1899 / 99 p. 4 (Deutscher Reichsanzeiger, Thu, 27 Apr 1899 18:00:01 GMT) scan diff

Ueber den weiteren Verlauf der deutschen Tiefsee⸗ Expedition *)

werden die nachstehenden Mittheilungen aus einem Berichte des Leiters von Juteresse sein.

An Bord des Dampfers „Valdivia“,

den 12. März 1899.

Die „Valdivia“ traf am Abend des 22. Januar 1899 in dem Emmahafen vor Padang ein. Nach der langen Fahrt durch das antarktische Gebiet und den südlichen Indischen Ozean nahm die Expedition einen einwöchentlichen Aufenthalt an der Westküste Sumatras, der zu einem fünftägigen Ausflug in die malerischen, an großartigen tropischen Landschaftsbildern reichen Padangschen Hoch⸗ lande benutzt wurde. Durch das weitgehende Entgegenkommen der holländischen Beamten, welche auf Anweisung des Gouver⸗ neurs hin uns mit Rath und That unterstützten, gelang es, den Aufenthalt auf Sumatra auch für Mehrung unserer Sammlungen und für photographische Aufnahmen des malayischen Völkertypus und der eigenartigen Landschaft nutz⸗ bar zu machen. Nicht minder entgegenkommend erwies sich uns der in Padang ansässige deutsche Konsul.

I. Die Untersuchungen längs der Westküste Sumatras bis zu den Nikobaren.

Den Untersuchungen, welche wir vor unserem Eintreffen in Padang und nach unserer Abfahrt (vom 30. Januar bis zum 8. Februar) längs der Westküste von Sumatra bis zu den Nikobaren ausführten, gaben wir eine breitere Ausdehnung, weil wir gerade in diesen Regionen auf besonders interessante Verhältnisse stießen. W“

Der Westkuüͤste von Sumatra ist eine Reihe theilweise iemlich großer Inseln vorgelagert, welche durch ein breites sanalartiges Becken von Sumatra getrennt sind. Durch frühere Lothungen war bereits der Nachweits geführt worden, daß außerhalb dieser Inselreihe die Küste steil in große Tiefen abfällt. Wir ergänzten diesen Nachweis durch zwei vor dem südlichen Sumatra aufgeführte Lothungen, welche Tiefen von 5248 und 4883 m ergaben. Da im Bereiche der Nordwestseite von Sumatra der Steilabfall noch nicht genauer ermittelt war, fuhren wir am 3. Februar 60 Seemeilen entfernt von der Insel Nias und veranstalteten gegen das Land eine Lothungsserie, welche mit 5214 m, 3127, 1143 und 660 m sehr anschaulich den steilen Anstieg der Küste auf einer verhältnißmäßig kurzen Strecke darlegt. 8

Der Kanal zwischen den Inseln und Sumatra starrt in seiner mittleren und nördlichen Region von Korallenriffen, welche die in diesen Gegenden ohnehin nicht ungefährliche Schiffahrt zu einer recht schwierigen gestalten. Es stand zu erwarten, daß es sich hier um ein seichtes Becken handeln würde, dessen Tiefe indessen noch unbekannt war, da die Admiralitätskarten nur die in der Nähe der Küsten bis zu 60 Faden aufgeführten Lothungen verzeichnen. Um so über⸗ raschender war daher die Thatsache, daß wir südlich von Padang inmitten des Kanals relativ ansehnliche Tiefen bis zu 1671 m nachzuweisen vermochten. Daß es sich in diesem kanalartigen Becken um ein gegen den freien Ozean relativ abgeschlossenes Gebiet handelt, ergaben weiterhin die durch Temperaturserien erzielten Resultate.

Vergleicht man nämlich die von uns aufgezeichneten

Kurven der Tiefseetemperatur im freien Ozean (außerhalb Sumatras) und im Becken, so ergiebt sich als auffälligste Er⸗ scheinung die Thatsache, daß im geschlossenen Becken die Temperatur von 900 m an bis zum Grunde mit 5,90 C. sich gleichbleibt, während sie im Ozean unterhalb 900 m kontinuierlich abnimmt. Dieser Umstand gestattet den Rückschluß, daß das Becken keine tieferen Zugänge als bis zu 900 m aufweist, und daß dem kälteren ozeanischen Tiefenwasser der Zutritt verwehrt ist. Die tiefsten Zugänge, welche wir lotheten, betrugen in der Straße von Siberut 750 m, südlich von den Mentawi⸗ (Paghe⸗) Inseln 614 m und in der Mitte des großen Nias⸗ Kanals (nördlich von Nias) 677 m.

Ueberhaupt wurde den Temperaturmessungen nicht nur

im Bereiche des Beckens, sondern auch im ganzen Indischen Ozean (namentlich innerhalb der Wendekreise) von unserem Ozeanographen eine möglichst große Ausdehnung gegeben, da die thermischen Zustände der tieferen Schichten dieses Ozeans noch fast gänzlich unbekannt sind, im Gegensatze zu unseren Kenntnissen im Gebiete des Atlantischen und Großen Ozeans. nter den mannigfachen Ergebnissen sei nur auf eine Er⸗ cheinung hingewiesen, welche nirgends wieder so scharf aus⸗ geprägt zu sein scheint, wie hier im Indischen Ozean, zumal m Bereiche der Monsunströmungen, nämlich auf das Vor⸗ andensein einer Sprungschicht ungefähr in gleicher Weise, wie sie aus den größeren Süßwasserseen bekannt 8 Bis rund 100 m Tiefe (manchmal auch nur bis 60, 80 der 90 m) erstrecken sich die hohen Temperaturen der Ober⸗ fläche in fast ungeschwächtem Grade, dann folgt eine plötzliche nd rapide Abnahme der Wasserwärme, sodaß bereits in 200 m nur 120 bis-130 C. gefunden werden und von da die Temperatur nur ganz allmählich weiter abnimmt. b 1 Es wird nicht leicht sein, diese Thatsache zu erklären, die durch einen Vergleich mit den Verhältnissen im Attantischen Ozean erst recht auffällig wird. Wir haben gefunden; Station 46. 1 ½ 9 N. Br. 100 W. Lg. Atlant. Ozean.

Süd⸗Aequatortal⸗Strom.

16 20 14,5 ° 8 3

Station 190. 10 Süd. Br. 100 ° Ost. Lg.

