Frankreich
Der Gouverneur von Französisch⸗Guinea Ballay ist, ach einer Meldung des „W. T. B.“, zum General⸗Gouver⸗ neur von Französisch⸗Westafrika ernannt worden an Stelle Chaudié s, welcher einen anderen Posten erhält.
Der Kriegs⸗Minister, General André wohnte gestern in Brest der Enthüllung eines Denkmals bei, welches zum Ge⸗ dächtniß der im Dienste des Vaterlandes gefallenen bretonischen Land⸗ und Seesoldaten errichtet worden ist. Er gedachte in einer Ansprache der Tapferkeit dieser Soldaten und sagte, die Regierung werde den von den Vorfahren ererbten Ruhm nicht schmälern lassen.
Der zur Disposition gestellte Kommandeur der Artillerie⸗ schule in Fontainebleau, General Perpoyre, hat an die Offiziere dieser Anstalt ein Abschiedsschreiben gerichtet, in welchem er erklärt, daß seine Haltung stets korrekt gewesen sei, und er daher seine Maßregelung für ungerechtfertigt halten müsse.
3 Spanien. 1“
Aus Saragossa wird, dem „W. T. B.“ zufolge, die Abreise des Carlistenführers Cabrera gemeldet. Das Ziel seiner Reise sei unbekannt. Die militärischen Behörden in Valencia hätten Versichtsmaßregeln getroffen. — In Naͤvarra und Biscaya herrsche vollkommene Ruhe. Die stehe der carlistischen Bewegung optimistisch gegen⸗ über.
Türkei.
Das Wiener „Telegr.⸗Korresp.⸗Bureau“ meldet aus Kon⸗ stantinopel, der griechische Geschäftsträger habe am 30. v. M. den Botschaftern ein Memorandum über die Frage der türkisch⸗griechischen Konsular⸗ konvention überreicht, in welchem die Ausführungen des Memorandums der Pforte über den gleichen Gegenstand im Einzelnen zurückgewiesen werden. Die Botschafter würden das griechische Memorandum mit Gewährung einer Frist der Pforte zur Gegenäußerung übermitteln. Nach dem Fmpfange der letzteren würden die Botschafter ihren Schieds⸗ spruch fällen.
1 Rumänien. 8
Wie die „Agence Roumaine“ meldet, hat der Minister des Auswärtigen dem rumänischen Agenten in Sofia zur Uebermittelung an die bulgarische Regierung ein be⸗ glaubigtes Exemplar des Berichts des Untersuchungsrichters, betreffend die den Bulgaren zur Last gelegten Mordthaten, übersandt. — Nach den neuesten Berichten hat sich die durch die neue Alkoholsteuer in bäuerlichen Kreisen hervor⸗ gerufene Beunruhigung bereits überall gelegt.
Schweden und Norwegen.
Das in Christiania erscheinende Blatt „Verdens Gang“ erfährt, wie dem „W. T. B.“ gemeldet wird, daß die Staatsräthe Loechen, Holst und Thielesen dem Kronprinz⸗Regenten ihren Wunsch mitgetheilt hätten, aus dem Ministerium auszutreten. Das Porte⸗ feuille der Finanzen sei dem Bürgermeister von Archander angeboten worden, welcher es jedoch abgelehnt habe; dagegen habe sich der ehemalige Staatsrath Konew bereit erklärt, das Ackerbau⸗Ministerium zu übernehmen. Die Re⸗ gierung habe den General⸗Sekretär für auswärtigen Handel im Ministerium des Innern, Dr. Sigurd Ibsen, beauftragt, eine Darstellung des Verhältnisses des Konsulatswesens zur Diplomatie auszuarbeiten.
Asien.
Aus Peking vom 30. v. M. meldet das „Reuter'sche Bureau“, die Schaffung von Verkehrswegen werde im kom⸗ menden Winter wahrscheinlich einige Schwierigkeiten bereiten. Man befürchte, daß die Wiederherstellung der Eisenbahnlinie nicht bis zu dem Zeitpunkt beendigt sein werde, von dem an durch Zufrieren des Peiho die Zufuhr von Lebensmitteln auf dem Nührnege unmöglich sei. Die Eisenbahnlinie sei von Schan⸗
ai⸗Kwan bis Tangfang, 30 Meilen von Taku, in gutem Zu⸗ stande. Zwischen Tangfang und Peitang, welche beiden Orte 23 Meilen von einander entfernt lägen, sei die Eisenbahnlinie völlig zerstört. Die Russen trügen für die Wiederherstellung dieser Strecke die Verantwortlichkeit, aber sie blieben völlig unthätig. Diese Unthätigkeit gebe zu Besorgnissen Anlaß. Es sei sehr wahr⸗ scheinlich, daß die ganze übrige Eisenbahnlinie nach Peking in wenigen Wochen beendigt sein werde. Die Engländer stellten die Strecke zwischen Peking und Huangtsun, die 18 Meilen betrage, wieder her. Die Japaner hätten ihre Arbeiten bei Huangtsun angefangen, um mit den Deutschen zusammen⸗ zutreffen, welche von Yangtsun aus vorgingen.
Dem „W. T. B.“ wird aus Peking vom 31. v. M. berichtet, daß eine kleine deutsche Expedition von Nangtsun nach Takwantun⸗Hsianghosien⸗Hohsiwu und eine japanische Expedition von Nangtsun nach Pautihsien⸗Hohsiwu weder Boxer noch Truppen getroffen hätten.
Der „Standard“ meldet aus Tientsin vom 30. Oktober: Die Verbündeten hätten nordwestlich von Paoting⸗fu einen Zusammenstoß mit den Boxern gehabt, wobei 21 der letzteren gefallen seien. — Aus Schanghai vom 31. v. M. erfährt dasselbe Blatt, ein amtliches chinesisches Telegramm aus Singanfu berichte, daß der Prinz Tuan als buddhistischer Mönch verkleidet nach der Mongolei geflohen sei und sich dem Dalai Lama anzuschließen beabsichtige.
Den Londoner Blättern wird ferner aus Schanghai vom 30. Oktober gemeldet, daß am Tage zuvor von der Mauer der verbotenen Stadt aus auf zwei amerikanische Offiziere ge⸗ schossen worden sei. Dieselben seien nicht verletzt worden; die Angreifer seien entkommen.
