1897 / 81 p. 2 (Deutscher Reichsanzeiger, Mon, 05 Apr 1897 18:00:01 GMT) scan diff

Das vngarische Oberhaus v glieder in die Quotendeputati , re gewählt ist. Die Deputation wird am konstituierende Sitzung halten.

Großbritannien und Irland.

Der Parlaments⸗Sekretär des Aeußern p hielt vorgestern in Southport eine Rede, worin er, dem „W. T. B“ zufolge, bei der Besprechung der Lage im Orient ausführte: ie Kriegswolke am Horizont vergrößere sich, aber noch hofften

die Mächte, das Unheil abwenden zu können. Die Integrität des ottomanischen Reichs müsse als ein Theil des Völkerrechts behandelt werden, und Modifikationen, die eine Aussicht auf Erfolg haben sollten, könnten nur von Europa gemeinsam unternommen werden. Es könne Griechenland nicht erlaubt werden, ein Stück des ottomanischen Gebiets zu nehmen ohne die Zustimmung der Mächte. Zudem bezweifle er, daß Griechenland das Geld oder die Macht habe, Kreta zu beruhigen. Eine neue Verfassung werde der Insel zur richtigen Zeit gegeben werden, zunächst müsse aber eine neue Regierungsautorität affen und Kreta werden. Der neue Gouverneur werde ein Christ sein, den die Mächte ernennen würden. Die Zurückziehung der türkischen Truppen werde logischer Weise eintreten, sobald Kreta der Autorität des Sultans entzogen sei. Die Auf⸗ ständischen und die griechischen Truppen verzögerten durch ihre aggressive Haltung nur die Entfernung der türkischen Truppen. Eng⸗ lands Pflicht sei es, bei dem Konzert zu verbleiben, das ein Kabinet der Nationen gebildet, was der größte Fortschritt des

Völkerrechts und der Moral sei, den dieses Jahrhundert gesehen habe. Cecil Rhodes hat am Sonnabend die Rückreise nach dem Kap angetreten.

i der vorgestrigen Sitzung des Senats erklärte der Minister⸗Präsident Méline in Beantwortung der Inter⸗ pellation des Senators Fabre über Umtriebe der Klerikalen, die Regierung habe niemals gezögert, Ueber⸗ riffe des Klerus zu unterdrücken, und werde auch stets den

lerus zu hindern wissen, aus der Kanzel eine politische Tribüne zu machen. Eine Tagesordnung, welche die Er⸗ klärungen der Regierung billigt und den Willen des Senats ausdrückt, Uebergriffe des Klerus zu verhindern, wurde mit 175 gegen 45 Stimmen angenommen.

n der Deputirtenkammer ist am Sonnabend ein Gelbbuch über die armenische Frage vertheilt worden; die Schriftstücke beziehen sich auf die Metzeleien, die in Armenien in den Jahren 1895 und 1896 vorfielen. Der Deputirte Cochin stellte die Frage, ob bei dem Sultan Vor⸗ stellungen wegen der jüngsten Blutthaten in Tokat erhoben worden seien, und ob man die Mörder bestraft habe. Der Minister des Auswärtigen Hanotaux entgegnete: er habe sogleich nach den Ereignissen in Tokat An⸗ weisungen ertheilt, infolge deren der Sultan eine Untersuchungskommission nach Tokat entsandt habe, und daß, da diese Maßnahme als ungenügend erachtet worden sei, der Gouverneur und andere Beamte abgesetzt worden seien. Diese Maßnahmen hätten denn auch einen heilsamen Einfluß auf die Bevölkerung ausgeübt. Was die Ereignisse in Skutari (Albanien) betreffe, so sei es dort zu bedauernswerthen Aus⸗ schreitungen gekommen; dank dem Eingreifen der Botschafter in Konstantinopel hätten dieselben aber nicht die beklagens⸗ werthe Wirkung gehabt, die man habe befürchten können. Die

Regierung sei mit allen Kräften bemüht, die Re⸗ formen zur Durchführung zu bringen. Der Deputirte Gauthier richtete sodann eine Anfrage an die Regierung über die Ereignisse im Orient und sprach die Ansicht aus, daß die Lage eine verwickeltere geworden sei und der politische Horizont sich verdunkelt habe. Gauthier verlangte alsdann zu welches die Ergebnisse der Entsendung der Truppen nach Kreta gewesen seien, und was die Regierung thun werde,

wenn die Verhandlungen fehlschlügen; des weiteren fragte er, ob das Einvernehmen der Mächte noch so vollständig sei wie früher, und bedauerte, daß ee sich mit der Türkei gegen Griechenland verbinde. Hierauf bestieg der Minister des

uswärtigen Hanotaux die Tribüne und erwiderte:

Bereits vor vierzehn Tagen habe er den für die Regelung der kretischen Angelegenheiten angenommenen Plan auseinandergesetzt. Dieser Plan befinde sich gegenwärtig in der Ausführung. Die Auto⸗ nomie Kretas sei proklamiert worden; es sei nicht zutreffend, zu sagen,

daß die Autonomie von den Kretern nicht günstig aufgenommen worden sei; man dürfe die Meinung der Kreter nicht nach der Mei⸗ nung der Aufständischen beurtheilen. Europäische Truppen⸗ abtheilungen hielten die Küstenstädte besetzt; die Mächte würden erforderlichen Falls weitere Maßregeln ergreifen, um die Küsten⸗ städte zu schützen. „An der thessalischen Grenze ist es bisher zu keinem ernsten Ereigniß gekommen; ich will indessen nicht verhehlen, daß die Anhäufung von Truppen auf der einen wie auf der anderen Seite uns wirklichen Grund zur Beunruhigung giebt, welche nur

