1913 / 83 p. 4 (Deutscher Reichsanzeiger, Tue, 08 Apr 1913 18:00:01 GMT) scan diff

oder irgend jemandes in der Welt bedeutet. (Sehr richtig! rechts ind bei den Nationalliberalen.) Auch Frankreich will sich eben ilitärisch so stark machen, wie es vermag. Kein Mensch, meine Herren, kann eine Garantie dafür übernehmen, daß kein Krieg kommt. Davon werden sich auch die enragiertesten Friedensfreunde und die Antimilitaristen allgemach überzeugt haben. Es wäre ver⸗ essen, es hieße geradezu das Schicksal herausfordern (Sehr richtig! rechts und bei den Nationalliberalen), wollten wir sagen: „Sollte ein Krieg kommen, dann sind wir stark genug; wir könnten zwar sehr viel stärker sein, als wir sind; aber das kostet zu viel Geld; wir werden es auch so machen.“ Meine Herren, solche Stimmungen sind immer noch der Anfang des Unheils gewesen (Sehr richtig! rechts und bei den Nationalliberalen), so 1870 in Frankreich und schließlich auch jetzt in der Türkei. (Sehr richtig! xechts und bei den Nationalliberalen.) 8 Die Chancen eines Zukunftskrieges, in dem Millionenheere, aus⸗ gerüstet mit den modernsten Waffen, gegeneinander geführt werden, sind jetzt noch schwerer vorauszusehen als früher. Aber eins wird wahr bleiben: Sieger ist, solange die Welt steht, immer nur das Volk geblieben, das sich in den Stand gesetzt hat, mit dem letzten Mann einzustehen, wenn die ehernen Würfel um sein Schicksal ge⸗ worfen werden, das mit der ganzen Wucht des Volkstums dem Feinde die Stirne bietet. (Sehr richtig! rechts und bei den National⸗ liberalen.) Wir machen Ihnen die Vorlage, nicht weil wir Krieg, sondern weil wir Frieden haben, und weil, wenn Krieg kommt, wir Sieger bleiben wollen. (Lebhafter Beifall rechts, in der Mitte nd links.) . Die große Mehrheit des Volkes erkennt diese Bedeutung der orlage (Sehr richtig! rechts), und will davon bin ich über⸗ zeugt —, daß sie Gesetz wird. Wir werden, auch dann, wenn sie Gesetz geworden sein wird, so wenig ein Störenfried der Welt sein, wie wir dies bisher gewesen sind. Im Gegenteil: ein starkes und seiner Kraft sicheres Deutschland ist eine Bürgschaft des Friedens. (Sehr gut!) Den negativen Beweis dafür haben Jahrhunderte der Geschichte des alten Reichs geführt, den positiven die Zeit seit 1870. Meine Herren, von der englischen Ministerbank ist in der letzten Zeit wiederholt betont worden, daß bei voller und unveränderter Aufrechterhaltung der bestehenden Mächtegruppierungen Fäden der Freundschaft von den Mächten der einen Gruppe zu denen der anderen hinüberlaufen könnten. Ich stimme dem zu. Ich möchte es sogar dahin erweitern, daß solche Fäden der Freundschaft gesponnen werden müssen. Nun, meine Herren, politische Freundschaften wir wollen nicht sentimental sein sind politische Geschäfte; und wie im wirtschaftlichen, so lassen sich im politischen Leben Geschäfte am leichtesten und zu⸗ verlässigsten unter stark n Partnern abschließen. Der Schwächling vommt immer unter die Räder. (Zustimmung.) 8 Ich habe schon betont, meine Herren, daß wir unsere Be⸗ ziehungen zur französischen und zur russischen Regierung pflegen. Wie ich glaube, nicht ohne Erfolg. Dasselbe gilt von England. Von unserer gemeinsamen Tätigkeit bei den Londoner Botschafter⸗ besprechungen habe ich gesprochen. Mister Churchill hat in der roßen Rede, die er neulich gehalten hat, das Stärkeverhältnis wischen der englischen und der deutschen Flotte beleuchtet und hat abei einen Gedanken wiederholt, den er bereits im vorigen Jahr,

und zwar gleichfalls im Parlament, ausgesprochen hatte; den Ge⸗

danken, daß zur Verminderung der Rüstungskosten die Schiffswerften großen Mächte von Zeit zu Zeit ein Jahr Feier⸗ machen möchten. Mister Churchill hat diesen Vor⸗ chlag speziell an Deutschland, und zwar für 1914 oder 1915 gerichtet, aber er hat anerkannt, daß alle Groß⸗ ächte an dieser Kontingentierung beteiligt werden müßten. Die Marinesachverständigen diesseits und jenseits der Nordsee haben, wie mir scheint ziemlich übereinstimmend, auf die Schwierigkeiten hin⸗ gewiesen, die in der Ausführung dieses Problems liegen würden. Mister Churchill selbst hat diese Schwierigkeiten zugegeben. Auch ist mir nicht bekannt geworden, daß sein Gedanke im englischen Parla⸗ ment oder in der englischen öffentlichen Meinung besonderen Anklang gefunden hätte. Wir werden also abwarten können, ob die englische egierung mit konkreten Vorschlägen hervortreten sollte.

Aber, meine Herren, die Tatsache, daß dieser Gedanke aus⸗ gesprochen worden ist, und die Form, in die ihn der erste Lord der englischen Admiralität gekleidet hat, bedeuten doch einen großen Fort⸗ schritt. (Sehr richtig! bei den Nationalliberalen.) Es gab eine Zeit,

o jedes Wort, das einem Vergleich der englischen und der deutschen Seestärke, einem Vergleich des englischen und deutschen Schiffsbaus lt, zu einem navy scare, zu einer Flottenhetze, führte, die immer wieder die deutsch⸗englischen Beziehungen vergiftete. Mir scheint und ich hoffe es, daß diese Zeiten der Vergangenheit angehören. Mir scheint, daß das Vertrauen wieder zurückzukehren beginnt, das lange Zeit zum Schaden beider Länder und der Welt gefehlt hat. (Bravo! Iinks.) . Sie alle, meine Herren, kennen die Worte, mit denen Mister Asquith und Sir Edward Grey sich über die derzeitigen nglisch⸗deutschen Beziehungen besprochen haben. Die Feststellung, daß diese Beziehungen zurzeit gut sind, kann auch ich nur bestätigen und freudig begrüßen. (Beifall.) 3 Mr. Churchill hat seine Rede mit Worten geschlossen, die die ganze Sicherheit einer ihrer selbst bewußten Kraft atmen. Er hat die Stärke der englischen Seemacht gefeiert, der keine andere See⸗ macht der Welt so nahekommen dürfe, daß sie die politische Ein⸗ wirkung Englands ablenken oder einschränken könne. Er hat darauf hingewiesen, daß es in diesen Monaten voll Besorgnis, Spannung und Gefahr keine Großmacht gegeben habe, die nicht dankbar dafür gewesen sei, daß Englands Bedeutung im Konzert der Mächte eine Wirklichkeit und kein Schatten sei, und daß England frei und stark gewesen sei, um für den allgemeinen Frieden zu wirken. Nun, meine Herren, es ist nichts anderes, was wir wollen. Auch wir wollen frei und stark sein in der Welt, nicht, um andere zu unterdrücken, sondern um uns frei und unbeengt nach den Kräften der Nation zu entfalten nd um, wenn es not tut, unser Wort mit dem vollen Gewicht unserer Stärke für den allgemeinen Frieden in die Wagschale legen zu können. Bravo! rechts und bei den Nationalliberalen.) 1 Meine Herren, ich habe Ihnen die Lage geschildert, wie ich sie ehe, ohne schön zu färben oder schwarz zu malen. Wir allein sind nicht Herr darüber, ob sich unsere Zukunft friedlich oder bedrohlich gestalten wird. Aber wir sind Herr darüber, ob wir einer ungewissen

