man mit ruhigem Blut handeln soll, so ist das bei der Frage inter⸗ nationaler Handelsbeziehungen. (Sehr wahr! links.) Man sollte internationale Handelsbeziehungen, selbst wenn man manchmal das Gefühl hat, daß uns ein Unrecht geschehen ist, nie ab irato be⸗ urtheilen (sehr wahr! links), sondern man sollte sie beurtheilen wie ein guter, nüchterner, kühler Kaufmann, der die Bilanz zieht, und sich ebenso fragen: ist für unser Vaterland, wenn wir die bestehenden Verträge aufrecht erhalten, noch ein merkantiler Nutzen vorhanden oder nicht? (Sehr richtig! links.) Und so lange wir glauben, daß ein folcher merkantiler Nutzen noch auf seiten Deutschlands steht, werden wir klug thun, die vorhandene Lage eines lucrum cessans wegen nicht zu überspannen und nicht die Möglichkeit eines Zoll⸗ krieges herbeizuführen, der für beide betheiligte Staaten zunächst ein entschiedenes Unglück sein würde. (Sehr wahr! links.)
Ich gestehe indessen zu, meine Herren, es kann auch ein Moment kommen, wo man diese kühle Erwägung nicht mehr inne halten kann. (Sehr richtig! rechts.) Gestatten Sie mir hierzu noch eine kurze Be⸗ merkung aus meiner eigenen Erfahrung. Es war vor vielen Monaten jemand bei mir, der mir auch ziemlich nahe legte, daß vielleicht doch bald der Moment da sein würde, daß man zu gewissen Staaten die freund⸗ schaftlichen handelspolitischen Beziehungen abbrechen müßte. Ich habe diesem von mir sehr verehrten und hochgeschätzten Herrn gesagt: wenn Sie einen Zollkrieg anfangen wollen, dazu brauchen Sie keinen Staats⸗ mann, das kann mein Kanzleidiener auch! (Heiterkeit.) Die größte Kunst besteht doch darin, in solchen schwierigen Verhältnissen den Frieden aufrecht zu erhalten, so lange es sich mit unseren wirth⸗ schaftlichen Verhältnissen noch einigermaßen verträgt, und ich möchte das hohe Haus dringend bitten, den verbündeten Regierungen selbst
den Zeitpunkt zu überlassen, sich schlüssig zu machen, ob diese Alter⸗ native eingetreten ist oder nicht. (Bravo! links.)
Abg. Graf von Kanitz (d. kons.): Auch wir würden es für ver⸗ hängnißvoll balten, wenn wir Zollkriege hervorriefen, die unseren wirth⸗ chaftlichen Verhältnissen schaden würden. Die Franzosen haben den Amerikanern einige Vergünstigungen eingeräumt, wogegen ihnen Amerika ebenfalls einige Vergünstigungen zugestanden hat, aber Frankreich und Amerika stehen nicht in einem Meistbegünstigungsverhältniß, während wir den Vereinigten Staaten die volle Meistbegünstigung eingeräumt haben. In Frankreich, das möchte ich Herrn Barth bemerken, ist man mit der Wirthschaftspolitik vollständig einverstanden; darauf beruht die Stärke des Ministeriums Méline. Die Prophezeiungen des Herrn Barth über die Entwickelung der Verhältnisse in Amerika sind mit Vorsicht aufzunehmen. Vor einigen Jahren meinte Herr Barth, Amerika werde zum Freihandel übergehen. (Zuruf des Abg. Dr. Barth: Das habe ich niemals gesagt!) Das Gegentheil ist ein⸗ getreten; der Dingley⸗Tarif ist eingeführt worden. Wenn der Fmport durch die hohen Zölle nicht geschädigt wird, dann koöͤnnten wir ja nichts dagegen einzuwenden haben, wenn die Zölle noch mehr rhöht werden. Amerika ist jetzt schon mit einer chinesischen Mauer umgeben. Bis 1890 war die deutsche Handelsbilanz
merika gegenüber eine aktive; mit der Mac Kinley⸗Bill trat
er Umschwung ein, und 1896 hat die Einfuhr Deutschlands aus Amerika 200 Millionen Mark mehr betrogen als die deutsche Aus⸗ fuhr dorthin. Für das Jahr 1897 hat trotz des Dingley⸗ Tarifs eine Verschiebung noch nicht stattgefunden wegen des im letzten Jahre verstärkten Exports. Im letzten Viertel des Jahres 1897 ist aber die Ausfuhr aus dem Königreich Sachsen von 4 auf 2 Millionen Dollars herabgegangen gegen 1896. In Amerika ist man sich darüber einig, daß man binnen kurzem jetzt durch den Schutz der hohen Zölle dahin gelangen wird, daß Amerika gar keine Textilwaaren aus der Fremde mehr bezieht. Von einem Zollkrieg haben wir nicht gesprochen. Einen solchen Zollkrieg wollen wir auch nicht provozieren. Der Zuckerimport nach Amerika hat infolge der cubanischen Wirren zugenommen; sobald diese beendet sein werden, wird auch der cubanische Zucker wieder seine alte Rolle spielen. Wir wünschen ein Vorgehen der europäischen Staaten gegenüber den Zollerhöhungen Amerikas, dann könnte die Zuckereinfuhr nicht mehr differenziert werden; daß eine gewisse Bereitwilligkeit zu einem gemeinsamen Vorgehen vor⸗ handen ist, darüber besteht kein Zweifel. Frankreich hat sich die Be⸗ fugniß zur Erhöhung gewisser Zölle Amerika gegenüber ertheilen lassen. In Oesterreich hat der Kanzler Graf Goluchowski sich eben⸗ falls dafür ausgesprochen. Ein Handelsvertrag mit Amerika ist schwer zu erlangen, denn die meisten Artikel sind in Amerika Gegenstand von Trusts, die ihre machtvollen Vertreter im Senat haben. Der Senat wird niemals einen Handelsvertrag vorschlagen, der den Gegen⸗ stand eines Trusts betrifft. Die Wollwaaren zahlen jetzt 96 % des Werthes als Zoll; eine Ermäßigung von 20 % würde immer noch einen Zoll von 76 % des Werthes bestehen lassen. Wir wollen der Industrie ihren Absatz nach Amerika sichern.