durch die Erklärungen der griechischen und der türkischen Regierung, jeden Akt einer Offensive zu vermeiden, gemildert wird; die Mächte haben mit ihren Warnungen in diesem Sinne nicht gespart. Anderer⸗ seits scheinen die Balkanstaaten noch immer geneigt, eine weise und reser⸗ vierte Haltung zu bewahren, welche sehr zur Aufrechterhaltung des all⸗ emeinen Friedens beiträgt. In der Sitzung vom 15. März haben wir ge⸗ 8 daß, wenn die Nothwendigkeit sich herausstellen sollte, die Mächte zu einer Blockade gewisser Hafen des griechischen Festlandes schreiten würden. Bisher ist noch nichts in dieser Richtung gethan worden, aber die Mächte unterziehen die Bedingungen einer Prüfung, unter denen eine mehr oder minder ausgedehnte Blockade ins Werk gesetzt werden könnte. Mit einem Worte, die Mächte bleiben darin einig, ihre Bemühungen darauf zu richten, zu verhindern, daß die gegenwärtigen Ereignisse schwerere Folgen für den allge⸗ meinen Frieden herbeiführen. Das ist ihr Hauptziel; bisher ist es erreicht worden, und selbst örtliche Konflikte haben an keiner Stelle einen Feftand der Feindseligkeit herbeigeführt. Hoffen wir, daß ein solcher Zustand nicht eintreten werde. Andererseits ver⸗ folgen wir in Kreta die Anwendung der Autonomie durch neue Maß⸗ regeln, die gegenwärtig zwischen den Mächten durch ibre Botschafter in Konstantinopel erwogen werden. Wir wollen glauben, daß bei dieser doppelten Aufgabe, die Europa übernommen, die Zeit den RNathschlägen zur Klugheit zu Hilfe kommen und andererseits die Furcht noch steigern werde, welche Allen die Gefahr eines blutigen Zusammenstoßes einflößt.“ Der Deputirte Le Myre de Vilers fragte an, ob Großbritannien Vorstellungen wegen der Verwaltung Mada⸗ ee erhoben habe, und beklagte sich über die britanniens gegenüber den französischen Kolonien. Der Minister des Auswärtigen Hanotaux erwiderte, der Regierung seien keine Vorstellungen und keine Forderung um Aufklärungen über die Lage der Protestanten auf Madagaskar zugegangen, auch hätten ihr solche nicht zugehen können. Jede derartige werde natürlich abgelehnt werden. Im weiteren Verlauf der Sitzung richtete der Deputirte Pourquery de Boisserin eine Interpellation an die Regierung über die Ereignisse auf Madagaskar und erklärte, er billige die Haltung des Generals Gallieni hinsichtlich der Absetzung der Königin; gleichzeitig forderte er die Regierung auf, die Haltung Gallieni's zu billigen. Nach der Antwort des Ministers der Kolonien

2 0 * eer sich dehecg, nahm die Kammer ein

G der Haltung Gallieni's ide eine Tagesordnung an, w in Madagaskar be⸗ olgte 9 billigt und der Armee, welche die Pazifikation der Kolonie gesichert habe, Glückwünsche ausspricht.

Nußland.

Wie dem „W. T. B.“ aus St. Petersburg schreibt das „Journal de St. Pétersbourg“ in Vorgehen Griechenlands:

Die kessive und provozierende Haltung, welche Griechenland mit so hedauernswerther Hartnäckigkeit zu beohachten rt, zwingt die Großmächte, sehr gegen ihren Wunsch, zur Blockade des Golfs von Athen zu schreiten. Durch die Belassung der Truppen des Obersten Vassos auf Kreta legt die griechische Regierung schon seit einiger Zeit der Bevölkerung der Insel alle Nachtheile 8 welche eine Blockade zur Folge hat. Sie vereitelt die der Wiederherstellung des gewidmete Aufgabe der Admirale und verhindert die

roßmächte, die wahren Wünsche der Bewohner Kretas zu ermitteln, welche erst nach Ausscheiden jeglichen, von anderer Seite in eigen⸗ süchtiger Absicht geltend gemachten Druckes und Einflusses würden hebers werden können. Die Berichte der Admirale und der Konsuln ezeugen die vollständige Unmöglichkeit, gegenwärtig in unmittelbaren Verkehr mit der eigentlichen kretischen Bevölkerung zu treten. Die letztere wird durch die Aufständischen, deren Führer, soweit es nicht Freheio⸗ und griechische Offiziere sind, der Natur der

ache nach dem überwiegenden Einfluß der griechischen Truppenabtheilung unterliegen, in Orten zurückgehalten, welche für die europäischen Unterhändler nicht zugänglich sind. Die Handlungen des Obersten Vassos sind genügend bekannt; ist dieser Offizier doch soweit gegangen, thatsächlich allen Mächten den Krieg zu erklären. Aber nicht zufrieden mit dieser unbegreiflichen Haltung einer geistig so hervorragend begabten Nation, wie es die griechische ist, gefallen sich gewisse überspannte und gewohnheitsmäßige Unruhestifter darin, die Kriegserklärung gegen die Türkei für den 6. April oder den Tag des Beginnens der Blockade der griechischen Häfen zu empfehlen. Wir weigern uns entschieden, die Möglichkeit eines so Schrittes zuzugeben, aber eintretenden Falles wäre Griechenland unzweifelhaft der Angreifer und würde sich allein für eine auf solche Weise hingeworfene Kriegserklärung an Europa, welches die Aufrechthaltung des Friedens wünscht und alle seine Anstrengungen nach diesem Ziele hin richtet, verantwortlich machen. Es sei Zeit, auf Illusionen zu verzichten, die nur zu den schmerzlichsten Enttäuschungen führen könnten. Jede Macht, welche gegenwärtig die Initiative zu einem Angriff würde, müßte sicherlich die schwersten Folgen auf sich nehmen. enn Griechenland um jeden Preis sich in einen Krieg stürzen wolle, könne es augenscheinlich auf die Unterstützung niemandes zählen. Welches übrigens auch der Ausgang eines so provozierten Kampfes sein würde, die Großmächte würden niemals zugeben, daß der Angreifer auch nur den geringsten Vortheil daraus zöge. Nachdem die Großmächte alle nur irgend möglichen Mittel erschöpft hätten, um Griechenland die Leiden zu ersparen, welche dieses sich selbst zugezogen habe, würden sie es nicht weiter nöthig haben, darüber in Erregung zu gerathen; ihr vollstän⸗ diges Einvernehmen bleibe unveränderlich. Das sei die sicherste Bürg⸗ schaft für den endlichen Sieg der Grundsätze der Ordnung, des Rechts und der Billigkeit, das beste Unterpfand für die Aufrechterhaltung des allgemeinen Friedens, selbst im Falle einer örtlichen Störung durch Griechenland, welche die Mächte zu beschränken und im Nothfall zu unterdrücken wissen würden.

