1914 / 57 p. 2 (Deutscher Reichsanzeiger, Sat, 07 Mar 1914 18:00:01 GMT) scan diff

Seine Majestät der König haben Allergnädigst geruht:

dem vortragenden Rat im Ministerium der öffentlichen Arbeiten, Geheimen Oberbaurat Franz N itschmann die nach⸗ gesuchte Entlassung aus dem Staatsdienste unter Verleihung des Charakters als Wirklicher Geheimer Oberbaurat mit dem Range eines Rates erster Klasse zu erteilen,

den bisherigen außerordentlichen Professor Dr. Johannes Mewaldt in Greifswald zum ordentlichen Professor in der philosophischen Fakultät der Universität in Marburg zu er⸗ nennen und 4 b

infolge der von der Stadtverordnetenversammlung in Hamm getroffenen Wahl den Apothekenbesitzer Emil Cobet daselbst als unbesoldeten Beigeordneten der Stadt Hamm auf fernere sechs Jahre zu bestätigen. 1

Justizministerium.

Dem Amtsgerichtsrat Jahns in Frankfurt a. M. und dem Staatsanwalt Ahrens in ist die nachgesuchte Entlassung aus dem Justizdienst erteilt. 3

Versett sind die Nüthaichier Dr. Student in Rosenberg (Westpr.) nach Elbing, Raabe in Rendsburg nach Rosenberg (Westpr.) und Haecke in Arys nach Querfurt. 8 .— In der Liste der Rechtsanwälte sind gelöscht die Rechts⸗ anwälte: Kunst bei dem Oberlandesgericht in Marienwerder, Mügel bei dem Amtsgericht in Kastellaun, Dr. Eichwede bei dem Amtsgericht in Düsseldorf und Lachmann bei dem Amts⸗ gericht in Wirsitz. 8 In die ölebzer Rechtsanwälte sind eingetragen: der Rechts⸗ anwalt Dr. Nolte aus Bensberg bei dem Amtsgericht in Iburg, der Gerichtsassessor Kurt Schramm bei dem Land⸗ gericht in Halle a. S. und der Gerichtsassessor Praetorius bei dem Amtsgericht in Kreuznach.

Der Amtsgerichtsrat Wolff in Diez, dem die nachgesuchte

Dienstentlassung mit Pension erteilt war, ist gestorben.

Ministerium der öffentlichen Arbeiten.

Versetzt sind der Baurat Zimmermann (Karl) von eingen als Vorstand des Wasserbauamts in Oppeln (Geschäfts⸗ ereich der Oderstrombauverwaltung) und der Regierungsbau⸗ neister HSumpert von Carlsruhe Ob. Schl. als Vorstand des Hochbauamts in Norden. vX1““

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Ministerium der geistlichen und Unterrichts⸗ angelegenheiten. Königliche Akademie der Künste in Berlin. Der Registrator und Kalkulator Willy Rulf ist zum Inspektor der Königlichen Akademie der Künste ernannt worden.

Ministerium für Handel und Gewerbe. Versetzt sind der Oberbergrat, Bergwerksdirektor Baeumler von Dillenburg als technisches Mitglied an das Oberbergamt u Halle (Saale), der Bergwerksdirektor, Bergrat Kier vom

Steinkohlenbergwerke Kronprinz bei Saarbrücken an die Berg⸗ nspektion in Dillenburg. 8*

Tagesordnung für die am 21. d. M., Mittags 12 ¾ Uhr, im Sitzungssaale des Verwaltungsgebäudes stattfindende 60. Sitzung des Bezirkseisenbahnrats zu Altona. J. Geschäftliche Mitteilungen. Aenderungen in der Zu⸗ sammensetzung des Bezirkseisenbahnrats. II. Geschäftsordnungsangelegenheiten. Festsetzung des Tages für die zweite ordentliche Sitzung. gerI. Mitreilungen über Anträge und Beschlüsse aus früheren Sitzungen. Fahrplanangelegenheiten. Frachtermäßigung für Teerfarben. Einführung von Sonntagskarten von kleineren Städten nach Großstädten. IV. Güterverkehrsangelegenheiten. Vorlage der König⸗ lichen Eisenbahndirektion, betreffend Einführung ermäßigter Aus⸗ nahmefrachtsätze für hölzerne, chemisch präparierte Telegraphenstangen nach Dänemark. Vorlage der Königlichen Eisenbahndirektion, betreffend

äßi ö d Tro Versetzung rachtermäßigung für robe Kartoffeln von Trocknereien und Versetz 8 zu Futterzwecken bestimmten Trockenkartoffeln (Flocken, Schnitzel, Scheiben, Schrot) in den Rohstofftarif (Ausnahmetarif 2). Altona, den 5. März 1914. Königliche Eisenbahndirektion. Pape.

