewählt.

Dem Hause der Abgeordneten ist der vom Herrenhause auf Antrag des Grafen zu Inn⸗ und Knyphausen beschlossene Entwurf eines Gesetzes, betreffend die Ergänzung einiger jagd⸗ rechtlichen Bestimmungen, zugegangen.

Aus Hamburg berichtet das „Wolff'sche Bureau“ zum Ausstand der Hafenarbeiter: Die ausständigen Hafenarbeiter und Seeleute richteten gestern ein Schreiben an den Arbeitgeberverband, worin sie erklären, daß die Arbeitervertreter keineswegs von ihren Kollegen beauftragt waren, die Entlassung aller neuen Arbeiter zu fordern, noch hätten die Arbeiter auf Erfüllung einer solchen For⸗ derung bestanden, noch sei sie aus deren eigener Initiative gestellt worden. Es sei lediglich darauf hingewiesen worden, daß es im Interesse des Hamburger Gemeinwesens läge, die fremden Arbeiter zu veranlassen, in ihre Heimath zurückzukehren. Die Vertreter der Arbeiter erkennen an, daß aus der plötzlichen Entfernung sämmtlicher fremden Arbeiter einige Schwierigkeiten erwachsen dürften, doch glauben sie, das ihnen gewordene Antwortschreiben dahin deuten zu können, daß auch die betheiligten Herren Arbeitgeber scch bereit finden lassen, in Uebereinstimmung mit den Wünschen der gesammten Bevölkerung thunlichst den Arbeitern auf diesem Wege entgegenzukommer. Die Frage, betreffend die Entlassung der fremden Arbeiter, könnte aus den eingeleiteten Verhandlungen ausgeschieden werden, wenn dafür die Arbeitgeber auch ihrerseits einen Waffenstillstand eintreten lassen und keinen weiteren fremden Arbeiter nach Hamburg ziehen, sowie weiterhin erklären, keine Maß⸗ regelungen vornehmen zu wollen. Das Schreiben fährt fort: „Wir geben zu, daß die Abstellung der verschiedenartigen Mißstände im Hafen sich nicht in wenigen Tagen durchführen läßt und die Berathungen Über die dazu erforderlichen Maßnahmen immerhin einige Zeit in Anspruch nehmen dürften; dagegen sind wir alle der Meinung, daß sich bezüglich der Lohnfrage und Regelung der Arbeitszeit der ver⸗ schiedenen Kategorien schon in wenigen Tagen eine Verständigung erzielen läßt, und, um jedes Mißtrauen unter den Arbeitern zu beseitigen, richten wir an die Herren Arbeitgeber nochmals das Ersuchen, sofort und vor Wiederaufnahme der Arbeit darüber mit uns in Unterhandlung treten zu wollen. Wir sind der Ueberzeugung, daß unsere Kollegen sich mit diesen von uns gemachten Besslüpe. einverstanden erklären, aber nach wie vor ohne vorherige Verhandlung über Lohn und Arbeitszeit die Wiederaufnahme der Arbeit einmüthig ablehnen werden. Wir ersuchen die Kommission der Herren Arbeitgeber nochmals, mit uns zusammenzutreten, um mit uns gemeinsam den Weg zur Herbeiführung des Friedens zu berathen und einen diesbezüglichen Vorschlag beiden Parteien zur Annahme zu empfehlen.“

Gesundheitswesen, Thierkrankheiten und Absperrungs⸗ Masßtregeln.

Paris, 22. Januar. (W. T. B.) Dem „Temps'“ zufolge wurde der regelmäßig zwischen London und Paris verkehrende englische Frachtdampfer „Mabel“ von dem Minister des Innern beauftragt, seine Fahrt zu unterbrechen und in Boug ival zu bleiben, angeblich, weil er Waaren indischer Fekunßr en Bord habe. Bombay, 22. Januar. (W. T. B.) en Pilgerschiffen ist die Abfahrt von Bombay und Kurrachee verboten worden. In Kurrachee erkrankten 543 Personen an der Pest, 498 Personen tarben. Die Seuche ist auch in Tanna, Satara und 1 der Provinz Sind ausgebrochen.