Zu der vorgestern mitgetheilten Meldung des „W. T. B.“ über die Staatskassenausweise bemerkt das genannte Bureau noch, daß sich die Ziffern, welche die Vermehrung der ordentlichen Einnahmen angäben, auf den Vergleich mit dem Voranschlage bezögen; im Vergleich zu dem Vorjahre hätten sich die Einnahmen der Kronbahnen um 99 Millionen, die IIöö um 15 Millionen, die Einnahmen aus der

etränkesteuer um 17 Millionen und die aus den Münz⸗ gefällen um 11 Millionen vermehrt.

Der Dampfer der freiwilligen Flotte „Cherson“, welcher in Sebastopol eine Feldbatterie an Bord genommen hatte, 5 in Odessa noch ein Bataillon des 56. (Shitomirschen)

egiments in Stärke von 657 Mann und 15 Offizieren nebst 20 Pferden aufgenommen und ist nach Kreta in See gegangen. 8

emeldet wird, ezug auf das

Der König eröffnete, wie „W. T. B.“ meldet, heute Vormittag in eierlicher Weise die erste Sitzung der Ecns teß Legislaturperiode in Gegenwart zahl⸗ reicher Senatoren und Deputirten. In Begleitung des Königs befanden sich der Prinz von Neapel, der Serhog von Aosta, der Graf von Turin, der Herzog der Abruzzen und der Herzog von Genua. Die Königin 2 auf einer besonderen Tribüne mit der Prinzessin von eapel und der verwittweten Herzogin von Genua Platz genommen. Die Tribünen waren überfüllt. Die Majestäten wurden beim Betreten und Verlassen des Monte Citorio mit stürmischen Kundgebungen begrüßt. Die Truppen, welche längs der Straßen, die der Königliche Wagenzug berührte, aufgestellt waren, erwiesen die Ehrenbezeugungen, und die überall versammelte zahllose Menschenmenge brachte den Majestäten begeisterte Huldigungen dar. Die Thronrede begrüßt die neugewählte Vertretung des italienischen Volks mit herzlichem Vertrauen. Mit Genugthuung wird daran erinnert, daß nunmehr ein halbes Jahrhundert verflossen

ist, seitdem König Karl Albert die freien Institutionen errichtete,

welche die Unabhängigkeit des Vaterlandes begründeten. Der wachsame Schutz dieser Institutionen ist das Glück Italiens und der Stolz des Hauses Savoyen. Sodann wird der Nation Dank ausgesprochen für die festlichen und jubelnden Kundgebungen aus Anlaß der Vermählung des Kronprinzen. Die Thronrede fährt fort: „Die Verhältnisse in der Erythräischen Kolonie und die normalen Einnahmen werden uns gestatten, mit mannhafter Würde und Weisheit diejenigen Beschlüsfe über das zukünftige Geschick der Kolonie zu fassen, die unserem Interesse am meisten entsprechen“. Die Rede zollt dann der Armee, welche mit so großer Tapferkeit und Selbst⸗ verleugnung und unter außerordentlichen Schwierigkeiten gekämpft habe, Bewunderung und Anerkennung, und gedenkt der hochherzigen Männer, welche ihr Leben zum Opfer brachten.

Weiter heißt es dann: „Bei den Verwirrungen in der Türkei ist die Gemeinschaft der Mächte bestrebt, den Frieden Europas zu be⸗ wahren, Metzeleien unter den Völkerschaften von verschiedener Abstammung und Religion zu verhindern und der Be⸗ völkerung die Wohlthaten der Zivilisation und der Ge⸗ rechtigkeit zu sichern. Treu unsern Verbündeten, glücklich über die herzliche Freundschaft mit allen Mächten, vereinigt meine 2. ihre Thätigkeit mit derjenigen des Frshrithn Konzerts, an welchem sie theilnimmt, wie es die Pflichten eines loyalen Wetteifers um die Aufrechterhaltung des Friedens und die Sorge um die Interessen Italiens anrathen. Diese Wohlthat des Friedens wird auch dem Parlament gestatten, sich dem Studium der Aufgaben zu widmen, welche schon seit langer Zeit ihrer raschen Lösung harren.“

Die Thronrede kündigt sodann Gesetzentwürfe an, betreffend Re⸗ formen des Gerichtsverfahrens, des Schulwesens und der Verwaltung, sowie Vorlagen, betreffend eine Reform auf sozialem Gebiet, und Maßregeln, welche bezwecken, der militärischen Organisation größere Stetigkeit zu verleihen und dadurch zugleich den fortgesetzten Erörterungen über die Armee ein Ziel zu setzen. Die

ig durch Erheben der

Ereignisse, welche sich gegenwärtig im Mittelmeer abspielen und die zunehmende Auswanderung legen dem Lande die Verpflichtung auf, nach eh abe der verfügharen Mittel die Marine zu verstärken. Dies wird durch das im Budget erzielte Gleichgewicht begünstigt, welches, indem es die Aera der Opfer schließt, in Zukunft mit der äußersten Strenge aufrechterhalten werden muß, indem einerseits die nicht unum⸗ gängli ““ Ausgaben auf das Nöthigste beschränkt werden und indem andererseits für die produktiven Kräfte des Landes vor⸗ gesorgt wird. Künftig muß sich das Budget durch die Entwickelung ser nationalen Sparsamkeit befestigen. In einer gerechten Steuerreform und in einer ehrenhaften Wiederbelebung des Kredits liegt der Wer zum Heil. Mein Wunsch geht dahin, daß die Arbeiten des Parlaments dur den Ausschluß aller unfruchtbaren Kämpfe dem italienischen Ike zum Heile gereichen und die moralische und wirthschaftliche Lage desselben verbessern mögen. Getragen von der Liebe des Volkes und erfüllt von Vertrauen zu der Hilfe der göttlichen Vorsehung, bin ich über⸗ zeugt, daß wir dieses hohe Ziel, auf welches mein Streben stets ge⸗ richtet war, erreichen werden.“

Die Verlesung der Thronrede wurde häufig von lautem Beifall begleitet. Alle Parteiführer: Zanardelli, Sonnino, Crispi, Giolitti und Cavallotti leisteten den Eid. Die Gruppen

der Republikaner und Sozialisten nahmen an der Eröffnungs⸗

feier nicht theil. Spanien.

Die Regierung hat, wie „W. T. B.“ meldet, den General Weyler telegraphisch angewiesen, die Einfuüͤhrung der Reformen auf Cuba vorzubereiten.

In Alameda (Provinz ist es wegen der Steuern zu Unruhen gekommen. abei wurde in den Amtsräumen Feuer angelegt, durch welches das Mobiliar und Aktenmaterial vernichtet wurde. Zahlreiche Personen wurden

verhaftet. Türkei.