(Sehr richtig! rechts.) An Ihn⸗ n, meine Herren, liegt jetzt die Ent⸗ scheidung. Die Wehrfähigkeit des Volkes ist letzten Endes doch der Prüfstein seiner moralischen und physischen Kräfte. (Zustimmung rechts.) Helfen Sie, daß die allgemeine Wehrpflicht, der Deutschland seine Wiedergeburt verdankt, uns unverkümmert erhalten bleibe! Die Werte, die wir zu schützen haben, steigen von Jahr zu Jahr. Ge⸗ tragen von der Bereitschaft weitester Volkskreise, wird, wie ich zu⸗ versichtlich hoffe, der Reichstag nicht vor der Größe der Forderungen zurückschrecken, die diese Vorlagen enthalten. Wir sprechen von schweren Opfern, von ungeheuren Lasten; wir hören die Klage, daß diese fortgesetzten Rüstungen entweder zu unserem finanziellen Ruin oder zum Kriege führen müßten. (Sehr richtig! bei den Sozialdemokraten.) Nun, meine Herren, die Sie „Sehr richtig!“ rufen: seit mehr als einem Menschenalter haben wir und alle unsere Nachbarn ungeheure Aufwendungen für die Rüstungen gemacht, und noch bei jeder größeren deutschen Militärvorlage hat es geheißen: „Jetzt kommt der Krieg!“ Bisher ist der Friede erhalten geblieben! Der Balkankrieg von 1877 und der jetzige, der Burenkrieg, der russisch⸗japanische Krieg, auch die gegenwärtigen Spannungen haben doch mit den Rüstungen der Groß⸗ mächte nicht das entfernteste zu tun. Und, meine Herren, trotz der großen Summen, die wir für unsere Rüstung aufgewendet haben, hat es niemals einen Zeitraum gegeben, in dem wir uns wirtschaftlich so stark gemacht hätten wie jetzt (sehr richtig! rechts), in dem wir so leistungsfähig geworden wären in der Erfüllung staatlicher Aufgaben für die kulturelle und soziale Entwicklung, wie in der Lebenshaltung des einzelnen. (Zustimmung rechts.) Die Weltgeschichte nennt uns kein Volk, das zugrunde gegangen wäre, weil es sich in seiner Wehrhaftmachung erschöpft hätte. (Sehr richtig! rechts.) Wohl aber sehr viele, die verkommen sind, weil sie über Wohlleben und Luxus ihre Wehrhaftig⸗ keit vernachlässigt haben. (Sehr richtig! rechts. Zurufe von den Sozialdemokraten.) Ein Volk, meine Herren, das nicht mehr opfer⸗ willig genug ist, oder nicht mehr reich genug zu sein glaubt, um seine Rüstung instand zu halten, zeigt nur, daß es seine Rolle ausgespielt hat. (Bravo! Sehr wahr! rechts und bei den Nationalliberalen.)

Meine Herren, über alle Schwierigkeiten hinweg halten Sie, bitte, den einen Gedanken fest: wenn uns jemand Haus und Hof bedroht, dann stehen wir bereit, bis auf den letzten Mann! (Lebhaftes Bravo rechts und bei den Nationalliberalen. Zischen bei den Sozial⸗ demokraten. Wiederholtes lebhaftes Bravo!)

Preußischer Kriegsminister, General der vwon Heeringen:

Meine Herren! Die zwingenden Gründe, welche die verbündeten Regierungen bestimmten, dem hohen Reichstage nach kaum Jahres⸗ frist abermals, und eine sehr erhebliche Verstärkung der deutschen Wehrmacht vorzulegen, hat der Herr Reichskanzler Ihnen bereits ent⸗ wickelt. Es handelt sich dabei weniger um eine akute Gefahr, die heute bereits Deutschland drohen könnte. Kriegerischen Verwicklungen in der Gegenwart würde das deutsche Heer heute noch mit Zuversicht entgegensehen können.

Bei Einbringung des Gesetzes 1912 betonte ich, daß die Ueber⸗ legenheit unserer Armee gegenüber etwaigen Gegnern nicht gesucht werden könnte im Ueberbieten an Zahl gegenüber allen etwaigen Gegnern, sondern in der guten Disziplin, Organisation, Ausbildung und Führung. Aber die eifrige und sachgemiße Arbeit in den Heeren unserer Nachbarn und die sehr bedeutenden Mittel, die dort auf deren Vervollkommnung verwandt werden, lassen einen Vorsprung der deutschen Armee auf diesen Gebieten immer mehr verschwinden.

Um so größere Bedeutung gewinnt numehr der ziffernmäßige Vergleich unserer Wehrkräfte gegenüber denen der anderen Staaten. Erschien die Verstärkung, die durch das Friedenspräsenzgesetz des Jahres 1912 dem Heereszuwachs zuwachsen sollte, unter den damaligen Verhältnissen ausreichend, so ist es unter den seitdem eingetretenen und in den heute in der Ent⸗ wicklung begriffenen Verhältnissen nicht mehr der Fall. Deutschland darf und das ist die Ueberzeugung aller der⸗ jenigen Stellen, die für seine Verteidigung die Verantwortung tragen heute nicht zögern, seine Rüstung erheblich zu verbessern, wenn diese geeignet bleiben soll, ihm den Frieden zu sichern oder uns im Falle eines Krieges den Sieg zu verbürgen. Dies im einzelnen zu beweisen, ist von dieser Stelle und in voller Oeffentlichkeit unmöglich. Werden die Gesetzentwürfe einer Kommission überwiesen, so wird Ihnen dort das einzelne auseinandergesetzt werden.

