1906 / 33 p. 2 (Deutscher Reichsanzeiger, Wed, 07 Feb 1906 18:00:01 GMT) scan diff

Kap. aus d. Meteorologie. Meteorologische Technik. Uebungen im meteorol. Observatorium. Wieghardi: Räumliche Fachwerke. Außerdem: Kolsen: deutsch (für Ausländer). Marwedel: Die erste Hilfeleistung bei plötzl. Unglücksfällen m. Uebungen. Quadflieg: Gefahren im Bergbau u. Hüttenbetrieb.

Handelshochschule. Bräuler: Grundzüge d. Eisenbahn⸗ betriebes. Hagenbach: Experimentalphysik enz. Kurs. N. N.: Mechan. Technologie I u. II. Fabrikanl. u. Arbeitsmaschinen. Kähler: wie oben bei Abt. f. allgem. Wissenschaften. N. N.: Baukonstruktion. Rau: Chem. Technologie II. Schmid: Kunst u. Kunsthandw. in ihrer Anwendung auf d. kaufmänn. Betrieb. Wieler: Warenkunde d. Tier. u. Pflanzenreichs.

d. Zivil⸗, Staats⸗ u. Verwaltungsrechts. Gewerberecht. Kolsen: Französisch II u. IV. Italienisch II. Russisch 1I1 u. IV. Deutsch (f. Ausländer). Koß: Stenographie II. Lehmann: Wirt⸗ schaftsgeschichte II. Wirtschaftsgeographie II. Schatz: Kaufmänn. Betriebslehre. Uebungen z. kaufm. Betriebzlehre II u. IV. Ein⸗ führung i. d. kaufm. Tätigkeit. Vogel: Spanisch II. Ward: Englisch II u. IV. Wilden: Handelsrecht. Zivilrechtspflege einschl. Konkursrecht. 32 Programme d. Techn. Hochschule werden nach Einsendung v. 60 i. Inlande, v. 80 nach d. Auslande v. Sekretariat über⸗ sandt, Programme d. Handelshochschule gegen 30 bezw. 40 ₰, beide Programme zusammen gegen 90 bezw. 1,20 Aachen, den 3. Februar 1906. 8 Der Rektor. Borchers.

Denutsches Reich.

Preußen. Berlin, 7. Februar.

Seine Majestät der Kaiser und König hörten heute im hiesigen Königlichen Schlaßse den Vortrag des Chefs des Zivilkabinetts, Wirklichen Geheimen Rats Dr. von Lucanus und darauf, „W. T. B.“ zufolge, den des Präses der General⸗ ordenskommission, Generals der Kavallerie Prinzen zu Salm⸗ Horstmar. -

Ihre Majestät die Kaiserin und Königin empfingen heute im hiesigen Königlichen Schlosse den neuernannten

chilenischen Gesandten Augusto Matte in Audienz.

Die vereinigten Ausschüsse des Bundesrats für und Verkehr und für Justizwesen und der Ausschuß für u d Verkehr hielten heute Sitzungen. 1

PI Bevollmächtigte zum Bundesrat, Großherzoglich mecklenburgische Oberzolldirektor Lorentz ist in Berlin an⸗ gekommen.

Bayerar.

Zu Ehren Seiner Königlichen Hoheit des Prinzen Carlos, Infanten von Spanien, fand gestern nachmittag bei Seiner Königlichen Hoheit dem Prinzregenten im Residenzschlosse zu München große Galatafel statt, bei der Ihre Königlichen Hoheiten der Prinzregent und der Infant Trinksprüche wechselten.

Die Kammer der Reichsräte genehmigte gestern den Militäretat und setzte dabei die von der Kammer der Ab⸗ geordneten abgelehnte Position für die Neuschaffung einer Feldzeugmeisterei wieder ein.

Im Laufe der Debatte über den Militäretat sprach, nach dem Bericht des „W. T. B.“, der Referent Reichsrat von Haag in den wärmsten Worten über die Verdienste der deutschen Truppen in Süd⸗ westafrika. Der Reichsrat Freiherr von Würtzburg schloß sich der ehrenden Anerkennung an und betonte, daß auch viele Bapern in der Schutztruppe ständen. Zwei Offiziere aus Familien, die im Reichsrat vertreten seien, hätten in Südwestafrika den Heldentod ge⸗ funden. Zu Ehren der südwestafrikanischen Truppen erboben sich so⸗

dann die Mitglieder des Reichsrats von ihren Sitzen. 3

Baden.

Bei der Finanzdebatte in der Zweiten Kammer führte gestern der sozialdemokratische Abgeordnete und Zweite Vize⸗ präsident Geck bezüglich der Präsidentschaftsfrage, wie „W. T. B.“ berichtet, aus:

Die Sozialdemokratie werde sich in taktvoller Weise mit den Bestimmungen der Geschäftsordnung abzufinden wissen, und auch er würde gar nichts Besonderes darin finden, wenn in Baden einmal Seine Königliche Hoheit der Großherzog sich mit einem Sozialdemokraten unterhalten mwürde. Er werde im Präsidium sein

Pflicht erfüllen und seine Arbeit tun. 88 ZIZ1Z1Z1n

3 Hamburg. Die gestern abend in Hamburg abgehaltenen 16 sozial⸗ demokratischen Protestversammlungen gegen die Steuervorlagen, die insgesamt von etwa 15 bis 16 tausend Personen besucht waren, sind „W. T. B.“ zufolge ruhig n.

Oesterreich⸗Ungarn. Wie die „Neue Freie Presse“ meldet, haben die deutsch⸗

böhmischen Abgeordneten mit Ausnahme der Schönerianer gestern einen Beschluß gefaßt, der als Kernpunkt der Wahl⸗ reform die Frage bezeichnet, ob das relative Verhältnis der deutschen zu den slavischen Abgeordneten und zur Gesamtzahl der Parlamentsmitglieder zu Ungunsten der Deutschen ver⸗ schoben und das Resultat der Wahlreform eine slavische Majorität sein werde. Eine derart gestaltete Vorlage müßten die deutschen Reichsratsabgeordneten aus Böhmen als einen geradezu feindseligen Akt der Regierung gegen das Deutsch⸗ tum erklären, der sie zur entschiedensten 1 würde. Dieser Beschluß, für den sich

ordneten solidarisch erklärten, präsidenten zur Kenntnis gebracht.

