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Hessen. 2* Bei der vorgestrigen Galatafel im Großherzoglichen Palais zu Mainz brachte, wie die „Darmst. Ztg.“ meldet, 8—
Seine Majestät den Kaiser aus. Kurz darauf erhob sich Seine Königliche Hoheit nochmals, um ungefähr Folgendes
Königliche see der Großherzog den ersten Toast auf
auszuführen:
Kameraden! Ich habe Sie heute, als am Tage der Vorfeier des
200 jährigen Jubiläums Meines Leib⸗Regiments hier versammelt, um
Ihnen vor allem Meinen Dank zu sagen, den alten Offizieren des Regiments für das, was Sie in Krieg und Frieden in dem Regiment geleistet haben, und dem jetzigen Offizier⸗Korps des vs für die Hingebung, mit der sie das Regiment in Disziplin und Ausbildung auf einer bemerkenswerthen Höhe halten. Ein schmerzlicher Gedanke, welchen die älteren Offiziere des Regiments Mir besonders nachfühlen werden, ist Mir dabei, daß Mein hochseliger Vater heute nicht an Meiner Stelle zu Ihnen sprechen kann. Unter Seinem Befehl hat sich das unvergeßliche Lorbeeren erworben. Und ein weiteres Bedauern ist es für Mich, daß infolge einer schweren Erkrankung Meines Schwagers die Großherzogin heute nicht hier sein kann. Sie hat Mich gebeten, dem Regiment ausdrücklich zu sagen, wie leid es Ihr sei, während der Festtage des Regiments nicht in Ihrer Mitte sein zu können. Ich trinke auf das Wohl und eine glückliche Zukunft Meines Leib⸗Regiments.
Im Namen des Regiments dankte hierauf Seine Groß⸗ herzogliche Höoheit der Prinz Wilhelm mit folgenden Worten:
Eure Königliche Hoheit wollen gnädigst gestatten, daß ich im Namen des Leib⸗Regiments, dem ich seit 380 Jahren anzugehören die Ehre habe, dessen unterthänigsten Dank abstatte für die gnädigen Worte, durch welche Eure Königliche Hoheit dasselbe hoch geehrt haben. Was dem Regiment in den 200 Jahren seines Bestehens zu leifsten vergönnt war, das verdankt es einem Leitstern, dem es allezeit gefolgt ist: der nie wankenden Treue zu seinem Landes⸗ und Kriegsherrn. iese Treue — den erhabenen Ahnen ge⸗ halten — sie ist nun, von Geschlecht zu Geschlecht sich vererbend, dem hohen Enkel geweiht. Heute, wie allezeit, in Krieg und Frieden, in guten und bösen Tagen steht das Leib⸗Regiment in Treue fest zu seinem geliebten Landesherrn, und ein Ruf weckt in den Herzen seiner Angehörigen, der jetzigen wie der früheren, der alten wie der jungen, stets lauten und freudigen Widerhall, der Ruf: Seine Königliche Hoheit der Großherzog hurrah!
Reuß ä. L.
Seine Durchlaucht der Fürst, Höchstwelcher am 5. d. M. Abends mit Ihrer Durchlaucht der Prinzessin Marie von Schloß Burgk nach Greiz zurückgekehrt war, hat sich vor⸗ 889 Vormittag zu mehrwöchigem Aufenthalt nach Tevplitz
Oesterreich⸗Ungaaermng.
Wie das „Fremdenblatt“ vernimmt, ist das Präsidium des Herrenhauses amtlich verständigt worden, daß der Kaiser die vom Herrenhause beschlossene Adresse mit vollster Befriedigung entgegengenommen habe.
Die Königin von Dänemark ist gestern in Gmunden eingetroffen.
In dem Prozeß wegen der Wahlunruhen in Dawidow ist gestern in Lemberg das Urtheil gesprochen worden. Von den 29 Angeklagten wurden zwei freigesprochen, die Anklage gegen drei andere wurde zurückgezogen; 24 Angeklagte wurden u Freiheitsstrafen von drei Wochen Arrest bis zu 5jährigem Kerker verurtheilt.
Im ungarischen Unterhause richtete gestern der Abg. Justh (äußerste Linke) eine Interpellation an den Minister des Innern darüber, ob er das polizeiliche Verbot zur strengen Geltung bringen wolle, nach welchem in Orpheen und Café⸗ Chantants keine Stücke mit einer abgeschlossenen Handlung 8. werden dürften. Der Interpellant bemerkte, daß trotz
es Verbots in den Vergnügungslokalen von Budapest deutsche Bühnenstücke fortwährend aufgeführt würden und daß erst kürz⸗ lich von einem derartigen Etablissement eine deutsche Operetten⸗ gesellschaft engagiert worden sei. 1
6 Großbritannien und Irland. .
Bei der gestern in Petersfield vorgenommenen Ersatz⸗ wahl für den Konservativen Wickham wurde der Konserva⸗ tive Nicholson mit 3748 Stimmen zum Mitglied des Unter⸗ hauses gegen den Radikalen Bonham Carter gewählt, der 3328 Stimmen erhielt. Wickham war 1895 gewählt worden, ohne daß ein Gegenkandidat aufgestellt wurde.
Wie das „RNeuter'sche Bureau“ aus Kapstadt vom gestrigen Tage meldet, ist Cecil Rhodes vorgestern Abend
nach Rhodesia abgereist.
Rußland.
Der koreanische Gesandte in St. Petersburg Min⸗Yun⸗ “ der auch in London beglaubigt ist, wird sich nach
ngland begeben, um den König von Korea bei dem Jubi⸗ läum der Königin Victoria zu vertreten.
Italien.
Nach einer der „Pol. Korr.“ aus Rom zugegangenen Meldung werden der Prinz und die Prinzessin von Neapel am 19. d. M. in London eintreffen, um den König und die Königin von Italien bei dem Regierungs⸗Jubiläum der Königin Bictoria zu vertreten.