Bei den Erwägungen, wie und auf welchen Wegen die Vervoll⸗ kommnung des deutschen Heeres am zweckmäßigsten erfolgen könnte, trat von vornherein in erste Linie eine bessere, ausreichende Aus⸗ nutzung unserer allgemeinen Wehrpflicht. Wir ver⸗ zichteten bisher auf einen großen Teil unserer wehrfähigen Be⸗ völkerung bei Heranziehung zum aktiven Dienst. Wir über⸗ wiesen ihn der Ersatzreserre oder ließen ihn sogar ganz unausgenutzt zum Landsturm übertreten. Die Folge davon ist, daß die Ergänzung des deutschen Heeres im Kriegsfall für das Feld⸗ heer ganz erheblich in die älteren Jahrgänge des Beurlaubtenstandes hineingreifen muß, während jüngere Männer entweder ganz zu Hause bleiben oder erst nach längerer Ausbildung in den Ersatzformationen in das Feld gebracht werden können. Das ist nicht nur un⸗ billig, sondern das ist auch militärisch unrichtig, denn wir schwächen damit unsere Truppen erster Linie quantitativ, wie qualitativ. Dem kann aber nur abgeholfen werden, wenn eine der vorhandenen Zahl der Tauglichen entsprechende Vermehrung der Ein⸗ zustellenden stattfindet. Ihre Einfügung in die Armee soll in erster Linie nicht durch Neubildung großer Verbände oder zahlreicher Truppen ermöglicht werden.

Die Ausdehnungsfähigkeit einer Armee im Frieden hat ihre Grenze, wenn sie nicht zeitweise zu einer Art Miliz herab⸗ sinken soll. Auch kommt es heute darauf an, diese Ver⸗ stärkung der Armee möglichst schnell und in einer Form zuzuführen, die sich der Organisation im Frieden und im Kriege möglichst an⸗ schmiegt, d. h. sie von vornherein stärkt. Nach dem altbewährten Grundsatz: „Im Felde entscheidet die innere Güte der Truppen“ sollen daher den einzelnen Waffengattungen nur diejenigen Neu⸗ bildungen gegeben werden, die unter den heute zu berücksichtigenden Verhältnissen unentbehrlich sind. Das ist bei der Infanterie die Neubildung der bei den sogenannten kleinen Regimentern noch fehlenden 18 Bataillone. Bei der Kaval lerie sieht der Gesetz⸗ entwurf für Bayern die Bildung der an der normalen Zahl noch feh⸗ lenden Eskadrons, für Preußen die Neubildung von 4 Brigadestäben und 6 Kavallerieregimentern vor (Glocke des Präsidenten)

Infanterie

also die Verbesserung der Kavallerie unserer mobilen Infanterie⸗ divisionen, vor allen Dingen die Verstärkung des Schutzes unserer Grenzen. Das sind dafür die maßgebenden, aber auch zwingenden Gesichtspunkte.

Die allmähliche Verstärkung der Fußartillerie in Preußen um 3 Regimenter wird bedingt durch die erhöhte Bedeutung und den nötigen Ausbau unserer Landesbefestigung, und die Neu⸗ bildung eines Bataillons im württembergischen Kontingent soll eine dort noch vorhandene Lücke füllen.

3 neue Pionierbataillone und demnächst die Umwandlung von 8 Kommandeuren der Pioniere und 8 Pionierbataillonen in ebensoviel Regimenter zu 2 Bataillonen sollen die Ausstattung unserer Feldtruppen und unserer Belagerungsformationen mit diesen technischen Truppen in ausreichender Weise sichern.

Die rapide Entwicklung der Verkehrstechnik und die Möglichkeit von Angriffen gegen unsere Eisenbahnen und Kunstbauten aus der Luft verlangt eine weitere Verstärkung unserer Verkehrstruppen. Während die Ergänzung unserer Eisenbahntruppen auf 9 Bataillone dazu dienen soll, den sicheren Betrieb auf Voll⸗ und Feldbahnen zu gewährleisten, soll die Verstärkung unserer Telegraphentruppen um 4 Bataillone und einer Anzahl Funker⸗ kompagnien das rasche und zuverlässige Arbeiten unserer Nachrichten⸗ übermittelung mit und ohne Draht gewährleisten.

Ein besonderer Fortschritt wird für das Luftfahrwesen an⸗ gestrebt. Wir sind jetzt, soweit man dies bei einer noch so in der Entwicklung begriffenen Neuschöpfung sagen kann, aus der Periode des vorsichtigen Tastens heraus. Luftschiffe und Flugzeuge sind wichtige und brauchbare Kriegswerkzeuge geworden, und angesichts der Fortschritte auf diesem Gebiete bei unseren Nachbarn ist es ein unbedingtes Gebot, daß wir unsere Luftstreitkräfte in raschem Tempo ausbauen. Dies erfordert nicht nur erheb⸗ liche Beschafuungen, sondern auch die Verstärkung unserer Luftschiffertruppen auf 6 Bataillone und unserer Flieger⸗ truppen auf 5 Bataillone. Beide Waffen sollen in Preußen getrennt unter je einer Inspektion einer raschen Entwicklung zugeführt werden.

Endlich soll auch dem Train durch Neubildung eines Bataillons und durch Vermehrung der Kompagnien der betreffenden Batalllone die Friedensausbildung erleichtert und die gerade bei dieser Waffe sehr schwierige Mobilmachung erleichtert werden.

Der Hauptteil der Erhöhung der Friedensstärke an Mannschaften und Pferden soll aber dazu verwendet werden, die Etats aller Waffen zu erhöhen. Während für die Kavallerieregimenter bei den im allgemeinen gleichen Anforderungen im Kriegsfalle ein gleicher Friedensetat vorgesehen ist, sollen bei den andern Waffen die Frontstärken unserer Grenzkorps höher als im Innern unseres Reiches bemessen werden. Die Erhöhung des Friedensetats begünstigt nicht nur die Ausbildung der Truppe im Frieden, sie erleichtert vor allen Dingen sehr wesentlich unsere Mobilmachung und verbessert auf diese Weise mit einem Schlage die Zusammensetzung unseres Feldheers und auch unserer Reservetruppen; sie stärkt auf diese Weise die Leistungen der Armee in kürzester Frist und in erheblichem Umfange.

Eine solche Erweiterung des Friedensrahmens der Armee ver⸗ langt naturgemäß auch eine entsprechende Vermehrung der Offiziere und Unteroffiziere. Um die zunächst entstehenden Fehlstellen in möglichst rascher Zeit aufzufüllen, bedarf es besonderer Vorkehrungen, um den vorhandenen Andrang zur Offizier⸗ und Unter⸗ offizierlaufbahn noch zu verstärken und der Armee etwas schneller nutzbar zu machen. Der Gesetzentwurf sieht deshalb einmal die Erweiterung von Kadettenhäusern und Kriegsschulen und die Gründung einer Anzahl von neuen Unteroffizier⸗ vorschulen vor.

