1911 / 24 p. 6 (Deutscher Reichsanzeiger, Fri, 27 Jan 1911 18:00:01 GMT) scan diff

Die Eltern auf dem Lande klagen darüber, daß ihre Söhne nicht wieder in den bäuerlichen Beruf zurückkehren. Das ist teilweise wohl auch darauf zurückzuführen, daß die Winterschulen in den Städten liegen. Die jungen Bauernsöhne haben so das Stadtleben kennen gelernt und wollen nicht mehr auf das Land zurück. Auch tragen teilweise die Direktoren der Winterschulen Schuld, indem sie den jungen Leuten zu schnell in der Stadt Beamtenstellen verschaffen. Es wird nötig sein, die Winterschulen für kleinere Bezirke ein⸗ zurichten, damit die Bauernsöhne nicht in Pension zu gehen brauchen, ondern jeden Tag nach Hause zurückkehren können. Auch der Lehr⸗ plan für die Winterschulen muß so umgestaltet werden, daß die Lehrpläne nur für einen Winter berechnet sind. Die Schlesische Landwirtschaftskammer hat sich vorgenommen, eine Anzahl von Winterschulen zu errichten. Ich habe den Auftrag, den Minister zu bitten, sein Wohlwollen für diese Bestrebung durch Zuschüsse zu bezeigen. Die Landwirtschaftskammer der Provinz Schlesien be⸗ absichtigt ferner, eine landwirtschaftliche Beamtenschule einzurichten, um Beamte zur Leitung und selbständigen Führung von großen Wirtschaften auszubilden. Ich würde mich freuen, wenn der Minister auch diesem Plane möglichst sympathisch gegenüberstände. Das land⸗ wirtschaftliche Institut in Breskau bedarf dringend eines Neubaues. Ich bitte den Minister, dieser dringenden Notwendigkeit seine Auf⸗ merksamkeit zu widmen. Zu dem bevorstehenden Jubiläum würden sowohl Private als auch die Landwirtschaftskammer bereit sein, größere Mittel zur Verfügung zu stellen, wenn der Minister seine Zustimmung zu einem baldigen Neubau aussprechen würde.

Das Kapitel der landwirtschaftlichen Lehranstalten wird bewilligt, eine Petition des Magistrats in Aschersleben um Errichtung einer berechtigten Landwirtschaftsschule in Aschers⸗ leben der Regierung gemäß dem Antrage der Kommission zur Erwägung überwiesen.

Beim Kapitel „Tierärztliche Hochschulen“ bemerkt

Abg. Wulfert⸗Meyer (kons.) bezüglich des Hochschulstreiks in Hannover: Ein derartiges Vorgehen der Studenten müssen wir ent⸗ schieden verurteilen. Wir muͤssen es um so mehr für verwerflich halten, als durch Einflüsse von einer gewissen Seite die Herren Studenten zu einem derartigen Vorgehen veranlaßt sein sollen. Ich hoffe, daß, nachdem es der Energie des Ministers gelungen ist, den Streik aufzuheben, es ihm auch gelingen wird, durch irgendwelche Mittel derartige Wiederholungen von voruherein unmöglich zu machen.

Abg. Leinert (Soz.): In die Verurteilung des Studenten⸗ streiks kann ich nicht einstimmen. Wir haben diesen Streik freudig begrüßt. Das Professorenkollegium der Tierärztlichen Hochschule hatte Schritte unternommen, um von dem Land⸗ wirtschaftsminister die Zustimmung zur Einführung der Rektorats⸗ verfassung zu crreichen. Das hat der Landwirtschaftsminister ab⸗ gelehnt, weil der jetzige Direktor sein 50 jähriges Jubiläum als Direktor feiern soll und nicht als Rektor. 1878 ist schon eine Rektoratsverfassung dieser Hochschule versprochen worden. Wir halten es für richtig, daß sich die Studenten der Bevormundung des Staates und des Landwirtschaftsministers entziehen wollen. Es gibt ja a Streiks, die die Regierung unterstützt hat, z. B. den Aerztestreik. Au andere Stände streiken. Auch der Ministerpräsident streikt; seitdem das Haus eröffnet ist, ist er noch nicht hier erschienen. Die Studenten veranstalten jetzt segar Demonstrationszüge: wir be⸗ grüßen es, daß auch die Studenten diese modernen Mittel zur An⸗ wendung bringen, mit denen die Sczialdemokratie auch das gleiche Wahlrecht für Preußen erreichen wird.

Das Kapitel wird genehmigt.

Bei dem Kapitel „Veterinärwesen“ referier

Abg. von Arnim⸗Züsedom (kons.) als Berichterstatter der Kommission über die Maßregeln, die die Regierung außer den Maß⸗ nahmen zur Bekämpfung der Maul⸗ und Klauenseuche zur Be⸗ seitigung der übrigen Viehseuchen treffen will.

Abg. Berndt (Zentr.): Eine der gefährlichsten Seuchen, die unserer Viebzucht ungeheuere Schäden bringt, ist der Scheidenkatarrh. Die

rgebnisse des Getreidebaues sind nicht so groß, daß der Land⸗ wirt von diesen leben könnte. Er muß sich, wenn seine Wirt⸗ scchaft rentabel sein soll, der Viehzucht zuwenden. Durch diese Seuche werden aber die Geburtszahlen außerordentlich herabgemindert. Es wird nicht nötig sein, so scharfe Maßregeln wie bei der Maul⸗ und Klauenseuche zu ergreifen; durch solche würden unzählige Besitzer wirt⸗ schaftlich achteiligt und manche ganz und gar ruiniert werden. Sie sind aber auch nicht notig: es genügt, wenn das kranke Vieh dur Brandmale gekennzeichnet wird. 8 85 8—

Das Kapitel wird bewillit6. 8 *

Im Kapitel „Förderung der Viehzucht ist der Dispositions⸗ fonds zur Förderung der Viehzucht und des Molkereiwesens mit 1 950 000 ℳ, das sind 100 000 mehr als im Vorjahre, ausgestattet.

Hierzn liegt der Antrag der Abgg. Lüders ffreikons.) u. Gen. vor: die Regierung zu ersuchen, im nächsten Etat erheb⸗ liche Mittel zur Förderung der Ziegenzucht vorzusehen.