Abg. Richter: Wir müssen zu einer Verständigung darüber kommen, wo wir die Handelsvertragsfrage behandeln wollen, die ebensowohl zum Etat des Auswärtigen Amts wie zu dem des Reichsamts des Innern und des Reichs⸗Schatzamts gehört. In Bezug auf die San José⸗Schildlaus eg die Sache doch etwas anders, als Herr Barth angenommen hat. Man ist eben den Agrariern gegenüber miß⸗ trauisch, weil sie unter dem Vorwand der Gesundheitsgefahr alle mög⸗ lichen Maßregeln zur Steigerung der Preise fordern. Das hat sich erst neulich im Landwirthschaftsrath bei der Quarantäne gezeigt. Wir fürchten die Repressalien. In Amerika möchte man sich wegen der Sperre der Obst⸗ einfuhr an dem deutschen Wein schadlos halten. Gewiß ist die Unter⸗ haltung über die Handelsverträge eine akademische. Aber wer hat den Anlaß dazu gegeben? Der Staats⸗Minister von Miquel mit seinem Aufruf zur Sammlung der gewerblichen und landwirthschaftlichen Schutzzöllner. Graf Posadowsly hätte auch die Erörterungen des Landwirthschaftsraths als akademisch bezeichnen können; er hat ihnen beigewohnt und hat die Zollppolitik, die er selbst mitgemacht hat, dort nicht pertheidigt. Mac. Kinley hat sich als Schüler des Fürsten Bismarck bekannt: er sei durch den letzteren zur Schutz⸗ zollpolitik bekehrt worden, die Deutschland jetzt schädigt. Graf Kanitz giebt sich für den Vertreter der Exportindustrie aus; aber außer dem Freiherrn von Heyl ist mir kein Industrieller bekannt geworden, der in dieser Weise gegen Amerika auf⸗ tritt. Die ganze übrige Industrie steht nicht auf dem Stand⸗ punkt der Agrarier in dieser Beziehung. Die Differenzierung des deutschen Zuckers hat Faß der Abschaffung der Zuckerprämien der Entscheidung genähert. enn England auch secgen die Prämien vor⸗
ehen wollte, dann wären die Prämien baldigst beseitigt. Eine solche
rage kann man daher nicht zum Gegenstande eines Zollkrieges machen.
er europäische Zollbund wird an der Verschiedenartigkeit der Inter⸗ essen scheitern. 8 u“
Abg. Freiherr Heyl zu Herrnsheim: will mich mit Herrn Richeeenct weiter auseinandersetzen, denn in allen wirtbschaftlichen Fragen hat er eine verfehlte Politik vertreten. Ich wönsche, daß die
ühungen der Regierung baldigst Erfolg haben. h btss die Angelegenheit der Schildlaus zurchaus als eine reindeutsche behandelt und nicht als eine solche, bei welcher internationale Abmachungen in Betracht kommen. Ich habe es mit Freude begrüßt, daß der Staatssekretär, seiner Verantwortlich⸗ eit bewußt, sich ebenfalls vor einem Zollkriege scheut.
Staatssekretär des Innern, Staats⸗Minister Dr. Graf von Posadowsky⸗Wehner:
Es hat mir fern gelegen, dem Herrn Abg. Dr. Barth irgend
inen Vorwurf zu machen. Ich bin der Ansicht, daß er aus seiner
plaidiert haben würde, wenn er meine Erklärung gelesen hätte, die
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ich in der Budgetkommission abgegeben habe. Aber es handelt sich nicht nur darum in einer Sache, die doch eine gewisse internationale Bedeutung hat, daß wir mit Recht etwas thun, was wir thun mußten, sondern es handelt sich auch darum, daß das hohe Haus die Ueberzeugung hiervon gewinnt (sehr richtig!), und daß auch die andere Regierung, die davon betroffen ist, die Ueberzeugung gewinnt, daß wir gerecht gehandelt haben (sehr richtig!), und das war der Zweck meiner Ausführung. —
Ferner hat mir der Herr Abg. Richter den Vorwurf gemacht, daß ich im Landwirthschaftsrath auf die Ausführungen, die dort bezüglich der künftigen Handelspolitik gemacht sind, nicht sofort geantwortet habe. Ich gestatte mir, darauf hinzuweisen, daß ich im Landwirth⸗ schaftsrath nur ein geladener Gast bin, und daß es nicht meine Sache ist, dort in eine sachliche Debatte einzutreten über die Forderungen und Auffassungen, die von Berufsinteressenten geäußert werden. Ganz anders ist es hier im hohen Hause, wo ich ein staatlicher Vertreter bin gegenüber einer gesetzgebenden Versammlung. (Sehr richtig!) Ich glaube, diesen Unterschied übersieht man, und es würde wenig Geschmack von mir gezeigt haben, wenn ich gegenüber einem Vortrage, der dort in durchaus objektiver Weise (Bewegung), vom Standpunkt des Redners aus objektiver Weise (Heiterkeit), gehalten ist, wenn ich gegenüber einem solchen Vortrage mich da eingelassen hätte, in eine heftige Polemik einzutreten.
Wenn zum Schluß gesagt wird, Herr von Miquel habe jene akademischen Erörterungen über die Handelsverträge selbst angefangen, so muß ich das doch bestreiten. Herr von Miquel hat zwar das Schlagwort der Sammlung ausgesprochen für die künftigen Wahlen und hiermit den gemeinschaftlichen Kampf gegen den wirthschaftlichen Radikalismus, das Zusammenhalten aller Erwerbsstände proklamiert; darüber hat aber Herr Finanz⸗Minister von Miquel in seiner Eigen⸗ schaft als Staatsmann kein Wort geäußert, von welcher Form die zukünftigen Handelsverträge sein sollen. Man thut gut, in solchen Dingen seine Patronen nicht zu früh zu verschießen. (Bravol)
Abg. Dr. Paasche (nl.): Bereits in“ der Maec Kinley⸗Bill war ein Zuschlagszoll auf Zucker enthalten, gegen den die Re⸗ gierung Deutschlands keinen Protest erhob. Gegen den Zuschlag in der Wilson⸗Bill wurde Protest erhoben. Wenn der Zucker⸗ export sich trotzdem mehrte, so lag das an den cubanischen Wirren. Die Dingley⸗Bill läßt den unprämiierten Zucker mit dem einfachen Zoll ein, belastet aber den prämiierten höher, und dabei wird uns die Prämie noch höher angerechnet, als sie in Wirklichkeit ist. Frankreich gegenüber wird nur die direkte Prämie berechnet, aber nicht die indirekte. Seit der Einführung des Dingley⸗Tarifs ist kein Pfund Rübenzucker mehr nach Amerika gekommen. Amerika kauft Kolonialzucker, und der deutsche Zucker muß sich ein anderes Absatzgebiet suchen. Ich bin mit dem Staatssekretär derselben Meinung: Handelsverträge sine ira behandeln und nicht Hals über Kopf in einen Konflikt hineingehen, der uns vielleicht schwere Nachtheile bringen kann. Ich will schließen mit dem Aus⸗ druck des Vertrauens auf die Handelspolitik der Regierung; denn wir wissen, daß sie die Interessen der Landwirthschaft wahren wird.
