1908 / 124 p. 2 (Deutscher Reichsanzeiger, Tue, 26 May 1908 18:00:01 GMT) scan diff

Gesetz,

betreffend die Beschäftigung von Hilfsmitgliedern

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im Kaiserlichen Patentamt. Vom 18. Mai 1908.

Wir Wilhelm, von Gottes Gnaden Deutscher Kaiser,

König von Preußen ꝛc.

verordnen im Namen des Reichs, nach erfolgter Zustimmung

des Bundesrats und des Reichstags, was folgt: Einziger Paragraph.

Bis zum 31. März 1911 können im Falle des Bedürfnisses vom Reichskanzler Personen, welche die Befähigung zum Richteramt oder höheren Verwaltungsdienste besitzen oder in einem Zweige der Technik sachverständig sind, mit den Verrichtungen eines Mitglieds des Der Auftrag kann auf eine bestimmte

eit oder für die Dauer des Bedürfnisses erteilt werden und ist vor blauf der Zeit oder der Erledigung des Bedürfnisses nicht widerruf⸗ lich. Im übrigen finden die für Mitglieder geltenden Vorschriften des

ium

set ebe beauftragt werden.

Patentgesetzes auch auf die Hilfsmitglieder Anwendung.

Urkundlich unter Unserer Unterschrift

nsiegel.

ai 1908. 6 Wilhelm.

von Bethmann Hollweg.

und beigedrucktem Kaiserlichen Gegeben Wiesbaden, den 18. (L. S.)

zur Ausführung des Patentgesetzes vom 7. April 1891. Vom 14. Mai 1908.

Wir Wilhelm, von Gottes Gnaden Deutscher Kaiser,

8 König von Preußen ꝛc.

verordnen auf Grund der Vorschrift im § 17 des gesebes vom 7. April 1891 (Reichsgesetzbl. S. 79) im es Reichs, nach

was folgt: 11“

Im Patentamte wird für die Patentanmeldungen eine weitere nüötehrng gebildet, welche die Bezeichnung „Anmeldeabteilung XI“ ührt.

§ 2

8 Für Beschwerden gegen Beschlüsse der Anmeldeabteilung XI. sovwie für Gutachten innerhalb ihres Geschäftskreises ist die Beschwerde⸗ abteilung II zuständig. Urkundlich unter Unserer Höchsteigenhändigen Unterschrift und beigedrucktem Kaiserlichen Insiegel. 1“X“ Gegeben Wiesbaden, den 14. Mai 1908. 8 (1. 89) 8 Wilhelm. 1 von Bethmann Hollweg.

nenenneackh raes MnnEn 8

12*G

Bekanntmachung,

betreffend die Ausgabe von Schuldverschreibungen der Stadtgemeinde Passau auf den Inhaber.

Mit Ministerialentschließung von heute ist genehmigt worden, daß die Stadtgemeinde Passau Sseeheneige

Schuldverschreibungen auf den Inhaber im Gesamtbetrage von 2 000 000 ℳ, und zwar Stücke zu 2000, 1000, 500 und 200 in den Verkehr bringe. Muünchen, den 24. Mai 1908.

2 22N—

Königlich bayerisches Staatsministerium des Innern.

11u“ vpon Brettreich.

Königreich Preußen.

eine Majestät der König haben Allergnädigst geruht: 8 den bisherigen ordentlichen Professor Dr. Gerhard Anschütz zu Heidelberg zum ordentlichen Professor in der juristischen Fakultät der Friedrich Wilhelms⸗Universität zu Berlin und 1 1— den Privatdozenten an der Technischen Hochschule in annover, Eisenbahnbau⸗ und Betriebsinspektor a. D. Robert Otzen zum etatsmäßigen Professor an derselben Technischen Hochschule zu ernennen, . 1b 8 dem Eisenbahnsekretär Pohley in Posen bei dem Ueber⸗ tritt in den Ruhestand den Charakter als Rechnungsrat zu verleihen sowie infolge der von der Stadtverordnetenversammlung zu etroffenen Wahl den Stadtsyndikus Franz Dieck⸗ mann bchelbst als besoldeten Beigeordneten der Stadt Münster für die gesetzliche Amtsdauer von zwölf Jahren zu bestätigen.

Ministerium der geistlichen, Unterrichts⸗ und Medizinalangelegenheiten.

Der Kreisassistenzarzt Dr. Tietz aus Saarbrücken ist zum

Kreisarzt ernannt und mit der Verwaltung des Kreisarzt⸗ bezirkes Kreis St. Wendel beauftragt worden.

Dem Organisten Franz Anton Grunicke in Berlin

ist der Titel Professor verliehen worden.

Die Kreisassistenzarztstelle des Kreises

hbrücken ist zu besetzen.

Angekommen:

Seine 0 Wirkliche Geheime Rat Dr. Schulz.

atent⸗ amen erfolgter Zustimmung des Bundesrats,

zellenz der Präsident des Reichseisenbahnamts,

MNichtamtliches.

Deutsches Reich. Preußen. Berlin, 26. Mai. Anlage B zur Eisenbahnverkehrsordnung.

gelatinierte Nitrozellulosepulver Nitrozellulosepulver, dahin zu

rauchschwache, 2 zerinhaltige Ni die Vorschriften über die Stabilitätsprüfung der zur

1906 hergestellten Pulver gelten. ierdurch wird die Be⸗ förderung der älteren Pulver, deren Nitrozellulose nach einem anderen Verfahren auf ihre Stabilität geprüft worden ist, er⸗ möglicht. Diese Pulver werden in einigen Jahren aufge⸗ braucht oder umgearbeitet senrnn.

An Stelle des in den Ruhestand getretenen Kammer⸗ gerichtsrats, Geheimen Justizrats Ueberhorst ist der Kammer⸗ gericZisrat Menge zum Mitgliede des Gerichtshofs zur Ent⸗ scheidung der Kompetenzkonflikte ernannt

8

Laut Meldung des „W. T. B.“ ist S. M. S. „See⸗ adler“ vorgestern in Sadani eingetroffen.

S. M. Flußkanonenboot „Vaterland“ ist gestern von Tschungking nach Luchan gegangen.

S. M. Flußkbt. „Tsingtau“ ist gestern von Canton nach Hongkong gegangen.

S. M. Flußkbt. „Vorwärts“ ist vorgestern in Schanghai eingetroffen.

Sachsen.