Abg. von Stockhausen (kons.) spricht seine Freude über die Er⸗ höhung der Mittel für die Viehzucht aus, weist aber darauf hin, daß i andern Staaten, z. B. Oesterreich⸗Ungarn, bedeutend höhere Mittel für diesen Zweck verwendet werden. Ich bitte deshalb den Minister, in Zukunft noch weitere Mittel zur Verfügung zu stellen. Es handelt sich nicht um Privatinteressen, sondern um Interessen der All⸗ gemeinheit. Die Hauptsache ist, daß der Fleischbedarf unseres Volkes durch die heimische Produktion gedeckt werden kann. Die Fleisch⸗ rreise richten sich nach Angebot und Nachfrage. Die Seuchen gecinträchtigen allerdings in hohem Maße unsere Viehproduktion.

gibt keine Sicherheit dafür, daß in dem aus dem Auslande ein⸗

üh Fleisch keine übertragbaren Krankheitskeime vorhanden ind; Milzbrandbazillen sind z. B. überhaupt nicht zu töten. Die Dualität des ausländischen Fleisches läßt sich gar nicht beurteilen, wenn nicht innere Organe mit zur Untersuchung gestellt werden. Es ist deshalb nicht ausgeschlossen, daß dieses Fleisch, das einen billigeren Preis hat, minderwertig ist, und dieses Fleisch macht dem heimischen geradezu eine unlautere Konkurrtenz. Nach dem Gesetz über die Fleischbeschaun unterliegt das von einem approbierten Tierarzt untersuchte Fleisch nicht mehr einer neuen

n

Untersuchung in den städtischen Schlachthäusern. Der Schläachter auf dem Lande läßt sein Fleisch aber von einem Fleischbeschauer unter⸗ suchen, der zwar geprüft, aber nicht approbierter Tierarzt ist. Die Städte verlangen nun, daß dieses Fleisch auf dem Schlachthofe noch einmal von der Stadt untersucht wird. Dieses Fleisch kommt dann in den Verdacht, minderwertig zu sein, und es wird im Preise herab⸗ gedrückt. Dadurch wird die Monopolstellung der städtischen Schlächter gestärkt. Die doppelte Untersuchung macht natürlich neue Kosten, und wenn dadurch das Fleisch verteuert wird, so ist es nicht Schuld der Landwirtschaft. Die in der Provinz Hessen⸗Nassau bestehende Bestimmung über die Fleischbeschau bei der Hausschlachtung sollte aufgeboben werden.

Abg. Heine (nl.): Ich begrüße gleichfalls die Erhöhung der Mittel für die Viehsucht mit großer Freude. Für die Ziegenzucht sind bisher 40 000 vorgesehen: das ist nicht genügend, wenn man bekenkt, daß in Preußen in 1,2 Million Haushaltungen Ziegen ge⸗ halten werden. Es ist nicht zu verkennen, daß in den seten Jahren schon Fortschritte in der Ziegenzucht gemacht worden sind, aber in manchen Gegenden liegt die Ziegenzucht doch noch im argen. Ich bin damit einverstanden, daß die Regierung Unterstützungen für die Ziegenzucht nicht an einzelne gibt, sondern die Mittel für Ziegen⸗ zuchtstationen verwendet. Von einer Unterernährung unserer land⸗ lichen Bevölkerung kann man allerdings noch nicht sprechen, aber eine

ermehrte Ziegenbaltung kann in der kleineren Landwirtschaft und unker der Acbeiterbevolkerung dazu beitragen, einer Degeneration unseres Volles vorzubeugen. 111.““ . bg. Lh pers efrkom.) beförwortei seinen Antrag wegen Förderung der Ziegenzucht und berichtelsgsuäber die Tätigkeit der Ziegenzucht⸗

vereine. Hauptverein für Ziegenzucht hat 1909 und 1910 4000 und 5000 für Zuchtpreise ausgesetzt, der Staat hat dagegen für Preise nur 400 und 480 ausgegeben. Durch die Aussetzung von Preisen sind die besten Erfolge erzielt worden. Die Ziegenzucht hat eine große volkswirtschaftliche Bedeutung, die Ziege auf dem Lande gibt den Kindern der kleinen Leute eine gute Milch. Der Minister sollte im nächsten Etat mindestens 200 000 zur Foörderung der Ziegenzucht einstellen.

Minister für Landwirtschaft, Domänen und Forsten Dr. Freiherr von Schorlemer:

Meine Herren! Herr Abg. von Stockhausen hat den Wunsch ausgesprochen, eine Aenderung der Bestimmungen des Ausführungs⸗ gesetzes zum Fleischbeschaugesetz nach der Richtung hin herbeizuführen, daß das bereits am Verkaufsorte untersuchte Fleisch einer nochmaligen Untersuchung in den städtischen Schlachthäusern nicht unterworfen zu werden braucht. Augenblicklich unterliegt dasjenige Fleisch, welches bereits von einem Tierarzt untersucht worden ist, in den städtischen Schlachthäusern keiner nochmaligen Untersuchung, wohl aber dasjenige Fleisch, welches von nicht tierärztlichen Fleischbeschauern untersucht worden ist. Sie wissen, daß diese Bestimmung seinerzeit nach schweren Kämpfen in das Ausführungsgesetz zum Fleischbeschaugesetz hinein⸗ gekommen ist, und ich sehe keine Aussicht, auf dem Wege der Gesetz⸗ gebung diese Bestimmung zu ändern, auf welche die sämtlichen Städte natürlich großen Wert legen; denn sie haben alle von der im Fleischbeschaugesetz gegebenen Ermächtigung Gebrauch gemacht und bringen alles Fleisch, welches nicht von einem Tierarzt untersucht worden ist, nochmals zur Untersuchung. Im übrigen werden die vom Herrn Abg. von Stockhausen erhobenen Klagen, soweit mir bekannt, anderweitig nicht in gleichem Maße erhoben, und ich möchte jeden⸗ falls anraten, vorläufig diese Angelegenheit nicht weiter zu verfolgen.

Ich habe es mit besonderem Danke begrüßt, daß Herr Abg. Heine auf die große Bedeutung der Vermehrung unserer Viehweiden auf⸗ merksam gemacht hat. In dem Augenblicke, wo wir uns erfreulicher⸗ weise entschlossen haben, der Viehzucht unsere besondere Aufmerksamkeit zuzuwenden, und wo auch konstatiert werden kann, daß sich tatsächlich auf diesem Gebiete ein reger und auch erfolgreicher Eifer geltend macht, kann nicht genug darauf hingewiesen werden, wie notwendig und nütz⸗ lich für die Aufzucht auch die Weide ist. In den früheren Jahren, wo die Stallfütterung eine so große Rolle spielte und der kleine Land⸗ wirt beinahe dahin gekommen war, daß er es für das richtigste hielt, sein Vieh überhaupt nicht mehr aus dem Stall zu nehmen, hat die Viehzucht ungeheuer gelitten (sehr wahr! rechts); daß wir jetzt so viel krankes und minderwertiges Vieh im Stalle haben, hat nicht zum mindesten seine Ursache darin, daß das Vieh in der Jugend und während der Aufzucht nicht richtig behandelt worden ist. (Sehr richtig! rechts.)