Auszug aus der Tagesordnung für die am 18. Aprild. J. in Breslau stattfindende ordentliche 61. Sitzung des Bezirks⸗ eisenbahnrats Breslau. 1

1) Vorlage der Eisenbahnverwaltung, betreffend Frachtermäßigung für rohe Kartoffeln an Trocknereien und Versetzung der zu Futter⸗ zwecken bestimmten Trockenkartoffeln (Flocken, Schnitzel, Scheiben, Schrot) in den Rohstofftarif (Ausnahmetarif 2). 1 8

2) Vorlage der Eisenbahnverwaltung, betreffend die Gewährung des Seehafenausnahmetarifs S 3 (für Getreide, Hülsenfrüchte, Raps und Rübsamen, Malz, Mühlenerzeugnisse und Kaffeeersatzmittel) auch bei Wiedereinfuhr nach Deutschland. 1“

3) Vorlage der Eisenbahnverwaltung, betreffend Erstellung eines Ausnahmetarifs für Klinker zur Ausfuhr nach Rußland und Oesterreich⸗ Ungarn. 8. 3 g 4) Antrag auf Verbesserung von 2 Zugverbindungen auf der Strecke Kohlfurt Sorau. 8 4

5) Antrag auf Verbesserung von Zugverbindungen auf der Strecke Kalisch bezw. Posen-— Lissa —Sagan— Görlitz —— Dresden.

Breslau, den 6. März 1914. 8

Kochgnigliche Eisenbahndirektion.

Mallison.

Deutsches Reich.

Preußen. Berlin, 7. März 1914.

Die vereinigten Ausschüsse des Bundesrats für Zoll⸗ und Steuerwesen und für Justizwesen sowie der Ausschuß für Zoll⸗ und Steuerwesen hielten heute Sitzungen.

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Laut Meldung des „W. T. B.“ sind S. M. S. „Condor 8 am 5. März in Gibraltar, S. M. S. „Leipzig“ am 6. März in Tsingtau und S. M. S. „Hohenzollern“ an demselben Tage in Venedig eingetroffen. 8 8 8 2*

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Merseburg, 7. März. Der Provinziallandtag der Provinz Sachsen hat gestern, wie „W. T. B.“ meldet, mit großer Mehrheit die Errichtung einer Provinzialanstalt

für öffentliche Lebensversicherung beschlossen.

* Braunschweig. Ihre Majestät die Kaiserin und Königin ist gestern nachmittag, wie „W. T. B.“ meldet, in Braunschweig ein⸗ getroffen und auf dem Bahnhof von Ihren Königlichen Hoheiten dem Herzog und der Herzogin empfangen worden. Bremen.

Das Linienschiff „Deutschland“ mit . dem Kaiser und König an Bord ist, wie „W. meldet, gestern von Wilhelmshaven auf der Reede haven eing etroffen und dort vor Anker gegangen

Elsaß⸗Lothringen.

Die Zweite Kammer des Landtags hat gestern, wie W. T. B.“ meldet, den Dispositionsfonds des Statt⸗ halters in Höhe von Hunderttausend Mark mit 25 gegen 13 Stimmen bei 2 Stimmenthaltungen (Hackspill und Wetterlé) angenommen. . . 8 Im Laufe der Sitzung richtete der Abg. Drumm im Mül⸗ hauser Dialekt an den Staatssekretär die Anfrage, ob es ibm hekannt sei, daß Abgeordnete der Kammer bei ihrer Ankunft und Abfahrt auf dem Bahnhofe durch die Polizei beobachtet würden. Darauf er⸗ widerze der Ministerialdirektor Cronau, daß der Zentralverwaltung und Polizeidirektion hiervon nichts bekannt sei. Im weiteren Ver⸗ lauf der Verhandlung erklärte ein Regierungsvertreter, daß die Polizeibeamten auf den Bahnböfen den Auftrag hätten, jeden Tag eine bestimmte Zahl von Reisenden zu melden, damit ihre Aufmerk⸗ samkeit wachgehalten würde. Wenn dabei ertreibungen vor⸗ gekommen seien, so würden sie abgestellt werden.

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Seiner Majestät B. Bremer⸗

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Frankreich.

Die französische Regierung hat beschlossen, einen bevoll⸗ mächtigten Minister zweiter Klasse zum Gesandten in Albanien zu ernennen. In das Budget des Ministeriums des Aeußern wurde ein Kredit von 78 000 Fr. für ein zerleg⸗ bares Haus eingestellt, in dem die Gesandtschaft in Durazzo untergebracht werden soll.

In der Deputiertenkammer stand gestern eine Interpellation, den von der Regierung ohne Wissen des Parlaments mit der Compagnie Sudatlantique ab⸗ geschlossenen Vertrag betreffend, auf der Tagesordnung.

Nach dem Bericht des „W. T. B.“ wurde im Laufe der Debatte von mehreren Rednern an dem Vorgehen dieser Gesellschaft überaus scharfe Kritik geübt. Der nationalistische Abg. Tournade bemerkte, daß die Gesellschaft, alte Schiffe in Dienst gestellt habe. Eins der⸗ selben sei sogar Hon der Uebe nahmekommission zurückgewiesen worden. Der ehemalige Unterstaatssekretär Chaumet unterbrach den Redner mit den Worten, durch solche Bemerkungen diskreditiere er nur die französischen Gesellschaften zuaunsten der aus ländischen. Der Bürgermeister von Marseille, Abg. Schnot, wies auf die Notwendig⸗ keit hin, die franzesische Handelsmarine wirksam zu unterstützen, und hob dabei die außerordentlichen Fortschritte der deutschen Pandels⸗ marine hervor. In seiner Jugend sei die Ankunft eines deutschen Schiffes in Marseille ein Ereignis gewesen. Jetzt kämen täglich mehrere große Handelsschiffe mit deutscher Flagge dorthin.

