1911 / 40 p. 6 (Deutscher Reichsanzeiger, Wed, 15 Feb 1911 18:00:01 GMT) scan diff

Meeine

Das erste Kriegsgericht hat den Unteroffizier mit 7 Jahren Zuchthaus bestraft. (Hört, hört! rechts.) Das ist eine schwere Strafe. Aber der Gerichtsherr und daraus sehen Sie, wie dieser Fall vom Offizierkorps aufgefaßt worden ist hat diese Strafe nicht für genügend erachtet und hat Berufung eingelegt. In zweiter Instanz ist der Unteroffizier dann zu 10 Jahren Zuchthaus verurteilt worden. (Hört, hört!) Ich glaube also, daß dieses Verbrechen, das überall vorkommen kann, seine schwere Sühne gefunden hat. (Sehr richtig! rechts und bei den Nationalliberalen.)

Ich möchte ferner sagen, daß die Untersuchung der Frage, ob die Schuld an dem Fall einer mangelnden Beaufsichtigung seitens der Vorgesetzten mit beizumessen ist, noch nicht abgeschlossen ist. Der Stationschef und Gerichtsherr hat mir eben telegraphiert, daß das Ermittelungsverfahren gegen die aufsichtsführenden Vorgesetzten in der Mißhandlungssache des Heizers Brandt noch nicht abgeschlossen wäre. Es ist also ein entsprechendes gerichtliches Verfahren eingeleitet, so wie es sich gehört. Es ist also alles geschehen, was überhaupt nur geschehen konnte. (Beifall rechts.) Damit scheidet der Fall aus aus der Frage der Heizerzulagen. (Zustimmung bei den Nationalliberalen und rechts.)

Meine Herren, weiter. Der Herr Abgeordnete hat dann gesagt, es wären Schmiergelder an Beamte gezahlt worden, und er hat das gewissermaßen so dargestellt, daß das allgemeiner Usus wäre. Es liegen allerdings mehrere Fälle gegen Botteliers vor, die gerichtlich behandelt sind, und es ist richtig, daß die Botteliers irgend welche Sachen empfangen haben. Ich bin augenblicklich nicht orientiert was es gewesen ist. Es ist gegen diese Botteliers eingeschritten worden und sie sind streng bestraft worden. Aber wir haben uns nicht damit begnügt, sondern haben die ganze Bottelierswirtschaft, die ja auch eine alte Ueberlieferung ist, geändert. Wir haben den Kantinenverkauf den Botteliers ganz abgenommen, und die Botteliers dürfen mit den Lieferanten überhaupt nicht mehr direkt verkehren, sondern in Zukunft macht das lediglich die Verpflegungskommission. Wenn sich also ein Mißstand herausgestellt hat, hat er nicht nur seine Sühne an den Personen gefunden, sondern es ist auch die Ursache selbst beseitigt worden.

Was die „Marinerundschau“ betrifft, so ist es richtig, daß sie von einem Beamten des Reichsmarineamts redigiert wird, aber nur soweit beeinflußt wird, als es sich darum handelt, daß nicht militärische Geheimnisse veröffentlicht werden; denn es ist immer eine gewisse Schwierigkeit, in einem Fachblatt wie das, worum es sich hier handelt, das zu trennen, was allgemein wissenswert ist, von dem, was wir für uns behalten wollen. Darin liegt die Notwendigkeit, daß wir einen Beamten des Marineamts mit der Redaktion beauftragt haben. Im übrigen, meine Herren, ist der „Marinerundschau“, wie diejenigen Herren wissen, die das Blatt gelesen haben, die freieste Hand gelassen worden, die man ihr nur lassen kann. Es finden Kontroverse und Meinungsaustausche in derselben statt, und sehr viele Artikel derselben decken sich keineswegs mit meiner Ansicht, ganz besonders nicht in den Artikeln des Meinungsaustausches. Wir lassen also dem Blatte soviel Freiheit, als wir nur lassen können. Aber wenn wir wirklich solide fachwissenschaftliche Aufsätze veröffentlichen wollen, wenn wir

unser Offizierkorps zum Nachdenken anregen wollen, wenn wir die⸗

jenigen Herren befriedigen wollen, die für Marineangelegenheiten Interesse haben, so bleibt eben nichts anderes übrig, als einen Zuschuß zu gewähren. Würde der Zuschuß genommen werden, so würde die „Marinerundschau“ einfach eingehen, und das ist, glaube ich, weder der Wunsch des hohen Hauses, noch der Wunsch der vielen Freunde der „Marinerundschau“.

Dann hat der Herr Abgeordnete es so dargestellt, als ob den Offizieren gar nichts genommen wäre, den Offizieren hätte ja noch viel mehr genommen werden können. Ich will dem gegen⸗ über nur ein paar von denjenigen Offizieren herausgreifen, die der Herr Abgeordnete selbst genannt hat. Der Geschwaderchef hat jährlich 4000 von den Bezügen verloren, die er von jeher bekommen hat (hört! hört! rechts, Zuruf von den Srzialdemokraten: Dann hat er eben zu viel gehabt), und der Geschwaderchef im Ausland hat 5500 verloren (hört! hört! rechts) von denjenigen Bezügen, die er immer gehabt hat. (Zuruf von den Sozialdemokraten.) Wie man da noch behaupten kann, daß wir nur an den armen Mann, den Heizer, heran⸗ gegangen seien, ist mir unverständlich. (Abg. Noske: Habe ichnicht gesagt!)

Dann hat der Herr Abgeordnete ausgeführt, der Staatssekretär hätte gesagt, er brauche sich nicht mit Kleinigkeiten zu hbefassen. Ja, meine Herren, wenn man den Sinn meiner Worte so umdrehen will, wie der Herr es tut, dann bin ich überhaupt nicht imstande, hier etwas zu sagen. Aber ich glaube, das hohe Haus hat mich richtig verstanden. (Sehr wahr! rechts.) Ich habe ausdrücklich gesagt: nie ist mir in meiner ganzen Dienstzeit ein Schritt so schwer geworden, wie die Absetzung dieser Bezüge und ganz speziell die Abzüge für die Heizer. (Sehr richtig! rechts.) Das habe ich gesagt. Sie haben also daraus entnommen und ich habe das bestätigt —, daß es sich hier nicht um eine „Kleinigkeit“ gehandelt hat, sondern um die schwerste Handlung, die ich überhaupt in meiner Dienstzeit habe ausführen müssen. So steht die Sache. (Sehr wahr! rechts.)

