Merseburg, 27. August. Ihre Kaiserliche und Königliche Hoheit die Frau Kronprinzessin besuchte, „W. T. B.“ zufolge, heute vormittag die Ausgrabungen auf dem St. Petri⸗Kloster, wo die hohe Frau die ausgegrabenen Reste der Heinrichsmauer, die Steinkistengräber und anderes besichtigte. Seine Kaiserliche und Königliche Hoheit der Kronprinz empfing um 6 ½ Uhr auf dem Rittergut Schkopau die Vereine des Jungdeutschlandbundes und einige Pfadfindervereine aus Halle, Merseburg und anderen Städten der Umgebung, die in Stärke von mehreren tausend Mann auf dem Schloßhofe Aufstellung nahmen. Der Kronprinz be⸗ grüßte zunächst die Leiter der Bewegung und richtete dann an die Knaben eine patriotische Ansprache, die mit einem Hurra auf Seine Majestät den Kaiser und König schloß. Die der auch die Kronprinzessin von einem Fenster des Schlosses aus beiwohnte, schloß mit einem jubelnd aufgenommenen Hoch auf den Kronprinzen und dem Absingen von Heil Dir im Siegerkranz.
Um 7 Uhr war im Ständehaus zu Merseburg König⸗ liche Tafel für das IV. Armeekorps. Im Verlaufe des Mahles brachte Seine Kaiserliche und Königliche Hoheit der Kronprinz folgenden Trinkspruch aus:
Seine Majestät der Kaiser und König hat mich beauftragt, dem Korps seine große Trauer darüber auszusprechen, daß er an dem heutigen Tage nicht hier anwesend sein konnte. Seine Majestät hat mich ferner beauftragt, dem Korps seine herzlichen Grüße zu über⸗ mitteln. Ich fordere Sie alle auf, in den Ruf einzustimmen: Das IV. Armeekorps und sein kommandierender General Hurra! Hurra! Hurra!
Der kommandierende General Sixt von Armin er⸗ widerte, wie „W. T. B.“ mitteilt, etwas folgendes:
Eurer Kaiserlichen und Königlichen Hoheit bitte ich im Namen des IV. Armeekorps unseren ehrerbietigsten Dank aussprechen zu dürfen für den huldvollen und uns hochbeglückenden Gruß, welchen Seine Majestät der Kaiser durch Eure Kaiserliche und Königliche Hoheit uns entboten haben. Wenn wir es schmerzlich beklagen, daß es uns nicht vergönnt gewesen ist, heute vor Seiner Majestät dem Kaiser und König in Parade zu stehen, so hoffen wir um so mehr, daß es dem Korps gelingen möge, als den besten Lohn für pflichttreue Arbeit die Zufriedenheit Seiner Majestät in den Feldmanövern erwerben zu können, damit Seine Majestät mit der Ueberzeugung von uns scheide, daß auch das IV. Armeekorps in ernsten Zeiten eine scharfe, zuverlässige Waffe sein wird. Dann werden — so hoffe ich — nicht nur die Regimenter Nr. 26 und 93, sondern alle Regimenter des Korps zeigen, daß in ihnen noch ein Hauch von dem Geiste des alten Dessauers lebt, und die Reiterregimenter werden ihre Standarten in den Feind tragen, wie cinst Seydlitz mit seinen Scharen es getan. Denn das darf ich aussprechen, daß, wenn Seine Majestät uns zu den Fahnen ruft, die Magdeburger, Altmärker, Anhalter und Thüringer zu kämpfen und zu sterben wissen werden für König und Vaterland, für Kaiser und Reich, eingedenk des Beispiels, welches jener Prinz des Hauses Hohenzollern gegeben hat, dessen Namen das Regiment Nr. 27 mit Stolz trägt. Und so geloben wir aufs neue, daß wir alle, ein jeder an seinem Platze, unser ganzes Können einsetzen wollen, daß solcher Geist allezeit lebendig bleibe. Diesem Gelöbnis Ausdruck zu geben, timmen Sie ein in den Jubelruf: Seine Majestät der Kaiser und König, unser Allerhöchster Kriegsherr, Hurra! Hurra! Hurra!
Später fand im Schloßgarten großer Zapfenstreich der vereinigten Kapellen des IV. Armeekorps statt, dem die Höchsten Herrschaften vom Gartenpavillon aus beiwohnten. Die Stadt war erleuchtet. Zahlreiches Publikum hatte sich auf den Haupt⸗
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straßen und in der Umgebung des Schlosses angesammelt.
Grundsätze des Königlichen Staatsministeriums für die “ Gewährung von Zuwendungen an Altpensionäre und Althinterbliebene.
Die zu oder vor dem 1. April 1908 in den Ruhestand getretenen Pensionäre sowie die Witwen und Waisen dieser Pensionäre und der vor dem 1. April 1908 verstorbenen aktiven Beamten erhalten zur Milderung der sich für sie aus den ein⸗ getretenen Teuerungsverhältnissen ergebenden Härten aus den dafür bestimmten Fonds Zuwendungen nach Maßgabe folgender Grundsätze:
I. Der Antrag auf Gewährung einer Zuwendung ist bei der letzten vorgesetzten Dienstbehörde des pensionierten oder verstorbenen Beamten einzureichen. Dabei genügen — ge⸗ gebenenfalls unter Bezugnahme auf frühere Eingaben oder
ktenmäßige Feststellungen — folgende Angaben:
a. bei den Pensionären:
1) Vor⸗ und Zuname, letzte amtliche Stellung, gegen⸗ wärtiger Beruf und Wohnort des Pensionärs,
2) Mitteilung, ob verehelicht: Zahl der unversorgten Kinder mit Angabe des Tages der Geburt,
3) Höhe der Pension (ohne Ostmarkenzulage) und der Einkünfte aus sonstigen Einkommensquellen, einschließlich Leistungen des Staates oder Dritter; Einkünfte der Ehefrau und der Kinder, die den Haushalt teilen; Angabe, auf welche dieser Einkünfte voraussichtlich dauernd oder für mehrere Jahre gerechnet werden kann;
b. bei den Witwen und Waisen:
1) Vor⸗ und Zunahme, Tag der Geburt, bei Witwen auch Elternname mit Angabe, ob wiederverheiratet, gegenwärtiger Beruf und Wohnort der Personen, für die die Zuwendung be⸗ antragt wird,
2) Vor⸗ und Zuname, Tag des Todes, letzte amtliche Stellung, letzter Beruf und letzter Wohnort sowie etwaige unversorgte Kinder über 18 Jahren des verstorbenen Ehe⸗ manns oder Vaters,
3) Betrag des bezogenen Witwengeldes und des Waisen⸗ geldes, je für sich, 1
4) Höhe der Einkünfte der zu 1 genannten Personen sowie anderer Kinder (Ziffer 2), die den Haushalt teilen, aus sonstigen Einkommensquellen, einschließlich Leistungen des Staats oder Dritter; Angabe, auf welche dieser Einkünfte voraussichtlich dauernd oder für mehrere Jahre gerechnet werden kann.