In der gestrigen Sitzung der Senatskommission stellte der Berichterstatter für das Marinebudget Chautemps Vergleiche über die verschiedenen europäischen See⸗ mächte an unter besonderer Berücksichtigung des Gleich⸗ gewichts im Mittelmeer. Er gab, obiger Quelle zu⸗ folge, der Ansicht Ausdruck, daß es das hauptsächlichste Interesse Frankreichs sei, sich die Herrschaft im Mittelmeer jederzeit zu sichern, und trat ein für den Bau von fünf neuen Ueberdreadnoughts, um der. Stärke der österreichischen und der italienischen Marine das Gleichgewicht zu halten

Rußland.

In der gestrigen Sitzung der Reichsduma wurde an⸗ gekündigt, daß die vom Reichsrat abgelehnte Regierungs⸗ vorlage über das Verhältnis der Angestellten in Handel und Industrie zu ihren Arbeitgebern auf Ver⸗ anlassung der Progressisten und Oktobristen wieder in der Duma eingebracht worden ist. X“X“

Italien. .“ Die Deputiertenkammer hat gestern im Laufe der Beratung des Gesetzentwurfs über die Ausgaben für Libyen laut Meldung des „W. T. B.“ auf Vorschlag des Ministerpräsidenten Giolitti in namentlicher Abstimmung mit 239 gegen 41 Stimmen bei zwei Stimmenthaltungen die Tagesordnung de Felice und anderer Sozialisten abgelehnt, in der die Regierung aufgefordert wurde, einen Gesetzentwurf, betreffend die Ernennung einer Untersuchungskommission für die Ausgaben des Proviantdienstes und anderer Dienstzweige, einzubringen. XAX“ v“ Die Ausschüsse der Kammer berieten gestern einen Antrag aus dem Hause, die Universität Gent in eine vlämische umzuwandeln. Wie „W. T. B.“ meldet, stimmten vier Ausschüsse dafür, zwei dagegen. Rumänien. 1 Das Parlament ist gestern vom König durch Verlesung der Thronrede feierlich eröffnet worden. Der König, der vom Prinzen Ferdinand begleitet war, wurde bei seinem Erscheinen von den versammelten Deputierten und Senatoren mit Ovationen begrüßt. Die Thronrede besagt laut Meldung des „W. T. B.“ nderem: Uee Ereignisse des letzten Jahres haben allgemein die Wichtigkeit unserer internationalen Stellung dargetan und noch mehr die Pflicht hervorgehoben, die unsere gesunde und ständige Entwicklung uns auf⸗ erlegt. Die ständig sich entwickelnde Organisation der Armee und die Konsolidierung der Staatsfinanzen durch den Aufschwung der Arbeit und der Volkswirtschaft werden es gestatten, die Stellung, auf die wir stolz sind, nicht nur aufrecht zu erhalten, sondern zu verbessern. Ich bin glücklich, die ausg⸗zeichneten Beziehungen des Königreichs zu allen Staaten

dessen bin

dem es so mächtig beigetragen hat, aufrecht zu erhalten und zu sichern.

Dank diesem Vertrauen ist es in der Lage, in diesem Teile Europas eine wohltätige Beruhigung auszuüben. Eigenschaften

sie im vergangenen Jahre

Die Armee hat dank ihren und dank dem glänzenden Aufschwung, von dem

einen Beweis geliefert hat, ihr Dankbharkeit erworben. Ihre neue Vermehrungen notwendig, die Sie, ich gewiß, bewilligen werden, denn das Schicksal des Landes ist mit seiner Militärmacht innig verknüpft. Die budgetären Gesetze werden trotz der notwendigen Vermehrungen und Kredite unser finanzielles Gleichgewicht nicht beeinträchtigen. Die Regierung wird auch ein organisches Gesetz über die Dobrudscha unterbreiten, das dort eine gute Verwaltung sichert. 8 Die Thronrede wurde wiederholt von lebhaftem Beifall

unterbrochen.

Die Kammer hat Pherkyde, der zum Präsidenten gewählt.

Ansehen erhöht und unsere volle

Bedürfnisse machen

Senat Basil Missir

Die Skupschtina hat gestern das Gesetz über die Ver sorgung der Invaliden aus den letzten beiden Kriegen angenommen. Unterstützungsberechtigt sind ungefähr drei⸗ tausend Familien. 8

Die Handelskommission des amerikanischen Re⸗ präsentantenhauses hat sich, einer Meldung des „W. T. B.“ zufolge, mit 17 gegen 4 Stimmen für den Gesetzentwurf zur Aufhebung der Klausel über die Befreiung der amerikanischen Küstenschiffe von den Panamakanalgebühren ausgesprochen.

Die brasilianische Gesandtschaft in Berlin übermittelt dem obengenannten Telegraphenbureau die Erklärung, daß die in Deutschland über eine revolutionäre Bewegung in Brasilien verbreiteten Nachrichten durchaus unbegründet seien. Im ganzen Lande herrsche vollkommenste Ordnung, außer in dem Staate Ceara, wo seit einiger Zeit Unruhen herrschten, die aber rein örtlicher Natur seien.