Dann hat der Abgeordnete, wenn ich ihn richtig verstanden habe, etwa dem Sinne nach gesagt, die Offiziere sorgten nur für sich selbst, sie sorgten nicht für ihre Leute. Ich muß gegen diese Behauptung auf das energischste protestieren. (Abg. Noske: Habe ich nicht gesagt!) Herren, nennen Sie mir einen Fall, wo, wenn eine Gefahr dagewesen ist, die Offiziere bei uns nicht in erster Linie eingetreten wären. (Zuruf von den Sozialdemokraten: ggifsendahl!) Solange die Marine existiert, ist das der Fall gewesen,

und das gehört sich so. Der Herr Abgeordnete hat dann gesagt, ich hätte in der Budgetkommission ausgeführt, ich würde mir noch überlegen, ob sich die Sache mit den Heizern noch besser arrangieren ließe, mmit anderen Worten, ich hätte kalte Füße gekriegt bei der Angelegen⸗ heit. Meine Herren, worum handelte es sich damals? Damals handelte es sich um eine Erhöhung der Extraverpflegung, welche die Heizer bekommen über dasjenige hinaus, was die Matrosen bekommen.

Darum handelte es sich, und ob das an sich richtig und durchführbar

war, das war mir zweifelhaft. Ich habe bei der Gelegenheit aauch gesagt und das habe ich bei der ganzen Angelegenheit von vorn herein in Erwägung genommen gehabt —, daß ich den Heizern eventuell auf andere Weise noch helfen könnte, ich habe die Art und Weise näher besprochen, wie ich das tun woollte, wie ich den Heizern einen gewissen Ausgleich für den Verlust schaffen wollte, darauf bezogen sich meine Worte. Das, was Herr Noske gesagt hat, dreht die Sache vollständig um. Dann möchte ich doch sagen, er tut so, lals ob die Heizer nach den jetzigen Vor⸗

schlägen nicht noch ein höheres Einkommen hätten als die Matrosen sie behalten, wie ich gestern ausgeführt habe, auch in Zukunft 27 ℳ, während die Matrosen nur 19,50 haben, es bleibt also immer noch ein erheblicher Unterschied, den ich für meine Person den Heizern von Herzen gönne; ich bin aber nicht imstande gewesen, eine größere Summe aus dem Etat herauszubekommen.

Dann hat der Herr Abgeordnete gesagt, wir trügen ja die Un⸗ zufriedenheit auf diese Weise in unser eigenes Personal hinein. (Sehr richtig! bei den Sozialdemokraten.) Meine Herren, wer bemüht sich denn, die Unzufriedenheit in unser Personal hineinzutragen (sehr richtig! rechts), ich oder die Herren? (Zuruf von den Sozialdemo⸗ kraten: Sie in Ihrer Verwaltung!) Meine Herren, die Wahrheit, auf die kommt es an. (Zuruf von den Sozialdemokraten: Auf die Wirklichkeit, auf die Tatsachen!) Im übrigen möchte ich sagen, die Herren brauchen sich nicht zu beunruhigen, wenn von der zuständigen Stelle aus befohlen ist, wie die Zulage geregelt werden soll, dann wird die Unzufriedenheit ganz von selbst aufhören. (Zuruf von den Sozialdemokraten: Von morgen ab hört die Unzufriedenheit in der Armee auf!) 1

Abg. Weber (nl.): Der Kollege Noske hat gesagt, es wäre deplaciert, die Verwaltung dafür zu loben, daß der Etat zum ersten Male sparsamer aufgestellt wäre. Ich sehe nicht ein, warum wir nicht der Verwaltung Anerkennung zollen sollen, daß sie Abstriche macht, die der Reichstag selber gewünscht hat. Die Abstriche persönlicher Aus⸗ gaben werden der Verwaltung gewiß nicht leicht geworden sein. Die Leistungsfähigkeit auf finanziellem Gebiet ist bei uns nicht schwächer als in anderen Staaten. Flotte, Kriegsmarine und Handel stehen sehr wohl in engem Zusammenhange. Insofern ist auch die Ent⸗ sendung eines Kreuzers nach Südamerika mit Freuden zu begrüßen. Unser Handel kann dadurch nur gewinnen. England hat gerade durch seine Flotte im Auslande große Erfolge gehabt. Es ist nicht richtig, daß unsere Werften vom Auslande keine Aufträge bekommen; die Marineverwaltung unterstützt die Privatwerften in jeder Weise. Die Sozialdemokraten brauchen der Verwaltung nur die ihr be⸗ kannten Fälle zur Kenntnis zu bringen, dann wird zweifellos Remedur eintreten. Was die Zulagenfrage betrifft, so hat selbstverständlich die Kürzung von 10 für die Heizer Aufsehen gemacht. Mit der Reichsfinanzreform hat die Sache aber nichts zu tun, denn die Mannschaften zahlen keine Steuern. Der Heizer wird auf dem Schiffe vollständig gespeist und gekleidet, und die 20 waren ein Zuschuß zum Bekleidungsgelde. Es wäre zu wünschen, daß auch dem Heizer dieselbe Bekleidung zur Verfügung gestellt werde wie den Matrosen, nämlich das Takelzeug, das sie vor dem Kessel verwenden können. Hiermit und mit der besseren Beköstigung wäre den Heizern besser gedient als mit den weiteren 10 ₰. Damit würde der sozialdemokratischen Agitation der Boden entzogen werden. Ich gehöre zu der Kommission, die die Werft in Kiel besichtigt hat, nachdem ich vorher Wilhelmshaven allein besichtigt hatte. Ich möchte ausdrücklich bemerken, daß wir die Reise aus dem eigenen Portemonnaie bestritten haben. Uebrigens wäre es keine Schande, wenn Abgeordnete, die im Reichsinteresse reisen, aus irgendeinem Fonds entschädigt würden. Wie nötig auch eine bessere Information der Sozial⸗ demokraten wäre, beweist ein Artikel des „Vorwärts“, der in bezug auf die Schuldentilgung nach diesem Etat sehr mit Unrecht von einem Bilanzschwindel spricht. Bei der Besichtigung auf den Werften ist mir wie den Abgg. Erzberger und Nacken manches aufgefallen, was abgeändert werden kann. Ich stehe dem Staats⸗ sekretär des Reichsmarineamts unabhängiger gegenüber, wie die Sozialdemokraten ihren Genossen gegenüber. Gewiß ist es nicht ganz richtig, wenn an der Fefice eines Werftbetriebes ein höherer Offizier steht, der vom Praktischen bisher keine ordentliche Ahnung gehabt hat. Der neue Oberwerftdirekter in Kiel hat allerdings ver⸗ schiedene industrielle Betriebe durchgearbeitet. Aber in 3 Monaten läßt sich nicht alles nachholen. So, wie der Abg. Struve sich die Organisation denkt, wird sie allerdings nicht gut durchzuführen sein. Der Kollege Struve wird seine Vorschläge revidieren müssen. Eine Dezentralisation beim Einkauf ist nicht am Platze. Ich habe den Eindruck gehabt, daß die Beamten, die zum Teil der Marine entstammten, ihrer Aufgabe

