1904 / 44 p. 8 (Deutscher Reichsanzeiger, Sat, 20 Feb 1904 18:00:01 GMT) scan diff

auf diejenigen Orte ausdehnen will, in denen eine Konfession die Mehrheit hat, so entspricht dies nur der Billigkeit. Die Post⸗ verwaltung muß auf die religiösen Bedürfnisse der ehrheit Rücksicht nehmen. Es muß die religiösen Empfindun een der Bevölkerung aufs tiefste verletzen, wenn die Post wie an gewöhnlichen Wochentagen den Dienst tut. Namentlich in kleineren Städten und auf dem Lande stößt man sich daran, wenn die Post allein den Gesamtfeiertag iguvciert. Es ist auch unbillig, wenn die Postbeamten verhindert sind, ihren kirchlichen Pflichten zu genügen. Der Einwand der Ver⸗ kehrsstörungen ist auch gemacht worden, als es sich seinerzeit um die Durchführung der Sonntagsrube handelte. Heute merkt man nichts von solchen Verkehrsstörungen am Sonntage. In Württemberg besteht die Einrichtung schon zu allseitiger Zufriedenheit. Es liegt der Unterantrag Patzig vor, der vorsieht, daß die Mehrheit eine „überwiegende b soll. Ich halte dies eigent⸗ lich für kleinlich, eine Mehrheit ist immer überwiegend, höchstens könnte man von einer erdrückenden Mehrheit sprechen. Man weiß nicht, wann eine überwiegende Mehrheit vorliegt. Ich möchte bitten, von diesem Zusatz a zusehen. Der Postkarten⸗ verkehr hat sich in der letzten Zeit auch auf Ostern und Pfingsten ausgedehnt, es sind die sogenannten Oster⸗ und Pfingstgrüße. Einige Postämter haben angeordnet, daß diese Karten nicht am Sonn⸗ abend, sondern am Sonntag und womöglich zweimal bestellt werden. Das ist doch ein Unfug, der die Postbeamten unnötig belastet und ihnen die gv verkürzt. Die Verwaltung sollte diese Unsitte nicht unterstützen. Die Zulagen für die gehobenen Stellen sollten nicht den Charakter einer Remuneration, sondern den einer Stellenzulage haben. Es wird aber die Zuwendung einem Teil der Beamten gewährt, einem anderen nicht, obwohl sie denselben Dienst zu tun haben, was z. B. bei den Geldbriefträgern in Cöln der Fall ist. Formell mag ja der Oberpostdirektor die betreffenden Beamten ernennen, aber materiell macht doch der Amtsvorsteher die Sache, und persönliche Rücksichten sind da nicht zu vermeiden. Es wäre richtiger, die gehobenen Stellen zu beseitigen und allmählich die Gehälter der Beamten zu erhöhen. Keine Kategorie der Postbeamten st so schlecht gestellt, wie die der Briefträger. Sie gehören zu den solidesten Leuten, und darum sollte sich ihrer der Staatssekretär be⸗ sonders annehmen und nicht immer auf die finanziellen Konsequenzen hinweisen. Die Unterbeamten können mit ihrem jetzigen Gehalt ganz einfach nicht leben. Die Postagenten und Verwalter beklagen sich darüber, daß sie durch den Telegraphendienst am Sonntag von 5 bis 6 Uhr in ihrer Sonntagsruhe gestört werden. Sie meinen, daß dieser Dienst von der nächsten Eisenbahnstation ausgeführt werden könne. Die diesjährige Petition atmete einen gewisfen Geist des Vertrauens zu dem Gerrchtigkeitsgefühl und dem Wohlwollen des Staatssekretärs⸗ Ich bin fest überzeugt, daß er dies Vertrauen rechtfertigen wird. Steaatssekretär des Reichspostamts Kraetke:

Ich möchte zunächst dem Herrn Vorredner für seine letzten Worte danken und sagen, daß es mich sehr angenehm berührt hat, als Ver⸗ treter der Verwaltung zu hören, daß die Beamten Vertrauen zu mir haben. Ich glaube, sie werden auch alle sicher sein, daß, soweit es irgend möglich ist, ihre Interessen von mir nachhaltig vertreten werden.

Ich darf dann übergehen zu den Wünschen, die der Herr Vor⸗ redner vorgebracht hat. Zunächst die Postagenten! Ich glaube wohl, daß es möglich sein wird, bei denjenigen Postagenturen, in deren Nähe sich eine Bahnstation befindet, Erleichterungen eintreten zu lassen. Die Herren wollen aber überzeugt sein: wir haben uns bei der Festsetzung des Sonntagsdienstes auch ganz ernstlich die Frage vorgelegt: geht es nicht ein bißchen weit, auch Nachmittags den Telegraphendienst einzurichten? Wir haben aber doch geglaubt, daß wir auch an kleineren Orten für eine Stunde wenigstens dem Publikum Gelegenheit geben sollen, eilige Sachen zu erledigen. Ich bin aber gern bereit, Ermittelungen darüber anstellen zu lassen, ob etwa in einzelnen Fällen zu weit gegangen wird.

Der Herr Vorredner kam dann wieder auf die gehobenen Unter⸗ beamten, die er als etwas Abnormes ansah. Ich sagte bereits gestern, daß Unterschiede unter den Unterbeamten nach Maßgabe ihrer Be⸗ schäftigungsweise doch ebenso gemacht werden müssen, wie es bei den Beamten des Betriebsdienstes geschieht. Wir haben immer Beamte verschiedenster Gattung im Betriebsdienste gehabt, weil die einzelnen Dienstverrichtungen doch verschieden und verschieden zu bewerten sind daß daher auch andere Anforderungen an diejenigen Beamten zu stellen sind, die die feineren Dienstverrichtungen machen. Ich muß nochmals wiederholen: ich verstehe es eigentlich nicht, daß diese Bewegung unter den Unterbeamten ist, eine Bewegung, die ich nicht für recht gesund halte; denn die Unterbeamten haben anderseits gerade den Wunsch, auch weiter vorzurücken, und das kann doch nur in der Weise geschehen, daß sich Unterschiede zwischen den Unterbeamten herausbilden.