Theater und Musik. G Berliner Theater.

Das einaktige Schauspiel „Die Weisheit der Aspasia

don M. Loebel wurde gestern bei seiner ersten Aufführung beifällig

Gev⸗ande, rosenbekränzt, fehr schöul

aufgenommen. Der Titel verheißt aber mehr, als das kleine Drama darbietet: er lockt gleichsam mit Vorstellungen von der ernsten Lebens⸗ weisheit der Griechen, von der sonnigen Klarheit ihrer Gedanken, von ihren mit attischem Salz gewürzten Reden. Die Sehnsucht, solche Weisheit zu verkörpern, merkt man dem Dichter wohl an, aber ihr ist Erfüllung nicht zu theil geworden. Die Art, wie Aspasia einem griechischen Jüngling das Leben rettet, um ihn mit seiner jungen Geliebten zu vereinen, wirkt nüchtern und undramatisch. Fräulein Pospischil Aspasia im griechischen us,

für sich schon weitschweifige, wenn auch wohlklingende Verssprache im Vortrag noch übermäßig aus.

We anders wirkte Molidre, der nach der „Weisheit der Aspasia“ zum Worte kam, selbst in einer seiner weniger bewunderten Komödien. Die knappe Rede, die schnelle Folge der Geschehnisse in seinen, Spitz bubenstreichen“, wie Georg Droescher „Les Fourberies de Scapin“ übersetzt hat, brachten sofort Leben und Bewegung auf die Bühne. Man nahm die burleske Komik, die in den übermüthigen Bedientenscherzen Scapin's zum Ausdruck kommt und die lebhaft an die derben Fastnachtsschwänke des Hans Sachs erinnert, nach dem unbedeutenden, nur klaässisch angehauchten Schauspiel Loebel’'s mit verdoppelter, ungebundener Fröhlichkeit auf. Frau Prasch⸗Grevenberg führte die Rolle des lustigen, allezeit zu kecken Spitzbübereien auf⸗ gelegten Scapin mit prächtigem Humor durch. Von unwiderstehlicher Komik war aber das Spiel des Herrn Bassermann als Geront, des einen der beiden Väter, die durch Scapin's Streiche zu Gunsten ihrer verliebten Söhne überlistet werden. Auch Herr Hecht in der Rolle des Argant, des zweiten Vaters, trug zum fröhlichen Erfolge der Komödie bei.

Konzerte.

Im Saal der Sing⸗Akademie fand am Dienstag ein Konzert des Fräulein Jeanne Golz (Mezzosopran) und des Herrn Alexander Heinemann (Bariton) statt, welches gut besucht war. Die Sängerin, aus der Schule O. Eichberg's hervorgegangen, besitzt eine umfangreiche, besonders in der Tiefe wohlklingende und gut geschulte Stimme, ihr piano ist von bestrickendem Wohllaut und die Vortragsweise sowohl der ernsten wie der heiteren Gesänge belebt und charakteristisch. —Diese Vorzüge kamen in Liedern von Eckert, Brahms, Franz, O. Eichberg und R. J. Eichberg trefflich zur Geltung. Der lebhafte Beifall bewog die Künstlerin zu einigen Wiederholungen und zu einer Zugabe, bei welcher sie sich selbst begleitete. Herr Heinemann gebietet über eine kraftvolle und bis in die Tenorlage hinaufreichende Stimme. Bei dem bekannten Baritonisten Adolf Schulte ausgebildet, besitzt er zugleich dessen edle und ergreifende Art des Vortrags. Eine bei Baritonisten seltene Koloraturgewandtheit kommt ihm zu statten, wie dies in der Arie aus „Samson“ von Händel zu erkennen war; mehrere Lieder von Franz, Jensen und Schubert, dessen „Ungeduld“ auf Wunsch wiederholt wurde, folgten hierauf. Beide Konzertgeber trugen am Schluß des Abends noch zwei Duette von E. Hildach unter großem Beifall vor. Die Klavierbegleitung befand sich in den geschickten Händen des Herrn O. Bake. In ihrem zweiten Konzert, welches ebenfalls am Tienstag im Saal Bechstein stattfand, erwarb sich die Pianistin Fräulein Augusta Cottlow durch den Vortrag der „Chromatischen Phantasie“ von Pach, des Schumann’schen „Faschingsschwanks“ und der leider nicht häufig ge⸗ spielten B-dur-Variationen von Schubert wiederum das Interesse und die Anerkennung ihrer Zuhörer. 11u““