Ich glaube, Sie werden es deshalb auch anerkennen, daß die landwirtschaftliche Verwaltung seit Jahren durch besondere und nicht unbedeutende Mittel die Anlage und Erhaltung von Viehweiden ge⸗ fördert hat. Der große Grundbesitzer und Viehzüchter sorgt von selbst dafür, daß er auch die nötigen Weiden hat; aber gerade dem kleinen Landwirt fehlt es an Weiden und an Lauf⸗ und Tummelplätzen, und da ist es Sache der landwirtschaftlichen Korporationen, natürlich auch der Gemeinden und Kreise, und ebenso der landwirtschaftlichen Verwaltung für entsprechende Vermehrung dieser Weiden, Tummel⸗ und Laufplätze zu sorgen.

Was nun die für die Ziegenzucht geäußerten Wünsche anbetrifft, so kann ich mich zunächst darauf berufen, daß die landwirtschaftliche Ver⸗ waltung in den letzten Jahren schon nicht unerhebliche Mittel für die Zwecke der Ziegenzucht aufgewendet hat; es waren, wie der Herr Abg. Lüders bereits bemerkt hat, im letzten Jahre nahezu 40 000 ℳ. Sie sind nicht besonders im Etat ausgeworfen, sondern in der großen Summe von 1 050 000 enthalten, die zur Förderung der Zucht „anderer landwirtschaftlicher Tiergattungen“ bestimmt ist. Wir würden also auch ohne einen besonderen Etatstitel in der Lage sein, in den nächsten Jahren weitere Mittel für die Zwecke der Ziegenzucht verfügbar zu machen.

Aber ich möchte doch gegenüber den Ausführungen des Herrn Abg. Lüders darauf hinweisen, daß nicht in allen Bezirken in gleicher Weise so richtig und auch so erfolgreich verfahren worden ist, wie im Bezirk Hildesheim. Man hat sich vielfach darauf beschränkt, die Mittel für die Ziegenzucht den einzelnen Besitzern zukommen zu lassen; man hat das Heil der Ziegenzucht in dem Import fremder Ziegenarten, vor allem auch der Saanenziegen, erblickt, und man hat sich auch nicht an den ich kann wohl sagen Avothekerpreisen gestoßen (sehr richtig! rechts), die in den Gegenden gefordert worden sind, die sich rühmten, besondere Ziegenarten zu produzieren. Ich habe schon in meinen früheren Berufsstellungen immer davor gewarnt, allzu viel Geld für den Import fremder Ziegen auszugeben (sehr richtig! rechts): ich habe hervorgehoben, wie notwendig es sei, zur Förderung der Ziegenzucht in erster Linie Ziegenzuchtvereine zu gründen (sehr richtig! rechts) und dafür zu sorgen, daß das Material zur Hebung der Zucht auch im eigenen Lande aufgezogen würde. (Sehr gut! rechts.) Von diesem Gesichtspunkte aus gibt auch die landwirtschaftliche Ver⸗ waltung die Unterstützungen für die Ziegenzucht nicht den einzelnen Besitzern, sondern den Ziegenzuchtvereinen, und wir können es nur dankbar begrüßen, daß die Zahl dieser Vereine in stetiger Zunahme begriffen ist. Wie ich eben höre, wird sogar im nächsten Jahre schon der erste Kontrollverein auf dem Gebiete der Ziegenzucht ins Leben gerufen werden.

Nun verkenne ich nicht die Bedeutung der Ziegenzucht und vor allen Dingen auch nicht die Tatsache, daß die Ziege wohl mit Recht als die Kuh des armen Mannes bezeichnet werden kann. (Sehr richtig!) Aber aus dem Verzeichnis der Mitglieder der Ziegenzuchtvereine im Regierungsbezirk Hildesheim, das der Herr Abg. Lüders vorgelegt hat, ersehe ich doch, daß die auch sonst gemachte Wahrnehmung zutrifft, daß nämlich der größere Teil der Mitglieder der Ziegenzuchtvereine nicht dem Kreise der eigentlichen Landwirte und der landwirtschaft⸗ lichen Arbeiter angehört. Im Bezirk Hildesheim zählen die im Beginn des Jahres 1907 angeschlossenen Vereine 3388 Mitglieder, und davon sind ungefähr 1000 Landwirte und landwirtschaftliche Arbeiter. Meine Herren, das ist erklärlich, wenn man bedenkt, daß jeder, der genügendes Futter zur Verfügung hat, es natürlich vorzieht, sich nicht eine Ziege, sondern eine Kuh oder ein Schwein zu halten, und daß die Ziegen eben nur in den Haushaltungen Verwendung finden, wo Futter füͤr eine andere Tiergattung nicht vorhanden ist. Es sind in erster Linie die industriellen Arbeiter, die die Ziege in ihren Haushaltungen benutzen (sehr richtig!), und ich möchte deshalb auch au die Herren ders Industrie die Bitte richten, noch mehr als

bisher dafür Sorge z ter ihren Arbeitern die Ziegenzucht gehoben und auch ihrerseits Mittel für die Zwecke der Ziegenzucht zur Verfügung gestellt werden. (Sehr richtig!) Selbstverständlich wird das die landwirtschaftliche Verwaltung nicht abhalten, auch ihrerseits weiter für die Zwecke der Ziegenzucht tätig zu sein und soweit als möglich für dieselbe auch Mittel zur Verfügung zu stellen. Ob nun gerade 200 000 dafür bewilligt werden können, das möchte ich für den Augenblick bestreiten. Auch diese Zucht, meine Herren, können wir nicht von heute auf morgen vornehmen. Es muß auch dort mit Umsicht und mit Vorsicht ver⸗ fahren werden, und es dürfen, wie gesagt, die Unterstützungen und Beihilfen nur da gegeben werden, wo ein wirklicher Erfolg davon zu erhoffen ist. Aber meiner Geneigtheit, auch auf diesem Ge⸗ biete weitere Unterstützungen zu gewähren, dürfen Sie versichert sein.

Der Antrag an wiesen. Das Kapitel wird bewilligt.

