Das Verzeichnis der Vorlesungen an der hiesigen
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Königreich Preußen. Ministerium für Handel und Gewerbe.
Zur Ausführung der Ziffer 13 b der Aus⸗ führungsanweisung vom 13. Oktober 1909 zu dem Gesetze vom 28. Juli 1909, betreffend die Abände⸗ rung des Allgemeinen Berggesetzes vom 24. Juni 1865/1892 und 14. Juli 1905, verfüge ich:
Die Bestimmungen vom 26. Oktober 1910, betreffend die Anerkennung der Bergschulen zur Ausstellung von Zeugnissen über die technische und geschäftliche Befähigung der Aufsichts⸗ personen (§§ 73 ff. des Allgemeinen Berggesetzes vom 24. Juni 1865 in der Fassung des Gesetzes vom 28. Juli 1909, Gesetzsamml. S. 677) werden unter II dahin erweitert, daß die Bergschule zu Hamborn befugt ist, Zeugnisse für die Stellen der unteren technischen Werksbeamten, “ der Gruben⸗ und Tagesteiger, und zwar für die im Bezirke des Oberbergamts Dortmund belegenen Bergwerke sowie für den gesamten Steinkohlenbergbau Preußens, mit Ausnahme des⸗ jenigen auf den mächtigen Flözen Oberschlesiens, auszustellen.
Berlin, den 15. Februar 1913.
Der Minister für Handel und Gewerbe. Spoydow.
Ministerium der geistlichen und Unterrichts⸗ 8 angelegenheiten. Königliche Friedrich Wilhelms⸗Universität. Bekanntmachung.
Universität für das am 16. April 1913 beginnende Sommer⸗ semester 1913 ist von heute ab bei dem Oberpedell im Uni⸗ versitätsgebäude für 50 ₰ zu haben.
Beerlin, den 18. Februar 1913.
Der Rektor der Königlichen Friedrich Wilhelms⸗Universität. D. Dr. Graf von Baudissit.
v Verzeichnis “ der Vorlesungen und Uebungen an der Königlichen Bergakademie in Berlin im Sommerhalbjahr 1913.
Vom 16. April bis 31. Juli 1913.
Prof. Dr. Jahnke: Analytische Geometrie und algebraische Analysis; Höhere Mathematik und Mechanik II mit Uebungen; Aus⸗ leichungsrechuung. — Geheimer Regierungsrat Brelow: Dar⸗ tellende Geometrie II mit Uebungen. — Prof. Dr. Stavenhagen: Anorganische Chemie II; Arbeiten im Chemischen Laboratorium. — Prof. Dr. Mehner: Einführung in die Phystkalische Chemie und Thermochemie II mit Uebungen; Arbeiten im Physiko⸗chemischen Laboratorium. — Dr. Wölbling: Analytische Chemie II; Grundzüge der theoretischen Chemie; Chemisches Kollo⸗ quium. — Dr. Rudolfi: Experimentelle Elektrizitätslehre zur Ein⸗ führung in die Elektrotechnik; Physikalisches Kolloquium — Geheimer Bergrat, Prof. Dr. Scheibe: Mineralogie I1; Mineralogische Uebungen. — Prof. Dr. Rauff: Paläontologie mit Uebungen. — Prof. Dr. Potonié: Paläobotanik; Paläobotanische Arbeiten; Die Entstehung der Steinkohle und der Kaustobiolithe überhaupt. — Dr. Gothan: Paläobotanisches Praktikum. — Prof. Vater: Maschinenlehre mit besonderer Berück⸗ sichtigung der Berg⸗ und Hüttenwesen; Maschinen II mit Uebungen. — Regierungsbaumeister Phoenix: Einführung in die Maschinen⸗ lehre; Uebungen zur Einführung in die Maschinenlehre; Ausgewählte Kapitel der Hebemaschinen und Transportanlagen. — Oberingenieur, Prof. Philippi: Elektrotechnik II; Elektrotechnische Uebungen. — Geheimer Baurat Beck: Baukunde. — Geheimer Bergrat, Prof. Franke: Bergbaukunde II (Tiefbohren und Schachtabteufen) mit Uebungen; Uebungen im Laboratorium für Aufbereitung und verwandte Gebiete des Bergbaues; Entwerfen von Aufbereitungs⸗ und Brikettierungsanlagen; Salinen⸗ kunde. — Prof., Bergrat Dr. Tübben: Bergbaukunde IV (Wetter⸗ wirtschaft und Wasserhaltung) mit Uebungen; Entwerfen von Berg⸗ werksanlagen. — Prof. Krahmann: Berg⸗ und Hüttenwirtschafts⸗ lehre einschl. Montanstatistik; Uebungen im Bergwirtschaftlichen Seminar. — Prof. Fuhrmann: Markscheidekunde und Geodässe II mit Uebungen; Einführung in die Markscheidekunde; Markscheiderisches Zeichnen. — Geheimer Bergrat, Prof. Dr. Pufahl: Spezielle Metall⸗ hüttenkunde: Einführung in die Metallhüttenkunde; Metallurgische Pro⸗ bierkunst einschließlich technischer Gasanalyse — Dr. Krug: Feuerungs⸗ kunde und Ofenbaumaterialien; Quantitative Lötrohrprobierkunst; Uebungen im Bestimmen von Mineralien mit Hilfe des Lötrohre; Entwicklung des Eisenhüttenwesens; Kolloquium über Eisenprobier⸗ kunst; Arbeiten im Laboratorium für Eisenprobierkunst für Geübtere. — Prof. Dr. Peters: Elektrometallurgie wäͤäßriger Lösungen; Elektroanalyse und Galvanotechnik; Uebungen in Elektro⸗ etallurczie für Anfänger; Arbeiten im Elektrometallurgischen Laboratorium für Geuͤbtere. — Prof. Eichhoff: Eisen⸗ hüttenkunde II; Eisenhüttenkunde IV; Entwerfen von Eisenhütten⸗ erken und Einzelanlagen; Eigenschaften des Eisens und deren Prüfung im Betriebe; Furchung der Walzen. — Dr. Loebe: Metallo⸗ graphie I mit Uebungen; Arbeiten im Metallographischen Labo⸗ atorium für Geübtere. — Regierungsrat Schlenker: Formgebung und Bearbeitung der Metalle I. — Geheimer Oberbergrat Voelkel: Einführung in die Rechtswissenschaft und Grundzüge des öffentlichen Rechts 11; Bergrecht II. — Geheimer Oberbergrat Reuß: Z'wil⸗ recht 11. — Geheimer Oberregierungsrat Haber: Koloniales Berg⸗ recht. Bankdirektor Dr. Schacht: Volkswirtschaftslehre II. — DOberstabsarzt, Professor Dr. Bischoff: Gesundheitsgefahren im Bergbau und Hübtenwesen und die erste Hilfe bei Unglücksfällen. Berlin, den 15. Februar 1913. 1XX“
Königliche Bergakademie.