Aus Schanghai vom 31. v. M. ist der „Times“ die Mittheilung zugegangen, eine chinesische Meldung besage, daß Liukunji und Tschang⸗tschi⸗tung in einer Denk⸗ schrift den Thron gebeten hätten, die Bestrafung der Prinzen und Minister zu befehlen, welche die Boxer unterstützt hätten, da sonst die Existenz des Reichs ernstlich sei. Sie hätten hinzugefügt, daß die fremden
ruppen wahrscheinlich nach Tschinting vorrücken würden.
erner werde berichtet, daß Scheng den Befehl erhalten habe ich sofort nach Peking zu begeben.
Afrika.
Aus Aliwal North vom 31. v. M. berichtet das „Reuter’'sche Bureau“, es sei von dort auf die Meldung des Befehlshabers der Polizeitruppe in Odendalstroom, daß man in Palmietspoint am Oranjefluß schießen höre, eine Rekognoszierungs⸗Abtheilung von 40 Mann unter dem Befehl
Gesund heitsamts“
des Kapitäns Knott abgesandt worden. Später sei gemeldet worden, daß ein Burenkommando von 200 Mann gegenüber Odendalstroom gesehen worden sei; daraufhin seien weitere 40 Mann zur Verstärkung der Polizeitruppe in Odendal⸗ stroom abgegangen, während 80 Mann zur Unterstützung des Kapitäns Knott ausgerückt seien. Den letzten Berichten zufolge sei in der Gegend von Hennings Farm gegenüber Odendalstroom ein Gefecht im Gange.
Der Feldmarschall Lord Roberts meldet aus Johannes⸗ burg vom 31. v. M.: Nach der Besetzung Bethlehems durchdie Engländer am 21. Oktober und der Niederlage der Buren drei Meilen von Bethlehem, wo diese aus einer starken Stellung geworfen worden seien, habe ein halbes Bataillon Grenadiere unter dem Schutze von Artillerie eine zweite starke Stellung der Buren angegriffen. Der Feind habe sich gut gehalten, sei aber, da er keine Artillerie gehabt habe, in kurzer Zeit zurückgeworfen worden. Die Engländer hätten drei Todte und siebzehn Verwundete verloren.
Nrr. 44 der „Veröffentlichungen des Kaiserlichen vom 31. Oktober hat folgenden Inhalt: Personalnachricht — Gesundheitsstand und Gang der Volkskrank⸗ heiten. — Zeitweilige Maßregeln gegen Pest. — Gesundheitswesen in Hamburg, 1899. — Gesetzgebung u. s. w. (Deutsches Reich) Gewerbeordnung. — Krankenversicherung. — (Preußen. Reg⸗Bez. Gumbinnen.) Fleisch. — (Reg.⸗Bez. Lüneburg) Thierkadaver u. s. w. — (Sachsen.) Tuberkulose. — (Württemberg.) Arzneimittel. — Gemeingefährliche Krankheiten. — (Baden.) Bäckereien u. s. w. — Thierquälereien. — (Mecklenburg⸗Schwerin.) Maul⸗ und Klauen⸗ seuche. — (Sachsen⸗Meiningen.) Schulärztliche Untersuchungen. — (Hamburg.) Wohnungen. — (Oesterreich.) Zahnärztliche Diplome. — (Böhmen). Impfwesen. — (Belgien.) Gefährliche Betriebe. — Gang der Thierseuchen in Oesterreich, 3. Vierteljahr — Zeitweilige Maßregeln gegen Thierseuchen. (Preuß. Reg.⸗Bez. Hildesheim, Oester⸗
von mehr als 3000 bis 9500 ℳ
in den Städten.. 190 785 199 549
auf dem Lande. 69 320 68 599
überhaupt 260 105 268 148
Im wesentlichen zeigen also alle drei Einkommensgruppen dieselbe Bewegung. Insbesondere kann von einer dauernden und auffälligen Zunahme der sehr großen Einkommen nicht die Rede sein. Ganz wie die in gewissem Sinne noch dem Mittelstande zuzurechnenden Ein⸗ kommen von 3000 bis 9500 ℳ und wie die von 9500 bis 100 000 ℳ sind auch die von über 100 000 ℳ i. J. 1895 im Verhältnisse zur Bevölkerung seltener als i. J. 1892, um dann ebenso wie jene sich wieder zu vermehren, und zwar wohl stark, aber nicht besonders auf⸗ fällig. Es gab nämlich auf jede Million Einwohner i. J. 1892 55,46, i. J. 1895 nur noch 51,63, dagegen i. J. 1899 70,83 solche sehr großen Einkommen.
Betrachtet man nun noch die „allergrößten“ Einkommen von mehr als 500 000 ℳ, so waren im Jahre 1892 103, im Jahre 1895 97, im Jahre 1899 148 Zensiten mit diesen Einkommen vorhanden, und zwar (in Mill. Mark) 8 über über über über über über üö
05 60 ö—- bis bis bis bis bis bis ö CCböö19 8 1 11136“ 8 4 6 3 16 Städten 1899 34 2³½4 9 9 3 a0f dem 1396 4 38 4 2 — 22211
Die Anzahl dieser Einkommen ist also, wie das bei dem wirth schaftlichen Aufschwunge der letzten Jahre nicht anders zu erwarten war, beträchtlich gewachsen; ebenso hat ihre durchschnittliche Höhen⸗ lage sich gehoben. Im Jahre 1892 gehörte ; B. in den Städten die größere Hälfte dieser Zensiten (45 unter 86) den Einkommens⸗ gruppen von 0,5 bis 0,7 Mill. Mark an, 1899 nur noch die kleinere Hälfte (58 unter 120). Auf dem Lande (d. h. in den Landgemeinden und Gutsbezirken, ohne Rücksicht auf deren wirthschaftlichen Charakter) waren i. J. 1892 unter 17 Einkommen von mehr als 500 000 ℳ 9, i. J. 1899 dagegen unter 28 solchen 16 vorhanden, die sich über 700 000 ℳ erhoben.
Kunst und Wissenschaft.