Frankreich. Der Ministerrat beschäftigte sich gestern mit den Vor gängen bei den Inventaraufnahmen in den Kirchen und beschloß, wie das „W. T. B.“ ö.ö2— Au

Stor/ 1.1 Gewerbehygiene. Kayser: Rechtsenzyklopädie nebst 6 1 1dqsevuchs des Bischofs,

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1n““

Nach den Berichten des genannten Bureaus haben gestern in verschienenen Städten anläßlich der Inventarauf⸗ nahme größere Ruhestörungen 1“ So kam es in Cherbourg in der Gelübdekirche zu lebhaften Zwischen⸗ fällen, in deren Verlauf sieben Personen verhaftet wurden. In Montpellier waren die Eingänge der Kathedrale fest verschlossen und wurden trotz wiederholter Aufforderung nicht geöffnet. Geniesoldaten brauchten eine Stunde, um sie einzuschlagen, da sie von innen fest verbarrikadiert waren. Der Staatsgüterinspektor nahm dann trotz des Ein⸗ unter heftigen Kundgebungen der Metsge, das Inventar auf. Um 5 Uhr Abends hielt die erregte Stimmung in der Umgegend der Kathedrale und der Bürgermeisterei noch immer an, sodaß die Feuerwehr gerufen wurde, um in den benachbarten Straßen, wo Steigung und Schutthaufen die Kavallerie am Eingreifen verhin erten, die Manifestanten zu zerstreuen. Zwölf Personen wurden verhaftet. In St. Claud (Departement Jura) wurde eine Gegenmanifestation veranstaltet. Eine Menge von etwa 2000 Pershse warf unter dem Gesang der Carmagnole die Fensterscheiben des Bischofspalastes und der Kathedrale ein, erbrach eine Seitenpforte der letzteren und warf das Kircheninventar auf die Straße. Als man die mit Petroleum begossenen Gerätschaften anzünden wollte und dies von herbei⸗ geeilten Gendarmen verhindert wurde, wurde eine Statue der Jungfrau aus dem katholischen Kasino fortgeschleppt und in den Fluß geworfen. 1.1“

Rußland.

Die von der Regierung an die durch die Agrar⸗

nruhen geschädigten Gutsbesitzer zu zahlende Ent⸗ schädigung beträgt, wie der „Ruß“ meldet, nach amtlicher Feststellung 34 Millionen; davon entfallen auf die Ostsee⸗ provinzen 11 Millionen Rubel.

In Wainoden sind, einer Dapesche des „W. T. B.“ aus Libau zufolge, zwölf Personen vom Kriegsgericht zum Tode verurteilt worden; das Urteil wurde an zehn Ver⸗ urteilten vollstreckt, den beiden anderen war es gelungen zu entkommen. 8 1

Spanien.

Der Wortlaut der vier durch das Redakrionskomitee der Marokko⸗Konferenz gebilligten Artikel der Vorlage, be⸗ treffend die Zoll⸗ und Steuerreform, der heute in der Konferenz vorgelegt werden soll, ist, nach einer Depesche des „W. T. B.“ folgender:

1) Die Konferenz erachtet für notwendig, daß die Ausfuhrzölle für die nachstehend aufgeführten Waren auf folgende Ziffern herab⸗ gesetzt werden: Kichererbsen auf 2 Pesetas an Stelle von 2,50; Mais auf 2 Pesetas anstatt 2,50; Gerste 75 Centimes anstatt 1 ½ Peseta; Getreide 1,75 Peseta anstatt 2,50. Diese Sätze gelten für den Scheffel, das heißt 53 kg.

2) Gemäß den üeeen Entscheidungen des Sultans und be⸗ sonders nach der Entscheidung vom 28. September 1905 wird be⸗ stiamt, daß zwischen allen Häfen des Kaiserreichs der im Küsten⸗ handel vorkommende Transport von Getreide und anderen Körnerfrüchten, emüsen, Eiern, Früchten, Geflüg⸗l und im allgemeinen von Waren und Tieren aller Art ob diese marokkanischen Ursprungs sind oder nicht, mit Aus⸗ nahme von Pferden, Maultieren und Eseln, gestattet wird. Dieser Küstenhandel soll durch Boote aller Nationalitäten ausgeübt werden können, ohne daß von den genannten Artikeln Ausfuhrab aben za ert⸗ richten sind, aber unter Berücksichtigung der über diese Art des Handels bestehenden Spezialabgaben und Reglements.

. 3) Zollniederlagsgebühren werden in allen marokkanischen Häfen, in denen genügende Niederlagen bestehen, erhoben, gemäß den bereits rlassenen oder durch die marokkanische Regierung im Einvernehmen mit dem diplomatischen Korps in Tanger ju erlassenden Reglements.

4) Oplum und Haschisch bilden auch ferner ein Monopol der marokkanischen Regicrung, mit der Maßgabe, daß für lediglich pbar⸗ mazeutische Zwecke bestimmtes Orium von dem Maghzen auf Antrag der betreffenden diplomatischen Vertretung dem einfüdrenden Apotheker oder Arzt gegen Erlegung eines Wertzoll s von 100 % ausgehändigt wird. Die Hoͤöchstmenge des einzuführenden Opiums wird bon dem Maghꝛen gemeinschaftlich mit dem diplomatischen Korps festgesetzt.

Die Zahl von Rindvieh, die jede Macht aus Marokko auszufuhren das Recht hat, beträgt jetzt 6000 Stück und wird wabrscheinlich auf 10 000 erhöht werden, doch ist die Fassung dieses Artikeis noch nicht endgültig festgestellt. Für den Artikel, der sich auf die Spezialkasse bezieht, der die als Zuschläge zu den Zollabgaben zu erhebenden Decimes zufließen, ist hinsichtlich der Organisation und der Verwaltung dieses Fonds noch eine weitere Beratung vorbehalten worden.

In der gestrigen Sitzung setzte die Deputierten⸗ kammer die Erörterung der katalanischen Frage fort.

Unter dem Beifall des gesamten Hauses erklärte der Minister⸗ präsident Moret, wie „W. T. B. meldet, der Kammer werde über die Verfügung, durch die die verfassangsmäßigen Garantien in Kataloxnien aufgehoben wurden, Bericht erstattet werden, sodald de Ges-tzentwu-f, betreffend Aburteilung von Vergehen gegen das Vater⸗ land und die Armee, von der Kammer angenommen sei.

8 Dänemark. Die Beisetzung des verewigten Königs findet auf Anordnung des Königs Frederik am Sonntag, den 18. d. M., statt. Der Schiedsgerichtsvertrag zwischen Dänemark und Holland ist gestern, „W. T. B.“ zufolge, vom Reichs⸗ tag endgültig angenommen worden.

