1911 / 36 p. 3 (Deutscher Reichsanzeiger, Fri, 10 Feb 1911 18:00:01 GMT) scan diff

Lanut Meldung des „W. T. B.“ ist S. M. Torpedoboot „Taku“ gestern in Tsingtau eingetroffen.

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CErfaß⸗Lothringen.

Im Landesausschuß ereignete sich geste nachmittag gelegentlich der Besprechung des Verfassungsreformantrages Blumenthal und 818 Zwischenfall, über den

W. T. B.“, wie folgt, berichtet: ”* Als der Abg. vJolgte Preiß⸗Colmar den Abg. Wetterlé gegenüber gewissen Angriffen in der Presse, namentlich in der „Frank⸗ furter Zeitung“ und in der „Straßburger Neuen Zeitung“, in Schutz zu nehmen suchte, bezeichnete er im Laufe seiner Polemik den Straß⸗ burger Vertreter der „Frankfurter Zeitung“ als Preßbanditen, worauf sämtliche Journalisten ihre Tätigkeit einstellten aund einmütig die Tribüne verließen. Erst als der Präsident von Jaune das Wort ergrifkf, um die seitens des Abg. Preiß gefallene Beleidigung

egenüber der Presse zu bedauern und zu erklären, daß Preiß entschieden zu weit gegangen sei, traten die Vertreter der Presse wieder ein, um ihre Tätigkeit im Interesse der Oeffentlichkeit wieder⸗ aufzunehmen. Auch der Abg. Wetterlé, bekanntlich selber Jour⸗ nalist, bezeichnete den seitens des Kollegen Preiß gefallenen Ausspruch als nicht am Platze, wenn auch vielleicht durch die Erregtheit des

Redners entschuldbar. Eine seine Beleidigung zurücknehmende Er⸗

klärung ist der Abg. Preiß den Vertretern der Presse bis zur Stunde

noch schuldig.

Oesterreich⸗Ungarn.

Der Heeresausschuß der ungarischen Delegation hat nach einer Meldung des „W. T. B.“ gestern das Ordi⸗ narium und das Extraordinarium des Heeresbudgets in der

Spezialdebatte angenommen. G Der 11“ des österreichischen Ab⸗ geordnetenhauses hat gestern die Verhandlung über die Regierungsvorlage, betreffend die italienische Rechts⸗ fakultät, beendigt. Der Kompromißantrag Skedl, daß die italienische Fakultät vom Wintersemester 1911/12 ab provisorisch für vier Jahre in Wien errichtet, sodann in einen Ort des italienischen Sprachgebiets verlegt werden soll, wurde, „W. T. B.

zufolge, angenommen. Die Bestimmung der Regierungs⸗ vorlage, daß einzelne Vorträge auch in deutscher Sprache ge⸗ halten werden können, ebenso die Bestimmung, daß bei der Prüfung der Kandidaten die volle Kentnis der deutschen Sprache sicher zu stellen ist, wurde auf Antrag der Italiener abgelehnt, dagegen die Resolution Korosetsch, betreffend die Reziprozität der Agramer Studien und vorbereitende Maßnahmen für Errichtung einer slovenischen, Univer⸗ sität, angenommen. Infolge der Annahme dieser Resolutions⸗ anträge legte der Abg. Skedl das Referat über die italienische Rechtsfakultät nieder. An seiner Stelle wurde Conci zum

Referenten gewählt. G 1 Großbritannien und Irland.

In der gestrigen Sitzung des Unterhauses standen zu⸗ nächst verschiedene Interpellationen und sodann die Fort⸗ setzung der Debatte über das von der Opposition eingebrachte Amendement zur Adresse auf der Tagesordnung. Ueber den Verlauf der Verhandlungen liegt folgender Bericht des

„W. T. B.“ vor: 8

Der Abg. Byles (liberal) fragh⸗ den Staatssekretär des Aus⸗ wärtigen, ob er sich in irgend einer Weise zu der in der Sitzung des Deutschen Reichstags vom 10. Dezemher 1910 von dem deutschen Reichskanzler gehaltenen Rede äußern wolle, in der dieser die Ansicht ausgedrückt habe, daß eine offene und vertrauensvolle Aussprache das beste Mittel sei, um das Mißtrauen zwischen beiden Ländern wegen des gegenseitigen Kräfteverhältnisses zu Wasser und zu Lande zu beseitigen. Ferner fragte Byles, ob neuerdings irgend eine Aussprache stattgefunden habe und ob die sich auf diesen Gegen⸗ tand beziehenden Akten veröffentlicht werden würden. Der Lbböböe MeKinnon Wood antwortete, die unver⸗ bindlichen Pourparlers, von denen der deutsche Reichskanzler gesprochen habe, dauerten fort. Die englische Regierung hoffe ernstlich, daß sie dazu beitragen würden, die Wahrung und Stärkung der bestehenden freundlichen Beziehungen zwischen beiden Ländern zu fördern. Die Akten zu veröffentlichen, läge nicht im öffentlichen Interesse.

Der Premierminister Asquith erklärte auf eine Anfrage, daß er die zweite Lesung der Seeprisenvorlage, die die Frage der Londoner Deklaration einschließe, erst vornehmen lassen werde, wenn die Kolonialkonferenz sich mit der Deklaration befaßt habe. Auf eine von Lord Charles Beresford (Kons.) an Asquith gerichtete Anfrage wiederholte dieser die Erklärung, das Parlament würde reichlich Gelegenheit haben, die Bestimmungen der Londoner Deklaration zu erörtern, bevor dem König der Rat erteilt würde, sie zu ratifizieren. Falls das Unterhaus ein ablehnendes Votum fälle, würde dem König dieser Rat überhaupt nicht erteilt werden.

In Erwiderung auf eine Anfrage bezüglich des der Duma vor⸗ gelegten Gesetzentwurfs über die Ausdehnung der Fischerei⸗ grenzen von 3 auf 12 Meilen im Weißen Meere erklärte der Unterstaatssekretär Mec Kinnon Wood, der britische Bot⸗ schafter in E habe in dieser Angelegenheit bei dem russischen Minister des Aeußern bereits Vorstellungen B erhoben und sei kürzlich angewiesen worden, bei der russischen Regierung einen offiziellen Protest gegen den Vorschlag einzulegen, der dahin gehe, die Fischereigrenzen in Rußland über die gewöhnliche Entfernung von drei Meilen auszudehnen, da dies den allgemein angenommenen Doktrinen des internationalen Rechts wider⸗ spreche. Sir Edward . she sich der Wichtigkeit der berührten