Ich möchte dann aber auch die Gelegenheit wahrnehmen, um hier öffentlich zu betonen, daß Sie den Amtsvorstehern unrecht tun, wenn Sie irgendwie glauben, daß diese Herren nicht ganz vorurteilslos der Frage gegenübertreten. Die meisten von Ihnen aus der Provinz werden die Postdirektoren kennen und wissen, daß Sonderinteressen bei ihnen nicht vorliegen, einen Unterbeamten ungünstiger zu behandeln als den andern. Für die Postdirektoren sind bei den Vorschlägen nur dienstliche Gründe entscheidend. Die Ober⸗ postdirektion prüft, wie ich schon ausgeführt habe, die einzelnen Vorschläge der Amtsvorsteher und fragt, wenn noch ältere Unterbeamten da sind, die nicht vorgeschlagen werden, jedesmal an, aus welchen Gründen nicht diese für die gehobene Stelle geeignet sind. Die Amtsvorsteher würden sich ja selbst das Leben sehr er⸗ schweren, wenn sie ungeeignete Kräfte in Stellen setzen wollten, in denen höhere Anforderungen an Fähigkeiten und Körper zu stellen sind

Nun hat der Herr Vorredner angeführt, daß in Cöln verschiedene Geldbriefträger die Zulage nicht bekommen haben. Das kann ich nicht in Abrede stellen. Als die gehobenen Stellen geschaffen wurden, hatte man die Absicht, auch die Geldbriefträger für diese Stellen heranzuziehen. Man ist allmählich aber zu einer Einschränkung ge⸗ kommen, die Geldbriefträger haben nur eine zweimalige Be⸗ stellung am Tage, während die anderen Briefträger vier⸗, fünf⸗, sechs⸗, siebenmal ihr Revier abzulaufen haben. Geldbriefträger haben zwar eine größere Verantwortung infolge der Auszahlung der Postanweisungen, sie bekommen aber anderseits Kassenausfälle, sodaß sie nach der Richtung etwas besser stehen als die andern. Deshalb wurde bestimmt, daß die Zulage für gewöhnlich nur diejenigen Geldbriefträger bekommen sollen, die einen ganz besonders verantwortlichen Dienst durch den großen Umfang der Geldauszah⸗ lungen usw. haben. Die Zulagen haften, wie der Herr Abg. Roeren ausgeführt hat, an der Stelle und nicht an der Person.

Was dann die Bestellung der Oster⸗ und Pfingstkarten betrifft, so stehe ich auf dem Standpunkt des Herrn Vorredners, daß diese Karten nicht an den Festtagen bestellt werden sollen. Ich habe schon

bei früherer Gelegenheit ausgeführt, daß Drucksachen, welche in großer Zahl vorliegen und wenig Wert haben, nicht Sonntags bestellt zu

werden brauchen, sondern zu einer weniger belasteten Bestellung zurück⸗

Die

darum, diesen neuesten

gelegt werden können. 5 Verfügungen bereits ergangen und werden noch ergehen.

ich das Vorgehen nicht billige. (Bravo! in der Mitte.)

so weit gehe wie die Oberpostdirektion in Hamburg bezüglich des be⸗ haupteten Falles, und daß, als ich Kenntnis davon bekommen habe, sofort Remedur eingetreten ist. (Bravo!)

Bevollmächtigter zum Bundesrat, Direktor im Reichspostamt Wittko weist auf die Schwierigkeiten hin, die mit der von dem Abg. Böckler in der letzten Sitzung gewünschten vollen Miets⸗ entschädigung an die Unterbeamten verbunden sind. Seine Aus⸗ führungen über die Versetzungsverhältnisse der Postbeamten und über die Anrechnung der Militärdienstzeit auf das Dienstalter bleiben auf der Journalistentribüne im Zusammenhange unverständlich. Das Tagegeld von 2,50 im Verhältnis zu dem der gewöhnlichen Arbeiter von 3 sei doch auch von dem Gesichtspunkt zu beurteilen, daß die gewöhnlichen Arbeiter für 60 Tage im Jahre überhaupt kein Tagegeld bekommen. Die Postillione hätten schon seit länger als Jahresfrist sämtlich Regenmäntel erhalten. Nicht nur die Briefträger, sondern sämtliche Unterbeamten sollten fortan damit ausgestattet werden. Uebrigens gebe es unter den Hilfspostboten 9500 ver⸗ beiratete, ein Beweis, daß die Verwaltung ihrer Verheiratung nicht die Hindernisse in den Weg lege, wie man annehme.

Abg. von Gersdorff (d. kons.): Der Abg. Fürst Radziwill

hat seine Beschwerden über die Postverwaltung in einer sehr milden und vornehmen Form vorgetragen, die angenehm absticht von dem Ton, den seine engeren Fraktionsgenossen anzuschlagen pflegen. Er hat sich aber auch gegen die sogenannte Ostmarkenzulage ausgesprochen. Für die Gewährung oder Nichtgewährung dieser Zulage dürfen politische Gründe nicht maßgebend sein, sondern man muß sich einfach auf den Standpunkt der Gerechtigkeit und Billigkeit stellen. Die Uebersetzungsstelle in Bromberg und Posen für polnische Adressen hat Fürst Radziwill selbst als eine Einrichtung hingestellt, die durch die Flut der undeutlichen polnischen Postadressen hervorgerufen war, und hat letztere gewissermaßen als eine Art Demonstration hingestellt. Es ist aber tatsächlich nur Schikane. Ich stehe auf dem Standpunkte, daß Adressen, auf denen deutsche Ortsnamen polonisiert sind, einfach zurückgewiesen werden müssen. Ueber die Zweckmäßigkeit der Uebersetzungsstellen sind auch in der deutschen Bevölkerung gewisse Bedenken vorhanden, aber aus anderen Gründen; die Deutschen befürchten, daß durch diese Ueber⸗ setzungsstellen die polnischen Adressen sanktioniert und legalisiert, amtlich als berechtigt anerkannt werden. Solange aber ein besseres Mittel nicht gefunden ist, um der Flut polnischer unleserlicher Adressen vorzubeugen, müssen wir an den Uebersetzungsstellen festhalten, und ich bitte den Staatssekretär, an der preußischen Politik in dieser Richtung festzuhalten. Zur Resolution Gröber, betreffend die konfessionelle Sonntagsruhe, stehen wir ebenso wie der Abg. Stockmann. Abg. Prinz zu Schönaich⸗Carolath (nl.): Ich möchte mit einem Wort der Anerkennung für unsere postalischen Einrichtungen beginnen. Unsere Postanstalten erkennen wir immer mehr als aus⸗ gezeichnet, je mehr wir die ausländischen kennen lernen. Man braucht nur einmal die postalischen Zustände an der italienischen Riviera mit jenen in unserem kleinsten Dorf in zergleich zu stellen. Mit der weiteren Anstellung weiblicher Kräfte um Postdienst wird der Staats⸗ sekretär sich den Dank weiter Kreise verdienen. Verbesserungen im Postdienst für den Spreewald, insbesondere die Ausdehnung des telephonischen Betriebes wären sehr wünschenswert, namentlich die Berücksichtigung des Dorfes Altzauche.