ewachsen waren. Isenthal hat mir einen Tarifvertrag gezeigt, der zu⸗ stande gekommen ist auf Grund der von 9 Arbeitern festgestellten Lohnsätze. Die Arbeiter haben an diesen Tarifsätzen nichts auszusetzen gehabt. Dieser Herr Isenthal ist mir nach meinen eingehenden Besprechungen mit ihm als ein sehr tüchtiger Mann erschienen. In Wilhelmshaven haben wir seit Juli 1910 kaufmännische Buchführung. Soll sie in der gesamten Verwaltung voll durchgeführt werden, so muß in den bisherigen Beziehungen der obersten Stelle des Ressorts zu den nach

geordneten Beamten insoweit Wandel geschaffen werden, als der Verwaltungsdirektor, jederzeit absetzbar, durch den Staatssekretär muß entfernt werden können. Der größte Krebsschaden liegt aber beim Potsdamer Rechnungshof; es geschehen da die unglaublichsten Sachen, es werden Monita gezogen über die geringfügigsten Beträge, die wahre Aktenballen erzeugen. Ein Monitum über 2,09 Mark verursachte in 4 Jahren 49 Mark Schreibgebühren; über den Verbleib eines Pfunds Nickelstahl wurde jahrelang nachgeforscht, bis ein Werkmeister auf einem Akten⸗ stück bemerkte: Wird wohl ein Volontär verbraucht haben; und damit gibt sich dann der Rechnungshof zufrieden. Es ist ein unnützer Unfug, daß von Wilhelmshaven Jahr für Jahr 200 000 Rechnungsbelege kommen, daß Kiel jährlich 24 000 kg. Papier nach Potsdam schickt. So kann nicht weitergewirtschaftet werden. Es wäre viel richtiger, wenn die Räte des Rech⸗ nungshofes selbst an Ort und Stelle revidierten; aber natürlich ist es viel bequemer, den Berg zu sich kommen zu lassen, als zum Berge zu gehen. Bei dem Staatssekretär von Tirpitz haben wir immer⸗ hin schon manches Entgegenkommen in dieser Richtung gefunden. Warum soll man das nicht auch hier vor dem Reichstage anerkennen? In der Deckungsfähigkeit und Uebertragbarkeit der einzelnen Titel können wir gar nicht weit genug gehen; dann haben wir auch eine bessere Kontrolle als heute, wie der in Kiautschou gemachte Versuch beweist. Das sollten sich auch die anderen Reichsressorts Lefagt sein lassen. Auch die Sozialdemokraten sollten sich an Ort und Stelle erkundigen (Zuruf des Abgeordneten Severing) Herr Kollege Severing, ich bin über Ihre sehr kurzen Besuche, über Ihre zweistündige Stippvisite beim Oberwerftdirektor durchaus informiert. Damit ist nichts gemacht, da muß man sich, wie wir, wenigstens vier Tage hinsetzen. Unter der Konkurrenz des Werft⸗ arbeiterkonsumvereins, der mittelbar durch Reichsgelder unterstützt wird, hat der kaufmännische Mittelstand in Wilhelmshaven, wie die Oldenburger Handelskammer beweist, schwer zu leiden. Das ist doch nicht der Wille des Reichstags gewesen. Der Verein bedrängt mit seinen Verkaufsstellen und Filialen auch den Mittelstand in Bant und anderen Plätzen Oldenburgs. Der Staatssekretär sollte in dieser Beziehung unseren Wünschen Rechnung tragen.

Staatssekretär des Reichsmarineamts, Großadmiral von Tirpitz:

Meine Herren! Ich möchte mir nur erlauben, auf den letzten Punkt, den der Herr Abg. Dr. Weber erwähnt hat, ein paar Worte zu er⸗ widern. Es handelt sich um die Verkaufsstellen für Arbeiter auf der Werft. Solange die Verkaufsstellen auf der Werft waren, hatten wir sie in der Hand, konnten wir sie ganz einschränken. Nachdem wir sie gezwungenermaßen aus der Werft herausgelegt haben, haben wir einen direkten Einfluß nicht; denn Staatsgelder bekommen sie nicht einen Pfennig, es sind tatsächlich Privatvereine.

Im übrigen möchte ich sagen, daß nur Arbeiter, die Karten haben und sich als Arbeiter der Kaiserlichen Werft ausweisen können,