Indischer Ozean. Oestlicher Gegenstrom.

13,0° 8,20

5,40 Meeresströmungen in erster Linie diese geographischen Verschiedenheiten der Tiefen⸗ semperaturen verursacht, aber nicht allein durch sie, denn auch im Indischen Ozean hatten wir da, wo die Sprungschicht am reutlichsten war, starken Oberflächenstrom, der eigentlich ein Aufsteigen der niedrigeren Temperaturen bis zu 100 m und näher zur Oberfläche hätte bedingen können oder müssen.

Je weiter wir im Indischen Ozean in der Nähe des Aequators westwärts, also zur afrikanischen Küste, uns hin⸗

Gewiß werden durch die

Nrn. 210, 280, 309 des „R.⸗ u. St⸗A.“ vom

b begaben, desto mehr nahm die Intensität dieser Sprungschicht

ab; ferner haben sich sehr interessante Verschiedenheiten in der Lage der Sprungschicht, d. h. in ihrer absoluten Tiefe, die in den einzelnen Stromgebieten verschieden ist, herausgestellt, doch müssen die näheren Angaben hierüber jetzt unterbleiben, weil sie eine ausgiebige Bearbeitung des Zahlenmaterials voraussetzen. 88

8 Becken vor Sumatra erreicht das Oberflächen⸗ wasser eine ziemlich hohe Temperatur von 29,50 C. und ist salzärmer (33,8 %o) als das Tiefseewasser (in 600 m Tiefe 35,3 %0). 1

So tresfen dann in dem relativ abgeschlossenen Becken eine Reihe günstiger Bedingungen zusammen, welche eine geradezu erstaunliche Ueppigkeit in der Entfaltung pflanzlichen und thierischen Lebens von der Oberfläche bis auf den Meeres⸗ boden zur Folge haben. .

Die niederen pflanzlichen Organismen, wie Diatomeen und Oscillarien, verfärben oft große Strecken des Ober⸗ flächenwassers und wuchern so reichlich, daß unsere Netze bis⸗ weilen von einem dicken Brei derselben erfüllt waren. Da die abgestorbenen Reste dieser unter der Einwirkung des Sonnen⸗ lichts an der Oberfläche produzierten organischen Substanz massenhaft in die Tiefe sinken, so tritt sowohl die flottierende pelagische, wie namentlich auch die auf dem Grund ange⸗ siedelte Tiefenfauna in einer geradezu erstaunlichen Ueppigkeit auf. Während der Fahrt der „Valdivia“ haben wir nirgends auch nicht im antarktischen Gebiet ähnlich ergebnißreiche Dredschzüge ausgeführt, wie an der Westküste von Sumatra. Prächtige neue Formen von Fischen, Mollusken (unter diesen ein tadellos erhaltenes Exemplar des nur von wenigen Expe⸗ ditionen erbeuteten Tintenfisches Spirula), Crustaceen und Glas⸗ schwämmen füllten die Netze, und der Reichthum an Tiefsee⸗ organismen war bei einzelnen Fängen ein so großer, daß wir ihn nur schwer zu bewältigen vermochten. Da die in diesem entlegenen Gebiete des Indischen Ozeans erbeutete Tiefenfauna manche Anklänge an die Fauna des Golfes von Bengalen darbietet wie sie durch das der indischen Regierung ge⸗ hörende Vermessungsschiff „Investigator“ entdeckt wurde —, so suchte ich den Anschluß an diese dadurch zu gewinnen, daß wir von Atschin aus bis zu den Nikobaren vorfuhren. Auch hier zeigte sich keine Abnahme im Reichthum an Tiefenorganiemen, wohl aber setzte die Beschaffenheit des Meeresboden weiteren Dredschzügen ein Ziel. Längs Sumatra bis zu den südlichen Nikobaren besteht nämlich der Grund aus einem grünlichen Tiefenschlamm, der allmählich gegen die nördlichen Nikobaren zu einer zement⸗ artigen Masse erstarrt, welche unsere Grundnetze derart gefährdete, daß wir von weiterem Fischen Abstand nehmen mußten. Im Ganzen haben wir auf der Fahrt von Sumatra bis zu den Nikobaren 21 Schleppnetzzüge ausgeführt, deren Ergebniß den Bearbeitern des Materials wohl gestatten wird, ein endgültiges Urtheil über den Charakter dieser eigenartigen Tiefenfauna zu fällen.

Bei der knapp bemessenen Zeit, die wir für unsere marinen Untersuchungen nach Möglichkeit auszunutzen trachteten, vermochten wir den Inseln und ihren in ethnographischer Hin⸗ sicht merkwürdigen Bewohnern nur wenig Aufmerksamkeit zu widmen. Auf der Insel Nias und auf der Nikobaren⸗Insel Nankauri wurde ein Landungsversuch gemacht, der immerhin dem Photographen Gelegenheit zur Ausnahme von Ab⸗ bildungen (den ersten, welche von dem Habitus und Treiben dieser Stämme ein ungeschminktes Bild geben) bot. 5

Auf Nankauri, wo früher eine dänische Nission existierte, fanden wir sowohl diese, wie auch die später angelegte englische Strafkolonie wohl infolge der hier herrschenden Fieber verlassen. Die Bewohner, als Seeräuber in üblem Rufe stehend, nahmen uns entgegenkommender auf, als ich er⸗ wartet hatte; sie traten uns zum theil völlig nackt entgegen und huldigen dem krassesten Fetischismus. Da in dem besuchten Dorfe kürzlich ein Bewohner verstorben war, be⸗ schäftigte sich die Bevölkerung mit der Herstellung eines Geisterschiffes. Dieses wird mit einem fremdartigen Aufputz zur Versöhnung der Seele des Verstorbenen in das Meer ge⸗ rudert und dem Spiel von Wind und Strömungen über⸗ lassen; der Zufall fügte es, daß wir am Tage der Abfahrt von den Nilobaren einem derartigen fliegenden Holländer auf hoher See begegneten.