Beim Kapitel „Förderung der Fischerei“ bemerkt

Abg. Gyßling (fortschr. Volksp.): Meine Freunde haben wiederholt auf die Notwendigkeit einer Regelung der rechtlichen Verhältnisse der Fischerei hingewiesen. Der Minister hat die Einbringung des Wasser⸗ gesetzes für die nächste Session in Aussicht gestellt. Der Amtsvorgänger des Ministers hat im vorigen Jahre gesagt, daß das Fischereigesetz nur in. Verbindung mit dem Wassergesetz vorgelegt werden könne. Ich bitte deshalb den Minister um eine Auskunft, ob mit dem Wassergesetz im nächsten Jahre auch das Fischereigesetz vorgelegt werden wird. Ich möchte auch empfehlen, wenn der Entwurf fertiggestellt ist, ihn sofort der östentlichen Kritik zu unterbreiten. In dem Fischereigesetz wird auch Bestimmung zu treffen sein über die gemeinschaftliche Bewirtschaftung von Seen, die in ver⸗ schiedenen Bundesstaaten liegen. Die staatlichen Mittel zur Förderung der Fischerei haben sich jahrelang immer in der⸗ selben Hohe gehalten: wenn jetzt der Fonds für die Viehzucht er⸗ höht wird, konnen wir auch mit Recht verlangen, daß der Fonds für die Fischerei gleichfalls erhöht wird. Im vorigen Jabhre haben wir eine Petition der Ahlbecker Fischer gegen die Zeesen⸗ und Grundschleppnetzfischerei der Regierung zur Erwagung über⸗ viesen. Die Regierung erklärte damals, daß die Zceesenfischerei nicht ganz verboten werden könne. Ich bitte die Regierung um Aus⸗ kunft darüber, was sie aus Anlaß dieser Petition getan hat. Ferner bitte ich um Auskunft über die Frage einer Erweiterung der Schonzeit der Fische bis zum 20. Mai. Ich lenke sodann die Aufmerksamkeit des Ministers auf die ungünstige Lage der Fischer auf der Kurischen Nehrung; gewiß müssen für Uebertretungen der Fischer Strafen ver⸗ hängt werden, aber solche Strafen müssen immer in richtigem Ver⸗ hältnis zu der Vermögenslage der Fischer stehen.

Abg. von Böhlendorff⸗Koölpin (kons.): Ich bitte, bei Fischerei⸗ bauten Sachverständige mehr zu Rate zu ziehen. Bei der Verpachtung von Domänen muß die Fischereibevölkerung mag⸗

8

lichst berücksichtigt werden, damit der Fischer nebenbei auch Land⸗ wirtschaft treiben kann. Bei dem Zuwachs der Bevölkerung müßte

doch auch der Fischfang zunehmen; das ist aber leider nicht der Fall. Deshalb muß von der Regierung mehr für die Hebung der Fischerei getan werden. Bei der eigentümlichen Lebensweise des Aals muß da⸗ für gesorgt werden, daß, wenn die jungen Aale auftreten, möglichft viel gefangen und in unsere Gewässer gebracht werden. Für die Binnensischerei wird zu wenig getan. Es werden nur 167⸗ bis 170 000 für die Binnensischerei aufgewandt, während das Reich für die Seesischerei 400 000 aufwendet. Ich möchte den Minister fragen, wann das Fischereigesetz erscheinen wird. Man sollte so schnell wie möglich die Provinzialverordnungen einer Revision unterziehen. Ich kann es nicht länger verantworten, daß immer die Vertröstung gegeben wird: Nächstes Jahr! Die Handhabung der jetzigen Bestimmungen führt zu vielen Ungerechtigkeiten durch die Beamten: es wird zwar mit vielem

Phlichteifer, aber doch mit außerordentlichem Ungeschick vorgegangen.

Da muß der Minister energisch eingreifen.

Abg. Schwabach (nl.): Durch die schematische Handhabung der Ausführungsbestimmungen treten vielfach ungeheure Härten gegen die Fischer zu Tage. Auch ich richte an den Minister die Bitte, den Entwurf eines Fischereigesetzes so bald als möglich der öffent⸗ lichen Kritik zu unterbreiten. In dem neuen Gesetz muß unbedingt eine Häufung von Strafen für dasselbe Versehen vermieden werden. Wir begrüßen cs, daß nach den Erklärungen in der Budgetkommission fischereitechnisch vorgebildete Beamte mit dem ausgesprochenen Zweck vorgesehen sind, den Fischereibeamten und den Fischern mit Rat⸗ schlägen an die Hand zu gehen.

Abg. Heine (nl.) regt an, daß, wenn auch in diesem Sommer wieder ein jo starkes Fischsterben wie im vorigen Sommer auftreten sollte, ein Beamter des Instituts für Binnenfischerei am Müggelsee in das betreffende Gebiet gesandt wird. Es sei nicht moglich, die Fische zur Untersuchung dem Institut einzusenden, da wegen der großen Hitze die Fische nicht mehr in unverdorbenem Zustande ankommen. 1 g. 58 Abg. von Kloeden kons.): In dem e Se eset die Abwässerfrage geregelt werden. Durch die industriellen Abwässe wird das Wasser oft derartig verseucht, daß die Fische massenbaft sterben. Besonders die Verunreinigung des Rheivs ist äaußerordentlich vorgeschritten. Das „Wiesbadener Tageblatt⸗ 888 sogar, daß der Rhein teilweise stinkt“. Ein Cölner Blatt hat jogar vor dem Baden im Rhein gewarnt. Das baverische Wassergesetz zeigt, daß allen berechtigten Wünschen entsprochen werden kann. Unseren bedeutendsten Strom, den Rhein, müssen wir so sanber halten, daß die Auwohner und die Fischer in ihrer Gesundheit nicht gefährdet werden. Ich stebe in meinem Wahlkreis auf der Wacht am Mhein“ und hoffe, daß zuch Sie mich darin unterstützen, auch weiter „des Stromes Hüter sein zu Fkönnoen. Minister für Schorlemer:

Meine Herren! Der Abg. Gyßling hat wegen des Fischerri⸗ gesetzes angefragt und auch sein Bedauern darüber zum Ausdruck ge⸗ bracht, daß es noch nicht vorgelegt werden konnte. Ich brauche darüber, daß das Fischereigesetz nicht eher vorgelegt werden kann als das Wassergesetz, wohl weiteres nicht zu sagen. Es gibt eire Reihe von Bestimmungen des Fischereigesetzes, die wieder von Be⸗ stimmungen des Wassergesetzes abhängig sind, und es wird nur mög⸗ lich sein, das Fischereigesetz gleichzeitig mit dem Wassergesetz dem Landtag vorzulegen. Daß das Wassergesetz in der nächsten Session vorgelegt werden kann, hoffe ich mit aller Bestimmtheit versichern zu können. Es ist ja richtig, daß bereits auch in früheren Jahren eine derartige Zusage gemacht worden ist; die tatsächlichen Verhältnisse haben sich doch aber insofern verändert bezw. gebessert, als nunmehr der Wassergesetzentwurf zur Zeit der kommissarischen Beratung in den beteiligten Ministerien unterliegt und die sichere Aussicht besteht, daß diese kommissarische Beratung vor Beginn des Sommers zu Ende geführt werden kann.