Abg. Richter: Ich habe nur die Politik vertreten, welche die reunde des Herrn von Heyl Jahre lang vertreten haben; Herr von Heyl steht mit seinen wirthschaftlichen Anschauungen innerhalb seiner Partei ganz allein da. Ich glaube vor der Oeffentlichkeit immer noch neben Herrn von Heyl bestehen zu können, wenn ich auch nicht so viele äußere Erfolge erreischt habe, wie Herr von Heyl. Als Gast hat auch der Direktor des Kaiserlichen Gesundheitsamts dem Landwirth⸗ schaftsrath beigewohnt und er hat vor einem falschen Beschluß ge⸗ warnt. Aehnlich hätte auch Graf Posadowsky verfahren können. Abg. Graf von Kanitz: Was hätte er denn gegenüber meiner durchaus objektiven Rede erwidern sollen? Ich bin immer ein Gegner der Handelsverträge gewesen, und wenn die Dinge sich meinen Voraus⸗ sagungen entsprechend entwickeln, so muß ich das doch feststellen dürfen. Es thut mir leid, daß Herr Richter nicht auf dem konservativen Parteitag in Dresden gewesen ist. Da habe ich ebenfalls über die Handelsverträge gesprochen und zwar etwas offener.
Nach einigen weiteren Auseinandersetzungen der Abgg. Dr. Barth und Dr. Paasche über den Zuschlagszoll auf Zucker wird die Debatte geschlossen und der Titel genehmigt.
Bei den Ausgaben für die Unterstützung deutscher Schulen im Auslande, die um 40 000 erhöht werden sollen, spricht der
Abg. Dr. Hasse seine Freude über die freundliche Erklärung des Staatssekretärs in der Budgetkommission betreffs dieser Schulen im Auslande aus. “
Dieser Titel wird bewilligt, ebenso die einmaligen Aus⸗ gaben und die Einnahmen des Auswärtigen Amts.
Um 5 ½ Uhr wird die weitere Berathung bis Sonn⸗
abend 1 Uhr vertagt.
Ppreußzischer Landtag. Haus der Abgeordneten
109. Sitzung vom 11. Februar 1898. Das Haus setzt die zweite Berathung des Staats⸗ haushalts⸗Etats für 1898/,99 im Etat der Bau⸗ verwaltung bei den Ausgaben für die Unterhaltung der Binnenhäfen und Binnengewüsser fort.
.kons.) fragt an, warum auf dem Main no ö1““ während man 8 den Lahch und märkischen Weseee die Gebühren noch vor zwei Jahren erhöht habe. Am Main lasse man die reichste Stadt Preußens von diesen Abgaben frei. In der Stadt Posen habe man zwar zuerst dem Regierungsprojekt zugestimmt, aber nachher, als es sich um die Kosten⸗ frage gehandelt habe, ein billigeres Projekt gewünscht.
Minister der öffentlichen Arbeiten Thielen:
Meine Herren! Die Staatsregierung beabsichtigt auch ihrerseits, auf dem Mainkanal baldmöglichst Abgaben zu erheben; es haben in dieser Beziehung bereits Verhandlungen stattgefunden mit den Interessenten, also in erster Linie mit der Stadt Frankfurt, mit den Vertretern der Schiffahrtsinteressenten und den Handelskammern. Diese Verhandlungen sind im Dezember v. J. an Ort und Stelle gepflogen worden. Der Feststellung der Abgaben stellen sich allerdings ziemlich erhebliche Schwierigkeiten entgegen: Schwierigkeiten, die einmal darin beruhen, daß es sich nicht nur um einen Lokoverkehr handelt, also um einen Verkehr, der den betreffenden Orten zugeführt wird und dort verbleibt, sondern auch in zweiter Linie um einen sehr erheblichen Umschlagsverkehr, und daß in diesem Umschlagsverkehr die Stadt Frankfurt mit einer Reihe sehr potenter Umschlagshäfen zu kämpfen hat. Ich nenne in dieser Beziehung unter anderen Häfen nur Mannheim und Gustavsburg.
Wenn also der Umschlagsverkehr für Frankfurt erhalten bleiben soll, so muß auch in der Abgabenormierung darauf Rücksicht ge⸗ nommen werden. Ueber die Höhe dieser Abgaben und insbesondere die Einreihung der Artikel in die verschiedenen Klassen wird
8
lungen in kurzer Zeit zu Ende geführt werden, und
wir noch in diesem Jahre in die Lage kommen werden, den Abgabe⸗ tarif für den kanalisierten Main in Kraft zu setzen.
Ich möchte in der Beziehung nur eine Thatsache erwähnen, die, wie ich glaube, für die allgemeine Beurtheilung der Kanalfrage nicht ganz ohne Werth ist. Wir haben es nämlich bei diesen Verhand⸗ lungen erlebt, daß die betheiligten Landwirthe ihrerseits protestiert haben gegen eine hohe Tarifierung für Getreide, da für sie nach ihren Erklärungen das große Interesse vorliegt, Mais, welchen sie in großen Mengen zu Futterzwecken beziehen wollen, ihrerseits nicht zu hoch tarifiert zu erhalten.
Abg. Jaeckel (fr. Volksp.): Nachdem über das Projekt in Posen neun Jahre lang diskutiert worden ist, setzt sich die Regierung darüber hinweg und will ganz zurücktreten. Ein in dieser Angelegen⸗ heit uns gegebenes Königswort ist nicht erfüllt. Die Posener Dom⸗ schleuse, ein Bauwerk, welches die Schiffahrt behindert und beläͤstigt, will man nicht einmal beseitigen. Man will nichts ausgeben, um die Provinzialstadt mit der Hauptstadt zu verbinden. Die Eindeichung der Stadt Posen ist noch immer nicht erfolgt. Wenn es gilt, die Lage der Landwirthschaft zu schildern, kann Herr Gamp sprechen, hier aber nicht.
