Laut Meldung des „W. T. B.“ ist S. M. S. „Seeadler“ am 10. Februar in Kapstadt angekommen und bleibt dort bis Mitte März, um Reparaturen auszufuühren.
☛S. M. S. „Falke“ ist am 10. Februar in Punta Arenas (Costarica) eingetrossen. 1.7 S. M. Kbt. „Tiger“ ist am 10. Februar in Nanking
1“
üsseldorf, 12. Februar. In der heutigen Sitzung des 46. Provinziallandtags der Rheinprovinz erläuterte der Landeshauptmann Dr. von Renvers den zur Beratung stehenden Etat für 1906 und befürwortete die Erhebung der hisherigen Provinzialumlage von 12 ½ Prozent der direkten Staatssteuern. Im Anschluß daran besprach er die wichtigsten, dem Provinziallandtage zugegangenen Vorlagen. Bezüglich der Uebernahme der Garantie für den Ausbau der Wasserstraßen erklärte der Landeshauptmann, daß sie eine besonders starke Belastung der Provinz nicht im Gefolge haben werde, zumal, wenn die Provinz an den Einnahmen aus dem Schleppmonopol teil⸗ nehmen könnte. Die Belastung der Provinz würde etwa 1½ 8 % der Umlage ausmachen. Unter diesen Umständen habe auch der Provinzialausschuß gegen die Vorlage keine Bedenken ehegt. Es werde aber der WVoarsicht entsprechen, wenn man im nächsten Jahre aus etwaigen Ueberschüssen oder Umlagen einen kleineren Reservefonds als Ausgleichsfonds schaffe für den Fall, daß die Rechnung der Staatsregierung, die übrigens nachaepruft worden sei, nicht stimmen sollte. Dieser Fonds werde nötig seir, da auch die Mosel⸗ und Saarkanalisierung kommen werde und auch da die Garantie übernommen werden müsse. Nach Frörterung der Vorzänge in der Erziehungsanstalt Brauweiler, in der die Zöͤglinge revoltiert hatten, referierte der Landeshauptmann über den Vermögensbestand des Rheini⸗ schen Provmztalverbandes. Seinen Ausführungen zufolge beträgt das Vermögen 57 307 938 ℳ, gegen das Vorjahr mehr 3 421 700 ℳ, während die Schuld sich auf 2 176 605 ℳ h 2 611 000 ℳ) beläuft. Zu dem Etat selbst, der in Einnahme und Ausgabe mit 25 308 029 ℳ abschließt, bezog sich der Landeshauptmann auf den gedruckt vor⸗ liegenden Bericht und besprach sodann kurz die Vorlagen über die Errichtung einer neuen Provinzialhebammenlehranstalt in Cöln, über die Erweiterung des Provinzialmuseums in Bonn, über die Erhöhung der Besoldung der mittleren und unteren Provinzialbeamten, über die Aenderung der Dotationsverteilung zu Gunsten ärmerer Gemeinden, und schloß seine Rede mit der Bitte, den Etat einer wohlwollenden Prüfung zu unterziehen. Im weiteren Verlaufe der Sitzung stellte er Abg. Geheime Kommerzienrat Conze⸗Langenberg den Antrag, Iin der Kommission zu erwägen, ob es nicht zweckmäßig erscheine, den Etat künftig alle zwei Jahre aufzustellen, unbeschadet der jährlichen Einberufung des Landtags. Der Antrag wurde von dem Abg. Landesrat a. D. Fritzen unterstützt.
Der Etat wurde hierauf an die Kommissionen und der Antrag Conze an die 1. Fachkommission überwiesen. Die nächste Sitzung wurde auf Mittwoch mit der Tagesordnung:
„Garantieübernahme für die Wasserstraßen“ anberaumt.
2
Bayern.
In der Kammer der Abgeordneten wurde gestern der Antrag des Abg. Speck (Zentr.) beraten, die Re⸗ gierung dringend zu ersuchen, darauf hinzuwirken, daß bei Reufestsezung der Uebergangsabgabe für das in die nord⸗ deutsche Brausteuergemeinschaft eingehende Bier die Bestimmung des Artikels 33 Absatz 2 der Verfassung des Deutschen Reichs eingehalten werde.
Nach dem Bericht des „W. T. B.“ begründete der Abg. Speck diesen Antrag und betonte dabei, der betreffende Absatz der Raichs⸗ verfassung bestimme, daß alle Gegenstände, die im freien Verkehr eines Bundesstaats befindlich sind, in jedem anderen Bundesstaat eingeführt werden können und dort einer Abgabe nur insoweit unter⸗ worfen werden dürfen, als daselbst gleichartige inländische Er⸗ zeugnisse einer inneren Steuer unterliegen. Das bayerische Bier werde aber beim Uebergang in die norddeutsche Brausteuergemein⸗ schaft einer besonderen Steuer von 2 ℳ für daz Hektoliter unterworfen, während nach der Verfassung nur 80 ₰ zulässig wären. Bayern habe in den letzten 20 Jahren 23 Millionen zuviel bezahlt. Das Biersteuerreservat Bayerns dürfe von anderen Staaten nicht dazu mißbraucht werden, daß man dort bayerisches Bier schlechter be⸗ handele als inländisches Erzeugnis. Die Uebergangsabgabe von 2 ℳ sei zu hoch und in der Begründung des neuen Reichsgesetzes sei sogar von Uebergangsabgaben von 3,25 ℳ die Rede. Der jetzige Zustand dürfe für die Zukunft nicht bleiben. Der Antrag schließe den Vorwurf in sich, daß der Bundesrat die Reichsver⸗ fassung nicht halte, diesen Vorwurf habe man bisher nicht widerlegen können. Mit der hohen Uebergangsabgabe habe Norddeutschland eine Mainlinie, eine Schutzzollmauer gegen Süddeutschland errichtet, die das Gefühl der Zusammengehörigkeit nicht fördere. Der Abgeordnete Meußdörfer (liberal) erksärte, daß er im Namen seiner poli⸗ tischen Freunde dem Antrage zustimme und wünsche, daß die bayerische Brauereiindustrie alles aufwende, um ihre Stellung in Norddeutschland zu behaupten. Der Abg. Osel (Zentr.) führte aus, daß der Bundesrat dafür sorgen veipe daß die Reichs⸗ verfassung beachtet werde. Man dürfe die Uebergangsabgabe nicht nach einem besonders stark eingebrauten Bier berechnen, sondern nach einem gewissen Durchschnittssatze. Man könnte auch die Uebergangs⸗ steuer differenzieren. Der b Ritter von Pfaff erwiderte, schon vor zwei Jahren habe sein Amisvorpänger erklärt, daß der gegenwärtige Uebergang saß zu hoch sei und daß eine Aenderung eintreten müsse, wenn die norddeutsche Stouer reformiert werde. Das sei jetzt der Fall. Wenn die Sätze der Kommission vom Reichstag angenommen würden, werde die Ueber⸗ gangsabgabe zwei Mark kaum übersteigen, selbst wenn nicht ein Durchschnittssatz, sondern der Satz für das am stärksten eingebraute Bier der Berechnung zu Grunde gelegt werde. In der Reichstags⸗ kommission habe der Reichsschatzsekretär erklärt, daß die Verfassung eingehalten werde. Die bayerische Regierung stimme dem Antrag Speck zu. 1“
Hierauf wurde der Antrag Speck einstimmig angenommen.