Parlamentarische Nachrichten.

Die Schlußberichte über Reichstags und des Hauses sich in der Ersten Beilage.

In der heutigen (230.) Sitzung des Reichstages, welcher der Staatssekretär des Reichskolonialamts Dr. Solf beiwohnte, wurde die zweite Beratung des Reichshaushaltsetats für 1914 mit dem Etat für das Reichskolonialamt fort⸗ gesetzt.

Die Budgetkommission hat unter die einmaligen Ausgaben der Zivilverwaltung einen neuen Titel aufgenommen: „Für Erkundung des Erdölvorkommens in Deutsch Neuguinea 500 000 ℳ“. Außerdem hat sie eine Reihe von Resolutionen vor⸗ geschlagen, die die Befragung der Gouvernementsräte über beab⸗

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sichtigte grundsätzliche oder wesentliche Veränderungen in den Schutzgebietsetats, die Verstärkung der ärztlichen Versorgung, insbesondere der tropischen Schutzgebiete, die Sicher⸗ stellung von Leben, Freiheit und Eigentum der Eingeborenen, die Einschränkung der Anbauverpflichtung der weißen Er⸗ werber, die Reservierung von Land für Arbeiterdörfer auf jeder Plantage und eine Gestaltung der Arbeiteranwerbungsverord⸗ nungen betreffen, wonach der staatliche Arbeitszwang in jeder Form ausgeschlossen, die Ansiedlung der Arbeiter ge⸗ sichert, das Familienleben der eingeborenen Arbeiterkräfte ge⸗

fördert wird und die Arbeits⸗ und Lohnverhältnisse auf Grund des freien Arbeitsvertrages geregelt werden.

Referent ist der Abg. Keinath (nl.). 8

Abg. Dittmann (Soz.): Seit 30 Jahren treiben wir Kolonial⸗ politik. Aber was jetzt in die Oeffen tlichkeit dringt, gibt keinen Anlaß, Jubiläen zu feiern. Auch der Traum von den südwestafrikanischen Diamanten beginnt zu verfliegen. Seit der Aera Dernburg ist ja manches besser geworden, aber das Grundübel, die kapitalistische Aus⸗ beutung und Unterdrückung der Eingeborenen, ist dasselbe geblieben. Was wir vorhergesagt haben, daß die Eingeborenen aussterben müssen, beginnen jetzt bürgerliche Kreise einzusehen. Das ist sicher auch die Ansicht der leitenden Kreise, aber die kapitalistische Profitgier gewisser Kreise verhindert, daß diese Erkenntnis sich für eine Aenderung der bestebenden Verhältnisse einsetzt. Man betreibt immer weiter den Schwindel, als ob unsere Kolonien Siedlungs⸗ land seien und in Afrika ein zweites Deutschland heranwachse. Dem konnte sich auch der Staatssekretär nicht entziehen, der in Südwestaftika davon sprach, daß hier ein zweites Deutschland entstehen würde. Das Klima verbietet in allen Kolonten weitere Ansiedlung. Deshalb müssen wir alles zur Erhaltung der Eingeborenen tun. Ein Kenner Südwest⸗ afrikas führte in der „Frankfurter Zeitung“ aus, daß dies Kolonie nie Siedlungsland werden könne. Dasselbe gilt für Ost⸗ afrika und die anderen Kolonien. In unseren Kolonien, die 5 ½ mal größer als Deutschland sind, wohnen ganze 24 389 Weiße. Unsere Kolonien sind also nicht das Dorado, denn sonst hätte sich schon längst ein Auswandererstrom dahin er⸗ gossen. Unsere eigenen Auswanderer gehen lieber in andere Erdteile. Dazu kommt, daß Deutschland selber ein Einwanderungsland geworden ist, das zur Bewältigung der eigenen Arbeit fremde Kräfte gebraucht. In einer Zeit, wo wir alles tun müssen, um die innere Kolonisation in Fluß zu bringen, ist es doch ein Unsinn, unsere Kolonien als Siedlungsland hinzustellen. Deutschland kann einen solchen Verlust von Arbeitskräften gar nicht vertragen. Die Weißen streben danach, in möglichst kurzer Zeit soviel zu erraffen, daß sie als gemachte Leute so schnell wie möglich die Kolonien verlassen können. Ein dauernder Aufenthalt der Weißen in den Kolonien ist überhaupt nicht möglich. Die Kolonisten sind weder Bauern noch Arbeiter, sondern Unternehmer, kleine Kapitalisten, die gern groß werden möchten. Die Produktion unserer Kolonien und der Konsum spielt für die heimischen Wirtschaftsverhältnisse keine ins Gewicht fallende Rolle. Aller⸗ dings hat sich der. Handel unserer Kolonien in 5 Jahren ver⸗ doppelt, aber gegenüber dem Gesamtbilde des deutschen Handels ver⸗ schwindet diese Zabl wie ein Sandkorn im Meere; es sind nur 3,5 % der deutschen Gesamtsteigerung. Deutschlands Handel mit der eng⸗ lischen Kapkolonte allein ist größer als sein Handel mit allen deutschen Kolonien zusammen genommen. Die Gewinnung von Kautschuk in unseren deutschen Kolonien ist sehr in Frage gestellt, da in anderen Ländern der Kautschuk viel billiger produziert wird. Man kann die Kautschukerzeugung nicht fördern; denn was heute mit Kautschuk geschieht, kann morgen in bezug auf Baumwolle, Kakao usw. geschehen. Die treibhausmäßige Plantagenkultur macht uns keineswegs vom Auslande unabhängig. Die großen Plantagen⸗ und Bergwerksgesellschaften in den Kolonien werden den internatio⸗ nalen Trusts beitreten, und unsere Industrie wird das Nachsehen haben. Der Bedarf an europätschen Waren ist bei den Negern ihrer Kultur entsprechend sehr gering. Der Hauptbedarf der Neger wird