„Im Kommissionsverlag der Herder'schen Verlagshandlung in Freiburg i. Br. ist die„Jahresmappe 1900“ der Deutschen Gesellschaft für christliche Kunst erschienen (Preis 15 ℳ). Unter den 12 Folio⸗Tafeln in Kupferdruck, Phototypie, Zinkographie und Farbendruck, sowie den 25 Abbildungen, welche den Text schmücken, finden sich anerkennenswerthe Schöpfungen der Architekten J. Angermair, H. Hertel u. A., sowie zahlreiche plastische und malerische Arbeiten, die zum theil recht erfreulich sind. Von den plastischen Werken verdienen insbesondere die Kreuzigungsgruppe von F. Langenberg, das Grabmal des Kardinals Hergenröther und ein Marienaltar vom Professor B. Schmitt sowie die Figur des h. Georg vom Professor H. Waderé Beifall. Diese Werke zeichnen sich durch kräftige Behandlung und einen von Sentimentalität freien Zug männlicher Froͤmmigkeit aus. Auch in den malerischen Arbeiten von J. Altheimer (Altar in der Albertus⸗Magnus⸗Kapelle zu Regensburg), von G. Fugel (seine in der Art von B. Piglhein komponierie „Pfingstpredigt“ ist ein beachtenswerthes Historienbild) und von Professor E. Zimmermann (in seiner „Anbetung der Hirten“ ist die rein menschliche Seite der Heilsgeschichte liebenswürdig, dichterisch naiv dargestellt) interessiert das Bemühen dieser Künstler, die Motive in einer den Anforderungen moderner Technik und dem religiösen Empfinden unserer stark kritischen Zeit entsprechenden Form zur Darstellung zu bringen. In den Kreisen der Künstler, deren nähere Bekanntschaft die Jahres mappen der Deutschen Gesellschaft für christliche Kunst bisher vermittelten, tritt ein erfreulicher, frischer Zug in die Erscheinung. Um über diese Bewegung einen allgemeineren Ueberblick zu gewinnen, wird sich für die folgenden Veröffentlichungen der Gesellschaft eine noch weitergehende Berücksichtigung der an anderen deutschen Kunstplätzen außerhalb Münchens, beispielsweise in Düssel⸗ dorf, in der gleichen Richtung wirkenden Künstler empfehlen. Die Re⸗ produktionen sind von der bewährten Bruckmann'schen Kunstdruckerei in München trefflich hergestellt worden.
8
Land⸗ und Forstwirthschaft.
Ernte in Rußland. Der Kaiserliche Konsul in Libau berichtet unter dem 25. p Folgendes: “ Als Durchschnittsertrag ergiebt sich hier: ö“ eine gute Ernte, „ Roggen.. 1“] gute . Gerste „ mittlere 4“*“ „ mitttlere 16* . gute F und Futtergräser „ schlechte “ „ vporzügliche
6
reich, Luxemburg, Schweden, Egypten, Kapkolonie, Uruguay.) — Ver⸗ mischtes. (Schweiz.) Oeffentliche Gesundheitspflege. 65 Alexandrien.) Flecktvphus, 1900. — Geschenkliste. — Wochentabelle über die Sterbefälle in deutschen Orten mit 40 000 und mehr Ein⸗ “ in “ des Auslandes. — rkrankungen in Krankenhäusern deutscher Großstädte. — Desgl. i deutschen Stadt⸗ und Landbezirken. — 88 Sroßs
Nr. 41 des „Eisenbahn⸗Verordnungsblatts“, heraus⸗ gegeben im Ministerium der öffentlichen Arbeiten. vom 31. Oktober, hat folgenden Inhalt: Erlasse des Ministers der öffentlichen Arbeiten: vom 17. Oktober 1900, betreffend Umfang der Verpflichtung des Eisenbahnunternehmers zur Zahlung von Kosten im Genehmigungs⸗ und Enteignungsverfahren; vom 18 Oktober 1900, betreffend Dienst⸗ kleidung der Staatseisenbahnbeamten; vom 23. Oktober 1900, be⸗ treffend Untersuchung der Sehschärfe der Eisenbahnbediensteten; vom 24. Oktober 1900, betreffend Ablösung der Verpflichtung des Eisen⸗ bahnfiskus zur Betheiligung an der Unterhaltung infolge des Bahn baus verlegter oder veränderter öffentlicher Wege. — Nachrichten.
Statistik und Volkswirthschaft.
Die Bewegung der Einkommen von mehr als 3000 ℳ bis
9500, 9500 bis 100 000 und über 100 000 ℳ in Preu von 1892 bis 1899. 8 ün.
Nach den Ergebnissen der Steuereinschätzung in Preußen ist, wie in Nr. 118 des „R.⸗ u. St.⸗A.“ vom 17. Mai d. J mitgetheilt die Zabl der physischen Personen mit einem Einkommen von mehr als 3000 ℳ im Verhältnisse zur Gesammtbevölkerung in den Städten von 2,01 v. H. (Tiefstand in den Jahren 1895 und 1896 mst 1,98 v. H.) für 1899 auf 2,16 v. H. und auf dem „Lande“ von 0,44 v. H. (Tiefstand i. J. 1895 mit 0,42 v. H.) für 1899 auf 0,47 v H. gestiegen. Die nachfolgende, der „Stat. Korr.“ entnommen Uebersicht zerlegt diese Zahlen noch in 3 Gruppen von 3000 bis 9500, 9500 bis 100 000 und über 100 000 ℳ Einkommen. Es waren Zensiten vorhanden mit einem Einkommen:
von mehr als
9500 bis 100 000 ℳ über 100 000 ℳ
.11897. 11895 11809, 1892 1895 1899 18o2 1895 1899 in Hunderttheilen der Bevölkerung 1,61 1,60 1,73 0,39 0,37 0.41 0,01 in Hunderttheilen der Bevölkerung .. 0,38 0,37 “ 0,05 005 0,06 in Hunderttheilen der Bevölkerung . . 0,87 0,87 319755
1 284 0,01
11 023 321 307
0,002 0,002
55 126 54 555 68 871 1 658 1 591
0,18 018 0,21 001 0,99991.
45 634 45 484 57 848 1 337
9 492 9 071
Diie Qualilät aller Getreidearten sowie des Viehfutters ist gut. — Kartoffeln und Obst neigen zu rascher Fäulniß.
Die Weizenernte der Welt im Jahre 1900.
Die Weizenernte der Welt im Jahre 1900 hat im allgemeinen
ein befriedigendes Resultat ergeben. Obgleich sie niedriger ausgefallen
ist als in den beiden Vorjahren, so wird sie doch für die Bedürfnisse
der Bevölkerung ausreichen und eine Beeinflussung des gegenwärtigen
Brotoreises kaum herbeiführen. Zur Veranschaulichung der ge⸗
sammten Weizenernte lassen wir hier eine Tabelle folgen, welche die
Weizenproduktion der einzelnen Länder mit derjenigen des Jahres 1899
in Vergleich stellt und zugleich die wahrscheinlichen Ein⸗ und Aus⸗ fuhren der Länder für das Jahr 1900 ersichtlich macht.