itischen Interessen voll bewußt. 8 icbe Son ervabipe Abg. Sir Clement Kinloch⸗Cooke ersuchte hierauf um Auskunft über die Bagdadbahn und über die Haltung Englands und Rußlands in der Frage. Er fragte ferner, ob Verhandlungen zwischen dem Auswärtigen Amt und der Türkei oder zwischen dem Auswärtigen Amt und Deutschland in dieser Angelegen⸗ heit im Gange seien, und ob es in Anbetracht der Tatsache, daß Koweit wahrscheinlich als Endpunkt der Bahn gewählt werden würde, nicht an der Zeit sei, noch einmal zu erwägen, ob eine finanzielle Be⸗ teiligung Englands ratsam sei. Me Kinnon Wood erwiderte, es würde nicht im öffentlichen Interesse liegen, eine Erklärung über die ersten drei Fragen zu geben. Bezuͤglich der letzten Frage, fuhr der Unterstaatssekretär fort, möchte er erklären, daß die Regierung niemals etwas gegen eine britische Beteiligung an dem Unternehmen einzuwenden gehabt habe, vorausgesetzt, daß eine solche Beteiligung unter annehmbaren Bedingungen stattfinden könne. Hierauf setzte das Haus die Debatte über das zoll⸗ politische Amendement der Opposition fort. 18

Der Premierminister Asguith erklärte, daß das Amendement einen Tadel nicht nur für die Regierung, sondern auch für die Wähler bedeute, die die Regierung wiederum zur Macht berufen hätsen. Er bestreite, daß Länder mit Schutzzöllen sich einen besseren Zutritt zu auswärtigen Märkten verschaffen könnten als . roßbritannien. Es existiere kein Beweis für diese Behauptung der Opposition. Es sei ebenfalls nicht richtig, daß die Kolonien an die Tore des Mutterlandes angeklopft und um Vorzugszölle gebeten hätten. Der zollpolitische Plan der Opposition sei der größte politische Betrug der modernen Zeit. Er

Reichs das Abkommen zwischen Canada und den Vereinigten Staaten verhindert oder verzögert haben würde. Eine Verhinderung des Ab⸗ kommens würde weder dem canadischen noch dem britischen Volk zum Vorteil gereicht haben. Balfour erwiderte, der Unterschied zwischen der Opposition und der Regierung sei der, daß dier Regierung die Kolonien nicht besser behandeln wolle als die fremden Länder, während die Opposition glaube, daß es für das Reich als politisches und ökonomisches Ganze vorteilhaft sein würde, die Kolonien mit

Selbstverwaltung besser zu behandeln als die fremden Länder.

Das Haus lehnte das Amendement mit 324 gegen 222 Stimmen ab. Die Mitglieder der Arbeiterpartei und die Nationalisten, die sich bisher der Abstimmung über Zolltarif⸗ fragen enthalten hatten, stimmten mit der Regierung.

5 11“ 8 Der Minist fentlicht eine Note, die französisch⸗türkischen Verhandlungen über verschiedene Fvronzessionen betreffend, die „W.

.B.“ zufolge besagt: 1

8 Die züfolge besagt mit der Türkei über die Eisenbahnlinien, zu deren Beu die Türkei sich französischen Kapitals und der französischen Industrie bedienen könnte, haben zu Mitteilungen geführt, die dem wirklichen Stande der Dinge nicht entsprechen. Gewisse Linien, auf die angespielt worden ist, sind unsererseits nicht Gegenstand von Verhandlungen gewesen, und solche Verhandlungen sind, weil nicht in unserem Interesse liegend, von uns auch nicht be⸗ absichtigt. Die Besprechungen, die noch andauern, sind überdies zu wenig vorgeschritten, um eine genaue Auskunft hierüber jetzt zu ge⸗ statten. Alles, was man sagen kann, ist, daß sie unseren Interessen in der Türkei Rechnung tragen und nicht aufhören, den freundschaft⸗ lichen Charakter zu tragen, der ebenso den Beziehungen zwischen beiden Ländern wie überhaupt unseren Beziehungen mit den übrigen Mächten

.“ Auf Antrag des Finanzministers Klotz hat die Deputiertenkammer noch vor der Beratung über das Finanzgesetz einen Artikel dieses Gesetzes, wonach eine auto nome Verwaltung der Staatseisenbahnen unter Kontrolle des Staats geschaffen wird, genehmigt.

Italien.

Der Senat hat gestern die Beratung über den Bericht der zum Studium einer Reform des Senats eingesetzten Kommission begonnen.

Belgien.

In der Deputiertenkammer erklärte gestern der Ministerpräsident Iee auf eine Anfrage, daß die Re⸗ gierung Rußland in der Bekämpfung der Pest zu Hilfe kommen wolle und weiteres hierüber der Kammer mitteilen werde, sobald die amtlichen Berichte über die Lage eingegangen seien.

Asien.

Seit längerer Zeit wird zwischen Rußland und China über eine Anzahl strittiger Fragen verhandelt. Wie „W. T. B.“ meldet, sind die Hauptstreitpunkte folgende: China verweigert erstens die Genehmigung zur Errichtung eines russischen Konsulats in Schara⸗sume, dem Hauptort des 1905 neugebildeten gleichnamigen Bezirks in der Nähe Kobdos, und behauptet, daß der Vertrag von 1881 Rußland nur berechtige, ein Konsulat in Kobdo zu errichten, das aber seit der Gründung Schara⸗sumes für den Handel bedeutungslos geworden ist. Zweitens verhindert China ent⸗ gegen dem Vertrage von 1881 den Handel russischer Kaufleute mit Waren nichtrussischen Ursprungs in den außerhalb der Großen Mauer gelegenen Gebieten des Reichs, wodurch be⸗ sonders der Handel mit Tee getroffen wird, der den russischen Kaufleuten im Verkehr mit den Nomaden als Münze dient.

Afrika.

Der König von Sachsen ist nach einer Meldung des „W. T. B.“ gestern in Chartum eingetroffen.

Der Befehlshaber der französischen Besatzungstruppen, General Moynier, ist, obiger Quelle zufolge, aus Casablanca nach Paris abgereist, um mit der Regierung die Maßnahmen zu besprechen, die sich infolge der Ueberrumpelung der Kolonne Nancy im Schaujagebiet als notwendig herausgestellt haben.

Parlamentarische Nachrichten.

Der Schlußbericht über die gestrige Sitzung des Reichs⸗ tags befindet sich in der Ersten und Zweiten Beilage.