Das Fischereigesetz selbst ist ebenfalls fertiggestellt und bereits dem Landesökonomiekollegium mit dem Ersuchen zugegangen, seine Beratung in einer besonderen Kommission zu veranlassen. Es wird ebenso auch den Fischereiverbänden und sonstigen Interessenten zugehen und also ausreichend Gelegenhen gegeben werden, etwaige Wäünsche

auf Aenderungen oder Zusatze in diesem Gesetz rechtzeilig zu äußern⸗

8 Lüders wird an die Budgetkommission über⸗

Landwirtschaft ꝛc. Dr. Freiherr von

Ich möchte dann noch gegenüber einer hier gestellten Anfrage

ausdrücklich bemerken, daß das Wassergesetz auch eingehende Be⸗ simmungen über die Verunreinigung der Wasserläufe enthält und in dieser Beziehung also auch den hier geäußerten Wünschen Rechnung trägt.

Was nun die von dem Herrn Abg. von Kloeden besprochene Ver⸗ mreinigung des Rheins und des Mains angeht, so ist die landwirt⸗ chaftliche Vewaltung schon seit Jahren bemüht, soweit es in hrer Macht liegt und Sache ihres Ressorts ist, den beklagten Uebelständen abzuhelfen. In Wiesbaden ist jetzt eine Ueberwachungsstelle eingerichtet, die sich der Aufgabe unterzieht, iie Verunreinigung des Mains zu beobachten und deren Ursache zu rforschen. Auch mit Hessen sind Verhandlangen angeknüpft, um gmmeinschaftlich gegen eine weitere Flußverunreinigung vorzugehen.

Wie weit in einzelnen Fällen das Fischsterben auf Verunreinigung der Flüsse zurückzuführen ist, unterliegt besonderer Untersuchung. Wenn an einer einzelnen Stelle, mwie von dem Herrn Abg. Heine ervorgehoben worden ist, über Fischsterben geklagt wird, so bin ich ern bereit, einen Sachverständigen dorthin zu senden und die Sache n Ort und Stelle untersuchen zu lassen.

Wenn ich mich nun zu dem Ultimatum wende, das der Herr Abg. von Böhlendorff der landwirtschaftlichen Verwaltung gestellt at (Heiterkeit), so möchte ich vorab bemerken, daß schon jetzt bei dem Bau von Fischereihäfen eine Verständigung zwischen der Bauver⸗ baltung und der landwirtschaftlichen Verwaltung stattfindet, daß wir

ber natürlich nicht in der Lage sind, in technischer Beziehung der Bauverwaltung Vorschriften zu machen, und daß es wohl richtiger sein fürde, sich mit diesbezüglichen Wünschen in erster Linie an die Bau⸗ perwaltung zu wenden.

Hinsichtlich der Binnenfischerei darf ich darauf aufmerksam machen, daß das Institut am Müggelsce wohl genügen wird, um den not⸗ endigen wissenschaftlichen Forschungen Rechnung zu tragen, daß wir ber auch außerdem noch eine ganze Reihe von bprivaten Ver⸗ astaltungen haben, welche ebenfalls der Binnenfischerei zu dienen be⸗ timmt sind und, wie ich glaube, auch besonders in der Provinz Schlesien bezüglich der Teichwirtschaft ihre Aufgabe hinreichend erfüllen.

Einen besonderen Gegenstand der Klagen hat dann das Verhalten

der Fischereiaufsichtsbeamten gebildet sowohl seitens des Herrn Abg.

von Böhlendorff wie des Herrn Abg. Schwabach! Ich habe keinen Grund, mit der Erklärung zurückzuhalten, daß ich es lebhaft bedauere, wenn die Fischereibeamten der ihnen ausdrücklich noch kürzlich an⸗ empfohlenen Verpflichtung nicht nachkommen und der Fischer⸗ bevölkerung lediglich als Polizeibeamte entgegentreten, statt

beachten, daß sie auch berufen sind, die Fischerei⸗ bevölkerung mit Rat und Tat zu unterstützen (bravo!); gerade dieses ist den Fischereibeamten noch besonders ans Herz gelegt worden. Ich hoffe, daß sie der ihnen von Aufsichts wegen zuteil gewordenen Ermahnung auch nachkommen werden. Sollte das aus⸗ nahmsweise nicht der Fall sein, so brauche ich nicht zu versichern, daß die Landwirtschaftliche Verwaltung einschreiten wird. Aber auf der anderen Seite, meine Herren, werden Sie mir auch darin zustimmen müssen, daß nun einmal Ordnung auch auf dem Gebiete der Fischerei sein muß, und daß man von den Fischereiaufsichtsbeamten nicht ver⸗ langen kann, daß sie nun jeden Fall von Uebertretung einfach un⸗ geahndet lassen; auch Strafen sind nicht zu entbehren; aber die Fischereibeamten müssen menschlich und vor allen Dingen. freundlich der Bevölkerung gegenüher auftreten. Wo es daran fehlen sollte,

werde ich gern berechtigten Klagen abhelfen. (Bravo!)

Meine Herren, ich glaube, daß ich damit so ziemlich alles be⸗

antwortet habe, was von den letzten Herren Vorrednern zur Sprache

gebracht worden ist. Es war, glaube ich, der Herr Abg. von Böhlen⸗ dorff, der noch speziell auf die weitere Verwendung von Motoren in

der Schiffahrt aufmerksam machte. Das wird sich wohl in erster

Linie auf die Seefischerei beziehen; auf diesem Gebiete sind von Reichs

wegen schon reichliche Unterstützungen gegeben. (Bravo!)

Das Kapitel wird bewilligt.

Es folgt das Kapitel „Landesmeliorationen, Moor⸗, Deich⸗, Ufer⸗ und Dünenwesen“.

Abg. von dem Hagen (Zentr.) begrüßt die in der Thronrede an⸗ gekündigten Maßnahmen, von denen gerade sein Wahlzzeis sich außer⸗

ordentlichen Nutzen versprechen würde.