II. Von den Nikobaren über Ceylon und die Chagos⸗Inseln nach den Seychellen.

Die Expedition verließ am Abend des 8. Februar den Hafen von Nankawii und trafbei günstigen Wind⸗und Strömungs⸗ verhältnissen am 13. Februar in dem von zahlreichen Dampfern belebten Hafen von Colombo ein. Da die Küste des viel gepriesenen und oft geschilderten Ceylon in ozeanographischer Hinsicht ziemlich wohl bekannt ist, so widmeten wir ihm einen nur zweitägigen Aufenthalt. 8

In der Frühe des 16. Februar verließ die „Valdivia“ Colombo und richtete ihren Kurs nach den Korallenatollen der Malediven und Chagos⸗Inseln. Da wir auf diesem Wege Gebiete kreuzten, deren Bodenrelief noch nicht durch Lothungen ermittelt war, nahmen wir die letzteren von nun an wieder täglich auf und setzten sie regelmäßig bis in die Nähe der Seychellen fort. Von geographischem Interesse dürfte der durch unsere Lothungen erbrachte Nachweis sein, daß zwischen den südlichen Malediven und den Chagos⸗ Inseln ein unterseeischer Verbindungsrücken existiert, der sich aus cinem 4 5000 m tiefen Meere bis zu 2919 resp. 2926 m erhebt. Ueberhaupt wendeten wir den Reliefverhältnissen des Tieffeegrundes in der Umgebung der Korallenriffe besondere Aufmerksamkeit zu und vermochten speziell für⸗ die Chagos⸗ gruppe den Nachweis zu führen, daß sie nach Osten steil in die Tiessee abfällt, während sie noch Westen sich sanfter neigt. Unter dem 68. östl. Längengrad ist ihr eine unterseeische Er⸗ hebung vorgelagert, welche bis zu 2743 m. aufsteigt. Drei Dredschzüge, welche wir in Tiefen zwischen 2000 und 3000 m ausführten, förderten eine relativ spärlich entwickelte Grundfauna zu Tage, die indessen aus interessanten Typen besteht.

biin so ergebnißreicher gestalteten sich die Fänge mit unseren großen Vertikalnetzen aus Seidengaze, die in wechselnde Tiefen meist zwischen 2000 und 3000 m herabgelassen wurden. Sie lieferten (ähnlich wie in dem Atlantischen Ozean) eine Fülle kleinster, aber auch gar manche, durch ihren eigen⸗ artigen Bau fesselnde, große Organismen. Wiederum waren es die schwarzen, mit Leuchtorganen ausgestatteten Tiesseefische, welche in verschiedenen neuen Typen besonderes Interesse er⸗ regten. Der Bau ibhrer bisweilen teleskopartig um⸗

2

geformten und weit vorgeschobenen oder gelegentlich auf langen

z. November, 31. Dezember 1898 und Nr. 73 vom

Stielen befestigten Augen

Formen. (Aehnliche Formen trafen wir auch im antarktischen Gebiete an).

Ein ähnliches, bisher unbekannt gebliebenes Konstruktions⸗ prinzip der Augen, das im wesentlichen wieder auf einer teleskopartigen Umformung derselben beruht, vermochten wir bei verschiedenen pelagischen Tintenfischen (Cephalopoden) nach⸗ zuweisen, die gleichfalls in manchen eigenartigen neuen Formen erbeutet wurden. Es nürde zuweit führen, wenn ich auch nur annähernd den reichen öö an unseren Kenntnissen von Mollusken, Crustaceen, Wuürmern, Seewalzen (Pelagothuria), Medusen, Schwimmpolypen und Urthieren schildern wollte, den die ausgiebige Verwendung der Vertikalnetze bedingte: ich glaube versichern zu können, daß die Expedition gerade in dieser Hinsicht einen Vorsprung vor den früheren Tiefsee⸗ Expeditionen gewonnen hat.

Um über die Tiefenverbreitung der im Wasser flottierenden pflanzlichen und thierischen Organismen ein. sicheres Urtheil zu gewinnen, wurde besondere Aufmerksamkeit den Schließ⸗ netzfängen gewidmet. Da diese sowohl über die untere Grenze pflanzlichen Lebens im freien Ozean, über die Schichtung thierischer Organismen in größeren Tiefen und über den Antheil, welchen ihre Schalenreste am Aufbau des Meeresgrundes nehmen, sicheren und einwandfreien Aufschluß geben, so sind wir allmählich dazu übergegangeh. an einer und derselben Stelle eine größere Zahl

Bild über die vertikale Verbreitung des organischen Lebens in der Tiefsee und liefern zugleich auch den Beweis, daß selbst in den größten Tiefen bis zu 5000 m noch lebende Crustaceen (Copapoden) und Urthiere (Radiolarien) flottieren. Da die Schalenreste oft noch mit organischem Inhalt erfüllt sind und (wie zwei direkt über dem Meeresboden in 3000 resp. 5000 m ausgeführte Schließnetzzüge beweisen) in der Nähe des Grundes sich massenhaft anstauen, so fließt den auf dem Meeresboden sich ansiedelnden fossilen Formen eine unversiegliche Quelle von Nahrung. Eine Abhängigkeit von dem Quantum an der Oberfläche produzierter organischer Substanz und der Tiefe des Grundes, auf welchem sich Thiere ansiedelten, tritt deutlich hervor. In der Nähe der Küsten, wo (wie bei Sumatra) besonders reichlich die Diatomcen und Oscillarien an der Oberfläche wuchern, fällt dieser organische Detritus so massen⸗ haft auf den relativ flachen Meeresboden, d fauna erstaunlich üppig sich entfaltet. Im freien Ozean, wo

die meisten Schalenreste in bedeutende Tiefen herabsinken

und größtentheils ihres Inhalts verlustig gehen, tritt

das thierische Leben auf dem Meeresboden nur sehr spärlich entwickelt auf. Diese Verhältnisse sind gerade im Indischen Ozean recht auffällig ausgeprägt, während im kalten

antarktischen Gebiete mit seiner erstaunlich reichen Oberflächen⸗ flora von Diatomeen auch in bedeutenden Tiefen von uns eine noch reich entwickelte Grundfauna nachgewiesen wurde. Nebenbei 8 sei indessen bemerkt, daß das Relief des Bodens und das Material, aus dem sich der Meeresboden aufbaut, von bedeut⸗

samem Einfluß auf die Reichhaltigkeit der Grundfauna ist: auf thonigem Schlamm in großen Tiefen oder auf dem Steil⸗