Deutsches Reich. 8 Preußen. Berlin, 19. Februar 1913.
1 Seine Königliche Hoheit der Prinz Ernst August, Herzog zu Braunschweig und Lüneburg, ist gestern, wie W. T. B.“ meldet, von Ihrer Majestät der Kaiserin und Königin und Ihrer Königlichen Hoheit der Prinzessin Viktoria Luise zum Bahnhof geleitet, über München nach Gmunden abgereist.
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1 Die vereinigten Ausschüsse des Bundesrats für Zoll⸗
und eehreur a- und für Handel und Verkehr hielten heute eine Sitzung.
Laut Meldung des „W. T. B.“ sind S. M. S. „Breslau“ am 16. Februar in Leros, S. M. S. „Luchs“ am 17. d. M. in Amoy und S. M. S. „Cormoran“ am 18. d. M. in Suva (Fidjiinseln) eingetroffen.
Hessen.
In der gestrigen Sitzung der Zweiten Kammer führte der Finanzminister Dr. Braun bei der Fortsetzung der Etats⸗ beratung in bezug auf die preußisch⸗hessische Eisenbahn⸗ gemeinschaft laut Meldung des „W. T. B.“ aus:
Einem Ersuchen um Revision des Eisenbahngemeinschafts⸗ vertrages, die in diesem Vertrage überhaupt nicht vorgesehen sei, könne nur dann Folge geleistet werden, wenn ein solches Ersuchen von beiden Kammern ausgesprochen werden würde. Aber auch dann müsse die Regierung ein Eingehen auf ein solches Ersuchen noch als bedenklich bezeichnen. Die Ueber⸗ schußanteile Hessens seien in den letzten Jahren höher gestiegen als je zuvor. Daß die Fraße der Tilgung der Staatsschuld sich habe gesetz⸗ lich ordnen 1h eruhe allein auf dem Bestehen der preußisch⸗ hessischen Eisenbahngemeinschaft. Die Eisenbahneinnahmen seien ein Eckpfeiler des hessischen Staatshaushalts. Angesichts des glänzenden Aufschwungs der hessischen Ueberschußanteile sowie des ständig wachsenden Entgegenkommens Preußens gegenüber den hessischen Wün⸗ schen müsse er darauf hinweisen, wie schwer der Staatshaushalt Hessens und seine wirtschaftlichen Interessen durch ein auch nur unkluges Verhalten erschüttert werden könnten; er müsse sich deshalb seinem Amtsvorgänger anschließen, der den Wunsch ausgesprochen habe, eine Erörterung über den preußischehessischen Gemeinschaftsvertrag ohne zwingende Gründe nicht hervorzurufen.
Elsaß⸗Lothringen. Der Kaiserliche Statthalter in Elsaß⸗Lothringen Graf von Wedel hielt gestern im Verlauf eines Mahles, zu dem er die höchsten Beamten des Landes, eine Anzahl Landtags⸗ abgeordneter und die Vertreter der Presse geladen hatte, eine Ansprache, in der er der Hoffnung Ausdruck gab, daß die Be⸗ soldungsvorlage und die Steuerreform recht bald zur Ver⸗ abschiedung gelangen möchten, und dann laut Bericht des SZb b Unser aller Streben ist auf das gleiche Ziel, auf die Förderung der Wohlfahrt und Entwicklung des Landes gerichtet. Dies aber wird am leichtesten und sichersten erreicht, wenn Landtag und Re⸗ gierung im Einvernehmen und mit Vertrauen an der Lösung der ge⸗ meinsamen Aufgaben arbeiten. Vorbedingung dazu ist, daß wir alle mit seen Willen den Aufreizungs⸗ und Ver⸗ führungsversuchen von hüben und drüben entgegentreten, die die Gegensätze verschärfen, anstatt sie auszugleichen, Ruhe und Frieden nicht aufkommen laässen und damit dem Lande schweren Schaden zufügen. Darum lassen Sie uns einen ent⸗ schlossenen Kampf gegen diese Störenfriede führen. Dann wird das ernsteste Hindernis gegenseitigen Verständnisses aus dem Wege ge⸗ räumt und der Blich in die Zukunft frei und hoffnungsvoll werden. Denn nur die Zukunft vermag zu bauen, nur in ihr liegt das Heil, und diejenigen versündigen sich schwer am eigenen Lande, die unter Hintansetzung unumstößlicher geschichtlicher Tatsachen die Entwicklung nach vorwärts durch den beständigen Hinweis auf die Vergangenheit zu erschweren und Vorstellungen zu erwecken suchen, deren Verwirklichung dem Lande unheilbare Wunden schlagen würde. Darum laffen Sie uns zielbewußt auf dem Boden der gegebenen Verhältnisse vorwärts schreiten, dann werden auch die Einwirkungen von selbst aufhören und unser Land wird unter dem mächtigen Schutz des Kaisers und des Reichs nicht nur einer blühenden Entwicklung entgegengehen, sondern es wird auch die Bewegungsfretheit erringen, die es erstrebt und auf die es bei normalen Verhältnissen Anspruch erheben darf. Und nun bitte ich Sie, die Gläser zu erheben und unserem erhabenen Landes⸗ herrn zu huldigen mit dem Rufe: Seine Majestät der Kaiser, den Gott schützen möge, er lebe hoch! Der Präsident der Zweiten Kammer des Landtags Abg. Dr. Ricklin (Zentr.) betonte in seiner Erwiderung: Wir Vertreter des elsaß⸗lothringischen Volks, die wir uns unserer Aufgabe voll bewußt sind, sind entschlossen, Hand in Hand mit der Regierung zu gehen und alles zu tun, was die Wohlfahrt dieses Landes zu fördern geeignet ist. In Anerkennung des zielbewußten Wohlwollens der Regierung weisen wir aber auch alle Machen schaften zurück, die unser gutes Verhältnis zur Regierung zu unter⸗ graben suchen. Wir streben eine friedliche Entwicklung der Verhält⸗ nisse unseres Landes im Rahmen des Rechts an und verurteilen rück⸗ haltlos alle Bestrebungen, die sich dem entgegenstellen, mögen sie von jenseits der Grenze oder von jenseits des Rbeins kommen. Jeden⸗ falls aber darf das elsaß⸗lothringische Vo.k für jene Machenschaften nicht verantwortlich gemacht werden.