Seine Majestät der König Friedrich August ha gestern sein 43. Lebensjahr vollendet. Aus Anlaß des Geburts⸗ tags des Monarchen, der in Stadt und Land in der üblichen Weise gefeiert wurde, fand auf dem Alaunplatz in Gegenwart Seiner Majestät des Königs, der Prinzen und des Königlichen Hofes die Königsparade der Dresdner Garnison statt.

8

Oesterreich⸗Ungarn. 8

8 v 8

Der Kaiser Franz Joseph hat an den Minister des Aeußern Freiherrn von Aehrenthal, der mit dem Reichs⸗ kriegsminister, Feldzeugmeister Schönaich um seine Entlassung gebegen hatte, „W. T. B.“ zufolge, nachstehendes Handschreiben gerichtet:

Lieber Freiherr von Aehrenthal! Ich würdige die Gründe, die Sie sowie meinen Reichskriegsminister, Feldzeugmeister Schönaich veranlaßt haben, mir Ihre Bitte um Enthebung vom Amte zu unterbreiten. Ich halte aber diese Gründe nicht für aus⸗ reichend, mich zu bestimmen, dieser Bitte zu willfahren. Die letzte Ministerkonferenz ist dank der FEinsicht aller beteiligten Faktoren, zumal durch das Entgegenkommen beider Re⸗ gierungen zu übereinstimmenden, bindenden Beschlüssen gelangt, welche

die Frage der Regelung der Offiziersgagen und in Verbindung damit

der Besserung der materiellen Lage der Mannschaften einer befriedi⸗ genden, einverständlichen Lösung zuführen. Ich habe das Zustande⸗ kommen dieser Vereinbarung, die im gemeinsamen Voranschlage den Delegationen vorzulegen sein wird, mit aufrichtiger Genugtuung zur

Kenntnis genommen, erwarte Ihre Vorschläge über die rechtzeitige Ein⸗

berufung der Delegationen zu ihrer nächsten Tagung und behalte mir jedenfalls meine Entschließung vor. Ich versichere Sie und meinen Reichskriegsminister, Feldzeugmeister Schönaich der Fortdauer meines vollsten Vertrauens. Es ist mein Wunsch, daß Sie beide auch weiterhin im Amt verbleiben und fortfahren, mir wie bisher Ihre

erfolgreichen, von mir mit Dank anerkannten Dienste zu leisten.

Wien, den 25. Mai 1968, Franz Joseph.

Das österreichische eeö setzte gestern die Beratung der Dringlichkeit

santräge, betreffend die Wahlmißbräuche bei den letzten galizischen Land⸗

tags wahlen, fort.

Im Laufe der Verhandlung betonte der Minister des Innern Freiherr von Bienerth, laut Bericht des „W. T. B.“, daß die Regierung von der Versicherung loyalster Gesinnung der ꝛussisch⸗ nationalen Ruthenen Kenntnis nehme. Der nationale Inhalt ihres Programms könne aber schon deshalb nicht die Unterstützung der Regierung finden, weil bisher das Bestehen einer russischen Bevölkerung in Galizien und der Bukowina mit Ausnahme einer kleinen Anzahl Lippowaner in der Bukowina nicht festgestellt worden sei. Der Minister wies jedoch entrüstet unter dem lebhaften Beifall der Polen und ve Nehtec. rufen der Ruthenen die jüngsten Ausführungen der Sprecher der nationaldemokratischen ruthenischen Partei zurück, die Umsturzideen enthüllt hätten, wie sie nie mit ähnlicher Offenheit vorgebracht worden seien. Derartige Reden müßten die gefährlichste Verhetzung, wenn nichts Aergeres in die Be⸗ völkerung tragen. Die Regierung werde daher in Zukunft der Tätigkeit der radikalen ruthen schen Fraktion ernsteste Aufmerksamkeit zuwenden. Andererseits sei die Regierung davon überzeugt, daß, wenn die Führer des ruthenischen Volkes sich von der Erkenntnis leiten ließen, 52 eine gedeihliche Entwicklung nur auf dem Wege des fried⸗ lichen Zusammenwirkens erfolgen könne, in Galizien die ersehnte, vom Statthalter und der Regierung nachdrücklichst geförderte Beruhigung und friedliche Ausgleichung beider Nationen herbeigeführt werde.

Nach längerer Debatte, die stellenweise sehr lebhaft war, wurde die Dringlichkeit der beiden Anträge abgelehnt und darauf die Sitzung geschlossen.

Der Bericht der Budgetkommission des öster⸗ reichischen Herrenhauses über die Zuckersteuervorlage betont, „W. T. B.“ zufolge, daß die Kommission angesichts der außerordentlich großen Anforderungen, die künftig an die Finanzverwaltung gestellt werden, sich der schwersten Bedenken gegen die Herabsetzung der Zucker⸗ steuer nicht erwehren könnte und daß es schwer wäre, die Ermäßigung der Zuckersteuer, deren prinzipielle Berechti⸗ gung zugegeben werde, in einem Momente eintreten zu lassen, wo die Branntweinsteuer beträchtlich erhöht werden solle. Die Kommission empfehle daher, über den von den Abgeordneten angenommenen Gesetzentwurf zur Tagesordnung überzugehen.

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Großbritannien und Irland. Der Präsident Fallières ist gestern nachmittag in London eingetroffen und, „W. T. B.“ zufolge, von dem Könige, dem Prinzen von Wales, dem Prinzen Christian von Schleswig⸗ Holstein, den Herzögen von Argyll und Fife sowie mehreren Mitgliedern des Kabinetts empfangen worden. Bald nach seiner Ankunft stattete der Präsident dem Könige und der Königin sowie dem Prinzen und der Prinzessin von Wales Besuche ab. Abends fand im Buckingham⸗Palast ein Festmahl statt, bei dem zwischen dem Könige und dem Präsidenten Trink⸗

1““

8 8

3 sprüche gewechselt wurden. 8 Auf Grund des Abs. (2) der Eingangsbestimmungen zur Eisenbahnverkehrsordnung hat das Reichseisenbahnamt verfügt, die Nr. XXXVd der Anlage B dieser Ordnung, betreffend F und nitro⸗ ergänzen, in Abs. (1) Ziff. 1 unter a und b. Herstellung der Pulver verwendeten Nitrozellulose nicht für die vor dem 23. Juni