Dem Antragsteller bleibt es überlassen, diese Angaben durch Hervorhebung von Tatsachen, die eine besondere Berücksichtigung im Einzelfalle oder eine höhere Bemessung der Zuwendung zu rechtfertigen geeignet sind, zu ergänzen. b
Im Interesse der Geschäftsvereinfachung wird den Antrag⸗ stellern die Ausfüllung eines Formulars nach anliegendem Muster *†) empfohlen, welches bei den Pensionszahlungsstellen un⸗ entgeltlich verabfolgt wird. In diesen Formularen brauchen nur die mit *) bezeichneten Angaben vom Antragsteller selbst aus⸗ gefüllt zu werden. Die Zahlungsstelle hat auf Wunsch die Weiterbeförderung des Antrages zu bernehmen und soweit Nicht mit abgedruckt.
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angängig, dem Antragsteller bei der Ausfüllung der Formulare behilflich zu sein.
Liegt bereits ein früherer Antrag auf Unterstützung vor, der bisher nicht oder nicht völlig berücksichtigt werden konnte, so kann von der Stellung eines neuen Antrages abgesehen werden.
II. Die letzte vorgesetzte Dienstbehörde hat die in dem An⸗ trage enthaltenen Angaben nach Maßgabe der nachstehenden Vorschriften auf ihre Vollständigkeit und Richtigkeit hin nach⸗ zuprüfen und sodann dem zuständigen Minister mit einer gut⸗ achtlichen Aeußerung über die Höhe der befürworteten Zu⸗ wendung zur Entscheidung vorzulegen. Eine Zuwendung kann nicht gewährt werden, wenn auf Grund bestimmter Tatsachen bei der Person, für die sie nachgesucht wird, ein Bedürfnis oder die Würdigkeit nicht anerkannt werden kann.
Die Nachprüfung hat in wohlwollender Weise an der Hand der Akten, deren Inhalt zur Ergänzung der Angaben heranzuziehen ist, zu erfolgen. Sind weitere Aufklärungen oder Ergänzungen der Angaben nötig, so ist zunächst der Antrag⸗ steller selbst zu hören, wobei jedoch unter Beschränkung auf das zur Beurteilung der Sachlage unbedingt Erforderliche jedes peinliche Eindringen in die privaten Verhältnisse des Antragstellers und seiner Angehörigen nach Möglichkeit zu ver⸗ meiden ist. Hat die Behörde nach ihrer Kenntnis der Sach⸗ lage zu Zweifeln an der Richtigkeit der Angaben Veranlassung, so kann dem Antragsteller aufgegeben werden, die Richtigkeit durch Beibringung geeigneter Unterlagen nachzuweisen. Machen Zweifel an der Würdigkeit der Personen, für die die Zu⸗ wendung beantragt wird, oder sonstige Gründe weitere Er⸗ mittelungen erforderlich, so sind diese in vertraulicher und schonender Weise vorzunehmen. Feststellungen untergeordneter Polizeiorgane in der Wohnung oder Nachbarschaft des Antrag⸗ stellers sind unter allen Umständen ausgeschlossen.
III. Bei der Gewährung von Zuwendungen sollen, soweit nicht durch sonstige Einkünfte ein genügender Ausgleich ge⸗ schaffen ist, besonders berücksichtigt werden:
a. Pensionäre sowie Witwen und Waisen, die wegen eigener Krankheit, Krankheit in der Familie oder aus sonstigen Gründen besonderer Fürsorge bedürfen,
b. Pensionäre, die entweder in jüngeren Jahren pensioniert worden sind oder unversorgte Kinder haben,
c. Witwen und Waisen von Beamten, die vor dem 1. April 1897 oder in jüngeren Jahren pensioniert oder verstorben sind.
IV. Durch die Zuwendungen soll nach Maßgabe des Be⸗ dürfnisses in angemessenen Grenzen ein Ausgleich der sich aus den eingetretenen Teuerungsverhältnissen ergebenden Härten herbeigeführt werden, insoweit nicht die neben der Pension oder den Hinterbliebenenbezügen vorhandenen Einkünfte einen solchen Ausgleich bereits bieten. Bei Berechnung des Gesamt⸗ einkommens sind nur solche Nebeneinkünfte zu berücksichtigen, die als voraussichtlich dauernd oder für längere Zeit gesichert erscheinen. Einkünfte von Kindern, die den Haushalt teilen, sind bei Berechnung des Gesamteinkommens eines Pensionärs oder einer Witwe nur soweit zu berücksichtigen, als sie dazu dienen, die Lebenshaltung dieser Person zu erleichtern.
Die Höhe der im Einzelfall zu gewährenden Zuwendungen bemißt sich mindestens:
a. bei den Pensionären, die zu oder vor dem 1. April 1907 in den Ruhestand getreten sind, auf den Unterschied zwischen dem einschligßlic- der gesetzlichen Pension bezogenen Gesamteinkommen und dem Betrage, der sich bei Anwendung der durch Art. II (§ 8) der Pensionsgesetznovelle vom 27. Mai 1907 verbesserten Pensionsabstufung auf die der Pensionsfest⸗ setzung zugrunde gelegten Dienstbezüge und Dienstzeiten er⸗ geben würde,
b. bei Witwen und Waisen dieser Pensionäre und der vor dem 1. April 1907 verstorbenen aktiven Beamten auf den Unterschied zwischen dem einschließlich dem gesetzlichen Witwen⸗ und Waisengeld bezogenen Gesamteinkommen und dem Betrage, der sich ergibt, wenn das der Festsetzung der gesetzlichen Be⸗ züge zugrunde gelegte Ruhegehalt in der zu a gedachten Weise berechnet worden wäre und wenn der Art. II (§ 8) der Novelle zum Hinterbliebenenfürsorgegesetz vom 27. Mai 1907, insbesondere der erhöhte Mindestbetrag des Witwengeldes von 300 ℳ bereits gegolten hätte.