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In der gestrigen Sitzung der Zweiten Kammer führt- der Finanzminister Becker im Laufe der Debatte über ie Tabaksteuererhöhung, wie „W. T. B.“ berichtet, folgendes aus:
Die Regierung habe anerkennen müssen, daß der Tabak ein steuerfähiges Objekt sei, das noch eine weitere Belastung erfahren könne, da diese in Deutschland gegenüber anderen Staaten nur gering sei. Die Tabaksteuer sei eine Konsumsteuer, die endgültig vom Raucher getragen werde. Vom Standpunkt der Arbeiter könne man gegen diese Steuer nichts einwenden, ebenso wenig
vom Standpunkt der Fabrikanten. Auch aus nationaler Erwägung
sei es der Regierung nicht möglich gewesen, gegen diese Steuer anzukämpfen. Sie habe die Vorlage nach bestem Willen zu verbessern gesucht. T
zwischen den inländischen Steuern und den Zöllen nicht richtig be⸗
messen sei. Er habe sich bemüht, diese Frage zu einer Neuregelung
zu bringen, doch sei er damit nicht durchgedrungen. Seit Einführung der neuen Steuer im Jahre 1879 sei ein Rückgang in der Tabak⸗
industrie nicht zu konstatieren. Vielmehr habe der Verbrauch sowie
die Zahl der Fabriken und der Arbeiter seit Einführung der Steuer vom Jahre 1879 stetig zugenommen. Die jetzige gegen das Jahr 1879 unbedeutende Steuererhöhung werde also unmöglich die be⸗ fürchtete ungeheute Verwirrung aunichten.
8 8 8 8
Die Tatsache sei richtig, daß das Verhältnis
Deutsche Koloniren.
Der Kaiserliche Gouverneur von Deutsch⸗Ostafrika
graß von Götzen berichtet, „W. T. B.“ zufolge, aus Dares⸗ alam: Die allgemeine Lage bessert sich ständig. Die Marineinfanterie außer dem Detachement Mpapua und Muanza reiste am 9. Februar heim Die Ruhe in den Bezirken Süd⸗Morogoro, Kilwa, Mohorro, Lindi, Songea und Iringa wird bis zur vollständigen Unterwerfung durch feste Posten aufrecht erhalten. In Nord. Mahenge zwischen Ruaha und Ulanga befindet sich noch ein größerer Aufstandsherd, der bisher wegen un⸗ ewöhnlichen Hochwassers noch unberührt blieb. Die Kolonnen Frei⸗ err von Wangenheim, Grawert, Nigmann und Hirsch gehen dorthin vor. Zusammensetzbare Boote wurden von Daressalam abgeschickt. Major Freiherr von Schleinitz kehrte nach Daressalam zurück.
Großbritannien und Irland.
Der Minister des Auswärtigen Sir Edward Grey hat, nach dem „Wiener Telegr.⸗Korrespondenzbureau“, dem türkischen Botschafter in London erklärt, England werde die Zprozentige Zollerhöhung nicht gutheißen, bevor nicht gute Ergebnisse bei der mazedonischen Finanzkontrolle festgestellt seien und England die Gewißheit erhalte, daß dem englischen Handel keine Hinder⸗
nisse bereitet werden würden; jedenfalls behalte sich England
vor, darüber mit den übrigen Mächten zu verhandeln.
Die Deputiertenkammer nahm in ihrer gestrigen Sitzung die Diskussion über den Handelsvertrag mit Rußland wieder auf.
Wie „W. T. B.“ berichtet, bekämpfte der Graf du Périer de Lar san den Handelsvertrag, weil die Sätze für Wein viel zu hoch seien. Der Ackerbauminister Ruau unterbrach den Redner und richtete an ihn die Frage, was er tun würde, wenn er den Auftrag erhielte, mit Rußland zu unterhandeln. Du Périer beantwortete diese Frage nicht, forderte aber die Regierung auf, über
einen Modus vivendi für den Handel auf einer anderen Basis
zu unterhandeln. Jules Roche erklärte, daß die französischen Unterhändler alles getan hätten, was sie irgend hätten tun können. Es stehe dem Parlament nicht zu, das russische Zollrezime zu ändern. Es habe sich nur einfach darüber zu äußern, ob es den Handelsvertrag annehmen wolle oder nicht. Ranc sprach sich zu Gunsten des Handelsabkommens aus, das seiner Ansicht nach günstig für die Gesamtheit der französischen Interessen sei. Der Handele⸗ minister Troillot erklärte, daß entscheidende Gründe vorlägen, die gegen die Ablehnung dieses Handelsabkommens sprächen, das übrigens das beste sei, das man erhalten könne. Die neuen russischen Fere hätten einen ganz besonderen Charakter. Als Rußland ein Handelsabkommen vom Jahre 1893 kündigte, habe es ch vorgenommen, seine Einnahmen zu vermehren. „Um mehr erhalten zu können, hätten wir auch selbst mehr geben müssen, aber wir haben nichts zu geben., „Wir müssen daher“, fuhr der Minister fort, „das neue Handelsabkommen annehmen, um den allgemein verschärften russischen Zollsätzen zu entgehen, die tatsächlich Prohibitivzölle sind. Die Lage ist die folgende: Man muß die Verbesserung annehmen oder sich der Verschärfung der russischen Zölle unterwerfen, und hierfür wird die Kammer nicht die Verantwortung übernehmen wollen.“ Doumergue erwiderte, daß das Handelsabkommen keinen der vorstehend aufgeführten Vorteile aufweise. Alle Handels⸗ kammern hälten ebenfalls gegen dasselbe ausgesprochen. Der Minsstet Ruqu erklärte, daß die Unterhändler alles, was in ihrer Moht gestanderr habe, zu Gunsten der landwirtschaftlichen Inter⸗ essen getan hätten. Der Minister wies nach, daß man Rußland für die Eröffnung neuer Unterhandlungen keine Ermäßigung der franzö⸗ sischen Zölle auf Petroleum und Getreide würde anbieten fönnen. Man sei also genötigt, entweder das Abkomwen anzunehmen oder es zu verwerfen, denn man könne nicht von einer befreundeten und ver⸗ bündeten Nation Opfer verlangen die mit ihrem Zollregime un⸗ vereinbar wären. Debussy erklärte ebenfalls, daß es unmöglich sei, in neue Verhandlungen einzutreten
Die Beratung wurde darauf geschlossen. Auf die Mit⸗ teilung des Präsidenten Doumer, daß ihm vier Vertagungs⸗ anträge zugegangen seien, erklärte der Ministerpräsident Rouvier:
Die Regierung könne keinen Vertagungsantrag annehmen, und fügte hinzu: „Wir haben alles erreicht, was unter den gegenwärtigen Umständen zu erreichen möglich war. Wenn andere glauben, mehr ausrichten zu können, so mögen sie es versuchen!“
Der Vertagungsantrag wurde darauf mit 382 108 Stimmen abgelehnt und der Vertrag mit 407 55 Stimmen angenommen.