Für die Unteroffiziere bedarf es dann weiter einer Ver⸗ besserung ihrer Lage während der aktiven Dienstzeit, namentlich bei den naturgemäß weniger begehrten Grenzkorps, und weiterhin einer Erleichterung des Uebertritts der ausgedienten Unteroffiziere in das Zivilverhältnis. Soll sich aber die Vermehrung der Armee so, wie es dringend nötig ist, möglichst schnell zu einer wirklichen Vermehrung der Schlagfertigkeit der Armee ent⸗ wickeln, so ist es auch erforderlich, daß einerseits den Truppen Unter⸗ kunft und Ausbildungsmöglichkeiten in ausreichendem Um⸗ fange gegeben werden, und daß andererseits auch die Behörden, ent⸗ sprechend den schwierigeren und umfangreicheren Friedensverwaltungen und wie es die Bedürfnisse des Krieges unbedingt erfordern, ver⸗ stärkt werden.

Zur Sicherung der raschen und ausreichenden Besetzung der Führerstellen im Mobilmachungsfalle wird endlich eine Vermehrung der Stabsoffizier⸗ und Hauptmannsstellen bei den Truppenstäben erbeten. Es ist schon im vorigen Jahre betont worden, daß das der einzige Weg ist, um den Wechsel in den Führerstellen beim Uebergang in die Kriegsformation einzuschränken und das Band, welches die Friedensarbeit zwischen Führer und Mannschaft gezogen hat, möglichst wenig zu lockern, und endlich um unsere Reservetruppen ausreichend mit Berufeoffizieren zu versorgen. Die Forderung ist so⸗ nach für die Schlagfertigkeit unserer Armee besonders wichtig.

Neben diesen im wesentlichen auf dem personellen Gebiet liegenden Forderungen ergibt sich auch die Notwendigkeit einer schnelleren und ausreichenden Ausstattung mit materiellen Streit⸗ mitteln. Es sind das im allgemeinen keine Neuforderungen, sondern meistens Fortsetzungen von Maßnahmen, die zum Teil schon Jahre lang durch die laufenden Etats angestrebt wurden, deren Unvol⸗ ständigkeit aber im Lauf eines Krieges sehr schwer ins Gewicht allen würde. Es ist ein weit verbreiteter Jertum, auch von Stellen, die es vielleicht besser wissen müßten, daß eine Verstärkung der Armee im wesentlichen nur in einer ziffern⸗ mäßigen Vermehrung erfolgen müsse. Nein, auch die Ausstattung mit guten Waffen, die Organisation und auch der Ausbau unseres Festungssystems ist besonders wichtig. Auch des Festungssystems sagte ich —; denn gerade unsere Festungen sind diejenigen Mittel, welche eine aktive Verteidigung unserer langen Grenzen dem Feldheer erleichtern müssen. Bleibt dann die Ausbildung der Truppe auf der Höhe und steht an ihrer Spitze ein leistungsfähiges, zuverlässiges Offizierkorps, das festes Vertrauen auf seine Führer hat und selbst im Besitz des Vertrauens seiner Untergeb nen ist, und wird es unterstützt durch ein zuverlässiges Unteroffizierkorps, so ist nach der pflichtmäßigen Ueberzeugung von allen dafür verantwortlichen Stellen die Gewähr für ein allen Anforderungen der Zukunft gewachsenes Heer gegeben. (Bravo! rechts.) 8

von Exemplaren

kleinen Minorität im

. nnß zu Reibungen mit England führen.

ist diese

Die Ihnen vorgelegten Gesetzentwürfe bezwecken nicht eine sprunghafte Erweiterung der Friedensorganisation des Heeres; sie wollen eine in ernster Zeit entsprechend kraftvolle, aber planmäßige solide Vermehrung der Präsenzstärke, Ausbau der Heeresorganisation auf allen wichtigen Gebieten. Damit entfällt eigentlich schon die Berechtigung aller der Urteile, die, ehe sie den Inhalt der Heeresvorlage kannten, daraus eine Bedrohung unserer Nachbarstaaten folgern wollten. Wer die Ziele, die der Gesetzent⸗ wurf sich steckt, vorurteilsfrei prüft, muß anerkennen vorausgesetzt, daß er es überhaupt will —, daß er nichts anderes will, als eine starke Bürgschaft zu bilden für die Erhaltung des Friedens für Deutschland und für die Weiterentwicklung deutscher Arbeit, deutscher Industrie und deutschen Handels. (Bravo! rechts.)