Abg. Glatzel (nl.): Die Stelle der Thronrede über die Landes⸗ meliorationen verdient besondere Beachtung. Es handelt sich hier um Flächen, die ein ganzes neues Königreich entstehen lassen konnten. Gerade die Besiedlung mit Kleinbesitzern würde außerordentliche Vorteile bringen. Es ist berechnet, daß auf den kultivierten Mooren eine Bevölkerung von 300 000 Menschen angesiedelt werden kann, und daß unsere Fleischproduktion so wird vermehrt werden können, daß sie den in⸗ ländischen Bedarf vollkommen deckt. In den Mooren lagern ferner Jahrhundette alte, wertvolle Kulturschätze, die noch nicht gehoben worden sind. Man denke darau, wie durch die Einführung der Berg⸗ baufreiheit die Aufschließung der Bodenschätze zugenommen hat gegen die früheren Zkiten, wo der Bergbau ein Regal war. Zu dieser Aufschließung der Moore muß das Privatkapital herangezogen verden. Dieses Kapital wird nicht nutzlos verwendet werden, sondern reiche Früchte tragen. Die Aufschließung der fiskalischen Moore wird keine großen Schwierigkeiten machen, der Staat kann dort mit der Entwässerung und den Wegebanten vergehen. Aber es be⸗ sinden sich auch Moore von insgesamt 1,3 Million Hektar Fläche in Händen von Privaten, und da liegt die Sache anders. Aber auch auf den privaten Mooren muß ein einheitliches Verfahren durchgeführt werden, und der Staat wird zu überlegen haben, wie das zu machen ist. Die Bildung von Genossenschaften ist viel⸗ leicht zu schwerfällig. Vielleicht ist es möglich, die privaten Moore erst in den Staatsbesitz überzuführen und dann mit der Siedlung zu beginnen. Die Privaten, die sfelbst in großem Stile vorgehen wollen, werden dazu sehr großer Geldmittel. bedürfen, und es muß erwogen werden, wie ihnen diese Mittel zur Verfügung gestellt werden köonnen. Vielleicht könnte ihnen nach der Art der Kredit⸗ gewährung bei den Rentengutsbildungen Zwischenkredit gegeben werden. Es ist auch schon mit Hilfe der elektrischen Ueberland⸗ jentralen versucht worden, Moore zu kultivieren. In der Kom⸗ mission ist vor einem zu schnellen Vorgehen gewarnt worden, weil es an der erforderlichen Bevolkerung zur Ansiedlung fehlen könnte. Diese Befürchtung teile ich angesichts unserer jäahrlichen Bevölkerungs⸗ zunahme von 900 000 Seelen im Deutschen Reiche nicht. Ich freue mich, daß wir jetzt endlich entschlossen sind, auf diesem Gebiete etwas

Großes zu tun. Das bietet eine herrliche Perspektive. Der Minister kann sicher sein, daß meine Freunde alle Mittel, die er fordern wird, freudig bewilligen werden. 1

Abg. Dr. von Campe (ul.): Ich habe schon wiederbolt auf den Mißstand hingewiesen, daß die Innerste im Sommer regelmäͤßig blei⸗ und zinkhaltigen Sand aus dem Harz mit sich führt. Die Regierung hat uns Vorbeugungsmaßregeln durch die Bergverwaltung des Harzes zugesagt, es ist auch von der landwirtschaftlichen Verwaltung eine Melioration der dadurch devastierten Aecker in Aussicht gestellt n orden.

Ein Regierungskommissar erwidert, daß von der Berg⸗

verwaltung im Harz

Kläranlagen geschaffen worden sind, die die Ab⸗ führung solcher schädlichen Bestandteile aus den fiskalischen Berg⸗ werken verhindern werden. Außerdem ist ein Prejekt für die Ein⸗ deichung und Regulierung der Innerste aufgestellt worden.

Schifferer (nl.) weist auf die Notwendigkeit hin, in den nordschleswigschen Küstengebieten, die der Ueberschwemmung aus⸗ gesetzt seien, Bewässerungs⸗ und Entwässerungsanlagen zu beschaffen, damit die Landbevölkerung, deren Wiesen durch die Ueberschwemmungen oft ruiniert werden, gesunde Wiesen erhalte. Ein Projekt für die Regulierung der Leckerau sei bereits ausgearbeitet worden, das erfordere aber so viele Geldmittel, daß der Staat mit seiner Hilfe ein⸗ greifen müsse. Die Provinz habe bereits 100000 verwendet und werde auch noch weiter in den Beutel greifen müssen. Die vom Staat aufzuwendenden Mittel würden sich als werbendes Kapital erweisen. Wegen der Finanzlage sei bisher vom Staate nichts geschehen, und die Bevölkerung sei in Unruhe, was denn nun eigentlich geschehen solle. Er, der Redner, bitte die Regierung um Auskunft, ob auf die Uebernahme eines Drittels der Kosten für die Ausführung des Projektes auf den Staat gerechnet werden könne. *

Ein Regierungskommissar erwidert, daß schon in dem vor⸗ liegenden Etat eine erste Rate fur die Foörderung des Projekts ein⸗

gestellt war, aber wieder zurüdkgezogen werden mußte, weil sich die Provin; über ihre Teilnahme an den Kosten noch nicht schlüssig eworden war. Das ganze Projekt erfordere 970 000 ℳ, der Staat wolle 160 000 übernehmen. Die Provinz habe sich noch nicht ent⸗ schließen können, einen größeren Betrag zu uͤbernehmen. Seitens der landwirtschaftlichen Verwaltung werde dem Projekt volle Auf⸗ nerksamkeit geschenkt. Abg. von Pappenheim (kons.): Aus anderer Leute Leder Riemen schneiden, ist leicht. Das müssen wir auch bei der Unterstützung der Landesmeliorationen durch den Staat bedenken. Wenn die Provinz nicht mehr als 80 000 für dieses Projekt aufwenden will, so hat sie ihrerseits noch nicht das genügende Interesse für die Sache gezeigt. Bei einer Melioration, für die dem Staate mehr zu⸗ gemutet wird, als die Provinz übernehmen will, wie z. B. in einem Falle, wo 80 % der Kosten vom Staate verlangt wurden, muß man von vornherein skeptisch sein. Wenn der Staat Meliorationen unterstützt, so muß der Beweis des öffentlichen Interesses durch eine entsprechende Teilnahme der Provinz erbracht werden. Wir müssen uns in Zukunft streng nach diesen Grundsätzen richten. Die Provinzen haben durch das Dotationsgesetz die Verpflichtung be⸗ kommen, ihrerseits die Mittel für Landesmeliorationen aufzuwenden. In jedem Falle, wo die Provinz nicht den gleichen Betrag wie der Staat übernimmt, muß das Haus genau prüfen, ob ein öffentliches Interesse vorliegt, das die außerordentliche Hilfe des Staates er⸗ forderlich macht.

Abg. Schifferer (nl.): Ich kann mich den Grundsätzen des Abg. von Pappenheim anschließen, aber eine zu strenge Innehaltung solcher Grundsätze könnte unter Umständen dem Staate selbst schädlich sein. Das fiskalische Interesse an den Ländereien der Leckerau wird durch die lange dauernden Ueberschwemmungen geschädigt. Ich habe schon gesagt, daß diese Staatsmittel werbendes Kapital sein würden.