Am Mittwoch ließ Fräulein Gertrud Heinrich in demselben Saal ihren hellen, hohen Sopran erklingen und gewann durch den weichen frischen Klang ihrer Stimme und ihre angenehme Vortrags⸗ weise schnell die Sympathie des Publikums. Ihre Töne klingen leicht und frei an, auch in der hohen Lage und entfalteten ihren Glanz in Liszt’s effektvoller Scene ‚„Jeanne d’'Are vor dem Scheiterhaufen“. Zwischen den Gesängen trug Fräulein Margarete Rusche nicht ohne Talent und mit weit vorge⸗ schrittener Technik einige Klavierkompositionen vor. Sie spielte Beethoven's Sonate „appassionata“ flott genug. Durch das stets zu scharf und kurz genommene Sechzehntel des vierfach im ersten Satz wiederkehrenden Seitenthemas wurde die Schönheit der Melodie entstellt, und auch die begleitenden Triolen traten zu hart hervor. Der Schlußsatz war recht behende durchgeführt und fand im Presto seinen glänzenden, rauschenden Abschluß.

Eine interessante Konzert⸗Aufführung hatte der Sängerbund des Berliner Lehrervereins zur Feier seines zehnjährigen Be⸗ stehens am Donnerstag im Saale der Philharmonie veranstaltet. Der Sängerbund hat sich unter der Leitung des Professors Felix Schmidt im Laufe der Jahre technisch so vervollkommnet, daß er den schwierigsten Aufgaben, die einem Männerchor gestellt werden köͤnnen, künstlerisch durchaus gewachsen ist. Am Donnerstag gelangten zwei größere Chorwerke zum Vortrag, in denen die Sänger aufs neue ihre sorgfältige Schulung bewiesen, die in der Präzision und Reinheit der Einsätze, in der Einheitlichkeit und Fülle des Klanges und in der feinen dynamischen Abstufung zum Ausdruck kam. In dem mustkalisch reich ausgestalteten „Liebes⸗ mahl der Apostel“ von Richard Wagner hätte man den ganzen Chor der Jünger seinen Theilen gegenüber etwas kraftvoller und mächtiger hören mögen, aber im übrigen ließ die Ausdrucksschärfe und der Wohl⸗ klang kaum etwas zu wünschen übrig. Die Kantate „Heinrich der Finkler“ für Männerchor, Soli und Orchester von Franz Wüllner, die den Schluß des Konzerts bildete, steht kompositorisch weit hinter dem Wagner'schen Chorwerk zurück; es man⸗

eln ihr Mannigfaltigkeit des Ausdrucks und jugendliche rische, obgleich sie offenbar zu den älteren Arbeiten des begabten Tonsetzers gehört. Die Ausführung durch den Sängerbund und die Solisten, als welche die Herren Arth. van Eweyk, Heinr. Grahl und Francis Harford mitwirkten, war aber gleichfalls durchaus lobenswerth. Nach dem Wagner'schen „Liebesmahl“ sang Frau Professor Marie Schmidt⸗Köhne einige Lieder von Brahms, Cornelius, Rich. Strauß, Humperdinck und Schumann temperamentvoll und den Stimmungsgehalt erschöpfend. Der Sängerin, dem Chor und den Solisten wurde reichster und wohlverdienter Beifall zu Theil. Im Saale der Sing⸗Akademie gaben die Hofpianistin Martha Remmert und Professor Waldemar Meyer an demselben Abend ihr zweites Kon⸗ zert, in welchem die letzten Sonaten Beethoven's für Klavier und Violine in virtuoser Weise zu Gehör gebracht wurden. Ebenfalls am Donnerstag fand im Saal Bechstein wieder ein Klavierabend statt, der nur spärlich besucht war. Die hier bereits früher gehörte Pianistin Frau Roger⸗Miclos (aus Paris) füllte den ganzen Abend allein aus, und zwar mit zwölf Klavierstücken meist neuerer Komponisten. Nach Schumann’s Phantasie op. 17 folgten bekannte Stücke von Weber, Schubert, Chopin, C. Franck und Anderen, in deren Ausführung die Künstlerin eine brillante technische Fertigkeit und temperamentvollen Vortrag bewies; nur die Phantasie von Schu⸗ mann erschien nicht tief genug erfaßt. Das Publikum kargte nicht mit Beifallsbezeugungen. 3 38