die gestrigen Sitzungen des der Abgeordneten befinden

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neuerlich festzustellen. Rumänien wird nicht zögern, den Frieden, zu

keinerwegs ausschließlich oder überwiegend aus Deutschland

ezogen, sondern zum großen Teile aus England. Unsere Kolonien sind

also keine lohnenden Absatzgebiete für unsere heimische Industrie.

Unsere heimische Arbeiterklasse hat ein viel größeres Interesse an em Export nach kulturell hochstehenden Ländern und an einer Sozialpolitik größten Stils, nicht an einer Kolbonialpoltiik. Die bestehenden Erwerbsgesellschaften streben danach, möglichst große Profite zu erzielen, und das Reich unterstützt sie durch

Aufwendungen, durch Reichszuschüsse usw., die auch die

in Deutschland aufbringen müssen. Die Kolonien

lböst tragen nur den geringsten Teil ibrer Last. Der Boden

ür die kapitalistische Ausbeutung der Eingeborenen soll durch

diese Reichszuschüsse vorbereitet werden. Selbst die ärztliche Fürsorge nd Hygiene hat lediglich den Zweck, die Eingeborenen der

apitalistischen Ausbeutung auszuliefern. Dazu dient auch der Eisen⸗ bahnbau, z. B. der Ausbau der Mittellandbahn in Ostafrika. Dabei t der Wert dieser Bahn mehr als zweifelhaft, ebenso die Rentabilität;

er eigentliche Zweck ist ein militärischer. Der Bahnbau vermehrt die Zinsenlast der Kolonie und steigert wieder die teuerlast der Eingeborenen. Die kapitalistische Ausbeutung

sitzt den Eingeborenen wie ein Vampyr im Nacken. Die Aera

Dernburg mit ihrer kapitalistischen Ausbeutung hat den Kolonien nur neue Negerschinder gebracht. Selbst von bürger⸗ licher Seite ist das anerkannt worden. Ein Mitglied der Rechten hat aus einer Anzahl von Briefen geradezu erschütternde Berichte gegeben über die Verheerung, die der Kapitalismus unter den Eingeborenen anrichtet. Trotz der Eisenbahnbauten werden die Kolonien immer mehr entvölkert. Die Eingeborenen werden mit List und Gewalt aus ihrer Heimat verschleppt und zur Arbeit in den Kolonien gezwungen. Das gilt besonders von Kamerun und Ostafrika. Angeblich gibt es dort