8 SDesterreich⸗Ungarn. . Die deutsch⸗tschechischen Ausgleichsverhand⸗ lungen sind gestern wieder durch eine mündliche Besprechung aufgenommen worden, die unter dem Vorsitz des Minister⸗ präsidenten Grafen Stürgkh über die Regelung des Sprachen⸗ gebrauchs bei den staatlichen Behörden in Böhmen stattfand.
Großbritannien und Irland.
Wie das „Reutersche Bureau“ erfährt, erwägen die Groß⸗ mächte jetzt, ob sie in den zwischen Bulgarien und Rumänien schwebenden Fragen ihre Vermittlung anbieten sollen. Nach Meldungen aus Sofia erfolgte der letzte Schritt in den Ver⸗ handlungen dort am Sonnabend, indem der Prinz Ghika er⸗ klärte, Rumänien könne die letzten Vorschläge Bulgariens nicht annehmen. Es könne notwendig werden, daß er sich nach Bukarest begebe, um mit seiner Regierung zu konferieren. Er fügte hinzu, daß Rumänien nicht auf der Erlangung Silistrias bestehen werde, falls Bulgarien gewillt sei, Kap Kaliakra abzutreten. Kaliakra liegt ungefähr in der Mitte zwischen Baltschik, das früher von Numänien in Vorschlag gebracht worden war, und einem Punkte am Schwarzen Meer, der von Bulgarien bereits als Grenze angeboten wurde. Vor einigen Tagen erklärte sich Bulgarien bereit, ein weiteres Zugeständnis zu machen. Anstatt die Befestigungen bei Medjidije Tabia in dem Gebiet von Silistria nur zu schleifen, er⸗ klärte es sich bereit, es in unverändertem Zustande mit den Forts an Rumänien abzutreten. Gleichzeitig erbot es sich, seine Zugeständnisse am Schwarzen Meer weiter nach Süden auszudehnen, als in dem letzthin in London unterzeichneten Protokoll festgesetzt war. Es wird darauf hingewiesen, daß des Prinzen Ghika Vorschlag hinsichtlich Kaliakras von Bulgarien nicht angenommen werden konnte, weil die dort angelegten Forts Varna bedrohen würden. b
Amtliche Meldungen aus Bukarest bezeichnen, obiger Quelle zufolge, die Lage als akut. Rumänien müsse seine Stellung wahren und auf der von ihm vorgeschlagenen Grenz⸗ linie von Turturai bis Baltschik bestehen, falls Bulgarien keine weiteren annehmbaren Zugeständnisse mache. Die letzten Vorschläge Bulgariens werden als zu unbedeutend bezeichnet,
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Frankreich.
ranzösischen Republik angetreten. Wie „W. . 99. begab er sich am Nachmittag in 8eade B. Ministerpräsidenten Briand von 8 Privatwohnung nach 8— Elysée, wo der Präsident Falliéres, umgeben von allen Ministern und den Präsidenten des Senats und der ihn empfing und ihm die Machtbefugnisse des Präsidenten übergab. Hierbei beglückwünschte Falliéères den eee. Präsidenten und feierte ihn als hervorragenden Mann, der sein ganzes Leben dem Dienste der Republit gewidmet habe. Seine Tätigkeit werde von jetzt an, mit der höchsten Autorität versehen, ihre Wirkung auf die Politik des “ der Freiheit und des Fortschritts haben, an die die ation fest gebunden sei. Frankreich könne dadurch nur an Ruhm, Kraft und Wohlstand gewinnen. Poincaré dankte indem er Fallières als treuen Diener der Republik und der Demokratie feierte, dessen sicheres und klarsehendes patriotisches Urteil er oft bei Regierungsberatungen kennen gelernt habe Er werde, fügte Poincaré hinzu, seine ganze Kraft der Auf⸗ gabe widmen, die ihm zugefallen sei, und der zu genügen er sich auf das Vertrauen des Parlaments und des Landes stützen müsse. Er schloß mit der Versicherung, die Präsidenten der beiden Kammern könnten auf seine unwandelbare Hingabe an die Republik und an das Vaterland rechnen. Hierauf verließ Poincaré das Elysee und begab sich unter lebhaften Kundgebungen der Bevölkerung nach dem prächtig geschmückten Rathause, wo feierlicher Empfang durch den Munizipalrat stattfand, dem Fallières und Loubet, die beiden letzten Präsidenten, beiwohnten. Galli, der Präsident des Munizipalrats, und der Seinepräfekt Delanney sprachen Falliéères den Dank der Stadt und des Seinedepartements aus und begrüßten dann Poincaré6. In seiner Antwort auf die Begrüßung dankte Poincaré dem Munizipalrat dafür, daß er Falliéères, Loubet und ihm selbst Gelegenheit gegeben habe, am gemeinsamen Herd der Ei⸗ wohnerschaft von Paris zusammenzukommen, und fuhr dann ort: In dem Augenblick, in dem ich zum höchsten Amt berufen bin, empfinde ich es um so angenehmer, das Herz der großen Stadt mir so nahe schlagen zu hören. Wenn auch die warmen Sympathien, de mich umgeben, weit mehr meine hohen Funktionen als meine Person betreffen, so sind sie deshalb ein nicht minder schätzbares Pfand des öffentlichen Vertrauens. Sie bieten dem neuen Präsidenten eine Hilfe, über die er sich nur freuen kann. Sie schaffen ihm aber auch gleich⸗ zeitig Pflichten, deren Ernst er nicht verkennen soll. Er wird sich Mühe geben, sie zu erfüllen, indem er mit seiner ganzen Seele dem republikanischen Frankreich dienen wird. Nachdem die drei Präsidenten sich in das Goldene Buch der Stadt eingetragen hatten, kehrte Poincaré wieder in das Elysée zurück. Der Präsident Poincaré hat Glückwunschtelegramme von zahlreichen Staatsoberhäuptern erhalten. Die Tepesche des Kaisers von Rußland hat folgenden Wortlaut: In dem Augenblick, wo Sie ihr hohbes Amt antreten, zu dem Sie das Vertrauen des französischen Volkes berufen hat, drängt mich mein Herz, Ihnen die Versicherung meiner herzlichen Gefühle zu er⸗ neuern, die ich Ihnen am Tage Ihrer Wahl zur Präsikentschaft ausgedrückt habe. Sie kennen den Wert, den ich der bestehenden engen Union zwischen Frankreich und Rußland beilege. Ich rechne auf Ihre Mirwirkung für die Aufrechterhaltung und gedeihliche Ent⸗ wicklung dieser Union und spreche Ihnen meine aufrichtigsten und hesslich en Wünsche aus. — Die Minister traten gestern abend im Elyseepalast unter dem Vorsitz Poincarés zu einer Sitzung zusammen. Briand überreichte dem Präsidenten der Republik die Demission des Kabinetts, das dieser bat, im Amte zu bleiben.