geringfügiges Material. G 8

Um indessen über die Erfahrungen⸗ welche wir vermittels der Schließnetze gewannen, einige spezielle Bemerkungen hinzu⸗ zufügen, sei erwähnt, daß sich in Bezug auf das Quantum an lebendiger organischer Substanz die Wasserschichten in drei Etagen gliedern lassen. Die oberste Etage reicht bis zu. 80 m hinab und ist dadurch charakterisiert, daß in ihr die niederen pflanzlichen Organismen unter dem Einflusse des Sonnenlichts üppig gedeihen und durch Assimilation ihren Leib aufbauen. Die zweite Etage reicht von 80 m bis zu etwa 350 m. Sie ist dadurch charakterisiert, liche Organismen (ganz unabhängig von den ver⸗ schiedenen dort obwaltenden Temperaturen) ihre Existenz⸗ bedingungen finden. Diese „Schattenflora“ setzt sich aus einigen Diatomeengattungen (Planktoniella, Asteromphalus, Cosci- nodiscus) und aus der kugligen Algengattung Halosphaera zusammen. Unterhalb 350 m bis zum Grund vermögen keine pflanzlichen Organismen zu existieren; sie zeigen stets deutliche Spuren des Zerfalls, der sich zunächst in einer abnormen An⸗ häufung von Chromatophoren und Stärkekörnern kundgiebt. Da indessen die pflanzlichen Reste mit mehr oder minder zer⸗ setztem Inhalt massenhaft niedersinken, so erklärt es sich, daß in diesen dunklen Regionen noch eine reiche Lebewelt thierischer Organismen auftritt, von denen kleine Crustaceen (Copapoden, Ostrakoden) und Radiolarien (Challengeriden) lebend bis in die größten untersuchten Tiefen von 5000 m nachgewiesen wurden. Immerhin ergaben unsere Schließnetz⸗ fänge von etwa 800 m an eine der Tiefe proportional ver⸗ 9 kontinuierliche Abnahme im Quantum thierischer Organismen. 1

Da die Expedition gerade in die Untersuchung allgemeiner biologischer Fragen über die vertikale Verbreitung der Orga⸗ nismen in der Tiessee und über ihre Existenzbedingungen den Schwerpunkt ihrer Thätigkeit verlegte, hoffe ich, daß die hier nur in flüchtigen Umrissen skizzierten und nunmehr zu einem gewissen Abschluß gelangten Erg ebnisse dazu beitragen werden, klärend auf viel umstrittene Anschauungen einzuwirken.

Außer den biologischen Untersuchungen wurden die ozeano⸗ graphischen und chemischen Arbeiten in gewohnter Weise ge⸗ fördert (die Ergebnisse sind z. Th. in diesen Bericht ein⸗ geflochten worden); auch wird, wie bisher, dem meteorologischen Journal und den Registrierapparaten eingehende Aufmerksam⸗ keit gewidmet.

Was schließlich den äußern Verlauf der Fahrt anbelangt, so gestalteten sich die Witterungsverhältnisse meist recht günstig und erlaubten eine oft weitgehende Ausdehnung der Arbeits⸗ zeit, die durch die rasche Fahrt der „Valdivia“ (zrotzdem nur ein Kessel geheizt wird, läuft das Schiff unvermindert 8 bis 9 Seemeilen in der Sumunde) ausgeglichen wurde. Wir trafen im Indischen Ozean se für die jetzige Jahreszeit typischen Witterungsverhältnisse an: nördlich vom Aequator im allgemeinen Nordost⸗Monsun, der leichte Versetzungen nach Süden zur Folge hatte, und südlich vom Aequartor Nordwest⸗Monsun mit östlichen Strömungen. In der Nähe von Diego Garcia (Chagos⸗Inseln) trat der letztere, begleitet von reichlichen tropischen Regengüssen, so stürmisch auf, daß auf der Fahrt nach den Seychellen behufs üeens unserer biologischen Untersuchungen der Kurs nach

orden gegen den Aequator genommen werden mußte. Wir

trafen dann auch zwischen dem 2. und 3. südlichen Breiten⸗

gestaltet sie zu höchst bizarren

grade wieder auf mäßigere Winde, welche die Anwendung aller Apparate und Netze gestatteten. Seit unserer Abfahrt von den Sevychellen herrschie bisweilen völlige Windstille mit

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von Stufenfängen zu veranstalten. Sie geben ein anschauliches

daß die Grund⸗

Bestandes von Cocospalmen beruht.

abfalle der Korallenriffe fischten unsere Schleppnetze ein dußerst

daß in ihr nur wenig pflanzaz⸗

kaum ausgeprägten südlichen Versetzungen. Die Lufttemperatur bewegt sich im Schatten zwischen 270 bis 310 C. und wirkt bei dem hohen Feuchtigkeitsgehglte bisweilen recht erschlaffend.

Ueber unsern Landaufenthalt auf verschiedenen Inseln des Indischen Meeres sei noch Folgendes erwähnt. Als wir in der Nähe des Suadiva⸗Atolls der Malediven am Abend des 19. Februar vor Anker gingen, ließ sich der Rajah der angrenzenden Inseln an Bord rudern und lud zu einem Besuch ein. Der Leiter der Expedition stattete diesen bei Tagesgrauen ab und wurde in der entgegenkommendsten Weise von der streng muhamedanischen Bevölkerung auf⸗ genommen. Obwohl dieselbe dem malayischen Typus zu⸗ gerechnet wird, zeigt sie sich doch recht abweichend gestaltet und bietet eher Anklänge an arabische Gesichtszüge dar. Unter den jungen Männern fielen eine Anzahl auffällig schöner Gestalten auf; in dem Dorfe und in den Hütten herrschte peinliche Sauberkeit, und die prachtvoll gestickten Gewandungen der mit Goldschmuck behängten Frauen zeugten von einem gewissen allgemeinen Wohlstande. Im übrigen trug die Flora der meist mit Cocospalmen bestandenen niedrigen Inseln den Charakter der Vegetation von Koralleninseln zur Schau.