Im Unterhaus hatte der Abg. Bowerman unter Hinweis darauf, daß die Armour⸗Gesellschaft und die anderen irmen, die den amerikanischen Beef Trust bilden, einige Ge⸗ schäfte auf dem Smithfield⸗Werke zu dem Zwecke erworben hätten, lediglich amerikanisches Fleisch zum Detailverkauf zu bringen, die Frage an die Regierung gerichtet, ob es nicht, um der Ausdehnung des Beef Trust entgegenzuwirken, geraten sei, die Aufhebung der

Beschränkungen in Erwägung zu ziehen, die für die Ein⸗ fuhr von lebendem Vieh vom Kontinent und aus anderen Ländern zur sofortigen Schlachtung bestehen. In seiner schriftlichen Antwort sagt der Handelsminister Churchill, „W. T. B.“ zufolge:

Ich bin mit der Armour⸗Gesellschaft in Verbindung getreten. Sie erklärt mir, an keinem soschen Plan beteiligt zu sein, wie es in der Anfrage angegeben ist. Ich erfahre, daß das Landwirtschafts⸗ ministerium nicht gesonnen ist, die bestehenden Verordnungen über die Einfuhr von lebendem Vieh zu ändern.

Das Haus begann in der gestrigen Sitzung die General⸗ diskussion über die Finanzpolitik der Regierung.

Der Handelsminister Lloyd George erwiderte auf die Einwürfe der Unionisten, betreffend die unzulängliche Vorsorge der Regierung gegenüber den finanziellen Verpflichtungen der nächsten Jahre, die Hilfsquellen des Freihandels finanzsystems seien keines⸗ wegs erschöpft, und ging dann auf die Frage der Verringerung der Ausgaben für Heereszwecke über. In dieser Beziehung sei viel geschehen, aber er gebe zu, daß der Wettbewerb in den Rüstungen eine sehr ernste Sache sei, an der England ebenso große Verant⸗ wortung trage, wie irgend ein anderes Land. Insbesondere in bezug auf den Schiffsbau sei er nicht sicher, ob England das Tempo nicht be⸗ schleunigt und dadurch andere Länder beunruhigt habe. Diese übertriebene Nervosität sei ebenso sehr schuld an dem Anwachsen der Rüstungen wie irgend ein anderer Umstand. England sei der Meinung gewesen, Deutschland bereite einen Angriff auf sein Gebiet vor, Deutschland habe einen Angriff Englands befürchtet und die Presse beider Länder hätte ihr bestes getan, diese Befürchtungen zu steigern. Bezüglich künftiger Besteuerungsmöglichkeiten sagte der Minister, der Reichtum des Landes sei gewaltig und in schnellem Wachsen begriffen, und man könne wohl eine Besteuerung der Besitzenden einführen, um das Los der Armen zu mildern. 8

Die Deputiertenkammer verhandelte gestern über die Einkommensteuer.

Nach dem Bericht des „W. T. B.“ verteidigte der Finanzminister Caillaux die Besteuerung der französischen Rente, die ebenso wie Grundbesitz, Handel und Industrie besteuert werden müsse. Er hoffe, die republikanische Kammer werde der Regierung ihr Vertrauen erhalten. Der Abg. Ribot sagte, der Kredit Frankreichs sei so groß, weil Frankreich seinen Verpflichtungen mit peinlichster Gewissenhaftigkeit nachkomme. Suf eine Anfrage Ribots erklärte der Ministerpräsident Clemenceau, die Regierung werde ihre Solidarität mit Caillaux nicht verleugnen, wenn es sich um die Gleichheit aller Bürger vor dem Steuergesetz handle. Die Regierung müsse wie ein Mann zusammenhalten, um den vier auf ihrem Programm stehenden Reformen zum Siege zu verhelfen.

Darauf nahm die Kammer mit 347 gegen 170 Stimmen den § 2 des Artikels 18 an, durch den die Renten, Obliga⸗ tionen und die übrigen vom französischen Staate ausgegebenen Wertpapiere mit einer Steuer belegt werden

Rußland. H.“

Die Reichsduma setzte gestern in Anwesenheit des Ministerpräsidenten Stolypin die am 18. d. M. auf unbe⸗ stimmte Zeit vertagte Debatte über die Finnlandinter⸗ pellation fort.

Nach dem Bericht des „W. T. B.“ erklärte der Abg. Markow (extreme Rechte), Alexander I. habe Finnland nicht als Staat, sondern bloß als einzelne schwedische Provinz erobert, daher seien die Kompli⸗ kationen, von denen Stolypin gesprochen habe, nicht vorhanden. Falls die finnländische Konstitution die russischen Interessen schädige, müsse sie abgeschafft werden. 1a sei für die Russen da, deshalb bestehe die extreme Rechte auf der Interpellation. Im Namen der Nationalisten sprach der Abg. Wetschinin. Der Redner sagte, er wolle Finnland die Rechte, die es laut seiner Grundgesetze besitze, nicht absprechen. Er begrüße die Erklärung Stolypins und hoffe, die Regierung werde eine Gesetzesvorlage einbringen zum Zweck der Regelung der Beziehungen zwischen Finnland und Rußland. Daher werde seine Fraktion gegen die Inter⸗ pellation stimmen. Der Abg. Gegetschkori (Sozial⸗ demokrat) sprach die Meinung aus, daß die Interpellation eingebracht sei, weil die antikonstitutionelle Regierung das kleine konstituttonelle Land mit Mißfallen betrachte. Die Reaktion sei nur sicher, wenn die letzte Basis der Freiheit abgeschafft sei. Den finnischen Separatismus stellte der Redner in Abrede. Die Finnländer wüßten genau, daß die russische Regierung den Abfall Finnlands nie zulassen werde. Ueber die Interessen Finnlands und Rußlands müßte von einer gemeinsamen Delegation, die aus Duma⸗ und Landtagsabgeordneten zu bestehen habe, entschieden werden. Der Abg. Miljukow (Kadett) führte aus, Finn⸗ land sei ein Großfürstentum, ein Teil der russischen Staaten mit einer Sonderregierung. Die Meinung, Alexander I. habe nur die innere Auto⸗ nomie proklamiert, sei falsch, er habe gleichzeitig die öffentlichen finnischen Rechte bestätigt. Der Redner erklärte zum Schluß, es wäre unmöglich, daß das, was der Selbstherrschaft nicht gelungen sei, nämlich die Vernichtung einer kleinen wehrlosen Nation, die russische Volksvertretung als erste konstitutionelle Handlung vollbringen würde.