Minister der öffentlichen Arbeiten Thielen:
Ich muß auf das allerentschiedenste erstens die Vorwürfe des Abg. Jaeckel gegen die Staatsregierung und zweitens es zurückweisen, wenn der Herr Abg. Jaeckel der Staatsregierung die Verantwortung dafür zuschiebt, daß die Eindeichung der Stadt Posen bis jetzt noch nicht zur Ausführung gekommen ist. Die Verantwortung für das letztere trägt ausschließlich die Stadt Posen.
Meine Herren, ich muß es ferner als durchaus unrichtig hinstellen, wenn der Herr Abg. Jaeckel sich zu der Behauptung verstiegen hat, die Staatsregierung sei schuld, daß ein Königswort nicht eingelöst sei. (Sehr richtig! rechts.) Daß die Eindeichung bis jetzt nicht erfolgt ist, liegt an dem von mir vorher angegebenen Grunde; die Staatsregierung hat ihrerfeits in entgegenkommender Weise, nachdem das von der Stadt Posen aufgestellte Projekt sich als nicht ausführbar erwiesen hatte⸗ ein neues Projekt aufgestellt, um der Stadt damit Mühe und Koften zu ersparen. Daraus kann an sich doch kein berechtigter Grund ent⸗ nommen werden, daß nun die Staatsbauverwaltung die Pflicht hätte, dieses Projekt zur Ausführung zu bringen. Das Projekt ist der Stadt Posen übergeben worden. Die Stadt Posen hat ihrerseits das Projekt, wie auch der Herr Abg. Jaeckel gestern erklärt hat, als das von all' den verschiedenen Projekten beste und zweckmäßigste anerkannt. Die Staatsregierung hat sich bereit erklärt, den ursprünglichen Bei⸗ trag von 1 ½ Millionen eventuell noch zu erhöhen, wenn die Stadt Posen, wie das naturgemäß war, ihrerseits die Aus⸗ führung des Projekts übernehmen wollte. Die Eindeichung der Stadt Posen, die Kanalisierung der Stadt Pofen, die sich daran anschließt, ist eine durchaus städtische und keine staatliche Bau⸗ ausführung. Es war daher in der Ordnung, daß die Stadt Posen es übernahm. Es war aber auch zweckmäßig, daß die Ausführung von der Stadt übernommen wurde, welche am besten in der Lage war, dies in wirthschaftlich richtiger Weise zu bewirken.
Den zweiten Punkt anlangend, muß ich auch heute noch dabei bleiben, daß die Schiffahrt auf der Warthe, die ja von der Netze⸗ Mündung bis zur russischen Grenze Sackgasse ist, eine verhältnißmäßig undedeutende ist. Die Kosten, welche aufgewendet sind, um namentlich von der Stadt Posen ab bis zur Netze⸗Mündung die Warthe zu regulieren, haben den gehofften Erfolg bis jetzt nicht gehabt. Der Erfolg, der erhofft worden ist, ist der, daß die Schiffsgefäße auf eine größere Tragfähigkeit gebracht und infolge dessen die ganze Schiffahrt zu einer rationelleren gestaltet werden würde. Das ist nur in sehr wenig umfangreicher Weise geschehen. Die Regulierung und die darauf verwandten Kosten haben den Erfolg gehabt, daß regulär das erstrebte Ziel erreicht worden ist, nämlich eine Wassertiefe von 1 m. Daß diese Wassertiefe ebensowenig wie die normale Wassertiefe auf anderen Strömen eingehalten werden kann, wenn anormale Witterungs⸗ verhältnisse und Trockenheit die Wassermenge überhaupt verringern, bedarf keiner weiteren Ausführung; im allgemeinen aber ist dies Ziel erreicht. Die Warthe oberhalb Posen ist allerdings noch ein schiff⸗ barer Fuß, wird aber für die Schiffahrt zur Zeit in geringem Maße enutzt.
Abg. Dr. Sattler (nl.): Ich bitte die Regierung gleichfalls, den Wünschen der Stadt Posen möglichst entgegenzukommen. Diese hat schließlich selbst die Absicht gehabt, 2 Millionen für diese Zwecke zu verwenden. Der Zeitraum von neun Jahren ist doch lang genug, daß man zu einer Einigung hätte kommen können. Ich best eite nicht die Angabe des Ministers, daß es an der Stadt Posen selbst liegt; aber ich möchte doch mit Rücksicht auf die Kräfte der Stadt Posen ihn bitten, ihr sein möglichstes Wohlwollen zu zeigen. Die Provinz und die Stadt Posen sind von geringer Finanzkraft, und es ist von großer nationaler Bedeutung, den Städten in Posen in wirthschaftlicher Beziehung möglichst zu Hilfe iu kommen. Denn nur wenn das wirthschaftliche Leben der Städte sich hebt, werden sich die Deutschen dort wohl fühlen. Deshalb ist die Hebung der wirth⸗ schaftlichen Lage des Landes und der Städte wichtig, auch in nationaler Beziehung. Daß auch die Stadt Posen mit einem großen Ansturm der polnischen Nationalität zu kämpfen hat, dafür ein Beispiel: Es giebt an dem Gewerbegericht weder einen Vertreter der Arbeitgeber, noch einen der Arbeitnehmer, der noch deutscher Nationalitat ist; das ganze Gewerbegericht der Provinzialhauptstadt besteht, abgesehen vom Vorsitzenden, rein aus Polen. Wir müssen also für die Stärkung des deutschen Elements in Posen sorgen; und das geschieht am besten, wenn man das wirthschaftliche Gedeihen möglichst fördert; denn damit hebt sich auch das deutsche Element, weil dann verhindert wird, daß die Deutschen derart abwandern, wie sie es thun. Aus diesem allgemeinen Grunde bitte ich die Regierung, auch fernerhin die Interessen der Stadt Posen mit großem Wohlwollen zu verfolgen und sich durch die eigenthümliche Art des Herrn Jaeckel nicht ab⸗ schrecken zu lassen, sondern nur noch mehr Wohlwollen zu entwickeln. Die Schiffahrt auf der Warte ist allerdings gering, aber gerade bei den Verhältnissen der Stadt Posen muß man auch Maßnahmen wie die Wartheregulierung ergreifen, nicht um den bestehenden Verkehr 1 heben, sondern um den Verkehr erst zu wecken und neue Industrien heranzuziehen. Deshalb bitte ich den Minister, die Frage der Warthe⸗
“
regulierung wohlwollend im Auge zu behalten 86
zur Zeit noch verhandelt; ich hoffe aber, daß diese Verhand⸗
Hafen eröffne.
zum Deutschen Rei
8Anzeiger und Königlich Preußischen Staats⸗Anzeiger.