1 Produktion Wahrscheinliche 1900 1899 Einfuhr Ausfuhr Menge in Hektolitern .
125 000 000 27 000 000 129 000 000 ““ 16 200 000
Europa: Rußland 126 500 000 Frankreich 107 500 000 Ungarn 50 100 000 Oesterreich 15 800 000 Italien 43 100 000 Deutschland 43 000 000 Spanien 42 000 000 Rumänien . . 21 300 000 Großbritannien 19 000 000 Bulgarien . . 14 000 000 Türkei, europ. 12 000 000 Belgten.. 6 200 000 Serbien.. 4 100 000 Rumelien 3 500 000 Portugal. 2 800 000 Griechenland 2 100 000 Schweden 1 600 000. Niederlande 1 500 000 Dänemark. 1 500 000 Schweiz 1 300 000 Norwegen ꝛc. 900 000
zusammen 519 800 000 Amerika: Ver. Staaten von Amerika 180 000 000 1 Argentiniten 30 000 000 . Canada 18 500 000 Chile. 4 800 000 Brasilien, An⸗ tillen u. s. w. 2 . zusammen 233 300 000 255 400 000
Asien: Indien 66 500 000 85 500 000 Kleinasien .. 12 500 000 11 000 000 Persien 7 800 000 7 000 000
4 100 000 3 500 000
4 000 000
16 900 000 9 500 000 14 000 000 2 100 000
70 0000
52 200 000 17 500 000 46 400 000 48 700 000 33 300 000 9 200 000 24 500 000 9 100 000 8 900 000 7 500 000 3 500 000 2 700 000 2 200 000 1 900 000 1 500 000 2 200 000 1 500 000 1 500 000 900 000
529 200 000
9 000 000
3 600 000 1 800 000 12 50000o0 —
1 800 000
1 600 000
1 200 000
5 500 000 900 000
5 000 000 800 000
145 800 000
JPJJAA111“
China, Japan 1SSe 2 89 zusammen . 90 900 000 107 000 000
Afrika: Algerien.. 8 000 000 6 100 000 Egypten 4500 000 4 000 000 600 000 Tunesien 2 100 000 1 500 000 700 000 1 400 000 1 500 000 —
Kapkolonie zusammen 16 000 000 13 100 000 1 800 000 3 300 000. 20 500 000 20 500 000 — 4 000 000
Australien 1 Insgesamm . 880 500 000 925 200 000 157 600 000 156 500 000.
„ Es zeigt sich also, daß die Ernte des laufenden Jahres fast überall geringer ausgefallen ist als im Vorjahre. Doch sind auch bemerkenswerthe Ausnahmen zu verzeichnen, namentlich bei den Balkanländern. So hat Rumänien, welches im Jahre 1899 nur 9 200 000 hl Weizen erntete, im laufenden Jahre eine Weizenernte von 21 300 000 hl hervorgebracht und damit eine Ausfuhr von 9 000 000 hl erübrigt. Die Ernte Bulgariens ist von 9 100 000 hl auf 14 000 000 hl angewachsen und diejenige der europäischen Türkei von 8 900 000 hl auf 12 Millionen Hektoliter; auch Serbien, Ru⸗ melien und Griechenland sind im Jahre 1900 bezüglich ihrer Weizen⸗ ernte wesentlich begünstigt worden. In Rußland hat die Weizenernte des Jahres 1900 die vorjährige nur unbedeutend überschritten, sodaß
5 000 000 5 000 000
2 000 000
für die Weizenausfuhr etwa 27 Millionen Hektoliter zur Verfügung
stehen werden.
Im Westen Europas wiegt die Weizenernte im allgemeinen die⸗
j enige des Jahres 1899 nicht auf, außer in Spanien, wo sich ein Mehr von 8 700 000 hl, und in Portugal, wo sich ein Mehr von
600 000 hl gegen das Vorjahr ergab. So ist in Frankreich die Weizenernte von 129 Millionen Hektoliter im Jahre 1899 auf 107 ½ Millionen im Jahre 1900 gesunken. Die 1900er Weizenernte wird auch kaum ausreichen, um den Konsum dieses Landes zu decken; doch sind aus den Vorjahren reichliche Vorräthe mit herüber⸗ genommen worden, sodaß nur eine Einfuhr von etwa 4 Millionen Hektoliter erforderlich werden wird. Ungarn und Oesterreich haben ebenfalls eine geringere Weizenernte als im Vogjahre; Oesterreich wird jedoch seinen Bedarf durch den Ueberschuß Ungarns nahezu befriedigen können. Deutschland, dessen Weizenernte um 5 700 000 hl. hinter derjenigen des Jahres 1899 zurückblieb, wird einer Einfuhr von etwa 14 Millionen Hektoliter benöthigen, um den Konsum des Landes decken zu können.
Bei den beiden Hälften Amerikas findet sich im Vergleich mit der vorjährigen Weizenernte ein Ausfall von etwa 22 Millionen Hektoliter. In Argentinien, wo die Eente am Schlusse des Jahres stattfindet, dürfte die oben zu 30 Millionen Hektoliter abgeschätzte Weizenernte der vorjährigen in Wirklichkeit kaum nachstehen. Im nördlichen Theil Amerikas hat sich die Ernte weniger günstig gestaltet als im Vorjahr. Bedeutend tritt auch der Ernteausfall in Indien hervor, wo die Weizenernte von 85 500 000 hl im Jahre 1899 auf 66 ½ Millionen H ktoliter im laufenden Jahre zurückging.