— Der internationale antimilitaristische Ver⸗ band hat neuerdings in Paris einen Aufruf anschlagen lassen, in dem die Soldaten zur Desertion, zu Gewalt⸗ tätigkeiten gegen die Offiziere und zur Gehorsams⸗ verweigerung im Fall einer Mobilmachung auf⸗ gefordert werden. Die Plakate, die sofort von der Polizei ent⸗ fernt wurden, trugen, wie das „W. T. B.“ meldet, ungefähr 2000 Unterschriften sowie eine Anmerkung, die besagt, daß die Unterzeichner der Staatsanwaltschaft zur Verfügung stehen und noch mit weiteren Unterschriften dienen könnten. —
— Bis vorgestern ist die Inventaraufnahn den Kirchen in 7540 Orten durchgeführt worden.
Rußland.
Ein Regierungskommuniqué stellt fest, daß die Gesellschaft sich etwas beruhigt und in der letzten Zeit zu er⸗ kennen gegeben habe, daß sie in ihrer großen Mehrheit die Wiederherstellung von Ruhe und Gesetzmäßigkeit wünsche und bereit sei, die Regierung bei der Festigung der durch das Manifest vom 30. Oktober vorlgen Jahres verkündeten Grund⸗ lagen des Staatslebens zu unterstützen.
— Der Ministerrat einigte sich, nach einer Meldung der „St. Petersburger Telegraphenagentur“, in seiner gestrigen Sitzung über die Strafbarkeit der bewußten Ver⸗ breitung falscher Gerüchte über die Regierung, Amts⸗ personen und die Truppen durch die Presse; das Strafmaß wurde auf 2—8 Monate Gefängnis oder Geldstrafe bis 300 Rubel festgesetzt. Falls die falschen Gerüchte zu Aufruhr oder Widersetzlichkeit oder Störung der Ordnung bei Truppen⸗
gegen gegen
teilen geführt haben, beträgt die Strafe 16 Monate Gefängnis.
Zuständig für die Aburteilung sind die Friedensrichter bezw. die Kreismitglieder der Bezirtsgerichte.
— Nach einer amtlichen Mitteilung werden von den 1026 Wahllisten, die in den 50 europäischen Gouvernements drei Wochen vor den Wahlen zur Reichsduma öffentlich ausliegen, am 28. Februar 374 zur Kenntnisnahme für die Bevölkerung ausgelegt sein.
— Der General Kaulbars gibt nach einer Depesche des „W. T. B.“ aus Odessa durch Tagesbefehl bekannt, daß über jede Person, die einen Anschlag gegen Behörden mittels Sprengstoffe, Bomben, Schußwaffen oder anderer Mittel ver⸗ sucht oder ausführt sowie eber
dienende Gegenstände erwerben, anfertigen, bewahren oder äußern, künftig die Todesstrafe auf administrativem de ohne Untersuchung und Gerichtsverfahren perhaͤngt wird. i Befehl ist gültig für die Gouvernements Cherson, einschließli Odessa, Bessarabien, Jekaterienoslaw und Taurien einschliegli Sewastopol. varbeacj “ Italien.
Der Ministerpräsident Sonnino hat, „W. T. B.“ folge, durch ein Rundschreiben an die Präfekten die Zenst für Preßtelegramme aufgehoben. Künftig dürfen nu Depeschen, die die Sicherheit des Staats gefährden oder gegaf die guten Sitten verstoßen, konfisziert werden. ber
Dänemark.
Gestern abend hat im Schlosse Amalienborg ein Trauer⸗ gottesdienst für den verewigten König Christian stattgefunden, an dem sämtliche Mitglieder der Königliche Familie, die Damen und Herren des Hofes sowie das Hof personal teilnahmen. Heute früh wurde, „W. T. B.“ zufolge der Sarg mit der Leiche des hochseligen Königs vom Resideny schlose nach der Schloßkirche zur feierlichen A fbahrun “ Amerika.
Nach einer Meldung des „W. T. B.“ aus Washington
hat der Senat gestern eine Resolution angenommen, in der
eine Untersuchung über die Beteiligung der Eisenbahnen am Kohlenbergbau verlangt wird. 8
Asien.
Die chinesische Regierung hat, dem „Reuterschen Bureau“ zufolge, dem Vizekönig von Futschau die Weisung zugehen lassen, den Führer des Haufens, der kürzlich die Mission in Tschangpusien geplündert hat, sofort hin⸗ richten zu lassen und alle anderen “ die damit in Ver⸗ bindung stehen, aufs strengste zu bestrafen.
6 Parlamentarische Nachrichten.
Der Schlußbericht über die gestrige Sitzung des Reicht⸗ tags befindet sich in der Ersten Beilage.
—. In der heutigen (42.) Sihung des Reichstags wurde die zweite Beratung des Spezialetats des Reichs⸗ amts des Innern beim Ausgabetitel „Gehalt des Staats⸗ sekretärs“ fortgesetzt.