Das am 29. April in Venedig vom Stapel gelassene Panzerschiff 1. Klasse „Ammiraglio di St. Bon“ hat, dem „Popolo Romano“ zufolge, eine Länge von 105 m zwischen den Perpendikeln, eine Breite von 21,12 m und eine Wasserverdrängung von 9800 t. Die in Sampierdarena ange⸗ fertigten beiden Maschinen von dreifacher Expansion verleihen bei künstlichem Zuge dem Schiff eine Geschwindigkeit von 18 Knoten; sie werden durch zwölf Kessel in vier getrennten Abtheilungen ge⸗ speist. Die ringsum geführte Panzerung besteht aus Nickel⸗ stahlplatten von 25 cm Stärke, das Panzerdeck ist 4 bis 8 cm stark. Die Batterie ist durch 15 cm starke Seitenpanzer und mit einer 5 cm starken Decke geschützt; auch der Stand für den Kommandeur ist mit 15 cm starkem Panzer versehen. Die gesammte Panzerung stammt aus der Fabrik von Terni. Die von Armstrong in Pozzuoli gelieferte Armierung besteht aus vier Geschüͤtzen von 254 mm, die zu je zwei in zwei vorn und hinten befindlichen Drehthürmen untergebracht find, acht Geschützen von 152 mm in der Panzerbatterie und ebenso vielen von 120 mm oberhalb derselben, ferner aus sechs Ge⸗ schützen von 57 mm und zahlreichen Schnellfeuergeschützen kleineren Kalibers. Vier Torpedorohre sind an den Seiten, eins am Heck angebracht. Das Schiff ist zur Aufnahme von 1000 t Kohlen eingerichtet und führt außerdem zwischen den doppelten Böden flüssiges Feuerungsmaterial mit. Die Be⸗ satzung wird 600 Köpfe betragen. Ein Schwesterschiff des
beginnen.
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„St. Bon“, der „Emanuele Filiberto“, ist in Castellamare im Bau begriffen.
Spanien.
ut Die Königin⸗Regentin wird bei dem zeögiernoge⸗
Jubiläum der Königin Victoria durch den Oberst⸗Hof⸗ meister Herzog von Sotomayor vertreten sein. Die spanische Regierung entsendet aus diesem Anlaß das Panzer⸗ schiff „Vizcaya“ nach Portsmouth. 11“““ rhwrnn . “
Der Nationalrath hat den über die Neuorganisation der Landwehr⸗Infanterie ein⸗ stimmig angenommen. Morgen wird die Berathung der Vor⸗ lage, betreffend die Kranken⸗ und Unfallversicherung,
Türkei.
Das Wiener „Telegr.⸗Korresp.⸗Bureau“ meldet aus onstantinopel, daß die Sekretäre der britischen, der russischen und der italienischen Botschaft zum Studium der Lage Thessaliens gestern nach Saloniki abgereist seien. Heute findet die vierte Sitzung in der Angelegenheit der Friedensverhandlungen statt. Die Sachverständigen für die Kriegsentschädigung und die Frage der Kapitulationen haben die Vorarbeiten begonnen. Aus Kanea meldet die „Agence Havas“, daß in der Oelmühle von Sahel infolge der gegen das Personal der Fabrik ausgestoßenen Drohungen ein Posten von 75 Mann
französischer Marine⸗Infanterie errichtet worden sei. Griechenland.
Die Kaiserin Eugenie ist, wie „W. T. B.“ meldet, gestern in Athen eigerefen
Die Kronprinzessin hat sich gestern Abend nach Hagia⸗Marina begeben, um den Verwundeten Kleidungs⸗ stücke u. s. w. zu überbringen.
Der Kriegs⸗Minister, Oberst Tsamados ist in Thermo⸗ pylai eingetroffen und hatte daselbst eine lange Unterredung mit dem Kronprinzen; der Kriegs⸗Minister inspiziert die Truppen.
In einem an das Journal „Asty“ gerichteten Brief erklärt der ehemalige Bürgermeister von Athen Michael Melao die Meldung für unbegründet, daß er Vorsitzender der „Ethnike Hetairia“ sei.
5 Afrika.
Die „Agence SFenee meldet aus Prätoria vom 9. d. M., daß, den holländischen Blättern zufolge, die Lage in Rhodesia keineswegs befriedigend sei; Hab und Gut außerhalb der befestigten Städte seien nicht sicher.
Parlamentarische Nachrichten.
Bei der gestern im 2. Wiesbadener Wahlkreise vorgenommenen Ersatzwahl zum Reichstage wurden, dem „W. T. B.“ zufolge, für Wintermeyer (fr. Volksp.) 6566 Stimmen, für Freiherrn von Fugger (Zentr.) 5355, für Dr. Quarck (Soz.) 5166 und für Bartling (nl.) 3072 Stimmen abgegeben. Es ist demnach eine Stichwahl Füsei ö. und Freiherrn von Fugger er⸗ orderlich. 9
Arbeiterbewegung.
Der Ausstand des Straßenbahnpersonals in Bochum (vgl. Nr. 132 d. Bl.) ist, der „Köln. Ztg.“ zufolge, durch die end⸗ gültige Entlassung der Ausständigen beendet. Der Verkehr bleibt bis nach Ausbildung des neuen Personals beschränkt. — Der Maurer⸗ ausstand dauert noch fort.
Aus Bielefeld wird der „Rh.⸗Westf. Ztg.“ geschrieben: Der Ausstand der Maurer (vgl. Nr. 106 u. 107 d. Bl.), der nun schon mehrere Wochen andauert, scheint sich jetzt seinem Ende zuzuneigen. Nachdem der wiederholte Versuch der Arbeitgeber, die Ausständigen zur Wiederaufnahme der Arbeit zu bewegen, gescheitert, haben sich sodann die Maurermeister, da die Gesellen auf ihren Forderungen bestanden, nach auswärts gewandt, um neue Arbeitskräfte heranzuziehen, was nicht ohne Erfolg geblieben ist. Mit jedem Zuge trafen am Dienstag Nachmittag fremde Maurer ein. Zur Aufrechterhaltung der Ruhe und Ordnung auf dem Bahnhofe, woselbst sich Ausständige in größerer Anzahl ebenfalls angesammelt hatten, ist eine Anzahl von Polizeibeamten worden. Ein Einschreiten derselben ist bisher nicht nöthig gewesen.
In Cassel ist, dem „Vorw.“ zufolge, der Ausstand der Tischler bei der Firma Zulehner u. Co. (vgl. Nr. 129 d. Bl.) infolge der Ver⸗ mittelung des Stadtsyndikus Dr. Brunner und des Ober⸗Bürger⸗ meisters Westerburg durch Vergleich beigelegt. Am 9. Juni haben mitgAusnahme derer, die selbst auf die Wiedereinstellung verzichteten, alle am Ausstande betheiligt gewesenen Tischler die Arbeit auf⸗ genommen. G
Der Ausstand der Zimmerer in Mannheim (vgl. Nr. 129 d. Bl.) ist beendet. Die Arbeiter haben, wie die „Volksstimme“ mit⸗ theilt, ihre Forderungen mit Ausnahme einiger unbedeutenden Punkte durchgesetzt. Am 8. Juni ist die Arbeit wieder aufgenommen worden. 4 Geschäfte haben nicht nachgegeben. b
Nach einem Telegramm des „Temps“ aus Nümes lehnten die Kohlenarbeiter von La Grand' Combe (vgl. Nr. 130 d. Bl.) die Vorschläge des Gruben⸗Direktors, 300 Austretende, nicht aber die 500 entlassenen Arbeiter wieder zuzulassen, ab. Der Vorsitzende ihres Gewerkvereins begiebt sich nach Paris, um die sozialistischen Ab⸗ geordneten für eine Interpellation zu unterrichten. — In Bourg tagte, der „Köln. Ztg.“ zufolge, zu Pfingsten ein christlichesozialer Kongreß von Arbeitern aus dem Süden und Südwesten.
