1912 / 284 p. 6 (Deutscher Reichsanzeiger, Fri, 29 Nov 1912 18:00:01 GMT) scan diff

die Teuerungsverhältnisse, die wir nunmehr seit drei Jahren lim Herbste jeden Jahres zu überwinden haben und ebenso der Stand der Viehseuchen keinen Anlaß zu der Meinung bietet, daß in Zukunft unsere Viehzucht dem steigenden Fleischbedarf unserer Bevölkerung nicht gewachsen sein würde.

Ich darf bei dieser Gelegenheit auch eine Anfrage des Herrn Vorredners über den Stand der Viehseuchen beantworten und darauf hinweisen, daß was das Königreich Preußen anbetrifft, in weitaus der Mehrzahl der Regierungsbezirke die Maul⸗ und Klauen⸗ seuche nunmehr vollständig erloschen ist. Wir haben gegenwärtig in Preußen eine Verseuchung nur noch in 30 Kreisen, in 49 Gemeinden und in 101 Gehöften (Zuruf links: Nur!) und wesentlich eigentlich nur in einem Regierungsbezirk! Hier ist, wie das beim Erlöschen der Maul⸗ und Klauenseuche beinahe regelmäßig vorzukommen pflegt, durch eine lokale Einschleppung wieder die Zahl der erkrankten Tiere nicht unerheblich vermehrt worden. Ich glaube, mit einiger Sicher⸗ heit behaupten zu können, daß es uns gelingen wird, im Laufe des Winters der Maul⸗ und Klauenseuche vollständig Herr zu werden. (Zuruf links: Prophezeiung!) Das wird dank der Vorschriften des gegenwärtig geltenden Viehseuchengesetzes auch der landwirtschaftlichen Verwaltung um so eher möglich sein, weil sie in anderer Weise, wie bisher, auf die sofortige Abschlachtung der an der Maul⸗ und Klauen⸗ seuche erkrankten Tiere hinzuwirken in der Lage ist.

Meine Herren, der Herr Vorredner hat zum Beweise des Fleischmangels auch auf die Zunahme der Pferdeschlachtungen hingewiesen. Ich will die Zunahme der Pferdeschlachtung nicht in Abrede stellen, ich glaube aber die Zustimmung aller Landwirte und Viehzüchter zu finden, wenn ich behaupte, daß es auch heutzutage noch nicht lohnend ist, Pferde zum Zweck der Abschlachtung und des Fleisch⸗ verkaufs zu züchten. (Zustimmung rechts. Lachen links.) Wenn daher eine Zunahme der Pferdeschlachtungen zu konstatieren ist, so wird sie eben in erster Linie darauf zurückzuführen sein, daß auch die Pferdebestände zugenommen haben (sehr richtig! rechts) und daß infolge⸗ dessen auch die Zahl der geschlachteten Pferde eine Zunahme aufweist. (Sehr richtig! rechts. Zurufe links.) Im übrigen kann ja nicht geleugnet werden, daß tatsächlich eine gewisse Vorliebe für Pferde⸗ fleisch in weiteren Kreisen festzustellen ist. (Lebhafte Zurufe links.) Meine Herren, das ist vom volkswirtschaftlichen Standpunkt aus nicht einmal so bedauerlich (Unruhe links); Sie werden vielleicht noch nicht einmal alle wissen, daß der vielbesprochene Eiweißgehalt gerade beim Pferdefleisch weitaus der günstigste ist, er beträgt 21 %. (Zurufe links.)

Meine Herren, die von dem Herrn Vorredner des weiteren be⸗ sprochene Verteuerung durch den sogenannten Zwischen⸗ handel möchte ich nur mit wenigen Worten streifen. Es wird vor⸗ aussichtlich der jetzt eingesetzten Kommission gelingen, in dieser Be⸗ ziehung weitere Aufklärung zu schaffen. Was aber gerade die großen Städte und insbesondere Berlin angeht, so dürfen wir bei allem Ent⸗ gegenkommen und bei aller Anerkennung gegenüber dem legitimen Handel doch nicht übersehen, daß gerade die in die Städte gebrachten Viehmengen durch die große Zahl der am Verkauf interessierten Instanzen eine erhebliche Verteuerung erfahren müssen. Ein Stück Vieh, welches in Berlin geschlachtet werden soll, wird zuerst auf dem Lande durch einen kleinen Aufkäufer aufgekauft, der selbstredend an dem Geschäft etwas verdienen will. Dann wandert es in die Hand des Großhändlers, der auch verdienen will und verdienen muß. Von diesem kommt es an den Viehkommissionär und durch diesen auf dem Viehmarkt endlich in die Hände des Grobßschlächters und vom Großschlächter und jetzt kommt die 5. Instanz erst an den Fleischverkäufer, an den sogenannten Metzger, der aber in WMirklichkeit nicht mehr Schlächter ist, aber für sein Geschäft bei dem Verkauf des von anderer Seite be⸗ zogenen und geschlachteten Fleisches ebenfalls seine Prozente berechnen und beim Verkaufe des Fleisches aufschlagen muß!

Meine Herren, das sind ungünstige Verhältnisse Verhältnisse, die es eben in den großen Städten mehr wie anderswo dahin gebracht haben, die Detailpreise des Fleisches gewaltig zu verteuern. Und wenn es jetzt durch die Maßnahmen der städtischen Verwaltungen gelungen ist, der ärmeren Bevölkerung billigeres Fleisch anzubieten, so liegt das im wesentlichen daran, daß die Städte in der Lage sind, auf diesem Gebiete den Zwischenhandel auszuschalten und die Geschäftskosten erheblich herabzusetzen. (Große Unruhe links.)

Der dunkelste Punkt in der ganzen Frage der Verteuerung der Vieh⸗ und Fleischpreise ist jedenfalls die Marktbeschickung, die

Unmöglichkeit, darauf hinzuwirken, daß immer die genügende, dem

Bedarf entsprechende Anzahl von Vieh auf den Markt gebracht Be⸗

verhälnismäßig

An den meisten größeren Handelsplätzen liegt die Marktes in den Händen Kommissionäre, die

wird. schickung des

weniger Geschäfte und ver⸗

darüber

fügen, ob z. B. auf den Berliner Markt am Mittwoch oder Samstag 10 000 oder 15 000 Schweine zum Verkauf kommen sollen, und die auch ihrerseits zweifellos kein Interesse daran haben, auf eine Herab⸗ minderung der Preise durch allzustarke Beschickung des Marktes hinzu⸗ wirken. (Sehr richtig! im Zentrum.) Somit wird sich die Land⸗ wirtschaft auf die Dauer der Aufgabe nicht entziehen können, auch ihrerseits Vorkehrungen zu treffen, um eine bessere und regelmäßigere

Beschickung der Märkte herbeizuführen.