8 Rußland. 8 Die Dumakommission, die mit der beit eines Programms für die Beteiligung am Jubiläum des Hauses Romanow beauftragt ist, hat nach einer Meldung des „W. T. B.“ beschlossen, einen besonderen Fonds für landwirtschaftliche Meliorationen zu errichten, ferner ein pädagogisches Institut zu gründen mit Musteranstalten einer Kleinkinderschule, einer Primär⸗, einer Sekundärschule und eines Gymnasiums, des weiteren in jedem Gouvernement und jeder Provinz ein Lehrerseminar zu errichten, und schließlich in Moskau ein Nationalmuseum zu begründen mit einer Ehrenkapelle für das Haus Romanow
Türkei.
Nach einem amtlichen türkischen Kriegsbericht hat der Feind vorgestern Adrianopel mit großen Zwischenräumen beschossen. Bemerkenswertes hat sich nicht ereignet; in der militärischen Lage vor Bulair ist keine Aenderung eingetreten; die Erkundungen und die Verstärkung der Stellungen bei Tschataldscha dauern an. .“
Wie „W. T. B.“ meldet, haben die Türken gestern bei Tscharköj eine beträchtliche Truppenmacht gelandet, die bisher an Bord von Transportschiffen gewartet hatte.
Aus amtlicher montenegrinischer Quelle wird gemeldet, daß die Beschießung von Skutari fortdauere. Die türkischen Truppen machen keinen Versuch, die Montenegriner in 98 von ihnen eingenommenen Stellungen anzugreifen. Sie ste f infolge Geschützmangels alte Kanonen auf, die jedoch gegen montenegrinischen Stellungen wirkungslos sind, da sie m. weit genug tragen.
Rumänien.
Die Vertreter der Großmächte legten, wie das „Wiene⸗ K. K. Telegraphen⸗Korrespondenzbureau“ meldet, im Nuftngse ihrer Regierungen der rumänischen Regierung nahe, “ wendung der äußersten Mittel die Mithilfe der en mächte für die Beilegung des bulgarisch⸗rumänit) Streitfalles anzurufen. 1
— Wie das Amtsblatt meldet, hat der König Carol a
die Mitteilung von der Geburt des Prinzen Mircea ein 8b G es Königs der Bulgaren erha en.
8 Amerika. Fin⸗
Die Bill, durch die Analphabeten von det afseg wanderung in die Vereinigten Staaten ausgesch esem werden sollen, ist nach einer Meldung des „W. T. 2 zum trotz Tafts Veto vom Senat mit 72 gegen 18 S Vers 5 zweiten Male angenommen worden. Nunmehr soll de e werden, die Bill wiederum einzubringen. Nen — Das Repräsentantenhaus des States ust⸗ Jersey hat in der gestrigen Sitzung die sieben ngenommen, vorlagen Dr. Wilsons in derselben Fesung 11 hatte in der sie schon der Senat vor einer Woche angeno
um annehmbar zu sein. Die Mächte unternehmen Schritte in
Sofia und Bukarest, um weitere Reibungen zu verhindern.
ichnung. Sie gehen nun an Gouverneur Wilson zur Unterzeich
Gestern hat Poincars sein Amt als Präsident 1—
4. Juli 1872. Der Gesetzentwurf lautet:
im Repräsentantenhaus!
Eine Abordnung von Arbeiterführern suchte gestern den Gouverneur auf und verlangte, obiger Quelle zufolge, eine Ab⸗ änderung, durch welche die Arbeitergewerkschaften und Ver⸗ hände von der Anwendung der sieben Gesetze ausgenommen werden. Dr. Wilson wies darauf hin, daß die Anwendung der Gesetze auf diejenigen beschränkt sei, die Handel mit all⸗ emeinen Verkehrsgütern trieben. Der Oberste Gerichtshof habe entschieden, daß Arbeit kein allgemeines Verkehrsgut im Sinne des Gesetzes sei. Falls die Vorlagen nach den Wünschen der Arbeiterführer abgeändert werden sollten, würden sie von den Gerichten New Jerseys als Klassengesetzgebung für nicht konstitutionell erklärt werden. Die Arbeiterführer zogen daraufhin ihren Einwand zurück.
— Nach Meldungen des „W. T. B.“ aus Mexiko hat das Feuergefecht die vorgestrige Nacht und den Morgen hin⸗ durch angedauert. Während der Nacht wurden die Bundes⸗ truppen von allen gefährdeten Punkten zurückgezogen und kurz vor Mittag verließ eine starke Abteilung Bundestruppen die Hauptstadt, um in der Richtung auf Cuernavaca zu marschieren. Dies wird als Zeichen dafür aufgefaßt, daß die Stellung der Regierung sehr geschwächt ist und daß eine Einigung irgend⸗ welcher Art bald erreicht wird. Die Stimmung der Ein⸗ wohnerschaft ist stark zugunsten Diaz'. Die Regierung konnte Hunderte von Bundessoldaten nur mit Mühe bewegen, sich in die Gefechtslinie zu begeben. Wie groß die Zahl der Opfer ist, die die Kämpfe gefordert haben, wird sich, obiger Quelle zufolge, nie feststellen lassen. Bekannt sei, daß vielfach Abteilungen von fünfzig bis hundert Mann, in den engen Gassen eingekeilt, von Maschinengewehren niedergemäht worden seien. Die Toten seien von Wagen nach den Vororten geschafft und dort ver⸗ brannt worden.