Der Reichstag setzte in seiner heutigen (124.) Sitzung, welcher der Staatssekretär des Reichsschatzamts Wermuth und der Staatssekretär des Reichsjustizamts Dr. Lisco bei⸗ wohnten, die Spezialberatung der Novelle zum Gerichts⸗ verfassungsgesetz fort und nahm zunächst die Abstimmung über § 77 und die dazu gestellten Anträge FI

Der Antrag Albrecht und Gen. (Soz.), die Straf⸗ kammern in der ersten und in der Berufungsinstanz mit einem Richter und 4 Schöffen zu besetzen, wurde gegen die Stimmen der Antragsteller abgelehnt. 8

Darauf erfolgte die namentliche Abstimmung über den Antrag Müller⸗Meiningen (fortschr. Volksp.) und den mit diesem identischen Antrag Gröber (Zentr.), die Straf⸗ kammern in beiden Instanzen mit zwei Richtern und drei Schöffen zu besetzen. Der Antrag Müller⸗Meiningen⸗Gröber wurde mit 175 gegen 142 Stimmen angenommen. Dafür stimmten die Sozialdemokraten und die fortschrittliche Volks⸗ partei, die Mehrheit der Nationalliberalen und des Zentrums sowie die Polen, die Reformpartei und ein Teil der wirtschaftlichen Vereinigung; 3 Abgeordnete enthielten sich der Abstimmung. Der Kommissionsantrag (Besetzung in der Berufungsinstanz mit 3 Richtern) und der Antrag Dr. Meyer⸗Kaufbeuren (Besetzung in erster Instanz mit 2 Richtern und 3 Schöffen, in der Berufungsinstanz mit 3 Richtern und 2 Schöffen) sind damit erledigt.

Zu § 80 haben die Sozialdemokraten beantragt, die Schwurgerichte auch für alle mittels der Presse begangenen Vergehen und Verbrechen für zuständig zu erklären. Ein Antrag Müller⸗Meiningen (fortschr. Volksp.) will das gleiche, es sollen aber die in den §§ 18 und 28 des Reichspreßgesetzes von 1874 mit Strafe bedrohten Vergehen sowie die nur auf Antrag zu verfolgenden Beleidigungen ausgenommen sein, wenn § 185 Str.⸗G.⸗B. maßgebend ist, oder wenn und solange die Verfolgung im Wege der Privatklage geschieht.

Abg. Stücklen (Soz.) führte zur Benründung des Antrags seiner Partei aus, daß in Süddeutschland die Preßvergehen von altersher den Schwurgerichten überwiesen würden, womit die besten Er⸗

Abgeordneten, er de Daklwitz beiwohnte, wurde zunächst die erste Beratung des

Entwurfs Berlin fortgesetzt.

in den Zweckverband miteinzubeziehen.

gelassen hat.

Durchführung des Antrags den Uebereifer vieler Staatsanwälte, 1 Hurchfäürung er allen möglichen Mitteln zu Leibe zu gehen, etwas ei uch Leuten E“ „Breslauer Blatt“ zuzuschicken, wenn sie nach seiner Ansicht darin beleidigt würden, und sie um die Stellung eines Straf⸗ antrages anzugehen, nur damit er Massenanklage erheben und härtere Verurteilung Amtsbefugnis t für das Volk und für künstlich er M - die nur aus der beleidigenden Form eines Artikels hergeleitet werden könnten, seien von einem Schwurgericht schwerer zu erlangen als von einer Strafkammer. Die Preßdelikte eigneten sich deshalb ganz be⸗ sonders für die Aburteilung durch die Schwurgerichte, immer aus den Zeitverhältnissen heraus verstanden und beurteilt werden müßten. Als in Berlin das Wort von der „Rotte, nicht wert den Namen 1 zu waltschaft eine enge agspr Kritk selt Aeußerung anhängig gemacht; die Straftammern seien durchweg zur Lö“ gekommen, die bayerischen Schwurgerichte ätten freigesprochen. sei es allerdings ein Greuel, daß die Preß⸗ delikte den Strafkammern entzogen werden sollen.

Der Breslauer Staatsanwalt habe die Gewohn⸗ die außerhalb Breslaus wohnen, das sozial⸗

erzielen könne. Das sei eine Ueberschreitung der

des Staatsanwalts. Es werde nur von Vorteil die Preßfreiheit sein, wenn eine Anzahl

konstruierter Preßprozesse unterbleibe. Verurteilungen,

Weil sie ve si 8

tragen“ gefallen sei, habe die Staats⸗ Majestätsbeleidigungsprozesse wegen der

Dem Götzendienst des Buchstabenrechts

(Schluß des Blattes.)

In der heutigen (23.) Sitzung des Hauses der welcher der Minister des Innern von eines Zweckverbandsgesetzes für Groß⸗

Abg. Hammer kkons.): Als Vertreter des Kreises Teltow kann

ich nur erklären, daß sich die Interessen hier scharf gegenüberstehen. bleibt nichts anderes übrig, als die mittlere Richtung

Ich kann nicht anerkennen, daß es falsch sei, Spandau Spandau liegt innerhalb des in dem Entwurf über ein Groß⸗Verlin vorgesehenen 20 km⸗Ringes. Ich kann eigentlich auch nicht einsehen, warum man Pote dam heraus⸗ Der Kreis Osthavelland müßte in den Zweckverband miteingeschlossen werden. Von einer Ausschaltung der Kreise als solcher kann keine Rede sein. Der Landrat wird sich schon mit den Gemeindevorstehern in Verbindung setzen, damit er die Interessen der Gemeinden richt'g wah nehmen kann. Die Berliner sollten sich wegen des Vertretungsgrunt satzes mit uns schiedlich und friedlich einigen, denn es liegt auch nicht in itrem Interesse, daß die Sozialdemokraten und ihr Appendix, die Sozialliberalen, einen über⸗ mäßigen Einfluß haben, damit wenigstens ein Etat zustande komme, der den Interessen der Allgemeinheit entspricht. Die Verteilun der Kosten von Bahnbauten auf die einzelnen Gemeinden soll na

dem Entwurf nach Maßgabe des Interesses stattfinden. In der Kommi ’sion muß diese Regelung genau festgesetzt werden, denn es nid schwer sein, hierbei die Gemeinden unter einen Hut zu bringen. Die Baupläne müssen allerdings von einer Stelle aus festgesetzt werden, z. B. die Baupläne für die Ausfallstraßen. Wer entschädigt aber die Kommunen für die Flächen, die sie zu diesen Straßen her⸗ geben müssen, und für den entgangenen Steuergewinn aus diesen Flächen. Diese Frage wird sehr schwer zu lösen sein. Daß Sachverständige hinzugezogen werden, ist selbstverständlich; ich bitte nur darum, daß auch die Kommunen ihre Sachverständigen stellen dürfen, damit sie in dieser Frage gehört werden. Angesichts

der Bestimmungen der Vorlage über die Bebouungspläne

mache ich darauf aufmerksam, daß wir in den Gemeinden draußen

uns vor Vorausleistungen von den Terraingesellschaften

sichern, indem wir uns zwei Prozent des Terrains für Zwecke

der Gemeinde abtreten lassen. Wenn nun auf Grund der

Bestimmungen des § 6 die Rechte der Gemeinden auf den

Zweckverband übergehen, so muß die Frage dieser Vorausleistungen

in irgend einer Form festgelegt werden. Schon wegen des Wald⸗

und Wiesengürtels würde der Zweckverband notwendig sein; es müssen

aber auch noch die Seen geschützt werden, damit die Landschaften er⸗

halten bleiben. Klein⸗Machnow ist z. B. ein Idyll märkischer Land⸗

schaft, wie man es nicht besser finden kann. Der Grunewald

soll 186 Millionen als Bauland kosten; für Bauland ist dies billig, aber es belastet die Gemeinden doch sehr. Der Kreis