Ich habe gerade heute ein Verzeichnis der gegenwärtigen Fleisch⸗ detailpreise von Berlin bekommen, das ich Ihnen doch nicht Danach kostet Schweinefleisch das Stück vom Kamm 95 pro Pfund, Kotelette 1 ℳ, das Stück vom Bauch 85 ;₰ und Schinken im ganzen 85 ₰. Das sind also Preise, die man schon wieder als einigermaßen normal aussprechen kann, wenigstens für die großen Städte, und die erkennen lassen, daß die Maßnahmen der Regierung doch nicht so wirkungslos gewesen sind, wie es von

vorenthalten möchte.

anderer Seite dargestellt worden ist.

Ich will mich nicht eingehend beschäftigen mit den Ausführungen des Herrn Vorredners über die Ermäßigung und Beseitigung (Rufe links: Schade!) Ich habe mich schon im vorigen Jahre in diesem hohen Hause darüber ausgelassen, und ich kann obschon ich glaube, daß es wirklich allmählich heißt: Eulen nach Athen tragen nur wiederholen, daß tatsächlich unsere Futtermittel in der überwiegenden Zahl und Quantität zollfrei ein⸗ gehen (sehr richtig! rechts), und daß es sich bei den Zöllen nur noch um Mais, Hafer und Gerste handelt. (Rufe links: Nur!2) Meine Herren, die Behauptung, daß die Zölle verteuernd auf die Futter⸗ mittel überhaupt einwirkten, ist jedenfalls durchaus hinfällig (Lachen links); das Gegenteil ist vielmehr der Fall. (Andauernde Unruhe

der Futtermittelzölle!

erklären

links.) Ich kann mir jedenfalls nicht

Gerstenzoll und der Zoll auf Mais verteuernd wirken sollten auf die zollfrei eingehende Kleie; und auf der anderen Seite liegt es auf der Hand, daß, wenn die Importeure von Mais und Gerste konkurrieren wollen mit der zollfrei eingehenden Kleie, sie auch ihrerseits die Preise dementsprechend einrichten müssen.

Das wichtigste Argument aber gegen die Ermäßigung oder Be⸗ seitigung der Futtermittelzölle liegt meines Erachtens darin, daß diese Ermäßigung nicht dem Verbraucher, sondern in erster Linie und wahrscheinlich ausschließlich dem Handel zugute kommen würde. (Lebhafte Zustimmung rechts. Widerspruch und Zurufe links.) Das ist noch im Frühjahr dieses Jahres bewiesen, wo der Reichstag sich einverstanden erklärt hat mit der weiteren Suspension der Kartoffelzölle (sehr richtig! rechts), und wo in demselben Augenblick, als dieser Entschluß der Oeffentlichkeit bekannt wurde, die Händler den Preis der Kartoffeln um den Betrag dieses Zolles erhöht haben. (Sehr richtig! rechts. Unruhe. Glocke des Präsidenten.)

Meine Herren! Der Herr Abg. Wendorff hat nun insbesondere noch die preußische Domänenverwaltung angegriffen und tadelnd hervorgehoben, daß es eine größere Anzahl von Domänen gäbe, auf welchen sogenannte viehlose Wirtschaft getrieben wird. Ich meine, daß das Forum für die preußische landwirtschaftliche Ver⸗ waltung und speziell für die Domänenverwaltung eigentlich nicht dieses hohe Haus, sondern das Abgeordnetenhaus ist. (Aha! und Lachen links. Sehr richtig! rechts.) Aber ich glaube, es wird auch die Herren Reichstagsabgeordneten interessieren, wenn ich ihnen mitteile, daß es unter sämtlichen preußischen Staatsdomänen nur drei gibt, auf denen kein Vieh gehalten wird. (Hört, hört! rechts.) Zu diesen drei gehört in erster Linie die Domäne Ruhleben (hört! hört! rechts), welche bekanntlich an die Trabrenngesellschaft verpachtet ist. (Heiterkeit rechts.) Ich bin nicht in der Lage, die Trabrenn⸗ gesellschaft zur Haltung von Rindvieh anzuhalten. (Große Heiterkeit

rechts.) Die beiden anderen Domänen sind Wolfsleben und Ruders⸗ leben; die sind beide im einzelnen an bäuerliche Besitzer verpachtet. (Hört! hört! rechts.) Ich kann also nicht nachweisen, wie viel Vieh auf diesen Domänen gehalten wird. Es ist aber unzweifelhaft anzunehmen, daß die Pächter, die außerhalb der Domänen ihre Wirtschaft haben, auch auf dieser Wirtschaft Vieh halten, welches ebenfalls diesen Domänen (Sehr richtig! und Heiterkeit

teilweise in Anrechnung zu bringen ist. rechts.) Aus einer allgemeinen Uebersicht, welche mir vorliegt, ist zu ersehen, daß auf sämtlichen preußischen Domänen über 130 000 Stück Rindvieh, darunter 31 000 Milchkühe, und im ganzen 88 303 Schweine gehalten werden. 1 Wenn der Herr Abg. Wendorff seinerseits für die Ermäßi⸗ gung der Getreidezölle eine Lanze gebrochen und mit verständnis⸗ voller Handbewegung darauf hingewiesen hat, daß diese Getreidezölle in erster Linie dem Großgrundbesitz zugute kommen, so darf ich auch nicht unterlassen, ihn darauf aufmerksam zu machen, daß, wenn die Zeitungen richtig berichtet haben, doch auch in den Kreisen seiner Parteigenossen und, wenn ich nicht irre, sogar auf dem letzten Parteitage (sehr richtig! und Heiterkeit rechts und im Zentrum) besonders darauf aufmerksam gemacht worden ist, daß auch vom Standpunkte der freisinnigen Partei ein allzu starker Angriff gegen unsere Wirtschaftspolitik und gegen die Zölle nicht angebracht sei und jedenfalls in ländlichen Kreisen zu einer Verschnupfung führen könnte. (Hört! hört! rechts. Zuruf links: Die Begründung ist falsch!)