an den Verkaufsstellen kaufen dürfen, daß das für alle Offiziere und

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höheren Beamten direkt verboten ist. (Zurufe von den National⸗ liberalen.) Ich konstatiere noch einmal: das ist direkt verboten Und ich konstatiere weiter noch einmal, daß Staatsgelder nicht dazu 8 gegeben werden. Daß ich den geringen Einfluß, den ich vielleich noch habe, in dem gewünschten Sinne benutzen werde, kann ich gern zusagen. Aber Sie haben mir die frühere Waffe aus der Hand genommen, indem ich gezwungen worden bin, die kleinen Verkaufs⸗ stellen aus der Werft herauszulegen. Aber ich werde mich in dem Sinne bemühen. Abg. Herzog (wirtsch. Vgg.): Ich habe die Ueberzeugung, daß allmählich ein kaufmännischer Geist in die Betriebsverwaltungen einziehen wird. Der Etat selbst ist sparsam aufgestellt. Daß nach dem Flottengesetz die Marineverwaltung eine größere Be weglichkeit hat, kann ich nur als einen Vorteil bezeichnen. Die Marineverwaltung hat mit den ihr zu Gebote stehenden Mittelr 8 vorzügliches geleistet. Daß die Heizer eine bessere Verpflegung bekommen sollen, wird sie für die Kürzung der Zulage kaum ent⸗ schädigen; an eine bessere Kost gewöhnt man, sich leicht. Der Verlust von 10 empfindet aber der gewöhnliche Mann schwer. Der Anerkennung für die Rettungsarbeiten bei dem „0 32 können wir uns nur anschließen. Unsere braven Seeleute sind über alles Lob erhaben. Daß Unregelmäßigkeiten auf den Werften gerichtlich festgestellt werden, beweist nur, ein wie wachsames Auge die Marine⸗ verwaltung hat. Die deutschen Kellner führen darüber Klage, daß Marineordonnanzen Kellnerdienste leisten und ‚der privaten Tätigkeit der Kellner Konkurrenz machen. Der Vorstand der Schneiderinnung in Kiel beschwert sich über die starke Konkurrenz, die den privaten Schneidern dadurch gemacht wird, daß das Be⸗ kleidungsamt die Anfertigung der Erxtraanzüge übernimmt. 2 Di Marineverwaltung sag alles vermeiden, was geeignet ist, sich Feinde im Mittelstande zu machen. 8 b hir Dr. Leonhart (fortschr. Volksp.): Als ich gestern die Rede des Abg. Erzberger hörte, mußte ich unwillkürlich an das Wort Fritz Reuters denken: Korl, wie hast du dir verändert! Früͤher herbe scharfe Kritik der Marineverwaltung; gestern ein⸗ weit gehender Optimismus! 1917 würde, so stellte es der Abg. Erzberger dar das Extraordinarium aus dem Marineetat fast gänzlich verschwunder sein. Diese Prophezeiung steht auf außerordentlich schwachen Füßen 1900 hat kein Mensch geahnt, daß wir 1911 Schiffe von 20 000 statt von 10 000 t bauen würden. Der Abg. Erzberger hat dann unser deutsches Flottengesetz mit dem französischen verglichen; ich hätte lieber gesehen, er hätte den Vergleich mit England gezogen Gewiß hat ein englischer Lord der Admiralität das deutsch Flottengesetz für zu elastisch erklärt; aber das ist es nur für di Marineverwaltung, während es für den Reichstag eine durchaus ein seitige Bindung bedeutet. Unser Außenhandel wächst aus ganz natürlichen Ursachen, vor allem aus der Zunahme der Bevölkerung um jährlich etwa eine Million. 1912 soll also das Abflauen de Bauausgaben beginnen. 1912 beginnen aber die Ersatzbauten eine Anzahl großer Kreuzer, und es wird mit einer Erhöhung de Deplacements und mit vielen anderen Umständen zu rechnen sein, die größere Ausgaben mit sich bringen können. Der Flottenverein arbeitet ja schon auf eine Beschleunigung des Ersatzes für die Hertha⸗Klasse hin. Hier ist die Marineverwaltung auf den rechten Wege, wenn sie diesem Drängen nicht nachgibt; es sin immer dieselben Drahtzieher, die da hinter der Szene mitwirken. Am 10. d. M. hat der englische Marineminister zugeben müssen, daf seine Mitteilung im Unterhause im vorigen Jahre über die Zah der Dreadnoughts, die Deutschland in den einzelnen Jahren habe würde, grundfalsch gewesen ist. Tatsächlich werden wir erst in Frühjahr 1917 im ganzen 17 Dreadnoughts haben. Es ist ein gewisser Trost, daß auch in anderen Ländern vom Regierungstische Erklärungen ergehen, die später durch die Tatsachen rektifiziert werden. Hoffentlich tragen die heutigen Erklärungen des Staatssekretärs ir England dazu bei, die Ansichten über die Flottenfrage zu ändern Die Rede des Abg. Dr. Dröscher war eine ganz ungewöhnlich Verhimmelung des Staatssekretärs und selbst für einen Konservativer eine starke Leistung. Seine Wähler werden sicherlich ein saures Gesicht machen, wenn er die erhöhte Branntwein⸗, Tabak steuer usw. aus der Tasche zieht. Die Heizerzulagen können mi der allgemeinen Wehrpflicht nicht in Verbindung gebracht werden. Man sieht es den Leuten auf der Straße an, ob sie Heizer ode Matrosen sind, so verschieden ist ihr Dienst. Es gibt doch auch noch andere Posten, bei denen die Wehrpflicht 1. itsprechen sollte, die Offiziersburschen, die Schreibstuben usw. Wir haben von jeher da gegen protestiert, daß unsere Soldaten auf Grund der allgemeinen Wehrpflicht zu Kolonialkriegen herangezogen und ganz besonderen Fährlichkeiten ausgesetzt werden. Eine bessere Verpflegung ist über flüssig, darüber ist nie begründete Klage geführt. Das Richtige ist di unverkürzte Wiederherstellung der Zulagen nach dem Antrage meine Freunde. Hoffentlich findet der Staatssekretär die notwendigen Mittel. Das wird viel leichter sein, als durch Befehl die Unzufriedenhe aus der Welt schaffen. Die Deckungsfähigkeit der Fonds für mehrere Jahre ist nach meiner persönlichen Anschauung weiter nichts als eine neue Beschneidung des Budgetrechts des Reichstags. Wir müssen den allergrößten Wert darauf legen, daß jede Forderung für jedes Jahr bewilligt wird. Die Einführung der doppelten Buch⸗ führung bei der Kieler Werft ist zu begrüßen. Es ist das ein Ver dienst des gegenwärtigen Verwaltungsdirektors der Werft. Der Auf fassung, als ob nun gar nichts auf den Werften geschehen wäre, muß ich denn doch widersprechen. Man hat bei den Ver handlungen, denen ich damals beigewohnt habe, sehr wenig erfreuliche Dinge gehört. Dem Bedauern über den Unglücksfall des „U. 3“ schließen wir uns an. Den Artikel im „Lokal⸗Anzeiger“ habe ich nicht gelesen; ich habe gefunden, daß die deutsche Presse für dieses Unglück das richtige Verständnis gehabt hat Bewunderung verdient insbesondere das hervorragende Verhalten de Ingenieurs, der die Mannschaft beständig aufgemuntert hat und s in die Lage setzte, solange auszuharren, bis die Rettung vor sich geher konnte. Auch bei der Rettung ist alles Menschenmögliche geschehen. Hoch erfreulich ist, daß das Unterseebootwesen jetzt in schnellerem Tempo gefördert wird. Frankreich und England marschieren noch immer an de Spitze. In den „Preußischen Jahrbüchern“ stellt der Vizeadmiral Kaiser fest, daß, seitdem England weiß, wir haben leistungsfähige Untersee boote, die Invasionsgerüchte, die einer gewissen Lücherlichkeit nich entbehren, in England verschwunden sind. Das Eingreifen de Reichstags hinsichtlich des Zulagewesens war sehr notwendig Tatsächlich hatten sich große Mißstände entwickelt. Es war s geworden, daß die Seeoffiziere und Beamten ein Gehalt erhielten, aber für jede besondere Tätigkeit eine Zulage. Das mußte au finanziellen wie moralischen Gründen geändert werden. Durch die Zulagen konnten geradezu kleine Vermögen erspart werden.