Spanien.

Nach einer Erklärung des Ministers des Aeußern Allendesalazar sei der Zwischenfall in Casablanca als erledigt anzusehen. Die Note der französischen Regierung ibt, „W. T. B.“ zufolge, die Versicherung, daß die Urheber es Angriffs auf die spanischen Soldaten in Casablanca ver⸗ haftet seien und die Untersuchung eröffnet sei.

““ Portugal. 8 ““

Der Ministerpräsident hat der Deputierten⸗

kammer einen Gesetzentwurf zugehen lassen, durch den,

„W. T. B. * zufolge, die während des Ministeriums

4v erlassenen Verfügungen zurückgezogen werden.

9 Belgien.

Die neue Deputiertenkammer wird, nach einer Meldung des „W. T. B.“, aus 87 Katholiken, 43 Liberalen, 35 Sozialisten und einem christlichen Demokraten bestehen. Die katholische Mehrheit fällt also von 12 auf 8 Stimmen. Die Minister für auswärtige Angelegenheiten, für Industrie und für Eisenbahnen wurden wiedergewählt.

Der neue Senat wird aus 64 Katholiken, 35 Liberalen und 12 Sozialisten bestehen. Die katholische Mehrheit des Senats steigt demnach von 14 auf 17 Stimmen.

Asien.

Wie dem ‚„Reuterschen Bureau“ gemeldet wird, hat a Sonntag ein Gefecht zwischen den britischen Truppen und Aufständischen in Nord⸗Indien, die etwa 3000 Mann zählten, stattgefunden. Die Aufständischen erlitten eine Nieder⸗ lage und hatten einen Verlust von 100 Toten, während die Verluste auf britischer Seite nur gering waren.

St. Petersburger Blättern zufolge sind 5000 Mann chinesischer Truppen von Kirin nach der koreanischen Grenze zum Schutze gegen japanische Uebergriffe abgegangen⸗

Nach Meldungen aus Fez vom 21. d. M. sind Ab⸗ gesandte, die Mulay Hafid zum zweiten Male zu Buchta ben Bagdadi geschickt hatte, mit einem Briefe Bagdadis urückgekehrt, in dem dieser droht, er werde Mekines beschießen. Lus Zorn über diesen Brief hat Hafid den Bruder Bagdadis verhaften lassen und will nunmehr zur Bildung eines großen zeeres aus Angehörigen aller Stämme schreiten, um mit Bagdadi ein Ende zu machen. Er selber will das Kommando dieses Heeres übernehmen.

Der General d’'Amade meldet, „W. T. B.“ zufolge, daß die Militärposten von Settat und Du Boucheron fortgesetzt za lreiche Unterwerfungen, selbst von außerhalb des Schauja⸗ ühüns entgegennehmen. Die Generale Bailloud und hautey haben Boudenib erreicht, das vorläufig mit einer Abteilung von 1200 bis 1500 Mann cbese t wird, um den Vormarsch neuer Harkas aufzuhalten, die sich in Tafilelt bilden.

Kunst und Wissenschaft.

A. F. Zur Feier ihres 80 jährigen Bestehen gesellschaft für Erdkunde am letzten Sonnabend in die Pracht⸗ räume der Blüthnersäle eingeladen. Der Vorsitzende, Geheimrat rofessor Dr. Ferlme un eröffnete die Versammlung mit einer behsena. Er führte in ihr aus, daß es trotz der über alle Vorgänge in der Gesellschaft allmonatlich berichtenden „Zeitschrift“ eine alte, sich zur Beibehaltung empfehlende Gepflogenheit sei, alle 5 Jahre in einem zusammenfassenden Rückblick die Wege deutlicher erkennen

aun lassen, welche die Gesellschaft gewandelt ist, und die Ziele, denen

e zusteuert. Bevor auch diesmal, in großen Zügen wenigstens, die Wirksamkeit der Gesellschaft während der letzten 5 Jahre dargelegt werde, sei es aber geboten, den zur Feier erschienenen Vertretern der höchsten Reichs⸗ und Staatsämter sowie den Delegierten auswärtiger geographischer Gesellschaften Dank auszusprechen und pietätvoll der Mit⸗ lieder zu gedenken, die der Tod im letzten Lustrum abberufen, unter ihnen dolf Bastian und Ferdinand von Richthofen, beide hochverdient um die Gesellschaft und die Wissenschaft. Der allgemeine Charakter der Gesellschaft für Erdkunde ist seit dem letzten Generalbericht vor fünf Jahren unverändert geblieben. Nach wie vor ist sie nach ihren Satzungen bestrebt, die Erdkunde im weitesten Sinne des Wortes zu fördern“; nach wie vor blieb, unter Vermeidung irgendwelcher Sonderinteressen, ihre Aufmerksamkeit der ganzen Erde zugewendet,

wenn es auch mit Befriedigung erfüllen durfte, daß die wissenschaftliche

Erforschung der deutschen Kolonien häufiger als sonst Gegenstand der Erörterung in den allgemeinen Sitzungen war. In diesen stand aber wieder im Vordergrund des Interesses Asien mit seinen zu Forschungs⸗ reisen einladenden unbekannten Gebieten und sodann die Antarktis, aus der fünf Expeditionen glücklich und zumeist mit reichen Er⸗ olgen geographischen und rein wissenschaftlichen Charakters zurück⸗ gekehrt waren. Zum ersten Male ist der Versuch gemacht worden, einen Vortrag in einer fremden Sprache zuzulassen. Er kann als geglückt bezeichnet werden und dürfte in 8 kunft geeigneten Falles zu wiederholen sein. Abgesehen davon, daß die Beschränkung auf deutsch sprechende Forscher bei der Abnahme der Zahl deutscher Forschungsreisenden im Vergleich mit den 70 er und 80 er Jahren des letzten Jahrhunderts der Gesenschaft vielfach Resignation auferlegen würde, sollte gerade eine geographische Gesellschaft, bei der immer mehr sich vollziehenden Internationali⸗ erung der Wissenschaften, eine zu weit gehende nationale Eitelkeit beiseite setzen und den Gebrauch anderer Kultursprachen bei den Vor⸗ trägen in wichtigen Fällen zulassen. Die vor 7 Jahxen von dem Redner ein⸗ gerichteten Fachsitzungen mit anschließender Diskussion haben sich bewährt

lals ein Mittel zur Erörterung der gründlichen naturwissenschaftlich⸗

geographischen Erforschung kleinerer Gebiete sowie zur Vertiefung der geographischen Wissenschaft selbst. Sie lieferten auch zahlreiche gute