Von den einzelnen Erdtheilen haben gegenüber dem Vorjahre einen Rückgang der Weizenernte zu verzeichnen: Eurova von 9 400 000 hl, Amerika von 22 100 000 hl und Asien von 16 100 000 hl, während die Wetzenernte Australiens sich gleichblieb und diejenige Afrikas um 2 900 000 hl gegen das Vorjahr zunahm. In ihrer Gesammtheit ergiebt die Weltweizenernte gegen das Vorjahr einen Rückgang von 44 700 000 hl. 8 8
Wenn man die Bedürfnisse und Ueberschüsse der einzelnen Erd⸗ theile mit einander vergleicht, so ergiebt sich, daß Europa als einziger Erdtheil dasteht, der auf die Einfuhr von Weizen angewiesen ist, während die übrigen Erdtheile in der Lage sind, Ueberschüsse an Weizen abzugeben. Das Nähere hierüber veranschaulicht die folgende
Tabelle “ Erdtheile Einfuhr Ausfuhr hl 86 400 000 — CCCC6““
Europa I1““ ͤbb 2 100 000 1““ 1 500 000 Auftralien . .⸗ 4 000 000 Zusammen hl 86 400 000 85 300 000. 8 Nach dieser Tabelle ergiebt sich für das Jahr 1900 ein Deftzit von 1 100 000 hl Weizen, welches aber mit Rücksicht auf die in Argentinien zu erwartende Mehrernte bedeutungslos erscheint. Außerdem verdient hervorgehoben zu werden, daß die Qualität des Weizens im Jahre 1900 allgemein befriedigend ausfiel, was in Bezug
auf die Mehlausbeute wesentlich ins Gewicht fällt. (Moniteur des Intérêts Matériels.)
Deutsche Werthe in australischen Rübenzucker⸗ Unternehmungen.
(Nach einem Bericht des deutschen landwirthschaftlichen Sachverständigen in Sydney.)
Der Zuckerrübenanbau zog im letzten Jahrzehnt auch in Australien die Aufmerksamkeit industrieller Kreise auf sich, da die natürlichen Verhältnisse demselben in Victoria und Neusüdwales günstig zu sein egie längere Vorbereitungen und Versuche seit den neunziger Jahren chienen diese Ansicht zu bestätigen. Daraufhin kam 1896 in Viktoria das Rübenzuckergesetz zu stande, demzufolge die Regierung an Privatrüben⸗ zuckerfabriken für jede 20 ℳ eingezahltes Kapital 40 ℳ Vorschuß bei halbjährlichen Rückzahlungen innerhalb 46 Jahren gewährte, vor⸗ ausgesetzt, daß im Umkreise von 16 km um die Fabrik mindestens 4000 ha Rübenland liegen, von denen jedenfalls rd. 800 ha jährlich in Anbau sein müssen; außerdem muß mindestens ein Betriebskapital von 400 000 ℳ vorhanden sein.
Daraufhin fand sich, unter starker Mitbetheiligung der Braun⸗ schweigischen Maschinenbauanstalt, eine Aktiengesellschaft zusammen, die in Maffra (Gippsland) 210 km östlich von Melbourne, in frucht⸗ barster Gegend an der Bahnstation eine stattliche, mit allen Verbesse⸗ rungen der Neuzeit ausgestattete und auf starke Vergrößerung vorgesehene Zuckerfabrik gründete. Der Betrieb wurde im Jahre 1897 mit zum theil deutscher Leitung und deutschen Arbeitskräften eröffnet, nachdem mit vieler Mühe und nach Uebernahme eines Theiles des Rübenlandes durch Syndikate und die Fabrik selbst die Rübenmengen gesichert chienen.
Es ist bekannt, daß diese ersten Versuche keinen Erfolg hatten; die Fabrik mußte den Staatszuschuß übermäßig in Anspruch nehmen und hatte infolge von klimatischen und Betriebseinflüssen so schlechte Erfolge, daß sie 1899 aufhörte zu arbeiten.
Uebrigens ist dies nicht die einzige deutsche Kapitalsanlage in australischen Rübenzuckerwerthen. Auch in Neuseeland hat man sich damit beschäftigt und im Jahre 1897 den Antrag gestellt, die Anlage von Rückenzuckerfabriken durch Regierungsprämien zu unterstützen. J Tenterfield ist nach vierjährigen vielversprechenden Anbauversuchen mit Zuckerrüben vor einigen Jahren von einer Gesellschaft mit Betheiligung der Braunschweigischen Maschinenbauanstalt bei einem Kapital von 2 000 000 ℳ der Bau der Fabrik mit einer einstweiligen Einrichtung für täglich 3600 dz Rübenverarbeitung beschlossen worden, wobei man sich schon im voraus für die folgenden Betriebsjahre einen jährlichen Reingewinn von 60— 70 000 ℳ ausgerechnet hatte. Bei dem Mißerfolge in Maffra hat man die Ausführung des Planes aufgehoben, es gilt aber als sicher, daß, sobald jene Fabrik nach ihrer Wiedereröffnung bessere Ergebnisse haben sollte, nicht nur in Tenter⸗ field, sondern auch sonst in Victoria und Neu⸗Südwales, und vielleicht noch anderwärts in kürzester Zeit neue Rübenzuckerfabriken entstehen würden.
Gesundheitswesen, Thierkrankheiten und Absperrungs⸗ Maßregeln.
Malta.
Die Lokalregierung in Malta, hat unterm 24 v. M. in Ab⸗ änderunz früherer, im besonderen der unterm 3. v. M. (vergl. „R.⸗Anz.“ Nr. 244 vom 13. v. M.) erlassenen Bestimmungen folgende QOuarantäne⸗Verordnung erlassen: 1
1) Nachstehend aufgeführte Schiffe dürfen nicht in den Hafen können aber mit den Quarantäne⸗Anstalten in Verkehr reten:
a. Schiffe, welche Cholera⸗, Gelbfieber⸗ oder Pestfälle, oder Krankheitsfälle mit irgend welchen, den Symptomen dieser Seuchen gleichenden Anzeichen an Bord haben, oder während der Reise oder der vorhergehenden 21 Tage gehabt haben;
b. Schiffe mit Pilgern aus dem Osten; — 8
c. Schiffe aus dem Persischen Golf und von arabischen Häfen des Rothen Meereg, welche nicht in Suez und Port Said jiu freier Praktike zugelassen worden sind.
2) Es dürfen in dem Quarantänehafen unter beschränkungen Ladung einnehmen:
a. Schiffe aus irgend einem Hafen ohne reinen Gesundheitspaß, welche nicht unter die in Abs. 1 aufgeführten Bestimmungen fallen;
b. Schiffe von Glasgow, welche nicht in einem Zwischenhafen zu freier Praktike zugelassen und dort zur Zufriedenheit der Hafenbehörden desinfiziert worden sind;
c. Schiffe ohne reinen Gesundheitspaß und solche von Glasgow werden zu freier Praktike zugelassen nach einem Zeitraum von 20 Tagen, gerechnet von dem letzten, amtlich gemeldeten Pest⸗, Cholera⸗ oder ähnlichen Krankheitsfall.
3) Aerztliche Untersuchung.
Alle Schiffe unterliegen bei ihrer Ankunft einer strengen ärztlichen Untersuchung.