Wenn die Geschwaderchefs jetzt 4000 bis 5500 weniger beziehen,

so ist das der beste Beweis, daß sie vorher zu viel erhielten. Wir haben wider Erwarten einen Bundesgenossen bekommen in der wohlbekannten Vizeadmiral von Ahlefeld, der jetzt Leiter eines große Schiffsbauetablissements in Bremen ist, einer der hervorragendsten deutschen Seeoffiziere. Er glaubt, daß ein Seeoffizier seh wohl in der Lage ist, sich Kapitalien zu ersparen. Er macht in seiner Broschüre auf den Umstand aufmerksam, der auch

den Rersbet ein gewisses Interesse hat, daß nämlich so viele See offiziere uffichtsrats⸗ und Direktorenstellen bei großen industriellen Werken annehmen oder eine Vertretertätigkeit für solche Werk⸗ ausüben. Ich halte dies für sehr bedauerlich, denn die Kosten dafür trägt schließlich doch der Steuerzahler. Ich würde es für ein nobile officium halten, wenn unser Marineoffiziere solche Posten ablehnten. Prinz Heinrich wird selbst überrascht gewesen sein, daß man seine Rede, die er in einem verhältnismäßig Ueinen Kreise gehalten hat, in solcher Weise hie im Reichstage und in der Presse besprochen hat. Er wollte sicher⸗ lich seine Worte nur als seine Privatanschauung aufgefaßt wissen

(Schluß in der Zweiten Beilage.)

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Deutsch

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Die Ansicht meiner politischen Freunde über die gegenwärtige innere Gefahr ist eine etwas andere. Ueber die Mitteilung des Staats⸗ sekretärs, daß der Prinz weder Gehalt noch Pension dessebt, waren wir überrascht. Wir würden uns freuen, wenn wir Fälle mehr verzeichnen könnten. Der F. Schäden des Alkoholismus in der Marine englischen Beispiels hingewiesen. Es ist allerdings bemerkens⸗ wert, daß über 20 000 Seeoffiziere und Mannschaften der englischen Marine berauschende Getränke vollständig vermeiden. Wenn das bei uns auch der Fall wäre, so würde es sehr zu begrüßen sein. Bei den kriegsgerichtlichen Verhandlungen zeigt sich immer wieder, daß der Allohol die Schuld trägt. Wir sind Seiner Majestät dankbar für die Unterstützung, die er durch seine Ausführung denjenigen hat zu teil werden lassen, die schon lange vorher in der Marine den Kampf gegen den Alkohol aufgenommen haben. Sehr zu wünschen wäre es, daß die Zahlmeisterlaufbahn weiter fort⸗ entwickelt würde. Die Ingenieure nehmen noch lange nicht die Stellung ein, die ihrer Verantwortung entspricht. Das moderne Kriegsschiff ist ein Wunder der Technik, deshalb sollte man die Ingenieure noch besser stellen als bisher, wenn es auch er⸗ freulich ist, daß der Kaiser äußerlich ihren Offiziercharakter durch Verleihung der Offizierschärpe zum Ausdruck gebracht hat.

Abg. Werner (Reformp.): Ganz gewiß war, wie der Abg. Schrader sagte, die Schaffung der Marine eine sehr große Tat. Wenn aber die Fortschrittliche Volkspartei diese Tat hätte vollbringen sollen, so würden wir heute noch keine Marine haben. Die Marine⸗ verwaltung hat mit den ihr zur Verfügung gestellten Mitteln un⸗ gemein Großes geleistet. Die Flottengesetze sind wirklich nicht am grünen Tisch gemacht, denn wir sehen, daß sie sich bewähren. Die Flotte ist ein Friedensinstrument, und auch der vernünftige Teil der Engländer sieht das jetzt ein. Derartige Reden, wie sie der Abg. Ledebour gestern hielt, geben nur der Hetzpresse in England will⸗ kommenen Stoff. Niemand ist so unsinnig, zu behaupten, daß Prinz Heinrich etwas gesagt, was er nicht hätte sagen dürfen. Ich freue mich, daß der Staatssekretär diese Ansicht so energisch vertreten hat. Die Linke fordert immer das Recht der freien Meinungsäußerung, macht aber ein Hohenzollernprinz davon Gebrauch, so will sie es nicht gelten lassen.

Abg. Erzberger (Zentr.): Ich habe gestern weder die Freisinnigen, noch die Sozialdemokraten angegriffen oder überhaupt ein Wort der Polemik gegen die Linke gesagt. Die Herren, die seinerzeit gegen die Flotte gestimmt haben, sich über meine historischen Dar⸗ legungen gekränkt gefühlt. Dabei können sie weder an meinen Zahlen noch an meinen Schlußfolgerungen etwas auszusetzen haben. Bleibt nur die Behauptung des Abg. Ledebour, daß ich den Staats⸗ sekretär mit Lobeserhebungen überschüttet hätte. Ich 8. das Flotten⸗ gesetz gelobt und also auch die Haltung der großen Mehrheit des Parlaments anerkannt, die das Gesetz gemacht hat. Warum soll übrigens ein Abgeordneter nicht Anerkennungen haben für eine Ver⸗ waltung, die den Wünschen des Reichstags nachgekommen ist? Daß ich voriges Jahr kritisiert habe, dieses Jahr nicht, ist nur ein Beweis meiner Objektivität. Nach der Darstellung des Kollegen Noske, der für allgemeine Abrüstung eintritt, liegt es einfach im Belieben der Verwaltung, wieviel Kriegsschiffe wir haben sollen. Das ist nicht richtig. Warum bleibt denn England nicht mit dem Bau von Schiffen zurück? Noch vor zwei Jahren hat selbst der „Vorwärts“ zugegeben, daß Deutschland dem Vorgehen Englands mit dem Bau, größerer Schiffstvpen von 20 000 Tonnen durchaus habe nachfolgen müssen. Keine Partei im Reichstage würde den Mut haben, unsere Soldaten mit minderwertigen Schiffen und minder⸗ wertigem Material auszustatten. Auch innerhalb der Sozialdemokratie, selbst der deutschen, gibt es Kreise, die für die rein negierende Haltung der Partei in bezug auf die Vaterlandsverteidigung kein Verständnis haben. Die Subvention von 20 000 für die „Marine⸗ Rundschau“ muß weiter gezahlt werden, bis das Blatt sich selbst erhalten kann; ihr Eingehen würde ich sehr bedauern; viel besser wäre es, wenn wir auch für das Militär ein ähnliches Organ hätten. Daß der Abg. Leonhart den Antrag wegen der gegenseitigen Deckung und wegen der Uebertragbarkeit der Werftbetriebsausgaben ablehnt, nimmt mich wunder. Er sieht eine Verkümmerung des Budget⸗ rechts des Reichstags darin; tatsächlich ist doch die Uebertragbarkeit der stärkste Ansporn zur Sparsamkeit und somit ein Fortschritt.