Abg. D. Stoecker (wirtsch. Vgg.): Die Beschwerden der Post⸗ unterbeamten über die Verkümmerung ihrer Koalitionsbestrebungen sind auch mir in großem Maße zugegangen. Man weist darauf hin, daß dem deutschen Postunterbeamten verweigert wird, was die Bayern schon haben; man verlangt, daß ein deutscher Verband auf christlicher Grundlage gestattet wird, dem man das Beschwerde⸗ und Petitionsrecht geben muß; natürlich dürfe das Koalitionsrecht nicht zu einem Streikrecht ausgedehnt werden. Ich führe diese Stimmen dem Staatssekretär vor, denn es sind die Stimmen derer, die nicht die Unzufriedenheit schüren, sondern an dem beginnenden Kampf gegen die Sozialdemokratie sich beteiligen wollen. Nicht nur die Zahl der Beamten, sondern auch die Berührung dieser Männer mit dem gesamten Volk läßt es durchaus wünschenswert erscheinen, daß sie an diesem Ringen um die Gesundheit unseres Volkes mit teilnehmen können. Auf dem Frankfurter Kongreß waren die bayerischen und württembergischen Postunterbeamten, die unfrigen nicht. Ich bedaure, daß sie die Kraft dieser Bewegung dort nicht haben verstärken können. In Broschüren konnte man lesen, daß die Sozialdemokratie bei den Wahlen durch die Unterbeamten verstärkt sei. Ich glaube aber nicht, daß sie in großer Anzahl die sozialdemokratischen Truppen verstärkt haben. Aber es ist ungemein wünschenswert, sie durch eine Organisation zu einer Truppe zu machen, die für das Vaterland einsteht. Der Staatssekretär hat gewiß ein großes Wohlwollen für die Unterbeamten. Diese sind tüchtige, fleißige Männer. Wenn ein so wohlwollender Chef sich mit ihnen in Verbindung setzt und mit ihnen verhandelt, so läßt sich ein Verhältnis herstellen, welches allen Teilen zum Vorteile gereicht. So groß ist der Unterschied in den Erfahrungen in Preußen und in Süddeutschland doch nicht, daß ein Versuch nicht gemacht werden sollte, Beamte haben ja kein Koalitionsrecht und können es nicht haben; Koalitionsrecht und Organisationsrecht ist aber ein gewaltiger Unterschied, und es ist nicht richtig, wenn sie an einer über ganz Deutschland gehenden Organisation ge⸗ hindert werden. Der Staatssekretär wolle mir das nicht übel nehmen. Die höheren Beamten und vor allem der Staatssekretär, wenn es sein kann, sollten mit den Beamten zusammentreten und ihnen Gehör geben. Man sollte den Beamten gestatten, Ausschüsse zu wählen, mit denen der Staatssekretär verhandelte, und durch die die höheren, mittleren und unteren Beamten Gehör bei ihm faͤnden. Wenn die Hundert⸗ tausende von Postbeamten an der sozialen Bewegung, die auf dem Frankfurter Kongreß zum Ausdruck gekommen ist, teilnähmen, so wäre das ein außerordentlicher Fortschritt. Wenn den Verbänden der Post⸗ unterbeamten die Beamten, die ihnen im Dieenst vorstehen. angehören, so ist jede Gefahr beseitigt. Mit den Klagen über die Sonntagsruhe werde ich nicht aufhören, bis das Rasseln der Postwagen am Sonn⸗ tag morgen aufgehört hat. Ein Volk kann nur so viel Religiosität haben, als es Sonntagsruhe hat. Also weg mit der Sonntags⸗ paketbeförderung! Es muß gehen. Der Satz: Wo ein Wille ist, da ist auch ein Weg, gilt . ier. Wir müssen hierbei Hilfe suchen uch bei den Geschäftsleuten. Eine Menge von jüdischen Geschäfts⸗ leuten lehnt es ab, daß man ihnen am Sonnabend die Post⸗ sachen aushändigt; dann könnte man die Aushändigung auch bis zum Montag lassen. Unser Verkehr ist nicht stärker als der in den In⸗ dustrieländern England und Frankreich, wo die Sonntagsruhe streng durchgeführt ist. Zu den Wünschen, die ich vorbringen möchte, gehört noch der, daß man die Alterszulagen nicht mehr von 50 zu 50, sondern von 75 zu 75 gibt, und daß man es bei einer 10 stündigen e. läßt.

Abg. Kop (fr. Volksp.): Die Freisinnige Vereinigung hat sichen Herrn von Gerlach in einem Artikel Stellung genommen, der g. an einen Bericht der „Berliner Zeitung“ über die Versammlung ee Postunterbeamten anschloß, die Herr von Gerlach einberufen V Wir haben den Eindruck, daß es sich bei dieser Ver⸗ sammlung nur um die Person des Herrn von Gerlach handelte, nur Stern des Läber lismus leuchten zu lassen.

(Sehr richtig!) Nach dieser Richtung sind

Ich kann dem Herrn Vorredner auch bestätigen, daß ich seine Ansicht bezüglich des Falles Saarbrücken teile. Ich habe telegraphisch angefragt, wie die Sache liegt, als ich gestern davon hörte, und da ist mir heute eine Depesche zugegangen, die bestätigt, daß die Ober⸗ postdirektion in der Tat eingegriffen hat. Der Oberpostdirektor hat noch schriftlichen Bericht in Aussicht gestellt, diesen warte ich nur ab, um das Nähere zu erfahren, dann werde ich ihm mitteilen, daß

Ich kann weiter dem Herrn Vorredner sagen, daß ich auch nicht

Dieselbe Abschüttelung, die Herr Broemel im Ab eordnetenbauso Herrn Naumann zu teil werden ließ, dieselbe Abschätkeung war noͤtze gegenüber Herrn von Gerlach, aber diese Abschüͤttelung war etwas lan (Präsident Graf von Ballestrem: Herr Abgeordneter, Gp brauchen immerfort das Wort „Abschüttelung“, das ist kein schoͤner Ausdruck.) Ebensowenig wie Sie (zu den Sozigldemokraten) pen dem sozialliberalen Herrn von Gerlach etwas wissen wollen, ehe sowenig wollen wir von dem Sozialliberalen etwas wissen. Ich mac diese Ausführungen in pölliger Uebereinstimmung mit meine volitischen Parteifreunden. Die Freisinnige Partei hat sich Jabr ür Jahr fuͤr die Aufbesserung der Pestenkerhea mten veerich bemüͤht eine Aufbesserung wird nicht erreicht durch Hetzung nach unten sondern durch Ueberzeugung nach oben. Es ist Einmütigkeit hie im Hause zum Ausdruck gekommen gegenüber allen Maßnahme der Verwaltung, die darauf hinausgehen, das Vereins⸗ und Ver sammlungsrecht der Beamten zu schmälern. Darin unterschreibe alles, was von fruͤberen Rednern, auch von Herrn Stvecker, gesagl ist. Aber von letzterem unterscheide ich mich darin, daß ich eine Ver MüGe⸗ der Beamten nicht zum politischen Parteikampfe benuntzen will; ie

