handelte, zur Sicherung des Transports der zu übergebenden Sparkasse einen Gendarmen hinbestellt. (Heiterkeit rechts.) Die Gemeindesparkasse ist durchaus freiwillig von dem Gemeinde⸗ vorstand, dem Vertrage entsprechend, übergeben worden, und der Kreissparkassenrendant ist mit dem Geldschrank und dem zur Sicherung des Transports bestimmten Gendarm nach der Kreisstadt gefahren. Das ist der ganze Hergang. (Erneuete Heiterkeit rechts.) Daß sich inzwischen ein Prozeß über die Gültigkeit des Kaufvertrags entsponnen hat, ist eine Sache für sich und hierüber wird gerichtlich entschieden werden. Jedenfalls entsprachen die Mitteilungen des Herrn Abg. Nissen nicht den Tatsachen.
Der Herr Abg. Nissen hat dann ferner aus demselben Kreise mit⸗ geteilt, daß ein Vertrag abgeschlossen worden sei, betreffend die Ver⸗ pachtung von Wirtschaften auf den Kleinbahnstationen des Kreises Hadersleben. In dem Pachtvertrag seien folgende Bestimmungen, die er wörtlich verlesen hat, enthalten:
Bierverschank und Verabfolgen an Bahnpersonal. Es darf in der vom Pächter gepachteten Bahnhofswirtschaft Brendstrup an Bier nur das in der Brauerei des Herrn S. C. Fuglsang in Hadersleben gebraute oder von ihm zugelassene Bier verschänkt werden.
Der Herr Abg. Nissen hat damals hinzugefügt: 1 Meine Herren, ich brauche wohl nicht zu unterstreichen, daß eine solche Bestimmung, die, wie unbeanstandet behauptet wird, in ämtlichen Pachtverträgen enthalten ist, immer bedenklich sein wird. Ahber als geradezu ungeheuerlich muß man es in diesem Falle be⸗ eichnen, wenn man sich vor Augen hält, daß der Braucreibesitzer, von dem hier gesprochen wird, nicht allein ein persönlicher Freund des Landrats ist, sondern auch Mitglied des Kreisausschusses.
Meine Herren, jeder Unbefangene müßte aus dieser Darstellung entnehmen, daß der Kreisausschuß einen Vertrag dieses Inhalts ab⸗ geschlossen hätte, durch welchen einem Mitgliede des Kreisausschusses und persönlichen Freund des Landrats ohne jede Veranlassung be⸗ sondere Vergünstigungen geldwerter Art ausbedungen seien. Meine Herren, ich habe mir den Pachtvertrag angesehen. Er ist nicht etwa vom Kreisausschuß abgeschlossen, sondern von einer durch den Brauereibesitzer Fuglsang vertretenen Pachtgesellschaft, die sich ausbedungen hat, daß die Entnahme des Bieres aus dessen Brauerei erfolgt. Lange bevor Herr Fuglsang Mitglied des Kreisausschusses geworden war — er ist erst im Jahre 1909 in den Kreisausschuß gewählt worden —, hat der Kreis einen Vertrag mit ihm abgeschlossen, wonach er mit zwei anderen Gesell⸗ schaftern unter für den Kreis sehr vorteilhaften Bedingungen die Schankwirtschaft an den betreffenden Kleinbahnen übernahm. Er hat dann später seinerseits den Vertrag geschlossen, von dem jetzt Herr Nissen sprach. Nicht der Kreis, sondern der Generalpächter des Kreises hat diesen Afterpachtvertrag abgeschlossen, in den er die ganz selbstverständliche Bedingung eingefügt hat, daß der Spezial⸗ und Afterpächter das Bier aus seiner Brauerei entnehmen solle. Meine Herren, Fuglsang ist, wie gesagt, erst im Jahre 1909 Mitglied des Kreisausschusses geworden, und der Kreis hat mit dem von ihm bezw. der Pachtgesellschaft abgeschlossenen Pachtvertrage nicht das mindeste zu tun gehabt. Ich überlasse es hiernach Ihrem Urteil, ob und inwieweit die Darstellung des Herrn Abg. Nissen zutreffend ist.
Der Herr Abg. Nissen hat dann bedauert, daß sogenannten Heimat⸗ losen das Recht versagt werde, in nationalstrittigen Gebieten der vier nördlichen Kreise Schleswigs sich niederzulassen. Nach einem alten dänischen Gesetz bedarf nämlich dort die Niederlassung von Ausländern der Genehmigung. Nun haben wir im Jahre 1907 den sogenannten Optantenvertrag abgeschlossen, infolgedessen die Naturali⸗ sierung von annähernd 4000 Optantenkindern erfolgt ist. Diese Maßnahme hat den gewünschten Erfolg nicht gezeitigt. Diese 4000 Optantenkinder, von denen man annehmen mußte, daß sie nun⸗ mehr auch als preußische und deutsche Untertanen sich fühlen würden, tun das nicht (sehr richtig!), sondern sie sind diejenigen Elemente, die ganz besonders dazu beitragen, die jetzt ganz außerordentlich verschärfte dänische Agitation zu unterhalten. (Hört, hört! bei den National⸗ liberalen.) Außer diesen 4000 Optantenkindern, die wir bereits naturalisiert haben aus Menschlichkeitsgründen und einem gewissen Entgegenkommen Dänemark gegenüber, befinden sich so⸗ genannte Staatenlose in größerer Zahl, etwa 2000, in diesen Distrikten; das sind Kinder von dänischen Eltern, die mithin nach unseren Staatsangehörigkeitsbestimmungen dänische Staats⸗ angehörige sein würden, jedenfalls nicht preußische Staats⸗ angehörige sind, die aber auf Grund des früheren im Jahre 1898 aufgehobenen dänischen Staatsangehörigkeitsgesetzes auch die dänische Staatsangehörigkeit nicht besitzen. Früher bestand die Bestimmung in Dänemark, daß Kinder dänischer Eltern, wenn sie im Auslande geboren waren, die dänische Staatsangehörigkelt nicht erwarben; dieses Gesetz ist im Jahre 1898 aufgehoben worden, und es hätte nahe ge⸗ legen, daß Dänemark diese 2000 staatenlosen Kinder dänischer Eltern nun zu dänischen Staatsangehörigen gemacht hätte, indem es den be⸗ treffenden Bestimmungen seines neuen Staatsangehörigkeitsgesetzes rückwirkende Kraft verlieh; damit wären alle Schwierigkeiten beseitigt worden. Dänemark hat das nicht getan. Und nun wird uns von der Dänenpartei in Nordschleswig zugemutet, daß wir diese Staatenlosen, die die preußische Staatsangehörigkeit nicht besitzen, zu preußischen Staatsangehörigen machen sollen. Meine Herren, nach den Er⸗ fahrungen, die wir mit den Optanten und Optantenkindern gemacht haben, ist daran nicht zu denken. (Sehr richtig! bei den National⸗ liberalen.) Wir würden dadurch unserem Staatsleben in Nordschleswig 2000 weitere unversöhnliche Elemente zuführen, woran dem Staate im Interesse der friedlichen Entwicklung der dortigen Verhältnisse nicht gelegen sein kann.