Große Erwartungen bezüglich der kaum bekannten Land⸗ flora und Landfauna hatten wir an einen Besuch von Diego Garcia der größten Chagos⸗Insel geknüpft. Wir trafen dort am Abend des 23. Februar ein, und der Kapitän entschloß sich im Hinblick auf die genauen Seekarten und unter der Gunst einer mondhellen Nacht zu einer Einfahrt in die von Korallenriffen starrende gewaltige Binnen⸗Lagune des Atolls. Die Bevölkerung war nicht wenig überrascht, als sie am Morgen den großen Dampfer erblickte. Der Administrator der unter englischem Schutze stehenden Insel ließ sich an Bord rudern und diente uns gleich⸗ zeitig als Pilot bei der gewundenen Fahrt durch die Lagune. Leider gingen unsere Erwartungen über die Fauna und Flora der Insel nicht in Erfüllung. Die Vegetation ist zwar ungemein malerisch, zeigt aber keine endemischen Formen, sondern nur jene auf allen Atollen ver⸗ breiteten und durch Schwimmfrüchte ausgezeichneten Baum⸗ und Strauchformen. Auch die Vogel⸗ und Insektenfauna, nicht minder die drei Arten der massenhaft den Cocoswald durchschwärmenden Landkrabben lassen endemische Formen ver⸗ missen. Wir verbrachten daher auf der Insel, wo wir

wiederum auf das Gastlichste aufgenommen wurden, nur zwei Tage und verließen sie am Nachmittag des 25. Februar. Immerhin war es von großem Interesse, einen Einblick in das Gemeinwesen einer weltverlorenen und seit zehn Jahren von dem großen Verkehr abgeschnittenen Insel zu erhalten, deren Werth ausschließlich in der Ausnutzung des prachtvollen Unier der Aufsicht nur vier verheiratheten Weißen sind über 500 welche das französische Kreolen⸗Patois sprechen, Cocosöls beschäftigt. Ueberall herrschte lebhafte Thätigkeit und ein streng geregelter Betrieb. Obwohl Beamte und polizeilicher Schutz fehlen, herrscht doch absolute Sicherheit; Revolten, wie sie früher aus kommunistischen Regungen entstanden, sind in den letzten ahren nicht mehr vorgekommen.

Unser dreitägiger Aufenthalt auf den Seychellen

8 sich durch das Entgegenkommen des englischen ouverneurs zu einem in mehrfacher Hinsicht ergebnißreichen. Wir trafen am Nachmittag des 5. März vor Mahé ein

und nutzten den ersten Tag zu einer Exkursion in das auf den

Höhen der Granitberge sich hinziehende Urwaldgebiet, den zweiten zum Sammeln auf den Korallenriffen und den dritten zu einer Fahrt nach der Insel Praslin aus. Wenn auch die

xkursionen auf Mahé und Praslin infolge der glühenden Haß recht strapaziös waren, so lieferten sie doch in botanischer insicht ein unerwartet reiches Ergebniß. In zwei Thälern

von Praslin kommt die berühmteste aller Palmen, die Lodoicea Seychellarum, vor. Ihre Früchte, im Mittelalter hoch geschätzt und fast mit Gold aufgewogen, erreichen monströse Dimensionen, und an Wucht der Belaubung kann sich kaum eine Palme mit der Lodoicea messen. Da die Exemplare unter speziellem Schutze des Gouvernements stehen, so begleitete uns auf Veranlassung des Administrators der Seychellen der Inspektor der Forsten. Das Gouvernement schenkte der Expedition eine größere Anzahl von den als „cocos de mer“ bekannten bizarren Früchten, und durch das Entgegen⸗ kommen des Inspektors erhielten wir alle in botanischer Hinsicht interessanten Theile der Palme, welche den Botaniker der Expedition in den Stand setzen, eine monographische Schilderung der Lodoicea zu entwerfen. Aufgenommene Photographien (die ersten, welche an dem natürlichen Standpunkt aufgenommen wurden) werden später zur Belebung der Darstellung sicher beitragen.

Unsere zoologischen Sammlungen wurden durch mehrere seltene Vogelarten, welche nur auf einzelnen Seychellen⸗Inseln vorkommen, bereichert. Von ganz besonderem Werthe sind vier große lebende Exemplare der nur noch auf Aldabra vorkommenden

lephanten⸗Schildkröten. Unter ihnen befindet sich ein mehr als hundertjähriges Exemplar von monströsen Dimensionen, welches uns nebst zwei mittelgroßen Thieren von dem Besitzer der Insel Félicité als Geschenk übermittelt wurden. Da auch von seiten des deutschen Konsuls ein großes Exemplar der Expedition überwiesen wurde, so verfügen wir über einen stattlichen Bestand von fast antediluvianisch sich ausnehmenden Schildkröten, welche hoffentlich bei sorgfältiger Pflege lebend in Hamburg ankommen werden.

v1111“ der wichtigeren Lothungen der „Valdivia“ im äquatorialen Indischen Ozean. 8

Boden⸗ Wasser⸗ Temp.

Datum Breite Lönge Tiefe

Nr.

30 41,3 Süd [1000 59,5“ Ost 30 22,1 101⁰ 11,5“ 20 11,8“ 1000 27,1“ 00 58,2 990 43,2“ 00 39,2“ 980 52,3“ 00 43,2“ 970 33,8 . 00 15,2’ Nord 980 8,8“ .99]00⁰ 30,50 980 14 2“ . 99 0C0 46,2 960 23,2“ .99 10 13,7“ 960 43,8 . 99]10 48,9 960 53,0“ —. 99 20 12,3“ 95⁰ 41,3“ .99 50˙ 23,2“ 940 48,1“ .99 60 54 0 930 28,8“ .99 70⁰ 48,8 930 7,6“ .99 70 57,9“ 910 47,2 .99 70 43,2“ 880 44,9“ .99 5,1 79⁰ 31,7“ . 99 ]40 56,0“ 780 15,3“ .99 20 29,9 76⁰0 47˙0 . 99 [00 2,3 730 24,0“ —. 99 ]1° 57,0 730 19,1“ .99]s 40 5,3“ 730 24,8“ 22. 1I. 99 40 31,0“ 730 19,7 23. II. 89 60 19,3“ 750 18,9 26. 99 60 38,5“ 700 58,1“ 27. 1I. 99 40 5,8“ 700 1,9“ 28. II. 99] 20 56,6“ 67⁰ 59,0“ 1. III. 99 20 38,7 650 59,2 2. III 99] 20 38,9“ 630 37,9“ 9. III. 99] 4⁰ 34.8 530 42,8

614 m 8,70 C. 903 m 6,60 1671 m 1280 m 750 m 371 m 614 m 594 m 5214 m 3127 m 1143 m 1494 m 1024 m 296 m 805 m 3974 m 3692 m

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4454 m 4133 m 2253 m 2919 m 2926 m 2524 m 3396 m 2127 m 4129 m 2743 m 3460 m 4599 m 2377 m

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72 Sitzung vom 26. April 1899, 1 Uhr.