In der gestrigen Sitzung des Folkethings brachte der

Ministerpräsident Christensen außerhalb der Tagesordnung einen Gesetzentwurf ein, betreffend die Zivilliste für den König Frederik VIII, die Apanage für den Kron⸗ prinzen Christian und das Nadelgeld und die Witwen⸗ rente für die Kronprinzessin Alexandrine. MNach dem Bericht des „W. T B“ wurde vorgeschlagen, die Apanage für den ronprinzen auf 120 000 Kronen jährlich und das Nadelgeld für die Kronprinzessin auf 11 200 Kronen jährlich festzuseten; im Falle des Todes des Kronprinzen erhält die Witve außer einer standesgemäßen Wohnung eine jährliche Witwenrente von 60000 Fronen. Die Zivilliste des Königs son unveräadert auf eine Mallton Kronen festgesest bleiben. Auf die Zivilliste soll das Schloß Cbristians IX. übertragen werden sowie das Schloß Charlontenlund.

Hauses der . Hauses der geordneten Beilage.

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—9) Sitzung des Reichstags der von der sozi .

„In jedem Bundesstaat und in Elsaß⸗Lothringen muß Grund des allgemeinen gleichen, direkten und ablrenf gewählte Vertretung bestehen. Das Recht, zu wählen und gewa t zu werden, haben alle über 20 Jahre alten Reichsangehörigen dc Unterschied des Geschlechts in dem Bundesstaate, in dem sie ih ne ee Die Zufgsmmnung rter e ist 8 jedem Landesge und zur Feststellung des Staatshaus erforderlich.“ h bhaltzeta

Zur Begründung dieses Initiativantrages erhält das Wort

Abg. Bernstein (Soz.): Der Antrag liegt seit ungefähr 13 Jahr dem Neicae vor und in Gestalt eines Amendements sogar scha 20 Jahre. Er verlangt, daß im Deutschen Reiche in allen Bunden staaten eine Volksvertretung auf Grund des gleichen, eheimen 8 direkien Wahlrechts allen Erwachsenen vom 20. Le nsjahre - ohne Unterschied des Geschlechts gewährt wird. 1895 wurde 8 Antrag im Zusammenhang mit dem Antrag Anker von der freisinniga Volkspartei und mit einem Antrage Pachnicke verhandelt. Diese Ae träge waren verfassungsrechtlich wesensverwandt, wenn sie auch son sich unterschieden. Das Verlangen, Parlamente in allen deutsche Bundesstaaten einzuführen, ist so alt wie der deutsche Reichs 8 Bei der Beratung des Antrags Büsing im November 1871 see. damalige nationalliberale Abg. von Treitschke, es müsse wenigstens k85 nähernd eine Gleichmäßigkeit der Institutionen in den einzelnen deutschen Ländern bestehen, ungefähr in demselben Sinne wi⸗ in de Schweiz und Nordamerika das demokratische Prinzip durchgeführ sei Gegen das Bedenken, daß der Reichstag in dieser Frage nicht kom⸗ petent sei, sprach sich der natiecnalliberale Abg. Völk, der späͤter jur Reichspartei überging, aus. Gegen den Autrag sprach der ken⸗ servative Abg. Freiherr von Heldorff⸗Bedra; er bestritt aber nicht die Kompetenz des Reichstags, sondern nur die dringende Notwendigkeit es handelte sich darum, die Verfassung in Mecklenburg zu ändern. Schließlich wurde der Antrag mit 185 gegen 88 Stimmen angenommen. Der Antrag kam dann 1873 wieder zur Verhandlung Damals trat der Abg. Miquel und auch der Abg. von Kardorff dafür ein. Dieser meinte, daß allen deutschen Reichsangehörigen annähernd das gleiche Maß von öffentlichen Rechten und Pflichten durch die Reichsverfassung gewährleistet werden müsse. Der Antrag kehrte dann 1874 und 1875 wieder. Damals wurde von unserer Seite zum ersten Male das Amendement gestellt, wonach Parlamente in den Einzel⸗ staaten auf Grund des allgemeinen gleichen und direkten Wahlrechts ge⸗ wählt werden sollen. Der Antrag wurde, wie es damals Sitt⸗ war ohne daß der Antragsteller auch nur zum Worte kam, abgelehnt. Windthorst sprach sich vom föderalistischen Standpunkte aus segen den Antrag aus. Während der Zeit des Soözjialisten⸗ gesetzes kam der Antrag nicht wieder zur Verhandlung; erst 1894/95 stand er wieder mit den Anträgen Anker und Pachnicke zur Beratung. Der Abg. Pachnicke sagte damals, seine Freunde würden seinen Antrag immer wieder bringen, bis ihr Ziel erreicht sei. Wie es scheint, hat der Abg. Pachnicke nicht Wort gehalten (Widerspruch des Abg. Pachnicke), oder liegt der Antrag wieder vor? Damalz sprach für den Antrag auch der angesehene Staatsrechtslehrer von Mar⸗ quardsen. Dann wurde, da das Zentrum und die Konservativen die Mehr⸗ beit hatten, der Antrag zum ersten Male abgelehnt. Wie es sich umn auch mit dem Antrag Pachnicke verhalten möge, unser Antrag wird nicht verschwinden, bis ihm Genüge geschehen ist. Keiner von Ihnen wird leugnen, daß Deutschland sich immer mehr im Sinne einer stärkeren Einheitlichkeit der ganzen sozialen Zustände entwickelt und damit der Einheillichkeit in den gesetzgeberischen Bestrebungen und Bedürfnissen. Bebel hat das seinerzeit mit den Worten bervorgeboben, daß sich zum Teil unter diesem Ergebnis gerade die Stellung der Sozialdemokratie zur Reichsfrage verändert habe, daß wir, die wir ursprünglich dem Reiche mißtrautsch gegenüberstanden, allmählich dam gekommen seien, die Kompetenz des Reichs gegenüber den Bundekstaaten zu erweitern. Mit der Verstärkung der Einbeit der Gesetzgebung geht die Notwendigkeit der Einbeitlichkeit in der Verwaltung Hand in Hand. Die Versicherungsgesetzgebung des Reiches hat tief in die Ve⸗ vollmacht und die Verwaltungsgrundsätze der Einzelstaaten gegriffen. Das Bergrecht ist den Einzelstaaten vorbehaiten geblielm; die Folge daven ist, daß nun, wie das Zentrum ausdrücklich zu⸗ gestanden hat, das preußische Berggesetz tokal unbefriedigend aut⸗ gefallen ist und den berechtigten Anforderungen der Bergarbeiter nicht gerügt. Ebenso ist die Wohnungsfrage ein Teil der einzelstaatlichen Kompetenz geblieben; cin Zer trumemann wie der Abg. Dr. Jäger, der die Unleidlichkeit dieses Zustandes eingeseben hat und erkennt, daß on dem Dreillassenvarlament die Abhilfe in Preußen nickt mu erwarten ist, ist Mitglied des Vereins „Reichswo gnungsgesetze“. Aehnlich liegt es mit der Schr dzedang: in allen diesen Bezieha tritt ein immer schärferer Gegensatz zwischen den vürntkukemssc Einzelstaaten und dem Reichsgedarken hervor. Wie siebt es nun mit den Verfassungen und Wahlgesctzen in den deutschen Einzelstaaten aus? Ein Ausländer würde sich, wenn er diese Musterkarte fähe. an den