Nun, meine Herren, können wir auch nicht dulden, daß derartige Elemente, die die dänischen Reihen verstärken, die zur Agitation bei⸗ tragen, sich dauernd dort niederlassen, daß die Zahl dieser sogenannten Staatenlosen sich dort vermehrt, wo sie dem Frieden nicht zuträglich sind. Wir haben darum das meines Erachtens sehr milde Auskunfts⸗ mittel ergriffen, daß wir ihnen die Niederlassung in den national⸗ gefährdeten dänischen Teilen der 4 Kreise nicht gestatten, es ihnen aber vollkommen überlassen, wenn sie sich verheiraten oder sonst dauernd seßhaft machen wollen, dies in den anstoßenden südlicher gelegenen Kreisen zu tun. Wir wollen nur in den nationalbestrittenen Gegenden keine Verstärkung des dänischen Elements haben. (Sehr richtig!) Das wird den Leuten anheim gestellt. Gehen sie nicht darauf ein, begründen sie ohne Erlaubnis eine Niederlassung, dann werden sie aus⸗ gewiesen. Ich glaube, daran müssen wir festhalten (sehr richtig!), das
sind wir der deutschen Bevölkerung, unserer deutschen Entwicklung schuldig. (Bravo!)
Meine Herren, in welchem Maße und Umfange die Agitation jetzt offen, ich will nicht sagen schamlos — der Ausdruck ist mehrfach gefallen — (Heiterkeit), getrieben wird, darüber könnte ich Ihnen eine ganze Anzahl Beläge bringen.
In einer Versammlung am 25. September v. J. erklärte der Arbeitersekretär Matthiesen in Flensburg:
Erst wenn wir frei zum Mutterlande zurückkehren können, kann von einem Infriedenleben und einer Verständigung mit den Deutschen die Rede sein.
Ein anderer, der Hofbesitzer Peter Grau⸗Pöhl, erklärte am 4. Oktober v. J.:
Das Gerede, nicht die Deutschen zu hassen, ist eine törichte Phrase. Ich wünsche, daß die Hoffnung auf bessere Zeiten für uns und unser Mutterland stark werde und daß wir mit den Dort⸗ wohnenden, wohin sich unser Herz sehnt, vereinigt werden möchten.
(Hört, hört!)
Meine Herren, ich habe hier eine größere Blütenlese dieser Art. Interessant ist auch ein Ausspruch, den ein Däne, der Hochschul⸗ lehrer Salling, einer der Lehrer an den bekannten Grenzhochschulen, in die die nordschleswigsche Jugend zur Fortbildung geschickt zu werden pflegt, in einer Schrift getan hat. Er nimmt Bezug auf einen angeblichen Ausspruchs Grundvigs:
Für deine Lunge, für deine Zunge ist Deutsch Eiter und Gift, uad er fährt fort:
Die deutsche Schule ist ein Fluch für die dänischen Kinder. Das ist eine Brochüre in der Salling sich über das deutsche Schul⸗ wesen in „Südjütland“, d. h. Nordschleswig, äußert.
Meine Herren, solange in Nordschkeswig kaum ein Tag ver⸗ geht, an dem nicht in öffentlichen Vrrsammlungen, bei Familienfesten, bei Privatfesten und bei jeder sonst nur denkbaren Gelegen⸗ heit die Forderung nach Lostrennung von Deutschland und Wieder⸗ vereinigung mit Dänemark, dem „Heimatlande“, laut und deut⸗ lich erhoben wird, solange durch Demonstrationen jeder nur erdenklichen Art dem Abscheu vor dem Deutschtum und der Miß⸗ achtung der Deutschen Ausdruck gegeben wird, solange die dänisch⸗ gesinnten Nordschleswiger daran festhalten, ihre heranwachsende Jugend alsbald nach Absolvierung der Schulpflicht über die Grenze zu schicken, damit sie dort in einem dem Deutschtum nicht freundlichen Sinne weitergebildet wird, so lange hat der preußische Staat das Recht und die Pflicht, dafür zu sorgen, daß dänische Agitatoren und Staatenlose, die eine Gefahr für den Frieden des deutschen Landes bilden, den nationalbestrittenen Gebieten ferngehalten werden. (Lebhaftes Bravo!)