Auf der Tagesordnung steht die Berathung verschiedener Anträge wegen Errichtung von Arbeitskammern und eines Arbeitsamts.

1 Ein Antrag der Abgg. Dr. Lieber (Zentr.) und Genossen

ordert auf Grund der Kaiserlichen Februar⸗Erlasse von 1890 die Er⸗ richtung von Arbeitskammern, um so „den Arbeitern freien und friedlichen Ausdruck ihrer Wünsche und Beschwerden zu ermöglichen

und den Staatsbehörden Gelegenheit zu geben, sich über die Verhält⸗ nisse der Arbeiter fortlaufend zu unterrichten und mit den letzteren Fühlung zu behalten“. „Ein Zusatzantrag der Abgg. Freiherr Heyl zu Herrns⸗ heim (nl.) und Genossen knüpft ebenfalls an die Kaiserlichen Februar⸗ Erlasse von 1890 an und verlangt eine Erweiterung des Antrags des Zentrums dahin, daß die in dem Gewerbegerichtsgesetz enthaltenen

Bestimmungen in der Weise ausgebaut werden, daß die Landes⸗

Zentralbehörden verpflichtet sind, überall da, wo gerichte besteben oeder solche noch errichtet werden, die Fabrikbetriebe zur Anwendung zu bringen. Den auf diese Weise gebildeten besonderen Abtheilungen der Gewerbegerichte, welche die Unternehmer der Fabriken und die Fahrikarbeiter umfassen, liegr ob: a. zur Unterstützung der Arbeiter in Fällen der Arbeits⸗ losigkeit thunlichst Kassen einrichten; b. Gutachten zur Förderung der gewerblichen Interessen an Staats⸗ und Gemeindebehörden ab⸗ zugeben und Jahresberichte zu erstatten; c. Wünsche und Anträge, die die gesundheitlichen Verhältnisse der Arbeiter und die Fürsorge für Arbeiterwohnungen betreffen, zu berathen und den Behörden vor⸗ zulegen Die Funktionen dieser Abthbeilungen der Gewerbegerichte als Eintgungsamt im Falle von Streitigkeiten zwischen Arbeitgebern und Arbeitern sollen dahin erweitert werden, daß ein gesetzlich gesicherter Verhandlungszwang eingeführt wird.

Ein weiterer AHese Pastrag der Abgg. Rösicke⸗Dessau (b.k. F.) und Dr. Pachnicke (fr. Vgg.) schlägt vor: „Zur Erfüllung der in den Erlassen des Kaisers vom 4 Februar 1890 der Gesetzgebung gestellten Aufgaben dem Reichstage ferner einen Gesetzentwurf vorzulegen, durch welchen 1) den zur Wahrnehmung von Berufsinteressen gegründeten Vereinen Rechtsfähigkeit verliehen wird, wenn sie den §§ 50 bis 60 des Bürgerlichen Gesetzbuchs genügen; 2) den im § 152 der Reichs⸗Gewerbe⸗ ordnung erwähnten Vereinigungen und sonstigen zur Wahrnehmung von Berufsinteressen gegründeten Vereinen gestattet wird, ihre Bestrebungen zum Zwecke der Verbesserung der Lage der Arbeiter auch auf Ver⸗ änderbugen rer Gesetzgebung zu richten und mit einander in Ver⸗ bindung zu treten.“

Endlich beantragen die Abgg. Dr. Pachnicke und Rösicke⸗ Dessau: „Den Reichskanzler zu ersuchen, dahin zu wirken, daß ein Reichs⸗Arbeitsamt errichtet werde, welchem die Untersuchung und Fest⸗ stellung der Arbeiterverhältnisse im Deutschen Reiche unter Hinzu⸗ ziehung von Vertretern der Arbeitgeber und Arheitnehmer obliegt.“

Abg. Dr Hitze (Zentr): Der Antrag des Zentrums hat lediglich den Zweck, den hochberzigen Gedanken der Kaiserlichen Februar⸗Erlasse