Interessen energisch wahrt und auf ihre eigenen

wünsche vielmehr, daß eine solche Vereinigung ihre eigenen Gerade durch den Erlaß von Verboten nach dieser Richtung werde

Mitglieder einwirkt die guten, besonnenen Elemente zurückgedrängt, und es kreten die Elemente in den Vordergrund, die wenig bei ihren Vorgesetzten zu verlieren haben. Am besten wäre es, wenn die Vorgesetzten seldst sich um die Sachen kümmerten und in die Versammlungen gingen, und daß durch eine Beteiligung der höheren Beamten aufflärend gewirkt wird. Und sollten hier auch Kinderkrankheiten auftreten, so hoße⸗ ich, daß die Verwaltung dem gegenüber nicht zu nervös sein wird Eine Statistik wünschen wir, um uns eine Nachprüfung zu ermög lichen. Es kommt doch auf die Natur der Beschäftigung 8 2,20 Stunden, die sich auf die Zeit von 10 Uhr Abends bis 6 Uhr Morgens verteilen, kommen auf eine ganze Nacht hinaus. Eine völlige Ruhezeit am Sonntag ist nicht möglich. Der Eisenbahndienst kann am Sonntag nicht stille stehen, und einen englischen Sonntag wollen wir nicht. Die Postvorsteher sollten den örtlichen Bedürfnissen Rechnung tragen. In der Gewährung des Erholungsurlaubs herrschen große Verschiedenheiten, die Unzufriedenheit erregen. Gesuche um außerordentlichen Urlaub in Fällen von Schwindsucht usw. sollten nicht in so bureaukratisch kar scchen Weise erledigt werden, wie es

mehrfach vorgekommen ist. Den Beamten muß Gelegenheit sein, in ihre Personalakten Einsicht zu nehmen. Das würde die Vor⸗ gesetzten veranlassen, vorsichtig in ihrem Betriebe zu sein. In Bayern, selbst in Oesterreich besteht schon die gleiche Einrichtung Auf dem Briefpostamt in Berlin war fruüͤher die Bereitung warmer Getränke auch bei Tage gestattet, wodurch der Biergenuß zurück⸗ Fefsang wurde. Jetzt ist diese Vergünstigung auf die Nachtstunden eschränkt worden; die Beamten dürfen sich also bei Tage nicht warme Milch bereiten. Ich hoffe, daß die frühere Verfügung wieder her⸗ gestellt wird.

Abg. Dasbach (Zentr.): Das Uebersetzungsbureau ist vollständig überflüssig. Ich habe hier einen Brief an den Erzbischof von Posen in polnischer und deutscher Sprache. Jeder Schuljunge muß wissen, was „Erzbischöfliches Palais“ und „Florian von Stablewski“ zu bedeuten hat. Man koͤnnte sich die Mark für die Uebersetzung sparen. Briefe lagen 5. Tage auf dem Uebersetzungsbureau. Das ist eine Schikanierung. Wenn man die Polen gewinnen will, muß man auf hören, sie zu behelligen. Bisher hat sich die Postverwaltung, ab⸗ gesehen von diesem Uebersetzungsbureau, von der Bekämpfung der Polen fern gehalten. Die Polen schreiben jetzt absichtlich Briefe mit polnischer Adresse, um die Post zu ärgern. Es kommen auch Briefe aus dem Auslande. Gibt es etwa Uebersetzungsbureaus für englische oder französische Briefe? Den Soldaten sollten die Vergünstigungen gewährt werden, ihre Briefe und Pakete portofrei zu befördern se Einbuße an Porto würde nicht bedeutend sein. 98

Staatssekretär des Reichspostamts Kraetke: .“

Meine Herren! Der Herr Vorredner hat sich mit den Ueber⸗ setzungsbureaus beschäftigt und hat in der ihm eigenen Art ein Urteil über die Bureaus gefällt, insbesondere angeführt, wir bekämen ja vom Ausland Briefe, und er hätte nie gelesen, daß wir englische und spanische Uebersetzungsbureaus hätten, wir müßten sie doch an jedem Ort haben. Wenn der Herr Vorredner die Güte gehabt hätte, nach zusehen, was in den früheren Verhandlungen gesprochen ist, so würde er gefunden haben, wie da besonders ausgeführt worden ist, daß wir allerdings vom Ausland Briefe mit fremdsprachigen Adressen be⸗ kommen, daß das aber einzelne Briefe sind und die Reichspostver⸗ waltung sich ohne Schädigung anderer Interessen die Mühe machen kann, zu ermitteln, an wen die Briefe gerichtet sind, und nötigenfalls sich an die Konsulate oder sonstige geeignete Stellen wendet, um eine Uebersetzung herbeizuführen. Bei den Uebersetzungs⸗ bureaus handelt es sich aber um Mengen von polnisch adressierten Briefen und das verändert die Sachlage. Daß die Behandlung der polnischen Adressen auf Schikanen von der Post zurückzuführen sei, dagegen protestiere ich entschieden; es handelt sich im Gegenteil um Schikanen gegen die Post. Der Herr Vorredner sollte vor⸗ sichtig sein, solche Behauptung hier vorzutragen. Alle diejenigen, die deutsch schreiben können, mögen die Adressen deutsch schreiben; wenn Briefe angefertigt werden mit deutscher und polnischer Aufschrift, dann weiß ich nicht, wozu das geschieht. Was ist denn die Brief⸗ adresse? Sie ist doch ein Auftrag an eine deutsche Behörde, die Beförderung des Briefes auszuführen, und wenn sie ein Auftrag ist, so muß sie in deutscher Sprache gefertigt werden; denn diese Behörde verfügt nicht über Beamte, die polnisch sprechen. Es ist jahrelang gegangen der Herr Vorredner scheint die Vorgänge nicht zu kennen und ist nie zum Streit gekommen. Woher ist nun der Streit entstanden? Weil man plötzlich geglaubt hat, man könne die deutsche Postverwaltung unter das Joch zwingen, daß sie nur polnisch sprechende Beamte anstellen und die polnisch adressierten Briefe befördern müßte. Das widerspricht unseren Gesetzen und der Postordnung. Wir können verlangen, daß jeder, der uns einen Beförderungsauftrag gibt, den Brief so adressiert, daß wir den Auftrag auch ohne Mühe ausführen können. Weshalb wird nicht beim Telephon gleiches verlangt? Das Verlangen der Verbindung mit einer anderen Person ist doch auch nichts weiter als ein solcher Auftrag. Da weiß eben jeder, er würde keine Verbindung bekommen; aber beim Brief wird es versucht. Ich wiederhole, es handelt sich nicht um Chikane von der Post, sondern es ist einfach eine Herausforderung der Post von polnischer Seite. Doch dies nur nebenbei, ich wollte hauptsächlich zu der Resolution wegen der Portofreiheit der Soldaten sprechen. Das ist eine Frage, die schon häufiger behandelt worden ist, und ich glaube, keiner unter uns steht eigentlich dieser Frage feindlich gegenüber. Jeder hat für das Militär viel übrig. Ich darf vorausschicken, daß die Geldfrage in diesem Punkte eine recht große ist. Der Vorschlag ist eigentlich nichts Neues; die gewünschte Erweiterung der Portofreiheit hat früher bereits bestanden und ist abgeschafft worden, weil große Mißbräuche vorgekommen waren und weil sich auch sonst empfindliche Uebelstände herausgestellt haben. Namentlich war die Kontrolle für die Militär⸗ verwaltung lästig, ohne die ein solches Verfahren gar nicht ausführbar ist: der Betreffende, der Briefe oder Pakete abschicken wollte, mußte