Daß nicht 6 Pianist es wagen sollte, einen Klavier⸗Abend ohne andere künstlerische Mitwirkung zu veranstalten, ist oft in diesen Zeilen ausgeführt worden. Es giebt indessen Klavier⸗Abende, deren Berechtigung man anerkennen muß, und zu diesen sind diejenigen des Hofpianisten Georg Liebling unbedingt zu zählen. Der zweite und letzte dieses Winters fand am gestrigen Abend in der stattlich ge⸗ füllten Sing⸗Akademie statt. Der Künstler, über dessen große Vorzüge gelegentlich seines letzten Auftretens an dieser Stätte ausführlich berichtet wurde, hatte wieder ein außerordentlich reichhaltiges Programm aufgestellt. Er spielte die Polonaise in As-dur, op. 53, von Chopin, die „Appassionata“ von Beethoven, acht kleinere Stücke von Scarlatti, Scarlatti⸗Tausig, Schubert, Schumann, Gluck⸗St. Saöns, Chopin und Schubert⸗Tausig, ferner Schumann's „Karneval“ (scènes mignonnes sur quatre notes), einige Stücke eigener Komposition und Liszt's zweite Rhapsodie. Es gehörte gewiß ein kühner Wagemuth dazu, sich die Bewältigung einer so großen Auf⸗ gabe überhaupt zuzutrauen; um so größere Anerkennung muß man daher

der Ausführung zollen. Schon dem ersten Theil des Konzerts, welcher

mit Schubert⸗Tausig’'s wirkungsvollem „Militärmarsch“ schloß, mußte für den lebhaften Beifall ein musikalischer Dank folgen; der⸗ selbe bestand in einem einschmeichelnden Salonstückchen des Konzert⸗ gebers. Der zweite Theil des Abends begann mit dem obenerwähnten „Karneval“, der trotz charakteristischer und formvollendeter Wiedergabe dem Publikum nicht ganz verständlich schien und welchem ein zierliches Konzert⸗Menuett (op. 20) und ein „Nocturne“ (op. 19, 3), zwei ansprechende Kompositionen Liebling’'s, folgten. Den Schluß bildeten die populären Weisen der Liszt'schen Rhapsodie in außerordentlich

aber sie dehnte⸗die an- und + feuriger Ausführung und aäls Zugabe eine mit bestrickenꝛem. Wohlklang

gespielte Bearbeitung des bekannten Jensen'schen Liedes „Murmelndes Lüftchen“. Zu gleicher Zeit fand im Saal Bech.stein ein Konzert des Violoncellisten Sigmund Bürger ([aus Budapest) unter Mit⸗ wirkung der Konzertsängerin Frau Olga von Türk⸗Rohn statt. Beide haben sich hier schon einmal hören lassen. Zwei Sätze aus einem Konzert für Violoncello von Dvoräk eröffneten die Rei der Vorträge. Herr Bürger bewies hierbei große technische Sicherbeit, wie dies z. B. in der rapiden Ausführung chromcktischer Staccato⸗ passagen, in der Reinheit seiner DOktavengänge und in den mehrtaktigen Trillerketten des Flageolets zu bemerken war. Sein Vortrag ist stets warm empfindend. Diese Vorzüge traten in gleich glänzender Weise in Tschaikowsky's 1“”“ op. 13 und in einem inhalt⸗ reichen Requiem für drei Violoncelli (neu) von D. Popper hervor, an dessen Ausführung sich die Herren Espenhahn und Grünfeld betheiligten. Die Sängerin besitzt eine wohlklingende Mezzosopran⸗ stimme und belebte Vortragsweise, nur beeimträͤchtigt ein Uebermaß des Tremolierens die Reinheit der Intonation und die Deutlichkeit der Aussprache. Sie hatte Gesänge von Schubert, Schumann, Tappert, H. Becker und Anderen zum Vortrag erwählt. Das Publikum war zahlreich zur Stelle und kargte mit seiner Anerkennung nichtF.