Abg. Hagemann (nl.): Der Abg. Peus hat gestern das Loblieh der russischen Revolution in einer Weise gesungen, daß ihm nun vehl alle seine Sünden vergeben sein werden und der „Vorwärts“ alle die Angriffe, die er gegen ihn Ende vorigen Jahres gerichtet hat, zurüt⸗ nehmen wird. Er wird also wohl nicht „rausfliegen“, wie es seinen Parteigenossen Cramer angedroht worden ist, der nicht als Parte⸗ mann, sondern als Privatmann zum Großherzog gegangen ist. Um eine solche Partei redet von Terrorismus, den andere Parteien am⸗ üben! Der Abg. Stücklen hat neulich den Reichsverband zur Bekämpfung der Sozialdemokratie angehniffen und seine Mitglieder Feiglinge“ genannt. Ich weise diese Angriffe auf das entschiedenste zurück. Die Sozialdemokraten bezeichnen sich immer als die alleinigen Va⸗ treier der Arbeiter, das ist eine Anmaßung und ein Hochmt, die nichts zu wünschen übrig lassen. ie wollen die Arbecter⸗ interessen vertreten, Sie behaupten, allein sie zu vertreten, und wenn Sie eine Interpellation einbringen, um Arbeiterinteressen wabr⸗ zunehmen, bringen Sie nicht einmal die 50 Mann Unterstützung zu⸗ sammen, die zur Besprechung nötig sind, obwohl Sie 78 Mann stank sind. Das ist die Art, wie Sie hier im Reichstage die Interessen der angeblich von Ihren allein vertretenen Arbeiter wahrnehmen. Die Sozialdemokraten haben auch allerlei auf dem Kerbholz Da christlich organisierten Bergmann Erbe suchte man mit allen Mitteln der Ueberredung, auch mit dem Angebot, daß er gute Geschäfte machen würde, in das sozialdemokratische Lager hinüberzuziehen. Dre Abgg. Sachse und Hus haben sich sehr um ihn bemilt, der so Umworbene hat aber energisch abgelehnt. Kommt man in Ihre Versammlungen, wie es der Abg. Lehmann auf eine Einladung hir tat, so heißt es, damit habe man nicht etwa besonderen Mut bewiesen; kommt man nicht, wie ich es tat, so heißt es nachher in Ihrer Ocganen, man war zu feige dazu. Was soll überhaupt die Hetze geger den Reichsverband, seine Beamten und Angestellten? Der Reiche⸗ verband hat jetzt 90 000 Mitglieder in 88 Ortsgruppen und hat schen ganz erhebliche Erfolge aufzuweisen; bei den letzten Nach⸗ wahlen zum Reichstage ist die Zahl der antisozialdemokratischer Stimmen gestiegen, die der Soztaldemokraten zurückgegange. Was die Verfehlungen seiner Angestellten betrifft, so kehre dee Sozialdemokratie gefälligst vor der eigenen Tür. Wie sieht es dem mit Ihren Angestellten aus. (Der Redner zählt unter wachsender Unruhe der Sozialdemokraten eire Reihe von Fällen auf, in nelcher Angestellte der sozialdemokratischen oder Gewerkschaftsorganisationen wegen Veruntreuung usw. zu Gefängnisstrafen verurteilt worder sind. — Zurufe. — Der Präsident ersucht die äußerste Linke diese Zurufe und Unterbrechurgen zu unterlassen; es seier nech 10 Herren von der Sozialdemokratie zum Wort ge⸗ meldet, die würden doch die Antwort besorgen können Sie sollten nicht Verdächtigungen gegen andere Parteien aus. sprecken, wenn Sie diese nachher nicht beweisen können. Dor Abg. Peus wollte gestern aus den Aeußerungen meines Freundes Beumer heraushören, daß wir den Arbeitern jede Anerkennung versagten. Das ist nicht der Fall. Auch wir erkennen ie Tüchtigkeit, Trefflichkeit, Zuverlässigkeit und Geschicklichkeit unsem Arbeiter vollkommen an: aber wenn so prononziert wie das durch den Staatssekretär Grafen von Posadowsky geschah, das Lor⸗ der Arbeiter gesungen wurde, so sollte man auch die Kehrseue der Medaille zeigen. Maa muß doch mit der heutigen Presse rechnen der Graf von Posadowsky mußte sich sagen, daß ein allgemeine Sturm auf diese Aeußerung losbrechen würde und daß sie von den Soꝛial⸗ demokraten ausgeschlachtet werden würde. Besitz ist keine Tugens kaum ein Verdienst, aber eine sehr angenehme Sache, so sagte zas Staatssekretär bei einer anderen Gelegenheit. Man sollte dos den Reichstag mit solcher Kathederweisheit verschonen; Besitz ist et eine Last (Lachen ber den Sozialdemokraten). Jawohl, einen ererbter Besitz zu erhalten, kostet schlaflose Nächte. Wir brauchen keine d*8 rahmeg’setze, wir kommen mit den bestehenden Gesetzen durch, wem wir uns alle zusammenschließen auf dem Boden der christlichen Wel⸗ anschauung und die irregeleiteren Massen wieder zur Vernunft bringen. Das Flectere si nequeo superos Acheronta movebo, nach dem Sie handeln, ist d gefährlich. Der Achem hat nech immer diejenigen verschlungen, welche die Mächte der Hölle gegen die Mächte des Himmels mobil machter. Was der Reichsverband erstrebt, ist der Zusammenschluß aller Element⸗ die auf dem staatserhbaltenden Boden stehen, zum Kampfe gegen de Sozialdemokratie. Wir werden in diesem schweren Kampfe sieg'⸗ wenn uns die Regierung nicht den Knüttel zwischen die Beine wirf⸗
Abg. von Dertzen (Rp.): Ich möchte Ihre Aufmerksamkeit ernen auf die Automobilfrage lenken. Ich selbst bin nicht Automobtg besitzer. Ich bin der Ansicht, daß man dem Automobilunwesen sehr wot entgegentreten kann mit Regelung der Maximalgeschwindigkeit 5 ganz Deutschland, indem man sie für die Ortschaften selbe auf 15, außerhalb auf 30 km für die Stunde festsetzt. Jeder, der en
Automobil fährt, müßte dazu eine polizeiliche Erlaubnis haben, nas⸗
kpooffen 118 Schiffe.
schlachtungen allerdings um 9,58 % zurückgegangen ist.
dem er nachgewiesen hat, daß er im Besitz der nötigen Fähigkeiten ist. Unfähigen Fahrern müßte die „Konzession entzogen werden. Unbedingt notwendig ist die Einführung der Haftpflicht, der genossenschaftlichen Haftpflicht; sämtliche Automobilfahrer müßten einer Zwangsgenossenschaft angehören, an die sich die Geschädigten halten können. Der Zwangsgenossenschaft muß das Recht eingeräumt werden, jedes einzelne der Mitglieder regreßpflichtig zu machen. Auf diese Weise würde die Zahl der Unglücksfälle vermindert werden, ohne die Automobilindustrie irgendwie zu schädigen.
Unterstaatssekretär im Reichsamt des Innern Wermuth: Es ist sowohl eine Vereinbarung der Bundesregierungen über den Erlaß von polizeilichen Bestimmungen in Aussicht genommen, wie eine Novelle über die Ausdehnung der Haftpflicht auf das Automobil⸗ wesen. Das dürfte den Vorredner befriedigen. Die polizeilichen Vorschriften, die allerdings der Kompetenz der Bundesregierungen unterliegen, sollen einheitlicher ausgestaltet werden. Ich benütze diese Gelegenheit, um das Bedauern des Herrn Staatssekretärs auszu⸗ sprechen, daß es ihm auch heute nicht vergönnt ist, wegen wichtiger G des Staatsministeriums dem Anfang der Sitzung beizu⸗ wohnen. “ “
(Schluß des Blattes.)