V. Die Zuwendungen werden regelmäßig fortlaufend unter dem Vorbehalte des Widerrufs, für die Waisen längstens bis zum vollendeten 18. Lebensjahre, bewilligt und zugleich mit den gesetzlichen Bezügen, also für die Pensionäre vierteljährlich, für die Witwen und Waisen monatlich im voraus gezahlt. Neue Zuwendungen sind in der Regel erst von dem auf die Bewilligungsverfügung folgenden Monat zu zahlen.
Die Empfänger sind verpflichtet, eine wesentliche Besserung ihrer Verhältnisse, namentlich eine Anstellung gegen Ge⸗ halt usw. oder eine Beschäftigung gegen Entgelt unverzüglich anzuzeigen.
VI. Stirbt ein Pensionär, der zur Todeszeit eine Zu⸗ wendung bezog, so kann von ihr den bedürftigen Hinter⸗ bliebenen ein Gnadenvierteljahr insoweit gewährt werden, wie ein solches von der Pension gezahlt wird. Ebenso können den Hinterbliebenen nach Maßgabe der Bedürftigkeit die von dem Verstorbenen etwa nicht abgehobenen, vor seinem Tode fällig gewordenen Zuwendungsbeträge nachgezahlt werden.
Als Hinterbliebene im Sinne dieser Bestimmung gelten nur Witwen und Waisen, nicht aber sonstige Angehörige des Pensionärs.
Nachdem der versuchsweise Anschluß der Regierungshaupt⸗ kassen und Kreiskassen sowie einer größeren Anzahl sonstiger staat⸗ licher Kassen der Rheinprovinz an den Postüberweisungs⸗ und Scheck⸗ verkehr sich — abgesehen von der für die Kassen damit verbundenen Arbeitsvermehrung — auch in seiner gegenwärtigen Form als im Interesse einer weiteren Verringerung des Bargeldumlaufs liegend und für den Kassenverkehr nutzbringend erwiesen hat, sollen nunmehr unter anderem auch die Oberzollkassen und die Zollkassen, bei denen ein Bedürfnis hierzu vorliegt, an den Postüberweisungs⸗ und Scheckverkehr an⸗ geschlossen werden. Die Präsidenten der Oberzolldirektionen sind beauftragt worden, wegen des Anschlusses dieser Kassen an den Postüberweisungs⸗ und Scheckverkehr das Erforderliche zu veranlassen. Für diesen Verkehr sind im allgemeinen die Vorschriften der Postscheckordnung vom 6. November 1908 maßgebend.
Laut Meldung des „W. T. B.“ sind S. M. S. „Scharn⸗ horst“ mit dem Chef des Kreuzergeschwaders an Bord und S. M. S. „Leipzig“ am 26. August in Wladiwostok, S. M. S. „Jaguar“ am 27. August in Port Arthur ein⸗ getroffen. 8 “
Der Präsident des Bayerischen Verwaltungsgerichtshofes von Lermann ist, „W. T. B.“ zufolge, auf sein Ansuchen in den Ruhestand versetzt und der Ministerialdirektor von Krazeisen zum Präsidenten des Bavyerischen Verwaltungs gerichtshofes ernannt worden. 8 “
Sachsen.
Seine Königliche Hoheit der Prinz Ludwig von Bayern traf heute vormittag 8 Uhr 35 Minuten in der Uniform des sächsischen Infanterieregiments Nr. 102 auf dem Hauptbahnhofe in Dresden ein, wo er von Seiner Majestät dem König, der die Uniform seines bayerischen Infanterieregiments angelegt hatte, herzlich begrüßt wurde. Zum Empfange waren, wie „W. T. B.“ meldet, außerdem erschienen der bayerische Gesandte Graf Montgelas und der bayerische Generalkonsul Reichel sowie der dem Prinzen zuge⸗ teilte Ehrendienst. Auf dem Wiener Platze vor dem Haupt⸗ bahnhof hatte der Militärverein 102 mit Fahne Aufstellung genommen. Der Prinz schritt die Front des Militärvereins ab. Nach einem von dem Vorsitzenden des Vereins auf den Prinzen ausgebrachten Hoch fuhr der Prinz Ludwig an der Seite des Königs in das Residenzschloß, wo er Wohnung nahm.
Großbritannien und Irland. 8 Die „Agence Havas“ meldet aus London: Die englische
Regierung hat in Paris und St. Petersburg das Ansuchen gestellt, mit ihr gemeinsam die Aufmerksamkeit Griechenlands auf die Gefahren einer Landung in Samos und der Ein⸗ leitung einer Bewegung zugunsten einer Besitznahme durch Griechenland, wie sie gegenwärtig von Griechenland und Kreta vorbereitet werde, zu lenken. — Ein englisches und ein fran⸗ zösisches Kriegsschiff haben Befehl erhalten, nach Samos zu gehen, um eine Landung, wenn nötig mit Gewalt, zu ver⸗
Rußland. 1
Nach einer Meldung des „W. T. B.“ hat die Kommission die mit der Voruntersuchung der Matrosenverschwörung in der Flotte des Schwarzen Meeres betraut war, 50 Mann für schuldig befunden und sie dem Marinegericht überwiesen. — Gegen 300 unzuverlässige Matrosen seien zum Zwecke scharfer Beobachtung von Bord in Landkommandos versetzt worden.
Türkei.
Die türkische Regierung hat eine strenge Untersuchung darüber angeordnet, ob die Gerüchte sich bewahrheiten, daß die serbische Bevölkerung des Wilajets Kossowo Belästigungen ausgesetzt sei und zahlreiche Serben ermordet worden seien. Amtliche Meldungen hierüber liegen nicht vor.
Ferner hat die Regierung angeordnet, daß in Anbetracht der den Arnauten gewährten Amnestie die Erstürmung der Waffenniederlagen und die Oeffnung der Gefängnisse als Revolte anzusehen und die Schuldigen zu verfolgen und den Gerichten zu übergeben seien.
Weiter meldet „W. T. B.“ unter dem 27. d. M. aus Saloniki: Die von Mohammedanern bewohnte Ortschaft Zovice bei Kolasin ist von Montenegrinern eingeäschert und ausgeplündert worden. — In der Gegend von Elbassar hat ein heftiger Kampf zwischen türkischen Truppen und Malissoren stattgefunden. Die Truppen hatten drei Tote und mehrere Verwundete; die Malissoren zogen sich zurück, nachdem sie 19 Mann verloren hatten. — Eine bulgarische Bande, die aus 20 Mann bestand, drang in die Ortschaft Lenischte bei Perlepe ein und warf eine Bombe in das Amtslokal, das durch Explosion zerstört wurde. Die Bande entkam.