gegeben

diese erst vorzeigen, daß es wirklich Briefe sind, die unter die Porto⸗

Freihest gehören, und daß die Pakete Gegenstände enthalten, die dem Soldaten gehören. Trotz der Kontrolle haben wir traurige Eifahrungen gemacht, solange dies Verfahren bestand. Es ist z. B. bei einem Paket, das von einem Soldaten aufgeliefert wurde, festgestellt worden, daß nicht Waͤsche oder sonstige Bedürfnisse für den Soldaten darin waren, sondern daß das Paket, dessen eigent⸗ liche Absenderin eine Witwe war, zwei Damenhüte, eine Tüllhaube und eine Haarflechte enthielt. (Hört, hört! und große Heiterkeit.) Solche Fälle waren sehr häufig. Es wurde mal vier Wochen lang gezahlt; dabei ergaben sich 810 Fälle von Defraudation. (Leb⸗ hafte Rufe: Hört, hört!) Daran sind die armen Soldaten nicht allein schuld, sondern Leute treten an sie heran und sagen: ihr habt ja Portofreiheit, schickt doch das für uns ab! Für den Soldaten ist es unter Umständen auch sehr lästig, wenn er erst den Inhalt seiner vorgesetzten Behörde nachweisen soll —, denn die muß doch den Brief usw. abstempeln. Schließlich wird auch be⸗ kannt: jetzt bestellt er sich Wurst von Hause, und es ist ihm wielleicht nicht lieb, wenn seine Kameraden dies wissen. Ich verstehe, offengestanden, nicht, was der Solbvat an Waͤsche wegschicken soll, z. B. ein Soldat, der in Ostpreußen zu Hause ist und jetzt bei einem Regiment in Trier steht. Hemden, Unterbeinkleider usw. bekommt er ja beim Militär. Wenn er nun wirklich etwas eigene Waͤsche hat zuviel wird es nicht sein und diese nach Hause schicken wollte, würde er sie erst nach 14 Tagen oder 3 Wochen wiederbekommen. Ich glaube, man hat sich die Sache doch etwas anders vorgestellt, als sie liegt. Man hat übersehen die lästige Kontrolle, welche der Militärbehörde damit auferlegt wird. Ich sehe also eigentlich kein Bedürfnis dafür, daß der Soldat Pakete wegschickt. Daß er welche bekommt, wissen wir; und dafür besteht ja eine Erleichterung⸗

Als man 1869 das Gesetz über die Portofreiheit machte, sagte man: Portofreiheiten sollen nicht weiter bewilligt werden; die be⸗ stehende Portofreiheit für die Soldaten soll weiter beibehalten oder eingeschränkt, aber nicht erweitert werden. Also wir müßten dies Gesetz andern, und zwar gegen die Erfahrungen, welche uns vor nicht langer Zeit dazu bestimmten, diese Portofreiheit einzuschränken.

Was nun den Geldpunkt anlangt, so habe ich Ermittelungen an⸗ stellen lassen, die in der kurzen Zeit natürlich nur schätzungsweise haben vorgenommen werden können, um wie viel Sendungen es sich voraussichtlich handeln würde. Da hat sich herausgestellt, daß allein die Portofreiheit für Briefe nicht für Pakete der Soldaten einen Ausfall von zirka 2 ½ Millionen ausmachen würde. Wenn nun fest⸗ steht, daß das gewünschte Verfahren bestanden hat und lange be⸗ standen hat, daß man sich aber überzeugt hat: es ist nicht zweckmäßig, dann möchte ich auch glauben, daß davon Abstand zu nehmen sein wird, Aenderungen eintreten zu lassen. Wenigstens für Pakete liegt ein Bedürfnis sicher nicht vor. Was das Briefporto anlangt, so ist zu berücksichtigen, daß fast alle Soldaten Zuschüsse von Hause bekommen und schließlich auch die 10 Briefporto bekommen werden, um nach Hause schreiben zu können. Durch eine Aenderung des gegenwärtigen Zustandes würden wir der Militär⸗ und der Postbehörde eine große Last auflegen und die Soldaten nur verleiten, uvehrlich zu sein. Ich möchte deshalb den Herren vorschlagen, es bei der bestehenden Einrichtung zu belassen.

Nach einer persönlichen Bemerkung des Abg. Fürsten ena d —-, Sner, 78 die weitere Beratung auf Sonn⸗ abend r vertagt.

Schluß gegen 6 ¼ Uhr. ““

tag. Haus der Abgeordneten.

23. Sitzung vom 19. Februar 1904, 11 Uhr

Das Haus setzt die zweite Beratung des Staats⸗ haushaltsetats für das Nüchnasgs abr 1904 im Etat der Handels⸗ und Gewerbeverwaltung bei dem Ausgabe⸗ titel „Gehalt des Ministers“ fort.⸗

Ueber den ersten Teil der 5. in dieser Sitzung ist bereits in der gestrigen Nummer d. Bl. berichtet worden.