W1“ 9 3 1““ — In der heutigen (21.) Sitzung des Hauses der Abgeordneten, welcher der Minister für Handel und Ge⸗ werbe Delbrück beiwohnte, erbat und erhielt zunächst der Präsident von Kröcher für das Präsidium die Ermächtigung, Ihren Kaiserlichen und Königlichen Majestäten zur Feier der silbernen Hochzeit, sowie Seiner Königlichen Hoheit dem Prinzen Eitel⸗Friedrich und Ihrer Hoheit der Herzogin Sophie Charlotte von Oldenburg zur Vermaͤhlung die Glück⸗ und Segenswünsche des Hauses darzubringen.
Darauf wurde die zweite Lesung des Staatshaus⸗ haltsetats für das Etatsjahr 1906 bei dem Etat der Berg⸗, Hütten⸗ und Salinenverwaltung fortgesetzt.
Bür den Einnahmen aus den Bergwerken — 178943250 ℳ, das sind 13 641 520 ℳ mehr als im Vorjahre — referiert Berichterstatter Abg. Stengel über die Kommissionsverhand⸗ ungen.
SüAög von Arnim (kons.) weist unter großer Unruhe des Hauses auf den der Verstaatlichung des Unternehmens der Aktien⸗ gesellschaft „Hibernia“ bin, die ihren Fortgan nehme, und geht sodann auf den Kalibergbau ein. enn das Kalisyndikat zu bestehen aufhörte und wieder völlig freie Konkurrenz einträte, dann wäre es das Beste, wenn der Staat selbst die ganze Kaligewinnung in der Hand hätte, weil sonst die Gefahr bestände, daß unsere Schätze an Kali verschleudert würden. Der Minister möge dahin wirken, daß in erster Linie das Kalisyndikat
aufrecht erhalten werde, daß aber, wenn dies nicht möglich sei,
wenigstens ein Koliausfuhrzoll eingeführt werde. (Schluß des Blattes.)
Statistik und Volkswirtschaft.
Schiffsunfälle an der deutschen Küste 1904.
Ueber die Schiffsunfälle an der deutschen Käste während des Jahres 1904 werden im zweiten Teil des Bandes 167 der „Statistik des Deutschen Reichs“ zwei von Erläuterungen begleitete ausführliche Uebersichten veröffentlicht, aus denen die wichtigsten Angaben bereits im 4. Heft des Jahrgangs 1905 der „Vierteljabrshefte zur Statistik des Deutschen Reichs“ mitgeteilt ind. Im Jahre 1904 sind 439 derartige Unfälle gezählt worden, die bei 132 Zusammenstößen zwischen je 2, bei 11 zwischen je 3, bei 1 Zusammenstoß zwischen 4 und bei 4 Zusammenstößen mit einem Kriegsschiff 596 Schiffe betrafen. Die Erhebungen der vier vorhergehenden Jahre hatten ergeben für 1903: 405 Unfälle und 571 betroffene Schiffe, für 1902: 371 Unfälle und 520 betroffene Schiffe, für 1901: 361 Unfälle und 504 betroffene Schiffe und für 1900: 338 Unfälle und 484 betroffene Schiffe. Von den Schiffsunfällen ereigneten sich im Jahre 1904 281 auf Flußläufen, in Föhrden, Haffen usw., 138 an der Festlandsküste selbst und bis zu einer Entfernung von 10 Seemeilen von ihr und 20 in einer Entfernung von 10 bis 20 Seemeilen von der Festlandsküste. Im Ostseegebiet ereigneten sich 202 Unfälle (2,53 auf je 10 Seemeilen Küstenstrecke), im Nordseegebiet 237 (8,03 auf je 10 Seemeilen). Unter den von
Unfällen betroffenen Schiffen waren 46 Fischerfahrzeuge und andere zu
Fischereizwecken dienende Fahrzeuge, 226 Küstenfahrzeuge, Leichter⸗, Haff⸗, Fluß⸗ und andere nicht registrierte Fahrzeuge und 324 eigent⸗ liche Seeschiffe. Gänzlich verloren gingen 70 Schiffe, 356 wurden teilweise beschädigt, 169 blieben unbeschadigt, und bei 1 ist der Aus⸗ gang des Unfalls unbekannt. Gestrandet sind 150, gekentert 11, ge⸗ sunken 12, zusammengestoßen 305 und von Unfällen anderer Art be⸗ Der Verlust an Menschenleben betrug 53 (43 Mann von der Besatzung und 10 Passagjere) oder 0,67 v. H. aller
an Bord gewesenen Personen, soweit deren Anzahl bekannt war.
. Zur Fleischversorgung Preußens im Jahre 1905.
Nachdem das Königliche Statistische Landesamt die Uebersicht über die Zahl der Schlachttiere, die im vierten Vierteljahr 1905 in Preußen der reichsgesetzlichen Schlachtvieh⸗ und Fleischbeschau unter⸗ worfen worden sind, und der in derselben Zeit lediglich auf Trichinen
und Finnen untersuchten Schweine veröͤffentlicht hat ¹), ist es möglich,
die im ganzen Jahre 1905 in Preußen vorgenommenen gewerblichen Schlachtungen mit denen des Jahres 1904 in Vergleich zu stellen und auch einen Ueberblick über den größten Teil der Hausschlachtungen,
soweit es sich um solche von Schweinen handelt, zu gewinnen. Es sind zur gewerbsmäßigen Verwendung bei der Fleisch, ersorgung Preußens geschlachtet worden und haben der
reichsgesetzlichen Schlachtvieh⸗ und Fleischbeschau unterlegen:
im Jahre 1905 mehr (+) 1905 1904²) oder weniger (—) 306 799 299 050 + 7 749 292 462 272 645 + 19 817 1 009 437 919 445 + 89 992 451 184 372 388 + 78 796 2 273 731 2 195 272 + 78 459 8 004 963 8 852 816 — 847 853 1 633 560 1 523 732 + 109 828 Ziegen. 155 692 158 340 — 2 648,
Demnach hat die Zahl der Schlachtungen von Rindvieh und Schafen im Jahre 1905 bedeutend zugenommen, während die der, FeJweihe⸗ er diese
Minderangebot von Schweinen, dem ein so beträchtliches Mehrangebot
von Rindvieh und Schafen gegenüberstand, stellt keine ausreichende Be⸗ gründung der hohen
reise aller Fleischsorten dar, zumal wenn man
erücksichtigt, daß auch die Einfuhr von Fleisch aus dem Auslande im
vergangenen Jahre eine große Zunahme erfahren hat; denn es sind rund 6 000 000 kg frisches und 3 038 000 kg dg zubereitetes
Rindfleisch, 8 050 000 kg frisches und bereitetes Schweinefleisch, 293 000 kg Schweineschinken, 6 905 000 kg
bruar d. J., Zweite .;
1 153 000 kg einfach zu⸗
Schweinespeck und 125 000 kg frisches Hammelfleisch, im ganzen rund
25 550 000 kg Fleisch, d. i. etwa doppelt so viel wse im Jahre 1904,
nach Deutschland eingeführt worden ³), wovon auf die nichtpreußischen ¹) S. Nr. 32 des „Reichs⸗ und Staatsanzeigers“ vom 6. Fe⸗ 2 ²) S. Nr. 240 des „Reichs⸗ und Staatsanzeigers“ vom 11. Ok⸗ tober 1905.