Abhandlungen von bleibendem Wert für die „Zeitschrift“ der Gesell⸗

scaft. Allerdings ist auch eine Kehrseite der eben angedeuteten Ver⸗ nerung und Spezialisierung in der geographischen Forschung nicht zu verkennen: Solche Kreise, die früher hauptsächlich durch den Reiz der Berichte kühner Pionierreisender mächtig angezogen wurden, halten sich jetzt fern. Die Folge davon ist, daß seit 1891 die Zahl der ansässigen Mitglieder abgenommen hat und nur dann vorübergehend wieder stieg, wenn der Vortrag eines großen Reisenden lockte. Aber die Zahl der auswärtigen itglieder hat, vermutlich durch das wachsende Interesse an den Veröffentlichungen der Gesellschaft, von Jahr zu Jahr so zugenommen, daß die seit 10 Jahren fast stets gleiche Durchschnittszahl der Mitglieder, nämlich rund 1130, aufrechterhalten worden ist. Für die auch im Auslande geschätzte „Zeitschrift’ der Gesellschaft ist in jüngster Zeit, um den reich⸗ haltigen Inhalt ihrer früheren Jahrgänge möglichst nutzbar zu machen, ein Generalregister angelegt worden, dessen erstes Exemplar der Redner übergab. Eine zweite regelmäßige Veröffentlichung der Gesellschaft, die von Herrn Otto Baschin mit hoher Sorgfalt Jahr für Jahr bearbeitete „Bibliotheca Geographica“, eine lahresbibliographie der gesamten erdkundlichen Literatur, liegt im 13. Band der neuen Reihe vor. Ein anderes großes literarisches Unternehmen der Gesellschaft war die Inangriffnahme der Vollendung

des fundamentalen Werkes Ferd. von Richthofens „China, Erlebnisse

gener Reisen und darauf gegründete Studien“ durch die in Aussicht genommene Veröffentlichung des fehlenden, Südchina behandelnden dritten Bandes. Schriftlich hinterlassenem Wunsche Richthofens ge⸗ näß wurde die Bearbeitung des Textes auf Grundlage der vor⸗ bandenen Tagebücher und Manuskripte seinem Schüler Dr. Tiessen bertragen, die Karten sollen von Dr. Groll entworsen werden. Zur Herstellung des Werkes wurden aus dem Allerhöchsten Dispositions⸗ onds 10 000 ℳ, von der Königlichen Akademie der Wissenschaften 6000 ℳ, von der Verlagsbuchhandlung Dietrich Reimer 4000 bei⸗ t. Das große Werk dürfte in etwa zwei Jahren vollendet vorliegen. 8 Recht erfreulich bewährte sich eine dritte Art der Wirksamkeit der gesellschaft für Erdkunde, die SIö“ wissenschaftlicher . eisen, hauptsächlich aus den Mitteln ihrer Karl Ritter⸗Stiftung. Line Zeitlang bestand wenig Nachfrage nach solchen Reiseunter⸗ sützungen. s bedurfte einer Aufforderung an die jüngeren Geo⸗ graphen, sich geeignete Aufgaben zu stellen, die mit den vorhandenen Mitteln lösbar seien, und diese Mittel dann dafür in Anspruch zu nehmen. Diese Anregung scheint Beachtung gefunden zu haben; denn Jahr für Jahr hüsg. mehrere solcher Gesuche eingelaufen, und das Kuratorium der Karl itter⸗Stiftung war in der glücklichen Lage, die ihr am geeignetsten erscheinenden Unternehmungen zu unterstützen. Was in den letzten 2 Jahren in dieser Richtung geleistet worden ist, ergeben die alsenden Daten: 1903 nahm Professor Ebeling das größte Gletscher⸗ ebie Norwegens, den Jostedal⸗Gletscher, auf; 1904/5 wurde Herr ie Frobenius bei seiner Forschungsreise nach dem Kassai unterstützt, 1 erhielt Professor Theobald Fischer⸗Marburg eine Beihilfe zum schluß seiner mehr als drei Jahrzehnte lang durchgeführten Mittel⸗ errstudten, 1906 konnten 3 Unternehmungen gefördert werden: nbersuchungen von Dr. Braun im Apennin über die morphologische 8 eutung der dort sehr zahlreichen Bodenrutschungen, Studien 81 Dr. Quelle in den 1 ziemlich unbekannten Gebirgen 8 südöstlichen Spaniens und eine gründliche Untersuchung ich den Landesgeologen, Professor Gagel über die Caldera bedeutungsvoll für die allgemeine Theorie der ittersttt Im Jahre 1907 endlich gewährte die Karl neterstiftun an Professor Kretschmer die Mittel zum Besuch der talienif sen Bibliotheken zwecks Studiums der mittelalterlichen ien arten und Portulane und an Dr. Georg Wegener eine Beihilfe seine Reise in der chinesischen Provinz Kiangsi. Auch die vor ahren Ferd. von Richthofen als eine 1.7S989 lu seinem

von La Palr 8 gaterhülal ma,

70. Geburtstage dargebrachte F. von Richthofen⸗Stiftung hat schon

8 4 erleichterte Dr. von Zahn den Besuch von Mexico, Dr. Rühl eine Studienreise nach Katalonien und ermöglichte Herrn Ballauf die Unter⸗ suchung der phvysikalischen Eigenschaften der Gewässer des Greifswalder Boddens. Möchte es auch fürderhin an steebsamen jungen Geographen mit wissenschaftlicher Initiative nicht fehlen, die als Bewerber um die Zuwendungen beider Stiftungen auftreten! Wohl wäre es der Wunsch des Vorstands gewesen, die Wirksamkeit der Gesellschaft für Erdkunde noch reicher zu gestalten; aber es galt „hauszuhalten“ im wahren Sinne des Wortes; denn die vor 9 Jahren geschehene Erwerbung eines eigenen Hauses hat die verfügbaren Mittel der Gesellschaft mehr in Anspruch genommen, als anfänglich geglaubt wurde. Allein „die Erdkünde zu fördern“, dieser ihrer satzungsgemäßen Pflicht, glaubt die Gesellschaft auch im letztverflossenen Lustrum nach äußerster Möglichkeit gerecht geworden zu sein.