Nach einer Meldung des „Reuterschen Bureaus“ sind gestern sechs italienische Kriegsschiffe vor Jaffa ein⸗ getroffen. Während drei nordwärts weiterdampften, gingen die Panzerkreuzer „Francesco⸗Feruccio"“ und „Giuseppe⸗ Garibaldi“ sowie der geschützte Kreuzer „Coatit“ vor Anker. Der Levantedampfer „Leros“ wurde vom „Coatit“ einer Durch⸗ suchung unterzogen.
Serbien.
Die Regierung hat den serbischen Gesandten in Kon⸗ stantinopel beauftragt, bei der Pforte wegen der Serben⸗ metzelei in Sienitza energische Schritte zu unternehmen und gleichzeitig Schutz der Serben im ganzen Sandschak gegen jed⸗ weden Angriff zu verlangen. Die Regierung hat einen Grenz⸗ kommissar nach Sienitza entsandt zur ausführlichen Bericht⸗ erstattung über das Gemetzel. 6
Amerika.
Die „Times“ meldet aus Washington unter dem gestrigen Datum: Der britische Geschäftsträger hat von neuem Vor⸗ stellungen wegen der Panamakanalgebühren gemacht und dem Staatsdepartement angezeigt, daß England an seiner be⸗ reits mitgeteilten Ansicht festhalte. Voraussichtlich werde auf diese Vorstellungen hin ein näher begründeter Einspruch er⸗ folgen, sobald der Tert des Gesetzes in London geprüft sein werde. Falls die Meinungsverschiedenheiten zwischen beiden Regierungen nicht durch diplomatische Verhandlungen beigelegt werden könnten, werde England die Einberufung eines Schieds⸗ gerichts fordern.
Afrika.
Stefani“ meldet unter dem 26. August aus Tripolis: Nach Aussagen von Kundschaftern ist vor etwa einem Monat mit einer neuen Karawanenstraße ein Ver⸗ such gemacht worden. Die neue Straße beginnt an der tunesischen Grenze bei El Homra und zieht sich an den vor Gebel gelegenen Hügeln und über die Ebene von Gattis entlang bis Azizie. Diese Straße ist lang, beschwerlich und wasserarm und erfordert siebzehn Tagereisen. Man hat bisher zwei Reisen unternommen, aber von den Kamelen überstanden 14 die Reise nicht, und die übrigen kamen erschöpft an.
In der letzten Woche haben sich 629 Flüchtlinge unter⸗ worfen, von denen 159 aus Sahel, 238 aus Tagiura, 70 aus Tripolis und 162 aus anderen Ortschaften stammen. 8
Dieselbe Zeitung meldet aus Zuara unter dem gestrigen Tage: General Garioni begab sich gestern nach Sidi abd Essema und entsandte ein Bataillon erythräischer Askaris nach der Oase Gemil. Das Bataillon durchstreifte die ganze Oase und rückte bis Marut und darüber hinaus vor, wodurch bestätigt wurde, daß die Türken diese Orte vollständig verlassen haben. 39
Die „Agenzia
1“ 8 “
gleicher Zeit vollführte eine Eskadron Kavallerie unter dem ommando des Majors Curti einen ausgedehnten Erkundungs⸗ i weit über die südliche Grenze der Oase hinaus. Die Eskadron stieß mit Abteilungen arabischer Reiter zusammen, riff sie heftig an und fügte ihnen beträchtliche Verluste zu. Aus Marokko liegen heute folgende Nachrichten vor: Das Lager von Suk el Arba wurde am 25. August um Uhr früh von einer starken Harka des Khalifen El Hiba ungegriffen. Der Angriff dauerte bis gegen Mittag; der Feind wurde zurückgewiesen und hatte beträchtliche Ver⸗ nste. Vier Franzosen wurden leicht verletzt, die Harka zog sch schließlich 15 km weit nach Süden zurück. Der General Lyautey ist nach Casablanca zurückgekehrt. — Die „Agence Havas“ meldet aus Mazagan vom 25. August: sin Kaufmann hat aus Marrakesch einen vom 19. August datierten Brief von dem Arzt Guichard erhalten, in welchem deser bestätigt, er hätte mit seinen Gefährten am 15. August wieder nach der Stadt zurückkehren müssen. Sie seien unver⸗ ehrt und hätten sich zuerst zu Mtugi, sodann zu El Glaui ge⸗ füchtet und würden gut behandelt. Der Brief bestätigt ferner, daß die europäischen Läden nach dem Einzuge El Hibas ge⸗ glündert wurden. Schließlich bestätigten auch in Saffi ein⸗ getroffene Europäer, die Franzosen seien Gefangene El Hibas.
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Nr. 32 des „Eisenbahnverordnungsblatts“, herausgegeben in Ministerium der öffentlichen Arbeiten, vom 24. August hat folgenden Inhalt: Erlaß des Ministers der öffentlichen Arbeiten: vom 3. August 1112, VI. D. 12 449, betr. Vorschriften für die Beschaffung von Fahr⸗ kagen, sowie Vorschriften für die Materialabnahme und Bauüber⸗ rachung auf den Lieferwerken.
Statistik und Volkswirtschaft.
Rödliche Verunglückungen in Preußen im Jahre 1910.
Nach einer in der „Stat. Korr.“ gegebenen Uebersicht über die 1910 im preußischen Staate und in den Provinzen vorgekommenen tdlichen Verunglückungen nach der Zahl, dem Alter und dem Geschlecht der von ihnen betroffenen Personen sind im Berichtsjahre isgesamt 15 112 (12 005 männliche und 3107 weibliche) Personen gcgen 14 534 im Vorjahre 1909 tödlich verunglückt, von je 100 000 der Bevölkerung 38,2 gegen 37,2 im Jahre 1909. Es ist also ibiolut und verhältnismäßig eine Zunahme zu verzeichnen. Dies nchtfertigt eine Mahnung, auf die Schutzmaßregeln im Verkehr und in den Betrieben ein immer größeres Gewicht zu legen.