²) Die Statistik der Fleischein⸗ und ⸗ausfuhr Deutschlands im
1 —. 1905 und in den Vorjahren wird in einer der nächsten Nummern
J. veröffentlicht werde
Kulturreste bald verschwinden.
Gebiete des Reichs nur ein kleiner Teil entfällt. Fleischversorgung Preußens nicht als ungenügend bezeichnet werden, so ist die Verteuerung des Fleisches zum größten Teil auf andere Ursachen zurückzuführen. 6 u diesem Ergebnis führt auch eine vergleichende Betrachtung der Zahlen der in Preußen nur auf Trichinen und Finnen bei Hausschlachtungen in einer Reihe von Jahren untersuchten Schweine. Die Zahl dieser geschlachteten Schweine betrug 1905 10 285 556, 1904 11 503 041, 1903 10 442 645, 1902 9 093 210, 1901 9 438 387, 1900 9 896 969. Es weicht also die Zahl der Schweineschlachtungen im Jahre 1905 von den Schlachtungs⸗ ziffern der Baehsen — abgesehen von dem Jahre 1904, in dem die Zahl der Hausschlachtungen eine außergewöhnliche Höhe erreicht bat — nicht erheblich ab. Daß im Jahre 1904 die Zahl der Schweine⸗ schlachtungen so außerordentlich gestiegen ist, hat ausschließlich darin seinen Grund, daß in der ersten Hälfte des Jahres viele Schweine⸗ züchter infolge des sehr niedrigen Standes der Viehpreise freiwillig Schweine frühzeitig abschlachteten, um vor Verlusten zu schützen, und daß in der zweiten Hälfte des Jahres, als die große Trockenheit eine schlechte Kartoffelernte und damit eine Futternot zur Folge hatte, sehr viele andere Viehbesitzer unfreiwillig einen Teil ibrer Schweine aus Mangel an Futter zum Schlachten verkauften oder selbst schlachteten; machte doch die Zahl der allein in den drei Monaten Oktober bis Ende Dezember 1904 der Schlachtvieh⸗ und Fleisch⸗ beschau unterstellten Schweine fast ein Drittel (2 608 956) der Zahl der im ganzen Jahre in Preußen zur gewerbsmäßigen Ver⸗ wendung bei der Fleischversorgung geschlachteten Schweine und die Zahl der in diesen drei Monaten nur auf Trichinen und Finnen bei Hausschlachtungen untersuchten Schweine sogar fast zwei Fünftel (3 928 949) der Gesamtzahl der 1904 der Trichinenschau unterlegenen Schweine aus. Sieht man aber, wie schnell nach dem in den Jahren 1901 und 1902 eingetretenen Rückgange der Schlachtungen eine be⸗ deutende Vermehrung derselben möglich gewesen, so ist der Schluß berechtigt, daß die gute Kartoffelernte des Jahres 1905 ebenfalls wieder eine starke Zunahme der Schweinezucht und der Schlachtungen zur Folge haben wird. v11X1X414141“X“*“
Der z. Z. in 8 tagende preußische Bergarbeiter⸗ delegiertentag (vpgl. Nr. 37 d. Bl.) nahm, „W. T. B.“ zufolge, gestern einen Beschlußantrag an, in dem an der Forderung eines Reichsberggesetzes festgehalten wird. Falls die Regierung aber ein Reichsberggesetz nicht schaffen wolle, ersucht der Bergarbeitertag die Regierung und den Reichstag, die Gewerbeordnung noch in dieser Session so zu ändern, daß zum Schutze der Bergarbeiter eine Anzahl näher bezeichneter Vorschriften über Schichtzeit, Ueber⸗ und Nebenschichten, Nullen, Gedinge, Zechen, Woh⸗ nungen, Grubenkontrolleure, Arbeiterausschüsse und ihre Be⸗ fugnisse, Reform des Knappschaftswesens, Schiedsgerichte für Streitigkeiten und Einrichtung von Brausebädern für alle Gruben usw. erlassen werden. Im weiteren Verlaufe der Verbandlungen wurden zwei Resolutionen angenommen, deren eine die Forderung einer all⸗
emeinen Lohnerhöhung und die Erstrebung eines Minimallohnes ent⸗
hält und zu dessen Erreichung die Stärkung der Organisation empfiehlt. Die zweite Resolution beauftragt die Arbeiter⸗ ausschüsse, in diesem Sinne bei den Zechenverwaltungen vorstellig zu werden, und empfiehlt bei den Zechen, wo keine Arbeiter⸗ ausschüsse bestehen, die Wahl besonderer Kommissionen, die mit dieser Aufgabe zu betrauen seien. Diese Resolution wurde von den christ⸗ lichen Gewerkoereinen, von dem Hirsch⸗Dunckerschen Gewerk⸗ verein und dem Verein zur gegenseitigen Hilfe angenommen, während der alte Verband und der polnische erein die Aus⸗ führung der Forderungen dieser Resolution für sich ablehnten. — Hierauf beantragte der Reichstagsabgeordnete Sachse, die Siebener⸗ Kommission fuͤr ganz Preußen für zuständig zu erklären und zu ver⸗ größern, während der Vorsitzende der Kommission Effert Zuwahl eines Mitgliedes beantragte. Ueber diese beiden Anträge wurde jedoch kein Einvernehmen erzielk, somit bleibt der bisherige Zustand bestehen. Ferner wurde ein eingebracht, die bestehenden Organifationen zu verschmelzen. Der Vertretertag überließ es den Organisationen, hierzu Stellung zu nehmen.
In Rheydt sind, nach der „Köln. Ztg.“, sämtliche beim Bahn⸗ hofsumbau beschäftigten Erdarbeiter gestern in den Ausstand gs Sie verlangen eine Erhöhung des Stundenlohns von 36 au 3.