Wie „W. T. B.“ aus London berichtet, nahm der inter⸗ nationale Bergarbeiter⸗Kongreß (pgl. Nr. 133 d. Bl.) in seiner gestrigen Sitzung einstimmig einen von der Föderation der Grubenarbeiter Großbritanniens eingebrachten Beschlußantrag an, wonach die Arbeitgeber für alle Grubenunfälle verantwortlich sein sollen, wie auch immer die Bestimmungen über die Haftpflicht in dem betreffenden Lande lauten.
Kunst und Wissenschaft.
XV. Kongreß für innere Medizin zu Berlin (9. bis 12. Juni). *)
In der gestern Vormittag abgehaltenen ersten Sitzung referierte, wie schon kurz gemeldet, Geheimer Medizinal⸗Rath Bäumler (Frei⸗ burg i. B.) über „Chronischen Gelenkrheumatismus“. Der Vortragende betonte vor allem die Nothwendigkeit einer Ver⸗ ständigung über die Bezeichnung „Rheumatismus“. Nach dem Vor⸗ schlage Immermann's sei dieselbe zu beschränken auf den gewöhn⸗ lichen akuten Gelenkrheumatismus und dessen Vari
*) S. Nr. 133 des „R.⸗ u. St.⸗Anz.
Alle anderen Gelenkentzündungen sollten möglichst nach ihrer Aetiologie als traumatische, tuberkulöse Arthritis u. s. w. bezeichnet werden. Die Bezeichnung „chronischer Gelenkrheumatismus“ als Thema für die Diskussion sei im Sinne der Nomenklatur von Volk⸗ mann's und der französischen Schriftsteller gewählt. Es handle sich dabei um eine Erkrankung der Gelenke von noch ganz dunkler Aetiologie, häufig, wenn nicht stets viele Gelenke gleichzeitig befallend, mit frühzeitig zu stande kommender Mißgestaltung der Gelenke, die im weiteren Verlauf durch tiefgreifende Veränderungen der das Gelenk bildenden Gewebe zu einer dauernden wird. Eine auf ein ein⸗ zelnes Gelenk sich beschränkende derartige Erkrankung sei meist traumatischen oder traumatisch⸗infektiösen Ursprungs; Typen dieser Form stelle das sogen. Malum coxae und die Spondylitis deformans dar. Der Referent will auch für die polyartikuläre Form dieser Krankheit nach dem Vorgang vieler Ver⸗ treter der inneren Medizin die Bezeichnung „Arthritis“ oder „Poly- arthritis deformans“ beibehalten. Diese Krankheitsform schließe viele der polyartikulären Fälle von „chronischem Gelenkrheumatismus“ von Volkmann's und der französischen Schriftsteller ebenso wie die Arthritis deformans von Volkmann's ein, desgleichen die von manchem unzutreffender Weise als „Arthritis pauperum“ be⸗ zeichnete Affektion und umfasse das von den Engländern nach Garrod's Vorgang als „rheumatoide“ Gelenkentzündung (rheumatoidarthritis) abgegrenzte Gebiet. Zur Pathogenese der Krankheit übergehend, er⸗ wähnte der Referent zunächst der so vielfach als Ursache beschuldigten Feuchtigkeit und Kälte, deren Wirkungsweise jedoch nichts weniger als erkannt sei und deren Einfluß auf die Entstehung der Krankheit von manchem geradezu geleugnet werde. Eine humorale, d. h. auf die Blut.⸗ veränderung zurückzuführende Ursache, wie bei der echten Gicht, sei nicht nachgewiesen; die Annahme einer besonderen „arthritischen“, „rheumatischen“ oder „herpetischen“ (Lancereaux) Diathese sei nur der Ausdruck für das Zusammenvorkommen gewisser Erscheinungen in manchen Fällen, vor allem für die Prädisposition zu Gelenkerkran⸗ kungen. Das Wesen dieser Diathese sei aber etwas ganz Unbekanntes. Eingehend wurden nun vom Vortragenden die Ansichten erörtert, welche eine Abhängigkeit der Arthritis deformans von Stö⸗ rungen des Nervensystems zentraler oder reflektorischer Natur wahrscheinlich zu machen suchen. Dabei wurde hervorgehoben, daß, wie schon Charcot, der französische Neurologe, betonte, die bei Tabes zuweilen auftretende Gelenkerkrankung ihrem Wesen und Ver⸗ lauf nach trotz der Zerstörung, die das Gelenk dabei erfährt, doch von der Arthritis deformans sehr verschieden sei. Die Analogie beweise für die Annahme eines nervösen Ursprungs der Arthritis deformans nicht mehr, als die Möglichkeit, daß bei Rückenmarkserkrankung sekundär auch Gelenkerkrankungen schwererer Art vorkommen können. Die ganze Art des Auftretens der A. deformans mit raschem Befallenwerden zahlreicher Gelenke und oft ziemlich akut einsetzend, wenn auch ohne oder mit nur ganz geringem Fieber, dann in wiederholten subakuten Schüben verlaufend, habe längst den Ge⸗ danken nahe gelegt, daß es sich um eine Infektionskrankheit handle. Dieser Gedanke habe eine Stütze erhalten durch die mehr und mehr zur Gewißheit gewordene Annahme, daß der gewöhnliche akute Gelenk, rheumatismus eine Infektionskrankheit darstelle. So sei es wohl auch erklärlich, daß man irrthümlicherweise die in Rede stehende Krankheit mit dem typischen akuten Gelenkrheumatismus in nähere Be⸗ ziehung gebracht habe, was in Bezeichnungen wie chroni⸗ scher Gelenkrheumatismus“ oder geradezu „Rheumatisme chronique infectieux“ französischer Schriftsteller seinen Aus⸗ druck gefunden hat. Wenn es sich wirklich bei A. def. um eine Infektionskrankheit handle, so sei dieselbe sicher eine ganz anders geartete, als bei dem gewöhnlichen akuten Gelenkrheumatismus. In den letzten Jahren seien nun von Schüller (1892) und neuerdings von Bannatyne (1894), Wohlmann und Blaxall Bakterien in den an A. def. erkrankten Gelenken gefunden worden. Sollten diese be⸗ merkenswerthen Funde sich bestätigen, so würde dadurch ein neuer Ausgangspunkt für weitere Forschungen, für die Erklärung mancher die Krankheit begleitenden Erscheinungen, insbesondere aber 8 für die Prophylaxis und Behandlung der Krankheit gewonnen werden.