Abg. Dr. Struweffortschr. Volksp.): Mir bleibt nur noch eine kleine Nachlese übrig. Der Staatssekretär hat in der Kommission versprochen, die Fischer in Kiel und in Flensburg zu berücksichtigen, die durch die Benutzung der Kieler und Eckernförder Bucht durch die Marine geschädigt werden; ich würde erfreut sein, wenn der Staats⸗ sekretär ier im Plenum eine Erklärung darüber abgäbe. Den Wünschen der Kieler Schneiderinnung ist leider nicht entsprochen worden; im Gegenteil ist ein neues Verbot ergangen: Unteroffiziere und Mann⸗ schaften dürfen an Bord nicht besucht werden. Wir können unser Er⸗ suchen nur wiederholen, daß die Beschwerde der Kieler Schneider⸗ innung über die durch das Bekleidungsamt ihnen gemachte Kon⸗ kurrenz gründlich beseitigt werde. O Marine

88 derartige Kaiser hat auf die unter Anziehung des

Dem Offizierkasino der sollte verboten werden, seine Weine an Private abzusetzen. An Kaisers Geburtstage, sogar bei Feierlichkeiten, die gar nichts mit der Marine zu tun haben, wird der gesamte Weinbedarf aus dem Offizierkasino gedeckt, zum großen Nachteil des privaten Weinhandels. Die Pensionsbedingungen für Deckoffiziere müssen geändert werden, um das frühzeitige Verlassen des Marinedienstes, wie es jetzt an der Tagesordnung ist, zu verhindern. Die Ingenieurfrage ist ihrer Lösung noch immer nicht näher gekommen. Die größten Dread⸗ noughts haben immer noch keine größere Anzahl von Ingenieuren als die kleineren Schiffe; noch immer ist den Ingenieuren nicht der Rang des ersten Offiziers an Bord beigelegt; noch immer fühlen sich die Ingenieure den Offizieren gegenüber zurückgesetzt. Hoffentlich nimmt sich der Staatssekretär der Ingenieure mehr an, nachdem er in der Kommission gesagt hat, er möchte ihnen gern einen höheren Rang geben, wenn das Reich das nötige Geld dazu hätte. Die Zahl der Aspiranten für die Ingenieurschule nimmt immer mehr ab, und über Lehrgang und Lehrkräfte wird geklagt. Der Staats⸗ sekretär hat sich für eine größere technische Ausbildung der Seeoffiziere ausgesprochen. Es würde, glaube ich, genügen, wenn unsere See⸗ offiziere so ausgebildet werden, daß sie in der Navigation allen anderen Nationen vorangehen. Ich halte die Ueberlastung der See⸗ offiziere mit technischen Dingen nicht für vorteilhaft. Zu meiner Freude hat unsere Denkschrift über die Reorganisation im Hause und beim Staatssekretär eine gute Aufnahme gefunden. Natürlich muß der Reorganisationsplan vom kaufmännischen Geiste erfüllt sein, aber mit der kaufmännischen Buchführung allein ist es auch nicht getan. Ich habe von Krupp einen Brief erhalten, worin mir mitgeteilt wird, daß die Direktion der Wilhelmshavener Werft der Firma geschrieben habe: Infolge der Einführung der doppelten Buch⸗ führung werden Sie ersucht, die bisher in doppelter Zahl ein⸗ gereichten Rechnungen nunmehr in vierfacher Zahl einzureichen. Auf den Wandel der Anschauungen des Abg. Erzberger in Marinefragen ist bereits hingewiesen worden. Es ist blsher von der Verwaltung bestritten worden, daß sie die Seeoffiziere einseitig be⸗ günstige. Es ist uns nun eine Denkschrift vorgelegt worden; wir er⸗ fahren daraus z. B., daß der Chef des Admiralstabes 6000 Repräsen⸗ tationszula n den 18 000 Dienstzulagen, die 4 Admirale

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Reichsanzeiger

auch hierin mal modern!)

Zweite Be ge

Berlin, Mittwoch, den 15. Februar

ebenfalls aus Kapitel 51 a erhalten, erfahren wir nichts. Die Tafelgelder sind zum Teil erheblich herabgesetzt; der Chef des Stabes einer Flotte sowie der Geschwaderchef erhalten 28 % weniger. Es handelt sich aber nur um 3 Herren. Von den „blinden“ Tafelgeldern hieß es, sie sollten künftig wegfallen, und nur die Flottengeschwaderchefs sollten sie behalten, wenn ihre Flaggschiffe einmal in See gingen. Tatsächlich sind aber die Schiffe im Jahre nur circa 105 Tage zu Verbandsreisen in See, während sie die übrigen 260 Tage entweder zu Einzelübungen auslaufen oder im Hafen liegen. Während dieser ganzen Zeit ist der Geschwaderchef aber nie an Bord und bezieht im ganzen ungefähr 5200 ℳ. Demgegenüber ist es unbegreiflich, wie man behaupten kann, daß die höheren Offiziere womöglich schlechter wegkommen in bezug auf die Kürzung der Zulagen als die Mann⸗ schaften, speziell die Heizer. Solange so etwas noch vorkommt, solange den Offizieren auf Helgoland trotz der Offiziersspeiseanstalt ihre Zulage verbleibt, kann man es nicht verantworten, daß den Heizern ihre Zulage genommen wird.

Staatssekretär des Reichsmarineamts, Großadmiral von Tirpitz:

Meine Herren, ich werde Rücksicht nehmen auf die vorgerückte Stunde und mich so kurz fassen wie ich kann.

Ich möchte zunächst dem Herrn Abg. Dr. Leonhart sagen, daß ich nicht berechtigt bin, über die Tätigkeit des Rechnungshofs zu sprechen, noch weniger etwa eine Kritik zu üben. Ich möchte aber doch betonen, daß er die Macht des Reichsmarineamts überschätzt, wenn er glaubt, das Reichsmarineamt hätte aus eigener Kraft heraus die ganzen Revisionsverhältnisse des Rechnungshofs ändern können.