keinen Arbeitszwang, aber tatsächlich besteht er doch. Der Neger, der

nicht 20 Tage im Monat arbeitet, wird nach dem Bezirksamt ge⸗ schleppt und dort verprügelt. Die Neger werden geschunden und ge⸗ quält. Es fehlt auf den Pflanzungen an den nötigsten hpgienischen Einrichtungen; Geschlechtskrankheiten usw. grassieren unter den Negern. Aerzte fehlen ebenso wie Krankenpfleger auf den Pflanzungen. Im Schwange dagegen und geradezu die Regel auf den Plantagen ist die Lohnprellerei; man schreibt statt der ganzen Arbeits⸗ tage nur halbe, Vtertel⸗ oder Sechsteltage an, das wird als Ergebnis der Revisionen in der amtlichen Denkschrift selbst fest⸗ gestellt! Ein Hohn auf die Wirklichkeit ist daher auch die Redensart vom freien Arbeitsvertrage, den der Neger mit den Plan⸗ tagenbesitzern abschließt. Der Neger wird überhaupt in unseren Kolonien nicht als Mensch behandelt. Während man den Negern ferner Löhne zahlt, die manchmal einige Pfennige täglich betragen, wird gleichzeitig die schamlose Klage über an⸗ dauerndes Steigen der Löhne erhoben, als ob schon der ganze Profit der Ausbeutungsgesellschaften in Frage stände. In Ostafrika ist der Durchschnittslohn von 1907 bis 1912, also in 5 Jahren, von 52 auf ganze 53 Pfennige gestiegen. Die Sklavenjagden dauern unvermindert fort; die schwarzen Polizeimeister fangen einfach die Leute aus dem Busch fort und schleifen sie an Ketten zur Zwangs⸗ arbeit; weigern sie sich, so werden sie geprügelt und geschunden. Die Eingeborenendörfer weisen vielfach nur noch Greise und Kinder auf; die Männer sind fort; die eingeborene Bevölke⸗ rung wird so spstematisch zugrunde gerichtet. Aber auch auf den Plantagen gehen die Neger durch die Mißhandlung, durch die Geschlechtskrankheiten, durch den Alkohol zu Grunde, die Sterblich⸗ keitsziffern sind erschreckend. Der Pater van der Burgt, der lange Jahre als Missionar in Afrika tätig ist, erklärt, daß durch diese Raubbauwirtschaft u. a. der Stamm der Wanjamwvesi der Vernichtung geweiht und dem Aussterben nahe ist. Professor Werstermann urteilt, daß diese Zustände eine direkte Folge unseres Kolonialsystems sind, leider folgert er aber nicht, daß keine neuen Plantagen mehr angelegt werden dürfen, sondern er will sich mit einer Verlangsamung des Tempos begnügen. Nur durch unseren Vorschlag, keine neue Plantagen mehr zuzulassen, nur durch die Inhibierung des europäischen Wirtschaftssystems der Aus⸗ raubung würde es möglich werden, den Eingeborenen Gerechtigkeit wider⸗ fahren zu lassen. Unser Vorschlag ist aber von allen bürgerlichen Parteien aufs brüskeste abgelehnt worden. (Der Präsident Dr. Kaempf rügt diesen Ausdruck.) Unsere jetzige Kolonialpolttik mutet an wie ein Stück aus dem Tollhause. (Der Präsident ruft den Redner für diesen Ausdruck zur Ordnung.) Ich habe das nicht auf die Person des Staatssekretärs bezogen (Präsident: Ich halte meinen Ordnungsruf aufrecht). Die Einführung unserer Kultur in diese Kolonialgebiete wird sehr schwer halten; ein Sprung über den Kilimandjaro ist ein Katzensprung dagegen. Auch für die Kolonien gilt das Wort: „Der Himmel ist hoch und der Zar ist weit“; nur an Ort und Stelle selbst, nicht aber von der Berliner Zentrale aus, kann Remedur gegen diese Kultur⸗ schande der Profitjägerei geschaffen werden, die kein Interesse an einer wirklichen Kultioterung der Schutzgebiete, die nur Interesse an der kavpitalistischen Ausbeutung hat. Der Haus⸗ sklaverei sollte mit allen Mitteln sofort ein Ende gemacht werden. Vor Jahren wußte man den Reichstag damit zu gewinnen, daß es eine Knulturtat gegen die Araber gälte; heute sträubt man sich gegen die Aufhebung der Haussklaverei. Der Westen von Deutsch Ostafrika im Gebiet der großen Seen ist dicht besiedelt, etwa so stark wie Pommern und Posen; hier gewährt die primitive Jägerkultur dem Eingeborenen seine Existenz⸗ und die Fortpflanzungsmoglichkeit. Da ist die Be⸗ fürchtung nur zu sehr am Platze, daß die Eisenbahn nur zu bald zur Unterjochung dieser Stämme führt. Schon will man Kopfsteuern einführen, den Vorläufer der Geldwirtschaft; kommt noch die Einführung des Begriffs des Grundeigentums hinzu, dann ist man von dem Ziele der Proletarisierung des ganzen Gebiets nicht mehr weit entfernt. Ein Plan⸗ tagenbesitzer drückte in einem Briefe die Hoffnung aus, daß Ruanda ihm ein gutes Arbeitermaterial liefern werde, und erwartet, daß in 20 Jahren die Leute dann freiwillig als Arbeiter kommen werden. Wie diese freiwillige Anwerbung geschiebt, wissen wir ja alle. Ist aber erst einmal die kavpitalistische Profitwirtschaft in Ruanda, dann werden sich die Eingeborenen die Unterdrückung nicht gefallen lassen, und es muß zu einem Auf⸗ stande kommen, gegen den der in Südwestafrika ein Kinderspiel war. Handelt es sich hier doch um eine Bevölkerung von 3 Millionen. Daß ich nicht schwarz in schwarz male, zeigen die bisherigen Er⸗ fahrungen. Das Profitinteresse muß deshalb aus der Kolonisation ausgeschaltet werden. Solange dies nicht geschieht, lehnen wir jede Verantwortung für unsere Kolonialpolitik ab. Das Gedeihen der britischen Kolonien beruht. zum großen Teil auf der größeren wirtschaftlichen Freiheit der Ein⸗ geborenen. Die Kulturfähigkeit der Eingeborenen zu fördern, sind wir jederzeit bereit, und wir werden auch Geld für Pflanzungs⸗ versuche und zur Anleitung der Neger in der Bodenbearbeitung und der Viehzucht bewilligen. Deshalb werden wir für die Resolutionen der Budgetkommission stimmen, die dazu einen schwachen Ansatz bieten.

luß des Blattes.)

Wohlfahrtspflege.

Die beiden staatlich anerkannten Oberlinseminare in Berlin C., Oberwallstr. 21 (Erxternat) und das Oberlinseminar des Diako⸗ nissenmutterhauses in Nowawes (Internat) bieten Ausbildung zu evangelischen Kleinkinderlehrerinnen in einjährigem Kursus mit dem für Familienstellungen in Betracht kommenden Befähigungszeugnis für Unterricht in den beiden ersten Schuljahren. Zur Aufnahme in das Seminar sind erforderlich gute Schulbildung und vollendetes 16. Lebensjahr. Auskunft erteilt der Pfarrer Hoppe, Direktor des Oberlinhauses zu Nowawes, und die Diakonisse Marie Seeling, Berlin NW., Wikinger Ufer 9, von 3 ½ —5 Uhr Nachmittags.