Quarantäne⸗
4) Passagiere. a. Passagiere und Mannschaften, welche aus Glasgow, chinesischen, indischen und arabischen Häfen auf Schiffen eintreffen, welche keinen Arzt an Bord haben, werden in einer der Quarantäneanstalten ge⸗ landet, wo sie einer strengen ärztlichen Untersuchung unterliegen, bis ihre Kleider und alle sonstigen zum versönlichen Gebrauch dienenden Gegenstände, welche Träger des Ansteckungsstoffes sein könnten, gehörig desinfiziert worden sind. b) Passagiere und Mannschaften, welche aus den eben genannten Häfen auf Schiffen mit einem Arst an Bord eintreffen, dürfen landen; aber ihr Gepäck wird erst freigegeben, nachdem dasselbe in einer der Quarantäneanstalten desinfiziert worden ist. 5) Waaren. b Die Einfuhr von Kaffee, in Bohnen oder gemahlen, welcher mit gesundheitsschädlichen Stoffen gefärbt ist, wird verboten. Schiffe, welche unter die in Abs. 2 aufgeführten Bestimmungen fallen, dürfen solche Waaren löschen, welche die Desinfektion zulassen oder nicht verdächtig sind. “ Auz verseuchten Häfen eingeführtes Getreide muß während 21 Tagen in dem Lazareth oder einem anderen von der Zollbehörde bestimmten Orte aufbewahrt werden, wo es unter Leitung der
Quarantänebehörde gelüftet wird. 1
Die Einfuhr von Lumpen ist verboten. Nachstehende Gegenstände werden nur nach Desinfektion zugelassen:
Kleidungsstücke, schmutzige Wäsche und Kleidung, Bettgegenstände, Federn, Knochen und Jute.
Außerdem ist die Desinfektion vorgeschrieben für folgende Gegen⸗ stände, wenn sie aus einem verseuchten Hafen kommen: Gebrauchte Säcke sowie Teppiche und Stickereien, welche gebraucht sind, rohe und frische und ungegerbte Felle. Thierabfälle, wie Klauen, Hufe, Haare, ferner rohe Seide, Wolle und Menschenhaar.
Die Einfuhr von Häuten aus einem Hafen, gegen welchen Quarantäne vorgeschrieben ist, oder aus einem Ort, wo Viehseuchen herrschen, ist nur nach vorheriger Desinfektion gestattet. .
Die Einfuhr von Weinstöcken, Weinsprößlingen und Früchten, welche in Weinblättern verpackt sind, ist verboten. Die Einfuhr von Pflanzen und Wurzeln aus irgend einem Hafen des Mittelländischen Meeres ist verboten, wenn sie nicht von einem Zeugniß der britischen Konsularbehörde darüber begleitet sind, daß Phylloxera nicht in dem Herkunftsort herrscht.
Egypten. 8
Der Internationale Gesundheitsrath in Alexandrien hat be⸗ schlossen, die Pestmaßregeln gegen die Herkünfte aus Glasgow außer Anwendung zu setzen. (Vergl. „R.⸗Anz.“ Nr. 214 vom 8. September d. J.) 8 8
Verkehrs⸗Anstalten. Bremen, 1. November. (W. T. B.) Norddeutscher Lloyd.
Dampfer „Kaiserin Maria Theresia“ 31. Okt. v Bremen in Cher⸗
bourg angek. und Reise n. New York fortges. „Coblenz“ 31. Okt. v. Baltimore und „Trier“ v. New York n. Bremen abgeg. Prinz Heinrich“, n. Ost⸗Asien best., 31. Okt. Gibraltar pafs. „Aller“ 31 Okt. v. New York in Gibraltar angek. und Reise n. Genua über Neapel fortges. „Lahn“ und „Friedrich der Große“ 1. Nov. v. Bremen in New York angekommen.
— 2. November. (W. T. B.) Dampfer „Livland“ 31. Okt. Reise von Antwerpen n. Oporto, Hamburg“ 1. Nov. v. Neapel n. Genua fortgesetzt. „Ems“, nach New York bestimmt, 1. Nov. d. Azoren pass. „König Albert“, n. Ost⸗Asien best., 1. Nov. in Colombo angek. „Prinzeß Irene“ 1. Nev. v. Rotterdam n. Ost⸗Asien abgeg. „Stuttgart“ 1. Nov. v. Bremen in Hongkong und „Willehad“ v. Australien in Neapel angek. „Karlsruhe“ 1. Nov. v. Fremantle und „Borkum“ v. Galveston n. Bremen abgegangen.
Hamburg, 2. November. (W. T. B.) Hamburg⸗Amerika⸗ Linie. Dampfer „Christiania“, v. New York über Kopenhagen n. Stettin, 1. Nov. Batt of Lewis passiert. „Cap Frio“ 2. Nov. in Hamburg angek. „Kaiser Friedrich’, v. New York n. Hamburg, 1. Noo. Dover und „Belgravia“, v. Hamburg n. New York, Cuxhaven passiert. „Granaria“ 2. Nov. in Hamburg angek. „Hungaria*, v. St. Thomas über Havre n. Hamburg, 2. Nov. Lizard passiert. „Armenia“ 1. Nov. in Philadelphia angek. „Sicilia“ 1. Nov. v. Jarow n. Hamburg, „Asturia“ 31. Okt. v. Singapore n. Penang abgeg. Hamburg“ 1. Nov. v. Neapel n. Genua weitergeg. „Aragonia“ 2. Nov. in Singapore angek. „Adria“ 1. Nov. v. Nagasaki n. Hamburg, „Sarnia“ 2. Nov. v. Schanghat n. Hongkong abgegangen. 3 .
London, 2. November. (W. T. B.) Union⸗Linie. Dampfer „Scot“ auf Heimreise Mittwoch von Kapstadt abgegangen.
Castle⸗Linie. Dampfer „Doune Castle“ heute auf Ausreise in Kapstadt angekommen.
Rotterdam, 1. November. (W. T. B.) Holland⸗Amerika⸗ Linie. Dampfer „Amsterdam“ v. New York heute in Rotterdam angek. 8 1 Theater und Musik.
Neues Königliches Opern⸗Theater.