Diesen selben Standpunkt, und vielleicht noch etwas deutlicher, habe ich in einer sozialdemokratischen Zeitschrift vertreten gefunden (hört! hört! rechts; Zurufe und Lachen bei den Sozialdemokraten), wonach ein Emissär der Sozialdemokratie, der früher meines Wissens auch in ländlichen Genossenschaften tätig gewesen ist, über das Er⸗ gebnis seiner Agitationsreisen berichtet und ausdrücklich darauf auf⸗ merksam macht, daß es auch vom Standpunkte der sozialdemokratischen Partei und insbesondere mit Rücksicht auf ihre Agitation auf dem Lande sehr unangebracht sein würde, allzu sehr die Frage der Beseitigung der Getreide⸗ und Viehzölle zu urgieren; denn und das ist eben sein Motiv er weist darauf hin, daß nach seinen früher und jetzt gemachten Ersahrungen auch der kleinere und kleinste Landwirt ein großes Interesse an der Aufrechterhaltung lohnender Vieh⸗ und Getreidepreise habe. (Sehr gut! rechts.) Da⸗ mit stimmen die statistisch gemachten Erhebungen ebenfalls überein. Es ist eine direkte, natürlich objektive Unwahrheit, zu behaupten, daß nur der Großgrundbesitzer an den Getreide⸗ und Viehzöllen ein Inter⸗ esse habe; im Gegenteil, es ist auch der kleinere Besitz, der Besitz von drei bis fünf Hektar, der ohne lohnende Vieh⸗ und Getreidepreise nicht existieren kann (sehr gut! rechts und im Zentrum) und der ein großes Interesse daran hat, sowohl sein Vieh wie sein Getreide zu einem entsprechenden Preise auf dem Markte zu verwerten. (Leb⸗ hafte Zustimmung rechts.)

Der Herr Vorredner hat dann auch die Frage der Vieh⸗ einfuhr aus den Kolonien gestreift.

wicht fallen kann. (Zurufe links.)

falls lohnend machen könnten. (Rufe links: Und die Kolonien ⁷)

Verwaltung möchte

geordnetenhause an mich eine Anfrage zu richten.

auf die Besprechung der vorhergehenden mann, der in längeren Ausführungen darauf hingewiesen hat, daß die von der Staatsregierung getroffenen Maßnahmen sich in der hätten. Ich geordneten ist in habe Blattes der nationalliberalen Partei im Westen, nämlich der „Kölni⸗ schen Zeitung“, der sich mit der Viehknappheit Europas befaßt und im Eingang folgende bringt:

(Hört! hört! rechts.) 8

(Hört! hört! rechts. Anerkennung von einer Seite, die in der Frage der Fleischteuerung und überhaupt auf agrarischem Gebiete nicht grade den Standpunkt

der rechten Seite dieses hohen Hauses teilt.

Ich bin nicht in der Lage, eine entscheidende und erschöpfende Antwort auf seine Anfrage zu geben; ich mache aber darauf aufmerksam, daß nach den bisherigen Verhandlungen und Ermittlungen die deutschen Kolonien vielleicht imstande sein würden, jährlich 2000 Stück Rindvieh auf den Markt zu bringen, eine Zahl, die für die Gestaltung der Viehpreise und ebenso für die Ernährung der deutschen Bevölkerung nicht ins Ge⸗ Es kommt aber hinzu, daß veterinärpolizeiliche Bedenken es unmöglich machen würden, lebendes Vieh aus den Kolonien einzuführen, daß das Vieh nur in geschlachtetem Zustande herüberkommen könnte (Rufe links: Wieso?), daß es dieser⸗ halb kostbarer Einrichtungen auf den Transportschiffen bedürfen würde, die sich pro Schiff auf 4⸗ bis 500 000 belaufen (hört, hört, rechts), und die bei der geringen Anzahl von Vieh, das für den Export respektive Import in Betracht kommt, diesen Bezug keines⸗

Die sodann noch von dem Herrn Vorredner gestreifte Frage der Domänenaufteilung seitens der preußischen landwirtschaftlichen ich lieber im preußischen Abgeordnetenhause beantworten. (Lachen links.) Ich darf dem Herrn Abg. Wendorff anheimstellen, einen seiner Parteigenossen zu bewegen, dieserhalb bei der Beratung des landwirtschaftlichen Etats im preußischen Ab⸗ Ich werde gern bereit sein, ihm dann auch die entsprechende Antwort zu geben, und beschränke mich heute auf die Bemerkung, daß die preußische land⸗ wirtschaftliche Verwaltung meines Erachtens alles getan hat, um so

sein würde, wenn der Herr Vorredner auf seine Parteigenossen in gewissen großen Städten um auch diese zu einem entsprechenden Entgegenkommen gegenüber der inneren Kolonisation zu veranlassen. rechts.

hinwirken würde (sehr gut! rechts), (Bravol und sehr gut! Rufe links: Schweigen! Erneute Heiterkeit.)

Meine Herren, ich möchte nun mit einem Wort noch eingehen vorliegenden Interpellation in der

Sitzung. Es war der Herr Abg. Schede⸗

Hauptsache als unzureichend und erfolglos erwiesen glaube, diese Auffassung des Herrn Abge⸗ Wirklichkeit doch nicht zutreffend. Ich

hier den Artikel eines weit verbreiteten und führenden

meines Erachtens zutreffende Ausführungen Die Verhandlungen des preußischen Abgeordnetenhauses über die Fleischteuerung und das Echo, das sie im Lande fanden, haben gezeigt, daß sich die Erregung, die einige Wochen lang geherrscht hat, ziemlich gelegt hat. Es sind nicht nur die außerpolitischen Sorgen, die das Interesse abgelenkt haben, sondern auch die Tatsache, daß dank den Maß⸗ regeln der Staatsregierung, vor allem aber auch dem raschen Zu⸗ greifen der Städte die Fleischpreise wieder eine normale Höhe er⸗ halten haben. Zuruf links: Offiziöses Blatt!) Das ist die

(Sehr richtig! rechts.) Ich kann aber hinzufügen, daß auch nach den Ermittlungen, die

seitens der preußischen Verwaltung angestellt worden sind, es als festgestellt zu erachten ist, daß die von den Städten in dankens⸗ werter Weise ergriffenen Maßnahmen in einer ganzen Reihe von Orten einen nicht unerheblichen Rückgang der Preise zur Folge gehabt haben, und daß es vor allen Dingen gelungen ist, überall, wo ein be⸗ sonderes Bedürfnis hervortrat, auch die ärmere Bevölkerung tatsächlich mit billigerem Fleisch zu versorgen. Das Wichtigste aber und das möchte ich unter Bezugnahme auf die Ausführungen des Herrn Reichs⸗ kanzlers in der vorigen Sitzung nochmals hervorheben ist die Tat⸗

sache, daß die städtischen Verwaltungen durch die ihnen seitens der Staatsregierung gewährten Erleichterungen in erfreulicher Weise Anlaß genommen haben, zur Milderung der Fleischteuerung mit⸗ zuwirken, und daß sie dadurch anerkannt haben, daß auch sie der Ver⸗ pflichtung sich nicht entziehen können, in außergewöhnlichen und teuren Zeiten die Behebung einer allzu starken Anspannung der Preise herbei⸗ zuführen.