Abg. Haase⸗Königsberg (Soz.): Es gibt im ganzen Lande nur eine Stimme. Die Vorlage übersteigt bei weitem alles, was einem Volke in Friedenszeiten von einer Regierung je zugemutet worden ist. Bei der Zunahme der finanziellen Lasten hätte man an⸗ nehmen müssen, daß die Regierun 8 außergewöhnliche Maßregeln durch außergewöhnliche Gründe recht ertigen würde. Aber was der Reichskanzler, was der Kriegsminister uns heute angeführt haben, sind im Grunde doch nichts anderes, als allgemeine Redewendungen. Mit diesen hätte jede andere Militärvorlage begründet werden können, und mit ihnen sind auch alle früheren so begründet worden. Es ist eine Schablone, mit der man ebenso eine Forderung von 10 000 wie 136 000 Mann neuer Truppen stellen kann. Es ist charakteristisch für unsere Zustände, daß der eichskanzler dem Reichstage so etwas zu bieten wagt bei einer Vorlage, die das Volk in seinen Tiefen aufwühlt und im Auslande lebhafte Beunruhigung hervorruft. Gewöhnlich hören wir, daß bei solchen Gelegenheiten die Regierungsvertreter dar⸗ auf hinweisen, es könne nicht alles vorgetragen werden. Die Re⸗ gierung sei aber bereit, in der Kommission den Schleier des Geheim⸗ isses zu lüften. Diesmal hat sich die Regierung auch das erspart. ie hat die dürftigsten Argumente dem Hause entgegengehalten. Ich glaube, es gibt keinen einzigen im Hause, der durch die Begründung davon überzeugt worden ist, daß der Regierung beim Einbringen der Vorlage die Verschiebung der auswärtigen Lage der Anlaß gewesen ist. Der Reichskanzler 6 immer wieder von den Veränderungen der politischen Lage infolge des türkischen Krieges und von den Volks⸗ stimmen vch von den letzteren mit großem Nachdruck. Ja, ist denn das etwas Neues? Das konnte er doch e ensogut im vorigen und vorvorigen Jahre sagen. Bis vor ganz kurzer Zeit haben weder er noch der Kriegsminister trotz dieser Vorgänge auf dem Balkan daran gedacht, eine solche Vorlage zu machen. Unsere Beziehungen zu England sind, wie der Kanzler sagt, sehr gute; früher schon wurde von einer „Intimi⸗ tät“ gesprochen. Das gegenseitige Vertrauen steigt, das wird auch heute anerkannt. Der Borschlag Churchills, ein Freijahr im Flotten⸗ bau einzulegen, wird als ein Fortschritt bezeichnet. Als wir ähnliche Vorschläge machten, wurden wir als Utopisten verspottet. Die Zwangsvorstellung, daß der Krieg mit England unvermeidlich sei, schwindet immer mehr. Der Zustand der Entspannung ist einge⸗ treten, und damit ein störendes Moment ersten Ranges weggefallen. Logischerweise mußte man nun erwarten, daß von neuen Rüstungen auf lange Zeit keine Rede sein werde. Statt dessen diese ungeheuer⸗ liche Vorlage! Der Militarismus hat eben seine eigene Logik. hatte nicht erwartet, daß der Kangler mit dem Gegeüfac zwischen Slawen⸗ und Germanentum die Vorlage begründen würde. Auch die Balkanvölker haben in dem jetzigen Kriege erschreckende Opfer bringen müssen; sie haben sich geradezu verblutet, und Jahrzehnte werden sie brauchen, um sich zu erholen. Diese Staaten scheiden also für lange Zeit aus. Anderseits hat der Kanzler auffallenderweise unerwähnt gelassen, daß Rumänien ungeschwächt dasteht; und ob anderseits der Balkanbund innere Festigkeit besitzt, steht sehr dahin. Noch gestern hat Sasonow agusgeführt, daß die latenten Gegensätze zwischen ihnen ü nach dem Friedensschluß bei der Teilung der Beute zum Durchbruch kommen würden. Wenn Oesterreich die wirtschafts⸗ politischen Beziehungen zu Serbien pflegt, wenn es vor allen Dingen im eigenen Lande den Serben Freiheiten einräumt und sie dadurch an sich fesselt, so ist die Furcht vor ernsten Verwicklungen zwischen Oesterreich und Serbien ausgeschlossen. Aber das deutsche Volk lehnt es in seiner erdrückenden Mehrheit ab, sich für die Dummheiten und Machtgelüste österreichischer Machthaber in einen Krieg verwickeln zu lassen. Wer behauptet, daß die Rückkehr Frankreichs zur drei⸗ jährigen Dienstzeit auch ein Grund für unsere Heeresvorlage sei, begeht shaüshmängewt ohne unsere Vorlage wäre das der französischen Re⸗ gierung gar nicht eingefallen. Chauvinistische Strömungen gict e6 n „Wie bei uns auch“, Ueber die Arbeiterklassen in Frankreich geht natürlich unsere Regierung mit einer leichten Handbewegung hinweg; diese Arbeiter sind friedlich wie die deutsche Arbeiterklasse. In machtvollen Kundgebungen haben die vrcanisgerien Arbeiter in 8. rankreich gegen die Rüstungen und für eine Verständigung mit Deutschland Stellung enommen, und das hat schon den Erfolg gehabt, daß die Durchdrückung der dreijährigen Dienstzeit vor Ostern verhindert wurde. Am 1. März hat die Sozialdemokratie in und in Deutschland in einem gemeinsamen Manifest, das in Millionen verbreitet ist, für den Frieden demonstriert. Der Reichskanzler meinte, die Regierungen seien friedlich, zuge⸗ nommen aber habe die Macht der öffentlichen Meinung, und gerade Minderheiten könnten in den CCCö“ regierten Ländern die Regie⸗ rung in einen Krieg hineindrängen. Veiß der Reichskanzler nichts von unserm „Wehrverein“, von der Agitation von Blättern wie die „Tägliche Rundschau“ usw.? Der Reichskanzler ist bereits dieser eutschen Reiche unterlegen. Eine Zeitung wie die „Kölnische Zeitung“, die im Auswärtigen Amte gespeist wird, bringt einen Brandartikel gegen Frankreich; sollte man da nicht einiges Verständnis dafür haben, wenn in Frankreich Befürchtung und Aufregung eintritt und man glaubt, Deutschland falle demnächst über Frankreich her? In Elsaß⸗Lothringen hat die Sozialdemokratie sich mit größter Schärfe gegen die chauvinistischen Hetzer hüben und drüben ausgesprochen und die ehrliche Verständigung zwischen Frank⸗ reich und Deutschland gefordert. Diese Kundgebung hat GB die französischen Revanchepolitiker etwas abkühlend. gewirkt. Nie war die Situation für das Deutsche Reich so günstig wie je t für eine Annäherung an Frankreich; das hat auch der Zwischenfall mit dem „Zeppelin IV“ bewiesen. Heute hören wir, daß in Bern, auf dem neutralen Boden der Schweiz, eine Vereinigung bürgerlicher Politiker aller Länder in antimilitaristischem Sinne angebahnt wird. Wir werden abwarten, wieviel deutsche bürgerliche Politiker sich dazu ge⸗ sellen werden. Die russische Regierung steht uns freundlich gegen⸗ über, sagte der Reichskanzler, aber sie könne von den panslawistischen Strömungen fortgerissen werden. Er übersieht, daß die sozialdemo⸗ kratische Pzarsei in Rußland die entschiedenste Gegnerin der Pan⸗ slawisten ist und den Krieg gegen Deutschland und Oesterreich per⸗ horresziert. Rußland treibt in der Mongolei Raubpolitik, und das russische müßte mit Blindheit geschlagen sein, einen Krieg heraufzubeschworen, die Revolution im Innern würde die Folge sein. Nicht der Schutz unserer Grenzen die Einschüchterung der anderen, die imperia⸗ listische Eroberungspolitik ist der wahre Grund dieser Vorlage. Wie Vorlage entstanden? Am 22. April 1912. erklärte der Reichskanzler, Deutschland ist kriegsbereit, wenn ihm ein Krieg auf⸗ gezwungen werden sollte. Aehnlich hatte sich der Kriegsminister be⸗ reits 1911 ausgesprochen, was war denn inzwischen eingetreten, was unsere Sicherheit gefährden konnte? Am. 17. „Dezember 1912 ver⸗ sicherte die „Norddeutsche Allgemeine Zeitung“, der Nachtragsetat würde nur Forderungen für Luftschiffe und Flugzeuge enthalten. Die Regierung hat doch nicht damit das Volk täuschen wollen? Damals hatte sich doch bereits die Verschiebung, auf dem Balkan vollzogen. Am 8. Januar 1913 brachte die „Post“ einen Aufsehen erregenden Artikel, worin sie das ankündigte, was jetzt in der Vorlage steht. Am 10. Januar bezeichnete das Hirschsche Telegraphenbureau mit Er⸗ mächtigung des Kriegsministeriums diese Meldung als eine Erfindung.