Das Wiener „Telegr.⸗Korresp.⸗Bureau“ meldet aus Kon⸗ stantinopel, am Freitag habe eine Besprechung der Botschafter stattgefunden, bei welcher auch die Auto⸗ nomie für Kreta und die Wahl eines Gouverneurs in Berathung gezogen worden sei. Am Sonnabend hätten die Botschafter einen Kollektivschritt unter⸗ nommen, damit der Posten des Vali von Siwas nicht, wie verlaute, dem kompromittierten Hassan Pascha, sondern einem makellosen Beamten übertragen werde und der auf die Intervention der Botschafter für den Kreis Hadschin im Vilajet Adana ernannte christliche Kaimakam Said Bey seitens der Oberbehörden und der Lokalbehörden die ent⸗ sprechende erlange.

Die „Agence Havas“ berichtet, der türkische Minister des Auswärtigen Tewfik Pascha habe den französischen Bot⸗ schafter Cambon am Sonnabend davon in Kenntniß gesetzt, daß eine außerordentliche Kommission zur Untersuchung der Vorfälle in Tokat gebildet worden sei, und daß dieselbe sofort die Verhaftung von 140 Mohamedanern und 4 Armeniern habe vornehmen lassen. In Siwas und Bitlis sowie im Vilajet Aleppo dauerten die Beunruhigungen fort.

Nach einer Meldung der „Morning Post“ hat der türkische Ministerrath eine Note an die griechische Regierung entworfen, worin die Zurückziehung der griechischen Truppen aus Kreta verlangt wird. Im Fall eines abschlägigen Be⸗ scheides werde die Pforte Griechenland die Verantwortlichkeit zuschieben.

Die von der Pforte dem armenischen Patriarchat gemachten modifizierten Zugeständnisse haben, dem Wiener „Telegraphen⸗Korrespondenz⸗Bureau“ zufolge, nicht vollkommen befriedigt. Der gemischte Rath beschloß am Freitag, de Patriarch möge neue Schritte zur Erlangung eines klarere Erlasses unternehmen.

Den „Daily News“ wird aus Saloniki vom 2. d. M. 8

gemeldet, daß, einem glaubhaften Bericht zufolge, bei Gazep in der Nähe von Kipouri ein Zusammenstoß zwischen 300 Aufständischen unter Takis und Türken stattgefunden habe. 38 Personen seien getödtet worden, 10 verwundete Türken habe man nach Grevena gebracht.

Wie die „Agenzia Stefani“ aus Suda von gestern

meldet, hätten die Mächte die Flottenbefehlshaber angewiesen, zu beginnen. Die

die friedliche Blockade Athens Admirale erwögen zur Zeit die bezüglichen Modalitäten.

Aus Kanea meldet „W. T. 1 1 russische Konsul Demerik, als er mit den Aufständischen in Rethymon habe unterhandeln wollen, den dortigen Unter⸗Gouverneur ersucht habe, acht Führer der Insurgenten nach Rethymon kommen zu lassen. Der Unter⸗Gouverneu habe darauf jedoch nur gestattet, daß die acht Führer nach dem nahegelegenen Dorfe Kube kämen. Als dieselbe mit der Parlamentärflagge daselbst erschienen seien, sei un geachtet der getroffenen Abmachung von Baschibozuks auf 8

selben geschossen worden. Auf den energischen Protest des russischen Konsuls habe der Unter⸗Gouverneur das Feuer einstellen lassen. Die aus Selino Türken seien trotz der von dem britischen onsul Biliotti eingegangenen Verpflichtung durch den Gouverneur

wieder bewaffnet worden und bereiteten sich zum Angriff vor.

Die Aufständischen auf Akrotiri hätten von den Admiralen die Erlaubniß verlangt, die Halbinsel zu verlassen und sich über Kanea zur Bestellung der Felder zu begeben; auch hätten sie zu diesem Zwecke den Schutz der Admirale nachgesucht.

Der „Agence Havas“ wird aus Athen berichtet, ein aus Kreta

im Piräus angekommener Dampfer habe die Nachricht gebracht, daß die Mohamedaner von Kanea ausgezogen seien, um die von Akrotiri gekommenen Aufständischen, ihre Weiber und Kinder nach dem Innern der Insel zu bringen versucht hätten, anzugreifen. Der Ausgang des Unter⸗ nehmens sei noch unbekannt. In Atripopulo bei Rethymon habe vorgestern ein neunstündiger Kampf stattgefunden, bei dem die Türken mit schweren Verlusten zurückgeschlagen worden seien.

erfährt „W. T. B.“ aus Kanea von gestern daß die Entwaffnung der Baschibozuks gestern frü begonnen habe und in friedlicher Weise vor sich gehe. Nur in dem Dorfe Kalikut hätten sich die Baschibozuks widersetzt und geweigert, die Waffen auszuliefern. europäischen Truppen eingeschlossen worden. 8

Griechenland. v Ein Erlaß der Regierung verbietet die Beförderung

chiffrierter Depeschen für das Inland und für das Ausland. Eine aus Larissa in Athen eingegangene Depesche be⸗

hagn der „Agence Havas“ zufolge: Ungeachtet aller Vorher⸗ agungen gelte es als sicher, daß morgen an der Grenze kein Zwischenfall vorkommen werde. Die Anwesenheit des Kron⸗ prinzen sei Gewähr dafür, daß die besonders für morgen gegebenen sehr strengen Befehle beachtet werden würden.

befreiten

welche

Das Dorf sei von

Serbien.

Nach einer dem „W. T. B.“ aus Belgrad zugegangenen Mittheilung gedenken der Fürst und die Fürstin von Bulgarien am 26. d. M. zum Besuche des Königs dort

en. einzutreff Dänemark.

Die Zollkommission des Folkething hat, wie W. T. 893 meldet, ihren Bericht erstattet. Danach hat sich bie Kommission, gegen die Stimmen zweier Mitglieder r Rechten, welche den Zollschutz für die Industrie zu vermehren oder beizubehalten wünschten, dahin geeinigt, eine Revision vorzuschlagen, welche die Rohstoffe und Produktions⸗ mittel von Einfuhrzöllen befreit, beziehungsweise diese ver⸗ mindert, den Zollschutz für die großindustriellen Be⸗ triebe durchgängig um 15 bis 30 Proh. herabsetzt und den Zollschutz für das Kleingewerbe beibehält. Die iskalisch bedeutungsvollen Herabsetzungen sollen durch Er⸗ öhungen der Zollsätze auf Taback, Spirituosen und mehrere Luxusartikel gedeckt werden. Gleichwohl würde der Vorschlag der Kommission eine Verminderung der JXX“ um 5 ½ Millionen Kronen bedingen. Zur Deckung dieses Aus⸗ falles dürfe vor allem eine Erhöhung der Branntweinsteuer in Betracht kommen.