Am Montag brachte das italienische Gastspiel⸗Ensemble Verdi's Oper „Rigoletto“ zur Aufführung, der am Donnerstag die Oper „La Traviata“ desselben Komponisten folgte. An beiden Abenden stand naturgemäß wiederum Frau Sembrich im Mittel⸗ punkt des Interesses. Wenn ihr Spiel vielleicht auch die dramatische Kraft vermissen läßt, deren die Rollen der Gilda sowohl wie die der Violetta nicht entrathen können, so entschädigt die Künstlerin dafür mehr als genug durch die hohe, von warmer Empfin⸗ dung getragene Gesangskunst. Diese herrliche Stimme, die bis auf den kleinsten Ton von wunderbarem Wohllaut ist, wird dem musikalischen Theil dieser Rollen in jeder Beziehung gerecht, und die Koloraturen sowie der fein ausgearbeitete Vortrag entzückten wieder von neuem das gespannt lauschende Auditorium. — Herr Bensaude als Rigoletto bezw. als Vater Germont war sehr annehmbar, obgleich er bei Wiedergabe der erstgenannten Partie anfänglich unter einer Indisposition zu leiden hatte. Er er⸗ freut durch die gleichmäßige Tongebung seiner prächtigen Stimme, wenn dieselbe auch bisweilen Intonationsschwankungen unterworfen ist. Herr Bonci war sowohl gesanglich wie darstellerisch trefflich in der Wiedergabe der Partie des Herzogs, und auch die kleineren Rollen waren durch Herrn Arimondi und durch Signora Giaconia gut besetzt;
Darstellung des Sparafucile besonders lobend erwähnt. Es erübrigt noch, des Herrn Pandolfini als Alfredo zu gedenken, der eine zwar etwas offene, flache Tonbildung hat, aber seine sonst nicht unsympathische Stimme mit gutem Ausdruck zu verwenden weiß. Der Orchester⸗Di⸗ rigent Herr Bevignani leitete wiederum beide Aufführungen mit feinstem musikalischen Verständniß und brachte die Schönheiten der Partituren in vollkommener Weise zu Gehör; namentlich brachte ihm das Vor⸗ spiel zum vierten Akt der „Traviata“ warmen Applaus ein. Das zahl⸗ reich erschienene Publikum spendete den Darstellern gleichfalls leb⸗ haften, sich immer wieder erneuernden Beifall und dankte ganz besonders Frau Sembrich für die genußreichen Kunstdarbietungen. Theater des Westens.
Die spanische Sängerin Fräulein Maria Barrientos beendete gestern Abend ihr hiesiges Gastspiel in der Partie der Lucia in Doni⸗ zetti's Oper „Lucia von Lammermoor“, welche in der Wahn⸗ sinnsarie des dritten Aktes eine der schwierigsten, aber zugleich auch der dankbarsten Schöpfungen für den kolorierten Gesang darbietet. Diesen Theil ihrer Aufgabe löste die junge Künstlerin glänzend, namentlich wetteiferte ihre kleine, bewegliche Stimme leicht und mühelos mit der die gleichen Läufe, Fiorituren und Triller aus⸗ führenden Flöte, wobei besonders hervorgehoben zu werden verdient, daß jeder Ton sich auch in der höchsten Lage tadellos klar und rein entwickelte. Weniger gut war es indessen
mit der Wiedergabe dramatischer Accente und mit der Dar⸗
der erstere sei jedoch wegen seiner in jeder Hinsicht mustergültigen
stellung der Rolle bestellt. Hier verrieth sich die mit den “ rungen der Bühne noch wenig vertraute Anfängerin; Gesten und Mienen⸗ spiel waren unfrei und machten zu sehr den Eindruck des Angelernten. Im übrigen ist der Gesammtaufführung, welche unter Kapellmeister Sänger’'s temperamentvoller und sicherer Führung einen glatten Ver⸗ lauf nahm, volle Anerkennung zu spenden. Besonders zeichneten sich die Herren Aranyi (Edgard), Waschow (Asthon) und Günther
mund) aus. Deutsche Volksbühne.
Die Leitung dieser Bühne, welche sich bereits im vergangenen Winter mit ihren künstlerisch abgerundeten Vorführungen literarisch werthvoller dramatischer Werke günstig eingeführt hat, brachte am Mittwoch als Eröffnungsvorstellung im Belle⸗Alliance⸗ Theater Lessing’'s Lustspiel „Der junge Gelehrte“ zur Auf⸗ führung. Es war ein interessanter und wohlgelungener Versuch, ein bisher fast nie dargestelltes Jugendwerk des großen Dichters wieder⸗ zugeben, die Gelegenheit zu bieten, es mit den gefeierten Meister⸗ werken desselben in Vergleich zu stellen und bierdurch einen Einblick in den Werdegang seines literarischen Schaffens zu gewinnen. Dieses Erstlingsstück Lessing's ist entschieden von historischem und biographischem Werth; verkörpert es doch gewisser⸗ maßen in sich die ersten schüchternen Versuche, eine eigene selbständige Dramatik zu schaffen, und trägt es doch die allmähliche Loslösung von fremden Mustern in mancher Hinsicht bereits in sich. Die Mischung deutscher Derbheit und französischer Salongewandtbeit, die in den Charakteren des Stücks zum Ausdruck kommt, deutet u. a. schon darauf hin, und wenn die handelnden Personen auch vielfach noch den Eindruck von Theaterfiguren machen, so lassen die andererseits wiederum zur Geltung kommende Lebendigkeit des Dialogs sowie die Feinheit und Frische des Humors die werdende charakteristische Schöpfungskraft des Dichters deutlich erkennen. Die Aufführung dieses Werks war eine hinsichtlich der Auffassung und Durchführung der Rollen sowie bezüglich des Zusammenspiels und der Ausstattung vollendete zu nennen. Herr Paul Pauli als Damis verkörperte vorzüglich den eitlen, selbstgefälligen, jeder Schmeichelei — auch der seines Dieners — zugänglichen, sich selbst hoch über⸗ schätzenden jungen Gelehrten. Fräulein Grete Carlsen als Lisette bot ein Kabinetstück der Charakteristik einer gewitzten Kammerjungfer und riß durch ihr natürliches und fein detailliertes Spiel zu Beifall auf offener Scene hin. Würdig schloß sich ihr der Chrysander in der Darstellung des Herrn Claudius Merten sowie vor allem die von Herrn Karl Waldow fein erfaßte und durchgeführte Gestalt des Anton an. Herr Burg als Vater und Fräulein Grüning als Juliane vervollständigten durch gute Auffassung und Darstellung ihrer be⸗ scheideneren Rollen den vorzüglichen Eindruck, den die ganze Auf⸗ führung bei den Zuschauern hinterliez. 1“
ö
Im Königlichen Opernhause findet morgen führung von Beethoven's Oper „Fidelio“ unter Kapellmeiste Strauß' Leitung und in folgender Besetzung statt: Don Fernando: Herr Bachmann; Don Pizarro: Herr Hoffmann; Florestan: Her:
ylva; Leonore: Fräulein Reinl; Rocco: Herr Mödlinger Marzelline: Frau Gradl; Jacquino: Herr Philipp. Zu Beginn wird die Leonoren⸗Ouvertüre (Nr. 3) in C-dur gespielt. .“
Im Königlichen Schauspielhause geht morgen zum ersten
„Meine Schwiegertochter“ („Ma bru“), Lustspiel in drei Auf zügen von Fabrice Carré und Paul Bilhout, deutsch von Pau Block, in Scene. Die Damen Schramm, Sperr, Sandow, Paga und die Herren Vollmer, Boetscher, Hertzer, Keßler, Kirschne Kraußneck und Paris sind darin beschäftigt. Das Stück ist vo Regisseur Droescher in Scene gesetzt.