fassen und fragen: ist denn eine solche wahrsinnige Welgestal igkeit

möglich? Eine kleine Anzahl von Staaten hat ein dem Reichswahl⸗ recht bomogenes oder sich annäherndes Wahlrecht, so Baden; Bapem und Württemberg sind daran, es in dieser Art zu modernisieren,

an der Spitze derjenigen, die diese Modernisierung betreiben, jaz dene die gegenrxaärtig als einzig möglich erwiesene Form noch richt weit genug gebt, steht in Bapern ein Mitglied des Königshauses. Eine Mißhe kleiner mitteldeutscher Staaten hat zwar direkte

aber daneben auch den zweifelhaf Vorzug priviligierter Mu⸗ glieder, die die Volksstimme einfach fälschen. Dann gibt es Staaten mit indirekter und Klassenwahl, so in Brau schweig, Bremen, Han⸗ bura, Lübeck, Preußen und Sachsen; fast überall ist bier den Höchst⸗ besteuerten eine Zweidrittelmehrheit gesichert. In Elsaß. Lothringen exiftiert ein ganz besenders kompliziertes, raffiaiertes Wahlsystcm, daß ein dreimal gesiebtes Parlament, aber kein wirkliches

bild der tretung schafft. Nun gibt es obendrein zwei direr⸗ gierende Strömungen in allen diesen Staaten, eine zum Reichstags. wabhlrecht hin und eine andere vom gegenwärtigen Wahlrecht noch weiter nach rechts weg. Charakteristisch ist, daß die erstere in Säüddeutschland die Oberhand bat, in den Staaten, von denen et einst v— hieß: „wir sind den Süddeutschen zu liberal“; de

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andere ist in Nortdeutschland, in Preußen und Sachsen ganz besonders vorherrschend. Sachsen hatte schon vor 18929 cin direktes Wahlrecht, das den Arbeitern ihr Recht sehr stark verkärzu; —. hatte einen Zensus von 3 direkter Staatssteuer, wodunch Drittel der Rerchetagswähler des Wahlrechts zum Landtage warde; daju kam eine durch und durch lendenziöse Wahlkreis⸗ eirteilung. So waren bis dahin unter 82 Abgeordneten nm

ju 1. und cine „Reform“

(Schluß des Blattes.)

Das Haus der Abgeordneten beschloß in der

heutigen (19.) S der Minister des Dr. von Bethmann⸗Hollweg beiwohnte, zunächst einem An⸗ trag der Geschäftsordnungskommission gemäß ohne Debane, zu erklären, daß der Abg. Bosse (kons.), Landrat in Minden, durch die vorläufige Uebertragung der Stelle eines Di der Königlichen Museen in Berlin Sitz und Stimme im Hause der Abgeordneten nicht verloren hat. 1

„Gleichfalls auf Antrog der Geschäftsordnungskommission beschloß das Haus, die Ermächtigung zur strafrechtlichen Ver⸗

lgung des verantwortlichen Schriftleiters Max von Lojewski in Erfart wogen Beleidigung des geordnetenhauses durch den in der „Tribüne“ enthalt ilel „Das preußische Schand⸗ parlament“ nicht zu erteilen.

Darauf wurde die Beratung des Etats des Ministe⸗ des ve. dem Kapitel „Polizeiverwaltung in

* fortge

B sch⸗Schmidtlein († 2), dessen Ausf . aensch mi z. freikons.), dessen

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teint den Wunsch zu 1 2. nach Analogie des Titels sceliraasfegor⸗ auch der Titel ferendar“ eingeführt werde. ** Aeg. Oeser (Hosp. d fr. Volkep.) behauptet eine Unzulängli bit der öffentlichen Sicherheit in Frankfurt a. M. olge Mangels an Polizeibeamten. Es sei zwar schon eine Erhöhung der Zabl der Beamten eingetreten, aber der etatsmäßige Bestand sei noch richt erreicht worden, es feblten daran immer noch 20 %. Es sei allerdings eine private Wach⸗ und Schließgesellschaft organisiert worden, die sich ausgezeichnet bewähre; aber schließ⸗ lich habe doch der Staat für die Sicherheitszustände zu sorgen. Die Polizeibeamten seien mit Bureaugeschäften so sehr beschäftigt, daß fär den eigentlichen Sicherbeitsdienst nur ein geringer Bruchteil der Beamten übrig bleibe. Schon vor 2 Jahren seien diese Mißstände icr im Hause bekl aber noch nicht beseitigt worden. Ferner möüßten die Kriminalbeamten besser gestellt werden. Es sei sehr wichtig, daß diese Beamten in die Kaschemmen gingen, um dort bichtig, zachtungen zu ma⸗ (Vizepräsident Dr. Krause bittet, die Pribatunterhaltung einzuschränken, damit der Redner verständlich werde.) Dem Kriminalschutzmann müsse die Möglichkeit gegeben werden, solche Ausgaben, die er im Interesse des Dienstes mache, wieder zu erbeben. Man erweise diesen Beamten doch den schlechtesten Dienst, wenn man sie, die meist Familie hätten, diese Auzgaben aus ihrer Tasche decken lasse. Das Einkommen der Schutz⸗ mannschaft müsse entsprechend erhöbt werden. (Die Unruhe im

se wird trotz der Mahnung des Präsidenten wieder so groß,

der Redner kaum verständlich wird.) Er verlangt schließ⸗ lich die Gleichstellung der Polizeikommissare in den Provinzen mit denen in Berlin, weil nicht behauptet werden könne, daß an einen Polizeileutnant in Rixdorf größere Anforderungen gestellt würden als in Cöln oder Frankfurt.