Abg. Schiffer⸗Magdeburg (nl.): Die Rede meines Freundes Lohmann war eine Rede des Friedens, er hat das Einigende so her⸗ vorgehoben, daß man von einer Friedensrede sprechen kann. Wie Herr von Bieberstein darauf geantwortet hat, haben wir gehört. Wir werden uns das merken. Wir sind bereit, den Frieden zu schließen, aber Herr von Bieberstein hat Verdächtigungen gegen uns ausgesprochen. Er hat die nationalliberale Agitation in Ostpreußen als schamlos bezeichnet. Das wagt der Vertreter einer Partei, die einen Generalsekretär Kuntze an ihren Rockschößen hängen hat, und die ein Flugblatt erlassen hat gegen die nationalliberale Partei als die Partei der Börsenjobber, Kohlenbarone und Schlotjunker. Da kann man nicht mehr unterscheiden, ob das von den Sozialdemokraten ausgegangen ist. Der Abg. Herold, wie ich annehme, auch für die Konservativen ein unverdächtiger Zeuge, hat im Reichstag einmal gesagt, daß die Agitation des Bundes der Landwirte sich in nichts von der der Sozialdemokratie unterscheide. In demselben Sinne hat sich einmal Fürst Bismarck ausgesprochen. Wenn von konservativer Seite immer gesagt wird, daß man bei Stichwahlen zwischen Freisinnigen und Sozialdemokraten Gewehr bei Fuß stehen müsse, und daß selbst bei Nationalliberalen die Unterstützung zweifelhaft sei, wie kommt denn Herr von Bieberstein dazu, uns vorzuwerfen, daß auch in Ostpreußen die Sozialdemokratie zunehme! Die Agitation der Konservativen ist in vielen Fällen eine verhetzende; wer von einer Partei sagt, daß sie die Vertreterin der Börsenjobber und Schlotjunker sei, der hetzt. Und dazu nennt uns Kollege von Bieberstein auch noch agrarfeindlich! (Abg. Hoffmann: Der Mohr hat seine Schuldigkeit getan!) Einzelne Ausnahmen werden allerdings gemacht, aber das Gros der Nationalliberalen wird als agrarfeindlich hingestellt. Wir wollen aber nach unseren Taten beurteilt werden, wir werden auch nach wie vor für die Landwirtschaft eintreten, verlangen aber, daß uns dann nicht in den Rücken gefallen wird. Was haben Sie denn für Beweise dafür, daß wir agrarfeindlich sind? Wohl das Wort des Herrn Bassermann: „Unser Rießer“2 Sollen wir etwa Herrn Rießer von unseren Rockschößen abschüͤtteln, weil er Präsident des Hansa⸗ bundes ist? Das ist der Mut der Unwahrheit, mit dem Sie diese Behauptungen gegen uns schleudern. (Abg. von Pappen⸗ heim: Ausschweifend!) Ich bin nicht ausschweifend, aber ich werde rückhaltlos meine Meinung sagen. Wie die Be⸗ setzung der Landratsämter erfolgt und das Verhältnis zum Kreis⸗ tage ist, kennen wir doch alle. Herr von Bieberstein 8z es Herrn Lohmann vor, daß er aus dem Westen sich um die Verhältnisse im Osten kümmere. Wir sollen doch gerade das ganze Land vereinigen. Das Vorgehen von konservativer Seite in Hannover ist geradezu staatsfeindlich und staatsgefährlich. Und es ist ganz gut, wenn auch aus dem Westen einmal in die Verhältnisse des Ostens hinein geleuchtet wird. Herr von Bieberstein sagt, ein Landrat habe sich nicht um die eeö- der Gerichte zu kümmern; ich habe es zwar nicht selbst gehört, aber von meinen Spionen erfahren. Die Gerichte sind doch dazu da, zu entscheiden, ob richtig verwaltet wird. Der Landrat hat alle Veranlassung, im großen wie im kleinen sich sorgfältig auf den Boden des Rechts und Gesetzes zu stellen. Ich hoffe, daß der Ministerpräsident und der Minister des Innern dafür sorgen werden, daß auch in den bevorstehenden Wahlkämpfen der Boden von Recht und e nicht verlassen wird. In bezug auf die Auslegung der Wählerlisten hat sich der Minister bemüht, die Beamten in Schutz zu nehmen. Ein angesehenes Mit⸗ lied dieses Hauses hat im „Tag“ — ich überlasse dem Scharf⸗ un des Hauses, nun zu erraten, wer der Verfasser ist — in einem Artikel gesagt, daß bei dieser Rede der Minister weniger Staatsminister als Ressorkminister ewesen ist. Wenn die Landräte die Gemeindevorsteher nicht zur Beachtung der gesetzlichen Be⸗ stimmungen veranlassen können, so haben sie nicht die genügende Autorität. Ein Landrat, der noch nicht weiß, daß heute die Einsicht in die Wählerlisten jedermann offen steht, und der dies dem Gemeinde⸗ vorsteher nicht beibringen kann, sollte heute nicht mehr möglich sein. Das würde erzieherisch wirken. Die Zunahme der Sozialdemokraten ist eine Frucht der Sünden der Konservativen. Uns ist die Tradition von der Autorität des Staates überkommen, wir können uns nicht allein auf die Staatsautorität stitzen, aber sorgen wir dafür, daß die Autorität des Staates aufrecht erhalten wird.
Abg. Dr. von Heydebrand und der Lasa (kons): Ich will nur auf die eben gehörten versöhnlichen Worte des Vorredners, die die hagrtebn einander näherbringen sollen, erwidern. Er sagte, die Aus⸗ ührungen seines Pardeie enesen Lohmann hätten persöhnlichen Cha⸗ rakter gehabt; wir haben diesen Eindruck nicht davon gehabt. Wir waren der Meinung, daß, wenn im Parlament eine Institution von der Autorität des Landratsamts kritisiert wird, dann die