Teltow soll mit etwa 13 Millionen zur Erhaltung des Grune⸗

waldes herangezogen werden, was jährlich 500 000 Zinsen

macht, Stegliß mit 2 Millionen Mark oder 80 000 Zinsen, Zehlen⸗

dorf mit 1 Million bezw. 40 000 Zinsen jährlich. Nun haben

diese Gemeinden schon für sich große Flächen für Parks und Spiel⸗

plätze erworben. Nach dem Gesetz ist zu befürchten, daß sie trotz⸗

dem nicht nur an dem Beitrag des Kreises Teltow beteiligt werden,

sondern auch noch selbst die erwähnte Summe aufzuwenden haben.

Wer hat denn aber ein Interesse daran, Luft und Licht da draußen

zu bekommen, die Gemeinden draußen oder die Bewohner der engen

Straßen in Berlin? Deshalb muß die Beitragsleistung noch Maß⸗

gabe des Interesses an der Erhaltung des Wald⸗ und Wiesengürtels

und nach Maßgabe der Bevoölkerungsdichtigkeit bemessen werden.

Für den Verbandsetat wünsche ich noch, daß er bis zum 1. Oktober

festgestellt wird, damit die Gemeindeetats sich danach richten

können. Für die Kreise Teltow und Niederharnim scheint mir die

Vorlage den düsteren Hintergrund zu haben, daß vielleicht nach

25 Jahren die Vorortgemeinden nach Berlin eingemeindet werden.

Ich hoffe jedoch, daß wir in der Kommission für das Gesetz eine

Fassung finden, der wir zustimmen können.

Abg. Graf von Spee (Bentr.): Wir sind alle von der Notwendigkeit des geplanten Zwockverbandes so überzeugt, daß wir über Einzelbedenken hinwegsehen müssen. Spandau bemüht sich aber mit Recht, aus dem Verband herausgelassen zu werden; ebenso meine ich, daß es zu weit geht, den ganzen Kreis Teltow einzubeziehen. · d Petition beschlossen, wonach er, wenn irgend angängig, außerhalb des Verbandes bleiben möchte. Vielleicht wird es richtiger sein, nur Teile der Kreise Teltow und Niederbarnim hineinzunehmen. Ich hätte auch den Wunsch, daß die näherliegenden Vororte als selbständige Mitglieder in den Verband eintreten könnten, sobald sie über 30 000 Einwohner zählen. Aufgefallen ist mir, daß hier verschiedenrlich das englische Muster empfohlen worden ist, das sich auf unsere Ver⸗ bältnisse doch garnicht anwenden läßt; namentlich die Herren von der äußersten Linken haben diesen Standpunkt vertreten.

innezuhalten.

Die Herren über⸗

sehen, daß die Sozialdemokratie in England mehr und mehr zurückgeht, und

daß die revolutionäre Sozialdemokratie dort überhaupt keinen Boden hat. Was die Uebernahme der Schullasten betrifft, so würden durch sie die Schwierigkeiten, mit denen der Verband ohnehin zu kämpfen haben wird, unverhältnismäßig gesteigert werden. Ich hoffe, daß die Kom⸗ mission ersprießliche Arbeit leisten und den Zweckverband zweckmäßig konstruieren wird.

Abg. von Bülow⸗Homburg (nl.): Der vorliegende Entwurf ist ein Experiment. Geben wir dem neuen Verbande eine zu große Ausdehnung, so wird die Chance für ein fruchtbares Funktionieren geringer. Namens meiner politischen Freunde kann ich erklären, daß wir die größten Bedenken haben gegen die Hinzunahme der heiden Landkreise Teltow und Niederbarnim in den Verhand. Die Kreis⸗ vertretungen selbst sind keineswegs mit der Einbeziehung einver⸗ standen. In einer Petition erklärt der Kreistag von Teltow eine solche Hinzunahme für durchaus Überflüssig. Die Minorität des Kreises, die aus den größeren Gemeinden des Kreises, die als Vororte von Berlin zu betrachten sind, besteht, ist mit der Hinzu⸗ nahme dieser Gemeinden durchaus einverstanden. Diese Ge⸗ meinden bilden die Minorität, obwohl sie viel mehr Cin⸗ wohner zählen als der übrige Landkreis. Die falsche Kreis⸗ vertretung soll nun nach dem Gesetzentwurf über die Vertretung in dem Zweckverband beschließen und die Unterverteilung der

bestreite ferner, daß ein System von Vorzugszöllen innerhalb des

fahrungen gemacht worden seien. In dem übrigen Deutschland würde

Lasten bestimmen. Das ist durchaus verkehrt. Ebenso verhält

Gestern hat ja auch der Kreistag eine

einzelnen Teile zusammengenommen.

Im Königlichen Institut für Meereskunde in Berlin

straße 34 36) zu haben.

es sich mit dem Kreise Niederbarnim. Wenn man nur die mit Berlin in Zusammenhang stehenden Orte an dem neuen Verband teilnehmen läßt, würde es auch möglich sein, einen Teil des Kreises Osthavelland, der im Westen Berlin begrenzt, hinzuzunehmen. Der Redner betont noch, es sei dankenswert, daß bezüglich des Be⸗ bauungsplanes eine Anzahl hervorragender Architekten eine Petition an das Haus gerichtet habe, worin sie um Schaffung eines Beirates bitten, der dem Verwaltungsdirektor an die Seite gestellt werden solle, um in großzügiger Weise die Verkehrs⸗ und Straßen⸗ pläne zu entwerfen; denn sie befürchteten, daß, da die Wahlen für die Verbandsversammlung, für den Verbandsausschuß und für die Beamten des Verbands durch die kommunalen Vertretungen erfolgen sollen, nur solche Architekten als Sachverständige vernommen würden, die ihre lokalen Interessen wahrnehmen.

(Schluß des Blattes.)

Von der Zentralbahn in Deutsch⸗Ostafrika.

Nach einem in Berlin eingegangenen Telegramm hat die Gleis⸗ spitze der Zentralbahn Saranda Baukilometer 384 hinter Morogoro erreicht. Damit ist der große ostafrikanische Graben fast überwunden, denn Saranda liegt bereits am Westrande des Grabens in der Nähe von Kilimatinde. Die Entfernung bis Tabora beträgt noch 274 km. Bei rund 580 km Gleislänge zwischen Daressalam und Saranda sind somit etwas mehr Drit des Schienenstranges nach Tabora fertig.