Dann hat der Herr Abgeordnete Dr. Leonhart auch von der Broschüre des Admirals von Ahlefeld gesprochen. Ich habe ja darüber in der Kommission Ausführungen gemacht, und es ist auch genug darüber in die Presse gekommen. Ich halte es für nicht am Platze, hier des näheren auf Fragen einzugehen, die auf persönlichem Gebiet liegen und die ja hierbei berührt werden müßten. Daß man aber in der Marine nicht ein Rittergut sparen kann, das werden alle diejenigen verstehen, die ein Rittergut besitzen, und alle diejenigen, die gern eins haben möchten, zu denen ich mich auch rechne. (Heiterkeit.)

Die Mahnung des Herrn Abg. Dr. Leonhart, daß die Marineverwaltung nicht Firmen bevorzugen sollte, an deren Spitze in irgendeiner Weise frühere Seeoffiziere stehen ich glaube, diese Mahnung hätte der Herr Abgeordnete, so, wie er mich kennt, doch nicht ergehen zu lassen brauchen. Daß lediglich das Staatsinteresse maßgebend ist bei den Beziehungen der Marine zu den verschiedenen Firmen, ist selbstverständlich.

Was die Fischer anbetrifft in der Kieler Föhrde und in Eckern⸗ förde, so liegt die Sache so, daß, wenn rechtliche Ansprüche nicht da sind, die Fischer also nicht mit Klagen kommen, es für uns sehr schwierig ist, ihnen bloß aus Billigkeitsgründen Geld zu geben. Wo haben wir das? Wie können wir das ver⸗ rechnen? Das ist nicht so leicht. Indessen hat jeder Seeoffizier ein sehr großes Empfinden für unsere Fischer, in jeder Beziehung für ihren Beruf. Wir stehen gerade diesen Leuten besonders nahe, und der Flottenchef und der Stationschef in Kiel haben den Befehl ge⸗ gegeben, daß die Betriebe der Fischer soweit wie irgend möglich ge⸗ schont werden, und wir werden, wenn wir etwas Weiteres tun können, in der Richtung fortfahren.

Es ist dann geklagt worden darüber, daß beim Bekleidungsamt so viel Extraanzüge bestellt worden wären. Ja, meine Herren, dem Bekleidungsamt ist das sehr unangenehm. Das Bekleidungsamt möchte garnichts mit Extraanzügen zu tun haben. Es wird aller⸗ dings damit überlaufen. Das ist richtig, und zwar aus dem Grunde, weil gewisse Händler in Kiel unseren Leuten das Fell zu sehr über die Ohren gezogen haben inbezug auf die Preise der Extra⸗ anzüge. Wenn den Händlern verboten ist, zu den Mannschaften an Bord zu kommen, so hat es einen ganz bestimmten Grund, weil diese Händler es fertig bekommen haben, durch eine unrichtige Kreditgewährung den Mannschaften Zeug aufzuschwatzen. Das war allerdings nicht im militärischen Interesse und ist seitens der Kom⸗ mandos im Interesse der Mannschaften inhibiert worden. Dahingegen ist das Flottenkommando mit der Handelskammer in Altona in engere Verbindung getreten, um die reellen Firmen nicht zu schädigen, im Gegenteil, um die Bestellung der Leute auf die reellen Firmen hin⸗ zuleiten. .

Meine Herren, dann ist gesagt worden, daß die Offizierkasinos an Private geliefert haben. Das dürfen sie nicht, und wenn ein solcher Fall mir bekannt wird und mir genannt wird, so werde ich dem entgegentreten. Das darf nicht geschehen.

Nun, meine Herren, ist von dem Herrn Abg. Dr. Struve weiter angeregt worden, daß für unsere Deckoffiziere eine Art von Gehalts⸗ stufensystem eingerichtet werden solle. Ich freue mich, mit dem Herrn Abg. Dr. Struve in dieser Frage übereinstimmen zu können. Ueber ein derartiges Stufensystem ließe sich wohl reden, und ich kann dabei die Bemerkung machen, daß wir mit dem Schatzamt bereits in Ver⸗ bindung stehen. (Bravo! links.) Aber diese Frage ist noch nicht zum Abschluß gekommen.

Der Herr Abg. Dr. Struve hat ferner gesagt, wir hätten nicht angegeben, wie viel Ingenieure da sind. Der Herr Abg. Dr. Struve kann sich doch eine Rangliste vornehmen, da steht es genau darin. Ich habe auch gesagt, daß ich mich bestrebt habe, die höheren Stellen für die Ingenieure zu vermehren durch Umwandlung niederer Stellen, daß mir das aber in den letzten Jahren nicht möglich geworden ist, weil es an der Finanzlage des Reichs gescheitert ist. Den Versuch, für alle größeren Schiffe Oberstabsingenieure an die Spitze zu setzen, habe ich zweimal gemacht, und wenn die Verhältnisse günstiger sind, werde ich ihn wiederholen.

Dann hat der Herr Abg. Dr. Struve empfohlen, wir sollten doch den Ingenieuren Disziplinarstrafgewalt geben. Das verstößt aber gegen ein altes militärisches Prinzip unserer Marine. Auf den Schiffen hat im allgemeinen nur der Kommandant wirkliche Straf⸗ gewalt, und es scheint nicht angängig, daß wir anderen Offizieren außerdem Strafgewalt gewähren. (Abg. Dr. Struve: Seien Sie

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im Staate schaffen, und das geht nicht. Außer dem Kommandanten hat zwar noch der erste Offizier eine geringe Strafgewalt, diese ist aber im allgemeinen nur gegen Verstöße gegen die allgemeine Schiffsordnung gerichtet, die in den Maschinen genau so gilt wie in den Batterien, den Torpedoräumen oder was sonst an Räumen da ist. Der Kommandant ist aber für alle ohne Ausnahme die Spitze, auf die es ankommt.

Dann hat —zFer Herr Abg. Struve die Ingenieurfrage im all⸗ gemeinen behandelt und von den Ingenieuren gesprochen, die an Bord die Leitung der Schiffsmaschinen besorgen, und da kann ich dem Herrn Abg. Struve nur vollständig in dem beipflichten, was er gesagt hat. Er sagte: in der Beschränkung zeigt sich der Meister. Das ist durchaus zutreffend, und die Beschränkung unserer Schiffs⸗ ingenieure liegt in der Leitung der Schiffsmaschinen. Weil wir ihre Tätigkeit darauf beschränkt haben, haben sie so Ausgezeichnetes ge⸗ leistet, sodaß wir in der Beziehung keiner Marine gegenüber nach⸗ stehen, wenn das nicht noch zu wenig gesagt ist.