Kritik sachlich und gerecht sein muß, aber leider haben wir diese Eigenschaft der Kritik in der Rede des Abg. Lohmann nicht gefunden. Wir haben gehört, daß er und nicht Herr von Bieberstein einen Gegensatz zwischen den Landräten des Ostens und Westens vor⸗ eführt hat, und zwar nicht aus sachlichen Gründen, denn in dem flnstand allein, daß im Westen mehr nationalliberale Elemente darunter sind, kann man bei der Beurteilung der Institution selbst nicht als sachlichen Gesichtspunkt ansehen. Herr Lohmann wollte die Landräte kritisieren, um sie besser zu machen, und tat so, als ob er ein ungeheures Material gegen diese Institution vorbringen könne. Er hat aber im wesentlichen nur den einen einzigen Fall Becker wieder⸗ holt. Wenn man gegen einen Stand wie die Landräte keinen anderen Fall vorbringen kann, so ist das die glänzendste Rechtfertigung des Standes. Aiso mit der Sachlichkeit und Gerechtigkeit der Kritik des Herrn Lohmann war es übel bestellt. Aber auch die Art und Weise, wie der Abg. Schiffer aufgetreten ist gegen uns, hat auf uns den Eindruck des Versöhnlichen und Sachlichen auch nicht gemacht. Was hat der Abg. Schiffer an den Ausführungen des Abg. von Bieber⸗ stein, der augenblicklich nicht hier sein kann, auszusetzen gehabt? Er hat eine Reihe von Einzelheiten angeführt, die zum großen Teil unrichtig waren; Herr von Bieberstein hat nicht gesagt, daß ein Land⸗ rat sich über die Erkenntnisse der höchsten Gerichtshöfe ohne weiteres hinwensetzen dürfe, sondern er hat nur gesagt, daß es Pflicht der lokalen Instanz sei, die tatsächlichen Momente selbst zu beurteilen, daß sie dies lediglich vor ihrem Gewissen verantworten könne, daß das ihre Pflicht sei, und die obere Instanz sie ihr nicht abnehmen könne. Er hat also nicht gesagt, daß sie sich nicht um die oberen Instanzen kümmern solle. Das ist ein Beispiel, wie Herr Schiffer die Rede des Herrn von Bieeberstein hat kritisieren wollen. Ich kann nichts anderes sagen, als daß er die Sache verdreht hat. Er hat das zwar nicht selbst gehört, aber, wie er sagt, durch seine Spione erfahren; wenn man aber einen Kollegen verurteilen will, dann darf man sich nicht auf seine Spione verlassen, sondern muß sich althentisch überzeugen. Herr Schiffer hat uns dann eine Lehre gehalten, wie wir uns künftig ihm gegenüber zu verhalten haben, und hat die Vor⸗ würfe des Herrn von Bieberstein zurückgewiesen. Allerdings hat Herr von Bieeberstein gesagt, daß die Art und Weise der nationalliberalen Agitation im Lande, nicht Sie selbst, dazu beitragen, der Sozialdemokratie neue Anhänger zuzuführen. Da hat Herr von Bieberstein durchaus recht. Wir alle sind dieser Meinung. (Sehr richtig! rechts, stürmische Unterbrechungen bei den Nationalliberalen.) Wir sind in der Tat der Meinung, daß die Art und Weise, wie seit 1 ½ Jahr die national⸗ liberalen Agitatoren das Volk aufgehetzt haben, dazu führen muß. Nachdem vor 1 ½ Jahr eine Majorität, der Sie (zu den National⸗ liberalen) nicht angehört haben, weil Sie nicht fähig waren (Stürmische, erregte Zurufe von den Nationalliberalen; lebhafter Beifall rechts), nicht im stande waren, das deutsche Volk aus seiner schweren Lage zu erretten (Lebhafter Beifall rechts. Heftige Zwischenrufe bei den Nationalliberalen. Großer Lärm) —, nachdem die Parteien das, was Sie nicht leisten konnten, geleistet haben, sind Sie im Lande herumgezogen, um diese patriotische Mehrheit anzugreifen. War es doch einer Ihrer Führer, der von dem Raubzug auf die Taschen des Volkes sprach. Ihre Agitatoren haben gesagt, daß, was wir beschlossen haben, aus Eigennutz gemacht sei, um das arme Volk zu schädigen. Das schlägt der Wahrheit doch derartig ins Gesicht, daß ich sagen muß, daß diese Agitatoren sich nicht mehr von denen der Sozialdemokratie unter⸗ scheiden. Nur der eine Unterschied ist, die Agitatoren der Sozial⸗ demokraten verstehen es noch besser als jene. Darauf kann aller⸗ dings eintreten, was Herr von Bieberstein sagte, daß wir jetzt Sozial⸗ demokraten haben, wo früher niemand an einen Sozialdemokraten ve. hat. (Abg. Dr. Lohmann: Das haben Sie so weit ge⸗ bracht!) Sie haben ja in bezug auf manche Dinge so etwas, was ich als eine Art doppelter Buchführung bezeichnen könnte. Auf dem einen Blatt steht: Todfeind der Sozialdemokratie; auf dem anderen Blatte steht eine Allianz wie in Baden, wie auch im Königreich Sachsen. Auch in Sachsen sind Sie mit den Sozial⸗ demokraten zusammengegangen und haben sie bei den Wahlen unter⸗ stützt. (Abg. Hoffmann: Ja, wenn die Trauben nicht zu sauer wären!) Und wenn Sie fortgesetzt sich mit einer Partei koalieren, die ihrerseits die lebhafte Unterstützung der Sozialdemokraten findet, so ist das mindestens verdächtig. Sehr schmerzlich ist Ihnen, daß wir Ihnen in bezug auf Ihre Landwirtschaftsfreundlichkeit nicht ganz trauen. Gewiß haben Sie Personen unter sich, deren Landwirtschafts⸗ freundlichkeit über jeden Zweifel erhaben ist, aber Sie haben auch Personen, die gar keine Berührung mit der Landwirtschaft haben, und denen gegenüber man äußerste Vorsicht anwenden muß. Wollen Sie leugnen, daß der Hansabund die Berufsstände der In⸗ dustrie tagtäglich gegen die Landwirtschaft verhetzt? (Ruf links: Ter Bund der Landwirte hat ja angefangen! Heiterkeit und leb⸗ hafte Zwischenrufe links. — Präsident von Kröcher: Hier hat doch bloß einer das Wort, Sie können ja nachher das Wort nehmen und erwidern. — Ruf links: Dann machen Sie ja Schluß! Fort⸗ gesetzte Unruhe.) Wir haben immer geglaubt, daß die Industrie einheitliche Interessen mit der Landwirtschaft habe und fried⸗ lich mit ihr zusammengehen könne, das haben Sie aber durch Ihren Hansabund bewirkt, daß beide sich jetzt wie Todfeinde gegenüber⸗ stehen, und das nennen Sie dann Sorge für die Landwirtschaft! Es ist eigentümlich, daß sich jetzt Vertreter der Schutzzollpolitik, die doch gewiß landwirtschaftsfreundlich ist, mit dem Todfeinde, dem Freihandel, verbinden. Da kann ich Herrn von Bieberstein nicht unrecht geben, wenn er sagt, einer Partei, die solche kolossalen Gegensätze in sich birgt, müsse man mit großer Vorsicht begegnen. Die Partei will das Wohl der Landwirtschaft, aber sie bekämpft die Schutzzölle, die sie braucht (Ruf bei den Nationalliberalen: Unwahr!), und was die Sozialdemokratie betrifft, so ist Ihre Verantwortung noch größer. (Stürmische Unterbrechung bei den Nationalliberalen.) Wenn Herr Schiffer sagte, die Sozialdemokratie sei die Frucht unserer Sünden, so lehne ich das ab, sie ist die Frucht Ihrer Sünden. (Stürmische Unruhe bei den Nationalliberalen. Wiederholter lebhafter Beifall rechts. Zwischenrufe des Abg. Hoffmann. Große, an⸗ dauernde Unruhe.)