Funkentelegraphie am Viktoriasee.

Das Reich ist darauf bedacht, die Funkentelegraphie auch für die deutschen Schutzgebiete nutzbar zu machen. In Deutsch⸗Ostafrika ist eine funkentelegraphische Verbindung zwischen den am Viktorjasee gelegenen Orten Muansa und Bukoba bereits in der Ausführung begriffen. Falls sich den zurzeit rüstig fortschreitenden Arbeiten keine unvorhergesehenen Schwierigkeiten entgegenstellen, wird diese Anlage noch im laufenden Rechnungsjahre in Betrieb genommen werden.

Im Verlage des Kolonialwirtschaftlichen Komitees, Berlin, Unter den Linden 43, erschien das „Kolonial⸗Handels⸗Adreß⸗ buch 1911‧ (Preis 2,50 ℳ). Auch in diesem (15.) Jahrgang hat der Inhalt des Adreßbuchs wieder manche Erweiterung erfahren. Ber erste Abschnitt givt einen Ueberblick über die Kolonialbehörden in Deutschland und den Schutzgebieten, die Schutztruppen, die deutschen Konsulate im Auslande, die kolonialen Institute und Vereine, kolo⸗ niale Zeitungen und Zeitschriften und Missionsgesellschaften. Im zweiten Teil sind die neuesten Daten über Handel und Ver⸗ kehr in und mit unseren Schutzgebieten niedergelegt. Neu auf⸗ genommen wurden die Tarife und Fahrpläne der inzwischen neu in Betrieb genommenen Eisenbahnen. Besonders wertvoll macht dieses Kapitel die Aufführung sämtlicher Plantagen⸗, Farm⸗, Handels⸗ und Minengesellschaften in den deutschen Kolonien mit Angabe des Sitzes, Kapitals usw. Auf diesem wie auf den anderen Gebieten unserer Kolonialwirtschaft dürfte das Adreßbuch zurzeit das zuverlässigste Nachschlagewerk sein. Der dritte Teil enthält allgemeine Angaben, wie Anleitungen für Auswanderer und Bewerber, Mitteilungen über frachtfreie Paketbeförderung für die Marine, Tabellen der Münzen, Maße und Gewichte, Angaben über Dün ung tropischer Nutzpflanzen usw. Ein Bezugsquellenverzeichnis in alphabetischer Folge gibt über Artikel der Ausfuhr nach den Kolonien Aufschluß. Karten der Kolonien mit wirtschaftlichen Erläuterungen erleichtern die Uebersicht.

Kunst und Wissenschaft.

Die physikalisch⸗mathematische Klasse der König⸗ lichen Akademie der Wissenschaft hielt am 2. d. M. unter dem Vorsitz ihres Sekretars Herrn Waldeyer eine Sitzung, in der Herr Zimmermann über die Bedeutung von Unter⸗ suchungen über die Knickfestigkeit elastischer Stäbe für die Praxis an der Hand von Beispielen, wie Brücken⸗ einstürzen u. dgl., las. Er beschrieb die Einrichtungen, die der Verein deutscher Brücken⸗ und Eisenbaufabriken trifft, um Bruchversuche mit Brückenteilen in Größe anstellen zu können. Es ist zu diesem Zweck mit Au wendung bedeutender Geldmittel eine hydraulische Versuchsmaschine beschafft worden, die 3000 Tonnen Druck bei 15 m Länge des Probestückes auszuüben im⸗ ftande ist. Herr Frobenius trug eine Arbeit über den Rang einer Matrix II vor. Die Elementarteiler der charakteristi⸗ schen Determinante einer zerfallenden Matrix sind die der Folgende Druckschriften Das die Ergebnisse der Trinil⸗ expedition der Akademischen Jubiläumsstiftung der Stadt Berlin enthaltende Werk: Die Pithecanthropusschichten auf Java. Herausgegeben von M. L. Selenka und M. Blanckenhorn. Leipzig 1911 ¾ das mit akademischer Unterstützung bearbeitete Werk W. Salomon, Die Adamellogruppe. Teil J. Wien 1910 (Abhand⸗ lungen der K. K. Geologischen Reichsanstalt. Band 21, Heft 2); 4 Separatabdrücke aus den Bänden 4 und 6 des Archivs für Hydro⸗ biologie und Planktonkunde, enthaltend Beiträge zur Kenntnis der Süßwasserfauna der Dauphinéalpen, eingesandt von dem gleichfalls von der Akademie unterstützten Dr. L. Keilhack; endlich H. Zimmer⸗ mann, Die Knickfestigkeit der Druckgurte offener Brücken. Berkin 1910. Ighn der an demselben Tage unter dem Vorsitz ihres Sekretars Herrn Vahlen abgehaltenen Sitzung der philosophisch⸗histori⸗ schen Klasse sprach Herr von Schmoller über die Bevölke⸗ rungsbewegung der deutschen Städte von ihrem Ursprung bis ins 19. Jahrhundert. Der Vortragende ging hauptsächlich auf die Ursachen ein, welche für die meisten der deutschen Städte vom 14. bis 17. Jahrhundert einen großen Rückgang herbeigeführt haben, und auf die politisch administratriven Aenderungen, die das Wiederaufblühen in den letzten zwei Jahrhunderten ermöoöglichten. Vorgelegt wurden der Neudruck des IJ. Bandes der von der Akademie veranstalteten Kant⸗Ausgabe. Berlin 1910, das mit Unter⸗ stützung der Akademie gedruckte Werk F. Schultheß, Kalila und Dimna, syrisch und deutsch. 1. II. Berlin 1911, ferner D. Schäfer und F. Techen, Hanserezesse von 1477 1530. Bd. 8. Leipzig 1910, Erich Schmidt, Reden zur Literatur⸗ und Universitätsgeschichte Berlin 1911 und P. Menzer, Kants Lehre von der Entwicklung in Natur und Geschichte. Berlin 1911.