9 Kunst und Wissenschaft.

Eine Sammlung alter deutscher Beschwörungs⸗ formeln. Die Unruhe des modernen Lebens übt einen verflachenden Einfluß bis in die Tiefen des Volksgemüts aus, der sich namentlich auch in dem Verlust alter Ueberlieferungen bekundet. Wenn sich nicht beizeiten Leute gefunden hätten, die sich um eine planmäßige Sammlung der Volksmärchen bemühten, so wäre bis auf den beutigen Tag von diesen Schätzen sicher vieles verloren gegangen. Es läßt sich aber kaum behaupten, daß auf dem Gebiet der Volkskunde schon alles geschehen wäre, was notwendig ist. Auf eine solche Lücke hat jetzt der Verband deutscher Vereine für Volkskunde hingewiesen, gleichzeitig Maßnahmen zu ihrer Ausführung getroffen. Es sollen nämlich möglichst viele magische Formeln, die sich meist aus uralter Zeit im deutschen Volk noch erhalten haben, gesammelt werden. Dazu gehören nicht nur die sprachlichen Ausdrücke des Segnens und Versegnens, des sogenannten Verredens und dergl., sondern auch bildliche Zeichen, die zu gleichem Zweck verwandt werden. Die Forschung soll sich auf das ganze deutsche Sprachgebiet erstrecken, also auch auf Teile von Oesterreich, Ungarn und der Schweiz. Man kann diesen Plan nicht genug loben, denn es läßt sich erwarten, daß ein großer Reichtum an Ueberlieferung dadurch zutage gebracht werden wird, der seine Wurzeln in den äußersten Tiefen der Volks⸗ seele hat. Der Verband hat einen Aufruf erlassen, um möglichst viele Mitarbeiter beranzuziehen, und nicht nur bezeichnet, wie ge⸗ sammelt werden soll, sondern auch eine Reihe bekannter Segens⸗ und Zauberformeln gegeben. Es sollen danach gesammelt werden zunächst alle Formeln der Besprechung und Beschwörung, die entweder jetzt noch in mündlichem Gebrauch sind, oder sich wenigstens im Gedächtnis älterer Leute erhalten haben. Darunter „Heilsegen für Krankheiten und Verletzungen von Menschen und Vieh, Schutzsegen gegen alle, Mensch, Haus, Vieh und Acker bedrohenden Gefahren. Bannungen von Feinden, Dieven, Geistern, Unwettern und Feuersbrünsten, alle Ver⸗ wünschungen sowie Sprüche zum Anhexen von Urglück jeder Art. Be⸗ schwörungen von Glücksruten und Heilkräutern. Besegnungen in Handel, Ackerbau und Viehzucht.“ Finden sich schriftliche Aufzeichnungen, so müssen sie angekauft oder wenigstens leihweise erworben oder abgeschrieben werden. Solche Schriften sind unter den verschiedensten Namen als Brauchbücher, Sympathiebücher, Gesahnebücher, Haus⸗ und Rezept⸗ bücher, Kunst, und Zauberbücher bekannt. Eine Auskunft über Alter und Herkunft wird selbstverständlich wertvoll sein. Eine Abschrift muß sich sehr genau an den Text halten und diesen Buchstaben für Buchstaben wiedergeben. Manches davon ist schon in der ersten Zeit der Buchdruckerkunst vervielfältigt worden. Man denke nur an die Zauberbücher, wie Fausts Höllenzwang, das 6. und 7. Buch Mosis und andere. Einzelne Erzeugnisse gehen unter dem Namen von Himmelsbriefen, Schutz⸗ und Trutzzetteln, Tobiassegen, Gichtbriefen usw. Eine besondere Gruppe nehmen noch die volks⸗ tümlichen Gebete ein, denen ein gewisser Zauberwert beigelegt wird, z. B. die sieben Himmelsriegel, die sieben Schloß, das goldne Ave Maria. Als Zentralstelle für die Sammlung ist die Universitäsbibliothek in Gießen angenommen worden, während die für das Unternehmen gebildete Kommission aus einer größeren Zahl von Gelehrten an mehreren Hochschulen zusammen⸗ gesetzt ist. Bei Benutzung dieser Formeln ist auf möglichst viele Umstände zu achten, ob sie in bestimmten Jahreszeiten, Tageszeiten, Mondvhasen, ob sie nur an gewissen Tagen gesprochen werden, ob ihre Wirkung an bestimmte Orte oder Richtungen gebunden sein soll, ob beim Sprechen ein gewisser Tonfall beobachtet wird und vieles andere. Eine genaue Uebersicht über die Anforderungen und Wünsche hat Dr. Armin Tille im Februarheft der „Deutschen Geschichtsblätter“ veröffentlicht.