Meine Herren, ich glaube, von diesem Gesichtspunkte aus müssen die Maßnahmen der Staatsregierung auch von denjenigen beurteilt werden, welche darin eine Gefährdung der Sicherheit unseres Vieh⸗ bestandes und unserer Produktion erblickt haben. Sie dürfen nicht vergessen, daß alle Erleichterungen, die gewährt werden und gewährt worden sind, nicht der Allgemeinheit an sich zugute kommen, sondern nur denjenigen Städten, welche sich mit der Einfuhr von Vieh und Fleisch befassen, und die ihrerseits bereit sind, das Fleisch zu einem entsprechend billigeren Preise zu verkaufen. Der Zweck der preußischen landwirtschaftlichen Verwaltung bei diesen Maßnahmen war ein doppelter. Sie wollte in erster Linie natürlich mit ihren bis an die Grenze des Zulässigen das bemerke ich ausdrücklich gehenden Maßnahmen wirklich eine Verbilligung des Fleisches bewirken. Sie wollte andererseits dadurch, daß diese Aufgabe den Kommunen über⸗ wiesen wurde, auch die möglichste Sicherheit gegen Einschleppung von Seuchen durch Beobachtung aller erforderlichen veterinärpolizeilichen Maßnahmen herbeiführen. Ich glaube, in dieser Beziehung hat der Erfolg gezeigt, daß bis dahin durch die Maßnahmen der Staats⸗ regierung und durch die Einrichtungen der städtischen Verwaltungen eine Gefährdung menschlicher Gesundheit und auch in veterinär⸗ polizeilicher Beziehung nicht eingetreten ist; denn es ist weder eine Krankheit noch ein Seuchenausbruch beim Vieh infolge der Einfuhr von Vieh und Fleisch herbeigeführt worden.

Meine Herren, jetzt möchte ich doch auch gegenüber den in der vorigen Sitzung gemachten Ausführungen ausdrücklich hervorheben, daß es sich keineswegs um geringe, nicht in Betracht kommende Einfuhr⸗ mengen handelt. Wir haben aus Holland im November per Woche eingefübrt etwa 1130 Stück Rindvieh allein über die Grenze des Regierungsbezirks Düsseldorf; daneben komme holländisches Schlacht⸗ vieh noch über die Grenzen der Provinz Hannover zur Einfuhr, dessen Menge ich in Zahlen augenblicklich nicht angeben kann. Allein Berlin hat vom 21. Oktober bis 27. November d. J. an Rindfleisch 692 000 kg und an Schweinefleisch 455 000 kg, im ganzen alfo 1 147 000 kg Fleisch aus Rußland eingeführt. Das sind Ziffern, die immerhin den Beweis liefern, daß die Maßnahmen der Staats⸗ regierung zur Beseitigung einer augenblicklichen Teuerung und Not⸗ lage der Bevölkerung einen Erfolg gehabt haben und wohl auch in Zukunft haben werden.

Wie es sich in Zukunft mit dem Bezug von Vieh und Fleisch aus dem Auslande gestalten wird, das läßt sich natürlich nicht vorher sagen. Ich glaube in Uebereinstimmung mit den gestern von dem Herrn Reichskanzler gemachten Ausführungen auch meinerseits darauf hinweisen zu müssen, daß der Bezug von Vieh und Fleisch aus dem Auslande in größeren Mengen voraussichtlich nur ein vor⸗ übergehender sein kann, daß in der Hauptsache auch die städtischen Verwaltungen, wenn sie dauernd eine Einwirkung auf die Preise des Vieh⸗ und Fleischmarktes behalten wollen, sich unbedingt mit den inländischen Absatz⸗ und Produktionsgenossenschaften in Verbindung setzen müssen. Ich weiß sehr wohl, daß auf diesem Gebiete die Vereinbarungen größtenteils bisher gescheitert sind, und ich kann auch ohne weiteres zugeben, daß es nicht ganz leicht 'st, sich über die Bezugsbedingungen zu verständigen. Aber die Beispiele von Neu Ulm und Bamberg zeigen doch, daß auch derartige Vereinbarungen getroffen werden können, und daß bei gutem Willen und bei gegen⸗ seitigem Entgegenkommen zweifellos eine Verständigung über die Preise herbeizuführen und langfristige Verträge zwischen städtischen Verwaltungen und ländlichen Absatzgenossenschaften abzuschließen

zu ste

Ulen, und daß es ein

besonders ““ 1“

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weit wie möglich die Domänen in den Dienst der inneren Kolonisation lles Werk

möglich ist. (Sehr richtig! rechts.)

8

(ebhafter Beifall rechts.

Meine Herren, wenn auf diese Weise ein Erfolg bei den

städtischen Verwaltungen einerseits und den landwirtschaftlichen Ver⸗ tretungen andererseits in Zukunft erzielt werden kann, so muß natür⸗ lich damit Hand in Hand gehen eine weitere Förderung der Viehzucht, eine Verstärkung des Viehbestandes, die wir innerhalb Preußens auch erreichen werden nicht allein durch entsprechende Beihilfen, den die Viehzüchter, durch Anregungen seitens der Landwirtschaftskammern und landwirtschaftlichen Vereine, sondern auch durch eine großzügige und möglichst rasche Kultur der Moor⸗ und Oedländereien und vor allen Dingen auch durch eine weitere Förderung der inneren Kolonisation. (Sehr richtig! rechts.)

Ich glaube in dieser Beziehung auch die Zustimmung des Deutschen Reichstages zu finden, und ich darf darauf hinweisen, daß in allernächster Zeit dem preußischen Abgeordnetenhause ein Gesetz⸗ entwurf zugehen wird, in dem nicht unerhebliche Summen für die Zwecke, die ich eben im einzelnen genannt habe, angefordert werden.

Meine Herren, ich möchte nun mit einem Worte noch auf Aus⸗ führungen des Herrn Abg. Scheidemann zurückkommen, die er am gestrigen Tage unter Bezugnahme auf eine Rede gemacht hat, die ich am 25. Oktober 1912 im Abgeordnetenhause gehalten habe. Ich habe bei diesem Anlasse die gegenwärtige Fleischteuerung und die Maßnahmen zur Beseitigung derselben besprochen, habe auf das Beispiel anderer Länder hingewiesen, in denen die Bevölkerung über⸗ haupt und nicht zuletzt auch die ärmere sich nicht allein in der Haupt⸗ sache von Fleisch, sondern auch von anderen gleichwertigen und gleich nahrhaften Nahrungsmitteln zu ernähren sucht, und habe dem Be⸗ dauern Ausdruck gegeben, daß in unserer Heimat und speziell in Preußen vielfach der Wert der anderen Nahrungsmittel verkannt würde und immer und an erster Stelle der Ruf nach Fleisch ertönte.