Die folgenden Zahlen lassen den Einfluß erkennen, den das Alter und das Geschlecht auf die tödlichen Verunglückungen zusüben. Es verunglückten mit tödlichem Ausgange
t der Altersklasse Personen von 100 000 Personen
85 männl. weibl. ton 0— 5 Jahren 1 043 5 — 15 8
59,24 41,40 498 15 — 60 „
31,97 11,30 7 677 896 68,55 784 „ 60 u mehr „ 1 292 646 97,53 38,89 unbekannt 99 24
überhaupt. 12 005 3 107
Setzt man die Gesamtzahlen gleis „so ergibt sich, daß die
Knaben im Alter bis zu 5 Jahren nur mit 12,7 v. H., die gleichaltrigen Mädchen dagegen mit 33,6 v. H. aller tödlich verunglückten männ⸗ licen bezw. weiblichen Personen vertreten waren. In der Alterskasse don über 5 bis 15 Jahren war die betreffende Zahl bei den Mädchen auf 16,0 v. H. zurückgegangen; bei den Knaben betrug sie 11,8 v. H. In der Altersgruppe von 15 bis 60 Jahren verunglückten dann aber verhaältnismäßig weit mehr Männer als Frauen, von ersteren nämlich 63,9 v. H. aller tödlich verunglückten Männer, von letzteren 28,8 v H. aller tödlich verunglückten Frauen. Im Greisenalter war die vetreffende Verhältniszahl von 10,8 v. H. für das männliche Geschlecht fast gleich derjenigen in der Altersklasse von 5 bis 15 Jahren; bei den weiblichen Personen betrug sie 20,8 v. H. Die Zahlenangaben über die tödlichen Verunglückungen in den enzelnen Provinzen lassen erkennen, daß von den Knaben und Mädchen bis zu 15 Jahren, auf 100 000 Lebende dieser Altersgruppe berechnet, die meisten in den Provinzen Ost⸗ und Westpreußen (43,43 bezw 41,32) srwie Schleswig⸗Holstein (37,93) verunglückt sind (die Hohenzollern⸗ chen Lande sind dabei außer Betracht gelassen). Berücksichtigt man die Erwachsenen (die über 15 Jahre alten Personen), so sind von 100 000 lebenden Männern im Staate 72,40, am meisten in der Provinz Westfalen, nämlich 104,26, dagegen im Landespolizeibezirk Berlin nur 36,22 Männer ums Leben gekommen. Was die Frauen znbelangt, so verunglückten diese gegenüber den Männern viel seltener; im Staate sind von 100 000 lebenden Frauen nur 11,96 töblich verunglückt, am meisten in den Provinzen Westpreußen, Ostpreußen und Brandenburg (ohne den Landespolizeibezirk Berlin) mit 15,61 bezw. 14,54 und 14,10. Der Landesrpolizeibezirk Berlin it mit 13,32 beteiligt, während die Provinz Westfalen mit 7,59 lödlich verunglückten Frauen am günstigsten dasteht.
Bezüglich des Familienstandes der tödlich Verunglückten sei angeführt, daß im Staate von Ledigen 8410, von Verheirateten 5347, bvon Verwitweten 1185, von Geschiedenen 62, von Personen un⸗ bekannten Familienstandes 108 verunglückten.
Was die einzelnen Berufsbeschäftigungen anbelangt, so verunglückten von Männern in dem Bereiche der Land⸗ und Forst⸗ wirtschaft 2836 (23,62 v. H), des Bergbaues und Hüttenwesens 1837 05,30 v. H.), der Industrie 3743 (31,18 v. H.), des Handels und Verkehrs 1627 (13,55 v. H.) Danach hat die Industrie am meisten Verunglückungen aufzuweisen. G 1 . 8b Faßt man die soziale Lebensstellung ins Auge, so ereigneten sch am meisten tödliche Verunglückungen bei den Arbeitsständen, und swar bei Gehilfen, Gesellen, Lehrlingen und Fabrikarbeitern 3663. 4 24 v. H.), bei Tagearbeitern und ähnlich Beschäftigten 2181 (1443 v. H.), bei Dienstboten 737 (4,88 v. H.) und bei selbständig Erwerbenden 1332 (8,81 v. H.), zusammen 52,36 v. H. Bei Rentnern, Pensionären, Altsitzern und Almosenempfängern — ihre Ungehörigen eingeschlossen — ist die Zahl dagegen niedrig, 638 422 v. H.). Heer und Marine hatten 147 tödliche Verunglückungen 0,97 v
männl.
1 518 1 419
zus.
50,39 21,67 37,88 64,91
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„ Unter den verschledenen Arten der Verunglückungen ist in erster nie Ertrinken mit 3351 (2765 männlichen und 586 weiblichen) hersonen oder auf je 1000 tödlich Verunglückte 222 (230 m., 189 w.) hersonen beteiligt, an zweiter Stelle steht Sturz mit 3158 02452 m., 706 w.) oder auf je 1000 Verunglückte 209 (204 m., 227 w.) und an dritter Stelle Ueberfahren mit 2601 (2223 m., 3,8 w.) oder auf je 1000 Verunglückte 172 (185 m., 122 w.) hersonen. Mit diesen drei Hauptarten der Verunglückungen dereinigen sich die übrigen in folgender Anführung: Ver⸗ lchung durch Maschinen 430 (383 m., 47 w.) oder auf je 800 tödlich Verunglückte 28 (32 m., 15 w.), Verbrennen und Verbrühen 1513 (734 m., 779 w.) oder 100 (61 m., 251 w.), Ersticken 656 (442 m., 214 w.) oder 43 (37 m., 69 w.), Verschütten und Erschlagen 1358 (1319 m., 39 w.) oder 90 (110 m., 12 w.), Vergiftung 266 (171 m., 95 w.) oder 18 (14 m., 31 w.), Schlag dter Biß ufw. durch Tiere 313 (279, m., 34 w.) oder 21 (23 m., 11 w.), Stoß, Schlag und Anprall 191 (174 m., 17 w.) oder 13 115 m., 5 w.), Erschießen, Schußverletzungen und Explosionen 367 C41 m., 26 w.) oder 24 (27 m., 8 w.), Erfrieren 126 (117 m.,
9 v.) oder 8 (10 m., 3 w.), Blitzschlag 236 (165 m. 71 w.) oder 16
l4m 23 w.), Sonnensti sonstige Ereignisse 546 (440 m., 106 w.) . 9, ich und sonstige Ereignisse 546 . der auf je 1000 tödlich Verunglückte 36 (37 m., 34 w.) Persenen.