Im Königlichen Opernhause geht morgen Meyerbeer’s Oper „Der Prophet“ unter Kapellmeister Sucher's Leitung und in folgender Besetzung in Scene: Johann von Leyden: Herr Sylva; Fides: Frau Göͤtze; Bertba: Fräulein Reinl; Wiedertäufer: Herren Lieban, Krasa, Mödlinger; Graf Oberthal: Herr Krolop. Am Montag findet eine Aufführung von Lortzing's „Zar und Zimmermann“ in nachstehender Besetzung statt: Zar Peter: Herr Betz; Peter Iwanow: Herr Lieban; Marie: Frau Herzog; van Beit: Herr Krolop; Marquis von Chateauneuf: Herr Naval; Lord Lyndham: Herr Mödlinger. .

Im Neuen Königlichen Opern⸗Theater findet morgen eine Aufführung von Gustav Freytag's Lustspiel „Die Journalisten“ in der bekannten Besetzung statt.

Im Königlichen Schauspielhause geht morgen Friedrich bbel's „Genoveva“ mit Fräulein Poppe in der Titelrolle in Scene. en Pfalzgrafen Siegfried spielt Herr Ludwig, den Golo Herr

Matkowsky, die alte Margaretha Fräulein Haverland. Am Mon⸗ tag wird „König Richard II.“ gegeben. Den König spielt Herr Matkowsky, die Königin Fräulein Poppe.

Der Spielplan des Deutschen Theaters bringt diesmal sechs Wiederholungen von Gerhart Hauptmann’s Märchendrama „Die versunkene Glocke“, und zwar außer morgen Abend noch am Montag sowie am Mittwoch, Donnerstag, Sonnabend und folgenden Montag; am Dienstag wird „Morituri“ gegeben; am Freitag geht Henrik Ibsen'’s neuestes Schauspiel „John Gabriel Borkman“ zum ersten Mal in Scene und wird am nächstfolgenden Sonntag Abend wiederholt. Als Nachmittags⸗Vorstellungen sind für morgen „Der Kaufmann von Venedig“, für den nächstfolgenden Sonntag „Die Wildente“ angesetzt.

Im Berliner Theater gelangt „Renaissance“ morgen zum 50. Male zur Aufführung und wird am Dienstag und Freitag (20. Abonnements⸗Vorstellung) wiederholt. „Kaiser Heinrich“ geht am Mittwoch und nächsten Sonntag in Scene. Am nächsten Sonntag ist dem Publikum Gelegenheit geboten, das Doppeldrama „Heinrich und Heinrich's Geschlecht“ an einem Tage zu sehen, da Nachmittags der erste Theil „König Heinrich“ zu ermäßigten Preisen gegeben wird. Die Novitäten „Die Weisheit der Aspasia“ und „Spitzbubenstreiche“ werden am Montag, Donnerstag und Sonnabend wiederholt. Am Mittwoch und Sonnabend Nachmittag finden Vorstellungen von „Aschenbrödel“ statt. 1 3 3