Gewerbe⸗ dieselben auf

auszuführen. Der gemachte Vorschlag ist zwar nicht der einzige Weg, der zam Ziele führt, man könnte auch andere einschlagen, das Zentrum hat sich aber mit diesem einen Vorschlage begnügt, will sich indessen nicht für einen bestimmten Wen feillegen. Die Arbeitskammern sellen eine gesetzliche Vertretung der Arbeiter darstellen, wie Handel und Industrie die Handels⸗ und Gewerbekammern haben, die Landwirthschaft, in Preußen wenigstens, sich der Landwirthschaftskammern erfreut und wie ferner die Hand⸗ werkskammern eingerichtet werden sollen. In den Arbeitskammern, nicht Arbeiterkammern, sollen die Arbeitgeber und Arbeitnehmer ver⸗ einigt sein, um ihre im letzten Grunde solidarischen Interessen gemein⸗ sam wahrzunehmen. Die Zeiten sind vorbei, wo die Arbeiter ver⸗ trauensvoll auf die Arbeitgeber blickien; sie wollen ihre Angelegenheiten selbst in die Hand nehmen, und dieser Bewegung muß Rechnung ge⸗ tragen werden. Die Arbeiter glauben vorläufig, die Sozialdemo ratie sei ihre beste Vertretung; das ist ein Aberglaube, eine Illusion, ein Wahn. Aber er ist nun einmal vorhanden und muß erst überwunden werden. Alle solche Bewegungen sind zunächst radikal, aber allmählich wird immer mehr Wasser in den Wein gezossen. Die Arbeit⸗ geber müssen die Arbeiter überzeugen, daß im Grunde ge⸗ nommen ihre beiderseitigen Interessen gemeinsam sind. Dem Eisenindustriellen muß es doch leicht sein, seine Arbeiter von der Nothwendigkeit des Schutzzolles auf Eisen zu überzeugen. Geschieht das, dann wird die Arbeiterschaft sich von der radikalen, freihändlerischen Sozialdemokratie abwenden. Ebenso wird sich über die Frage der Arbeitszeit eine Verständigung erzielen lassen. Die Sozialdemokraten haben verschiedene Theorien schon über Bord ge⸗ worfen, und das würde noch mehr der Fall sein, wenn sie zur praktischen Mitarbeit gezwungen würden. Dann würde das große „R“ bald gestrichen sein und aus der Revolution würde eine Evolution entstehen, in der die Welt sich schon jetzt zum theil befindet. Redner weist auf die Grundlinien der Organisation hin, die er auf dem Kongreß „Arbeiterwohl“ im verflossenen Jahre entworfen habe. Es müßten lokale Arbeitskommern und Bezirksarbeitskammern geschaffen werden, erstere als Abtheilungen des Gewerbegerichts, wie es Herr von Hayl vorgeschlagen habe. Die lokalen Arbeitskammern würden die Ge⸗ meinden in ihrer Sozialpolitik zu unterstützen haben bei der Wohnungsfürsorge, den Verkehrseinrichtungen, dem Arbeiterwobl⸗ fahrtswesen. der Kinderarbeit, den statistischen Erhebungen ec. Der Vorsivende der Bezirkskammern müßte ein energischer, weitblickender Mann sein, der sich in die Verhältnisse seines Bezirks hineinlebte und die Interessen der Arhbeiter und Arbeitgeber seines Bezirks zu wahren verstände. Die Sozialdemokraten hätten bereits vor 20 Jahren einen ähnlichen Antrag eingebracht. In den soztaldemokratischen Anträgen liege ja neist ein berechtigter Kern, wenn auch vielfach ein sehr kleiner. Aber der damalige Antrag sei durchaus undurchführbar gewesen. Die Arbeitskammern sollten noch alle möglichen anderen Aufgaben erfüllen, die Gewerbeaussicht ꝛc. Die von Arbeitern und Arbeitgebern je zur Hälfte gewählten Beamten hätten aber nicht die Neutralität wie die Staatsbeamten, welche jetzt diese Aufgabe erfüllen sollten.

Abg. Dr. Pachnicke (fr. Vgg.): Unser Antrag steht nur in einem losen Zusammenhang mit den anderen Anträgen; er ist die

oberste Svitze einer geschoßweise sich verjüngenden Organisation. Das Arbeitsamt soll Statistik treiben; es soll die Verhältnisse auf⸗ klären, denn will man ohne Hast, aber ohne Rast vorgehen, so muß man die Zustände kennen lernen. Trotz aller Literatur, kennen wir noch lange nicht genug von dem Leben des Arbeiters. In Bezug auf die Arbeits⸗ Seta .. hat 3 B. Dr. Jastrow durch mühsame Rückfragen in seinem „Arbeitsmarkt’ festgestellt, daß für die Arbeiter eine Arbeits⸗ vermittelung eigentlich fehlt. In der Sozialdemokratie findet eine große Umwälzung statt. Die Mehrwerthstheorie, die Verelendungs⸗ theorie sind aufgegeben worden; die Krisentbeorie leidet bereits an Katastrophitis. Die Ausbildung der Gesetzgebung erfordert die genaue Kenntniß der bestehenden Verhältnisse. Nur derjenige kann die Anreizung zum Ausstand mit hen bestrafen wollen, der nicht weiß, wie hart dieses Vergehen schon jeßt bestraft wird. Man muß also die Zustände der Gesetzgebung kennen, ehe man die Gesetzgebung weiter ausbildet. Man muß die vorhandenen Arbeitsverträge sammeln, die die Rechte der Arbeiter unterdrücken. Dafür ist ein Arbeitsamt nothwendig. Diesem Gedanken ist nach meiner Auffassung auch der Staatssekretär Graf von Posadowsky nicht abgeneigt. Er sprach davon, daß er einmal die Arbeiterschutz⸗ bestimmungen anderer Länder und ihre Wirkung zusammenstellen würde, wenn er Zeit hätte. Es muß dafür eine besondere ständige Institution geschaffen werden, die alles Material sammelt, das in den Fabrikinspektoren⸗Berichten, in den Veröffentlichungen des Vereins für Sozialpolitik, in den Untersuchungen der Kommission für Arbeiterstatistik ꝛc. enthalten ist. Diese ständige Institution müßte eine billige Zeitung herausgeben, die in die breiten Massen dringt; neben dem Arbeitsamt müßte, wie der Kolonialrath neben dem Kolonialamt, eine berathende Körperschaft von Laien eingerichtet werden, in der alle Parteien vertreten sein müßten. Redner weist darauf hin, daß in anderen Staaten derartige Einrichtungen bereits beständen. Der letzte Schritt wäre eine internationale Verbindung der Arbeitsämter der verschiedenen europäischen Staaten und ein gemein⸗ sames Arbeiten auf diesem Gebiete. Der Minister von Berlepsch

habe den Aufruf erlassen zur Herstellung einer internationalen Ver⸗ einigung für Arbeiterschutz. Das sei der beste Beweis für die Noth⸗ wendigkeit eines solchen Vorgehens. Redner beantragt, alle Anträge, mit Ausnahme des nationalliberalen, im Plenum zu erledigen, den nationalliberalen Antrag dagegen der Kommission zu überweisen, welche sich mit den Schiedsgerichten beschäftige.