Der „Times“ wird aus Was hington vo gestern ge⸗ meldet, das Schatzamt arbeite die Ausführungsbestimmungen für die Klausel, betreffend die rückwirkende Kraft der neuen

olltarife, aus, doch sei eine Zurückweisung der Klausel m Senat zu erwarten.

Nach amtlichen, in Lissabon eingetroffenen Meldungen au Bolama haben die portugiesischen Streitkräfte eine Niederlage durch die Eingeborenen von Guinea er⸗ litten. Drei Offiziere und mehrere Soldaten wurden getödtet. Die portugiesischen Truppen leisteten 8 Stunden hindurch Widerstand. Die portugiesische Fahne wurde gerettet. Es werden Verstärkungen vom Gruͤnen Vorgebirge und von

Angola erwartet.

enweevrwenese Parlamentarische Nachrichten.

Die Berichte über die vorgestrigen Sitzungen des Reichs⸗

ö“

tages und des Hauses der Abgeordneten befinden sich

in der Ersten Beilage.

In der heutigen (206.) Sitzung des Reichstages, welcher der Staatssekretär des Reichs⸗Justizamts Dr. Nieberding beiwohnte, stand auf der Tagesordnung zunächst der Antrag der Abgg. Ancker (fr. Volksp.) und Genossen wegen Annahme eines Gesetzentwurfs, betreffend die Heranziehung von Militärpersonen zu den Kom⸗ munalabgaben.

Nach § 1 soll die Verordnung vom 22. Dezember 1868, soweit dieselbe der Heranziehung des dienstlichen Einkommens der im Offiziersrang stehenden Militärpersonen zu den Ge⸗ meindeabgaben entgegensteht, aufgehoben werden. 1

Nach § 2 sollen die Offiziere bezüglich der Gemeinde⸗ abgaben den Reichsbeamten 1ö“ werden.

Abg. Richter (fr. Volksp.): Der Antrag steht mit der Be⸗ soldungsaufbesserung der Beamten in Verbindung. Wir haben in der Budgetkommission erklärt, daß wir die Aufbesserungen nur unter Auf⸗ hebung des Kommunalsteuer⸗Privilegs annehmen können. Die Budget⸗ kommission ist mit unserem Antrage nicht befaßt gewesen, indessen könnte dies durch Ueberweisung des Antrags an die Budget⸗ kommission bei der zweiten Lesung der Besoldungsvorlage geschehen. Wir wollen das Steuerprivileg nicht ganz aufheben, sondern nur die Offiziere den Reichsbeamten gleichstellen, die den Beamten der Einzel⸗ siaaten gleichgestellt sind. Beim Militärgesetz von 1874 wollte der Reichstag die Frage in diesem Sinne regeln; aber bei dem Kompromiß wurde sie ausgeschlossen. Der Reichstag hat den Versuch wiederholt, zuletzt 1886 bei dem Pensionsgesetz, wobei die Regierung schließlich nachgab bezüglich des außerdienstlichen Einkommens der Offiziere; der Gesetzentwurf bezieht sich nun auf das dienstliche Einkommen. Die Regelung dieser Frage ist jetzt leicht im Anschluß an die Be⸗ soldungsaufbesserungen. ie die Offiziere, so sind auch die Beamten in der Wahl ihres Aufenthaltsortes beschränkt. Beide sollten deshalb in Bezug auf die Kommunalsteuern gleichgestellt werden. Es wird

ngewendet, daß die Generalität durch die Besoldungsvorlage keine

Gehaltserhöhung erhält, daß daher die Beseitigung des Steuerprivilegs eine neue Belastung wäre. Man könnte die Steuerfreiheit bestehen lassen für die Offiziere, so lange sie sich in ihren bisherigen Stellen befinden. Bei dem raschen Aufrücken der Offiziere würde sehr bald ser Uebergangszustand verschwunden sein. Man könnte in den Be⸗ soldungsplan die Bestimmung hineinschreiben, daß er erst in Kraft

tritt mit dem Tage der Publikation des Kommualabgabengesetzes.

Abg. Dr. von Marquardsen (nl.) ist namens seiner Freunde

damit einverstanden, daß ver Antrag der Budgetkommission über⸗

iesen werde, behält sich aber freie Hand bezüglich der Stellungnahme zu demselben vor.

Abg. Dr. Schädler (Zentr.) erklärt sich ebenfalls mit der Ueber⸗ weisung an die Budgetkommission einverstanden.

Das Haus beschließt demgemäß.

Der Vertrag mit der Schweiz wegen Errichtung

on schweizerischen Neben⸗Zollämtern wird darauf in erster und zweiter Lesung ohne Debatte genehmigt. Es folgt die zweite Berathung des Handelsgesetzbuchs ö „Handelsstand“; erster Abschnitt: „Kauf⸗ eute *). Nach 81 sollen als Kaufleute auch diejenigen gelten, deren Gewerbe die Uebernahme der Bearbeitung oder Ver⸗

rbeitung von Waaren für Andere betrifft, oder in Ge⸗ schäften der Druckereien besteht, sofern der Betrieb in beiden Fällen über den Umfang des Handwerks hinausgeht.

Abg. Dr Vielhaben (Reformp.) will diese Einschränkung auch bei den eigentlichen Waarengeschäften angewendet und dem Bundes⸗ rath die Befugniß gegeben wissen, Bestimmungen zu erlassen, durch welche die Grenze des ö“ festgesetzt werde, und weist darauf hin, daß Handelsgeschäfte vielfach in den Händen von Handwerkern als Nebengewerbe seien; für Gewerbetreibende könne man nicht die Qualität der Kaufleute vorschreiben, weil sie nicht im stande seien, die kaufmännischen Pflichten zu erfüllen. 1

Geheimer Ober⸗Justiz⸗Rath Hofmann erklärt, daß für die kleinen Betriebe einige Ausnahmen zugelassen seien; aber darüber hinauszugehen und den gesammten Kleinhandel aus dem Gesetze heraus⸗

zulassen, gehe nicht an. Der Antrag wird abgelehnt; der erste Abschnitt: „Kauf⸗ leute“ und der zweite Abschnitt: „Handelsregister“ werden ohne Debatte angenommen.