(Schluß des Blattes.)

er des 350 jährigen Bestehens der Univers 8 geht folgender Aufruf an alle, die in Jena studie „Eine Feier seltener Art steht der Universität Jena bevor. 1908 pellenden sich 350 Jahre ihres Bestehens. Gleichzeiti neue Heim cingeweiht werden, d schule errichten lassen. Wohl jedem, der auf eine in Jena Studienzeit gern zurückblickt, wird es ein Herzensbedürfnis sein, dieser fetllichen Gelegenheit der alten Alma mater seine Anhänglichkei und Dankbarkeit zu beweisen. Um ein gemeinsames Handeln nach dieser Richtung herbeizuführen, ist, auf Anregung eines alten treuen JFenensers von der Waterkant, eine Anzahl von Männern, die Jenenser Studenten gewesen sind, zusammengetreten. Sie haben sich geeinigt zu dem Beschluß, für ein Ehrengeschenk zu sorgen, das bei der Jubel⸗ seier namens der früheren Studiarenden Jenas der Universtät dar⸗ gebracht werden soll. Gedacht ist die Gabe als ein Schmuck für die neue Aula. Man will, womöglich von bewährter Meisterhand, einige Bilder etwa vier schaffen lassen, die, ihrem Gegenstand nach, en für Jenas Hochschule im Laufe der Jahrhunderte betonders be⸗ deutsam gewordene Ereignisse und Oertlichkeiten anknüpfen. An alle, die in Jena studiert haben, ergeht die herzliche Bitte, zu den Kosten dieses Ehrengeschenks beizusteuern. Je reger und opferwilliger die Beteiligung sich gestalten wird, um so mehr wird die Gabe zu⸗ gleich zu einem würdigen Denkmal für die treue Anhänglichkeit werden, die die alten Kommilitonen nach dem berühmten Vorbild von Fritz Reuters „ollem Herrn Paster“ ihrem Jena bewahren. Beiträge oder von solchen (für mehrere einzelne Jahre) werden recht „Universitätsamtsaktuar Herzer⸗Jena,

grrg.

Müachener Bildhaucr, Professor Wilhelm von! Z. T B.“ meldet, in Ajaccio auf Korsika, wo er zur rstellung seiner Gesundheit weilte, gestorben. Er war a Norember 1850 zu Hannover geboren und ein Schüler von Wag⸗ mäller, dessen unvollendet hinterlassene Liebig⸗Statue für München (1883) er fertigstellte. Rümann war ferner der Schöpfer des baverischen Landes⸗ denkmals auf dem Schlachtfelde von Wörth (1889), des Rückert⸗Denkmals in Schweinfurt, des Luitpold⸗Brunnens mit der Reiterstutue des Prinz⸗ Regenten in Landau i. Pf., der Reiterstandbilder Kaiser Wilhelms 1 für Stuttgart (1898) und Chemnitz (1899), der marmornen Hermen⸗ büsten Bismarcks und Moltkes für das Reichstagsgebäude (1902), der Reiterstatue des Prinz⸗Regenten Luitpold in Nürnberg u. a. Die biesige Nationalgalerie besitzt die von ihm modellierte F Land⸗ und Forstwirtschaft.

XXXIV. Plenarversammlung des Deutschen Landwirtschaftsrate.

Gestern vormittag trat der Deutsche Landwirtschaftsrat in Berlin in seiner 34. Plenarversammlung zusammen Nach Eröffnung der ersten Sitzung durch dessen Präsidenten Grafen von Schwerin⸗Löwitz mit einem Hoch auf Seine Majestät den Kaiser, die Bundes⸗ fürsten und Freien Städte, in das die Anwesenden begeistert einstimmten, erstattete der Generalsekretär, Professor Dr. Dade Berscht über die Ausführung der in der 33. Plenarversammlung 1905 gefaßten Beschlüsse und über die Beschlüsse des Ständigen Ausschusses und des Vorstandes seit der letzten Plenarversammlung. Darnach ist die Tätigkeit des Landwirtschaftsrats durch Uebernahme der Preis⸗ berichtsstelle der preußischen Landwirtschaftskammern und ihre Er⸗ weiterung über ganz Deutschland sehr auegedehnt worden. Diese Stelle bezweckt, die einzelnen Landwirte, Genossenschaften Proviantämfer und sonstige Interessenten über die Marktlage für Eeireide und Vieh schnell und sicher aufzuklären. Die Notierungen und Berichte werden regelmäßig in den politischen, landwirtschaftlichen und anderen Blättern abzedruckt. Von allgemeinem Interesse ist serner der im verigen Jahre gegründete Ausschuß für Handels⸗ gebräuche, eine freie Vereintgung großer landwirtschaftlicher Vereine zum Zwecke der Festsetzung gemeinschantsicher Lieferungsbedin gungen für

indelsdünger, Handelsfuttermittel, Saaten usw. erkenewert ist weiter der Versuch, einen Minimaltarif für Untersuchungen bei den landwirtschaftlichen Versuchsstationen einzuführen. Das Reichsamt des Invern hat dem Landwirtschaftsrat 10 000 zur Durchführung von Versuchen der Fütterung von Schweinen einer besonders nichtigen Aufgabe, die mit der Fleischversorgung der Bevölkerung in engem Zusammenhang steht zur Verfügung gestellt.

Es folgte dann ein Referat des Freiherrn von Cetto⸗Reicherts⸗ kausen über gesetzliche Maßnahmen gegen den Grund, müce wucher. Nach längerer Diskussion wurde folgender Beschluß

ßt:

Eine Akänderung der bestehenden Reichsgesetze scheint zur Zeit ier Bekämpfung des Grundstückswuchers nicht angezeigt. Dagegen escheint es dringend geboten, durch die Landesgesetzgebung den auf diesem Gebiete herrschenden Mißständen entgegenzutreten.