Ich habe es weiter für erforderlich bezeichnet, daß in Zukunft auch nach dieser Richtung eine gewisse Erziehung der Bevölkerung Platz greifen und Sorge dafür getragen werden müsse, auch die Haus⸗ frauen mit der Zubereitung anderer Nahrungsmittel vertraut zu machen und ihnen ihren Wert vor Augen zu führen. (Sehr richtig! rechts.) Ich habe damit eine Verhöhnung der ärmeren und der Arbeiterbevölkerung in keiner Weise beabsichtigt. (Sehr richtig! rechts; Lachen bei den Sozialdemokraten.) Hätte ich die gewisse Notlage, in die gerade die Arbeiterbevölkerung durch die Fleischteuerung versetzt war, nicht anerkannt, so hätte ich keinesfalls meine Zustimmung zu den Maßnahmen geben können, die die preußische Staatsregierung zur Beseitigung dieser Teuerung er⸗ griffen hat.

Aber ich glaube, da ich nicht von der Gegenwart, sondern von der Zukunft sprach, es auch an dieser Stelle ruhig wiederholen zu dürfen: wie werden die Beseitigung der Fleischteuerung nicht allein dadurch erreichen, daß wir eine Vermehrung der Viehbestände im In⸗ lande herheiführen, sondern, daß wir auch rechtzeitig dafür Sorge tragen, daß der Wert der anderweitigen Nahrung, der Fische, des Gemüses, der Milch usw. ebenfalls von der ganzen Bevölkerung und nicht allein von der arbeitenden erkannt wird. (Sehr richtig! rechts) Es ist ein großer Irrtum zu glauben, daß unter den gegenwärtigen Verhältnissen in erster Linie und allein die Arbeiter Not litten, nein, meine Herren, für die Arbeiter ist an vielen Stellen, sowohl durch die Maßnahmen der Kommunen als auch durch die Maßnahmen großer Werksverwaltungen in dankenswerter Weise Sorge getragen. Die kleinen Beamten, die kleinen Handwerker, die kleinbürgerlichen Schichten haben mindestens so zu leiden wie die Arbeiterbevölkerung. (Sehr richtig! rechts.) Meine Herren, ich kann mich auch damit trösten, daß mir gerade die Ausführungen, die ich im preußischen Ab⸗ geordnetenhause gemacht habe, von zahlreichen Seiten, und nicht in letzter Linie von medizinischen Autoritäten, eine Zustimmung ein⸗ getragen haben, die mir die Kritik auf der anderen Seite nicht allein erheblich abgeschwächt, sondern geradezu versüßt hat. (Heiterkeit rechts.)

Der Herr Abg. Scheidemann hat dann auch den § 12 des Fleisch⸗ beschaugesetzes besprochen. Was er in dieser Beziehung ausgeführt hat, ist seitens des Herrn Reichskanzlers schon in der vorigen Sitzung widerlegt worden. Wenn der Herr Abg. Scheidemann sodann der Ansicht Ausdruck gegeben hat, daß er den § 12 des Fleischbeschau⸗ gesetzes mitsamt dem Landwirtschaftsminister gern gegen so und so viel Zentner frischen Fleisches eintauschen möchte, so bin ich nicht so ver⸗ messen, zu beanspruchen, daß der Herr Abg. Scheidemann ein Hammel⸗ oder Schweinskotelett zu meinen Gunsten im Laufe der Woche weniger genießt. (Heiterkeit rechts.) Aber ich muß ihm gegenüber doch hervorheben, daß sowohl in nationalen wie in internationalen Fragen meine Auffassung von der seinigen grundverschieden ist und daß unseren Standpunkt eine Kluft trennt, die meines Erachtens unüberbrückbar ist (Bravoy! rechts) und deren Ueberbrückung den Ruin des deutschen Vaterlandes bedeuten würde. (Lebhafter Beifall rechts. Lachen bei den Sozialdemokraten.) Wir dürfen doch nicht vergessen, daß der ganze Kampf gegen den § 12 des Fleischbeschaugesetzes weniger gegen diesen Paragraphen als solchen, sondern zum Zwecke der Ermöglichung der Einfuhr von argentinischem Gefrierfleisch geführt worden ist. (Sehr richtig! rechts.) Ich will nicht daran erinnern, daß diese Einfuhr im Herbste dieses Jahres in einer Weise in der Oeffentlichkeit und in der Presse besprochen und befürwortet wurde, die leicht erkennen ließ, daß die Agitation hierfür nicht allein im Inlande entstanden, sondern auch vom Auslande künstlich und mit großen Mitteln unterstützt worden ist. ( Stürmische Rufe rechts: Hört, hört!) Aber ich glaube, wer die ländlichen Verhältnisse und die Fragen der Viehaufzucht im Lande kennt, der kann darüber keinen Zweifel haben, daß die Einfuhr des argentinischen gefrorenen Rindfleisches in erster Linie nicht den Mangel an Rindfleisch in Deutschland ersetzt, sondern vor allen Dingen den Absatz des Schweinefleisches verringert haben würde. (Sehr richtig! rechts.) Damit würde unsere Viehaufzucht an der empfindlichsten Stelle, gerade in der Schweineaufzucht, getroffen worden sein. (Sehr richtig! rechts.) Die Einfuhr des argentinischen Gefrierfleisches hätte mit anderen Worten den Rückgang der Schweineproduktion, also den Rückgang desjenigen Zweiges der Viehzucht betroffen, mit dem sich gerade auch der ärmere Mann und der kleinere Landwirt befassen kann. (Lebhafte Zustimmung rechts.) Eine preußische Regierung, die auf ihre Fahne die innere Kolonisation und die Ansetzung von kleinen

auern und Arbeitern geschrieben hat, kann unmöglich in demselben

temzuge zulassen, daß durch die Einfuhr von argentinischem Gefrier⸗ fleisch die Existenz dieser Leute wiederum in Frage gestellt wird⸗ Lachen bei den Sozialdemokraten.) 1“

Ich komme zum Schluß. Ich glaube, bei objektiver Betrachtung der Maßnahmen, welche die preußische landwirtschaftliche Verwaltung zur Behebung der Fleischteuerung getroffen hat, werden auch Sie in Ihrer überwiegenden Mehrzahl zu der Erkenntnis kommen, daß von der preußischen Verwaltung alles geschehen ist, was ohne Gefährdung unserer Viehbestände und unserer Viehproduktion zur Beseitigung und Erleichterung der Fleischteuerung geschehen konnte. Aber auf der andern Seite glaube ich, daß auch die gegenwärtigen Verhandlungen, ebenso wie die des preußischen Abgeordnetenhauses, in der Erkenntnis bestärken müssen, daß nur in dem Festhalten an unserer Wirtschafts⸗ politik, in dem Schutze der nationalen Arbeit und Produktion sowohl in der Landwirtschaft, wie in der Industrie und dem Handwerk die Zukunft des deutschen Vaterlandes gesichert bleibt. (Lebhafter Beifall rechts und in der Mitte, Zischen bei den Sozialdemokraten.)