An diese mit großem Beifall aufgenommene Ansprache schloß sich alsbald der Vortrag des vor wenig Monaten erst aus Innerasien zurückgekehrten Dr. med. Albert Tafel, der 1904 Reisebegleiter von Oberleutnant Filchner auf dessen Forschungsreise nach Tibet war, bei Rückkehr des letzteren nach Europa jedoch in China zurückblieb, um trotz der als überaus gefahrvoll erkannten Be⸗ mühungen um die in Tibet gegebenen erdkundlichen Probleme dem Drange nach ihrer weiteren Erforschung Folge zu geben. Dr. Tafel aus Stuttgart berichtete über seine in den drei Jahren 1905, 1906 und 1907 ausgeführten Reisen in Nordwest⸗China und Ost⸗Tibet in 2 ½stündigemn, durch eine große Zahl von ganz trefflichen Lichtbildern erläuterten Vortrage in schlicht erzählender und die Aufmerksamkeit seiner Zuhörerschaft dauernd gefesselt haltender Weife. Die hier folgende Wiedergabe des Gehörten kann naturgemäß nicht erschöpfend sein, sondern in großen Fägen nur den Verlauf der sich über ein großes Gebiet erstreckenden Reise schildern: Dr. Tafel ging von Hankow, der großen Handelsstadt am mittleren Yangtsekiang, Provinz Hunan, aus und begleitete den Talweg dieses Stromes aufwärts bis an den Punkt, wo er dem nördlich davon strömenden Hoangho am nächsten kommt. Hier, ungefähr auf der Grenze zwischen den 4 Provinzen Sitschuan süd⸗ westlich, Schensi nordwestlich, Hunan südöstlich und Schansi nordöstlich, ging er, die als Wasserscheide zwischen den beiden Strömen anzusprechenden Gebirge Kiu lung und Tsing ling, die zum Teil noch bewaldet sind, kreuzend, hinüber zum Homnohe etwa bis zu der Stelle, wo dieser Strom seine lange innegehaltene Nord⸗ südrichtung, auf der er die Grenze zwischen Schensi und Schansi bildet, in eine ostnordöstliche ändert. Auf dieser Landreise hatte Dr. Tafel freundliche Eindrücke von Land und Leuten, fand allerdings auch verwahrloste, ehemals prächtige Gebäude, alte Tempel⸗ anlagen, ins Wanken geraten wegen ungenügender Fundamen⸗ tierung, die Reste eines Kaiserpalastes ꝛcd. In einem Tempel aus vergoldeter Bronze sah er eine kostbare, riesige Buddha⸗ statue. Bei Besteigung eines 1300 bis 1400 m hohen Gipfels wurden auch landschaftliche Reize entdeckt, denn zwischen den beiden hohen Gebirgsketten breitete sich ein anmutiges Hügelland aus. Die geologische Formation ist pliocäner Sandstein, der sehr viele Tierreste enthält, die merkwürdig genug von den Eingeborenen für heilkräftig gehalten, zermahlen und als Arznei eingenommen werden. Den Hoangho aufwärts verfolgend, gelangte Dr. Tafel in das unsäglich öde bergige Lößgebiet, das von erhöhten unkten aus gesehen, zuweilen den Eindruck einer mit gelbem Schnee bedeckten Land⸗ schaft hervorruft. Der Hoangho führt, zum Schaden des Fischlebens in ihm, große Massen Löß mit sich und gewährt hierdurch den An⸗ blick eines braungelben Bandes in der reizlosen Landschaft. Seine Breite ist sehr wechselnd, zwischen 100 und 650 m, die Schiffahrt an dieser Stelle auf flache Boote beschränkt, die Kohle und Eisen trans⸗ portieren. Die Landwirtschaft ist in diesem öden Bergland höchst ärmlich, es fällt sehr wenig Regen, ja in den 70 er Jahren des vorigen Jahrhunderts soll es hier mehrere Jahre gar nicht geregnet haben. Der Oede der Gegend ist es wohl auch zuzuschreiben, daß sie wenig aufgesucht wird, so interessant sie in mancher Beziehung auch ist. Der Vortragende glaubt, er sei höchst wahrscheinlich der erste Europäer gewesen, der hier einen ganz merkwürdigen, 100 m hohen Wasserfall des stark eingeengten Hoangho gesehen hat. Beim Eisgang im Früh⸗ jahr häuft sich an den Rändern dieses Falles das Treibeis in solchen Massen, daß der Vortragende davon noch im Juni 1905 viele mächtige Schollen sah (und photgraphierte), die trotz 300° Hitze nicht geschmolzen waren. Die geologische Formation ist auch hier Sand⸗ stein, worin sich ganze Lager von Säugetierschädeln eingebettet fanden. Je weiter nördlich der Reisende kam, um so dünner erschien die Lößdecke, um so sichtbarer war in der Vegetation der Uebergang in ein fruchtbares Gelände. Nicht allzu fern von der Stelle, wo der Hoangho seinen vorher westöstlichen Lauf in einen nordsüdlichen ver⸗ wandelt, ist die Grenze zwischen dem eigentlichen China und der Mongolei, bezeichnet durch die berühmte Mauer, an der sich wichtige Straßen hinziehen. Das mongolische Gebiet, das sich zwischen dem ersten Fünftel des nordsüdlichen Hoangho⸗Laufes (später die Grenze zwischen Schensi und Schansi), dem vorgenannten west⸗ östlichen Lauf, der wohl 600 km lang ist, und einer ihm voran⸗ gehenden langen Strecke eines südnördlichen Flußlaufes erstreckt, trägt den Namen Ordos und ist das gerade Gegenstück der vorher durchwanderten Lößlandschaft, ein sehr fruchtbares Alluvialland, dem nur eine geordnete Wasserwirtschaft, Kanäle, Schleusen und Deiche fehlen, um es zu einem zweiten Mesopotamien des Altertums zu machen. Den Wert dieses Landes scheinen die Chinesen erst vor 10 Jahren erkannt zu haben; denn nicht älter sind ihre heeüeee um dies die nordwestliche Ecke des Hoangho einnehmende Gebiet, wobei sie gegen die bisher hier hausenden mongolischen Hirten ziemlich unsanft verfahren. Verkehrsfördernd wirkt hier auch der auf einer langen Strecke des Flusses, der auf horizontaler Basis mit geringem Gefälle strömt, von einer belgischen Gesellschaft eingerichtete Dampferdienst stromauf und stromab. Indem Dr. Tafel in südlicher Richtung den Hoangho weiter aufwärts verfolgte, kam er bei Nin⸗sia wieder in das Gebiet des eigentlichen Cluras zurück und im November 1905 endlich nach der Stadt Hsinan⸗fu, die am Fluß nicht fern der tibetanischen Grenze liegt. Hier führt eine Schiffbrücke über den 250 m breiten Hoangho, an deren Stelle z. Z. ein deutscher Unternehmer mit Errichtung einer eisernen Brücke be⸗ schäftigt ist. sinan⸗fu war 1904 die Basis der Expedition in das Innere von Tibet gewesen, sie wurde es auch für Dr. Tafel, der hier seine Karawane zusammenstellte, mit der er am 1. Dezember nach Süden aufbrach. Diese Karawane bestand aus 12 Pferden, 3 Maultieren, 45 Yakstieren, einigen Schafen, 4 tibetanischen Hunden und einer bewaff⸗ neten Begleitung von 8 Mann, wovon 4 mohammedanische Dungoner,