Minister für Handel und Gewerbe Möller:

Meine Herren! Ich will zunächst auf den Brief des Herrn Seiffert eingehen. Ich bedauere, daß Herr Seiffert durch den Brief, den er veröffentlicht hat, in weiten Handwerkerkreisen Stimmung gegen die Tätigkeit der Handwerkskammern gemacht hat. Meine Herren, die Handwerkskammern sind nicht so untätig, wie es hin⸗ gestellt wird; ich bin fest überzeugt und nicht überzeugt durch die Berichte, die meine Referenten mir erstattet haben, sondern durc Besuche, die ich bei verschiedenen Handwerkskammern selbst gemacht habe —, daß in den Handwerkskammern zum Teil ein recht frisches Leben blüht, und daß aus den Handwerkskammern heraus eine ganze Menge höchst Vorteilhaftes für das Handwerk bereits geschehen ist und, wie ich hoffe, in der Zukunft noch weiter geschehen wird. Insbesondere haben die Handwerkskammern auf dem Gebiete der Ausbildung der Handwerker Großes geleistet. Denn abgesehen von den großen Meisterkursen, auf die wir an späterer Stelle noch zurückkommen werden, haben die Handwerkskammern selbst in einer mich im höchsten Maße erfreuenden Weise ihrerfeits aus eigenen Mitteln und nur ausnahmsweise mit Unterstützung durch den Staat am Orte ihres Sitzes wie auch an anderen Orten ihres Bezirks für eine Menge von Ausbildungskursen gesorgt, über die die Berichte allseitig günstig lauten. Nicht nur die Bureaukratie, sondern, soweit ich mit den Handwerkern zusammengekommen bin, die Handwerker selbst urteilen hierüber sehr günstig

Meine Herren, nichts ist gefährlicher für das Handwerk, als wenn man es mit Erwartungen und Schlagwörtern füttert, die ihm nicht wirklich zur Förderung dienen. b

Ich kann nichts anderes tun, als an der Hand der Gesetze, wie sie bestehen, weiter zu arbeiten. DPurch Gesetz sind die Handwerks⸗ kammern gebildet, und sie sind erst seit verhältnismäßig kurzer Zeit in Arbeit. Wenn der Herr Vorredner auch den Handwerkskammern Bureaukratismus vorwirft meine Herren, dafür kann ich nichts; aber ich verteidige auch die Handweikbkammern dagegen. Die Handwerkskammern sind in ihrer Selbstverwaltung nur wenig beschränkt, und wenn sio ihren Mitgliedern Diäten he⸗ willigen, so ist das zunächst ihre Sache. Uebrigens meine ich, daß es gar nicht so ungeheuerlich ist, daß, wenn Handwerker reisen, ihnen die zweite Klasse und 9 Diäten zugebilligt werden, es entspricht das nur dem, was in ähnlichen Fällen allen anderen Ständen auch zugebilligt wird, und ich sehe nicht ein, warum man die

das Wort geredet haben.

der Beziehrn schlechter stellen übrigen Stände. Ich habe die feste Ueberzeugung, daß, wenn

wir auf Grund der Anregungen, die hier schon früher

und insbesondere im letzten Jahre durch den Antrag Trimborn ge⸗

geben sind, diese Bestrebungen auf dem Boden, der uns durch das

Gesetz gegeben ist, eifrig verfolgen, wir eine Menge Gutes für das

Handwerk schaffen werden. Ich habe auch die Ueberzeugung, daß jetzt

schon weite Kreise im Handwerk geneigt sind, diesem praktischen Wege

zu folgen, und ich würde es bedauern, wenn diese nach meiner Auf⸗

fassung günstige Arbeit gestört würde.

Meine Herren, dann darf sch noch auf die andere Bemerkung zurückkommen, die hier von dem Heren Votredner in bezug auf die Handwerksenquete gemacht worden ist. Ich würde es nicht für praktisch halten, wenn wir in Preußen mit dieser Enquete vorgingen. Die Vorarbeiten für die Reschsenquete sind im vorigen Jahre, auch unter Mitwirkung meiner Kommissare gemacht worden, und es verhält sich mit dieser Enquete ganz einfach so, wie der Herr Staatssekretäar es im Reichstage ausgeführt hat. Bei Aufstellung des diesjährigen Etats haben die Kosten hierfür in der Reichsverwaltung zurückgestellt werden müssen; ich habe aber die Hoffnung, daß die Kosten in den nächstjährigen Etat werden eingestellt werden, und daß die Arbeiten dann auf Grund der Vosrarbeiten, an denen wir mitgewirkt haben, werden ausgeführt werden können.

Dann noch ein kurze Bemerkung über eine Anregung, die hier sowohl von dem Herrn Abg. Hammer als auch von dem Abg. Broemel in bezug auf die Ausbildung der Gewerbeaufsichtsbeamten gegeben worden ist. Meine Herren, wennn versucht wird, es so darzustellen, als ob die Gewerbeaufsichtsbeamten ganz weltfremde Menschen wären, die lediglich in den Bureaus aufgewachsen wären, so ist das nicht zu⸗ treffend. Es war eine der schwierigsten Aufgaben, die in der Beamtenausbilbdung dem Staate gestellt sind, den Gewerbe⸗ aufsichtsbeamten die richtige Ausbildung zu geben. Es werden an sie die größten Anforderungen gestellt in bezug auf ihr Verständnis und Wissen. Die Gewerbeaufsichtsbeamten sollen in allen Industrien technisch sachverständig sein. Meine Herren, das ist bei der Vielseitigkeit, die heute die Industrie und die wissenschaftlichen Grundlagen der Industrie angenommen, eine wirklich schwierige Auf⸗ gabe. (Sehr richtig!) Was nun die jetzige praktische Vorbildung der Gewerbeaufsichtsbeamten betrifft, so wird von ihnen, soweit sie Ma⸗ schineningenieure oder Bauingenieure sind, überall eine praktische Arbeitszeit vor dem Bauführer⸗ oder Diplomexamen verlangt; inso⸗ weit sie Chemiker sind, ist die praktische Ausbildung vor Beginn des Studiums nicht obligatorisch, sondern sie findet in der Regel hinterher statt. Aber eine praktische Arbeitszeit muß unter allen Umständen stattfinden, und zwar mindestens in demselben Umfange, wie sie andere technische Beamte haben. Es wird von ihnen verlangt zunächst sechs Semester akademischen Studiums und ein bis zwei Jahre praktischer Tätigkeit; dann kommt ihr erstes Examen; darauf haben sie andert⸗ halb Jahre im praktischen Gewerbeaufsichtsdienst zu arbeiten, und endlich haben sie abermals xetwas, was über die Ausbildung aller übrigen Beamten hinausgeht noch⸗ mals drei Semester zu studieren, Volkswirtschaft und ähnliche Dinge, die notwendig sind für ihren demnächstigen speziellen Beamtenberuf. Erst auf Grund dieser theoretischen und praktischen Ausbildung werden sie zur zweiten großen Staatsprüfung, der jetzigen Gewerbeassessorprüfung, zugelassen. Also, meine Herren, an der gemischt wissenschaftlichen und praktischen Ausbildung lassen wir es nicht fehlen. Die Gewerbeaufsichtsbeamten kommen bei ihrer Ausbildung mindestens in demselben Maße mit der Praxis in Berührung, wie die Bergbeamten. Auf die Aus⸗ bildung anderer Beamten, ist nicht meines Amtes. Es wird jedoch überhaupt eine schwierige Aufgabe für die Zukunft sein, für diejenigen Beamten, die namentlich die Naturwissenschaften und mechanischen Wissenschaften zu verfolgen haben, wirklich in vollem Umfange das Wissenswerte zu erringen. Es ist leider kann ich sagen die Richtung der Zeit geworden, daß alle technischen und alle wissenschaftlichen Studien immer mehr in die Einzelheiten gehen; wir bekommen daher schon auf den Universitäten und auf den Technischen Hochschulen nur noch ausnahmsweise wirklich allgemeingebildete Leute, in der Mehrzahl der Fälle aber Spezialisten, und diese Richtung der Spezialstudien wird in dem Maße immer weitere Fortschritte machen, wie sich die Wissenschaften weiter vertiefen. Meine Herren, demgegenüber sind wir ganz machtlos; dieser Richtung können wir keinen Einhalt tun. Was mir nun manchmal Sorge macht, das habe ich schon häufig ausgesprochen, es ist die Frage: wo wollen wir für die Zukunft, für die nächsten Jahrzehnte noch Leute finden, die so viel allgemeine Bildung auf allen Gebieten haben, daß sie wirklich in dirigierenden Stellen aus eigener Sachkenntnis entscheiden können? Das ist eins der schwersten Probleme, die wir zu lösen haben. Es wird nicht allgemein zu lösen sein, wir werden dabei stets zu kom⸗ promittieren haben zwischen dem Spezialistentum und der allgemeinen Bildung. 8