Abg. Gronowski (Zentr.): Es ist notwendig, daß auch ein Ver⸗ treter der bürgerlichen Parteien dem sozialdemokratischen Redner antwortet, damit es nicht in der sozialdemokratischen Presse heißt, es hätte niemand darauf antworten können. Der Abg. Ströbel hat uns ein Buch unseres Freundes Hitze vorgehalten, das dieser vor 30 Jahren geschrieben hat; der Abg. Singer hat schon vor zehn Jahren revoziert und die sozialdemokratischen Beschuldigungen gegen dieses Buch zurückgenommen, und trotzdem kommt jetzt ein Redakteur des „Vor⸗ wärts“ und greift wieder dieses Buch eines hervorragenden Sozial⸗ politikers an. Die sozialdemokratische Agitation geht nur darauf hinaus, die Massen aufzureizen; sagt doch ein sozialdemokratisches Blatt: das Volk müsse fortgesetzt darauf aufmerksam gemacht werden, daß es im Elend lebe wie die Tiere, daß von einem wirklichen Menschenleben erst die Rede sein könne, wenn jede Familie ein Einkommen von 12 000 bis 15 000 ℳ habe; zum Teufel mit der Bescheidenheit! Der Verfasser dieses Artikels sollte auf seinen Geisteszustand untersucht werden. (Lebhafte Zwischenrufe bei den vor der Rednertribüne stehenden Sozialdemokraten. Präsident von Kröcher: Ich bitte Sie, Zwischenrufe nicht zu machen, wenn Sie hier stehen, sondern sich erst auf Ihre Plätze zu begeben. — Abg. Hoffmann, auf die gleichfalls dicht an der Rednertribüne stehenden Zentrumsabgeordneten zeigend: Wenden Sie sich doch an die Herren! — Präsident von Kröcher: Herr Abg. Hoffmann, ich rufe Sie zur Ordnung!) Ich lege hier noch ein Flugblatt auf den Tisch des Hauses nieder, aus dem Sie ersehen, mit welcher Sorte Sozialdemokratie wir es im Westen zu tun haben. Unter dieser aufreizenden Sprache in Wort und Bild leidet tatsächlich die Fürsorge für den deutschen Arbeiter.
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ilage
ichsanzeiger und Königlich Preußischen Staatsanzeiger
Daß die Verhältnisse in Deutschland nicht schlechter, sondern besser geworden sind, beweist die Abnahme der Auswanderuugsziffer, die von 1881 bis 1908 um 90 % zurückgegangen ist. Die Sozialdemokraten nehmen dem Arbeiter durch ihre Hetze die Liebe zum deutschen Vater⸗ lande. Die Schutzzollgesetzgebung ist zwar nicht vollkommen, aber die christlich⸗deutsche Arbeiterschaft erkennt an, was mit diesem Schutze für sie geschehen ist. Für die Versicherungsgesetzgebung sind seit ihrem Bestehen 9791 Mill. Mark aufgebracht worden, davon von den Arbeitern 3924 Millionen und von den Arbeitgebern 4407 Millionen, ein hübscher Batzen Geld. Das müssen die Arbeiter anerkennen, und die Sozialdemokraten sollten uns lieber die Hand reichen, um die Versicherungsgesetzgebung zu verbessern. (Ruf bei den Sozialdemo⸗ kraten: Arbeiterverrat des Zentrums!) Sehen Sie sich dafür die Zu⸗ stände in anderen Ländern an. Der Abg. Liebknecht ist ja auch in Amerika gewesen und soll nach Zeitungsnachrichten dort sogar „nationales Empfinden“ gehabt haben. Die drei französischen Minister waren waschechte Sozialisten (Widerspruch bei den Sozial⸗ demokraten), und sie haben schließlich doch eingesehen, daß sie nur mit Wasser kochen müssen. Wir arbeiten an der Besserung der sozialen Verhältnisse mit allen Kräften mit. (Zuruf des Abg. Hoffmann.) Ich verstehe doch ebensoviel oder vielleicht noch etwas mehr von der Arbeiterfrage als Herr Hoffmann. Was Sie (zu den Sozialdemokraten) hier geleistet haben, ist das, was draußen Ihre Agitatoren fünfter und sechster Ordnung auch leisten. (Abg. Hoffmann: Von denen können Sie noch viel lernen!) Herr Abg. Hoffmann, Ihre Versammlungen habe ich im Ruhrrevier kennen gelernt, da konnte ich nichts lernen, höchstens an Roheit. (Große Unruhe bei den Sozialdemokraten. Rufe: Unerhört!) Die deutsche Jugend können Sie nicht erziehen. Ein Vater, der Ihnen die Erziehung seiner Kinder übertragen würde, würde ein Verbrechen am deutschen Volke begehen. (Lärm bei⸗ den Sozialdemokraten und Rufe: Diese Beschimpfungen! — Großer Lärm rechts. — Präsident von Kröcher: Ich bitte doch, den Redner sprechen zu lassen. Sie (zu den Sozialdemokraten) stehen auf der Rednerliste und können nachher reden. — Abg. Hirsch: Wir können uns solche Beschimpfungen nicht gefallen lassen. Ruf eines anderen sozialdemokratischen Ab⸗ geordneten: Laß ihn doch reden!) Zur Jugenderziehung sind Sie absolut nicht geeignet. (Erregter Zuruf des Abg. Ströbel. Präsident von Kröcher: Ich bitte, nicht immer da⸗ zwischen zu sprechen.) Im „Vorwärts“ fand sich eine Mitteilung, in der ein Jugendverein zu einer Nachtpartie aufgefordert wurde. Solche 15 Jahre alten Kinder gehören um 10 Uhr ins Bett. (Abg. Dr. Liebknecht: Diese Phantasie!) Ich glaube, meine
Phantasie kann an Ihre orientalischen Phantasien nicht heranreichen. (Stürmische, sich mehrfach wiederholende Heiterkeit rechts und im
Zentrum, erregte Zurufe von den Sozialdemokraten und Antworten von der rechten Seite des Hauses. — Abg. Dr. Liebknecht: Der Laffe! — Präsident von Kröcher: Herr Abg. Liebknecht, ich muß Ihnen wiederholt sagen, daß Sie das Wort nicht haben. Sie stehen aber auf der Rednerliste.) Sie sind ja nicht imstande, einem Redner zuzuhören, und dann wollen Sie den Befähigungsnachweis erbringen, daß Sie imstande sind, das deutsche Volk zu leiten.