Einer aus Mexiko in New York eingetroffenen Depesche zufolge sind Madero und das Kabinett gestern durch den General Blanquet gefangen genommen worden; Madero hat seine Demission unterzeichnet. Weiteren Meldungen zufolge ist
uerta zum vorläufigen Präsidenten ernannt worden. Er jat dem Botschafter der Vereinigten Staaten den Regierungs⸗ wechsel mit der Bitte bekannt gegeben, die Vertreter der übrigen Großmächte davon zu unterrichten. Der Botschafter antwortete, sie alle hätten den Wunsch, daß Huerta die Ordnung aufrecht erhalte. Huerta berief sodann die Kammer zusammen.
Die Führer der Aufständischen des Nordens Orozco und Gelan billigen die Ernennung Huertas zum Präsidenten nicht; sie erklären vielmehr, den Aufstand fortsetzen zu wollen, wenn
nicht ein anderer, am liebsten de la Barra, zum Präsidenten
ernannt würde. Asien. 8 Nach einer Meldung der St. Petersburger Telegraphen⸗ agentur haben der mongolische Minister und der Vertreter Rußlands Korostowez ein Abkommen unterzeichnet, nach dem russische Offiziere zur Organisation und zur Ausbildung einer mongolischen Reiterbrigade berufen werden sollen.
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Die Schlußberichte über die gestrigen Sitzungen des R eichs⸗
ags und des Hauses der Abgeordneten befinden sich in er Ersten Beilage.
—— Auf der Tagesordnung der heutigen (116.) Sitzung des Reichstags stand die erste und event. zweite Beratung des von den Abgg. Dr. Schädler und Gen. (Zentr.) ein⸗ gebrachten Gesetzentwurfs, betreffend die Aufhebung des Gesetzes über den Orden der Gesellschaft Jesu, vom
§ 1. Das Gesetz, betreffend den Orden der Gesellschaft Jesu, wird aufgehoben. § 2. Die zur Ausführung und zur Sicherstellung des Voll zugs des in § 1 genannten Gesetzes erlassenen Anordnungen ver lieren ihre Gültigkeit. 1 § 3. Das gegenwärtige Gesetz tritt mit dem Tage seiner Ver⸗ kündigung in Kraft. . Der Gesetzentwurf ist am 14. Februar 1912 eingebracht. Es ist ein Amendement Ablaß (fr. Volksp.) eingegangen, dem § 2 hinzuzufügen: „Die landesgesetzlichen Vorschriften über den Orden der Gesellschaft Jesu bleiben unberührt“. „Abg. Dr. Spahn (Zentr.): Der Reichstag hatte schon früher einen Antrag angenommen, der die Aufhebung des Jesuitengesetzes vorsah. Trotzdem besteht es weiter, sodaß wir uns genötigt gesehen haben, am 14. Februar 1912 einen neuen Antrag ein⸗ zubringen, um einen erneuten Beschluß des Reichstags herbei⸗ zuführen. Zu diesem Antrag ist ja vom Abg. Dr. Ablaß und Genossen ein Unterantrag gestellt worden Für das Zentrum handelt es sich dabei um eine Herzensfrage. Von allen Seiten der Katholiken im Reiche hat man erkennen lassen, daß man die Aufrecht⸗ erhaltung dieses Gesetzes bedauert. Aber nicht nur die Katholiken haben hieran ein großes Interesse, sondern auch das ganze deutsche haschese man ja doch der Ansicht ist, daß Deutschland ein Rechts⸗ gat ist.
(Schluß des Blattes.)
— Das Haus der Abgeordneten setzte in der heutigen (136.) Sitzung, welcher der Justizminister Dr. Beseler bei⸗ wohnte, zunächst die zweite Beratung des Etats der Justiz⸗ verwaltung bei dem Kapitel der baren Auslagen in Zivil⸗ und Strafsachen fort.
Abg. Goebel (Zentr.): Der Minister des Innern hat auf eine vngehung erklärt, daß es seinem Standpunkte nicht entspreche, wenn katholische Zeitungen bei der Vergebung von Bekanntmachungen über⸗ gangen werden. Die Justizverwaltung scheint diesen Standpunkt nicht zu teilen. Der „Oberschlesische Kurier“ ist nicht berücksichtigt worden. Die Zentralbehörde sollte die Berücksichtigung dieser Zeitung empfehlen. 1
Justizminister Dr. Beseler: Es wird grundsätzlich daran fest⸗ h; daß Ankündigungen seitens der Staatsbehörden lediglich aus achlichen Erwägungen ohne Bevorzugung einer konfessionellen Richtung vergeben werden. Diesem Grundsatz ist auch im vorliegenden Fall nicht entgegengehandelt worden. Die Zentralbehörde ist nicht in der Lage, solche Empfehlungen zu geben, wie es verlangt worden ist. Es kommt nur darauf an, ob eine Zeitung zur Aufnahme geeignet ist oder nicht; von diesem Grundsatz ist nicht abgewichen worden.
Bei den Entschädigungen der im Wiederaufnahmeverfahren freigesprochenen Personen wendet sich
Abg. Boisly (nl.) gegen eine frühere Behauptung des Abg. Dr. Liebknecht, daß von den Gerichten im Wiederaufnahmeverfahren schablonenhaft und nachlässig verfahren werde.
ben 8 den Ausgaben für die Unterhaltung der Justizgebäude er Abg. Boisly (nl.): Die Ausgaben für die Unterhaltung der Justizgebäude sind in kurzer Zeit von 1 ½ auf 2 ¼ Millionen im Sheber angewachsen, obwohl gerade in den letzten Jahren viele neue Gebäude errichtet worden sind. Statt der großen Reparaturen in den alten, noch benutzbaren Gebäuden, in denen die Gerichte vielfach unter⸗ gebracht sind, sollte man lieber neue Bauten errichten. In Halber⸗
wo die Räume fü ienstzwecke ungeeignet sind. Jetzt sollen Nsene g c nse 22 um das alte Gebäude instand zu setzen.