1 1898.
Berlin, Sonnabend, den 12. Februar
No. 38.
(Schluß aus der Ersten Beilage.)
Minister der öffentlichen Arbeiten Thielen:
Meine Herren! Ich kann mich mit den von dem Herrn Abg. Sattler aufgestellten Grundsätzen meinerseits nur einverstanden er⸗ klären, und wer sich die Mühe giebt von den Herren, meine gestrigen Erklärungen im Stenogramm durchzulesen, wird auch den Eindruck erhalten haben, daß ich mich durch die Eigenart des Herrn Abg. Jaeckel, die mir aus verschiedenen Jahren bekannt ist, nicht davon ab⸗ halten lasse, der Stadt Posen das möglichste Entgegenkommen auch thatsächlich zu beweisen.
Ich möchte aber gegenüber den Ausführungen der beiden Herren Vorredner doch darauf hinweisen, daß seitens der Stadt Posen ein neues Projekt aufgestellt ist und daß ich von vornherein erklärt habe, nachdem das Projekt mir vorgelegt worden ist, daß ich keine wesentlichen Bedenken habe und gern geneigt sein würde, dieses Projekt nach Möglichkeit zu fördern. Die Stadt Posen wird zu der Ueberzeugung gekommen sein, daß dieses neue, einfachere Projekt dem wirthschaftlichen Bedürfniß der Stadt Posen mehr entsprechen wird als die umfangreicheren, die bisher aufgestellt worden sind. Die Staatsregierung hat, wie gesagt, keine wesentlichen Bedenken, auch ihrerseits dieses Projekt zu fördern. Die Staatsregierung denkt auch garnicht daran, die Wartheregulierung nun vollständig aufzugeben. Sie wird auch in Zukunft der Wartheregulierung ihre Aufmerksamkeit schenken und die nöthigen Mittel darauf verwenden.
Abg. vom Rath (nl.): Die Kanalisierung des Mains ist doch etwas Anderes, als die der übrigen Flüsse. Unter der Leitung des da⸗ maligen Ober⸗Bürgermeisters Miquel hatte sich die Stadt Frankfurt entschlossen, 8 ½ Millionen für die Kanalisierung auszuwerfen, aber unter der Voraussetzung, daß keine Kanalgebühren erhoben werden würden. Ich gehe auf die Tariffrage nicht ein, möchte aber die Er⸗ wartung aussprechen, daß bei den zukünftigen Verhandlungen der Main abgabenfrei bleibt.
Geheimer Regierungs⸗Rath Peters: Eine Zusicherung, daß der Main abgabenfrei bleiben solle, ist niemals gegeben worden. Die
Maeinkanglabgaben würden auch nicht die Konkurrenz der anderen
Häfen erschweren.
Abg. Knebel (nl.) weist auf den Aufschwung hin, den in der letzten Zeit der Rhein⸗Seeverkehr genommen hat. Hätte man früher auf eine hinreichende Vertiefung des Rheins unterhalb Kölns
Bedacht genommen, so wäre dieser Verkehr noch viel größer. Leider sei auf holländischer Seite der Rhein streckenweise versandet, wodurch ein gesundes Aufkommen der Seeschiff⸗ fahrt stark beeinträchtigt werde. Die holländische Regierung werde zwar einwenden, daß es sich nur um eine vorüber⸗ ehende Versandung handele. Diese Versandung trete aber in jedem Jabre ein. Die Staatsregierung solle Holland veranlassen, eine Ver⸗ tiefung des Rheins auf seinem Gebiet vorzunehmen. Diese Frage sei um so wichtiger, als Köln im Laufe des Jahres seinen großartigen röff. Da sei eine noch weitere Vertiefung des Rheins bis zur holländischen Grenze wünschenswerth.
Geheimer Ober⸗Baurath Lange: Wir haben in dieser Beziehung
mit den Interessenten verhandelt; das Resultat der bisherigen Unter⸗ suchungen wird in diesem Jahre in einer Denkschrift niedergelegt werden. Wenn ein Ueberschlag der erforderlichen Kosten aufgestellt sein wird, dann wird man übersehen können, ob diese und die in Aussicht genommene Regulierung im richtigen Verhältniß stehen. olland war allerdings früher in der Regulierung zurückgeblieben. Neuerdings hat eine Kommission den Rhein von Straßburg bis Rotterdam untersucht und gefunden, daß die Verhältnisse in Holland recht zufriedenstellend sind.
Abg. Gamp (fr. kons.) Daß die Landwirthe im Westen keinen hohen Tarif wünschen, ist mir verständlich, weil diese Gegenden selbst nicht viel Getreide produzieren. Der Minister 89 aber bedenken, daß es noch andere Gegenden giebt, die andere Interessen haben.
Herr Jaeckel weiß selbst nicht, was er will; die Regierung darf sich durch seine Persönlichkeit nicht bestimmen lassen zu Ungunsten der
Stadt Posen. Sie hat es bisher auch an Wohlwollen nicht fehlen
lassen. Wenn ich agrarische Interessen vertrete, so geschieht dies im Interesse der Allgemeinheit; denn ich für meine Person schade mir höchstens dadurch.
Abg. Jaeckel: Man hat von meinem eigenthümlichen nationalen Standpunkt gesprochen. Ich bin ein so guter Deutscher wie die Nationalliberalen, Konservativen und die Minister. Ich unterscheide mich als Liberaler nur dadurch von den anderen, daß ich das Deutsch⸗ thum auf anderen Wegen zur Geltung bringen will. Ich habe den Feldzug mitgemacht und bin Offizier, wenn ich auch ausgeschieden bin aus dem Millitärverhältniß. Sie (rechts) zerren den nationalen Gesichtspunkt überall hinein, nicht ich. Auf die groben Angriffe des Abg. Gamp antworte ich nicht. (Präsident von Kröcher: Der Abg. Gamp hat Sie nicht grob angegriffen, sonst würde ich das gerügt haben.) Ich überlasse das dem Urtheil des Hauses. Herr Gamp hat Mlag. die Regierung möge sich durch meine Persönlichkeit nicht be⸗ timmen lassen. Ich wünschte, daß in diesem Hause solche versteckten Angriffe unterblieben.