Abg. Löscher (Rp.): Ich muß den Ausführungen des Abg. Dr. Wendorff entschieden entgegentreten. Wenn er gemeint hat, dde Städte könnten sich auf einen Zusammenschluß zu Genossenschaften nicht einlassen, weil sie unter Umständen Verluste erleiden könnten, so meine ich, die Städte bilden doch eine Gesamtheit, sie können das Risiko zusammen tragen. Bei der Bekämpfung der Einfuhrscheine hat der Vorredner übersehen, daß der Ausfuhr auf der anderen Seite auch eine Einfuhr gegenübersteht. Die Aufrechterhaltung des gegen⸗ wärtigen Einfuhrscheinsystems liegt gerade im Interesse unserer kleinen Viehzüchter. Die Fleischpreise sind allerdings in Deutsch⸗ land gestiegen, aber nicht diese allein. Ist denn etwa unsere Wirtschaftspolitik auch schuld daran, daß die Preise der Häuser in den großen Städten gestiegen sind? Die Herren unterlassen es zu sagen, wieviel die Grundbesitzer für Verbesserungen und Melio⸗ rationen aufgewendet haben, und wieviel auf der anderen Seite in den großen Städten die Hausbesitzer beim Kauf bezahlt und beim Verkauf verdient haben. Das verschweigen sie kluger⸗ und schlauer⸗ weise. Las man vor Ausbruch des Balkankrieges liberale Blätter, so mußte man zu der Annahme kommen, es müsse doch um das deutsche Vaterland recht schlecht bestellt sein. Infolge unserer Wirtschaftspolitik haben sich aber die Verhältnisse auch in den kleinen Städten wesentlich verbessert. Die Zahl der Geschäfte hat sich vermehrt. Auf dem platten Lande hat man allerdings die Empfindung, daß man dem Bauern die Verpflichtung auferlegen wolle, dem ö für sechs Dreier das Pfund Fleisch zu liefern. Unsere Wirtschaftspolitik hat auch die Lage des Arbeiters verbessert. Wenn 13 der Arbeiter einen erheblichen Teil seines Ein⸗ kommens für Alkohol usw. ausgibt, so muß er verelenden und seine Familie Not leiden. Die Enquetekommission ist ja mit dazu berufen, die Ursachen der Fleischteuerung festzustellen. Wir bedauern nur, daß ie bis zum 3. Januar vertagt ist, und daß nicht ein einziger Bauer in ihr vertreten ist. Der Bauer verdient wahrlich, auch in dieser Frage gehört zu werden. Er hat sich auch um die Landwirtschaft, um das Genossenschaftswesen usw. große Verdienste erworben. Viel⸗ leicht war der Staatssekretär des Innern bei seinen Einladungen der Meinung, der Bauer könne seine Schweine züchten, das andere würde von anderer Seite besorgt werden. Zu der Fleischteuerung in den großen Städten tragen auch die Schlachthofgebühren er⸗ heblich bei. Selbst das „Berliner Tageblatt“ muß dies zugeben. Es ist anzunehmen, daß Berlin an diesen Gebühren ungefähr 1 ½ Millionen verdient. Mich hat gewundert, daß man in der Berliner Stadtverordnetenversammlung nicht aufgetreten ist, um im Interesse einer Verbilligung des Fleisches eine Herabsetzung der Ge⸗ bühren zu fordern. Warum geht denn die Stadt Berlin nicht zu einer größeren Viehhaltung über? Mit bloßen Erörterungen über diese Frage ist es nicht getan. Man hat sich in den großen Städten vor allen Dingen schützend vor die Fleischermeister gestellt und den Viehzüchtern die ganze Schuld zugeschoben. Das ist keine objektive und loyale Stellungnahme. Wenn man eine Beseitigung der Futtermittelzölle wünscht, so übersieht man, daß die Kalamität nicht bloß bei uns, sondern auch in anderen Ländern besteht. Auch nen ag hat in vielen Teilen im vorigen Jahre eine Miß⸗ ernte in Futtermitteln gehabt. Selbstverständlich sind wir für eine Beseitigung der Futtermittelzölle nicht zu haben. Wir sind der Meinung, daß die jegige Wirtschaftspolitik von großem Segen und Nutzen gewesen ist. Ebensowenig können wir für eine Aufhebung des § 12 des Fleischbeschaugesetzes uns erklären. Die Einfuhr von argentinischem Gefrierfleisch ist als vorübergehende Maßregel nicht möglich und als dauernde für unsere heimische Viehproduktion schädlich. Gerade infolge der niedrigen Fleischpreise ist auch unser Schafbestand zurückgegangen. Gegen die Ermäßigung des Fleischzolls, den die Regierung vorgeschlagen hat, haben wir Bedenken, wenn wir auch darin nicht eine Bresche in unserem Zolltarif sehen. Notwendig ist eine Ver⸗ besserung des Realkredits auf dem platten Lande und eine schnellere Beförderung der landwirtschaftlichen Produkte auf den Eisenbahnen. Für die innere Kolonisation sind wir selbstverständlich in vollstem Maße zu haben. Es kommt aber vor allen Dingen darauf an, die kleinen Stellen auch rentabel zu machen und den Kolonisten an die Scholle zu fesseln. Möge sich die Regierung durch das Geschrei nach Beseitigung unserer Wirtschaftspolitik nicht beirren lassen. Wir werden sie in diesem Bestreben unterstützen.