Der Rest des Ordinariums wird ohne Debatte bewilligt.
Bei den einmaligen und außerordentlichen Aus⸗ ga r. dankt 1A1AA“ Burchard⸗ inehlen (kons.) für den Neubau für die Zwwilabkeilun 8 IE in Königsberg i. Pr., für den eine erste Rate von 320 000 ℳ gefordert wird, und bittet, auch 2 Neubau für die Kriminalabteilung möglichst bald in Angriff zu nehmen.
Abg. Mogk (nl.) dankt für die Einstellung der ersten Rate von 70 000 für den Um⸗ und Erweiterungsbau des Amtsgerichts in Schlochau in den Etat.
Für den Neubau eines Geschäftsgebäudes für die Zivil⸗ abteilung des Landgerichts und des Amtsgerichts in Beuthen in Oberschlesien wird eine erste Rate von 200 000 ℳ (Ge⸗ samtbedarf 732 400 ℳ) gefordert. .“
Die Budgetkommission beantragt, diese Forderung zu streichen, eine Petition um Bewilligung dieser Mittel für erledigt zu erklären und über eine Petition um Errichtung eines neuen Landgerichts in Oberschlesien zur Tagesordnung überzugehen.
Die Abgg. Dr. Porsch (Zentr.) und Genossen be⸗ antragen die Wiederherstellung der Etatsposition.
Berichterstatter Abg. von dem Hagen (Zentr.): Die Kom⸗ mission hat die Position mit neun gegen neun Stimmen abgelehnt. Dieser Beschluß ist aber vielleicht darauf zurückzuführen, daß die be⸗ treffende Sitzung bis gegen ½12 Uhr Abends gedauert hat und infolgedessen nicht voll besetzt war. Es ist daher begreiflich, daß der Wunsch ausgesprochen worden ist, die Position wieder herzustellen.
(Schluß des Blattes.)
Statistik und Volkswirtschaft.
Zur Arbeiterbewegung.
Eine stark besuchte Versammlung der in der Berliner Damen⸗ maßschneideret beschäftigten Schneider und Schneiderinnen, die gestern abend stattfand, erklärte sich, der „Voss. Ztg.“ zufolge, mit den Zugeständnissen der Arbeitgeber, die in der Hauptsache den männlichen Arbeitern eine wöchentliche Zulage von 4 ℳ, den selbständigen weiblichen eine solche von 3 ℳ und den Zuarbeiterinnen eine Zulage von 2,25 ℳ gewährt, einverstanden. Der Tarif tritt am 1. März in Kraft.
Der Ausstand der Kohlenarbeiter in Hamburg macht sich, wie der „Köln. Ztg.“ gemeldet wird, vorläufig noch einigermaßen fühlbar. Es haben sich aber bereits zahlreiche Arbeitswillige gemeldet, für die im Hafen ein Wohnschiff verankert worden ist. Aus Essen sind 200 Arbeiter dort eingetroffen. (Vgl. Nr. 42 d. Bl.)
In einer großen Versammlung der Dockarbeiter in Grimsby (vgl. Nr. 43 d. Bl.) ist, wie „W. T. B.“ erfährt, mit großer Mehrheit beschlossen worden, die Bedingungen der Great Feutral Railway Company anzunehmen, vorausgesetzt, daß der Schaden, der einigen Arbeitern zugefügt worden sei, wieder gut ge⸗ macht würde. Die Arbeiter verbleiben im Ausstand, bis die Antwort der Gesellschaft eingetroffen ist.
Der Ausstand der Frachtverlader beim Norddeutschen 8127 in Hoboken ist, „W. T. B.“ zufolge, beigelegt. (Vgl. Nr. 43 Aus New York wird dem „W. T. B.“ telegraphiert: Die Gesellschaften der Ostbahnen haben eingewilligt, die Ent⸗ scheidung über die Forderungen der Heizer einem aus drei Personen bestehenden Schiedsgericht zu übertragen, wie es die Arbeiter verlangt hatten. (Vgl. Nr. 42 d. Bl.)
e.)
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(Weitere „Statistische Nachrichten“ s. i. d. Zweiten Beilag “ “ 8* “
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Der Vorstand der Landesversicherungsanstalt Berlin hat beschlossen, der Landesversicherungsanstalt Ostpreußen eine Million Mark zur Verwendung für gemeinnützige Zwecke in der Provinz Ostpreußen zur Verfügung zu stellen.
Das Zentralkomitee des preußischen Landesvereins vom Roten Kreuz hat am 17. und 18. d. M. einen Kursus über die Einrichtung und den Betrieb der Tuberkulosefürsorge⸗ stellen veranstaltet. Am 17. Februar besichtigten die zahlreichen, aus allen Teilen des Landes erschienenen Delegierten die Tuberkulosestationen der Landesversicherungsanstalt Berlin. Vor der Besichtigung begrüßte der Vorsitzende der Landesversicherungs⸗ anstalt Berlin, Dr. Freund, die Teilnehmer und gab ausführliche Erläuterungen über die Entstehung, Organisation und Wirksamkeit der Tuberkulosestationen, die sich nunmehr über alle Stadtbezirke Berlins erstrecken. .“ 1
Kunst und Wissenschaft. Das Königliche Kunstgewerbemuseum hat für die Monate
b Februar bis April eine Sonderausstellung „Brandenburgische
Gläser des 17. und 18. Jahrhunderts“ veranstaltet, deren Vollständigkeit besonders den Leihgaben Seiner Majestät des Kaisers und Königs aus den Königlichen Schlössern, Ihrer Königlichen “ des Großherzogs von Sachsen und des Herzogs von Sachsen⸗ Coburg und Gotha und Seiner Hoheit des Herzogs von Anhalt, ferner dem Entgegenkommen zahlreicher Privatsammler und Museen zu verdanken ist. Sie umfaßt die Gläser der Kurfürstlichen und König⸗ lichen Glashütten Grimnitz bei Joachimsthal, Marienwalde, Potsdam und Zechlin. Die Potsdamer Hütte hatte eine Zeitlang unter der Leitung des berühmten Alchymisten Johann Kunckel gestanden, der das Goldrubinglas erfand und in seinem Laboratorium auf der Pfaueninsel herstellte. Hervorragende Arbeiten aus diesem Rubinglas hnd in der Ausstellung vereinigt mit den erlesensten Werken der otsdamer und Berliner Glasschneider, Prachtpokalen mit allen Arten des Hoch⸗ und Tiefschnitts. Gleichzeitig sind die Neuerwerbungen des Jahres 1912 zu einer Ausstellung vereinigt. Im Lichthof wird eine Ausstellung „Berliner Bronze⸗ und Messingguß“ vorbereitet.