Der dritte Ee handelt von der Handelsfirma. 1G Nach § 18 soll der Kaufmann, der sein Geschäft ohne Gesellschafter oder nur mit einem stillen Gesellschafter betreibt, 1en. Familiennamen mit mindestens einem ausgeschriebenen Vornamen als Firma führen. 8

8

Die

zulassen.

Die Abgg. Beckh (fr. Volksp.) und Freiherr von Stumm

Gr.) beantragen die Wiederherstellung der Regierungs⸗

vorlage. .

eheimer Ober⸗Justiz⸗Rath Hofmann tritt ebenfalls für

die Wiederherstellung der Vorlage ein, während die Abgg.

Roeren (Zentr.), .ene (d. kons.) und Dr. Vielhaben

59. einstimmig angenommenen Kommissionsbeschluß ver⸗

heidigen. Der Antrag wird gegen 8 Stimmen von dem mit 50

Abgeordneten besetzten abgelehnt. 8

Der vierte Abschnitt „Handelsbücher“ und der fünfte

Abschnitt „Prokura und Handelsvollmacht“ werden ohne

Debatte genehmigt.

(Schluß des Blattes.)

Im Hause der Abgeordneten gelangte in der heutigen (65.) Sitzung, welcher der Minister des Innern Frei⸗ 8 von der Recke und der Kriegs⸗Minister von Goßler eiwohnten, zunächst der Gesetzentwurf, betreffend Aende⸗ rungen des Reglements für die Königlichpreußische Offizier⸗Wittwenkasse, zur ersten Berathung. Abg. Freiherr von Willisen (kons.): Im Namen meiner Freunde habe ich zu erklären, daß wir die Vorlegung dieses Gesetzes mit Freude begrüßen. Durch die theilweise Zurückzahlung des Antriktsgeldes wird eine Härte beseitigt. Wir würden aber wünschen, daß die ganze Bestimmung bezüglich der Rückzahlung des Antritts⸗ geldes fallen gelassen werden könnte. .

Auf Antrag des Abg. Dr. Sattler (nl.) wird die Vor⸗ lage der Budgetkommission überwiesen. 8

Hierauf werden die in der Rechnung für 1893 /94 auf⸗ geführten Etatsüberschreitungen und außeretatsmäßigen Aus⸗ gaben nachträglich genehmigt und die Entlastung der Regierung ausgesprochen. 8 1

Auf Antrag der Geschäftsordnungskommission wird das Mandat des nc. Dr. Kelch (fr. kons.) durch seine Ernennung zum Geheimen Ober⸗Regierungs⸗Rath für nicht erloschen erklärt.

Es folgt die dritte Berathung der Entwürfe einer Städteordnung und einer Landgemeindeordnung für die Provinz Hessen⸗Nassau.

In der Generaldiskussion bemerkt

Abg. Stöcker: Wir haben es hier mit einem Gesetz zu thun, das in der Bevölkerung ungünstig aufgenommen worden ist, es hat aber der unglaubliche Widerwille gegen das Gesetz nachgelassen und einer Resignation Platz gemacht. Ich meine, daß man den Willen einer Bevölkerung, die sich so gut mit dem preußischen Staat ver⸗ bunden hat, nicht unberücksichtigt lassen soll. Man will eine Einheit⸗ lichkeit schaffen, aber Hessen⸗Nassau wird noch lange nicht einheitlich werden, die beiden Landestheile sind zu verschieden, als daß heute schon von einer Verschmelzung die Rede sein kann. Man sollte nicht den einen Theil durch den anderen vergewaltigen. Es steht das bureaukratische Element dem kollegialen bei der Gemeindeverwaltung gegenüber; das kommt besonders bei den Landgemeinden in Betracht. Es wird dadurch Unruhe in die Gemeinden hineingetragen werden, es wird für das eine oder andere System agitiert werden. Was das Wahlrechtssystem betrifft, so kann ich ja zugeben, daß das Dreiklassen⸗ wahlsystem in kommunaler Hinsicht besser wirkt, als in staat⸗ licher Beziehung, aber ich halte es nur für eine gute Basis für eine bessere Gestaltung der Kommunalwahlen. Es ist auch schon gesagt worden, daß das Dreiklassenwahlsystem nach der Steuerreform nicht so bleiben kann, und man will eine Statistik über die Wir⸗ kungen der Reform aufstellen. Man sollte der Bevölkerung in Hessen, die etwas Besseres gewöhnt ist, nicht ein solches System aufzwingen. Es ist auch nicht gut, den Höchstbesteuerten einen so großen Einfluß in der Se, Ich bin nach alle dem nicht in der Lage, das Gesetz anzunehmen.

Abg. Pr. deben enrh Ich freue mich, daß auch von einem Abgeordneten, der nicht zur Provinz essen⸗Nassau gehört, Wider⸗ spruch gegen das Gesetz erhoben wird. Wir meinen, daß man in der Uniformierung unserer Verhältnisse nicht zu weit geben sollte. Vor allem sind wir gegen die Einführung des uns widerwärtigen Drei⸗ klassenwahlsystems in Kurhessen. Und auch in Nassau herrscht Unzu⸗ friedenheit über das Dreiklassenwahlrecht und dessen pluto⸗ kratische Wirkung. Es ist bedauerlich, daß die Regierung nicht auf den Vorschlag des Provinzial⸗Landtags eingegangen ist, daß wenigstens bestimmte Prozentsätze der Wähler in den einzelnen Klassen sein müssen. Ferner müssen wir mit Entschiedenheit an dem kollegialen Gemeinde⸗ vorstand festhalten. Entscheidend für uns ist schließlich die Bestimmung über die Zweckverbände. Diese Einrichtung ist nur in der Provinz neu und unsymparkhisch, und wenigstens müssen wir verlangen, daß die obli⸗ gatorische Bildung von Zweckverbanden fallen gelassen wurde. Wenn diese unsere Wünsche nicht erfüllt werden, so legen wir keinen Werth mehr auf die Neuregelung unserer Gemeindeverhältnisse und stimmen gegen das ganze Geset. 8 8

Damit schließt die Generaldiskussion.