Abg. von Pappenheim (kons.): Ich habe gar nicht allein a das Projekt des Vorredners expemplisiziert; vielleicht erkundigt er sie bei dem Grafen Praschma, was ich mit dem Falle meinte, in welchem dem Staate 80 % der Kosten eines Projektes zugemutet wurden. 1 1.“ . 4 1

Abg. Graf Praschma (Zentr.): Ich bedaure, im Moment wirk⸗ lich nicht zu wissen, welche Antwort ich auf eine solche Frage erteilen sollte. Ich weiß im Moment durchaus nicht, welches Projekt Herr von Pappenheim meinen könnte.

Das Kapitel der Landesmeltorationen wird bewilligt.

Bei dem Fonds zur „Förderung des Obst⸗, Wein⸗ und 8 gF 6 34 . Gartenbaues“, 295 000 ℳ, 20 000 mehr als im Vorjahre, wünscht

Abg. Witzmann (nl.), daß dieser Fonds im nächsten Jahre noch mehr verstärkt werden möge. Die schlesische Ausstellung habe gezeigt, was alles durch einen systematischen Obstbau erreicht werden könne. Geschmack und Aroma des schlesischen Obstes seien ausgezeichnet. Wirkliche Erfolge könnten nur ekreicht werden, wenn die kleinen Be⸗ sitzer Obst bauen. Durch die Lehrerschaft könnte viel zur Verbreitung besserer Kenntnisse beigetragen werren.

Abg. Dr. König (Zentr.) regt die Schaffung von Gartenbau⸗ kammern an, die ebenso segensreich wirken könnten wie die Land⸗ wirtschaftskammern. 2 1* 1.

Abg. Geisler (Zentr.) weist auf die große Fürsorge hin, die gerade Schlesien durch seine vielen landwirtschaftlichen und Obstbau⸗ institute zuteil geworden sei. Schlesien könne im Obstbau sicher mit den westlichen Provinzen konkurrieren. 8

Abg. Engelsmann tul.) dankt der Regierung für die energische Durchführung des Extinktivverfahrens beim Weinbau.

Minister für Landwirtschaft, Domänen und Forsten Dr. Freiherr von Schorlemer:

Meine Herren! Ich lege Wert darauf gegenüber dem Herrn Abg. Engelsmann zu betonen, daß ich nicht daran denke, das bisher mit ausreichendem Erfolge angewandte Extinktivverfahren zur Be⸗ kämpfung der Reblaus aufzugeben. Ich glaube, daß die Tatsache, daß es uns gelungen ist, die Reblaus so ziemlich auf ihren bisherigen Umfang zu beschränken und sie in einzelnen Bezirken nahezu ganz wieder zu vernichten, ausreicht zum Beweise dafür, daß wir auf dem richtigen Wege sind. (Zustimmung des Abg. Engelsmann.)

Die Erfahrungen, die man in Fraukreich und in Oesterreich mit er Veredelung der Reben auf amerikanischer Grundlage gemacht hat, önnen vorläufig wenigstens auch nicht dazu ermutigen, bei uns in gleicher Weise vorzugehen. Denn es ist überall und insbesondere auch in⸗Frankreich noch kürzlich durch einen Bericht eines bekannten Weingutsbesitzers aus der badischen Pfalz, des Herrn Bassermann⸗Jordan, bestätigt worden,

die Qualität des Weines auf amerikanischer Grundlage sich keineswegs verbessert hat, daß allerdings eine Zunahme an Quantität zu konstatieren ist, die aber den Winzern bei den jetzigen Weinpreisen kaum zustatten kommen würde. Für unsere deutschen Verhältnisse kommt aber noch hinzu, daß sich der Weinbau zum weitaus größeren Teile in den Händen kleiner Leute befindet, und daß es für diese ganz besonders schwierig und auch kostspielig sein würde, sich der Ver⸗ edelung der Reben auf amerikanischer Grundlage zuzuwenden. (Abg. Engelsmann: Sehr richtig!) Es ist ja bekannt, daß die Rebe, die auf amerikanischer Grundlage veredelt worden ist, nicht ohne weiteres wieder weiter gepflanzt werden kann, sondern daß für jede neue Rebe wieder eine neue Veredelung erforderlich ist. Es gehören also zu dem Betriebe auf amerikanischer Grundlage große Anlagen mit Treib⸗ häusern und sonstigen Vorrichtungen, die eigentlich nur in der Hand des großen Weingutsbesitzers und des Staates, aber nicht von den kleinen Winzern selbst betrieben werden können. Ich kann die feste Ueberzeugung aussprechen, daß, wenn wir jetzt zum amerikanischen Veredelungsverfahren übergehen würden, uns die Sache erheblich teurer kommen würde als das gegen⸗ wärtige Extinktivverfahren. Deshalb kann ich nur dringend raten bei dem Extinktivverfahren so lange zu bleiben, wie es eben die Ver⸗ breitung der Reblaus gestatttet.

Was die Anstalten angeht, die bereits jetzt zu weiteren Ver⸗ suchen der Veredelung auf amerikanischer Unterlage gegründet sind, so hat der Herr Abgeordnete richtig bemerkt, daß sowohl auf dem rechten Rheinuser wie auch im Kreise Bernkastel eine derartige

„H 2 8 1

Veredlungsanstalt neben den bisher schon bestehenden eingerichtet worden ist. 8

Was die Nahe angeht, so habe ich vorläufig nicht die Absicht, dort noch eine besondere Station zu errichten; ich hoffe vielmehr, durch Vereinbarung mit der rheinischen Provinzialverwaltung es ein⸗ richten zu können, daß die Weinbauschule in Kreuznach ebenfalls sich in weiterem Umfange der Rebenveredlung auf amerikanischer Grund⸗ lage widmen kann. Damit würden die Wünsche der Nahe auch befriedigt werden.

Was den Anbau der amerikanischen Rebe angeht, so glaube ich, daß wir ihn vorläufig nur freigeben können dort, wo volle Sicherheit dafür besteht, daß sie entsprechend beaufsichtigt und behandelt wird, also mit anderen Worten dem großen Weinbaubesitzer, der auch entsprechende Verwalter und Aufseher hat. In der Hand der kleinen Leute möchte ich vorläufig die amerikanische Rebe nicht wissen. Das würde auch keinen Zweck haben, denn wir sind noch mit Ver⸗ suchen beschäftigt; wir haben noch nicht festgestellt, ob es überhaupt möglich ist, auf amerikanischer Grundlage unsere großen Qualitäts⸗ weine am Rhein und an der Mosel weiter zu erzeugen. Solange das nicht festgestellt ist, können wir unter keinen Umständen das jetzige Extinktiv⸗Verfahren aufgeben. (Bravo!)