Frankreich, gemißs; der Kanzler vergißt aber hinzuzusetzen:

Das konnte doch nur geschehen, wenn der Kriegsminister diese Vor⸗

lage nicht einbringen wollte. Die „Rheinisch⸗Westfälische Zeitung“, die „Post“ und die „Tägliche Rundschau“ begannen nun ihre Hetze eegen den Reichskanzler. Es wurde behauptet, es würden in der Kegierung erbitterte Kämpfe wegen der neuen Militärvorlage geführt. Dies dementierte die „N orddeutsche“’, eine Militärvorlage würde allerdings kommen. Der Reichskanzler und der Kriegsminister haben vor dem Wehrverein und dem hinter ihm stehenden Generalstab die Segel gestrichen. Die kurze Begründung des Kriegsministers heigte, daß er diese Vorlage nicht von Feen begründen könne, weil e im Gegensatz mit seinem früheren Programm steht. 1911 sagte er, Militärvorlagen wachsen nicht aus dem edürfnis des Augenblicks heraus, sondern sie sind der öö jahrelanger Arbeit und Beobachtens der Verhältnisse unserer Nachbarn. Jetzt hat er sich zum Beobachten auch nicht einmal ein halbes Jahr Zeit gelassen. Die „Germania“ bezeichnete die Meldungen der „Post“ als Hiengesdinst⸗ einer imperialistischen Clique. Ich bin neugierig, was ppäter er Abg. Spahn sagen wird. Hinter der Vorlage stehen die Großunternehmer, jene Kapitalisten Rheinlands und Westfalens, die den Profit davon haben. Darum ist es kein Wunder, daß die Nationalliberalen für diese Vorlage sind. Diese hat aber auch einen 1“ Charakter. Die jungen Leute sollen aus der freien Luft heraus und in die dumpfe Atmosphäre der Kasernenstuben hin⸗ eingebracht werden. Das hat die „Kreuzzeitung“ am 30. März ver⸗ raten, indem sie schrieb, die Erziehung der Armee sei das stärkste Gegengewicht gegen die revolutionäre Verführung des Volkes. Um die Grenzen unseres Landes zu schützen, brauchen wir diese Vorlage nicht, haben wir den ganzen Militarismus nicht nötig. Wer hat denn 1813 die bewundernswürdige Volkserhebung gemacht, wer hat den fremden Eroberer zu Falle gebracht? Waren die jungen Männer militaristisch geschult? Wäre es nach Ihnen und Ihren Gesinnungsgenossen gegangen, so würde diese Tat niemals vollzogen worden sein. Das 88 der damalige Kriegsminister von Boyen sehr nachdrücklich hervorgehoben. Das war kein Sozialdemokrat. Es ist ihm auch damals nicht gut bekommen, er wurde in die Wüste ge⸗ schickt. Wie Hervorragendes die weizerische Miliz leistet trotz kurzer Ausbildung, zeigen die letzten Manöver. Unsere Militärs halten an der langen Ausbildung nur fest, weil sie die Mannschaft zur Stütze der Monarchie brauchen als Truppe gegen den inneren Feind, die auch auf Vater und Mutter schießen soll. Die Soldaten sollen zum blinden Gehorsam erzogen werden. Daß drei Jahre zur Ausbildung nicht erforderlich sind, beweist ja das Institut der Einjährig⸗Freiwilligen. Das behaupten nicht nur wir, sondern das hat am 3. Februar 1908 auch der General Häusler vom Zentrum behauptet und bewiesen. Wenn man den Soldaten länger ausbildet, will man ihn eben nicht nur für den Krieg ausbilden. Daß die Regierung selbst mit einem Vorschlag auf Herabsetzung der Dienstzeit kommt, kann auch der Naivste nicht annehmen; man denke doch daran, wie sie sich gegen die zweijährige Dienst⸗ zeit gesträubt, wie sie stets behauptet hat, diese Verkürzung der Dienstzeit gefährde die Schlagfertigkeit der Armee. Anderer⸗ seits hält dieselbe Kriegsverwaltung für die Ersatzreservisten Ausbildungszeiten cventuell von nur vier Wochen unter Um⸗ ständen für ausreichend. Der einjährige Dienst ist nichts als ein Privileg, das dem Besi eingeräumt wird. Die schweizerische Volkswehr auf demokratischer Grundlage ist unüber⸗ windlich; darum treten wir für die gleiche Einrichtung ein. In Frankreich ist die dreijährige Dienstzeit jetzt vorgeschlagen für alle Wehrpflichtigen ohne jede Ausnahme, von Finfäͤbrigen ist da keine Rede. Dieser Standpunkt entspricht der Gerechtigkeit. Die preußische Regierung bereitet in ihrer eigenen Weise die Jugend des Volkes auf den Militärdienst vor; sie knechtet sie schon vorher durch brutalen Terrorismus (Vizepräsident Dove: Sie dürfen der preußischen Regierung nicht brutalen Terrorismus vorwerfen ) . ‚die preu ßische Jugend wird durch brutalen Terrorismus geknechtet, um dann in die Kaserne gesperrt zu werden. Die ausschweifenden For⸗ derungen, die der Milita ismus jetzt erhebt, die darauf hinaus⸗ gehen, auch den letzten Tauglichen auszuheben, werden aber ganz von selbst dabin führen, daß das jetzige System über sich selbst hinauswächst und wir zu einem andern System kommen müssen. Frühere Kriegsminister und auch der jetzige haben sich geäußert, es komme nicht so sehr auf die Zahl, sondern auf den Geist der Truppen an. Jetzt ist es auf einmal durchaus notwendig, diese Zahl hecauf⸗ zuschrauben. Man greift sogar auf Mindertaugliche zurück. All das zeigt doch, daß die ganze Entwicklung zum Milizsystem hintreibt. Es ist auf die Opferwilligkeit des Volkes hingewiesen worden. Aber es kann doch niemand behaupten, daß von irgend einer Partei der Wehrbeitrag mit Begeisterung gezahlt wird. Wir treten in erster Linie für die vorläufige Herabsetzung der Dienstzeit auf ein Jahr ein. Dann müssen weitere Erleichterungen geschaffen werden, auch die Abschaffung der Militärgerichtsbarkeit ist notwendig. Ebenso muß auch die Scheidewand verschwinden, die zwischen den Volks⸗ genossen im bunten Rock und denen im Bürgerkleide aufgerichtet ist. Deutschland gibt von allen Ländern für Heeres⸗ und Flotten⸗ zwecke am meisten aus. Selbst die „Rheinisch⸗Westfälische Zeitung“ esteht ein, daß die Ueberlastung des deutschen Volkes auf das höchste gestiegen ist. Nun werden auf einmal 136 000 Mann jährlich mehr verlangt. Die Regierung will uns wels machen, daß die Kosten von den Besitzenden aufgebracht werden. Wie das geschieht, werden wir ja dann sehen, wenn in Preußen die Vermögenszuwachssteuer eingeführt werden sollte. Dann wird man schon dafür sorgen, daß se bst die kleinsten Einkommen herangezogen werden. Es wird gesagt, man müsse rüsten, damit der Friede gewahrt bleibe. Das ist eine falsche Doktrin Die Rüstungen des einen Volkes rufen bei den anderen sofort Gegen⸗ maßregeln hervor. Nicht wegen dieser Rüstungen, sondern trotz dieser ist es möglich gewesen, den Frieden zu erhalten. Der Reichskanzler hat erwähnt, ein Volk dürfe nicht in Wohlleben und Luxus verfallen. Nun, unsere ganze Wirtschaftspolitik hat dafür gesorgt, daß das Volk zum Wohlleben überhaupt keine Mittel hat. Wird das Volk wirt⸗ schaftlich besser gestellt, führt man bessere Arbeiterschutzgesetze ein und bessert seine Lage, dann wird es schon befähigt sein, die Heimat zu schützen, wenn es not tut. Fichte wollte ein wahrhaft freies Recht für das Volk, wie es in der Welt noch nicht erschienen ist. Unsere Tätigkeit geht dahin, der Ziviltsation zu dienen und den Frieden unter den Völkern zu bewahren.