Abg. von Czarlinski (Pole): Die Stadt Posen trifft für die Nichtausführung des Projektes keine Schuld; man stellte zu große Anforderungen an sie. Herrn Jaeckel halte ich für einen besseren Deutschen als die anderen Herren, denn er besitzt Gerechtigkeitsgefühl; er geht davon aus: et hosti fides servanda. Herr Sattler wird mit seinem Angriff die Herzen der Polen nicht gewinnen. Die Mit⸗ glieder des Gewerbegerichts sind allerdings Polen; aber das Vertrauen ihrer Mitbürger hat sie in dieses Amt berufen.
Abg. Graf zu Limburg⸗Stirum (kons.): Herr Jaeckel hat uns durch heftige Angriffe, die mit der Sache nichts zu thun haben, provoziert. Mit der nationalen Frage scheint mir diese Sache nichts zu thun zu haben; sonst käme man dazu, daß aus Interesse für die Stadt Posen mehr zu geschehen hätte, als für andere Städte, und das hat Herr Jaeckel nicht verlangt. Ich glaube, daß die Verzöge⸗ rung der Dinge theilweise an der Stadt Posen liegt, theilweise aber auch an der Verwaltung. Ich kann beiden Seiten nur ein freund⸗ liches Entgegenkommen anrathen. Sollte eine Vorlage eingebracht werden im nationalen Interesse, so würden wir streng prüfen, ob das Mittel dem Zweck entspricht.
Abg. vom Rath: Ich habe nur gesagt, eg sei stillschweigend angenommen worden, daß Gebühren auf dem Main nicht erhoben werden würden. 1 8
Abg. Dr. Sattler: Es ist die Aufgabe des Staats, die Pro⸗ vinz Posen fest an Preußen anzuklammern und alle seine Maßnahmen daraufhin anzusehen. Von diesem Gesichtspunkte betrachte ich auch die Förderung der nationalen Interessen. Ich protestiere dagegen, daß Herr Jaeckel im Namen des gesammten liberalen Bürgerthums hier spricht; seine Partei bildet nur einen kleinen Bruchtheil der Bevölkerung, während die übrigen auf unserer Seite stehen. Er muß
mit der Anerkennung des Herrn von Czarlinski begnügen.
Geheimer Regierungs⸗Rath Peters: Die Erhebung von Ab⸗ hehen auf dem Main war in dem Vertrage zwischen Preußen und
drücklich vorgesehen worden. öX“
Auf eine Frage des Abg. Motty (Pole) erwidert der
Minister der öffentlichen Arbeiten Thielen:
Meine Herren! Ich möchte den Ausführungen des Herrn Abg. Motty noch einige Bemerkungen folgen lassen, die vielleicht dazu bei⸗ tragen, die Beunruhigung bei dem Herrn Abg. Motly und in der Stadt Posen einigermaßen zu beschwichtigen. Die große Schleuse bei Posen, die zur Zeit allerdings für die Schiffahrt nicht bequem ist, ist im Eigenthum der Militärverwaltung. Die Militärverwaltung würde aber, soweit ich unterrichtet bin, ihrerseits keine Schwierigkeiten in den Weg legen, wenn das Haupthinderniß, der eine Strompfeiler, beseitigt wuürde. Die Staatsbauverwaltung ist dazu auch ihrerseits dann bereit, wenn die Stadt Posen thatsächlich damit vorgeht, einen Umschlagsverkehr in Posen an der Warthe zu errichten und dadurch also wesentlich die Schiffahrtsinteressen zu fördern. Ist der Zeit⸗ punkt gekommen, so würde die Staats⸗Bauverwaltung auch diese Frage in die Hand nehmen und gern bereit sein, auch ihrerseits dazu beizutragen, daß das Interesse der Stadt Posen gefördert wird.
Abg. Pleß (Zentr.): Der Rhein verdient die Fürsorge des Staates um so mehr, als eine sehr kapitalkräftige Bevölkerung an ihm wohnt. Holland hat das, wozu es nach der Rhein⸗Schiffahrtsakte verpflichtet ist, nicht ganz erfüllt. Die Regierung sollte einen größeren Druck auf Holland ausüben.
Abg. Gamp: Es ist mir nicht eingefallen, ein Entgegen⸗ kommen der Regierung gegenüber den Städten in Posen aus nationalen Rücksichten zu befürworten. Ich habe Herrn Jaeckel nicht angegriffen, sondern mich gegen ihn vertheidigt. Wenn er aber sagt, daß die Regierung den Bruch eines Königswortes veranlaßt habe, so nützt er seiner Sache sehr wenig.
Präsident von Kröcher: Herr Jaeckel hat nur gesagt, daß ein gegebenes Königswort nicht eingelöst sei.
Abg. Jaeckel: Diese Berichtigung enthebt mich einer Abwehr. Auch wir wollen das Deutschthum in der Ostmark stärken, nur über die Mittel sind wir verschiedener Ansicht.
Abg. Gothein (fr. Vgg.): Im vorigen Jahre war eine Konfe⸗ renz von Interessenten zusammenberufen worden, um über die Frage der Tarife für den Dortmund⸗Ems⸗Kanal zu berathen. Die Interessenten der oberen Oder hofften, daß ihre Tarife gleichfalls ermäßigt werden würden; diese Hoffnung war eine trügerische. Man scheint die obere Oder zum Ausgleich für den Ausfall bei dem Dortmund⸗ Ems⸗Kanal benutzen zu wollen. Was aber dem Westen recht ist, ist dem Osten billig. Die oberschlesische Kohle wird überall durch die Ruhrkohle zurückgedrängt. Von 1890 —96 hat der Absatz der englischen Kohle nach den Ostsechäfen ganz erheblich zugenommen. Ich gönne dem Ruhrrevier die Hebung seines Versands, aber ich ver⸗ lange Parität für den Osten und einen entsprechenden Tarif wie für den Dortmund⸗Ems⸗Kanal. Der Ministerialerlaß über den neuen Tarif berücksichtigt den Verkehr Oberschlesiens nicht genügend. Da die Schiffe auf der oberen Oder nur die Hälfte des Tonneninhalts der⸗ jenigen auf dem Dortmund⸗Ems⸗Kanal tragen, so müßte auch der Tarif nur halb so hoch sein, oder eigentlich nur †¼ so hoch, da die Abgaben auf den kanalisierten Flüssen nur halb so hoch sein dürfen, als auf den Kanälen. Statt dessen sind die Abgaben auf der kanalisierten oberen Oder viermal so hoch als auf dem Dortmund⸗Ems⸗Kanal. Diesem hat man eine Uebergangszeit von fünf Jahren zugebilligt, der oberen Oder nicht; auch soll 18 nicht die wirkliche Ladung zum Maßstab der Abgabe genommen werden. Bis zur Einführung der Aichordnung braucht man nicht zu warten. Die Interessenten der märkischen Wasserstraßen wollen einen mittleren Tarif. Die Regierung aber thut so, als ob der zweiklassige Tarif sich bewährt hat. Auf dem Dortmund⸗Ems⸗Kanal hat man den dreiklassigen Tarif eingeführt. Auch die Landwirthschaft in Schlesien hat ein Interesse an dieser Frage mit ihren Nebenprodukten, wie Mehl, Zucker ꝛc., und auch sie verlangt eine Ermäßigung der Tarife. Es handelt sich hier um einen einmüthigen Wunsch der ganzen Provinz Schlesien. Wir sind dankbar für die Kanalisierung der oberen Oder, aber ihre Benutzung wird durch die hohen Tarife sehr erschwert.