In der Ausbildung der Gewerbeaufsichtsbeamten werden wir alles tun, was wir können. Wir wachen nach Möglichkeit darüber,

Handwerker in soll als die

aufzunehmen haben, nicht theoretisch und vom grünen Tisch aus ent⸗

bar; aber wir haben gerade auf diesem Gebiet ein so vielseitig aus⸗ gebildetes Beamtenmaterial, daß wir damit nach meiner Ansicht in der ganzen Welt konkurrieren können.

innen heraus stark machen. Wenn Sie (rechts) ihn immer als un⸗ fühig, sich selbst zu helfen, binstell Sie nicht die richtigen Doktoren sind. Daß die Freisinnigen die Vorfrucht der Sezialdemokratie seien, haben wir nun schon so oft ge⸗

wissen, daß die Freisinnigen niemals dem schran

helfen, daß wir ihn fähig machen, sic auf dem Weltmarkt zu be⸗ haupten. Wir sind stolz auf unsere Volksschalen, Fachschulen und Fortbildungsschulen. Die Handwerker werden durch sic desser aud⸗ gebildet als früher, und das ist das richtige Mattel, sie vorwärts zu bringen. Von der Insammensectzung der Berliner Handelskammer hat Herr Hammer keine Kenntnis. Allerdings ist uns durch Gesetz die Dreiklassenwahl dafür vorgeschrieden; aher Auch unter diesem Wahl⸗ svstem haden die kleinen Kaufleute die Möglichteit, in die Handels⸗ mmer hineinzukommen. Ich din seldst Mitalied der Handelskammer und weiß es besser, wir haben auch kleine Kaafleute darcin uad Rnd stolz darauf. Manche Kreise wünschen alerde dazu noch eine Kelnhandelskammer, aber Herr Hammer kann

Angelegenheiten des Kleinhandeld der Verliner Handels⸗

werden in

der Eisenbahnbeamten, hier einzugehen,

kammer atasg so ernsthaft behandelt wie die anderen. . vI ist jetzt im Begriff, eine Handelshochschule zu errichten, un

Redner verliest verschiedene

Die Berliner

bitte den Minister um sein Wohlwollen für diese. Von der rechten Seite ist gestern gesagt worden, die Gewerbefreiheit müsse aufgehoben oder wentigstens beschränkt werden. Ich möchte unserem Lande dazu Gluͤck wünschen, daß diese Flage nicht in diesem Hause, sondern im Reichstage entschieden wird. Wenn Sie (rechts) jetzt schon wieder eine Abänderung der Handwerkergesetzgebung verlangen, so veEi damit nur, daß diese Gesetzgebung nicht die richtige gewesen ist. 8

Abg. von Czarlinski (Pole) bemerkt dem Abg. von Dirksen gegenüber, daß die Polen Toren wären, wenn sie da, wo sie die Mehrheit hätten, nicht Polen in die Vorstände der Krankenkassen wählen wollten. Man dränge die Polen aus allen Stellungen heraus, es blieben ihnen heseh⸗ noch Nachtwächterstellen. Gewiß hätten die Polen bei gleichen Rechten auch gleiche Pflichten, aber man verlange, daß die Polen die Nationalität ablegten. warten.

Abg. Ham mer (kons.): Herrn Broemel bemerke ich, daß die Handwerksmeister kein Vertrauen zu den Gewerbegerichten haben, weil neun Zehntel der Fälle zu Ungunsten der Meister ausfallen. Ich habe damit die Gewerbegerichte nicht beleidigen wollen. Für die kleinen Kaufleute und Gewerbetreibenden hat es gar keinen Zweck, sich als Kandidaten für die Handelskammer aufstellen zu lassen. Das Interesse der kleinen Leute wird in der Handelskammer nicht wahrgenommen; es sind nur zwei Vertreter der kleinen Kaufleute darin, und wie werden diese behandelt! Man nennt sie die Lissauersche Bande. Ich habe Ihnen (links) übrigens nur gesagt, daß Sie vor der eigenen Tür kehren möchten, statt die Handwerkerkammern anzu⸗ greifen. Gefreut habe ich mich darüber, daß Herr Broemel kürzlich Herrn von Gerlach von seinem Rockschoße abgeschüttelt hat, und ich sagte mir: Gott sei Dank! Da tagt es jetzt. Aber die „Weser⸗Zeitung“, die Herrn Broemel nahesteht, ist bei der Wahl in Eschwege⸗Schmalkalden offen gegen den Christlichfozialen und für den Sozialdemokraten ein⸗ getreten. (Präsident von Kröcher macht den Redner darauf auf⸗ merksam, daß dies nicht zum Etat gehöre.) Herr Broemel sprach von Mist; auch in rednerischen Ausführungen kann Mist sein. (Präsident von Kröcher: Solche Bemerkungen dürfen Sie nicht machen; ich rufe Sie dafür zur Ordnung!) Nicht die Berliner Handelskammer errichtet die kaufmännische Hochschule, sondern die Korporation der Aeltesten der Kaufmannschaft. Der kleine Gewerbetreibende braucht keine Hochschule. Nicht Sie (links) sind auf dem richtigen Wege, sondern wir. 8