Abg. Molkenbuhr (Soz.): Der Abg. Löscher beklagt sich, daß in der im Reichsamt des Innern 1eE. eran nic⸗ bäuerlichen Vertreter ö darin befinden sich ja Herren wie der Graf Kanitz und der Graf Schwerin⸗Löwitz, die uns doch der Bund der Landwirte geradezu immer als konzentrierte Bauern hinstellt. Damit ist indtrekt zugegeben, daß die Interessen der eigent⸗ lichen Bauern denen der Großgrundbesitzer entgegengesetzt sind. Es ist auf die Verteuerung des Fleisches durch die Unkosten hin⸗ gewiesen worden, die durch die Schlachthofgebühren und andere Ein⸗ richtungen entstehen. Auch hat man von großen Ueberschüssen ge⸗ sprochen, die die Städte daraus erzielen. Wer sich aber einmal einen Stadtetat ansieht, der wird finden, daß es mit diesen Ueberschüssen nicht weit her ist. Der Reichskanzler hat einen Artikel aus den „Sozialistischen Monatsheften“ als Beweis dafür angeführt, daß es auch unter den Sozialdemokraten Leute mit agrarischer hhes schauung gibt. Er müßte doch wissen, daß die „Monatshefte“ kein Organ sind, in dem die Partei zu prinzipiellen Fragen Stellung nimmt. Das geschieht auf den Parteitagen. Und da wird sich der Kanzler wohl nur auf wenig oder gar keine Zeugen berufen können. Wenn der Reichskanzler in der Partei uchen würde, so würde er nicht mal ein halbes Dutzend finden. Nur Hildebrand, Schippel, Schulz und Calwer haben der⸗ artige Ansichten. Es gibt natürlich, wie in anderen Parteien, auch in der Sozialdemokratie Leute, die manchmal verschrobene Ansichten haben. Das Viehseuchengesetz und das Fleischbeschaugesetz sollen ja lediglich veterinärpolizeilichen oder sanitären Rücksichten entsprungen sein. Seitens der Regierung ist aber diesmal mit erfreulicher Offen⸗ heit zugegeben worden, daß für 1 wesentlich wirtschaftspolitische Gründe U gewesen sind. Das Land soll gegen die Maul⸗ und Klauenseuche geschützt werden. Nun ist aber jetzt der Seuchen⸗ stand fast nochmal so groß als in de Heit wo die Grenzen offen waren. Die Grenzsperre für Vieh ist also mindestens ein untaugliches Mittel. Aber es kommt ja auch nur darauf an, daß der Viehpreis hoch bleibt. Als damals infolge der Handelspolitik des Grafen Caprivi die Aktion der Herren auf der rechten Seite einsetzte, da sprach man zuerst von der Politik der kleinen Mittel, und zu diesen gehört auch die Grenzsperre. Daß Deutschland in der Lage wäre, seinen Vieh⸗ und Fleischbedarf vollkommen zu decken, daran zweifelt kein Mensch, aber sobald das eintritt, haben ja die Fleischkonzerne ihre Wilkung verloren. Deshalb haben sie auch kein Interesse daran, daß dieses Ziel erreicht wird. Es wird immer von Rindern, Schweinen, Schafen und Ziegen, aber niemals von Pferden geredet, diese können eingeführt werden. Hier besteht also keine Seuchengefahr.