In der Spezialdiskussion werden die §§ 1 bis 14 der Städteordnung ohne erhebliche Debatten angenommen. Bei § 15, welcher die Bestimmungen über das Dreiklassen⸗

wahlsystem enthält, wiederholt . 1 . hlchst⸗ Kircher (Zentr.) seinen Antrag, daß in der ersten

Klasse mindestens 5 Proz., in der zweiten Klasse mindestens

10 Proz. aller Stimmberechtigten Aufnahme finden müssen.

Minister des Innern Freiherr von der Recke erklärt, daß eine veeeen ie in diesem Sinne die Zustimmung der Regierung nicht finden würde. 8

8 Abg0 Dr. ifbne befürwortet den Antrag Kircher und hebt hervor, daß sich der Provinzial⸗Landtag nicht für das Dreiklassenwahlrecht ausgesprochen habe; die Regierung habe keinen Grund, ch auf das Votum des Provinzial⸗Landtags zu stützen, dem sie den Entwurf übrigens ohne das Dreiklassenwahlrecht vorgelegt habe.

Abg. von Pappenheim (kons.) führt aus, daß der Vorredner das Votum des Provinzial⸗Landtages nicht richtig darstelle, da er die Stimmenthaltungen nicht berücksichtige; er gäbßt habe sich auch der Stimme enthalten, weil er damals, vor 5 Jahren, die Tragweite der Bestimmungen nicht habe übersehen können. Seitdem sei aber mehr S über die der Steuerreform auf das Drei⸗ klassenwahlsystem gewonnen worden.

fienwabhe Lieber erwidert, daß gerade die plutokratische Wirkung der Steuerreform auf die Dreiklassenwahl hervorgetreten sei; es komme im Westen vor, daß Wähler mit einem Steuersatz von 6000 in der dritten Klasse wählen müßten. Mit der Einfüͤhrung des Dreiklassenwahlrechts in Hessen müsse wenigstens so lange ge⸗ wartet werden, 2 9 für den ganzen Staat nach den neueren Er⸗ ahrungen reformiert sei. .

68 Abg. S Pappenheim sucht nachzuweisen, daß das Wahlrecht durch die Vorlage den Wählern in Hessen nicht beschnitten werde; im Gegentheil, es werde sehr erweitert, insofern durch das j higf hessische Wahlrecht sehr viele Leute vom Wahlrecht ganz aus eschlossen seien.

Abg. Kircher betont, daß die Bevölkerung Hessens lieber auf die ganze Vorlage verzichte, als das Dreiklassenwahlrecht anzunehmen.

Abg. Schaffner (nl.) empfiehlt die Ablehnung des Antrags Kircher; in ihm bekannten Kreisen aus der Provinz wünsche man die Einführung des Dreiklassenwahlrechts. 1

Abg. Dr. Lieber: Die Regierung hat den Antrag Kircher für unannehmbar erklärt und damit ihre frühere Stellungnahme von 1891 grundsätzlich geändert. Wir stehen hier vor einem großen Frage⸗

zeichen. Die Regierung, die sonst unerschöpflich in ihrer Beredsam⸗

keit ist, hüllt sich hier in Schweigen und sagt kein Wort über den Grund ihrer veränderten Stellung. . 1— Ueber den Antrag Kircher wird namentlich abgestimmt. Der Antrag wird mit 146 gegen 84 Stimmen abgelehnt und § 15 unverändert angenommen, ebenso der Rest der Städte⸗ ordnung. Darauf wird auch in der Gesammtabstimmung die Städteordnung im Ganzen angenommen. 1“ (Schluß des Blattes.)

Nach amtlicher Feitftellung erhielten bei der am 31. v. M. stattgehabten Ersatzwahl zum Reichstage im 5. Marienwerderschen Wahlkreise (Schwetz) von 14 931 abgegebenen gültigen Stimmen 1n von Saß⸗ Jaworski⸗Lippinken (Pole) 7972 und ittergutsbesitzer Holtz⸗Parlin (Reichspartei) 6956 Stimmen. Ersterer ist mithin gewählt.

Arbeiterbewegung.

In Düsseldorf haben der „Rhein.⸗Westf. Ztg.“ zufolge 13 An⸗

e 12 Pferdebahn wegen Lohnstreits die Arbeit nieder⸗

elegt. 8 88 Leipzig verhandelte eine Vere der Zimmerleute am 1. April über die Lohnfrage. Es wurde, wie die „Lpz. Ztg.“ berichtet, mitgetheilt, e Arbeitgeber die Forderungen der Gehilfen für dieses Jahr 48 Stundenlohn und 10 stündige Arbeitszeit, dagegen vom 1. April 1898 ab 52 Stundenlohn und 9 stündige Arbeitszeit

abgelehnt und nach wie vor ihr Anerbieten, für dieses und nächstes Jahr den Stundenlohn unter Beibehaltung der 10 stündigen Arbeitszeit von 45 auf 48 zu erhöhen, aufrecht erhalten. Es gelangte darauf ein An⸗ trag zur Annahme, wonach die Gehilfen nunmehr schon für dieses

Jahr 52 Stundenlohn, 9 stündige Arbeitszeit, für Ueberstunden⸗

und Sonntagsarbeit 50 %, für Nachtarbeit (über Mitternacht hinaus)

100 % Lohnzuschlag fordern. Wegen der Entscheidung über die neuen Forderungen soll das Einigungsamt des städtischen Gewerbegerichts angerufen werden. Hierbei sprach sich die große Mehrheit der Ver⸗ sammlung für eine gütliche Auseinandersetzung mit den Meistern aus, und nur zwei Redner traten für den Ausstand ein.

Aus Pirna wird der „Zeit“ gemeldet, daß die Steinbruchs⸗ besitzer des Gottleuba⸗Thales bei Pirna i. S. italienische Arbeiter als Srse für die ausständigen Arbeiter eingestellt haben und ihnen außer dem Reisegeld auch höhere Löhne bezahlen. Nach dem „Vorwärts“ haben die einheimischen Steinarbeiter inzwischen die Arbeit zu den alten Bedingungen wieder aufgenommen.