Anschließend daran erörterte Professor Adolf Ott (Prag⸗ Marienbad) die Behandlung des chronischen Gelenkrheumatismus. Der Korreferent stellte den beachtenswerthen Grundsatz auf, daß die Anfänge der in Rede stehenden Kranheitsformen zu behandeln seien, und zwar unter Berücksichtigung aller Lebensverhältnisse, welche dem Entstehen und Fortschreiten der Krankheit Vorschub leisten. Es gehören dahin: erbliche Anlage, schlechte Wohnungsverhältnisse, deren
enauere Kenntniß durch eine Reihe kurz erwähnter Forschungen in den etzten Jahrzehnten angebahnt ist; auch die Erkältung ist als dieponierendes
Moment anzusehen, daher denn Kleidung und Hautpflege Berück⸗ sichtigung erheischen. Von dem über die Ernährung in diesen Krank⸗ heitszuständen Gesagten sei nur noch erwähnt, daß “ in dem Genuß alkoholischer Getränke große Mäßigkeit anräth. Endlich ge⸗ dachte Vortragender des üblen Einflusses, welchen Gemüthsbewegungen, Kummer, Sorgen auf den Verlauf der Krankheit haben. Gelingt es nicht, durch Versetzen in möglichst günstige Lebensbedingungen die Krankheit zu verhüten beziehungsweise zu bessern, so tritt die eigentliche Behandlung in ihr Recht. Bis beute sind es drei Ansichten, welche je nach der Auffassung des ursäch⸗ lichen Zusammenhangs der Erkrankung die diesen Gesichts⸗ punkten entsprechende Behandlung begründen sollen. Die erste der⸗ selben sucht die Grundursache in dem gestörten Stoffwechsel, der ver⸗ mehrten Säurebildung im Organismus. Die entsprechende Behand⸗ lung besteht in Zufuhr von Alkalien in hohen Dosen (Charcot, A. E. Garrod ꝛc.); auch der Gebrauch der alkalischen Wässer gehört hierher. Die zweite Ansicht vertritt den ursächlichen Zusammenhang des Leidens mit Veränderungen im Nervensystem und gründet darauf die Behandlung (Neurotonica, Elettrizität, Hydrotherapie). Die dritte Auffassung ist diejenige, welche die Polyarthritis deformans als infektiöse Erkrankung durch Vorhandensein von Mikroorganismen und deren srease bedingt, betrachtet; dieser Anschauung entspricht die lokale Behandlung mit Antisepticis (Hueter, Schüller) und die innerliche mit Kreosot, Gujakolkarbonat ꝛc. Redner besprach sodann eingehend die symptomatische Therapie der akuten Verschlimmerungen und Nachschübe des Leidens durch mecha⸗ nische, hydropathische, medikamentöse und andere Maßnahmen. Bezüglich der Badekuren stellte sich Redner auf den Stand⸗ punkt, daß jede Bäderbehandlung unterbleiben soll, so lange oder sobald Zeichen akuter oder subakuter Reizung vorliegen. Den wesentlichsten Antheil an der Wirkung des Bades hat die Wärme durch ihren Einfluß auf den Blutumfluß in den erkrankten Theilen; eine genaue Regelung der Temperatur und Dauer des Bades durch den Arzt ist unerläßlich, und es kann von einem Erfolge nur dann die Rede sein, wenn Geduld und Ausdauer sowohl von seiten des Arztes, wie von seiten des et; eine genügend lange Dauer der Badekur ermöglichen. Berechtigten alten Ruf genießen bei der Behandlung des chronischen Gelenkrheumatismus immer noch die Thermalbäder, bei deren Auswahl auch Lage und hygienische Verhältnisse in Betracht kommen: 1) Die sogenannten indifferenten Thermen oder Wildbäder, welche nur sehr geringen Gehalt an festen Bestandtheilen oder an Gasen aufweisen. 2) Die Kochsalzthermen; es wird durch sie der Ge⸗ sammtstoffwechsel gehoben und die Vertheilung der Exsudate gefördert; ihnen schließen sich die nicht naturwarmen Quellen und Soolen an; dieselben haben wie auch die Thermen zum Theil einen größeren oder geringeren Gehalt an Kohlensäure. 3) Die Schwefelquellen. Redner ist geneigt, ihren berechtigten Ruf zum großen Theil weniger ihrem Gehalt an Schwefelwasserstoff und Schwefelmetallen als der hohen Temperatur, mit welchen sie gebraucht werden, und den mit ihnen verbundenen, in den betreffenden Badeorten aufs höchste ausgebildeten Einrichtungen für Douche, Massage und Gymnastik zuzuschreiben. Ferner kommen in Betracht die Moor⸗ und Schlammbäder als Voll⸗ und Theilbäder, so⸗
wie als Umschläge. Endlich sind zu erwähnen die Sandbäder mit ihren hohen Temperaturen, die Dampfbäder und die lokalen Heißluftbäder, deren technische Vervollkommnung im e. der letzten Jahre eingehend
gewürdigt wird. Die Douche wird als schottische (verschieden temperiert)
und in gleichmäßiger Wärme als wesentliche Unterstützung der Thermal⸗
wirkung lokal, auch in Verbindung mit Massage geübt und ist sehr
wirkungsvoll. Es wärde zu weit führen, die detaillierte Be⸗
ng und vielseitige Würdigung anderer Heilmaßnahmen seitens pre hundarg, wie Elektrizität, Massage, aktive und passive Bewegungen u. s. w. ausführlich wiederzugeben. g. Bezug auf das Klima sind gleich⸗ mäßige Wärme, Trockenheit, Schutz gegen Winde in sonniger Gegend von günstigem Einfluß. Endlich kommt für gewisse Stadien der Er⸗ krankung neben der äußeren noch die innere Behandlung in Betracht; hierbei ging Redner des näheren auf Mittel wie Jod, Arsen, Salol ꝛc. sowie die Eisenpräparate ein, welche die meist gesunkene Ernährung und Blutbildung anzuregen haben. Die Schilderung der chirurgisch⸗ orthopädischen Behandlung bildete den Schluß des
eferats.
Die zweite Sitzung des Kongresses, am gestrigen Nachmittage, wurde durch eine angeregte Diskussion über die in der Vormittags⸗ situng erstatteten Referate über chronischen Gelenkrheumatismus aus⸗ gefüllt. An der Diskussion betheiligten sich u. A. die Herren Professoren Chvostek und Singer⸗Wien, Professor Schüller, Krönig, Michaelis, Davidsohn⸗Berlin, R. Friedländer⸗Wiesbaden, Professor van Noorden⸗ Frankfurt a. M. — Professor R. Ewald⸗Straßburg sprach sodann über die Folgen von Großhirn⸗Operationen an labyrinthlosen Thieren mit Demonstration eines Hundes vor und nach der Operation. Der interessante Vortrag hatte einen rein Tö Inhalt. — Abends fand zu Ehren des Kongresses eine Festvor⸗ stellung im Neuen Königlichen Opern⸗Theater statt, wobei Fräu⸗ lein Lindner einen von J. Becker gedichteten Prolog sprach.