Und doch müßte die E an den Pferden großes

C t 1 2 Interesse haben, gehen doch rund hundert Millöonen

Mark für Pferde an das Ausland. Der Landwirtschaftsminister meinte, daß der Pferdebestand vielleicht gewachsen ist, weil mehr Pferde geschlachtet werden. Der Minister hat aber keine Zahlen genannt, aus denen hervorgeht, wie wir zu diesem Ueberfluß gekommen sind. (Zuruf: Hunde!) Bei den Hunden ist wohl dasselbe der Fall Ueber die Hunde hat der Minister mwohl nicht geredet, weil sie nicht zu seinem Ressort gehören. Dem Abg. Scheidemann wurde der Vorwurf gemacht, daß er Vorwürfe erhoben hat, ohne Zahlen zu nennen. Gegenüber der Fleischteuerung bedarf es jedoch keiner Zahlen, sie ist eben vorhanden. Mit Gründen für die Teuerung ist die Regierung leicht bei der Hand. Sie fuͤhrt immer solche an, auf die sie nicht ein⸗ wirken kann. Einmal ist das Jahr zu naß, dann wieder zu trocken. Ebenso ist es bei einem kalten oder bei einem heißen Sommer⸗ Die Landwirtschaft wird also dann in der Lage sein, den deutschen Bedarf zu decken, wenn das Wetter aufhört, wetterwendisch zu sein. Das Schlimme aber ist, daß die Regierung gewußt hat, was bevor⸗ stand, daß die Teuerung so arge Dimensionen annehmen würnde, und daß sie gleichwohl nichts getan hat. Seit 1907 hat der Viehbestand Deutschlands, auf den Kopf der Bevölkerung berechnet, abgenommen, in Preußen noch stärker als in dem deutschen Durchschnitt. In Preußen ist besonders der Nachwuchs an Rindvieh erheblich zurückgegangen. Diese Zahlen sind doch auch dem preußischen Landwirtschaftsminister nicht ganz unbekannt gewesen. Man wollte die Not haben, denn eine Steigerung des Viehstandes hätte ja die Nötigung zur Aufhebung der Fftt g verstärkt, und diese Aufhebung wollte man unter einen Umständen. Also entweder ist die Landwirtschaft nicht gewillt, den deutschen Bedarf zu decken, oder sie ist dazu nicht in der Lage; um so größer ist die Neigung der Agrarier zu Fleischpreissteigerungen, weil das ein sehr profitables Geschäft ist. Die Steigerung des Fleisch⸗ preises um 10 für das Pfund bedeutet für das deutsche Volk eine Mehrausgabe von nicht weniger als 673 Millionen Mark! In Schöne⸗ berg haben wir Fleischpreissteigerungen in der Zeit von 1908 bis 1912 für das Pfund von 32, 45, 55 ₰; da ist es doch leicht begreiflich, daß diejenigen, die von der Peeissteigerung Vorteil haben, einen solchen Zustand am liebsten verewigen möchten und alles tun werden, um der Milderung der Teuerung entgegenzuwirken. Der Kanzler hat nur die Betriebe von 5 bis 20 ha herangezogen; in Wirklichkeit kommen hier aber die ganz kleinen Wirtschaften unter 2 ha in Betracht, und die haben eben keinen Nutzen, son⸗ dern den großen Schaden, weil sie die verteuerten Futtermittel kaufen müssen. Nun kommt man uns immer wieder mit der großen hrase, man müsse sich national unabhängig machen. Wir machen uns seit 1894 immerfort „unabhängig“, und die Folge ist gewesen daß eine Fleischverteuerung der andern folgte. Da müßte doch endlich einmal ein anderer Weg eingeschlagen werden. Die Zeiten, wo man den geschlossenen Handelsstaat als Ideal ansah, sind unwiderruflich vorüber; der wirtschaftliche Güteraustausch ist international geworden. Daneben wird als weitere Parole aus⸗ gegeben: die Arbeiter müssen sich gesund ernähren können. Das Merkwürdige ist aber, daß gerade diejenigen Kreise, die den Arbeitern die Erngährung auf alle Weise verteuern, auch bestrebt sind, ihnen den Lohn möglichst herabzudrücken. Die Arbeiter mit den glänzenden Wochenlöhnen von 8 bis 13 können das Fleisch in der Tat nur noch als Leckerbissen ansehen; sie müssen darauf verzichten, wenn es ihnen nicht gelingt, einmal eine Katze oder einen Hund einzufangen. Ich habe bei der Beratung des neuen Zolltarifs vorausgesagt, daß die Zuwendung an die Grundbesitzenden, die sich daraus ergeben würde, 6 Milliarden betragen würde. Ich habe mich darin insofern Keirrt, als diese Steigerung noch erheblich höher gewesen ist. Davon, daß die Löhne der Arbeiter auch nur annähernd in gleichem Maße gestiegen wären, ist keine Rede; und so war denn die Not, die aus der Teuerung hervorging, unausbleiblich. Nach der Ansicht des Ministers wollen die Arbeiter nur Fleisch und immer wieder Fleisch essen. Nun kommen auf den Kopf des Arbeiters an Fleischkonsum täglich 143 g, also so viel, wie jeder Säugling an Eiweiß⸗ stoffen täglich zu sich nehmen muß. Welche sonderbare Vorstellung muß also der Minister von der Ernährung des Arbeiters haben! Er sollte sich einmal ein Kochbuch für die Bessersituierten zulegen; legt er die dort als angemessen angegebenen Fleischquanten statt des Mindestmaßes, wie es das Reichsgesundheitsamt für erforderlich hält, zugrunde, so wird er daran verzweifeln, daß die deutsche Land⸗ wirtschaft diesen Bedarf jemals aus Eigenem möchte decken können. Geht aber der Ernährungszustand der Arbeiter zurück, dann muß auch die Konkurrenzfähigkeit der Industrie leiden. Das Zentrum hat diesmal den Abg. Giesberts vorgeschickt, obwohl keine Partei rücksichts⸗ loser gegen die Arbeiter auf dem wirtschaftspolitischen Gebiete vor⸗ gegangen ist als gerade das Zentrum. Diese Partei zeigt eben zwei Gesichter; vorn ist das Gesicht ganz agrarisch gehalten, hinten aber wird sogar den Sozialdemokraten ein Kompliment gemacht für ihre Forderung und wird unserem Verlangen nach Zulassung des Gefrier⸗ fleisches aus Argentinien zugestimmt, ja man stellt es so dar, als ob aus Zentrumskreisen diese Forderung zuerst erhoben wurde, und als ob wir erst gezwungen worden wären, ihnen darin beizutreten. Nun sagt der Landwirtschaftsminister, die Agitation für das argen⸗ tinische Gefrierfleisch komme vom Auslande. Vielleicht kann das Zentrum verraten, von welchem Teile des Auslandes diese Agitation kommt. Der Abg. Scheidemann hat gestern angeführt, daß sich Schlächtermeister geweigert haben, russisches Fleisch zu verkaufen. Das ist aber nicht in Sachsen passiert, sondern in dem gut katholischen Aachen. Die Gemeinden treiben, soweit sie Rieselfelder haben, schon Viehproduktton, aber sich für eine Steigerung der Viehpreise zu inter⸗ essieren, wäre doch sonderbar. Wenn die Preise für Nahrungsmittel steigen, müssen sie wohl oder übel auch zu einer Lohnerhöhung über⸗ gehen. In der Hochschutzzöllnerei ist in einzelnen Staaten schon ein Rückschlag eingetreten, z. B. in Nordamerika. Man sollte deshalb beizeiten daran denken, nicht die Wohlhabenden noch weiter zu be⸗ reichern, sondern unserer Bevölkerung eine gesunde Nahrung zu sichern. Allerdings paßt es den Herren rechts nicht, daß das Fleisch ein paar Pfennige billiger geworden ist, die Leute sollen hungern. Dagegen müssen wir entschieden Front machen. b Abg. Dr. Matzinger (SZentr.): Die Mitarbeit an der Seuchengesetzgebung darf sich das Zentrum im Interesse des Schutzes unserer Viehbestände nur zur Ehre anrechnen. Unsere Stellung zu § 12 des Fleischbeschaugesches hat der Abg. Giesberts schon begründet. Zur Frage der inführung des argentinischen Gefrierfleisches hat sich der bayerische Landwirtschafts⸗ minister von Soden sehr freundlich gestellt, und er ist deswegen von uns in keiner Weise angegriffen worden. In der bisherigen Debatte ist allseitig zugegeben worden, daß eine große Fleischteuerung besteht, daß diese zu bedauern ist, und daß die Teuerung einen internationalen Charakter hat. Dagegen gingen die Ansichten uͤber die Gründe dieser Teuerung weit auseinander, ebenso über den Umfang der Teuerung, und ob sie eine vorübergehende oder dauernde sei. Der Umfang der Teuerung ist wesentlich übertrieben worden. Der Rückgang der Schlachtungen beträgt nur etwa 1 Pfund für den Kopf der Bevölkerung und für das Jahr. Es ist zu berücksichtigen bei dem Vergleich der beiden letzten Jahre, daß im dritten Quartal 1911 eine große Menge von Vieh abgestoßen werden mußte. 1912 hat anderseits eine gute Futter⸗ ernte gehabt, und das läßt für die Zukunft hoffen. Die Preise beim Brotgetreide sind zurückgegangen, aber die Landwirte haben diesen Verlust wieder wettgemacht durch große Energie und größeren Fleiß auf einer kleineren Bodenfläche; das kann ich für Bayern versichern. Den Vorteil von einer Suspension der Zölle würde nur der Zwischen⸗ handel haben. Wir haben ja eine Suspension der Kartoffelzölle an⸗ genommen. Was das für Folgen gehabt hat, hat der Minister schon nachgewiesen. Ich kann das nur bestätigen. Der Fall lehrt, wie vorsichtig man hei der Aufhebung oder Suspension von Zöllen sein muß, weil das Ausland den Vorteil hat. Wir haben nicht für die auswärtige, sondern für unsere heimische Landwirtschaft zu sorgen. Es sind doch nicht blh die eiaee. gestiegen, sondern auch die Preise für Kohle, Wasser, Licht usw. Man darf hier doch nicht mit zweierlei Maß messen. Bei den Zöllen kommen doch ganz andere Zwecke in Betracht als fiskalische Interessen, nämlich der Schutz der inländischen Produktion. Besonders die bayerischen Viehzüchter Le mit großen Schwierigkeiten zu kämpfen. Sie schlachten ihr Vieh nicht