wurden vorgelegt:

werden in der kommenden Woche folgende öffentliche Vorträge und volkstümliche Vortragsreihen gehalten werden: Am Dienstag spricht der Professor R. Woltereck⸗Leipzig über die biologische Erforschung des Meeres in Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft, I. (mit Lichtbildern)z; am Mittwoch der Professor W. Laas⸗Berlin über Gefahren und Sicherheit auf See, (6. Vortrag der Reihe: Einblicke in den Schiffbau), mit Lichtbildern und 2 emonstrationen; am

reitag der Professor H Maurer⸗Berlin über den Kreisel als Kompaßersatz auf eisernen Schiffen (mit Lichtbildern). Die Vorträge beginnen um 8 Uhr Abends. Eintrittskarten zu 0,25 sind an den Vortragsabenden von 6 Uhr an in der Geschäftsstelle (Georgen⸗

burgia“, Gesellschaft für Heimatkunde, nach dem neuen LE M asenn Brüderstraße 13. Früher befanden sich viele wertvolle Erinnerungen an Gotthold Ephraim Lessing, der zu vier verschiedenen Zeiten in Berlin lange Aufenthalt genommen hat, in dem Hause Am Königsgraben Nr. 10, das der Dichter bei seinem vierten Berliner Aufenthalt bewohnt hatte. Die Tatsache, daß er hier seine „Minna von Barnhelm“ gedichtet, verkündete eine am Hause angebrachte Inschrift, und bis in die jüngste Zeit waren die von Lessing bewohnt gewesenen Räume als ein Lessing⸗Museum in ihrer alten Verfassung und pietätvoll der Erinnerung an ihren ge⸗ feierten einstigen Bewohner gewidmet verblieben. Statt der Muse ist jetzt Merkur an dieser Stätte eingezogen, das ehrwürdige Lessing Haus hat einem Erweiterungsbau des Hermann Tietzschen Warenhauses weichen müssen, und lange war man unschlüssig, wohin die ziemlich umfangreiche Sammlung zu verlegen sei. Das Haus am Königsgraben hatte die letzte der von Lessing einst innegehabten Woh⸗ nungen enthalten. Außer an dieser Stelle hatte er noch in der Heiligengeiststraße und in der Brüderstraße gewohnt, aber beide Häuser stehen schon lange nicht mehr. Da war es ein guter Gedanke, der auf das Haus Brüderstraße 13 führte. Es lag dem von Lessing in der Brüderstraße bewohnt gewesenen Hause gegenüber, und vor allem war es ein Haus, das Lessing häufig und gern besucht, in dem er viel verweilt hatte; denn es gehörte damals dem Buchhändler Friedrich Nicolai, mit dem Lessing seit seinem zweiten Berliner Aufenthalt vor dem Siebenjährigen Kriege eine enge Freundschaft verband, und ist heute noch und bei seiner soliden Bauart hoffentlich noch für lange in gleichem Zustande, gleicher baulichen Einrichtung wie damals, der Genius loci war also in jeder Weise einer Uebersiedlung der Lessing⸗ Erinnerungen gerade an diesem Ort günstig. Hierzu kam, daß das Haus noch jetzt im Besitz der Nachkommen Friedrich Nicolais ist, die mit großer Bereitwilligkeit die vorderen Erdgeschoßräume zur Auf⸗ nahme des Lessing⸗Museums einräumten. Hier haben die zahlreichen Erinnerungen in vier Räumen eine Unterkunft gefunden, die trotz einiger Enge den Vorzug hat, daß man alles wohlgeordnet hübsch beisammen findet und an Ort und Stelle selbst so etwas wie das Wehen des Geistes der friderizianischen Zeit verspürt.

Geheimrat Friedel fuͤhrte im Hauptraum des Museums, an⸗ knüpfend an die vor kurzem erst hier stattgehabte Feier des hundert⸗ jährigen Todestages von Friedrich Nicolai, in die Geschichte des Hauses, seines Erbauers und dessen Beziehung zu Lessing ein. Brüderstraße heißt diese nächst der Breitenstraße bedeutendste Straße von Alt⸗ Cölln nach dem hier befindlich gewesenen Kloster der Dominikaner. Nach Fidicin hat das erste Konventshaus vermutlich an der Stelle von Brüderstraße 13 gestanden. Im Jahrhundert des 30 jährigen Krieges wurde gerade diese Seite der Straße durch Feuer vernichtet. Lange lag die Brandstätte wüst, bis um 1674 der Hoffischmeister und Küchenschreiber Brandes hier einen Neubau er⸗ richtete. Das Haus ist auf einer im Märkischen Museum befindlichen Zeichnung von 1690 zu sehen. Ein späterer Besitzer, Reichsgraf von Finckenstein, verkaufte 1710 das Grundstück für 8060 Taler an den Amtmann Schönebeck, der ein drittes Stockwerk aufsetzte, 2 Seiten⸗ flügel anbaute und im Hinterhaus durch einen vornehmen Mieter einen stattlichen Empfangssaal einrichten und das in reichem Barock geschnitzte Treppengeländer anbringen ließ, das noch heute be⸗ wundert wird. Um 1747 erwarb das Haus für 14 000 Taler der in der Berliner Wirtschaftsgeschichte rühmlich be⸗ kannte Kaufmann und Fabrikbesitzer Gotzkowsky, der hier mit seinem Schwiegervater Blume wahrscheinlich Samtfabrikation betrieb, aber später verarmte und das Grundstück nach dem Kriege subhastiert werden sah. Es ging für 15 050 Taler in den Besitz der Firma Roitzsch u. Dukow über, die es 1788 für 32 500 Taler an den „Buchführer Nicolai“ verkaufte, welcher schon seit langer Zeit den größeren Teil des Hauses als Mieter innegehabt hatte. Friedrich Nicolai war 1733 in dem Hause Poststraße Nr. 4 als der Sohn von Christian Gottlieb Nicolai geboren, der am 3. Mai 1713 ein Buchhandelsprivileg erhalten hatte. Vater Nicolait muß seine Buchhandlung schon in blühenden Zustand gebracht haben und ein recht geachteter Mann gewesen sein, da Friedrich der Große ihn als Kronprinz wiederholt besucht hatte. Als Nicolai senior 1752 starb, ging sein Geschäft an seine 4 Söhne über. Seit 1759 war nach Auseinandersetzung mit den Brüdern Friedrich Nicolai der einzige Inhaber. Dieser Mann, der sich eigentlich gelehrten Studien bestimmt hatte, war bald eine hoch angesehene Person in Berlin. Was immer an literarisch und wissenschaftlich führenden Geistern in Preußens Hauptstadt sich aufhielt, stand mit Friedrich Nicolai in Verbindung. Kennzeichnend für seinen Einfluß und seine Bedeutung ist, was Schiller hierüber 1780 an seine Schwester schreibt: „Sobald ich in Berlin bin, kann ich in der ersten Woche auf festes Einkommen rechnen, weil ich voll⸗ gültige Empfehlungen von Nicolai habe, der dort gleichsam der Souverän der Literatur ist, aber Leute von Kopf sorgfältig ansieht, mich schon im voraus schätzt und einen ungeheuren Einfluß hat, beinahe im ganzen Deutschen Reich der Gelehrsamkeite. Daß ein Mann von solchen Eigenschaften in enge, freundschaftliche Beziehungen zu Lessing treten mußte, liegt nahe: Aus Nicolais sorgfältig bewahrten Haus⸗ akten wissen wir, welche Männer im gastfreien Hause in der Brüder⸗ straße verkehrten. Es sind die verdienstvollsten und bedeutendsten des letzten Drittels des 18. Jahrhunderts. Aus ihrer Zahl sind nächft Lessing zu nennen: Ramler, Gleim, der berühmte Arzt Heim, Gottfried Schadow, Goethes Freund Zelter und viele andere, sodaß das Nicolaische Haus bis zum Beginn des 19. Jahr⸗ hunderts als ein kultureller Brennpunkt Berlins gelten durfte. Als Feiehc Nicolat 1811 gestorben war, ging der Besitz des Hauses, der Buchhandlung und des Verlagsgeschäfts an seinen Schwiegersohn, den Hofrat Parthey über und von diesem 1827 auf seinen Sohn Dr. Gustay Parthey, dessen Nachkommen das Haus, das während dreier Menschenalter literarische Größen aller Art als willkommene Gäste in seinen Räumen gesehen hat, heute noch bewohnen. Dr. Gustav Jugenderinnerungen sind 1907 von Geheimrat Friedel erausgegeben worden. Sie gehören zu den interessantesten Er⸗ innerungen aus dem gesellschaftlichen Leben Berlins um die Wende und in den ersten Dezennien des 19. Jahrhunderts. Aus ihnen geht auch hervor, daß Theodor Körner im Partheyschen Hause zweimal als Gast weilte: 1811 als relegierter Leipziger Student und vom 4. August 1813 ab einige Tage zu kurzer Erholung nach einer im Juni erhaltenen Verwundung. Während dieses Aufenthalts im Partheyschen Hause hat Körner an einem noch vorhandenen Schreib⸗ pult die Verse: „Euch Allen, die Ihr noch mit Freundestreue ꝛc.“ gedichtet. Körners Eltern bewohnten nach ihrer Uebersiedlung aus Dresden von 1815 bis 1828 das Partheysche Haus. Geheimrat Friedel gedachte noch einiger anderer Beziehungen Lessings zur Brüderstraße, u. a. der folgenden. Hier, in Nr. 27, befand sich, bis vor 30 Jaren etwa, die Weinstube von Maurer u. Bracht, in der Lessing gern mit Freunden weilte und zu deren Mit⸗ besuch, als er noch in der Brüderstraße wohnte, er durch das Heraus⸗ stecken einer roten Fahne die in der Nähe wohnenden Freunde einlud. Die trauliche Ecke mit dem schlichten, jetzt im Museum befindlichen Lehnstuhl, in dem Lessing saß, wurde bis zuletzt in unverändertem Zustande erhalten und dürfte von manchem älteren Berliner noch so gesehen worden sein. Hier führte unser Dichter häufig ernste Gespräche mit Moses Mendelssohn, welcher damals es war die Zeit des letzten Lessingschen Aufenthalts in Berlin nach dem Kriege an seinem Werke „Phaedon, Gedanken über die Unsterblichkeit der Seele“ schrieb und hierüber sich gern mit Lessing unterhielt. Eines Tages mengte sich der am Nachbartisch sitzende Färbermeister Grützmacher unvorher⸗ esehen ins Gespräch mit den Worten: „Ick jloobe nich an ihe!“ ls Lessing hierauf fragte, warum nicht? antwortete Grützmacher: „Sehen Se, Herr Lessing, det is so: Iloobe ick an Unsterblichkeit und sie kommt denn nich, denn ärjere ick mir, jloobe ick aber nich an ihr und sie kommt denn doch, denn frei' ick mir. So is et doch besser!“ Geheimrat Friedel gab am Schluß seines Vortrags der Ansicht Ausdruck, daß aus dem bescheidenen Lessing⸗Museum sich ein