Das Märkische Museum in Berlin eröffnet am 20. d. M. eine Ausstellung zur Erinnerung an die Befreiungskriege.
Gesellschaft für Heimatkunde, wurde vom Vorstandstisch aus durch eine Reihe wertvoller Mitteilungen eingeleitet, von denen mehrere sich auf neueste Veröffentlichungen auf dem Gebiet der vpaterländischen Geschichte bezogen. Genannt seien davon eine „Festschrift des Hohenzollernhauses“ mit dem interessanten Bericht über die Be⸗ schäftigung Friedrichs II. als Kronprinz bei dem Küstriner Gericht, wo ihm auf des Königs besonderen Befehl ein recht verwickelter Prozeß zwischen Fiskus und Fischergilde zur Bearbeitung übertragen war, den zu gutem Ende zu führen dem fürstlichen Referendar indessen ebensowenig gelang, als nach ihm den Küstriner Richtern; denn der Prozeß wurde erst 20 Jahre später zugunsten der Fischer entschieden. Hierher gehören auch Untersuchungen über die Entwicklung des Ständewesens im “ Staate, zurückverfolgt bis auf seine ersten Anfänge unter Joachim II., sowie das zum bevor⸗ stehenden Jubiläum unseres Kaisers herausgegebene, reich ausgestattete
A. F. Die jüngste Versammlung der üs as aechehe
stadt ist das Gericht in dem alten bischöflichen Palast unkergebracht,
Werk „Kaiser Wilhelm und die Marineer. 8
Im Hinblick auf den kurz vorher gefeierten Kaiserlichen Geburtstag und auf das bevorstehende 25 jährige Regierungsjubiläum Seiner Majestät des Kaisers und Königs hielt hierauf Dr. Fr. Netto⸗ Potsdam eine sich mit den schlichten Worten „Unser Kaiser!“ ein⸗ führende Ansprache, die an dem geistigen Auge der Versammelten vorüberziehen ließ, was diese 25 Jahre hindurch die treue Fürsorge des Landesherrn für Preußen und Deutschland geleistet und geschaffen hat. Den Vortrag des Abends hielt der Admiralstabssekretär Chr. Voigt über „Admiral Gijsels van Lier und Otto Friedrich v. d. Groeben, zwei Helfer des Großen Kurfürsten im Marine⸗ und Kolonialwesen Kurbrandenburgs“. Der Erst⸗ genannte war 1580 zu Löwenstein in der holländischen Provinz Gel⸗ dern geboren und trat, erst 16 Jahre alt, um seinem Hange zur See leben und seinem Wunsche, fremde Länder kennen zu lernen, zu ge⸗ nügen, in die Dienste der Holländisch⸗Westindischen Kompagnie. Rasch emporsteigend, wurde er kaum 40 Jahre alt bereits Flottenbefehlshaber und — bezeichnend für den praktischen Sinn der Niederländer — zugleich „Oberkaufmann“ im Malayischen Archipel, später Gouverneur von Amboina, in allen diesen Stellungen energisch und mit Erfolg bemüht, den Kolonialbesitz der General⸗ staaten zur Blüte zu bringen. Nachdem Gijsels van Lier hier die Verwaltungsgeschäfte der Kompagnie von 1621 bis 1629 geleitet batte, ohne gerechte Anerkennung zu finden, zog er sich für die nächsten 12 Jahre auf seine Güter in der Heimat zurück; doch noch einmal betätigte sich der alte Seemann in seinem ₰ als 1641 Portugal von Spanien abgefallen war und die Portugiesen Holland um Unterstützung gegen dessen Erbfeind gebeten hatten. Da ließ sich Gijsels an die Spitze einer Flotte von 20 Schiffen berufen und erreichte in den portugiesischen Gewässern den beabsichtigten Erfolg. Doch auch jetzt wurde ihm in der Heimat die erhoffte Anerkennung vorbehalten. Verbittert sagte er sich nun von Gg- Vaterlande los und bot, erfüllt von dem Ge⸗ danken, der Ostindischen Kompagnie im Auslande einen Wettbewerb zu schaffen, 1647 seine Dienste dem Kurfürsten von Brandenburg gn, den er durch den Prinzen Friedrich Heinrich von Oranien kennen ge⸗ lernt hatte, dessen Tochter die Gemahlin des Kurfürsten war. Voll von den Eindrücken, die Hollands Macht zur See bei ihm nach mehrjährigem Jugendaufenthalt in den Niederlanden hinterlassen hatte, lieh der junge Fürst Gijsels' Plänen ein williges Ohr und fand die von dem Admiral in einer Denkschrift niedergelegten Vor⸗ schläge „nützlich, vernünftig und praktisch“. Sie empfahlen die Grün⸗ dung einer brandenburgisch⸗ostindischen Kompagnie mit einem Kapital von einer Million Taler unter Beteiligung einflußreicher Holländer, die, in ihrer Erwerbstätigkeit durch das soeben wieder erneuerte Monopol der Ostindischen Kompagnie beeinträchtigt, gern dem Rufe Brandenburgs Folge leisten würden. Doch Gijsels hatte hierbei die furchtbare, als Folge des 30 jährigen Krieges in Deutschland ein⸗ etretene Verarmung und Mutlosigkeit nicht in Rechnung gezogen. eine Pläne blieben ohne Erfolg; aber seine Ideen wirkten fort und zeitigten in weiterer Folge den durch Benjamin Raule zur Tat gestalteten Gedanken einer kurbrandenburgischen Marine und einer überseeischen Ko⸗ lonie. — Kurfürst Friedrich Wilhelm besaß die seltene Herrschertugend der Dankbarkeit. In Ansehung der Bemühungen und Verdienste Gijsels ernannte der Kurfürst ihn zum Geheimen Rat und Erbgerichtsherrn, schenkte ihm die Burg von Lenzen an der Elbe und überließ ihm das Amt Lenzen in Erbpacht. Hier nahm Gijsels, damals Witwer, mit seiner Tochter Clara im Jahre 1650 seinen Wohnsitz und entfaltete nun — seine weitergehenden maritimen Pläne deshalb keineswegs aufgebend — in kleinerem Kreise eine