Abg. Dr. Spahn (3.): Mit den Wecesefägen der letzten Jahre und der jetzigen kommen wir zu einem Gesamtbestande in Heer und Flotte von beinahe 900 000 Mann in Friedenszeiten. Vergleichen wir dann diese Ausgaben mit den früheren, dann werden wir erkennen, welche Höhe der Heeres⸗ und Flottenetat nach 42 Jahren eines un⸗ gestörten Friedens gehabt hat. Ich hätte allerdings erwartet, daß uns der Kriegsminister etwas eingehender Einzelheiten über die Vor⸗ lage geben würde. Ich muß annehmen, daß uns in der Kommission weitere Aufschlüsse gegeben werden. Der Reichskanzler hat uns dann eine Schilderung unserer Beziehungen zu den anderen Mächten gegeben. Danach muß man annehmen, daß zwar eine direkte Gefahr nicht besteht, aber man wird sich immerhin die Ausführungen Sir Eduard Greys merken müssen, daß Verhältnisse vorliegen, die unter Umständen jede Berechnung über den Haufen werfen können. Das wird ja wohl auch in der Zukunft so bleiben, aber man darf doch deshalb diesen Faktor nicht ausschalten. Wir müssen uns vor Angen halten, wie oft in letzter Zeit der Frieden direkt bedroht war. Ich erinnere nur an die Namen Bosnien und Agadir. Trotzdem die 6 europäischen Großmächte in den letzten 30 Jahren 134 Milliarden Mark für Rüstungen ausgegeben haben, wird auf allen Seiten noch weiter gerüstet. Die heutigen Bemerkungen des Kanzlers über Rußland weichen in etwas von seinen früheren ab. Es ist ja richtig, daß die Beziehungen zur russischen Regierung bei den verwandtschaftlichen und freundschaftlichen Beziehungen der Herrscherhäuser untereinander gut sind. Wir dürfen aber nicht außer acht lassen, daß Rußland mit Frankreich verbündet ist, sodaß Rußland verpflichtet ist, in einem Kriege zwischen uns und Frankreich einzugreifen. Ebenso ist es umgekehrt, wenn Rußland mit Oesterreich in Krieg gerät. Dazu kommt noch, daß Rußland sich immer mehr als slawische Vormacht fühlt; das ist ja bei den jetzigen Balkan⸗

wirren deutlich zum Ausdruck gekommen. Daß wir durch unsere Heeres⸗ vorlage Frankreich zur Einführung der 3jährigen Dienstzeit zwingen, dürfte nicht ganz richtig sein, denn die Erwägungen über deren Emführung schwebten schon, als von dieser neuen ehrvorlage noch nichts bekannt war. Auch hat es an einer starken Befestigung gerade seiner Ostgrenze gearbeitet. ie Richtlinien des jetzigen Verhaltens Frankreichs wurden schon vor 5 Jahren gefaßt. Es ist wenigstens erfreulich, daß der Kanzler unsere Beziehungen zur französischen Regierung als gut bezeichnet hat. Wir werden Frankreich nicht angreifen. England hat sich mit der Tatsache abgefunden, daß Deutschland nicht bloß eine Kontinentalmacht ist, sondern auch Welthandel treibt. Wir wollen niemanden einschüchtern. Was die Vorlage beabsichtigt, ist nur die eigene Stellung Deutschlands in Europa zu festigen. Italien hat durch den libyschen Krieg seine Truppenmacht vermindert, es kommt also für den Dreibund bei einem Kriege in Europa nicht mehr so in Frage wie früher. Dasselbe gilt von Oesterreich, das zu einer starken Sicherung seiner Grenzen wegen des Balkankrieges gezwungen ist. Im übrigen begrüßen wir die Bemerkung des Reichskanzlers, daß der Dreibund als Stütze des Friedens fester dasteht als je. Wir werden ja weitere Gründe für die Vorlage in der Budgetkommission zu erwarten haben. Wenn die europätsche Lage so ist, wie sie der Reichskanzler dargestellt hat, dann müssen wir da uür sorgen, daß wir das Vaterland ausreichend gegen das Eindringen eines Fünde⸗ schützen. Daß diese Rüstungen schwer sind, unterschätzen wir nicht, sind sie aber notwendig, so müssen sie getragen werden. Wir verkennen auch nicht, daß durch die vermehrte Einstellung der Mannschaften ein gut Teil junger Kräfte dem Wirtschaftsleben, auch der Landwirtschaft entzogen werden, die durch Ausländer ersetzt werden müssen. Aber diese Rüstungen müssen eben vorgenommen werden, um Angriffe zurückzuweisen. Dem Gedanken eines Milizheeres könnte man doch erst nähertreten, wenn auch die andern Staaten zu einem solchen System übergehen wollen. Die Vorlage wird auch mit der Durchführung der allgemeinen Wehrpflicht begründet. Sie geht aber über 1 % hinaus und scheint damit die Verfassung zu verletzen. Der Redner geht dann noch auf verschiedene Einzelheiten der Vorlage, auch auf die Vermehrung des Offizierkors ein und schließt: 42 Jahre erfreut sich das Deutsche Reich des Friedens. Es hat während dieser Zeit im Sinne des alten Kaisers Wilhelm Werke des Friedens geschaffen, Kulturarbeit geleistet, auf wirtschaft⸗ lichem und sozialem Gebiete die Wohlfahrt des Volkes ge⸗ fördert. Das deutsche Volk kann mit gutem Gewissen von sich sagen, daß es den Frieden aufrechterhalten will. Das deutsche Volk ist aber auch bereit, im Frieden die Lasten einer verstärkten Rüstung zu tragen, um seine Unabhängigkeit zu behaupten.