Aus Prag wird der „Frkf. Ztg.“ telegraphiert, daß die Ver⸗ trauensmännerversammlungen der Bergarbeiter in Oberleutens⸗ dorf und Dux Lohnforderungen aufstellten, jedoch oleicheitig mit Rücksicht auf die Weltlage des Bergbaus gegen einen Generalstreik Stellung genommen haben.
In Fiume sind gestern, wie „W. T. B.“ meldet, auch die Ladearbeiter der Ungarisch⸗Kroatischen Seeschiff⸗ fahrtsgesellschaft in den Ausstand getreten. Die übrigen Hafenarbeiter haben in einem Memorandum höheren Lohn ge⸗ fordert. (Vgl. Nr. 35 d. Bl.)
In London versammelten sich, dem „W. T. B.“ zufolge, gestern nachmittag zwischen drei⸗ und viertausend Arbeitslose am Themse⸗ ufer und marschierten unter polizeilicher Begleitung nach dem Hyde⸗ park, wo Reden gehalten und drei Resolutionen angenommen wurden, in denen die Regierung dringend gebeten wird, Schritte zur Lösung der Arbeitslosenfrage zu ergrelfen. 1t
Die Tüllarbeiter in Lyon beschlossen, nach einem Telegramm des „W. T. B.“, den Gesamtausstand. Sie verlangen eine Lohn⸗
erhöhung, den Zehnstundentag und die Aufhebung der Nachtarbeit.
Kunst und Wissenschaft.
In der Februarversammlung der „Vorderasiatischen Gesellschaft“ sprach Dr. M. Sobernheim über „Petra“, das
er in Gemeinschaft mit Dr. Magnus, Privatdozenten für Botanik an der Berliner Universität, im Frühjahr 1905 besucht hat. Die Voll⸗ endung der Eisenbahn Haifa — Damaskus einerseits, die Inbetrieb⸗ setzung der Bahn Damaskus —Melka auf der Strecke Damaskus- Maan andererseits erlaubt gegenwärtig den Besuch des Ostjordan⸗ landes, der alten Landschaften Ammon, Moab und Edom, in unver⸗ hältnismäßig kurzer Zeit und mit verüccerer Beschwerlichkeit als sonst. Der Vortragende besuchte zuerst Dscherasch. Unter 32,4° n. B. ist es mit dem 2° südlicher gelegenen Petra der Brennpunkt der Kultur eines Volkes, der Nabatäer, das man gleich seiner Geschichte und seinen jetzt in Ruinen liegenden, einst mit herrlichen Gehilden der Kunst geschmuͤckten, volkreichen Hauptstädten bis vor 100 Jahren in Europa nur wenig kannte. Seitdem sind beide Plätze viel besucht und beschrieben worden; nachdem die Hohe Pforte in Hscherasch Tscherkessen angesiedelt hat, die ungehindert die Ruinenstätte als Steinbruch benutzten, liegt die Gefahr vor, daß die alten Die Nabatäer sind etwa um 1000 v. Chr. in das Land östlich des Jordan gewandert. Mit dem benachbarten assyrischen Reiche scheinen sie freundliche Beziehungen unterhalten, ihre Unabhängigkeit aber behauptet zu haben. Erst als sie ihre Stammesorganisation aufgaben und unter Aretas II. als erstem König ein selbstandiges Königrei bildeten, gerieten sie um 90 v. Chr in Verwicklungen mit den Köͤnigen von Juda, die 65 v. Chr. zur Einmischung der Römer unter Pompeljus führten, der die Grenze gegen Juda 1og. Seitdem bestand ein freund⸗ liches Verbalinie der Nabgtäer zu den Römern, die je länger desto mehr die Wichtigkeit des Ostlordanlandes und den Wert von 58 regen Handel und Viehzucht treibenden Bewohnern als Mittelglied wischen Südarabien, Indien, Sudpersien, Somaliland und den Ländern am Mittelmeer erkannten. Dieser Erkenntnig ist es zuzuschrelben, daß die weitschauenden römischen Kaiser des sweiten nachchrift ichen Jahrhunderts das Ostlordanland nach Möglichkest durch Straßen⸗ und Brückenbauten förderten. Das war auch die Glanzperiode der Städte Gerasa und Petra. Damals
Kann somit die
der Reichsbank bemerkte im
.“ 11““ EE1“ 1 1““ en standen die beiden großen Heeresstraßenzüge, wovon der westliche von den syrischen Häfen her über Gerasa, der östliche von Norden her über den Hauran und Bosra nach Amman (Philadelphia) führt, hier sich mit dem westlichen Zweige vereinigte und über Petra nach Akkabah am Roten Meere einerseits und andererseits nach dem unterm 25. Breitengrade MUelhnen Shes Leuke Coma an der arabischen Westküste fortgesetzt ist. elchen an den Rutnen zweier Kastelle, vieler Wachttürme erkennbar. Ma versteht den Wert, den die Römer auf das Ostjordanland legten, wen man sich der auf anderem als diesem Wege kaum bezieh baren, verschiedenen Dinge einerten, antiken Welt aus Arabien, Südpersien und Indien Pg. wurden: der Spezereien, Myrrhen, Räucherwaren 2c scherasch. Gerasa liegt in 580 m Meereshöhe in quellenreiche Gegend. Die 78 v. Chr. zuerst erwähnte Stadt ist von hohen Berge umschlossen, die 10 km westlich sich bis zu 1300 m erheben. Be⸗
merkenswert ist vor allem die in nord⸗südlicher Richtung die Stadt
durchziehende, an Palmyra erinnernde, 12,6 m breite Sänlenstraße, die Via sacra, 1 km lang, eingefaßt von 2 Reihen 6,5 bis 9 m hoher Säulen in Abständen von 3,10 bis 4,80 m. Einst standen von diesen Säulen 260 auf jeder Seite, zusammen also 520, gruppenweise aber durch Architrave verbunden, jetzt stehen nur noch 71. Die Via sacra wird rechtwinklig gekreuzt durch 3 Querstraßen, an den Kreuzungen war je ein Tetrapplon vorhanden. Am Südende läuft diese Straße in einen runden Pia aus, irrtümlich wohl für das Forum gehalten, der im Halbkreis mit Säulen ähnlicher Größe wie die Straße besetzt ist. In der Mitte der Stadt liegt oberhalb einer breiten Terrasse ein großer Tempel, vermutlich der Artemis geweiht, umgeben von
Säulengängen (162 durch Antoninus Pius erbaut), von denen westlich
noch 25, östlich 31 Säulen stehen. Auch diese Anlage erinnert sehr an Palmyra, an den dortigen Balstempel. Noch umschließt die Ring⸗ mauer eine Anzahl öffentlicher Gebäude, drei weitere Tempel⸗ und
mehrere Kirchenruinen, Thermen sowie ein kleines bedecktes Theater. Bemerkenswert ist, daß an Inschriftensteinen kenntlich, die christlichen der byzantinischen Herrschaft zum Teil