Geheimer Regierungs⸗Rath Peters: Die Festsetzung der Tarife ist unter Berücksichtigung aller erfolgt. Ein Frachtvortheil soll allerdings bei der Benutzung der Wasserstraßen bleiben und wird auch bleiben. Die Tarifierung auf den verschiedenen Wasserstraßen muß durchaus eine individuelle sein. 6 dem Dortmund⸗Ems⸗Kanal handelte es sich nicht um eine vorhandene Wasserstraße und einen vorhandenen Verkehr, sondern dieser muße erst durch niedrige Tarife geschaffen werden. Eine Tarifierung nach der wirklichen Ladung können wir erst einführen, wenn wir eine Aichordnung haben.
Abg. Kirsch (Zentr.): Am Niederrhein herrscht das Gefühl, daß die holländische Regierung nicht alles thut, was ihr durch die Rheinschiffahrts⸗Akte auferlegt ist. Aber auch unsererseits müssen noch weitere Regulierungen bis zur Grenze erfolgen, z. B. in Düssel⸗ dorf, wo die neue feste Brücke Regulierungen nöthig macht.
Abg. Gothein bedauert, daß der Regierungskommissar wiederum einen ablehnenden Standpunkt eingenommen habe. Der Vortheil der Benutzung der Wasserstraßen sei zwar vorhanden gegenüber der Eisen⸗ bahnbenutzung, aber er sei nur minimal. Die Eingabe der Provinz Schlesien werde hoffentlich die Regierung überzeugen, daß die Eisen⸗ bahnen durch niedrigere Tarifierung auf der Oder nicht gefährdet würden. Man könne doch dem armen Osten nicht höhere Abgaben auferlegen als dem Westen; auf dem Rhein würden gar keine Abgaben erhoben. Die schlesische Kohlenindustrie müsse gegenüber der Kon⸗ kurrenz der englischen und der Ruhrkohle verkümmern, wenn ihr nicht ihr inländisches Absatzgebiet durch niedrigere Tarife erhalten bleibe.
Minister der öffentlichen Arbeiten Thielen:
Meine Herren! Nur ganz wenige Worte möchte ich dem Herrn Abg. Gothein erwidern. Ich möͤchte ihn daran erinnern, daß die Kohlenförderung in den oberschlesischen Revieren im letzten Jahre sich recht glücklich entwickelt hat und seit dem September 1897 erheblich mehr gestiegen ist, als die an der Ruhr: in Oberschlesien um etwa 8 %, an der Ruhr um 5,8 %. Auch der Absatz der oberschlesischen Kohle nach den binnenländischen Plätzen ist 1897 erheblich vorwärts gegangen. Wenn dieser Absatz etwa nach einzelnen Gebieten etwas nachgelassen hat, liegt dies an den Konjunkturen. Die Ober⸗ schlesier sind in der glücklichen Lage gewesen, namentlich nach Polen hinein, wo es an Kohlen sehr fehlte, zu verhältnißmäßig hohen Preisen Kohlen liefern zu können. 8
Dann, meine Herren, möchte ich den Herrn Abg. Gothein noch darauf aufmerksam machen, daß, wenn wir die Eisenbahntarife nach den Umschlagsplätzen an der Oder ermäßigen, wir das nur können, wenn auch am Rhein dasselbe geschieht, daß dann aber wieder die⸗ selben Verhältnisse in der Konkurrenz der Ruhrkohlen für Ober⸗ schlesien eintreten würden, gegen die sich der Abg. Gothein ent⸗ rüstet, nicht tertius gaudens, aber der dritte Leidende wäre dabei der Staat, der für diese Ermäßigung nach den Umschlagsplätzen ei ungezählte Menge von Millionen würde drangeben müssen.
Dann möchte ich dem Herrn Abg. Gothein auf seine letzten Aus⸗ führungen noch das erwidern, daß die Tarife nicht so gestellt worden sind, daß sie nur eine Kleinigkeit unter den Eisenbahnfrachtsätzen bleiben, sondern daß eine sehr erhebliche Differenz sich ergiebt zwischen den Eisenbahnfrachtsätzen und der Beförderung auf dem Wasser. Meine Herren, ich habe die feste Zuversicht, daß die Erfahrung der Auffassung der Staatsregierung Recht geben wird darin, daß die Tarife, wie sie festgestellt sind, kein Hinderniß für die Entwickelung des Ver⸗ kehrs auf der oberen Oder bilden werden; weder ein Hinderniß für
Beförderung landwirthschaftlicher Produkte.
Abg. Gamp unterstützt die Wünsche des Abg. Gothein, mit dem er zu seiner Freude einmal zusammengehen könne. Namentlich sei es eine alte Forderung der Schiffahrt, daß nach der Ladung tarifiert werde. Die Eisenbahnen betrieben eine verständige Tarispolitik, sodaß die Einfuhr österreichischen Getreides auf den Eisenbahnen aus⸗ geschlossen sei. 1 1
Abg. Graf von Ballestrem (Gentr.) schließt sich gleichfalls den Ausführungen des Abg Gothein an. Wegen des kleinen Auf⸗ schwungs der schlesischen Kohle dürften Schlesien nicht die Vortheile vorenthalten werden, welche der Westen genieße. Hier sei ein Stück Politik der Sammlung geboten, denn ganz Schlesien hege einmüthig diese Wünsche.