Der Rest der ordentlichen Ausgaben wird ohne weitere Verhandlung bewilligt.

Nach 5 Uhr wird die Fortsetzung der Beratung des land⸗ wirtschaftlichen Etats auf Sonnabend 11 Uhr vertagt (außer⸗ dem Etats der Gestüt⸗ und der Forstverwaltung).

Statistik und Volkswirtschaft.

Zur Arbeiterbewegung. Der Ausstand der Fensterputzer der Fensterreinigung

anstalt Berliner Glaserinnungsmeister ist, hiesigen Blättern zufolge, gestern nach 3 ½ Wochen Dauer beendet worden. Die Forde⸗ ngen der Arbeiter wurden bewilligt. Der Wochenlohn beträgt nun mehr 25 bis 29 ℳ, für Anfänger 21 ℳ. (Vgl. Nr. 21 d. Bl.) Sämtliche Arbeiter der Sei Hornholtz in Crefeld (vgl. Nr.: Bl. Ztg.“ meldet, gestern morgen die Arbeit wied Der Ausstand der Tabakarbeiter in der Firma Schwabe in Haynau ist nach de neunwöchiger Dauer mit der Bew erhöhung beendet worden. 11“ In Magdeburg sind, der „Köln. Ztg. er Schraubenfabrik Gabler und W jedereinstellung eines entlassenen Arbeiters in ie in den Hamburger und Altonaer Met ten Arbeiter des Deuts 1 Köln. Ztg.“ erfährt, in eine auf Neuregelung von hinzielende Bewegung eingetreten.

vE

Die Königliche Akademie 19. Januar unter dem Vorsitz ihr Gesamtsitzung, in der Herr Strupve i wendung eines Reversionsprismas bei messungen las. Laufe vergangenen auf der Berliner Sternwarte Beobachtungen am Refraktor angestellt worden, um die Ursachen der bei Dopp messungen auftretenden systematischen Fehler näher zu unte suchen und ein Verfahren zu erproben, welches kürzlich zu dere Beseitigung vorgeschlagen worden ist. Die Ergebnisse dieser Unte

suchung haben die großen Vorteile des Reversionsprismas dargetan

und lassen durch eine zweckmäßige Anwenduug desselben einen erheb⸗ lichen Fortschritt in der Genauigkeit der Doppelsternmessungea er⸗ warten. Herr Auwers legte eine vom Professor J. Peters,

Observator am hiesigen Königlichen Recheninstitut, berechnete Tafel

inundzwanzigstelliger Werte der Funktionen Sinus Cosinus vor, die in dem Anhang zu den Abhandlungen des res 1911 zum Druck gelangen wird. Die Tafel ist ursprünglich die Bedürfnisse der mit Unterstützung Akademie von HH Bauschinger und J. Peters berechneten acht angelegt worden und enthält die numerischen 107 zu 10“ durch den ganzen Quadranten und vo r das e Zehnminutenintervall. Herr Meyer legte t; des Professors Dr. R. Meister in Leipzig vor:

ie ste rith n Sinus und Cosinus von

zu 1“* für das erste

Teld;z 8 Syllabar inschriften in nichtgriechischer Sprache.“ Zwei Inschriftensteine aus Oxford mit cyprischer Schrift, die zum ersten Male eine Probe der Sprache der einheimischen Bevölkerung von Cypern geben. Herr Planck überreichte die 3. Auflage seiner Vorlesungen über Thermodvnamik. Leipzig 1911; weiter wurden vorgelegt zwei Ver⸗ öffentlichungen der Deutschen Kommission der Akademie: Bd. 11 der Deutschen Texte des Mittelalters, enthaltend die Predigten Taulers, hrsg. von F. Vetter. Berlin 1910 und von Wielands Gesammelten Schriften der 3. Band der die eigentlichen Werke umfassenden 1. Ab⸗ teilung, hrsg. von F. Homeyer. Berlin 1910.

Die Akademie hat durch die philosophisch⸗historische Klasse Herrn Sachau als Beitrag zu den Kosten der Herstellung eines Thesaurus der japanischen Sprache 12 000 ℳ, dem Prof. Dr. Gustav Knod in Straßburg i. E. zu einer Reise nach Frank⸗ reich behufs Fortführung der Arbeit an seinem Werk „Die deutsche Nation zu Orléans“ 800 und dem Privatdozenten Dr. Rudolf Unger in München zur Drucklegung seines Werkes „Hamann und die Aufklärung“ 500 bewilligt.

Im Königlichen Institut für Meereskunde in Berlin werden in der nächsten Woche folgende öffentliche Vorträge und volkstümliche Vortragsreihen gehalten: Am Dienstag spricht der Dr. W. Freiherr von Reitzenstein⸗Altona über deutsche Küsten fischerei in der Nordsee (mit Lichtbildern); am Mittwoch der Professor W. Laas⸗Berlin über das Schiff in der Werkstatt und auf der Helling (4. Vortrag der Reihe: Einblicke in den Schiffban, mit Licht⸗ bildern und Demonstrationen); am Freitag der Dr. R. Lütgens⸗ Hamburg über Valvaraiso und die chilenischen Salpeterhäfen (mit Lichtbildern). Die Vorträge beginnen um 8 Uhr Abends. Eintritts⸗ karten zu 0,25 sind an den Vortragsabenden von 6 Uhr an in der Geschäftsstelle (Georgenstraße 34—36) zu haben.

Die Galerie Eduard Schulte eröffnet ihre Februar⸗ ausstellung mit einer Sammlung von etwa 75 Bildern und Plastiken der Berliner Künstlergruppe Jagd und Sport. Ferner wird die Ausstellung Werke von John Lavery⸗London, Eduard Beyrer⸗ München, Professor Hans Bohrdt⸗Dahlem, Professor Georg Koch⸗ Berlin, Rud. Marcuse⸗Berlin, Karl Reiser⸗Partenkirchen, Rud. Riemerschmid⸗München, Ernst v. Saucken⸗Tataren und Schattenstein⸗Wien enthalten. ““

19.

Im Verein für deutsches Kunstgewerbe zu sprach vor kurzem der Professor Dr. Justus Brinckmann, der Direktor des Hamburgischen Museums für Kunst und Gewerbe, übet Fälschungen EW1“ er Altertümer. E

führte etwa aus, daß schon das klassische Altertum unter . .

n Logarithmentafel

8

s——

.

72

SIGbeenn

n-

nekih

ö ,.