In der beutigen, dritten Sitzung erhielt zunächst das Wort Herr Professor Unverricht, Leiter des Magdeburg⸗Sudenburger Krankenhauses, zu seinem Referat über Epilepsie. Im Deutschen Reiche, so führte der Vortragende aus, sollen etwa 100 000 Epileptiker vorhanden sein: daraus geht die große soziale Bedeutung der Epilepsie⸗ Frage hervor, welche mit Recht zum Verhandlungsgegenstand des Kongresses gemacht worden ist, da dieser ja nicht nur rein wissenschaft⸗ liche Problemediskutieren, sondern auch engste Fühlung mit dem praktischen Leben erhalten will. Bei der Erörterung dieser Frage sind die Hauptbrenn⸗ punkte des Interesses einmal die Frage nach dem Wesen der Erkrankung und dann die nach ihrer Behand ugse Nur auf Grund einer ein⸗ gehenden Kenntniß der Krankheit selbst kann eine gesunde Therapie
edeihen, und Vortragender beschränkte sich deshalb darauf, die Pathogenese (d. h. die Darstellung der ursächlichen Entwickelung) der Epilepsie zum Gegenstande seiner Auseinandersetzungen zu machen. Den wichtigsten Leitstern bietet hier das Thierexperiment, durch welches man alle möglichen Krampfformen erzeugen und deren Mechanismus genau studieren kann. Man hat früher durch künstliche Verblutung (Kußmaul) oder durch mechanische Hirnreizung (Noth⸗ nagel) Krämpfe erzeugt und ist zu der Ueberzeugung ekommen, daß diese von der sog. Brücke (einem wichtigen Gehirntheil) und dem verlängerten Mark (d. i. die Verbindung zwischen Gehirn und Rücken⸗ mark — medulla oblongata) ihren Ursprung nehmen. Die Berech⸗ tigung, aus diesen Thierversuchen auf die menschliche Epilepsie Schlüsse zu ziehen, bestreitet der Vortragende, weil die so erzeugten Krampf⸗ anfälle in vielen Punkten von den Anfällen der echten Epilepsie ab⸗ wichen; auch die durch Gifte, z. B. Strychnin, erzeugten Anfälle hält er zu Analogieschlüssen nicht für so werthvoll, weil bei der menschlichen Epilepsie ens Wahrscheinlichkeitsgründe dafür sprechen, daß es sich um innere Vergiftungen handle. Vortragender hat deshalb selbst die durch elektrische Reizung der Hirnrinde (cortex cerebri) erzeugten Anfälle zum Studium ewählt und ist dabei zu dem Ergebniß gelangt, daß die Hirnrinde nicht nur für die Entstehung, sondern auch für die Fortentwickelung des Anfalles das bestimmende
DHOrgan ist; er stellt also der medullären Theorie von Kußmaul und
Nothnagel die kortikale gegenüber. Nach kurzer Berührung der inter⸗ essanten Befunde, welche die einfache Reizung des Hundegehirns dar⸗ bietet und welche zur Entdeckung einer homolateralen, d. h. nur von einer Hirnhälfte ausgehenden Innervation bestimmter Muskeln und einer doppelten Kreuzung cerebrospinaler, d. i. der vom Gehirn zum Rückenmark führenden Leitungsbahnen, sowie zum Nach⸗ weis einer kortikalen Stelle geführt haben, von der aus sich Still⸗ stand der Athmung erzielen läßt, ging Vortragender auf eine nähere Beschreibung der durch Rindenreizung erzielten Krampfanfälle ein, bei denen vor allen Dingen die Thatsache bemerkenswerth erscheint, daß jeder komplette epileptische Anfall sich aus zwei Hälften zu⸗ t, welche die aufeinanderfolgende Erregung der beiden Großhirnhälften widerspiegeln. Es zucken zuerst sämmtliche Muskeln der einen, dann in ganz typischer, von der hinteren Extremität beginnender Reihenfolge die der anderen Körperhälfte. Folgen sich die Anfälle in schnellerem Tempo, so wird dieser Gang verwischt, und es tritt von vornherein wie bei der genuinen, d. h. echten Epilepsie ein verbreiteter Muskelkrampf ein. Unter Um⸗ ständen entsteht durch spontane Rückfälle ein Status epilepticus, welcher Unverricht Gelegenheit gegeben hat, die Einwirkung der ver⸗ schiedenen Beruhigungsmittel zu studieren. Es sei nur hervorgehoben, daß sich das Morphium hierbei garnicht bewährte, während das Chloral von auffälliger Wirkung war, — eine Erfahrung, die auch klinisch vom Vortragenden vielfach bestätigt worden ist. Wenn man Theile der motorischen Region fortnimmt, so werden auch die Krampf⸗ anfälle verändert und verstümmelt. Die entsprechenden Muskeln zeigen dann keine Zuckungen mehr. Nimmt man, wie es der Vor⸗ tragende in seinem sog. „Fundamentalversuche“ schildert, die ganze motorische Region einer Seite fort, so treten nur halbseitige Krampf⸗ anfälle auf. In den zu den exstirpierten Zentren gehörigen Muskel⸗ gruppen kommen aber noch geringe Krampferscheinungen — sekundäre Krämpfe — zu stande, entweder klonischer Natur, d. h. Anfälle von kurzer unterbrochener Dauer (sekundärer Klonus), oder tonischer Natur, die Dauerkrämpfe (sekundärer Tonus). Sie begleiten nur die Krämpfe der anderen Seite (die primären Krämpfe) und fallen mit diesen fort, wenn man auch die andere motorische Region exstirpiert. Den zum Tonus anschwellenden, durch Rinden⸗ reizung erzeugten Klonus bezeichnet Unverricht als primären oder Rindentonus, zum Unterschied von dem sekundären oder Rückenmarks⸗ tonus, der nur durch Ueberspringen des Reizes im Rückenmark ent⸗ steht. Daß von der Rinde nur klonische Krämpfe ausgelöst würden, die infrakortikalen, d. h. unter der Rinde liegenden Ganglien dagegen die tonische Komponente des Krampfes hervorriefen, bestreitet der Vortragende auf das entschiedenste. Einen derartigen Unterschied kenne auch die Physiologie nicht, welche den Tonus immer nur als eine