Im Neuen Königlichen Opern⸗Theater 2 morge als sechste italienische Opern⸗Vorstellung Rossini's komische Ove „Il Barbiere di Siviglia“ zur Aufführung. Die Rosin singt Frau Marcella Sembrich, der Tenor Herr Bonc singt zum ersten Male die Partie des Grafen Almaviva; außerde treten die Herren Bensaude, Arimondi und Tavpecchia auf. Im dritten Akt singt Frau Marcella Sembrich als Einlage die große Arie aus „Ernani“ von Verdi. Preise der Plätze: Mittel⸗Balko und Logen 12 ℳ; Parquet 10 ℳ; Seiten⸗Parquet 6 ℳ; Seiten Balkon 6 und 5 ℳ; Tribüne 5 und 4 ℳ; Stehplatz 2 ℳ
„Der Rebell“, Schauspiel in vier Akten von Hugo Ganz, i die nächste Novität des Berliner Theaters. Dasselbe wurd bereits mit Erfolg am Deutschen Landes⸗Theater in Prag aufgeführt Die Erstaufführung ist für Dienstag, den 6. November, mit Ern Pittschau in der Titelrolle angesetzt worden.
Im Schiller⸗Theater wird der Geburtstag Friedri Schiller's in diesem Jahre durch zwei Aufführungen von „Wilhel Tell“ gefeiert werden. Die erste Aufführung ist für Sonnabend, de 10. November, angesetzt und in erster Linie für Schüler bestimmt Die zweite Aufführung findet am Sonntag, den 11. November, statt
Im Theater des Westens eröffnet morgen Frau Selm Schoder, früher am Kaiserlichen Theater in St. Petersburg, al Saffi im „Zigeunerbaron“ ein auf längere Zeit berechnetes Gastspiel Die Künstlerin hat sich bereits durch ihr Auftreten während diese Sommers hier günstig eingeführt. Die nächste Wiederholung de Oper „Hoffmann's Erzählungen“ findet am Sonntag Abend statt.
Mit Rücksicht auf die Festlichkeit, die der Verein „Berline Presse“ am 10. d. M. in den Räumen des Reichstags gebäudes veranstaltet, hat sich die Direktion des Lessing⸗Theater im Einvernehmen mit dem Autor entschlossen, die für diesen Tag i Aussicht genommene Premidre des Philippi'schen Schauspiels Di Mi sion“ auf Dienstag, den 13. November, zu verlegen.
In der im Residenz⸗Theater am Sonntag, Mittags 12 Uhr. zum ersten Male in Scene gehenden Novität „Sturm“, Schauspie in vier Aufzügen von Friedrich Jacobsen, wird Fräulein Adel⸗ Hartwig die weibliche Hauptrolle spielen. Außer ihr sind in dem Stück noch Frau Brock und die Herren Martini, Rickelt, Seldeneck und Werner beschäftigt
Die Sezessionsbühne bereitet für Mitte d. M. die Erstauf⸗ führung des Schauspiels „Der Tod des Tintagiles“ von M. Maeterlin vor. An demselben Abend geht auch die einaktige Groteske „Der Heiraths antrag“ von Anton Tschechow erstmalig in Scene. Bis zum 14. No vember bleiben die erfolgreichen Einakter „Die Bildschnitzer“, „Daheim“ und „Der Bär“ auf dem Repertoire.
Am Mittwoch, den 21. November (Bußtag), Abends 7 ½ Uhr findet im Königlichen Opernhause ein Konzert des König lichen Opernchors statt. Zur Aufführung gelangen: 1) „Ein deutsches Requiem“ für Soli, Chor und Orchester von J. Brahms 2) die Ouvertüre und eine Arie für Tenor und Orchester aus „Messias“ von Händel, 3) „Parsifal“ (1 Akt eee für Soli, Chor und Orchester von R. Wagner. Kapellmeister Dr. Muck dirigiert. Außerdem wirken die Königliche Sängerin Frau Gradl, sowie die Königlichen Sänger Herren Hoffmann, Knüpfer, Krasa und Sommer und die Mitglieder der Königlichen Kapelle mit. Der Billetverkauf findet vom 5. No⸗ vember d. J. ab täglich von 9 bis 6 Uhr in der Hofmusikalienhand⸗ lung von Bote u. Bock (Leipzigerstraße 37) zu den üblichen Opern⸗ haus⸗Preisen statt. Aufgeld wird nicht erhoben.
Frau Brigitta Thielemann bringt in ihrem am Mittwoch, den 7. d. M., in der Sing⸗Akademie stattfindenden Lieder⸗Abend vorzugsweise Gesänge lebender Komponisten zu Gehör, u. a. auch die von Heinrich van Eyken komponierten „Fiedel⸗Lieder“ von Theodor Storm. Die Begleitung liegt in den Händen von Fräulein Marie Bruno.
Mit Genehmigung des Präsidenten des Reichstags gedenkt der Verein „Berliner Presse“ am 10. November zu wohl⸗ thätigem Zwecke in der großen Wandelhalle des Reichstags⸗ gebäudes ein Konzert zu veranstalten, für welches verschiedene erste Künstler und Künstlerinnen bereits ihre Mitwirkung zugesagt haben. Hieran soll sich ein Promenaden⸗Konzert schließen. Nähere Mittheilungen über Programm und Verkauf der Eintritt karten werden demnächst veröffentlicht werden. 8