Präsident von Kröcher: Mir wird gesagt, daß der Abg. Lieb⸗ knecht dem Abg. Gronowski „Laffe“ zugerufen 1 Ich weiß nicht, ob das richtig ist. (Abg. Dr. Liebknecht: Das Wort habe ich ge braucht!) Dann rufe ich Sie zur Ordnung und bitte Sie, sich künftig solcher Ausdrücke zu bedienen, wie sie hier üblich sind. (Zu⸗ rufe rechts: Diese Volkserzieher! — Abg. Dr. Liebknecht zum Prä⸗ sidenten: Sie haben mir keine Belehrung zu geben.) Ich rufe Sie zum zweiten Male zur Ordnung.
Abg. Gronowski (fortfahrend): Hat nicht die Sozialdemokratie auch die spanische Revolution unterstützt? (Zuruf des Abg. Dr. Lohmann.) Ja, wenn die Sozialdemokraten irgendwo an⸗ gegriffen werden, dann spielen Sie, Herr Lohmann, sofort den fünfzehnten Nothelfer. Im „Vorwärts“ steht zu lesen, daß 50 000 Fr. als Beihilfe bewilligt worden sind (Abg. Hirsch: Bravo!); während nach den eigenen Angaben des „Vorwärts“ die deutsche Arbeiterschaft sich in einer wirtschaftlichen Krisis befindet, schicken Sie das Geld nach Spanien zur Unter⸗ estützung der Revolution! (Lebhaftes Hört, hört! — Abg. Leinert: Und Sie schicken es nach Rom!) Nach Rom brauchen wir nichts zu schicken. Wenn Sie Rom mit Barcelona vergleichen, so ist das, als ob Sie das Sonnenlicht mit einer alten stinkigen Tranfunzel ver⸗ gleichen. Auf Ihrer Seite soll die Freiheit geschützt werden; wer bei Ihnen nicht pariert, der fliegt nicht nur; wer nicht schreibt und redet, was die radikale Richtung will, dem wird der Brotkorb einfach höher gehängt. Man denke nur an Bernstein, an Braun. (Zuruf des Abg. Ströbel: Reichsverband!) Nehmen Sie sich in acht, daß Ihnen nicht auch einmal der Brotkorb höher gehängt wird. Sobald die Sozialdemokratie hier einmal ordentlich abgebürstet wird, dann weiß man kein anderes Wort als „Reichsverband“ zu ant worten. (Abg. Hirsch: Der Reichsverband steht doch noch höher als Sie!) Kehren Sie doch zuerst vor Ihrer eigenen TLür! Beim Bau des Landgerichts in Essen haben die sozialdemokratisch organisierten Maurer wegen zweier christlicher Maurer die Arbeit niedergelegt. (Stürmische Rufe rechts und im Zentrum: Freiheit, Freiheit!) Die beiden christlichen Arbeiter sollten entweder entlassen werden, oder alle anderen Arbeiter wollten die Arbeit einstellen. (Erneute Rufe: Freiheit, Freiheit!) Der Bauleiter drehte aber den Spieß um und entließ die 28, und dann kamen die Herren und baten: Nimm uns wieder an! Uns wird vorgeworfen, daß wir nicht für das preußische Wahlrecht eingetreten seien. Hören Sie doch auf mit Ihren ewigen Angriffen gegen das Zentrum in puncto Wahl⸗ recht! Bis vor zwölf Jahren haben Sie sich noch nicht um das preußische Wahlrecht gekümmert. (Zuruf von den Sozial⸗ demokraten.) Herr Liebknecht, Ihr Vater war wenigstens ebenso klug wie Sie; er hat auf dem Parteitage in Hamburg noch 1897 erklärt, daß man das preußische Dreiklassenparlament verfaulen lassen müsse. (Abg. Dr. Liebknecht: Sehr richtig!) Ihnen ist der Wahlrechtskampf weiter nichts als ein Hilfsmittel zum Klassenkampf. Sie haben kein Pflichtgefühl gegenüber dem Vaterlande. Prophezeien Sie nur nicht uͤber den Ausgang der nächsten Reichstagswahlen. Ihre Drohung schreckt uns nicht, wir werden dafür sorgen, daß Ihre Bäume nicht in den Himmel wachsen, wir und die übrigen bürgerlichen Parteien, vielleicht mit einer Ausnahme. Und diese Partei soll sich in acht nehmen, daß sie bei dem guten Appetit der Sozialdemokratie nicht ganz verschwindet. Der größte Teil des deutschen Volkes ist, Gott sei Dank, noch nicht sozial⸗ demokratisch. Ein großer Teil des deutschen Vaterlandes ist noch gesund in der Liebe zu seinem Gott und in der Treue zu seinem Vaterlande.
Um 4 ½¼ Uhr wird die Verhandlun
“ bgebrochen und die Fortsetzung auf 7 ½ Uhr festgesetzt. 8
Berlin, Mittwoch, den 15. Februar⸗ Abendsitzung vom 14. Februar, 7 ½ Uhr.
Die allgemeine Besprechung bei dem Titel „Minister⸗
gehalt“ im Etat des Ministeriums des Innern wird fortgesetzt. „Abg. von Trampezyns ki (Pole) wendet sich gegen die Aus⸗ führungen des Ministers des Innern und des Abg. von Kardorff. Er bestreitet, daß sich die Deutschen in der Provinz Posen in der Abwehr befänden. Der Wohlstand der Polen sei nicht das Verdienst der Regierung, sondern der Tüchtigkeit der polnischen Bepölkerung trotz der fortgesetzten Schikanen der Regierung zu danken. Diese könne sich über polnische Agitation nur dann beklagen, wenn sie vor Gott und den Menschen den Beweis liefern könne, daß sie gegen die Polen ihre Pflicht erfüllt habe.