öhere Stufe des Klonus betrachtet. Aus dem „Fundamentalversuche“ geht weiter hervor, daß auch die hinteren Rindengebilde epileptogene, d. i. zur Epilepsie führende Eigen⸗ schaften haben. Bezüglich der Athmung weist Unverricht nach, daß die krampfhafte Erregung einer bestimmten Rindenstelle einen lang⸗ dauernden Athemstillstand hervorruft. Greift der Muskelkrampf weiter, so kann man an der Athemkurve häufig eine Phase unter⸗ scheiden, in welcher die Erspirationsmuskeln, und eine andere, in welcher die Inspirationsmuskeln Krämpfe zeigen. Von prinzipieller Bedeutung ist der Athemstillstand, welcher durch einen „Hemmungs⸗ krampf“ zu stande kommt: eine Form der Erregung, welche physiologisch noch wenig, beachtet worden ist. Am Gefäß⸗ apparat spielen sich Veränderungen ab, welche eine Eint eilung in vier Stadien gestatten. Im ersten Stadium kommt Beschleuni⸗ Zung des Pulses und Blutdrucksteigerung, im zweiten Verlangsamung, im britten eine weitere Beschleunigung bei hohen Pulsen uno im vierten die Rückkehr zur Norm zur Beobachtung. Greift der Anfall auf die andere Körperhälfte über, so wiederholen sich die Stadien noch einmal, und es zeigt sich also auch am Gefäßapparat eine Zwei⸗ theilang des Anfalles, welche auf die krampfhafte Er⸗ regung der beiden Hirnhälften hinwer xt. Die Veränderungen am Gefäßapparat sind von den Muskelkrämpfen unabhängig, denn sie bleiben auch nach Curare⸗Vergiftung bestehen, welches Gift ja die Muskeln lähmt und ausschaltet. Man kann dann einen rein vafomotorischen, auf die Gefäßkrämpfe 4 epileptischen Anfall beobachten. Bei der Uebertragung der Thierversuche auf die mensch⸗ liche Epilepfie gilt die vergleichende Physiologie als Leitstern. Diese beweist, daß die Hirnrinde in der stufenartigen Entwicklung der Organismen immer höher hinauf von den motorischen Funktionen
Besitz ergreift, und es ist daraus zu schließen, daß beim Menschen die Epvilepsie erst recht kortikaler Natur sein muß, wenn sie schon beim Hunde von der Hirnrinde ausgeht. 8 spricht dafür auch die klinische Beobachtung selbst, welche mit zwingender Noth⸗ wendigkeit auf die Hirnrinde hinweist. Zwischen der sogenannten kortikalen Epilepsie und der genuinen und einfachen besteht kein grundsätzlicher Unterschied, sondern nur ein Unterschied in Bezuz auf die Hestigkeit in dem Ablauf des Anfalls. Es muß also auch die genuine Epilepsie als kortikale bezeichnet werden. Bei dieser korti⸗ kalen Natur des Krampfes ist es begreiflich, wenn auch andere krank⸗ hafte Erregungen sich in der Hirnrinde abspielen, wie es bei Epilep⸗ tikern in den sogenannten Aequivalenten geschieht. Diese sind aber nur Komplikationen der Epilepsie; aus derartigen Aequivalenten darf man nicht auf das Vorhandensein von Epilepsie schließen, nur das Auftreten von Rindenkrämpfen ist das Ausschlaggebende. Es würde sonst der Begriff so verschwommen werden, daß man, wie es leider z. B. seitens Lombroso's geschehen ist, alle explosiven Charaktere als Epileptiker bezeichnen müßte. Die Epilepsie ist nur ein sympto⸗ matischer, d. i. gewisse sinnfällige Erscheinungen zusammenfassender Begriff, der allmählich ganz die Bedeutung einer genuinen Er⸗ krankung verlieren wird, wenn man erst die Ursache der Krämpfe in den einzelnen Fällen genauer kennt. Bei den Alkohol⸗, Blei⸗, luetischen und urämischen Krämpfen weiß man, daß die Epilepsie ein Symptom einer bestimmten Er⸗ krankung ist. Je weiter unsere Erkenntniß vordringt, desto mehr werde das Gebiet der genuinen Epilepsie eingeengt werden. Schließlich erörterte der Vortragende noch die Möglichkeit, ob unter den Krampf⸗ formen unbekannten Ursprunges, welche man als genuine Epilepsie bezeichnet, neben den kortikalen Krämpfen nicht auch infrakortikale vor⸗ kommen. Er hält dies in Analogie mit den Thierversuchen für durchaus wahrscheinlich, wenn auch bis jetzt die beiden Formen noch nicht durch scharfe klinische Merkmale getrennt sind. Von der größten Bedeutung werde auch für die Erforschung dieser Krampfformen der von Nichtwissern vielgeschmähte Thierversuch bleiben, dem man schon so viele Aufklärung zum Wohle der Menschheit verdanke.
Abgesehen von der bereits erwähnten Ausstellung im Architektenhause verdient auch noch das in der Königlichen Charité im letzten Semester eingerichtete Krankenpflege⸗Museum, welches zum Unterricht in der Krankenpflege für Aerzte und Studirende dienen soll, Hervor⸗ hebung. Privatdozent Dr. Martin Mendelsohn, welcher mit der “ dieser Sammlung betraut ist, empfing heute die auf Einladung der Charité⸗Direktoren in dem Museum erschienenen Mitglieder des Kongresses und führte ihnen dasselbe vor. Das Museum, welche als eine äußerst werthvolle Bereicherung der Lehrmittel der Universität zu bezeichnen ist, umfaßt schon jetzt mehr als tausend verschiedene Geräthe und Apparate, die in Zukunft noch weiteren Zuwachs erfahren sollen. Allgemein wurde anerkannt, - mit der Einrichtung eines solchen Krankenpflege⸗Museums und insbesondere mit seiner Angliederung an ein großes Hospital die Universität Berlin eine für die anderen Hoch⸗ schulen maßgebende Initiative ergriffen habe. 4
In der gestern mitgetheilten Liste der Ehren⸗Präsidenten des Kongresses ist an erster Stelle zu lesen: Seine Königliche Hoheit Prinz Ludwig Ferdinand von Bayerr.