Meine Herren, das natürliche Ende der Laufbahn dieses Korps ist die Oberleitung der Schiffsmaschinen als eines Teils des Organismus des ganzen Schiffes. Die ganze Ausbildung, alles was dazu gehört, muß auf dieses natürliche Ende hingeschoben werden. Das natürliche Ende des Seeoffiziers ist der Kommandant. Er muß das ganze Schiff, vor allem seine ganzen Waffen ohne Aus⸗ nahme beherrschen, und die ganze Ausbildung muß daher darauf hin⸗ gehen, daß er das im höchst vollkommenen Maße ausführen kann. Bei dem Seeoffizierkorps kommt aber noch eins hinzu, was aber nicht das Prinzip der Ausbildung an sich bildet: es sollen außer dem Kommandanten auch noch Führer gewonnen werden, Führer, denen gegebenenfalls das Schicksal unseres Reichs mehr oder weniger in die Hand gegeben sein kann. Daraus geht hervor, daß aus der Auswahl der Kommandanten noch eine weitere Auswahl getroffen werden muß. Das Durchsieben bei dem Seeoffizierkorps ist daher ein ungleich größeres als beim Ingenieurpersonal, welches nach Lage des wirklichen Bedürfnisses ein beschränkteres Ziel hat, und, meine Herren, wir wollen doch nach dem Bedürfnis arbeiten, nicht nach persönlichen Wünschen, Wünsche sind natürlich überall vorhanden.

Wenn der Herr Abg. Struve gesagt hat, wir hätten zu wenig Aspiranten, das läge daran, daß wir den Ingenieur nicht zu seinem Recht kommen ließen, so hat er als Beispiel die Zahl der Aspiranten eines Jahres angeführt, in dem wir sehr wenig eingestellt haben. Wir haben seinerzeit bei der ersten Einführung des neuen Ausbildungs⸗ verfahrens die Zahlen etwas unterschätzt. Es ist ja sehr schwierig, die richtigen Bedarfszahlen für die Zukunft festzustellen. Was aber den Andrang zu der Ingenieurslaufbahn anbetrifft, meine Herren, und darauf kommt es in diesem Falle an —, so kann ich dem Herrn Abg. Struve mitteilen, daß wir in den letzten Jahren etwa das doppelte Angebot gehabt haben, als wir Stellen besetzen können. Das zeigt doch eigentlich am besten, daß die Karriere nicht als so schlecht betrachtet wird, wie es der Herr Abg. Struve hier darzustellen versucht hat.

Dann hat der Herr Abgeordnete davon gesprochen, daß wir aus der alten „Nixe“ jetzt die „Hela“ gemacht haben; ich kann mich des Wortlautes nicht mehr erinnern, er hat aber etwas Aehnliches auch in der Budgetkommission gesagt, jedenfalls, daß die Verwendung der „Hela“ nicht so erfolge wie ein voll in Dienst gestelltes Schiff. Da muß ich ihm widersprechen; denn die „Hela“ ist tat⸗ sächlich bisher etwa ein Drittel der Zeit in See gegwesen, also fast so viel wie alle übrigen Schiffe. Im übrigen dient die „Hela“ zeitweise lediglich dem Flottenchef und seinem Stabe, nicht den Führern und Stäben der Geschwader. Die Behauptung, die ich ausgesprochen habe, daß sogenannte blinde Rationen nicht mehr be⸗ zahlt werden würden, trifft zu, das kann ich lediglich wiederholen. Darunter ist aber natürlich nicht zu verstehen, daß, wenn ein Schiff in den Hafen kommt, die Tafelgelder aufhören, weiter gezahlt zu werden! Soll denn die Messe aufgelöst werden, wenn das Schiff in den Hafen hereinkommt? Das ist doch gänzlich unmöglich. Ein in Dienst gestelltes Schiff ist ein lebendiger Organismus, dessen Funktionieren man nicht zeitweilig unterbrechen kann. Deshalb müssen die Tafelgelder, die ganzen Lebensverhältnisse und Lebensbedingungen der Besatzung und der Dienstbetrieb im Hafen genau so sein wie in See. Es kann nicht von blinden Rationen die Rede sein, wenn das Schiff im Hafen ist, dann käme man ja schließlich dazu, von blinden Tafelgeldern zu sprechen, wenn ein Offizier oder Deckoffizier mal den Abend über an Land geht!

Der Herr Abg. Struve hat sich dann weiter ausgelassen über die Zulagen, die die Herren auf Helgoland bekommen. Zunächst möchte ich sagen, daß durch den Bau des Kasinos allerdings den Herren eine gewisse Hilfe gewährt wird, aber der Herr Abg. Struve vergißt, daß auch die Messeführung des Kasinos wegen der teuren Preise in Helgoland ganz erheblich teurer ist als die Messe⸗ führung in einem Kasino bei uns im Inland; daß ferner die Wohnungsverhältnisse der Offiztere durch das Kasino in keiner Weise erleichtert werden. Ferner weiß der Herr Abg. Struve wohl nicht, daß wir soeben die Extrabezüge in Helgoland, die Verpflegungszulage, ganz erheblich herabgemindert haben, nun sollte er sich doch beruhigen. Wir haben diese Zulage erheblich herabgemindert, die Stabsoffiziere sind von 7,50 auf 5 gekommen, die Kapitänleutnants von 6 auf 4 ℳ, die Subalternoffiziere von 4,50 auf 3 ℳ. Das ist doch ein sehr reich⸗ licher Abzug, nun lassen Sie die Herren doch zur Ruhe kommen, sie erhalten wirklich nicht mehr zuviel, denn die Verhältnisse in Helgoland sind teuer. Außerdem bedenken Sie doch einmal, der Herr Abg. Struve beurteilt vielleicht das Leben auf Helgoland wie es sich für einen Badegast gestaltet, der auf vier Wochen dahin geht und auf der Düne liegt. Die Herren, die dauernd da sitzen, leben in einer Einöde und haben in vieler Beziehung große Entbehrungen zu ertragen. Es ist das auch für unsere Mannschaften sehr unangenehm, wir haben es deshalb so eingerichtet, daß wir die Mann⸗ schaften mit den Gaͤrnisonen von Bremerhaven und Curhaven wechseln, weil die Leute durch das isolierte Leben zu sehr zurückgebracht werden