Abg. Dr. Schifferer (nl.): Mit Rücksicht auf die Geschäftslage des Hauses verzichte ich darauf, auf die temperamentvollen Aus⸗ führungen des Abg. von Heydebrand näher einzugehen. Ich möchte nur bemerken, daß mein Freund Schiffer auf einen Zuruf sofort seine Aeußerung, der Abg. von Bieberstein habe gesagt, der Landrat brauche sich um die Rechtsprechung der höchsten Gerichte nicht zu kümmern, zurückgenommen hat. Den Ausdruck „Spion“ hat der Abg. Bieberstein zuerst im Zusammenhang mit den Nationalliberalen gebraucht. Eine Friedensrede zu halten war nicht die Absicht des Abg. Schiffer, sondern des Abg. Lohmann. Nachdem gegen diese Rede so heftige Angriffe gerichter waren, war mein Freund Schiffer im Recht, energisch vorzugehen. Der Abg. von Heydebrand hat uns Agreefeindlie tt vorgeworfen wegen der Haltung des Hansahundes. Es hat auch eine Zeit gegeben, wo eine Zahl nicht der schlechtesten Konservativen es abgelehnt haben, dem Bund der Landwirte anzugehören. Ebenso⸗ wenig wie die Konservativen sich mit dem Bund der Landwirte identifizieren, ebensowenig kann man die Nationalliberalen mit dem Hansabund identifizieren. Der Redner wendet sich dann gegen den Abg. Nissen bezüglich der Verhältnisse in Nordschleswig und spricht auch dem Minister seinen Dank und zugleich den Dank weiter Volkskreise für dessen mannhaftes Auftreten zum Schutz des Deutschtums gegen die Dänen aus. Eine Unterdrückungspolitik gegen dänische Sprache und Sitte läge den Deutschen, die zum Teil selbst dänisch sprächen, durchaus fern. Der Kampf gelte vielmehr dem Bestreben, die dänische Kultur zu politischen Zwecken in Vereinen, besonders in dem süd⸗ jütischen Verein, zu mißbrauchen, mit dem Ziel, Nordschleswig mit Dänemark einmal zu vereinigen. Die ausgewiesenen Dänen seien keineswegs harmlose Leute, sondern sie bemühten sich, die Jugend zu verhetzen und die Deutschen durch den wirtschaftlichen Boykott zu schädigen. Die Dänen im Abgeordnetenhause brauchten nur zu er⸗ klären, daß sie eine Wiedervereinigung Nordschleswigs mit Dänemark nicht wollen und daß sie derartige Bestrebungen draußen bekämpfen wollen, dann würde sich eine Verständigung leicht finden lassen.
Auf Antrag der Abgg. Freiherr von Zedlitz und Neu kirch und Dr. von Campe wird die Diskussion geschlossen. (Großer Lärm bei den Sozialdemokraten. Rufe: Unerhört! Gemeinheit!)
Abg. Dr. Liebknecht (Soz.) (zur Geschäftsordnung): Niemand »von uns hat eine Ahnung davon gehabt, daß eine neue Sitzung anberaumt werden würde, um gleich nach dem Abg. Schiffer die Diskussion zu schließen. Wir wissen ja, was das zu bedeuten hat. Ich war von meiner Fraktion damit beauftragt, die Ausführungen des Abg. Gronoweki zurück⸗ zuweisen, die ich als eine Entstellung und eine infame demagogische Lüge bezeichnen muß. (Großer, langandauernder Lärm im ganzen Hause. Zwischenruf.) Es wäre mir ein Leichtes, an Herrn Gronowskti eine moralische Züchtigung vorzunehmen. (Entrüstungsrufe. Große Bewegung. Vizepräsident Dr. Porsch: Ich muß Sie dringend ersuchen, sich zu mäßigen und jetzt lediglich zur Geschäfts⸗ ordnung zu sprechen.) Das Verfahren, den Angegriffenen die Mög⸗ lichkeit der Verteidigung zu nehmen, muß ich vor dem Lande als das bezeichnen, was es verdient, als ein feiges, ehrloses und unanständiges. (Wiederholter Lärm. Rufe: Zur Ordnung!)
Abg. Hirsch⸗Berlin (Soz.): Es ist unerhört, daß es mir durch den Schluß der Diskussion unmöglich gemacht ist, auf die Ver⸗ dächtigungen meiner Partei durch Herrn Gronowski zu antworten. Ich würde sonst nachgewiesen haben, daß seine Ausführungen auf Unwahrheit und in einem Punkte auf bewußter Unwahrheit beruhten. (Stür⸗ mische Unterbrechungen im Zentrum und rechts. Rufe: Zur Ordnung!) Im übrigen legen wir Gewicht darauf, daß wir diesem Minister das Gehalt nicht bewilligen wollen, und beantragen deshalb besondere Abstimmung über den Titel.
Abg. Dr. Bell (Zentr.): Ich bemerke ausdrücklich, daß meine Partei gegen den Schlußantrag gestimmt hat. Wäre die Diskussion nicht geschlossen worden, so hätte ich dem Abg. Liebknecht die passende Antwort schon gegeben.
Persönlich bemerkt
Abg. Dr. Heß (Zentr.): Der Abg. Hoffmann hat mir persönlich zugerufen: wenn man nicht Geld genug hat, so erhält man Prozente wie Herr Heß. Dieselbe Verdächtigung hat schon mehrere Wochen hindurch in der Presse gestanden. Ich habe sie bereits am 9. Fe⸗ bruar in der „Kölnischen Volkszeitung“ als vom Anfang bis zu Ende unwahr und vollständig erlogen hingestellt. Ich nehme zur Ehre des Abg. Hoffmann an, daß er das nicht gewußt hat.
Abg. Gronowski (Zentr.): An Beschimpfungen durch die Sozialdemokraten bin ich schon außerhalb des Hauses gewöhnt. Ich betrachte sie für einen christlichen Arbeiter als eine Ehrenbezeugung.
Abg. Dr. Lohmann (nl.) betont, daß seine Rede durchaus von friedlichen Absichten diktiert war. 8
Abg. Hirsch⸗Berlin (Soz.) wendet sich noch einmal gegen den Abg. Gronowski und stellt fest, daß er das Zentrum nicht in einem einzigen Punkte angegriffen habe. Dieser habe seine Rede so aus⸗ gearbeitet, als wenn ein solcher Angriff erfolgen werde.
Abg. Dr. Liebknecht (Soz.): Das Zentrum hat nur aus Klugheit gegen den Schlußantrag gestimmt. Es war nur Spiegelfechterei, und niemand wird das Verhalten des Zentrums ernst nehmen. Der Redner versucht dann, auf die Ausfuhrungen des Abg. Gronowski sachlich einzugehen, wird aber vom Vizepräsidenten Dr. Porsch hieran mit dem Hinweis darauf gehindert, daß er nur richtigstellen, aber keine Ausführungen machen dürfe. Wenn der Redner fortfahre, trotzdem sachlich weiter zu sprechen und die Anordnungen des Prä⸗ sidenten nicht zu respektieren, so höre die Ordnung des Hauses über haupt auf.