Der Rest des Ordinariums wird bewilligt.
Bei den einmaligen Ausgaben, und zwar bei den Kosten der Unterhaltung des Dortmund⸗Ems⸗Kanals, erinnert
Abg. Graf von Kanitz (konf.) an das im vorigen Jahre von der Regierung gegebene Versprechen, die Tarife auf dem Kanal zu veröffentlichen. Dies sei bisher nicht geschehen. Bei der Be⸗ willigung des Kanals 1886 habe man auf einen Tarif von 4,60 ℳ für die Erze gerechnet, um die ausländischen Erze auszuschließen Dies scheine sich nicht zu erfüllen. Ferner frage er an, ob auch in den Kanaltarifen eine Klassifikation der Waaren und eine Differenzierang der Berg⸗ und Thalfahrt eintreten solle. Mit Hilfe des Kanals könne die englische Kohle ins Land eindringen und der westfälischen Kohle Konkurrenz machen, wenn nicht eine solche Differenzierung eintrete. Sei dies aber der Fall, so werde das von großer Bedeutung für die englisch⸗deutschen Vertragsverhand⸗ lungen sein. Er würde das Eindringen der englischen Kohle an sich nicht so sehr beklagen, weil dadurch die hohen westfälischen Kohlen⸗ preise herabgedrückt würden. Der Nutzen der westfälischen Kohlen⸗ industrie sei sehr hoch. Diese blühende Industrie ziehe immer mehr Arbeitskräfte aus dem Osten an sich, und die Entvölkerung des Landes gebe zu den schlimmsten sozialen Bedenken Anlaß. Hierauf mce bei den Kanaltarifen Rücksicht genommen werden. Mit der Eröffnung des Kanals würden die Benefizien der Eisenbahntarife gestrichen und die westfälische Kohle auf den Weg dieses theuren Kanals gedrängt werden. Dann werde auch der Waggonmangel verschwinden. Er sei bereit, eine solche Entlastung der Eisenbahnen zu unterstützen.
Minister der öffentlichen Arbeiten Thielen:
Meine Herren! Auf alle Fragen, die der Herr Graf Kanitz eben gestellt hat, bedauere ich nicht antworten zu können. Insbesondere bin ich nicht in der Lage, eine Antwort geben zu können auf die Fragen, welchen Inhalt künftige Handelsverträge in Bezug auf Eisenbahn⸗Tarifverhältnisse haben könnten. Aber auf einige Fragen kann ich doch eine Antwort geben.
Zunächst hat Herr Graf Kanitz hervorgehoben, daß die Tarife, die man auf dem Dortmund⸗Ems⸗Kanal einzuführen beabsichtige, noch nicht publiziert seien. Das ist, wenn man unter Publikation eine amtliche Veröffentlichung des formellen Tarifs versteht, allerdings richtig. Aber ist mitgetheilt worden, welche Tarifsätze die Staatsregierung auf dem Dortmund⸗Ems⸗Kanal einzuführen beabsichtige, und es giebt wohl von allen Interessenten keinen einzigen, der nicht auswendig die Sätze dieses Tarifs auf Befragung mittheilen kann. Insbesondere wissen die Herren an der Sieg, Lahn und Dill seit Jahren ganz genau, welche Tarife eingeführt werden sollten. Daß die Publikation noch zurückgehalten ist, das hat seinen Grund darin, daß bekanntlich im Vorjahre hier in diesem hohen Hause sowohl wie im Herren⸗ hause die Frage der Gestaltung dieser Tarife eingehend erörtert worden ist und die Staatsregierung damals sich bereit erklärt hat, in erneute Erwägungen über diese Gestaltung einzutreten. Das ist auch geschehen. Es haben sehr weitläufige Er⸗ hebungen stattgefunden, und zwar nicht nur von mir, sondern auch von dem Herrn Landwirthschafts⸗Minister, und es ist schließlich in eine eingehende Prüfung seitens des Staats⸗Ministeriums eingetreten und daraufhin die vorläufige Einführung derjenigen Tarife beschlossen worden, die damals in Aussicht genommen worden waren. Die amtliche Publikation wird in den nächsten Tagen erfolgen. Sie zirkuliert noch in den verschiedenen betheiligten Ressorts. Dieser Tarif enthält die Sätze, die auch schon damals mit der Absicht bekannt gegeben worden sind, daß die Interessenten sich bereits auf diesen neuen Ver⸗ kehrsweg mit ihren Anlagen und ihren Kombinationen einrichten können. Diese Sätze sind bekanntlich in drei Klassen aufgestellt, und zwar für die ersten 5 Jahre mit 10, 25 und 50 ₰, und nach Ablauf dieser 5 Jahre mit 30, 50, 70 ₰ und zwar gRichmäßig — und damit beantworte ich die fernere Frage des Herrn Grafen Kanitz — für Hin⸗ und Rückfahrt; es ist eine Differenzierung der Thal⸗ und Bergfahrt nicht beabsichtigt. Auch diese Frage ist sehr eingehend erörtert worden; man ist aber nach allen Erfahrungen zur Ueberzeugung gelangt, daß eine ver⸗ schiedenartige Tarifierung der Thal⸗ und Bergfahrt insbesoadere bei diesem Kanal unmöglich sei. Man müßte von vorne herein für jeden einzelnen Artikel die Frage der Diffetenzierung entscheiden. Die Hauptartikel beispielsweise, die dem Kanal zufallen werden, für die er absolut nöthig ist, sind die Eisenerze; die Eisenerze gehen aber ausschließlich zu Berg. Diese Eisenerze mit einem höheren Tarif zu belegen als für die Thalfahrt würde einfach verhindern, daß die schwedischen Erze dem niederrheinisch⸗westfälischen Distrikt zu⸗ geführt werden können. Bei den gegenwärtigen Verhält⸗ nissen der Eisenproduktion würde damit ein schwerer Schlag gegen unsere gesammte Eifenindustrie geführt werden, nicht nur gegen die rheinisch⸗westfälische, sondern, wenn man hier paritätisch handelte, auch gegen die oberschlesische, denn die oberschlesische bezieht zur Zeit
ebenso gut mit Bergfahrt Erze zur Verhüttung, wie die nieder⸗
die Beförderung von Kohlen und Eisen, noch ein Hinderniß für die
bereits vor Jahren
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