Im Lessing⸗Theater ist die Reihenfolge der zur Aufführung vorbereiteten Novitäten dahin abgeändert worden, daß zuerst das drei⸗ aktige Schauspiel „Vor der Ehe“ von Hans L'Arronge zur Dar⸗ stellung kommt, und zwar wird die Premidre dieses Werkes am Sonntag, den 31. d. M., stattfinden. Der Wochenspielplan wird durch die französischen Vorstellungen der Tournée Marcelle Josset ausgefüllt und bringt Montag: „Frou- Frou“, am Dienstag: „La Parisienne“ und „L'été de la St. Martin“, am Mittwoch: „Marcelle“, am Donnerstag: „L'age diffi- cile“ und Monologues von Marcelle Josset, Jean Coquelin und Dumesnil, am Freitag: „Les Demi-vierges“. Am Sonnabend findet die Abschieds⸗Vorstellung der französischen Künstler statt. Als Nachmittags⸗Vorstellung zu ermäßigten Preisen gelangt morgen Ernst von Wildenbruch's vieraktiges Schauspiel „Die Haubenlerche“, am nächsten Sonntag Hermann Sudermann’'s Schauspiel „Das Glück im Winkel“ zur Aufführung.

Im Schiller⸗Theater kommt morgen Nachmittag zum Gedächtniß Franz Grillparzer's „Des Meeres und der Liebe Wellen“ zur Aufführung; in der Abendvorstellung wird Kretzer’'s Volksstück „Der Millionenbauer“ gegeben. Am Montag und Donnerstag gelangt der Moser⸗Girndt'sche Schwank „Mit Vergnügen“, am Dienstag und Freitag „Der Schierling“ und Shakespeare’'s „Komödie der Irrungen zur Wiederholung. Am Mittwoch geht „Ein Wintermärchen“, Sonnabend „Der Sohn der Wildniß“ Scene. Die Erstaufführung von Ibsen’'s Schauspiel „Ein Volks⸗ feind“ ist für Montag, den 1. Februar, in Aussicht genommen.

Im Bürgersaal des Rathhauses findet morgen ein „Grillparzer Abend’ statt. . 8

Der Spielplan des Neuen Theaters wird auch in der nächsten Woche von Sardou's „Marcelle“ beherrscht. Morgen geht Nach⸗ mittags zu halben Preisen „Die Grille“ in Scene, während am 31. als Mittagsvorstellung die dramatische Gesellschaft Cäsar Flaischlen“ Drama „Martin Lehnhardt“ zur Aufführung bringt.

Im Theater des Westens ist der Spielplan für die nächste Woche folgendermaßen festgesetzt: Morgen, am Montag, und a Donnerstag finden Wiederholungen von Moser⸗Trotha's Lustspiel „Der Militärstaat“ statt, am Dienstag wird „Die wilde Jagd“ gegeben am Mittwoch wird Moser⸗Schönthan’s Lustspiel „Unsere Frauen“ de Repertoire einverleibt und am Sonnabend und nächsten Sonntag wiederholt. Am Freitag findet eine Aufführung von Philippi’s Schauspiel „Der Dornenweg“ statt. Morgen Nachmittag gelangt Keller⸗Herrmann's Volksstück „Schiedsmann Hempel“ und am nächsten Sonntag Nachmittag das Schauspiel „Treue“ von Alexander von Roberts zur Darstellung. 1

Im Theater Unter den Linden geht morgen Nachmitta „Der Mikado“, Abends Millöcker's „Bettelstudent“, mit allen ersten Kräften besetzt, in Scene; letztere Vorstellung wird am Monta wiederholt. Am Dienstag kommen nach zehnjähriger Pause Fran von Suppé’'s „Flotte Bursche“ zur Igffatetese den Abend bes ließt das unter Leitung des Balletmeisters Poggiolesi neu einstudierte Aus⸗ stattungsballet „Rund um Wien“.

Mannigfaltiges.

Der Vorstand des Comités für die Centenarfeier am 22. März d. J. erläßt nachstehenden Aufruf für Kombattante von 1864, 1866 und 1870/71: 1“ 15

„Für den Festzug der Berliner Bürgerschaft am 23. März gedenken wir eine Gruppe zu bilden für die In haber des Militär⸗Ehrenzeichens 1. Klasse und des Goldenen Verdienstkreuzes aus den Jahren 1864 und 1866 sowie der Ritter des Eisernen Kreuzes erster Klasse vom Feldwebel abwärts. Diese Kombattanten sollen aus allen Provinzen eingeladen werden

Co⸗ zwei Tage in Berlin