Abg. Freiherr von Stumm (Rp.): Ich muß den beiden Vor⸗ rednern die Illusion nehmen, als ob die Mehrheit des Hauses hinter ihrem Antrage stehe. Diese Anträge wären noch vor 20 Jahren un⸗ denkbar gewesen. Sie verschaffen der Sozialdemokratie einen unver⸗ kennbaren Triumph, vielleicht einen größeren Triumph als die 2 ¼ Millionen Wahlstimmen. Solche Anträge nähren die sozialdemo⸗ kratischen Forderungen ganz erheblich und sind durchaus nicht geeignet, die Sozialdemokratie aus den Angeln zu heben. Der Antrag Bebel⸗ Grillenberger wurde vor 20 Jahren en bagatelle behandelt und in der Kommission begraben. Heute werden Anträge gestellt, die sich ganz in der Richtung des sozialdemokratischen Antrags bewegen, wenn auch mit kleinen Abweichungen. Noch im Jahre 1883 hat sich das Zentrum unumwunden auf den Boden des Knappschaftsprinzips gestellt; das hat auch Freiherr von Heyl mehrfach gethan. Die Anträge bewegen sich auf dem Boden eines ganz anderen Prinzips, das zu dem Knappschafts⸗ prinzip in einem unüberbrückbaren Gegensatz steht. Die Knappschaften haben seit Jahrhunderten segensreich in der Montanindustrie gewirkt. Ich bedaure sehr, daß meine Bestrebungen, die Grundsätze der Knappschaftsvereine auf die gesammte Fabrikindustrie zu übertragen, nicht verwirklicht worden sind. Wenn man die Fabriken heute noch loslösen könnte von der Kranken⸗, Unfall⸗ und Invalidenversicherung, wenn man sie nach dem Knappschaftsprinzip organisieren könnte, dann könnte man ihnen auch Aufgaben übertragen, die darauf hinausgehen, eine Versöhnung der widerstreitenden Interessen herbeizuführen; dann könnte man den Grundstein der Gesetzgebung legen: die Wittwen⸗ und Waisenversorgung, die viel wichtiger ist als alle anderen Experimente. Wenn man auf diese Aufgabe die gesammte Arbeit konzentrierte, die jetzt auf die immer wieder unter den Tisch fallenden Initiativanträge verwendet wird, so hätte man diese Aufgabe längst lösen können Wenn wir die ganze Arbeiterversicherung auf Knappschaftsvereine basieren würden, würden wir sehr schnell zur Lösung der Frage kommen. Es könnten auf diese Weise ohne bureaukratische Einrichtung auf dem Wege der Selbstverwaltung die Interessen der Arbeiter wahrgenommen werden. Wenn aber jeder Arbeiter, der sich über einen Werkmeister zu beschweren hat, sich an die Arbeitskammer wendet, dann ist es un⸗ möglich, einen Betrieb durchzuführen. Die Arbeiter, welche alle diese Dinge bewältigen sollen, welche den Arbeitskammern aufgebürdet werden sollen, sind keine praktischen Arbeiter mehr, sondern Delegirte, welche losgelöst sind von dem praktischen Leben, ebenso wie die sozial⸗ demokratischen Abgeordneten garnicht mehr Arbeiter sind. In der ganzen Organisation würden die sozialdemokratischen Arbeiterführer eine große Rolle spielen. Die Antragsteller berufen sich auf die Kaiserlichen Erlasse von 1890 wie ich glaube, zu Unrecht. Denn der Wortlaut der Erlasse bezieht sich ebenso gut auf die Arbeiterausschüsse der einzelnen Betriebe wie auf eine allgemeine Organisation. Wo finden sich die Leute, welche die Arbeiten in dieser Organisation leisten können, namentlich auf seiten der Arbeiter? Dieselbe würde nur den sozialdemokratischen Ocganisationen dienen, weil einmal die sozialdemokratischen Arbeiter vorwiegend theo⸗ retisch ausgebildet sind und weil die eigentlichen tüchtigen Arbeiter mehr Interesse daran haben, ihre Arbeit zu verrichten und ihre Familien zu ernähren, statt sich solchen Aufgaben hinzu⸗ geben. Die Sekretäre der Arbeitskammern würden mindestens so ausgebildet sein müssen wie die Handelskammer⸗Sekretäre. Auf diese Sekretäre würde schließlich die Entscheidung in allen Fragen übergehen, und das nennt man Versöhnung der Gegensätze zwischen Arbeitern und Arbeitgebern. Die Arbeitskammern in Belgien sind ganz anders organisiert, als der Antrag des Zentrums vorschlägt. Die Wählbarkeit hängt davon ab, daß ein Arbeiter vier Jahre im Bezirk thätig ist und 30 Jahre alt ist; die Wahl⸗ berechtigung beginnt mit dem 25. Lebensjahre. In Belgien sind aber die Arbeitskammern in der großen Mehrzahl oktroyiert worden, weil die Arbeiter einfach nicht zur Wahl kamen. Und diese Arbeitskammern haben den großen Bergarbeiterstrike nicht ver⸗ bindern können. Der Antrag des Freiherrn von Heyl geht über den Antrag des Zentrums hinweg und näbert sich den Sozialdemokraten, indem er die Arbeitskammern an die Gewerbegerichte anschließen will. Die Fabrikanten werden von den Sozialdemokraten bei den Ge⸗ werbegerichten vergewaltigt. Wenn die Fabrikanten ausgeschieden werden, dann wird dies bezüglich der Handwerker noch viel mehr der Fall sein. Dazu sollten die Großindustriellen nicht beitragen. Es ist außerdem falsch, die Gewerbegerichte zu Trägern einer Ver⸗ waltung zu machen. Das entspricht durchaus nicht den Fähigkeiten und den Aufgaben eines Gewerbegerichtsvorsitzenden. Man kann die Gewerbegerichte für segensreich oder für bedenklich halten; aber für diese Entscheidungen, die ihnen nach dem Antrage Hevl zu⸗ gewiesen werden sollen, eignen sie sich in keinem Falle. Solche Institutionen werden nicht der Sozialdemokratie den Boden abgraben, sondern sie geradezu stärken. Die Sozialdemokraten haben sich der Organisation der Krankenkassen, ja sogar der Innungen bemaͤchtigt, und die Beisitzer der Arbeitskammern werden nur Delegirte der Sozialdemokratie sein. Sollen nun die Fabrikanten gezwungen werden, mit diesen Delegirten der Sozialdemokratie zu verhandeln? Diese Delegirten der Sozialdemokratie werden natürlich die Interessen der organisterten Arbeiter besonders berücksichtigen, und dadurch würde jeder Arbeiter gezwungen, sich Organisationen anzuschließen. Die Rechtsfähigkeit der Berufsvereine wäre ein Kinderspiel gegen diese Verhältnisse. Der Verhandlungszwang besteht in Australien und Neu⸗Seeland, aber dort besteht auch das Recht Einigungsamts, die Löhne festüusetzen. Wenn der handlungszwang festgelegt wird, dann wird jeder Arbeitgeber, der sich der Entscheidung des Einigungsamts nicht fügt,

vielleicht aus sens berechtigten Gründen, als ein Scheusal erscheinen. Nichts, ist schwieriger als die Versicherung