gute Dienste geleistet; denn sie

4 Chinesen waren. Als Reiseziel setzte sich Dr. Tafel die nochzu entdeckende

Hoangho⸗Quelle und das Tanglagebirge nördlich Lhassa; doch gossen

die nachfolgenden Ereignisse viel Wasser in den Wein seiner Hoffnungen.

Schon Anfang Januar war er am 3300 m hoch gelegenen Kuku⸗noor⸗

Salzsee angelangt und stand im Begriff nach dem westlich hiervon

gelegenen Tsaidam⸗Gebiet weiterzumarschieren, als er in der Nacht zum 16. Januar bei 30 ° Kälte von tibetanischen Räubern angegriffen wurde und sich genötigt sah, über das Packeis des Sees zur chinesischen Grenze zurückzukehren. Er verlor bei dem Ueberfall 5 Pferde und 8 Yaks, doch wurden ihm diese, dank der energischen Verfolgung der Räuber seitens des chinesischen Gouvernements in einigen Tagen zurückgebracht. Auf dem wieder aufgenommenen Marsch nach dem Tsaidam⸗Becken, der durch die furchtbare Unwegsamkeit und Zer⸗ klüftung des Gebirges sehr erschwert war, und der mit der Absicht, zu dem Quellgebiet des Hoangho im Odon⸗tala dem Sternenmeer sn gelangen, zusammenhing, sah sich Dr. Tafel zu einer Aenderung eines Reiseweges in südlicher Richtung veranlaßt, wobei er hart an dem heiligen Berge Nordtibets, dem 6500 m hohen Amnje Matschin, der mit vielen Klosterbauten besetzt ist, vorüberkam. ie hier betretene Südostecke Tibets ist das quellen⸗ und flußreichste Gebiet der Erde; denn hart nebeneinander entströmen dem Gebirge in engen Tälern in südöstlicher Richtung die Flüsse Hinterindiens und des Yangtseking. Es war inzwischen Hochsommer geworden, das Gebtrge durch die Tierwelt belebt, auch nicht völlig vegetationslos. Herden wilder Yaks von 500 1000 Häuptern wurden gesehen, die Menschen erwiesen

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sich nicht feindselig, so durfte der Reisende hoffen, wenn auch auf einem anderen als dem ursprünglich geplanten Wege, in das Herz Tibets vorzudringen. Im August stand die Karawane am Oberlauf des hier schon sehr wasserreichen Pangtsekiang. Da traf Dr. Tafel am 16. Sep⸗ tember ein vernichtender Schlag. Er wurde durch eine Uebermacht berittener tibetanischer Räuber angegriffen, verlor alle mitgeführten Tiere und den größten Teil seines Proviants und sah sich zur Rück⸗ kehr gegen die chinesische Grenze genötigt. Noch hatte er gehofft, seine Sammlungen zu retten; allein seine in Wut versetzten Begleiter verbrannten 1g angeblich um sie den Räubern nicht auch noch in die Hände fallen zu lassen. Die nächsten drei Monate der Rückkehr brachten furchtbare Entbehrungen; ebenso lange sah.Dr. Tafel kein Dach über seinem Haupt. Kaum war er, immer noch auf tibetanischem Boden, einigermaßen wieder in Ordnung, als er dem auf einer Reise begriffenen Dalai Lama be⸗ gegnete, der, neugierig auf den Fremden, ihm eine Audienz gewährte. Während der Unterredung erbat Dr. Tafel ein Glas Wasser; es wurde ihm überreicht, und der Dalai Lama ließ ihn trinken, obgleich, wie Dr. Tafel später erfuhr, der Priesterfürst des festen Glaubens lebte, daß, wer in seiner Gegenwart Speise oder Trank zu sich nehme, innerhalb sieben Tagen sterben müsse. Von Hsinan⸗fu aus trat im Januar 1907 Dr. Tafel seine dritte Reise nach Tibet an, diesmal aber unter der Begleitung einer militärischen Eskorte, die ihm ein soeben aus Tibet zurückgekehrter chinesischer General abgetreten hatte. Doch mußte auch diesmal die Absicht, die Hoangho⸗Quellen zu erreichen, auf⸗ gegeben werden; immerhin kam der Reisende von Sungapan-ting aus zum Knie des Hoangho. und es gelang ihm, die Ursachen der scharfen Wendung, die hier der Fluß nach Norden macht, aus den chaoctisch durch⸗ einander geworfenen Gebirgsformationen zu erklären. Verzichtet mußte im weiteren auch auf ein tieferes Eindringen nach Zentraltibet und zum Brahmaputraknie bis Schimong werden; aber Dr. Tafel hatte auf diesem dritten Ausfluge doch unvergleichlich mehr Muße und Ruhe, Land und Leute zu studieren, Typen der letzteren in vielen Photographien festzulegen, Gebetmühlanlagen an Wasserläufen auf die photographische Platte zu bringen und den Verhältnissen tibetanischer Wirtschaft Aufmerksamkeit zu widmen. Die Land⸗ wirtschaft ist nicht ganz so armselig, als man glauben sollte. In 3500 m Seehöhe wurden noch Gerstenfelder ge⸗ sehen, und die Vegetation in den geschützten, tief einge⸗ schnittenen Tälern ist üppiger, als man vermutet. Unter diesem Schutz gibt es an den Abhängen auch Wälder von Fichten, Weiden, Pappeln. Ueber die vielen Flußläufe führen häufig Hängebrücken, die kunstvoll aus Bambus hergestellt sind, doch benutzt man, wo es geht, auch leichte lederne Bote zum Uebersetzen über Flüsse. Ueber⸗ raschungen immer neuer Art gewähren die höchst eigentümlichen Bauten, besonders die Klöster, mit deren Ausdehnung der größte Klosterbau in unserm Erdteil nicht verglichen werden kann. Denn es gibt solche, die von 10 000 Lamas bewohnt sind. Dr. Tafel faßte sein Schluß⸗ urteil über Tibet in die Worte zusammen, daß er trotz Räubern, Wegeschwierigkeiten und Temperaturextremen doch Genuß an der drei Jahre dauernden Reise gehabt habe. Es blieb Geheimem Rat Hell⸗ mann vorbehalten, in seinem Dank für den anregenden, hochinteressanten Vortrag über so wechselvolle Ereignisse davon zu sprechen, daß allem Anschein nach auch die wissenschaftlichen Ergebnisse der Dr. Tafelschen Reise sich als recht belangreich erweisen würden. Die Versammlung hatte vorher bereits ihren lebhaftesten Beifall kundgegeben.