höchst segensreiche Tätigkeit. Jener Landstrich zwischen Elbe und Löcknitz bei Lenzen, zwischen Mecklenburg und dem hannoverschen Wendland, die sogenannte, Elb⸗Wische“, ist bekanntlich durch fruchtbaren Boden und erfolgreiche Viehzucht ausgezeichnet. Der Ruf seines Reichtums an Bodenerzeugnissen und Vieh hatte während des 30 jährigen Krieges die begehrlichen Blicke von Freund und Feind auf diese Gegend gezogen. Schreckliche, durch die Pest vermehrte Leiden der Bewohner waren die Folge gewesen. Oede und leer standen um 1650 die von den geflüchteten Einwohnern preisgegebenen Ortschaften. Da galt es, um neues Leben zu schaffen, energisch einzugreifen. Kein für diese Aufgabe besser Geeigneter konnte gefunden werden als Gijsels. Vom Niederrhein und aus Holland wurden Kolonisten heran⸗ gezogen, die unter Gijsels’ Oberleitung den verqueckten Boden wieder urbar machten und nützliche Kulturen einführten, z. B. die des Flächses und der Kartoffel, welche in der Wische lange vor ihrer allgemeinen Einführung in Deutschland angebaut worden ist. Auch die Hausweberei fand hier eine Stätte, eln Lehrmeister war zu dem Zweck von außerhalb verschrieben worden. Im Anschluß hieran wurden Spinnstubenabende eingerichtet. Gijsels schätzte den Tabaks⸗ senuß⸗ Es ist bezeichnend für die Denkart des Mannes, daß er auch elne Bauern zur Unterhaltung und Beschäftigung in den langen Winterabenden mit diesem Genuß bekannt zu machen suchte, der zu jener Zeit in ganz Norddeutschland noch so wenig in Uebung war, daß auf dem Schlachtfeld von Fehrbellin, als der Mohr des Kurfürsten dem Träger des Bauernbanners die brennende Pfeife anbot, dieser erwiderte: „Nee, gnädiger Düwel, ick frete keen Füer“. Die Bauern der Wische aber lernten bald Feuer essen und lehrten es andere, und vielleicht verdankt der märkische Tabakbau dieser ersten Anregung seine Entstehung. Der vielseitige Mann widmete seine Aufmerksamkeit auch der Kunst. Den niederländischen Maler Adam Pynaker zog er nach Lenzen und verschaffte ihm den Auftrag des Kurfürsten, für seine Galerie sämtliche Städte seines Landes zu malen, als erstes Bild Lenzen. Es befindet sich heute im Lenzener Rathause. Andere Pynakersche Bilder hatte ein späterer Besitzer von Burg Lenzen, entier A. Jahn (1871—1885) dort gesammelt. Sie sind nach seinem Tode leider in alle Winde zerstreut worden, bedauerlich bezüglich derjenigen, welche Märkisches darstellten. Doch der praktisch hochveranlagte Mann begnügte sich nicht mit alle⸗ dem. Als Holländer war er mit Wasserbauten wohl vertraut und es lag ihm nahe, seine Kenntnisse auf die Verbesserung des nahen Elbstroms anzuwenden und die Wische nach Möglichkeit gegen Ueberschwemmungsgefahr durch Deichbauten zu schützen. Was hier zu diesem Zweck geschehen und nützlich fortwirkt, verdankt Gijsels seine Entstehung. Und so erfüllt war Gijsels gerade von dieser Seite seiner segensreichen Wirksamkeit, daß er seinen Wohnsitz von Burg Lenzen nach dem benachbarten Mödlich verlegte und sich hier ein schlichtes Erbbegräbnis erbauen ließ; „am Elbdeich, unter rauschenden Eichen und nahe dem brausenden Strom“ wollte er begraben sein. Dort hat man den edeln Mann, als er im 97. Jahre heimging, zur ewigen Ruhe gebettet. Der schlichte Fachwerkbau des am Ostgiebel der Kirche angebauten „Begräbnishäuschens“ wirkte noch vor wenig Jahren, von reichem Pflanzenwuchs überrankt, ungemein stimmungsvoll. d dem Tode der Tochter, die den Vater nur 2 Jahre überlebte, fie Amt Lenzen an den Kurfürsten zurück. Gijsels ist als Greis auch äußerst fleißig mit der Feder gewesen. Nicht weniger als 20 umfang⸗ reiche Bände Aufzeichnungen hat er hinterlassen, die wahrsche aih schätzbares Material über allerlei, vor allem zur Geschichte der nieder⸗ ländischen Kolonie, enthalten. Wo diese Schriften geblieben, ist nicht verbürgt. Das Wahrscheinliche ist, daß sie mit dem gesamten Nachlaß an den Sohn Gijsels’, der unter dem großen Admiral de Ruyter als Kapitän genannt ist, ausgeliefert und von diesem der Re⸗ sernig der Niederlande überantwortet worden sind. Mit dem urfürsten, der ihn hochschätzte, hat Gijsels allezeit im besten Einverständnis gelebt und durch Anhänglichkeit und unentwegte Treue die Fürstliche Gunst vergolten. Schon bejahrt, hat er in wichtigen diplomatischen Sendungen für den Kurfürsten weite Reisen unter nommen. Mehrfache lockende Anerbietungen fremder Mächt — Schweden und Frankreich —, in ihre Dienste zu treten, wurden von ihm abgelehnt. Ob der Name und Ruf des Wohltäters einer Gegend sich anderweit wohl, wie es bei Gijsels der Fall ist, ei Vterteljahrtausend im dankbaren Gedächtnis der Bevölkerung erhält, ist zweifelhaft. Um die Gestalt dieses Mannes hat sich sogar die Sage gerankt, die in ihm den auf den Deichen sorgende Umschau haltenden Deichwächter sieht und erzählt, daß Gefahr vor⸗ handen ist, wenn um Mitternacht heller Schein aus der „Kapitäns⸗ ruft“ dringt. Dann schreitet der „olle Admiral“ wohl den Deich ent⸗
ang. Und wenn er sich wieder zur Ruhe begibt, dann verlischt der