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In deutscher und französischer Sprache erschienen im Verlage von Georg Reimer hierselbst die Protokolle über die Verhandlungen der vom 15. bis 21. Oktober 1896 in Lausanne abgehaltenen Konferenz der permanenten Kommission der inter⸗ nationalen Erdmessung, redigiert von dem ständigen Sekretär, Professor A. Hirsch in Neuchatel (mit 13 lithographischen Tafeln und Karten). Beigegeben sind den Protokollen die Berichte über die Fortschritte der Erdmessung in den einzelnen Ländern während des letzten Jahres. — Ueber die in Preußen im Jahre 1896 ausgeführten Arbeiten geben die Berichte des Geodätischen Instituts und der Trigonometrischen Abtheilung der Landes⸗Aufnahme Auskunft. Ueber die vom Geodätischen In⸗ stitut im vergangenen Jahre ausgeführten Arbeiten berichtet der Direktor, Geheime Regierungs⸗Rath, Professor Dr. Helmert: Zur Ergänzung des sieonomisch-geodätischen Netzes erster Ordnung wurde das Marine „Observatorium in Wilhelmshaven in das Dreiecks⸗Netz erster Ordnung eingeschaltet und daselbst die Breite und das Azimut beobachtet. Die Schwerkraft wurde auf 19 Stationen vom Harz bis zur dänischen Grenze und auf 6 Stationen von der sächsischen Grenze bis Berlin bestimmt, womit zugleich Berlin (Sternwarte) aufs neue mit Potsdam verbunden ist. Ferner wurde der Wasserstand der Ostsee, wie im Jahre 1895, an sechs Stationen beobachtet; außerdem war die Anlage zweier neuen Stationen geplant, und ebenso sollen an der Nordseeküste einige Mareographen errichtet werden. Die Bodenbewegunzen der Erdscholle des Telegraphenberges wurden, wie früher, durch geometrische Nivellements sowie eine hydrostatische Nivellements⸗Anlage untersucht. An Publikationen ließ das Geodä⸗ tische Institut erscheinen: den zweiten Theil der „Europäischen Längen⸗
radmessung“ und „Bestimmung der Polhöhen und der Intensität der
chwerkraft auf 22 Stationen von der Ostsee bei Kolberg bis zur Schneekoppe. — Der von dem Oberst „Lieutenant M. von Schmidt erstattete Bericht der Trigonometrischen Abtheilung der Königlich. preußischen Landes⸗Auf⸗ nahme über die Arbeiten im verflossenen Jahre meldet zunächst über die Fortschritte der Herpene ghcübc⸗ Folgendes: Die Beobachtungen für das pfälzische Dreiecks⸗Netz, welches die Ver⸗ bindung zwischen der elsaß⸗lothringischen Kette (gemessen 1876) und der rheinisch⸗hessischen Dreiecks⸗Kette (gemessen 1889 bis 1892) her⸗ stellen soll, sind auf den östlichen Stationen Melibocus, Königstuhl, Eichelberg, Straßburg, Wintersberg und Calmit zu Ende geführt worden; dieselben zeigen nach den voneesge Berechnungen eine vor⸗ zügliche Uebereinstimmung sowohl ch als auch zwischen den benachbarten Systemen. Außer den genannten Hauptpunkten wurden in dem pfälzischen Dreiecks⸗Netz einzelne sekundäre Punkte bestimmt und bei dieser Gelegenbeit auch die zum Anschluß der ehemaligen Sternwarte zu Mannheim an das allgemeine Dreiecks⸗ Netz der Landes⸗Triangulation erforderlichen Messungen vorgenommen. Ueber die Nivellements wird berichtet: Die Verfestigung der älteren Nivellementslinie ist nach den bisherigen Grundsätzen fortgesetzt worden und derart vorgeschritten, daß ihre Beendigung im laufenden Jahre 1897 erwartet werden kann. Neumessungen erfolgten auf der Küsten⸗ linie Lübeck — Stralsund und den kleinen Seitenlinien nach Travemünde und Warnemünde. Nach einer — allerdings noch nicht endgültigen — Ermittelung ist bei diesem Küsten⸗ Nivellement eine wesentliche Verminderung derjenigen svstematischen Fehler, welche durch die Unterschiede zwischen den Messungen cbin und zurück) der einzelnen Strecken zur Erscheinung kommen, erzielt worden. Der mittlere Gesammtsehler einer Einkilometerstrecke hat
sich aus denselben Uaerschieden = 0 um 8 ergeben. Hinsichtlich
der Uebereinstinmmung der Resultate des neuen Küsten⸗Nivellements mit den aüteren Beesghhe wird die später stattfindende Veröffent⸗ liczung ausführliche Mittheilungen bringen. Das Signal⸗Nivellement ist wie in früheren Jahren innerhalb der Arbeitsgebiete der Triangu⸗ lation niederer Ordnung zur Ausführung Plangt; die Anzahl der hierbei bestimmten trigonometrischen unkte betrug 151. — An größeren Werken sind im Jahre 1896 durch die Trigo⸗ nometrische Abtheilung herausgegeben worden: 1) Der XIII. Theil des Werkes „Abrisse, Koordinaten und Höhen zꝛc.“, enthaltend die vollständigen Messungsergebnisse im Bereich des ege preußischen Regierungsbezirks Potsdam (mit Einschluß von Ber in); diejenigen Abschnitte dieses Theils, welche die Koordinaten und Höhen um⸗ fassen, sind in einem Sonderabdruck erschienen. 2) Der VIII. Theil des Werks „Die Haupt⸗Dreiecke der Königlich preußischen Landes⸗ Triangulation, enthaltend die Messungen erster Ordnung in der hannoverschen Dreiecks⸗Kette, dem Basis⸗Netz bei Meppen und dem Weser⸗Netz. Außerdem wurden die borsh sen für den praktischen Gebrauch bestimmten Hefte „Die Nivellements⸗
Ergebnisse der Trigonometrischen Abtheilung“ für die Provinzen Ost⸗ preußen, Westpreußen, Pommern und Posen (Hefte 1, 2, 3 und 6) gedruckt und dem Buchhandel übergeben. In Bearbeitung befinden sich: der 14. Theil des Werks: „Abrisse, Koordinaten und Höhen“, mit den gesammten Messungs⸗Ergebnissen im Regierungsbezirk Magdeburg; der 9. Theil des Werks: „Die Haupt⸗Dreiecke der Königlich preußischen Landes⸗Triangulation“, mit der rheinisch⸗ hessischen Dreiecks⸗Kette, dem Basis⸗Netz bei Bonn und dem nieder⸗ rheinischen Dreiecks⸗Netz, sowie endlich die nächstfolgenden Hefte der „Nivellements⸗Ergebnisse“.
In Leipzig tagt seit gestern der VII. Kongreß der Deutschen Gesellschaft für Gynäkologie. Geheimer Medizinal⸗Rath, Profeslor Zweifel⸗Leipzig eröffnete den aus allen Theilen Deutschlands, aus Oesterreich⸗Ungarn, Rußland, Belgien, den Niederlanden und England besuchten Kongreß mit einer Begrüßungsansprache. Ober⸗ Bürgermeister Georgi begrüßte die Kongreßtheilnehmer namens der Stadt. Hierauf begannen die Vorträge, welche heute Vormittag fortgesetzt wurden.
Land⸗ und Forstwirthschaft. Saatenstand im nördlichen Frankreich.
Während der Winter und der Frühlingsanfang unter zu großer Nässe litten, war das Wetter im Monat Mai fast zu trocken und von kalten Winden begleitet. Die Saaten, welche ohnehin im Wachs⸗ thum zurück waren, haben sich daher nicht so entwickelt, wie man gebofft hatte. Der späte Frost hat mehr das südlichere Frankreich getroffen.