Abg. Hoffmann (Soz., mit Lachen empfangen): Wenn Sie nichts weiter zu tun haben, dann lachen Sie sich zunächst aus. Der Abg. Dr. Heß hat gesagt, ich hätte ihm zu Unrecht den Vorwurf gemacht, und die Sache wäre bereits in der „Kölnischen Volks⸗ zeitung“ widerlegt worden. Ich habe meinen Zuruf auf Grund der Veröffentlichung eines Kontrakts gemacht, der in den Zeitungen ab⸗ gedruckt war, wonach Dr. Heß von seinem Buchhändler, der die Bücher liefert, Prozente verlangt hat. Auf diesen Vorwurf hat Herr Dr. Fes selbst der vorgesetzten Behörde gemeldet, daß er nicht gewußt hat, daß er derartige Prozente nicht nehmen darf, und nun ist das Disziplinarverfahren gegen ihn eingeleitet worden. Wenn dieses Verfahren zugunsten des Herrn Heß entschieden hat, dann bin ich bereit, meine Worte zurückzunehmen. Herr Gronowski hat gesagt: Herr Hoffmann, Ihre Versammlungen in Rheinland⸗Westfalen kenne ich; man könnte dort höchstens Roheiten lernen. Nun, mehr Roheiten kann man dort nicht lernen, als wie Sie, Herr Gronowski, heute zum
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besten gegeben haben. (Vizepräsident Dr. Porsch ruft den Redner wegen dieser Aeußerung zur Ordnung.)
Abg. Dr. Heß (Zentr.) erklärt sämtliche von dem Abg. Hoffmann und zugleich in der Presse gegen ihn erhobenen Vorwürfe in allen Punkten für vollständig unrichtig und für Verdächtigungen, die jeder Grundlage entbehrten.
Abg. Gronowski (Zentr.): Meine Volksschulbildung verbietet mir, Schimpfworte zurückzugeben.
Abg. Dr. Liebknecht (Soz.): Ich habe dem Abg. Gronowski nicht seine Volksschulbildung vorgeworfen, sondern die Bildung, die er sich wahrscheinlich in München⸗Gladbach angeeignet hat.
Abg. Gronowski (Zentr.): Ich habe nur vor 8 Jahren eine Rede ausgearbeitet und dann nicht wieder. (Abg. Hoffmann: Immer wieder dieselbe!)
Nach weiteren Bemerkungen der Abg. Nissen, von Kar⸗ dorff, Dr. Schepp und Heckenroth wird Titel 1, Minister⸗ gehalt, gegen die Stimmen der Sozialdemokraten genehmigt.
Beim Titel „Unterstaatssekretär“ sucht
Abg. Dr. Liebknecht (Soz.) auf das allgemeine politische Ver⸗ 1 des Unterstaatssekretärs und des Ministeriums überhaupt ein⸗ zugehen.
Vizepräsident Dr⸗ Porsch ruft den Redner dreimal zur Sache und befragt das Haus, ob es dem Redner gestatten wolle, weiter zu sprechen. Das Haus beschließt gegen die Stimmen der Sozial⸗ demokraten, der Freisinnigen und eines Teils der Nationalliberalen, dem Redner das Wort zu entziehen. (Lebhafte Rufe bei dem Zentrum: Auch die Nationalliberalen!)
Der Titel wird hierauf bewilligt, ebenso ohne Debatte die weiteren Besoldungen. G
Beim Titel „Oberverwaltungsgericht“ führt
Abg. Dr. Bell (Zentr.) aus: Der Tätigkeit des Oberver⸗ waltungsgerichts können wir unser volles und uneingeschränktes Lob zollen. Seine Tätigkeit ist durchaus fruchtbringend gewesen. Wenn wiederholt die Ueberbürdung des Oberverwaltungsgerichts betont worden ist, so möchte ich doch davor warnen, das Tätigkeitsgebiet des Ober⸗ verwaltungsgerichts einzuschränken. Abg. Dr. Liebknecht (Soz.): Wir können in das Loblied auf das Oberverwaltungsgericht nach unseren bösen Erfahrungen nicht ein⸗ stimmen. Es ist und bleibt ein Hort aller rückschrittlichen Bestrebungen in Preußen, namentlich in Sachen des Vereinsrechts. Seine Ent⸗ scheidungen sind vielfach reaktionärer als die der ordentlichen Gerichte, und wenn einmal eine seiner Entscheidungen freiheitlicher ist, dann kehrt sich der Minister nicht an sie, wie wir es heute von Herrn von Dallwitz gehört haben. 8
Das Kapitel wird bewilligt und um 10 Uhr die weitere Beratung auf Mittwoch 11 Uhr vertagt.
Nachweisung
der Rohsolleinnahme an Reichsstempela für Wertpapiere.
April 1910
Januar z 4 Wertpapiere 1911 is Jarbes
bis Januar 1910
ℳ ₰ ℳ
I. Inländische Aktien I und Interimsscheine 1 963 407 85[23 362 577 65[18 044 917,40 II. Anteilscheine der deut⸗ 8 8 schen Koloniäalgesell⸗ 8 V aften und der ihnen 3 1 gleichgestellten deut⸗ schen Gesellschaften “ 33 596 80 III. Ausländische Aktien V und Interimsscheine 97 374 80: 906 30 IV. Inländische Renten: b z und Schuldverschrei öplungen und Interims⸗ scheine außer den unter V genannten V. Inländische auf den Inhaber lautende und auf Grund staat⸗ licher Genehmigung ausgegebene Renten⸗ und Schuldverschrei⸗ bungen der Kom⸗ munalverbände und Kommunen, der Kor⸗ porationen ländlicher oder städtischer Grundbesitzer, der Grundkredit⸗ und Hsppothekenbanken oder der Eisenbahn⸗ gesellschaften sowie Interimsscheine . .. VI. Renten⸗ und Schuld⸗ verschreibungen und 8 Interimsscheine aus⸗ 8 ländischer Staaten, 6 “ Kommunalverbände, Kommunen u. Eisen⸗ bahngesellschaften .. 60] 3 849 996 60 VII. Ausländische Renten⸗ üund Schuldverschrei⸗ bungen und Interims⸗ scheine außer den .“ unter VI genannten 28 861 20 VIII. Bergwerksanteil⸗
B und Ein⸗ zahlungen auf solche 141 370 30] 1 080 197, 255 382 989 90 8 40 221 — 237 973 — 22 869 50
IX. Genußscheine .... zusammen: 5 012 116/7541 066 594 60]131 146 461 85 8 Berlin, den 15. Februar 1911.
Kaiserliches Stetitsn Amt.
2 694 594 ¼
5 171 201 60.
“ 1“ 343 772 — 1 552 124 80
“