Kirchen aus der Zeit mit dem Material der abgebrochenen oder zerfallenen Tempel gebaut sind, u. a. aus Quadern, die früher einem Nemesis⸗Tempel angehörten. Gerasa besaß sechs Tore und 460 m vor dem Südtore an der Trojanstraße noch ein besonderes Triumphtor mit 3 Eingängen, das zu den besterhaltenen Bauwerken Gerasas gehört. Daran schließen sich die Reste einer großen Naumachie sowie eines sehr bedeutenden
Amphitheaters, dessen steinerne Sitze zu einem großen Teil noch wohl⸗ erhalten sind. Endlich sei noch innerhalb der Stadt der Reste einer 8 Fontäne und einer Tribuna in Verbindung damit gedacht. Die in der
Nähe der Stadt gelegenen Quellen waren prächtig gefaßt. Von Dscherasch zog der Vortragende nach Petra. Etwa halbwegs zwischen dem Toten und dem Roten Meere erhebt sich der Berg Dschebel Harun, 1400 m hoch, an dessen Ostseite in 9900 m Meeresböhe etra in ziemlich enger, bweichend von Gerasa, findet sich auf der Trümmerstätte von Petra
keine Spur von früheren menschlichen Wohnungen, und doch ist es eine S. Stadt gewesen, deren Trümmer aber unter Geröll und
Sand begraben liegen. Ausgrabungen dürften hier bestättgende Er⸗ gebnisse bringen; denn es scheint erwiesen, daß hier lange Zeit eine wohlhabende, sogar reiche Bevölkerung gesessen haben muß, weil sich in der Umgebung eine große Anzahl besonders kosthbarer Grab⸗ male findet, auch Tempel und ein Theater vorhanden sind. Einem besonders kostbaren Kunstwerk begegnet man in dem oberen, engen Teile der Talschlucht, wo auch deutliche Spuren von Pflaster und einer Wasserleitung noch vorhanden sind, nämlich der aus dem Sandstein herausgehauenen Fassade eines Isistempels, als solcher be⸗ stimmbar durch die daran angebrachten Symbole der Isis, der von zwei Rinderhörnern gekrönten Sonnenscheibe und durch zwei Sphinre. Pank der überhängenden Felswand, ist das im edelsten spätgriechischen Stil ausgeführte Kunstwerk gut erhalten. Es besteht die Wahrscheinlich⸗ keit, daß es im zweiten nachchristlichen Jahrhundert geschaffen worden ist. Von anderen bedeutenden Bildwerken in Petra sei noch zweier Obelisken gedacht, die über dem Talrande im Osten thronen und wohl Opferplätze bezeichnen, da sich Spuren von Altären fanden. Auf dem Westrande ist die Ruine eines schloßartigen Baues sichtbar, der den Namen Pharaonenschloß trägt. Kennzeichnend für die Sinnesart der Nabatäer ist die Anlage des Theaters in nächster Nähe einer zabl⸗ reichen Gruppe besonders vornehmer Gräber. Seine Ruine ist ver⸗
Handel und Gewerbe.
In der heutigen Situng des Zentralausschusses
Anschluß an die vorgetragene neueste Wochenübersicht der Vorsitzende, Präsident des Reichs⸗ bankdirektoriums, Wirkliche Geheime Rat Dr. Koch, daß die Erleichterung der Lage der Bank ziemlich langsam ge⸗ wesen sei. Die Gesamtanlage sei zwar gegen Mitte v. M. um 161 Millionen Mark zurückgegangen, über⸗ steige aber mit 980 Millionen die der letzten 6 Jahre noch um erhebliche Beträge, die des Vorjahres um 171 Millionen. Insbesondere sei auch das Wechselportefeuille und der neuerdings abermals gewachsene Bestand an Schatz⸗ anweisungen weit größer als in den Vorjahren. Das Metall sei um 114 bzw. 61 Millionen geringer als 1905 und 1902, da⸗ gegen um 43 bzw. 47 Millionen stärker als 1904 und 1903. Der Notenumlauf mit 1279 Millionen übersteige den der letzten 4 Vorjahre um 39, 80, 103 bzw. 130 Millionen, und die Deckungsverhältnisse seien entsprechend schlechter. Die steuerfreie Notenreserve mit 191 Millionen sei geringer als in den Vorjahren. Dabei seien die Kurse der fremden Wechsel hoch und näherten sich dem Goldpunkt oder hätten diesen sogar üͤberschritten. Wenngleich der Diskont am offenen Markt in Berlin nur 3 ½¼ Prozent betrage, so sei doch eine Diskontermäßigung einstweilen nicht möglich. Der Zentral⸗ ausschuß war hiermit nach kurzer Debatte einverstanden. — Sodann verlas ein Mitglied des Reichsbankdirektoriums im Auftrage des Vorsitzenden den Verwaltungsbericht für das Jahr 1905 nebst der Bilanz und der Gewinnberechnung. Hierauf erstattete ein Deputierter das von den Deputierten des Zentralausschusses nach Prüfung der Bilanz und Vergleichung mit den Buchern abgegebene Gut⸗ achten, das von den anwesenden Mitgliedern des Zentral⸗ ausschusses zum Zeichen der Genehmigung vollzogen und dem Reichsbankdirektorium überreicht wurde. Letzteres berichtet weiter an den Reichskanzler. Schließlich wurden noch einige Gattungen von Eisenbahnpapieren zur Beleihung im Lomdard⸗ verkehr der Reichsbank zugelassen.
(Weitere Nachrichten üder „Handel und Gewerbe“ s. i. d. Zwelten lage.) b
Theater und Musfik.
Im Koniglichen Operndause ndet morgen. Mirtwoch, eine Wiederholung von Auders komischer Oper „Fra Diavolo“ in der dekannten Besetzung der Hauptrolen mit den Damen Herzog. Rothauser, den Herren Poülpp. Nede, Jörn, Kuüpfer, Liedan und Krasa statt Eingetretener Hindernisse wegen wied am enes statt der Reeeinstudierang des „Pfeifertages“ Beethovens „Fidelko“ im neuen szenäsche 1 1 zu diesem Tage an der Abeaterkasse gekauften Billette dehalten ihre Güͤltigkeit, kanen aber dis zum 16. d. M. an der Vormittagskasse und am 16. seldst an der Vormittags⸗ und Adendkasse die zum FKenene der Vorstellung gegen Erstattung des Aufgeldes zur Beden werden.
ert die Römer auf diese Heerstraßen legten, ist heute noch
erinnert, die in der ver⸗
aber fruchtbarer Gebirgsschlucht liegt.
Gewande gegeden. Die
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