Im übrigen kommen für die Bekämpfung des Grundstückswuchers olgende Gesichtspunkte und Maßnahmen in Betracht: 3

I. Der Grundstückewucher ist im Hinblick auf die durch denselben satstebende g. des Vermögens der ländlicken Bevölkerurg wie eine häufig vorkommende gemeinschärliche Mobilisierung und herftückelung des lantwirtschaftlichen Grundbesitzes mit allen mög⸗ iche Maßnohmen der Gesetzgebung und Verwaltung zu bekämpfen und hintanzuhalten. sic II. Bei Beurteilung der Frage, in wie weit Gutszertrümmerungen 1 als Grundstücke charakterisieren, ist zu beachten, a. welche

rsachen und Anlässe für die Gutszertrümmerungen vorgelegen haben; ter ssen Verhältnissen Gutszertrümmerungen nicht zu ten sind und dem Bedürfnis einer enemi en Grundbesitz⸗

III. Die Gesichtspunkte sind maßgebend für die Art und Weise der Bekämpfung des dstückswuchers, wobei immerhin eine zu weit gehende Gebundenheit des Grundbesitzes und Beeinträchtigung des landwirtschaftlichen Grundkredits rhüten wäre.

IV. Die im Bütgerlichen Ges⸗ „in dem Reichsstrafgesetzbuch und der Reichsgewerbeordnung enthalienen . des wucherischen Güterhandels erscheinen bei richtiger Anwendung als jweckentsprechend und genügend.

V. Der Lundesgesetzgekung muß es überlassen bleiben, die in der

esseetzgebung enthaltenen bezüglichen Vorschriften den Landes⸗

tnissen entsprechend auszugestalten.

VI. Dabei kann in Betracht kommen: A. in direkter Hiansicht: 1) Beschränkung der Wiederveräußerung der durch Karf oder Tausch erworbenen Grundstücke (württem⸗ bergisches Ausführungsgesetz zum B. G.⸗B.), 2) Einführung einer allgemeinen bebäördlichen unter Berücksichtigung der dieselben begleitenden Umstände, 3) polizei⸗ liche Beaufsichtigung der Geschäftsgebarung der Güterdändler, 4) Vor⸗ schriften, betreffrnd Wiederaufforstung abgetriebener Waldungen,

B. in indirekter Hinsicht: 5) Einrichtungen behufs planmäßiger Schuldentlastung und Schulderleichterung des ländlichen Grundbesites, 6) Einführung eines auf dem Prinzip des Anerbenrechts beruhenden Intestaterbrechts, 7) innere Kolonisation auf dem Wege der

entengutsbildung; Errichtung öffentlicher Behörden bebufs

egelung des Güterhandels (Generalkommissionen, Landgüterämter),

) öffentliche Anstalten für Verkoppelungssystem bezw. Flurbereinigung, 9) gesetzliche Vorschriften über ein unteilbares Parzellenminimum, 10) Anregung und Begünstigung der Darlehuskassenvereine zur Inter⸗ vention bei drohenden Fällen der Gutszertrümmerung, sowohl durch direkte Zuwendung öffentlicher Mittel, als indirekt durch Ermäßigung der Besitzveränderungsgebühren.“ Nach einer Pause referierte der Oberlandesgerichtsrat Schneider⸗ Stettin über den Entwurf eines Gesetzes über den Ver⸗ sicherungsvertrag. An der sich hieran knüpfenden Diskussion beteiliate sich auch als Vertreter des Reichsjustizamts der Geheime Regierungsrat Dr. Struckmann. Es wurde nachstehender Antrag des Referenten angenommen:

„Der Deutsche Landwirtschaftsrat beschließt, dem Reichstage für die bevorstehende Beratung des Versicherungsgesetzentwurfs die Be⸗ rücksichtigung der früheren Beschlüsse des Landwirtschaftsrats in seiner Hauptversammlung 1904 zu empfehlen, und zwar insbesondere die Nummern 5, 10, 11, 14, 20 (betr. die Schiedsgerichtsurteile), 21 (zu § 125 der Reichstagsvorlage), während die Nummern 7, 20 (zu § 104 des Reicksjustizamts), 21 (soweit sie einen Zusatz zum jetzigen § 125 ve⸗ 23, 26 und 28 als durch die jetzige Vorlage befriedigend er⸗

2

verh

82 edigt zu erachten sind.

Der Deutsche Landwirtschaftsrat billigt zugleich die Absicht der Reichstagsvorlage, die öffentlich⸗rechtlichen Versicherungsanstalten unter ihrer wohlberechtigten Sonderstellung in das Gesetz einzuheziehen.

Der Deutsche Landwirtschaftsrat nimmt ferner von der Be⸗ sprechung der jetzigen Gesetzesvorlage in den „Mitteilungen der Feuer⸗ versicherungsanstalten Deutschlands“ Nr. 28 aus Dezember 1905 Kenntnis und empfiehlt insbesondere die zu §§ 6, 15, 20, 66, 99, 124, 189 Absatz 3 des Entwurfs erhobenen Bedenken zur Berücksichtigung bei der weiteren Beratung des Gesetzes.“

Den letzten Gegenstand der Beratungen in der ersten Sitzung bildete der Entwurf eines Erbschaftssteuergesetzes, über den der Kammerherr Freiherr von Pfetten⸗Ramspau referierte. Nach längerer Diskussion wurde der Antrag des Referenten angenommen:

„Der Deutsche Landwirtschaftsrat beschließt: Es ist der Gesetzes⸗ orlage der verbündeten Regierungen über eine Reichserbschaftssteuer die Zustimmung zu versagen und der Reichstag um die Ablehnung derselben zu ersuchen.“

Der Deutsche Verein für ländliche Wohlfabrts⸗ und Heimatpflege hält am 12. und 13. Februar d. J., Nachmittags 6 Uhr, im Festsaal des Künstlerhauses, Berlin W., Bellepuestraße 3, seine zehnte Hauptversammlung ab. Auf der Tagesordnung stehen u. a folgende Vorträge: ;

Am 12. d. M.: Das moderne Samariter⸗ und Rettungswesen für das Land. Berichterstatter: Generaloberarzt Dr. Düms. Vor⸗ sitzender des Deutschen Samariterbundes, Leipzig. Landflucht und Gasthausreform. Berichterstatter: Pfarrer Reetz⸗Siedkow. Die märkische Dorfkirche. Berichterstatter: Landbauinspektor Büttner, Provinzialkonservator der Provinz Brandenburg, Steglitz. b

m 13. Februar: Ländliche Volksfeste. Berichterstatter: Pfarrer Nuzinger⸗Gutach in Baden. Fürsorge für die erwachsene Land⸗ jugend. Berichterstatter: Pfarrer César⸗Wiesenthal i. d. Rhön. Die Vorführung von Lichtbildern. Berichterstatter: Dozent Franz Fürstenberg⸗Berlin. 1

Zu den Vorträgen werden auch Gäste zugelassen.