A. F. Ein Nachmittagsausflug führte die Mitglieder der, Branden⸗

nnenausstattung pietätvoll erhaltene Patrizierhaus von der Stadt Berlin als eine Art von Nationaldenkmal erworben werden möge, schon um den hier gefeierten Erinnerungen eine dauernde Stätte zu geben. Auf einem Rundgang wurde hierauf das geräumige Haus in Augenschein genommen, einschließlich Hof, Hinter⸗ gebäude und an dieses sich anschließendem Garten. Letzterer wirkte als eine Ueberraschung, da man sich in der Brüderstraße eines solchen von der Ausdehnung nicht versehen hatte. Hier steht auch der Nußbaum, in dessen Schatten Lessing öfter gesessen haben soll. In die Räume des Museums zurückgekehrt, erfreute sich hier die Gesellschaft noch einer Ansprache des Redakteurs Georg Richard Kruse, des verdienstvollen Leiters des Lessing⸗Museums, dem die glück liche Entwicklung der Angelegenheit bis zur Gegenwart und die Lösung der vielfach sich entgegenstellenden Schwierigkeiten wesentlich zu danken ist. Im Anschluß daran gab es eine neue Ueber⸗ raschung. Wenige unter den anwesenden Damen und Herren mochten wissen, 5* der Dichter des Nathan, der Philosoph Lessing, in seinen jüngeren Jahren auch anakreontische Lieder gedichtet hat, ja daß manche davon als sangbar erkannt und zu verschiedenen Zeiten vertont worden sind. Vier von diesen Liedern, eines davon durch keinen Ge⸗ ringeren als Graun in Musik gesetzt, wurden der Gesellschaft dar⸗ geboten. Herr Kruse hatte die Konzertsängerin Fr. Olga Börnicke⸗ Schubert dazu bereit gefunden, folgende Lieder, zu denen die Begleitung auf dem Spinett der Frau Nicolai gespielt wurde, in ebenso an⸗ sprechender als künstlerisch vollendeter Art vorzutragen: „Ihr Alten trinkt, Euch jung und froh zu trinken“, „Ein Küßchen, das ein Kind mir schenket“, „Der Neid, oh Kind, zählt unsere Küsse“ „Fleiß und Arbeit lob ich nicht“. Auf diesen ästhetischen Genuß folgten dann noch als Schluß recht fesselnde Mitteilungen des Studiosus Brückner, der ein Nachkomme jener viel genannten Eva König, Lessings Gattin, aus ihrer ersten Ehe mit dem Kaufmann König in Hamburg ist. Herr Brückner ist durch Erbschaft in den Besitz von Erinnerungsstücken an diese seine Urahne gelangt, die er vorlegte, und von denen besonders ein 1771 von Graff gemaltes Bild Lessines, das einzige nach dem Leben gemalte, interessierte, sowie auch eine Locke Lessings. Ein Tagebuch von Eva König aus den Jahren 1770 1772, zum Teil auf einer Reise nach Wien geschrieben, wohin sie zur Ordnung geschäftlicher Verhältnisse ihres verstorbenen ersten Gatten gereist war, wurde teilweise verlesen. Es ist ebenso von kulturellem Wert, als bezeichnend für das Wesen der Frau, der Lessing eine so beständige Liebe gewidmet hatte, mit der er aber nur

Jahre (bis 1778), wo sie im Wochenbett starb, verbunden blieb. Auch ein 1770 wahrscheinlich in München gemaltes Bild von Eva König wurde gezeigt. Herr Brückner erzählte noch, daß Lessing trotz seiner sehr beschränkten Verhältnisse sich der vier Kinder erster Ehe seiner verstorbenen Gattin väterlich angenommen und daß Amalie, seine Stieftochter, Lessing in den drei ihm noch beschiedenen Jahren die Wirtschaft geführt habe.