Nach amtlicher Schätzung vom 10. v. M. haben die Feldfrüchte tn den 10 Nord⸗Departements im Durchschnitt folgende Nummern erhalten:
Winter⸗ und Sommerweizen Nr. 3 oder ziemlich gut;
Winterroggen ebenfalls Nr. 3, doch innerhalb der Nummer besser als der Weizen gestellt; stch auch Hafer und Gerste Nr. 3, ersterer etwas besser als letztere
ehend; Wiesen, Weiden, Kleefelder und dergleichen Nr. 2 oder gut und zum theil Nr. 1 oder sehr gut;
Kartoffel wieder Nr. 3, ziemlich gut.
Die Zuckerrübenpflanzen waren fuür eine Schätzung noch zu klein, doch hört man über unregelmäßiges Auflaufen klagen.
Im Großen und Ganzen weichen die Ernteaussichten in den Fbrigen .“ Frankreichs nicht wesentlich von den Aussichten im Norden ab.
Es sollen im Lande 800 000 ha oder 11 % weniger mit Winter⸗ weizen bestellt worden sein, als in den vorausgegangenen Jahren. Der Ausfall ist ungefähr zur Hälfte durch Sommerweizen und anderes Sommergetreide gedeckt. 8
Saatenstand in Rußland.
Aus Nicolajew liegt folgende Nachricht über den Stand der Saaten zu Ende v. M. vor:
Der lang erwartete Regen ist noch gerade zur rechten Zeit ein⸗ getroffen, um die Wintersaaten vor dem Untergang zu retten und der Sommerfrucht die zum Wachsthum nöthige Feuchtigkeit zuzuführen. Zwar hatte das Wintergetreide durch das ungünstige Wetter im April so stark gelitten, daß auch die seit drei Wochen niedergehenden Regen vieles nicht mehr verbessern konnten, so daß man darin wohl kaum eine Mittelernte wird erwarten können. Dagegen steht Sommerkorn laut den kürzlich aus der Umgegend und den Kiewschen, Poltawschen, Ekaterinoslawschen und Chersonschen Gouvernements eingetroffenen Berichten überall sehr gut und verspricht nach dem jetzigen Stand eine höhere als Mittelernte, vorausgesetzt natürlich, daß das Wetter der weiteren Entwickelung günstig bleibt.
Gesundheitswesen, Thierkrankheiten und Absperrungs⸗ Maßregeln.
1 Uruguay. 8 “ Der National⸗Gesundheitsrath in Montevideo hat die für Schiffe aus Rio de Janeiro und Santos angeordneten Quarantäne⸗ Maßnahmen wieder aufgehoben. Die gedachten Schiffe sollen seit dem 12. v. M. nur einer gesundheitlichen Untersuchung im Hafen von Montevideo unterworfen werden. (Vergl. „R.⸗Anz.“ Nr. 104 vom 4. v. M.)
Konstantinopel, 9. Juni. (W. T. B.) Da die Meldung von dem Auftreten einzelner Pestfälle in Dscheddah sich bestätigt, ist eine fünfzehntägige Quarantäne angeordnet worden; eine
Sonderkommission wird nach Dscheddah entsendet werden.
Verdingungen im Auslande.
Oesterreich⸗Ungarn.
1. Juli, 12 Uhr. Direktion der Ersten K. K. priv. Donau⸗ Dampfschiffahrts⸗Gesellschaft in Wien: Lieferung von 50 000 t mineralischer Kohle. Näheres bei der genannten Direktion und beim „Reichs⸗Anzeiger.“
Spanien.
19. Juni. Einrichtung der elektrischen Beleuchtung in der Stadt Valdepenas (Provinz Ciudad Real).
23. Juli, 3 Uhr. Junta del puerto de Barcelona: Hydraulische Generations⸗ und Accumulations⸗Motoren. Provisorische Kaution 1400 Pesetas. Bedingungen zur Einsicht im Sekretariat der genannten Junta (casa Lonja)..
Rumänien.
17. Juni. Kriegsministerium in Bukarest: Errichtung einer Kaserne für das Regiment Buzen Nr. 8 in Buzen. Voranschlag 250 000 Fr. “
19. Juni. Ebendaselbst: Errichtung einer Kaserne für ein Bataillon Genietruppen in Crajova. Voranschlag 300 000 Fr.
21. Juni. Ebendaselbst: Errichtung einer Kaserne für ein Jäger⸗ Bataillon in Galatz, Voranschlag 260 000 Fr., sowie für ein Ba⸗ taillon Genietruppen in Roman, Voranschlag 300 000 Fr. 25. Juni. General⸗Direktion der Rumänischen Eisenbahnen in Bukarest: Lieferung von 1 v
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30. November. Ministerium der öffentlichen Arbeiten in Mexiko: Preisausschreiben für die Erbauung eines Palastes für die gesetzgebende Körperschaft. Eine Prämie von 15 000 Silber⸗Piastern ist für das beste Projekt bestimmt, und eine Summe von 6000 Piastern wird zwischen den Urhebern des zweit⸗ und drittbesten Projekts getheilt werden. 6
sypten. 6s
30. Juni, 11 Uhr. Verwaltun 8⸗Chef des Ministeriums der öffentlichen Arbeiten in Kairo: Lie erung der Straßenschilder und Häusernummern in Kairo 8 ereh. Näheres bei genannter Be⸗
Nichtfeiertagen von is 2 döede eP enhanr Der Aufseher der Salz⸗ und Natronverwaltung in Kairo: Lieferung von 20 000 Salzsäcken. Mittheilung 42 Lastenhefts bei genannter Behörde an Nichtfeiertag n S bis 21 hr.
Verkehrs⸗Anstalten. 8 en, 10. Juni. (W. T. B.) Norddeutscher Lloyd D. “ v. New⸗York kommend, 9. Juni 12 Mittags Dover passiert. Der Dampfer überbringt 319 Passagiere und volle Ladung. avel“ 8. Juni 12 Mittags v. New⸗York via Plvmouth n. d. Fühan abgeg. „Willehad“, v. Baltimore kommend, 9. Juni 3 Morgens a. d. Weser angek. „Kronprinz Friedrich Wil⸗ helm“, 9. Juni v. Bahia via Antwerpen n. d. Weser abgeg. T rave“, n. New⸗VYork best., 9. Juni 7 Morgens Dover passiert. 8 ⸗Gera“, v. Australien kommend, 9. Juni 12 Mittags Hurst astle passiert. 8 8 8 “ 10. Juni. (W. T. B.) Hamburg: Amerika⸗ Linie. D. „Normannia“ von New⸗York kommend, dat heute Morgen Lizard passiert.