Die Fleischversorgung von Wien.

9 ihrer „Mitteilungen“ veröffentlicht die Deutsche Land⸗ wirtschaftsgesellschaft in der vor kurzem neubegründeten Rubrik „Land⸗ wirtschaftliche Erfahrungen des Auslandes“ einen Aufsatz über die Wiener Erobßschlächterei⸗Aktiengesellschaft, der bei dem aktuellen Charakter der Fleischversor ungsfrage von besonderem Interesse ist und daher in seinem wesentlichen Inhalte hier wiedergegeben werden mag.

Die Schlachtviehversorgung der Stadt Wien geschieht haupt⸗ sächlich von Ungarn aus; die österreichischen Léänder vermochten aus verschiedenen Gründen bisher nicht zu einer stärkeren Beschickung des Wiener Marktes zu gelangen. Es hatten sich nun unter der Herr⸗ schaft der ungarischen Großhändler und Viehkommissionäre seit langem recht mißliche Verhältnisse in der Fleischversorgung Wiens herausgebildet, und als diese durch die im Jahre 1903 eingetretene Flerschteuerung eine besondere Zuspitzung erhielten, beschloß der Wiener Gemeinderat am 24. Juni 1904 auf Grund eines vom Magistrat erstatteten Berichts, eine städtische Großschlächterei und eine städtische Uebernahmestelle für Vieh und Fleisch zu gründen. Bei den Arhbeiten zur Durchführung dieser Beschlüsse stellten sich aber verschievene Schwierigkeiten und Bedenken ein, und als nun in diesem Zeitpunkt eine Interessentengruppe der Stadt Wien die Gründung einer Aktiengroßschlächterei vorschlug, ging diese auf den Plan ein. Damit wurde aus der geplanten städtischen Großschlächterei eine Aktienaroßschlächterei mit privatem Charakter; die Errichtung einer städtischen Uebernahmestelle für Vieh und Fleisch blieb jedoch be⸗ schlossene Sache.

Den Satzungen der Großschlächterei ist folgendes zu entnehmen: Die Aktiengesellschaft „Erste Wiener Großschlächterei⸗Aktiengesellschaft⸗ wird mit dem Sipze in Wien gegründet. Zweck ist der Großbetrieb der Fleischversorgung im allgemeinen und für Wien und Umgebung im besonderen. Zur Erreichung dieses Zweckes ist die Gesellschaft berechtigt, Großschlächtereien 1 Wien und an anderen Plätzen des Inlandes zu errichten, lebendes Vieh anzukaufen und lebend oder geschlachtet im großen oder im klelnen zu verkaufen, ten Handel mit den Nebenerzeugnissen der Schlachtung für eigene oder fremde Rechnung zu betreiben. Dat Kapital der Gesellschaft beträgt 5 Mill. 11.2 die sich folgendermaßen ver⸗ teilen: Erzherzog Joseph 3 Mill., Gemeinde Wien 1 Mill., Aktien⸗ esellschaft für chemische Industrie 500 000 und K. K. priv. österr. ba derbank 500 000 Kr. Der Gemeinde Wien 59 ohne Rücksicht auf ihren Aktienbesitz insbesonder’ folgente Rechte zu: Sie kann na Ablauf von 15 Jahren die Betriebseinstellung der Grohßschlächtere verlangen, hat dann aber eine Entschädigung föür die dem soetz. fall unterliegenden Baulichkeiten zu zahlen; n. 25 Jahren ist sie berechtigt, die Betriebzeinstellung und Herausgabe der Baulich⸗ keiten ohne jede Entschäbigung zu fordern. erner hat sie das Recht, ½ der Vorstandsmitglieder der Gesellschaft zu ernennen, und genießt eine Vorzugsbeteiligung unbeschabet der ihr als Aktsonär zustehenden Ansprüche von 25 % des Ueberschusses vom Rein⸗

Vorschriften zur Bekämpfung

V2 88 Gesellschaft ist Genehmigung für Gutszertrümmerungen

gewinn, der sich über eine 5 prozentige Dividende hinaus ergibt. Da⸗ Err ist die Gemeinde Wien verpflichtet, der Gesellschaft in den lachthäusern der Gemeinde die erforderli Schlacht⸗ und Kühl⸗ räume usw. gegen Entrichtung bestimmter Gebühren zu überlassen. Des weiteren verpflichtet sie sich, wenigstens 75 % des Fleischbedarfs der Wiener Gemeindeanstalten bei der Großschlächterei zu decken. Die Aktiengesellschaft ist vewflichtet, im ersten Jahre ihres Be⸗ stehens mindestens 10 000, im zweiten 15 000, im dritten 25 000, im vierten 35 000 und vom fünften Jahre an alljährlich 50 000 Stück Rinder ju schlachten. Gegenwärtig schlachtet die Großschlächterei in der Woche etwa 300 Stück. Die Deckung des Viehbedarfs soll unter Ausschaltung des Zwischenhandels möglichst direkt bei Mästern, ländlichen Viehverwertungsgenossenschaften usw. erfolgen, um so nach Möglichkeit die inländische Viehzucht zu fördern. Die verpflichtet, nach Aufforderung der Gemeinde Wien in den einzelnen Bezirken Stände für den Kleinverkauf von Fleisch zu errichten, und hat in diesen das Fleisch zum Selbstkosten⸗ preise mit einem Regiezuschlag von höchstens 5 % zu verkaufen; auf alle Fälle aber muß der Verkaufspreis in diesen Ständen niedriger sein als in den Ständen und Bänken der Fleischer in dem jeweils vorangegangenen Monat. Die Gemeinde Wien hat bereits Anfang August eine Aufforderung an die Großschlächterei er⸗ gehen lassen, in 3 Bezirken Stände für den Kleinverkauf von Fleisch iu errichten, und diese Maßnahme hat sich bestens bewährt, wie aus einem Anfang September erstatteten Magistratsbericht er⸗ bellt. Danach ist in den 3 Verkaufsständen das Rindfleisch durch⸗ schnittlich 10 20 h, Kalb- und Schweinefleisch 20 h, Lungen⸗ und osthraten sogar 80 h das Kilogramm billiger verkauft worden als in den Bänken der Fleischer. Vielfach erblickt man für die Zukunft in der Errichtung von zahlreichen Fleischverkaufsständen seitens der Großschlächterei ein wirksames Mittel zur Verhütung willkürlicher Fleischpreissteigerungen.