Beklagenswerte Begleiterscheinungen der modernen Verkehrs⸗ fahrzeuge bringen in der letzten Zeit die Fahrräder und Kraftwagen mit sich. So kamen 1910 60 Todesfälle bei Männern vor, deren Ursache Sturz mit dem Fahrrade war (Selbstfahrer); 223 Personen (169 männliche und 54 weibliche) haben im Kraftwagenverkehr durch Ueberfahren das Leben eingebüßt. 242 Personen sind im Landespolizei⸗ bezirk Berlin durch „Ueberfahren“ im allgemeinen getötet worden. Weitere Kreise dürften ganz besonders die Unfälle derjenigen Personen interessieren, die bei den Fahrten mit dem Ballon oder der Flugmaschine ihre kühnen Versuche mit dem Leben gesühnt haben. Entsprechend dem Aufschwunge des Luftverkehres i. J. 1910 sind beim Fliegen und bei der Luftschiffahrt, gegenüber einem Todesfall i. J. 1909, im Berichtsjahre 19 männliche Personen tödlich ver⸗ unglückt, darunter 2 bei der Flugmaschine, die mit dem Flugapparat herabgestürzt sind, und einer durch Absturz mit dem Fallschirm. Von den übrigen 16 Opfern der Lufschiffahrt sind 4 mit dem Ballon bei Gewittersturm verunglückt, 6 durch Absturz mit dem Luftschiff, 1 durch Sturz aus der Gondel des Ballons, und 5 fanden den Tod beim Landen durch Ertrinken. 1 “
Zur Arbeiterbewegung. Die Angestellten des Berliner städtischen Obdachs stellten, wie die „Voss. Ztg.“ mitteilt, gestern in gut besuchter Ver⸗ sammlung neue Lohnforderungen auf. In Malaga haben, wie „W. T. B.“ meldet, die Stauer und Fuhrleute die Arbeit wieder aufgenommen. Der Verkehr im Hafen geht wie gewöhnlich vor sich. (Vgl. Nr. 198 d. Bl.)
Wie dem „W. T. B.“ aus Tortosa (Spanien) gemeldet wird, haben die Leiter einer Weberei infolge des Ausstandes von achthundert Arbeitern beschlossen, den Betrieb einzustellen.
“
Kunst und Wissenschaft.
Ueber römische Grabdenkmäler in Deutschland schreibt der Professor Dr. H. Dragendorf in seiner Schrift „Westdeutschland zur Römerzeit“ (Verlag von Quelle u. Meyer in Leipzig): Wie kaum eine zweite antike Denkmälerklasse lassen uns die auf deutschem Boden stehenden römischen Grabdenkmäler ins reale Leben ihres Landes blicken. Auf den Militärgrabmälern sehen wir den Toten beim festlichen Mahle im Jenseits, bequem auf seinem Speisesofa ausgestreckt. Anders das Trierer Totenmahl. Der Speise⸗ tisch, ganz naturgetreu ausgeführt, als ein aus Stäben zusammen⸗ gesetzter Klapptisch, steht in der Mitte. Vater und Mutter sitzen, wie der Treverer es im Gegensatz zum Römer tat, auf ihren bequemen Lehnstühlen am Tisch, Sohn und Tochter stehen dabei; letztere stellt mit dem Teller ein gebratenes Huhn auf den Tisch. Haartracht, Barttracht zeigt die Nichtrömer. Die Aermel⸗ gewänder, die Schals, die die Leute um den Hals tragen, sind gallische Tracht. Bis zu den Stiefeln herunter ist alles naturgetreu aus⸗ geführt, ein Bild aus dem Leben mit aller Freude an den kleinen Einzelheiten auf den Stein gebracht. Die Szene ist damit in eine ganz andere Sphäre gerückt. Da finden wir den Kahn, der, von Knechten am Ufer gezogen, die Warenballen den Fluß hinaufführt, den Lastwagen, mit drei Maultieren bespannt, der sie zum Hoftore hinaus über Land führt, die Maultiere, die sie mühsam auf steilem Pfade über das Gebirge tragen. Wir werden ins Kontor des Großhändlers geführt und sehen die „Heimarbeiter“ die von ihnen ge⸗ webten Tücher abliefern und die Schuldner Zahlungen leisten. Wir sehen die Knechte dabei, den Ballen mit Hebelkraft fest zusammen⸗ zuschnüren. Bauern kommen auf den Gutshof und liefern die Natur erzeugnisse, Fische, Wild, Früchte ab. In die Küche blicken wir, wo zwei Köche am Herd arbeiten, während ein anderer in einer Schüssel Teig knetet, wieder ein anderer auf dem Tisch mit dem Messer Speisen zurichtet. In die Tür tritt ein Diener, der in der Stube auf⸗ zuwarten hat, um die Speisen zu holen. An der Vorderseite desselben Frieses finden wir die Familie selbst beim Mahl, die Männer liegend, die Frauen in Lehnstühlen sitzend. Rechts hantieren Diener an der Anrichte, während links der reichgeschmückte und reichbesetzte Schenk⸗ tisch steht und Diener die Becher füllen. Es sind Szenen aus dem Leben, wie sie sich im Mosellande bei den wohlhabenden Handels⸗ herren und Großgrundbesitzern abspielten. Mit liebevollem Eingehen auf Einzelheiten sind die einfachen alltäglichen Vorgänge erzählt. Was die Igeler Säule bietet, ergänzen andere gleichartige Reltefs in Trier, in Metz, in Arlon. Da werden wir in das Zimmer der Frau geführt. Wir sehen sie auf dem Bette sitzend, während die Dienerin ihr das Gewand bringt. Wir sehen sie bei der Toilette. In ihram Korbstuhle sitzend, blickt sie in den Spiegel, den ein Mädchen ihr vorhält, während ein anderes ihr die Haare ordnet. Den Mann sehen wir über Land reiten, im schweren Kapuzenmantel, oder mit seinen Hunden hinter dem Hasen her galoppierend, oder von der Jagd heimkehrend, triumphierend den erlegten Hasen emporhaltend. Ein anderer kehrt mit der Angel vom Fischfang heim. Einen Blick in die Lati⸗ fundienwirtschaft, wie sie auch im Moselgebiet damals herrschte, lassen andere Reliefs tun. Auf den Gutshof werden wir geführt, wo die Pächter ihre Abgaben abliefern, die der Schreiber, unter der Tür stehend, notiert. Im Kontor finden wir die Schreiber eifrig beschäftigt, das auf dem Tische sich häufende Geld zu zählen und zu prüfen und in die großen Geschäftsbücher einzutragen, während die Pächter mit säuerlicher Miene ihre Summen abliefern und im Hinausgehen noch einmal an den Fingern nachrechnen, ob ihnen auch zuviel abgenommen worden sei. Wir finden den Bauern bei der Feldarbeit, wir sehen