Es folgte der dritte und letzte Teil der Tagesordnung, die Ver⸗ kündung der nach altem Brauch im fünfjährigen Turnus seitens der Gesellschaft zur Verleihung kommenden Auszeichnungen. Es empfingen die goldene Karl Ritter⸗Medaille der Geheime Regierungsrat, Professor Dr. Hermann Wagner⸗Göttingen, die goldene Nachtigal⸗Medaille der Schiffsleiter der englischen antarktischen Expedition Captain Robert F. Scott (die Medaille wurde bei Abwesenheit“ des Prämiterten vom bri⸗ tischen Botschafter Sir Frank Lascelles in Empfang ge⸗ nommen), die silberne Karl Ritter⸗Medaille: Oberleutnant Wilhelm Filchner, Dr. Albert Tafel, Dr. Richard Kiepert und Professor Dr. Gottfried Merzbacher, die silberne Nachtigal⸗Medaille Georg von Prittwitz und Gaffron, Major in der Kaiserlichen Schutztruppe für Deutsch⸗Ostafrika, Haupt⸗ mann Adolf Freiherr von Seefried, Kartograph Max Maisel und Kartograph Paul Sprigade.

u Ehrenmitgliedern der Gesellschaft wurden noch 11, zu korrespondierenden Mitgliedern 12 um die Erdkunde verdiente Herren ernannt. Aus der Zahl der ersteren seien der Fürst Albert von Monaco und Professor Dr. Otto Nordenskiöld bervorgehoben.

Noch sei erwähnt, daß jedem Teilnehmer an der Versammlung am Eingang ein Kunstblatt überreicht worden war, entworfen von Maler Kuhnert und ausgeführt in der Kunstanstalt von Albert Frosch. Es enthält 7 treffliche Darstellungen, die an Forschungsreisen der letzten Jahre anknüpfen. Dem sich anschließenden Festmahl, an dem eine große Anzahl Damen teilnahmen, wohnten etwa 200 Personen bei.

Gesundheitswesen, Tierkrankheiten und Absperrungs⸗ maßregeln.

Nach der im Kaiserlichen Gesundheitsamt bearbeiteten Statistik über die Verbreitung von Tierseuchen im Deutschen Reich während des 4. Vierteljahrs 1907 trat die Maul⸗ und Klauenseuche neu auf in 331 Gehöften gegen 131 im 3. Vierteljahr 1907 mit einem Gesamtbestande von 11 571 Rindern gegen 1840 im 3. Vierteljahr 1907, 12 777 Schafen gegen 36 im 3. Vierteljahr 1907, 73 Ziegen gegen 3 im 3. Vierteljahr 1907, 9108 Schweinen gegen 251 im 3. Vierteljahr 1907. Am Schlusse des 4. Vierteljahrs 1907 blieben noch 247 Gehöfte in 128 Gemeinden (Gutsbezirken) verseucht.

Hamburg, 25. Mai. (W. T. B.) An Bord des aus Süd⸗ amerika eingetroffenen Dampfers „Neko“ wurden pestver⸗ dächtige Ratten gefunden. Das Schiff wird der Ausgasung mit dem Rattentötungsapparat unterworfen, die weitere Löschung der Ladung unter den üblichen Vorsichtsmaßregeln gestattet. Menschen sind nicht erkrankt.

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Verkehrsanstalten.

In Mkumbara in Deutsch⸗Ostafrika ist am 19. Mai eine Fesen kSgnehs stalt für den internationalen Verkehr eröffnet worden. kumbara liegt etwa 19 km nordwestlich von Mombo. Die Worttaxe für Telegramme nach Mkumbara ist dieselbe wie für Telegramme nach Daressalam.

8 Theater und Mufik. Neues Königliches Operntheater.

Das Gesamtgastspiel der Kaiserlich russischen Hof⸗ oper brachte gestern Peter Tschalkowskys Oper oder „lyrische Szenen“, wie sie der Tondichter richtiger nennt „Eugen Onegin“. Das Werk, das sich seinem Inhalt nach an Alexander Puschkins gleichnamigen, aus dem Jahre 1823 stammenden Roman anlehnt, ist von den deutschen Aufführungen im Theater des Westens hier schon bekannt. Die Schwächen des Terxtes, dem vor allen Dingen das dramatische Leben fehlt, vergißt man über die musikalischen Schönheiten der Partitur, die durch ihre überaus fein charakterisierende Art ungemein fesselt. Jeder Ton atmet förmlich den Geist der Handlung und vermittelt so recht eigentlich deren Verständnis. Ebenso wirkungsvoll sind die den slavischen Charakter tragenden Chöre und die eingestreuten Nationaltänze. Die Einstudierung der mancherlei Schwierigkeiten bietenden Musik unter der Leitung des Hofkapellmeisters Kruschewsky erschien gestern weit sorgfältiger als neulich die der „Pique⸗Dame“. Das Mozartorchester wird mit seiner durchaus nicht zu unterschätzenden Aufgabe, als Theaterkapelle zu dienen, allmählich vertrauter, vertrauter auch mit der etwas kobutten Art des Dirigenten, der es wohl nicht ge⸗ wöhnt ist, erzieherisch auf den ihm unterstellten Tonkörper zu wirken. Von den Mitwirkenden ragte Medea Fiegner als Tatjana sowohl.