Die städtische Uebernahmestelle für Vieh und Fleisch hat ihren Sitz auf dem Zentralviehmarkt St. Marx in Wien; sie trat am 1. Juni 1905 in Wirksamkeit. See strebt den direkten Verkehr mit den Viehproduzenten in der Weise an, daß diese im Wege der zu gründenden Viehverwertungsgenossenschaften mit dem Uebernahmeamt in Geschäftsverbindung treten. Auf diese Weise soll die Ware mit möglichst geringen Zwischenspesen auf den Markt gebracht werden; für den Verkauf ist an die Uebernahmestelle keine Gebühr zu entrichten, und nur diejenigen Kosten werden dem Vieh⸗ verkäufer berechnet, die dem Unternehmen tatsächlich erwachsen. Die Uebernahmestelle steht vorläufig mit Nieder⸗ und Oberösterreich, Kärnten und Steiermark in Verbindung. Die Aktiengroßschlächterei tritt nach Maßgabe des Bedarfs als selbständige Käuferin des Viehs bei der Uebernahmestelle auf, was insbesondere bei flauer Markt⸗ tendenz für diese von Bedeutung ist.

Ernteaussichten Argentiniens für 1905/06 und Maß⸗ nahmen zum Transport derselben. 8

Die statistische Abteilung des landwirtschaftlichen Ministeriums hat zur Ermittelung des mutmaßlichen Ergebnisses der bevorstehende Ernte Berechnungen angestellt, die den von den Verwaltungen der Eisen⸗ bahnen und Häfen zur Einbringung zu treffenden Maßnahmen zu Grunde gelegt werden sollen. Demnach wird erwartet eine Ernte in

Weizen Leinsamen Mais

Tonnen

2 168 230 171 114 3 548 388 1 389 250 324 220 2 006 440 1 112 774 76 805 545 920 Entre Rios.. 282 888 87 766 332 640

von dem Territorium Pampa 1“ Central.. 45 000 3 900 58 958. Nach einer von dem argentinischen Landwirtschaftsministerium bearbeiteten, die Anbauflächen und die voraussichtlichen Ernteergebnisse veranschaulichenden Karte ist das ganze Erntegebiet in Afluenzzonen (zonas de afluencia) geteilt, und es sind den einzelnen Eisenbahnen und Häfen des Landes nach Maßgabe ihrer Leistungsfähigkeit für die Beförderung der Ernte bestimmte Gebiete zugewiesen. Die in dem Erntegebiet auf der Karte vermerkten Zahlen geben die Tonnen Ge⸗ treide an, welche nach der Berechnung des Ministeriums jeder Afluenz⸗

zone zufallen. Nach der auf der Karte gegebenen Anweisung würde sich die Heimschaffung der Ernte auf die Häfen, wie folgt, verteilen: Tonnen auf die Hafengebiete von Entre Rios 370 000 332 000 514 000 Rosario. 1 989 000 Buenos Aires. 931 000 2 318 000 uf die einzelnen Eisenbahnen folgendermaßen: Weizen u. Lein 1 296 500 1 292 000 658 800 898 000 503 700 698 000 803 100 1 007 000 Cordoba⸗ und Rosariobahn 76 900 22 000 Zentralnordbahn . 9- 23 400 19 100 vb4* 85 800 84 000. (Bericht des Kaiserlichen Generalkonsulats in Buenos Aires.)

von der Provinz Buenos Aires Santa Fé.. 55 Cöordoba..

9 2 und a

auf die Südbahn.. 1 6“* Bahia Blanca⸗ und Nordwestbahn Pacificbabn 1616535 Buenos Aires⸗ und Rosariobahn

Weizen u. Lein Mais Santa 1 132 000 8 2 782 000 Bahia Blanca 1 238 000 Mais Tonnen 97 200 45 000 Argentinische Zentralbahn. 989 900 1 515 000 L Santafebahn 513 400 205 000

Verkehrsanstalten.

Ueber Versuche der franzöoͤsischen Postverwaltung mit der Verwendung von Automobilen berichtet der Obenpost⸗ praktikant Ledat im „Archiv für Post und Telegraphie“.

Danach haben diese Versuche sich auf verschiedene Geblete des eibe ordergnsgewesens erstreckt, nämlich auf die Beförderung ge⸗ chlossener Briefposten in Paris, auf die Postenbeförderung über and und auf bie Beförderung von Landbriefträgern in ihre Be⸗ stellbezirke. 8.

Mitte Oktober 1904 sind in der franzoösischen Hauptstad 15 Selbstfahrer mit elektrischem Betrieb und einer mittleren Geschwindigkeit von 18 km in der Stunde zur Beförderung von Briefposten zwischen den Stadtpostanstalten in Dienst gestellt worden. 12 dieser Fahrzeuge stehen im täglichen Be⸗ triebe, 3 werden in jederzeit fahrbereitem Zustand auf dem Posthofe des Hôtel des Posteoa, des Hauptpostamts, in Reserve ge⸗ fenge Die Wagen haben eine Fhaseeis ben 1,44 m; ihr Gewicht

trägt leer 1800 kg, ihre Tragfähigkeit 600 &g. Sie sind in Paris erbaut und samt Zubehör Eigentum der Société dos Messagerios dos Postoes de France, der die Wahrnehmung des gesamten Post⸗ fuhrwesens in Paris uübertragen ist. Die Unternehmerin stellt auch die Wagenführer und sorgt für die Unterhaltung, Reinigung und Erleuchtung der Wagen, die Unterhaltung und Erneuerung der Akku⸗ mulatoren sowie für die elektrische Kraft. Für sämtliche Leistungen erhält sie eine Entschädigung von 60 Centimen für das Kilometer, unter Zubilligung eines Mindestsatzes von täglich 70 km für leden im Be⸗ triebe befindlichen Wagen. Die Automohbile sind an Stelle zweträderlger Karrlole in Betrieb genommen. Im Nerhbaͤltnss stellt sich die mechauische Zugkraft um 15 Centimen für das Kilometer teurer als die tierische; doch ist in Betracht zu ziehen, daß in diesen 15 Centimen die An⸗ schaffungs. und Unterhaltungskosten des 1s nebst der Amortisattion des angelegten Kapitals mitenthalten sind. Gamt⸗ liche Kraftwagen sind im Hose des lUlôtel des DPostes uüunter⸗ estellt. Die Akkumulagtoren befinden sich in einem auf vier kleinen Rävern laufenden Kasten unter dem Führerfitz und bestehen aus

Selbstfahrers