ihn in der Schwinge das Korn von der Spreu sondern. Den Kauf⸗ mann führen uns die Künstler in seinem Laden vor. Auf einem anderen Bilde steht der Magazinverwalter, eine behäbige Figur mit großem Lederschurz, an der Schnellwage, um einen Ballen zu wiegen. Die Wagen führen die Ballen und die Fässer über Land. Köstlich ist ein kleines, leider sehr zerstörtes Relief, das den Wagen mit einem stolz schreitenden, schön geschmückten Maultier und zwei braven Eselein bespannt zeigt, die sich bieder und eifrig mit aller Kraft in die Stränge legen und mit krummen Knien vorwärts stampfen. Wir sehen, wie die Fässer auf den Kahn gerollt werden, sehen den Kahn, der auf dem Flusse gezogen wird, während ein zweiter Mann vornübergebeugt, auf dem Rand des Schiffes schreitend, dieses mit der unter die Achsel ge⸗ stützten Stange vorwärts stößt. Besonderer Beliebtheit erfreut sich in Trier die Darstellung eines hochbordigen, von Rudern fortbewegten Schiffes mit bärtiger Mannschaft, das eine ganze Ladung Weinfässer mit sich führt. Wer da weiß, welche Rolle noch heute im Leben der Moselanwohner der Wein spielt, wird sich nicht wundern über die liebevolle Sorgfalt, mit der dieser Gegenstand behandelt ist, und erkennt gern in den Gesichtern einen gewissen sanft melancholischen Zug, wie er Trinkern eigen ist. Er wird sich auch nicht wundern, daß einer dieser Treverer sich nichts Schöneres aufs Grab zu setzen wußte als eine Pyramide von strohumflochtenen Weinamphoren, ein anderer einen Altar, der rechts und links von einem Faß flankiert war. Landwirt⸗ schaft und Handel, Weinbau, Tuchbereitung, das ists, was diese Leute namentlich interessierte und woran die Bilder immer wieder er⸗ innern. — Ein besonders niedliches Bildchen sei zum Schluß noch erwähnt, das uns in die Schulstube führt. Der bärtige Lehrer sitzt, sanft mit der Hand gestikulierend, bei zwei Buben, die schon eifrig mit der Arbeit beschäftigt sind, während der dritte eben mit seinen derben Nagelstiefeln in die Stube stampft und grüßend die Hand hebt. — Alle Einzelheiten werden auf diesen Steinbildern mit liebe⸗ vollstem Interesse wiedergegeben, die Stühle und Tische, die Wagen so genau, daß man sie ohne weiteres nachbilden kann. Vor allem aber tritt uns die Bevölkerung in ihrer äußeren Erscheinung lebendig entgegen. Nicht in konventioneller Tracht, sondern so, wie sie wirklich damals im Mosellande sich kleidete. Ein und der andere feine Herr erscheint wohl einmal in römischer Tracht. Weitaus die meisten aber tragen den Rock mit Halbärmeln, darüber, wenn sie ins Freie gehen, den schweren Mantel aus filzartigem Stoff mit Kapuze, das besonders gallische Kleidungsstück. Die Frauen er⸗ scheinen im langen Gewand, die Mädchen im einfachen, gegürteten Hemd. Aus Wolle gefertigte, sockenartige Schuhe tragen die Frauen, die Männer Stiefel mit nägelbeschlagenen Sohlen und im Freien
Band: Mittelalter, 468 Seiten.
auch noch Gamaschen. Auch das Halstuch gehört zur vollen Kleidung, und wer am Tisch sitzt, hat⸗ die Serviette. Der Bauer, der zum Gutsherrn geht, nimmt als sparsamer Mann seinen Mundvorrat in einer großen umgehängten Tasche mit. Daß man trotz aller provinzialen Eigenart doch in Verbindung mit den damaligen Kulturzentren steht und die Mode der Hauptstadt schließlich auch für die Provinz maßgebend wird, zeigt eine Einzelheit, wie die Behandlung des Bartes auf diesen Bildwerken. Da finden wir in der ersten Hälfte des 2. Jahrhunderts den kurzgehaltenen Vollbart, etwa wie Kaiser Hadrian ihn trägt, etwas später den dann in Rom Mode werdenden langen Vollbart. Der Lehrer auf dem Schulreliefträgt den Bart etwa wie Marc Aurel. Dann kommt die Zeit, wo man den Bart wieder kürzte. Das kleine Backenbärtchen, wie Caracalla es trägt, kommt an unseren Monumenten mit dem Beginn des 3 Jahrhunderts wieder auf. Dann erscheinen auch wieder glattrasierte Gesichter. Der Künstler benutzt auch diese Aeußerlichkeiten zur Charakteristik, und gewiß ist es dem Leben abgelauscht, wenn er die feinen Kontoristen und Buchhalter glattrasiert darstellt, während auf dem gleichen Relief die Bauern noch nach der alten Mode der vorigen Generation den Vollbart tragen.
Literatur.
— Deutsche Geschichte. Von Dietrich Schäfer. Erster Zweiter Band: 509 Seiten. Jena, Verlag von Gustav Fischer. Zweite, bis auf die Gegenwart fortge⸗ führte Auflage. Preis 14 ℳ, geb. 17 ℳ. Das vorliegende Werk ist bei seinem Erscheinen seiner Bedeutung entsprechend eingehend ge⸗ würdigt worden. In der zweiten Auflage ist der Abschnitt „Im neuen Reich“ um die Darstellung des Marokkovertrags vom 4. No⸗ vember 1911 und die Lage, die sich daraus für Deutschland ergibt, be⸗ reichert worden. Auch die Tripolisangelegenheit sowie die reichsländische Verfassung sind in die Betrachtung einbezogen worden. In dem folgenden Abschnitt „Rückblick und Schluß“ wird der Gedanke, daß die Deutschen ausschließlich und allein auf die eigene Kraft angewiesen seien, noch stärker als bisher betont. Wohl gebe es Auslandsinteressen, die an das Bestehen unseres Reiches geknüpft seien. Alle in Europa, die aufrichtig Frieden wollten, müßten die Erhaltung dieses Reiches wünschen. Das neue Deutschland habe sich als die festeste Friedens⸗ bürgschaft des Erdteils erwiesen und werde das bleiben, solange es mächtig sei. Für das deutsche Volk dürfe seine augenblickliche Lage nur ein Ansporn zu einer gesteigerten Hingabe an seine Pflichten sein. Große Opfer seien erforderlich, um die Rüstungen zu verstärken. Von einer Minderung der Lasten könne in absehbarer Zeit nicht die Rede sein.