Abg. Goldschmidt (frs. Volksp.): Herr bon Dirksen hat uns nichts gesagt, was nicht schon früher teils besser, teils schlechter gt worden ist. Solche Reden dienen nur dazu, die Soztaldemokraten unter den Handwerkern zu vermehren. Die Wechselwirkung zwischen Landwirtschaft und Handwerk verstehen wir sehr wohl, aber wir per⸗ wechseln nicht Ursache und Wirkung. Wenn Lebensmittel und Roh⸗ stoffe verteuert werden, muß der Handwerker höhere Löhne zahlen und teurer produzieren, verliert also an Konkurrenzfähigkeit. Herr Hammer meint, wir täten für das ndwerk nichts, sondern unterstützten nur die Exportindustrie. Wenn aber die Großindustrie nicht den Export hätte, würde sie ihre Ware auf den Inlandsmarkt werfen und dem Handwerk erst recht Konkurrenz machen. Wer in der E diesen Standpunkt vertritt, dient damit auch den

nteressen des kleinen Mannes. Daß in der Handelskammer von der Lissauerschen Bande gesprochen ist, bezweifle ich; sollte es gescheben sein, so würden wir es mißbilligen. In den Artikeln der „Kreuz⸗ zeitung“, auf welche so großes Gewicht gelegt worden ist, daß sie in der Thüringer Handwerks⸗ und Gewerbezeitung und in der Fachzeitung der Tischlermeister und Holzindustriellen Deutschlands abgedruckt sind, kommt Herr Jacobskötter eigentlich zu der Ansicht, daß unsere Hand⸗ werkerpolitik die richtige ist. Wir empfehlen als Hilfe für das Handwerk die bessere Ausbildung der Lehrlinge, die bessere Ausbildung der Meister in technischer und kaufmännischer Be⸗ ziebung und die Ausbildung des Genossenschaftswesens. Von dem Befähigungsnachweis ist auf g Mainz keine Rede mehr gewesen. Der Befähi is führt dazu, daß die Handwerker über die Grenze ihrer Berufstätigkeit untereinander in Streit geraten. Graf Posadomwsky hat dafür be⸗ zeichnende Beispiele im Reichstage aus Oesterreich angeführt. Die Handwerker, welche die Nachteile der Zünftlerei am eignen Leibe ge⸗ spürt hatten, verlangten energisch die Gewerbefretheit, jetzt kommen andere und verlangen die Beschränkung der Gewerbefreiheit. Stellen aus den Artikeln des Abg. Jacobskötter zum Nachweise, daß auch in Handwerkerkreisen der Be⸗ fähigungsnachweis nicht als Allheilmittel angesehen werde. Herr

Darauf könne man lange

nicht durch die Gesetzgebung aufgehalten werden könne, daß vielmehr der Handwerker selbst gemacht werden müsse Wenn die wären, wären wir schon weiter in der H des Handwerks.

Abg. Dr. von Woyna (freikons.): Die geringe Zahl der Frei⸗ sinnigen hier und im Reichstag zeigt, daß ihre im Volke wir dem Handwerfer eine bessere Ausbildung geben müssen. .

ihr Schwein, sind also nicht Konsumenten, sondern Prodnzanten. Herr Goldschmidt hat darüber eine falsche Auffasfung. Nach Art der land⸗

daß diese Beamten, die einen großen Schatz von Wissenschaft in sich

scheiden. Das Problem, vollkemmene Beamte zu schaffen, ist unlös-

wind er schläeblich einfeden, das

Abg. Rosenow (fr. Volksp.): Wir wollen den Handwerker den schäftslage des

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in halten. Ich erkläre wir der S festdal schon deshald, se suh h Van allen

nn schwer. techn dines cines der wichtigiten Mittel

wirtschaftlichen Winterschulen müssen auch technische Winterschulen ge⸗ schaffen werden, nicht vom Staate, sondern don den Gemeinden, und diese Schulen können tüchtige Kleinmeister heranbilden. Ich bitte den

Minister, die unteren Behörden anzuweisen, auf die Gründung solcher b

Schulen hinzuwirken. Minister für Handel und Gewerbe Möller: Meine Herren: Ich din auf die Winterschule i

Herrn Vorredners, in Rehburg, bercits dei der ersten Entgegnung 8

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dem Handwerkskammertag in

Jacobskötter komme zu dem Schlusse, daß die beutige Entwickelung

Zünftler uns mit ihrer Gesetzgebung nicht dazwischen gekommen

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werter auf dem Lande sind auch alle kleine Landwirte, haben mindestens

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zurückgekommen. Ich habe bexeits ausgeführt, daß wir durchaus nicht

vorzugehen, nachdem wir für die mittlere Ausbildung schon sehr weit⸗

Fahren vollständig überzeugt bin, daß wir auf dem Gebiet etmas mehr tumn müssen, als bisher geschieht. 8

Adg. Cahensly (Zeutr.) erklürt sich damit ad daß gemacht werde. Der starke Biergenuß sei der Gesundheit schädluc.

Adg. Trimborn (Zentr). Ich sche mit Rücksꝛaht auf Hauses dadon ab, hier cine graße ontaldolttrsche R Parteien hat das Zentrum am desten dem Andrang der Son kratie widerstanden, rin 8, daß seine Sozialpolttik die re

hört, daß wir nur noch darüder lächeln kennen. Herr Hammer sollte ist. Es ist wichtig, die Arbeltgeder don der Notmwandigbeit ciner Pnlosen Freihandel wollen dem Mittelstand dadurch

ruhigen, stetig fortschreitenden Entwickelung unscrer Sozialpolirik zu überzeugen. Für uns ist beine Arbeit auf diesem Gebiete Die kechnische Fortdildang des Handmerke i aler⸗ 1b 1 zu dessen Hebung, und die Hand⸗ werter müssen nachdrücklich darauf hingewiesen werden. Aber danghen m und von 1897 hat sch im großzen und ganzen gut Anerkenntnis dermiffe ich von der Linla. moöchte ich den Minaster bitten, die Handwerkskammerberichte in ider Irbl dem Hause zur Verfügunz zu dellen, damit zeder, der sich fur sir intere’sͤert, 88 einen mit nach Haufe vehmen kann. Ferner wänz es

wünschenswert, daß die Handelammern einen gemein samen Arbüthh⸗

m

Nan echelten. Das Zil der Bewerung mieß vleihegn. daß Vie Handwerder sich zu Produktidgenossen a zusamment 1 .

uf die Ge⸗

foll Ddie Oraon 9 Hoandwoim g ghe. Das 1 onn die INgamnfakon des Handwerkes einder hen. 2