Abg. von Liebert (Rp.): Ich habe den Reichskanzler und die Militärverwaltung zu beglüͤckwünschen zu dem großen Zuge, der durch die Wehrvorlage geht im Vergleich zu denen von 1911 und 1912. Hier ist wirklich große, ernste Arbeit geleistet, hier sind die Lücken in Rüstung ausgefüllt; das heiligste, glänzendste Vermächtnis der Befreiungskriege von vor hundert Jahren, die allgemeine Wehr⸗ pflicht, gelangt jetzt wirklich zur Durchführung. Bedauern muß ich, daß diese Vorlage nicht bereits vor 1 ½ Jahren gemacht ist. An Mahnun⸗ gen hat es im Herbst 1911 der Reichsregierung nicht gefehlt; wäre es geschehen, so hätten wir in der Marokkofrage besser abgeschnitten, hätten 1912 unserem Bundesgenossen Oesterreich kräftiger den Rücken stärken können und unsern reunden, den Türken, wenigstens mo⸗ ralisch mehr Unterstützung angedeihen lassen können. Es ist heute nicht die Zeit, hohe Politik zu treiben. Aber das muß gesagt werden: die großen Kosten, die sich das deutsche Volk jetzt auferlegen mu sind bedingt durch das Abweichen von der Bismarckschen Politik dur eine Nachfolger, durch die Aufgabe des Versicherungsvertrages mit Rußland. Fespischen haben wir alle erfahren und heute vom Kanz ler gehört, welche schweren Gefahren uns von Osten und Südosten her bedrohen, die große Slawenwelle, die gegen uns immer mehr an⸗ schwillt. Im letzten Jahrzehnt, von 1901 bis 1910, haben nur für ihre Heere ausgegeben: Deutschland 8,7, Oesterreich 3,9, Italien 2,6, die Dreibundstaaten dusammmen 15,2 Milliarden; dagegen Frankreich 7,2, England 9,6, Rußland 8,6, zusammen 25,4 Mälllarden. Diese Zahlen ee für sich und zeigen, daß wir nicht nur gegen unsere Gegner, sondern auch für unsere Bune enessen rüsten müssen Rach der alten Lehre: Der Starke ist am mächtigsten allein. Oesterrei wird auch nach Durchführung der jetzt beabsichtigten Rekrutenvermeh⸗ rung um 25 000 Mann erst auf 550 000. Mann Friedensstärke ge⸗ langen, während wir am 1. Oktober 661 000. Mann haben werden. Auf der anderen Seite übertrifft uns Frankreich relativ ordentlich, indem es 1,5 % der Bevölkerung unter den Fahnen hat, während wir jetzt erst auf 1 +% steigen werden. Hocherfreulich ist, daß diese Vorlage getragen ist von der Volksstimmung; die Sozial⸗ demokraten brauche ich hierbei nicht als zum deutschen Volke gehörig zu rechnen, denn sie schließen sich ja direkt aus, und sogar jetzt von der Feier der . ihrer Arbeiter. Wir haben so etwas nicht für möglich gehalten; in diesen Tagen hat der Abgeordnete Wendel in Frankfurt in einem Vortrage Napoleon I., den blut⸗ dürstigen. Ausbeuter, verherrlicht! Trotz aller Gefahren aber würde doch eine Nation von 68 Millionen mit der straffen Organisation wie der unserigen, mit der wohlgeord⸗ neten Heeresverpflegung, mit den vorzüglichen sanitären Einrichtungen, mit dem ausgezeichneten Eisenbahnnetz, mit der erprobten Führung unter Oberleitung eines Monarchen aus dem Hohenzollerngeschlecht ihre Scholle zu verteidigen wissen, wenn sie ihre eigenen Kräfte nur zur Genüge ausnützt. 63 000 neue Rekruten bedeuten nach dem üblichen 10 % Abzug in 10 Jahren eine Zahl von 567 000 ausgebildeten Soldaten mehr; das ist eine respektable Zahl, die uns außer Rußland keine Großmacht nachmachen kann; für Rußland müssen wir wegen der verschiedenen Verhältnisse einen anderen Maßstab anlegen. Das Ganze ist aber immer noch kein militaristischer Druck, wie er in anderen Staaten empfunden wird; nicht einmal die Wehrordnung brauchen wir abzuändern, ihre strengen Bestimmungen können weiter in Gel⸗ tung bleiben, nur unbedingt Taugliche werden eingestellt. Das zeigt, welches große Reservoir an Tauglichen wir noch haben. Die Durch⸗ führung der allgemeinen Wehrpflicht führt sehr erfreuliche Resultate herbei. Zunächst die Wucht der Zahl; der liebe Gott ist immer mit den großen Bataillonen gewesen. Den anderen Staaten geht 1] der Atem aus; England hat schon viel mildere Töne angeschlagen, Frankreich dagegen den sehr eigentümlichen Schritt getan, daß es für alle Waffen und für alle Kreise der Bevölkerung die dreijährige Dienstzeit wieder einführen will. Das bedeutet eine Herede hg des geistigen Niveaus der Nation aber schließlich wird auch in Fran reich mit Wasser gekocht werden. Ein weiterer Vorzug der

urchführung der allgemeinen Wehrpflicht liegt in der Verjüngung der Armee; hier kommt das Prinzip der ausgleichenden Gerechtigkeit zur Geltung, daß die jungen Mannschaften stark heran müssen, die älteren, die Familienväter dagegen geschont werden. Gerade dieses Prinzip hat im Volke ungemein durchgeschlagen. Ich gehöre nicht dem Wehrverein an, aber ich weiß, daß seine Vertreter gerade mit Argument in den Arbeiterkreisen durchschlagende Wirkung er⸗ ielt haben; die Arbeiter, zumal im Westen, sind daraufhin zu den

ednern gekommen, haben ihre Mark hingelegt und ihren Beitritt zum Wehrverein erklärt. Ebenso erfreulich ist die Rückwirkung die⸗ ser Maßregel auf die Volksgesundheit. Ich war höchst erstaunt, von dem Abg. Haase zu hören, daß die jungen Leute aus der freien Luft in die Kaserne geschafft werden; F kommen doch gerade aus dem Bergwerk, aus der Fabrik in die freie Luft, und das 2 Jahre lang! Auch das fällt ungemein ins Ge⸗ wicht, daß 63 000 Mann mehr durch die Schule der Armee gehen und dort ihr Vaterland lieben lernen werden; nicht alle fallen nachher in die Irrlehren der Internationale zurück. Nur in ganz geringem Maße sollen die neuen Mannschaften zu Neu⸗ formationen verwendet werden. In der Hauptsache werden die Etats⸗ stärken, und zwar für alle drei Hauptwaffen, erhöht. Diese Er⸗ höhungen fordern nun allerdings auch 27 000 Pferde mehr; das klingt 88 viel, aber ich sehe nicht ab, wo man irgend etwas abstreichen önnte. Speziell die Feldartillerie wird auf diesem Wege erst zu dem gemacht, was sie eigentlich sein soll. Durch die Vorlage werden die