Der Geheime Hofrat, Professor Dr. Suphan, der vor kurzem von der Leitung des Goethe⸗Schiller⸗Archivs zurückgetreten ist, ist, wie „W. T. B.“ aus Weimar meldet, dort plötzlich gestorben. Der Verstorbene war in Nordhausen geboren und hat ein Alter von 65 Jahren erreicht. Sein Hauptwerk war die Herausgabe der großen kritischen Ausgabe der Werke Goethes, der sogenannten „Sophien⸗ ausgabe“, in 134 Bänden sowie eine Ausgabe der Werke Herders.

Literatur.

Seitdem die sechste Auflage von Meyers „Großem Kon⸗ versationslexikon“ im Jahre 1908 in 20 Bänden abgeschlossen vorlag, sind die Redaktion und der Verlag (Bibliographisches Institut in Leipzig und Wien) nicht müßig gewesen, das große Nachschlagewerk durch Ergänzungen und Nachträge auf dem laufenden zu erhalten. Im Vorjahre kam ein mit Abbildungen und Karten reich ausge⸗ statteter 21. Band „Ergänzungen und Nachträge“, über 1000 Seiten stark, heraus und neuerdings liegt der 22. Band, Jahres⸗Supple⸗ ment 1909 1910, vor. Er ist ebenfalls etwa 1000 Seiten stark und enthält Ergänzungen und Nachträge zu allen bisherigen Bänden. Alle Gebiete sind bei diesen Ergänzungen gleichmäßig be⸗ rücksichtigt: Geisteswissenschaften und Künste, alle Zweige des staat⸗ lichen Lebens und seiner Organisation, Naturwissenschaften und Technik. Aus der Fülle der Artikel seien jene über die Reichsfinanz⸗ reform und über Gemeindefinanzen, über alttestamentliche Wissen⸗ schaft der Gegenwart und über evangelisches Kirchenwesen in Deutsch⸗ land deer Sehr reich und gediegen ist auch das Abbildungs⸗ material, das sich aus über 1000 Bildern, Karten und Plänen im Text sowie aus 83 Bildertafeln, darunter 4 Farbendrucktafeln und 15 selbständigen Kartenbeilagen, und aus 10 Textbeilagen zusammen⸗ setzt. Der wertvolle Band kostet in Halbleder gebunden 10 ℳ, in Prachtband 12 ℳ. 1

Die C. H. Becksche Verlagsbuchhandlung Oskar Beck in München teilt mit, daß sie einen kleinen Vorrat des bekannten, von einrich Schultheß begründeten Europäischen Geschichts⸗ alenders, von dem nunmehr 50 Bände vorliegen, dem Verkauf zu ermäßigtem Preise unterstellt: ein vollständiges, die Jahr änge 1860 bis 1909 umfassendes Exemplar des Geschichtskalenders wird, soweit die geringen Vorräte reichen, für 200 geliefert, einzelne Bände behalten den bisherigen Preis von 10 ℳ.

111414X“X“ Laut Meldung der Königlichen Eisenbahndirektion in Breslau ist der Verkehr auf der Strecke Neustadt O.⸗Schl. Gogolin sowie auf der Kleinbahn Groß⸗Peterwitz Katscher wegen

Schneeverwehung voraussichtlich drei Tage gesperrt. Ebenso ist der Verkehr auf fast sämtlichen Staatsbahnen Galiziens gesperrt.

Theuter und Musik.

Lustspielhaus.

„Das Objekt“, eine Anwaltsgroteske in drei Akten von Fritz Selten, die bei ihrer gestrigen Erstaufführung im Lustspiel ause von einem Parkett von Rechtsanwälten viel belacht wurde, erwies sich als eine Aneinanderreihung von Anekdoten aus dem Gerichtsleben. Das „Objekt“ ist ein verkommener Baron, den Dr. Heinz Bormann vor den Geschworenen wegen Mordverdachts zu verteidigen hat, der zum Tode verurteilt und schließlich aus der Haft entlassen wird, weil die angeblich von ihm Ermordete gesund und munter von einem Ab⸗ stecher nach Amerika zurückkehrt. Auf diesen dünnen Faden der Handlung hat der Verfasser, ein hiesiger Rechtsanwalt, Witze und Schnurren jüngeren, zum Teil aber auch recht ehrwürdigen Alters aufgereiht. Am besten sind diejenigen geraten, die in dem wirklichkeitsgetreu auf die Bühne gebrachten Wandelgange vor dem großen Schwurgerichtssaal im Moabiter Kriminalgericht den Lippen der dort versammelten „Kriminalstudenten“, Gerichtsdiener, voruber⸗ kommenden Anwälte u. a. entschlüpfen. Gespielt wurde, wie immer im Lustspielhause, frisch und flott. Eine Ueberraschung bot Harry Walden in der Rolle des verkommenen Barons, die so ganz anders geartet ist, als die, in denen man ihn sonst auf der Bühne

sieht. Es war eine wohlgelungene Charakterstudie, die seiner vielseitigen

Begabung alle Ehre machte. Unter den zahlreichen anderen Mit⸗

wirkenden ist Ernst Bach, der auch als Regisseur mit Geschick und

Geschmack seines Amtes gewaltet hatte, hervorzuheben. Er gab den

vom Verfasser nicht eben geistvoll gezeichneten Verteidiger mit natür⸗

lichem Ton und sompathischem Wesen. Recht komisch war auch Herr

Franz Arnold als jüdischer Kommerzienr t, der seinen Schwiegersohn,

eben jenen Anwalt, durchaus berühmt sehen will. Gelungene

Episodenfiguren schufen ferner Franz Cornelius als Zeuge, der bereit

ist, alles und jedes zu beschwören, was von ihm verlangt wird, und

Otto Pablau als „Schnapsbruder“, der die vorgänge im Gerichts⸗

Deutsches Theatermuseum entwickeln werde. Eine kühne, aber frohe Hoffnung dünkt es ihn zurzeit noch, daß das alte, mit seiner gesamten

gebäude in seiner Art glossiert. Der anwesende Verfasser wurde na den Aktschlüssen mehrfach mit den Darstellern hervorgerufen 8 8