Aus Esbjerg (Dänemark) wird dem „Vorwärts“ berichtet: Am 1. Januar kündigte der hiesige Bau⸗ und Möbeltischler⸗ Fachverein den bestehenden Accord⸗ und Lohntarif (Stundenlohn 30 Oere für Möbel⸗ und 33 Oere für Bautischler) und forderte von den Arbeitgebern eine Erhöhung des Lohnes auf 35 bis 40 Oere, später ermäßigten die Gehilfen ihre Forderung auf 32 und 36 Oere; aber auch dieser Forderung sich die Unternehmer und erklärten, nicht mehr als den alten Satz zahlen zu wollen. Daraufhin legten die Gehilfen am 1. April in allen Werkstätten die Arbeit

nieder.

Mannigfaltiges.

Zu Ehren des Nordpolforschers Dr. Ftidtlof Nansen hatte die hiesige Gesellschaft für Erdkunde im Neuen Königlichen Opern⸗Theater am Sonnabend Abend eine Feltsitam veranstaltet. Der weite Raum, dessen Podium in reichem Blumenschmuck prangte, war dicht gefüllt. In Vertretung der Reichs⸗ und Staatsbehörden erschienen der Reichskanzler Fürst zu der Vize⸗Präsident des Staats⸗Ministeriums, Staats⸗Minister Dr. von Boetticher, der Minister der geistlichen ꝛc. Angelegenheiten D. Dr. Bosse mit mehrere Näthen; ferner waren anwesend der Chef des Militär⸗ Bildunge ens General von Keßler und viele andere hohe Offizier der Staats⸗Minister Freiherr von Lucius, die Ge⸗ sandten Schwedens und Dänemarks von Lagerheim und von Vind und viele Andere. Lebhafter Beifall durchbrauste den Saal, als die Gattin des kühnen Forschers, von dem Reichskanzler geführt, in den Saal trat, um den Ehrenplatz zwischen dem Fürsten zu und dem Staats⸗Minister von Boetticher einzunehmen.

er Beifall wiederholte sich, als Dr. Nansen, die Brust mit dem Stern des norwegischen Olaf⸗Ordens geschmückt, selbst erschien und mit dem Staats⸗Minister D. Dr. Bosse und den Herren des Vorstandes zur Bühne hinaufstieg, wo an langer Tafel der weitere Vorstand Platz genommen hatte. Dr. Nansen erhielt den Ehrenplatz zur Rechten des Vorsitzenden, Geheimen Regierungs⸗Raths, Professors Freiherrn von Richthofen; zur Linken ließ sich der Staats⸗Minister Dr. Bosse nieder. Mit kurzen anerkennenden Worten begrüßte nunmehr der Vorsitzende den Forscher, der der Gesellschaft selbst nicht mehr fremd war: hatte er doch schon im Herbst 1890 vor der⸗ selben über seine Durchquerung Grönlands selbrochen. Dann nahm, wieder beifällig begrüßt, Dr. Nansen selbst das Wort, um in der ihm eigenen schlichten und doch so ungemein ansprechenden, humorreichen Weise ein Bild seiner denkwürdigen Expedition vor der lauschenden Menge zu entrollen. Eine große Reihe von Projektions⸗ bildern erläuterte die Schilderung und verlieh den Ausführungen erhöhten Reiz. Reichster Beifall belohnte den Redner. Nun⸗ mehr erhob sich der Staats⸗Minister D. Dr. Bosse: „Ueberall,“ so etwa begann derselbe, „wo Herzen für die Wahrheit schlagen, wo man die Wissenschaft zu weiß, blickt man mit staunender und dankender Bewunderung auf Ihre Expedition, auf Ihre Besonnenheit, Ihren Muth, Ihre Ausdauer und den schönen Idealismus, mit denen Sie Ihr ganzes irdisches Glück in den Dienst der Wissenschaft gestellt haben. Solche Verdienste können nicht mit irdischem Lohn entgolten werden, aber der rechtschaffene Mann wird sich doch des Dankes der Mitmenschen nicht erwehren können. Auch in unserem deutschen Lande fliegen Ihnen die Herzen entgegen und zollen Ihnen Dank und Anerkennung. Seine Majestät der Kaiser hat Ihnen die große goldene Medaille für Kunst und Wissenschaft zu verleihen geruht, die höchste Auszeichnung für wissenschaftliche Ver⸗ dienste. Indem der Minister dem Gefeierten unter dem lebhaften Beifall der Versammlung die Medaille überreichte, gab er zugleich dem Wunsche Ausdruck, daß demselben Kraft, Muth und

reudigkeit auch ferner erhalten bleiben möge. Dr. Nansen antwortete, serunc bewegt, mit der Versicherung, daß er die Medaille als schöne Erinnerung bewahren und immer als eine der Pegßten Ehren ansehen werde: „Ich kann nur sagen,“ fuhr er fort, „daß ich ein solches Ehren⸗ zeichen von einer Nation wie die deutsche erhalten, das ist mehr als ich erwarten kann; ich habe die deutsche Nation immer als die erste der Wissenschaft verehrt; ich weiß nicht, wie ich danken soll.“ Stuüͤrmischer Beifall der Versammlung folgte diesen Worten. Hierauf überreichte Dr. Nansen der Gesellschaft das erste deutsche Exemplar seines Reisewerks, welches der Vorsitzende mit einer längeren Ansprache entgegennahm, worauf er dem Forscher die Humboldt⸗Medaille überreichte. Auch für diese Auszeichnung dankte Dr. Nansen tief bewegt, indem er Humboldt als den Gründer der wissenschaftlichen Fen Kenssreisen feierte. Damit schloß die Fest⸗

ung. üit Rach derselben fand gegen 10 Uhr im großen Saale ein Festmahl statt. Die Ehrentafel stand unmittelbar vor der Bühne. An der Tafel hatten außer D)r. Nansen und seiner Gattin der Vize⸗Präsident des Staats⸗Ministeriums, Staats⸗Minister Dr. von Boetticher, der Minister der geistlichen ꝛc. Angelegenheiten D. Dr. Bosse, der Staats⸗ sekretär a. D. Herzog, der schwedisch⸗norwegische Gesandte von Lager⸗ heim, der Präsident der Gesellschaft, Geheime Regierungs⸗Rath Freiherr von Richthofen und Andere Platz genommen. Den Trinkspruch auf Seine Majestät den Kaiser brach; der Staats⸗Minister Dr. von Boetticher, das Hoch auf Seine Majestät den König von Schweden und Norwegen der Staats⸗Minister D. Dr. Bosse aus. Beide Reden

fanden begeisterten Widerhall. Den Ehrengast der Gesellschaft für Erdkunde, Dr. Nansen, feierte darauf der Geheim