— Von Ihr und Ihm. Dialoge von Rudolf Presber. Stuttgart und Berlin, Deutsche Verlagsanstalt. 1912. Brosch 4 ℳ. Ein neues Buch von Rudolf Presber wird schon seit Jahren von jedem Freunde echten Humors mit Freuden begrüßt. Auch die vorliegende Sammlung von zum Teil kernig humoristischen, z. T. scharf satirischen Zwiegesprächen dürfte sich bald einen freudig zustimmenden Leserkreis erobern. In der Wahl seines Stoffes ist Rudolf Presber diesmal von seinen früheren Gepflogenheiten etwas abgewichen, indem er seine Vorwürfe, einen größeren Stoffkreis meidend, aus dem einen bedeut⸗ samen Zusammenhang von Ihr zu Ihm — hauptsächlich im erotischen Sinne — schöpfte. Presber hat es verstanden, seinem Thema die verschiedensten Seiten abzugewinnen. Von den kindlichen Lebens⸗ schülern, die gemeinsam ihre Sandburgen am Seestrande bauen, bis zu dem gereiften alten Freundespaar, das sich erst in zwölfter Stunde die bis dahin verhehlte Jugendneigung eingesteht, zieht an dem Leser eine Fülle von Gestalten vorüber, die durch Presbers sprühende Erzählerkunst Leben gewinnen. Wohlgelungene Ausflüge in sein früheres Stoffgebiet unternimmt der Verfasser in der höchst drolligen literarischen Satire „Der Mord in der Padojaschlucht“ sowie in dem lustigen Dialog „Die Rettungemedaille“, der von den ver⸗ unglückten Bemühungen des Herin Ottomar Meier erzählt, sich einen berühmten Namen zu schaffen.
— Das Septemberheft der von Richard Fleischer herausgegebenen „Deutschen Revue“ (Deutsche Verlagsanstalt in Stuttgart und Leipzig; vierteljährlich 6 ℳ) hat folgenden Inhalt: Hindernisse auf dem Wege deutscher auswärtiger Politik; Sidney Whitman: Prinz Heinrich VII. Reuß; Admiral z. D. Breusing: Die deutsche und die englische Flotte und die Weltmachtstellung Englands; Tancredi Galimberti, Mitglied der italienischen Deputierten⸗ kammer: Italien und die Mittelmeerfrage; K. Th. Zingeler (Sigmaringen): Briefe des Fürsten Karl Anton von Hohen⸗ zollern an seine Gemahlin, Josephine geb. Prinzessin von Baden (Fortsetzung); Dr. Freiherr von Jettel: Tripolis und der Balkan; Graf Vay von Vaya und zu Luskod J. A. S. M. — A. P.: Persön⸗ liche Erinnerungen an den verstorbenen Kaiser von Japan; Professor Ed. Schär (Straßburg): Aelteste Heilmittel und Heilmittelnamen; J. Minor: Mephistopheles als Diener des Erdgeistes? Auguf Fournier: Gentz und Bellio; Das neue China und unser ostasiatisches Schutzgebiet; Privatdozent Dr. Veit Valentin (Freiburg i. Br.): Politische Briefe Karl v. Hofmanns an den Staatsminister v. Dalwigk (Schluß); J. v. Nexküll: Die Merkwelten der Tiere; Baron v. Cramm⸗Burgdorf: Erinnerungen; Prof. O. Knopf (Jena): Ernst Haeckel als Vorkämpfer der Entwicklungslehre; Literarische Berichte; Eingesandte Neuigkeiten des Büchermarktes.
Land⸗ und Forstwirtschaft. Weizeneinfuhr in Marseille. Nach den Wochenberichten der in Marseille erscheinenden Zeitung „Le Séêmaphore“ hat die Weizeneinfuhr nach Marseille auf dem See⸗ wege betragen: In der Zeit vom 28. Juli bis 2. August d. J. 137 833 dz, davon aus Rußland 43 474 dz, in der Zeit vom 4. bis 9. August d. J. 86 915 dz, Rußland 53 135 dz, in der Zeit vom 11. bis 16. August d. J. 98 154 dz, Rußland 67 963 daz, in der Zeit vom 18. bis 23. August d. J. 211 789 dz, davon aus Rußland 49 201 dz.
davon aus
davon aus
In den Zollniederlagen in Marseille befanden sich am 21 August
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Ernteaussichten und Getreidehandel in Rußland.
Das Kaiserliche Generalkonsulat in Odessa berichtet unterm 17. August: Nach den bei dem Generalkonsulat von sachkundiger Seite heute eingegangenen vorläufigen Nachrichten darf angenommen werden, daß trotz der starken Regenfälle in den letzten Wochen die Ernte in Südrußland doch gut mittel ausgefallen ist. Die Ernte ist stark verspätet, weshalb die Getreidezufuhren noch immer sehr klein sind. Dieser Mangel an Zufuhren erklärt die große Zurückhaltung Rußlands im Außenhandel. Dennoch ist zu erwarten, daß der ver⸗ fügbare Ueberschuß der Ernte diesmal vollständiger auf den Auslands⸗ markt gelangen wird, da ein Bedürfnis, wie im Vorjahre, zur Ver⸗ wendung eines großen Teils der Ernte für entfernte notleidende russische Gouvernements nicht vorzuliegen scheint. 8
Saatenstand in Rußland.
Der Kaiserliche Konsul in Libau berichtet unterm 25. d. M.: Seit drei Wochen regnet es täglich. Der selten gut gewachsene Roggen liegt zum großen Teile noch auf den Feldern, keimt aus und kann nicht unter Dach gebracht werden. Nur wenigen Besitzern des Goldingschen und des Hasenpothschen Kreises ist es gelungen, ihr Korn vor Eintritt des schlimmen Wetters zu bergen. Auch das Sommergetreide, dessen Schnitt nahe bevorsteht, scheint gefährdet, wenn nicht bald trockene Tage eintreten. Unsere glänzenden dies⸗ jährigen Ernteaussichten sind kurz vor dem Ziel vernichtet worden.
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