Laibach, die Hauptstadt von Krain, ist der Sitz einer Erd⸗ bebenwarte, die es schnell zu einer Berühmtheit in der Wissen⸗ schaft gebracht hat, weil ihre nähere Umgebung besonders häufig von Erdbeben heimgesucht wird. Nach der Vervollkommnung der Erdbebenmessungen aber haben solche Warten einen weit größeren Kreis der Tätigkeit erhalten. Heftige Erdbeben machen sich für die empfindlichen Instrumente auf dem ganzen Erdenrund bemerkbar, und es sind auch schon Mittel ge⸗ funden worden, die Herkunft der Erdbebenwellen selbst bei sehr großer Entfernung des Herds festzustellen. So hat Professor Belar in Laibach in den Morgenstunden des 12. Januor eine deutliche Aufzeichnung eines Fernbebens erhalten, das sich durch schwache Er⸗ zitterungen des Apparates ankündigte und dann recht erhebliche. Aus⸗ schläge des Schreibstifts verursachte. Professor Belar kam bald zu der Ueberzeugung, daß diese Erschütterung von dem fernen Japan ausging, und dieses Gutachten erhtelt eine glänzende Bestätigung. Im südlichen Japan waren an jenem Tage nicht weniger als 337 Erd⸗ beben beobachtet worden. Das stärkste war in Nagasaki um 6 Uhr 29 Minuten 27 Sekunden verzeichnet, und Professor Belar hatte die Entstehung des in Laibach aufgenommenen Erdbebens auf 6 Uhr 29 Minuten 2 Sekunden japanischer Zeit verlegt. In Japan wurde das Erdbeben auch von Menschen sehr heftig empfunden. Die Erde schien mehrmals krampfhaft in die Höhe zu springen und ihre Bewegung war 2 Minuten lang so stark, daß es schwer war, sich auf den Beinen zu halten. Von besonderer Wichtigkeit ist die Frage, ob das Erdbeben mit dem Ausbruch des Sakura in der Bucht von Kagoschima in Verbindung zu bringen ist. Für den Laien liegt dieser Schluß nahe, aber der Fachmann weiß, daß Erdbeben vpulkanischen Ursprungs meist dicht unter der Erdoberfläche entstehen und sogar die feinsten Instrumente zur Erd⸗ bebenmessung in größerem Abstand nicht beeinflussen. Sollte dennoch der Zusammenhang mit dem Ausbruch erwiesen werden, so wäre damit das erste Beispiel eines vulkanischen Erdbebens gegeben, dessen Stöße sich durch einen ganzen Kontinent von der Breite Eurasiens fortge⸗ pflanzt haben. Es bliebe noch die Möglichkeit, daß das Erdbeben nicht als Folge, sondern als Ursache des heftigen Vulkanausbruchs zu betrachten wäre. b

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Auf vielfach geäußerten Wunsch wird die Sonderausstellung von Werken Schinkels im Schinkel⸗Museum der Technischen Hochschule in Charlottenburg von jetzt unentgeltlich geöffnet sein: am Montag, Mittwoch, Freitag von 10—4 Uhr, und am Sonntag von 10—1 Uhr, und zwar bis zum 31. d. M. 8

Literatur.

Von dem reichillustrierten Lieferungswerk „Der Mensch und die Erde“, das Hans Kraemer zusammen mit zablreichen Fach⸗ männern im Verlag von Bong u Co. in Berlin und Leipzig heraus⸗ gibt, liegen die Lieferungen 192 197 (zweite Gruppe) vor. Sie enthalten den Abschluß des eingehenden Aufsatzes von Eduard Krause⸗ Berlin über die Entwicklung der Fischerei und eine Abhandlung des Professors Dr. Karl Eckstein⸗Eberswalde über die Gewinnung und Verwertung der Schätze des Meeres. Jede Lieferung kostet 60 ₰.

Verkehrswesen.

Am 1. April wird in Berlin, Elberfelder Straße 21, unter der Bezeichnung Berlin NW. 107 eine Postanstalt mit Tele⸗ graphenbetrieb, aber ohne Paketannahme, eröffnet werden.

Gesundheitswesen, Tierkrankheiten und Absperrungs⸗ maßregeln.

Wie aus Brest gemeldet wird, sind von etwa 3000 Matrosen der Geschwadermannschaften über 400 an Scharlach, Grippe und

Lungenentzündung erkrankt. 8 8

A. F. In der 335. Versammlung des Berliner Vereins für Luftschiffahrt am 2. März sprach der Ingenteur Gerhard

eSelbsttätige Gleichgewichtsregler für Flugzeuge“, be⸗ kanntlich eine der wichtngsten Fragen für die Entwicklung des dynamischen Fluges, mit deren möglicher Lösung unter den hervor⸗ ragendsten Flugtechnikern augenblicklich vor allen Orville Wright beschäftigt ist, der noch jüngst sich darüber ausgesprochen hat. Gegenüber dem von französischen Flugtechnikern betriebenen Plane, mit einem 10 Personen aufnehmenden Riesenflugzeuge, das mit einem Motor von 400 PS. ausgerüstet werden soll, den Ozean zu kreuzen, hält Orville Wright an der Ansicht fest, daß dieser Plan utopisch und, wenn versucht, sich als verderblich erweisen würde. Nach ihm ist dagegen der Einzelflug über den Ozean gefahrlos ausführbar, wenn die Auf⸗ gabe sicherer und selbsttätiger Gleichgewichtsbewahrung vorher gelöft sein würde. Die Frage gehört deshalb z. Z. zu den im Vordergrund des Interesses stehenden und der Vortragende durfte auf eine auf⸗ merksame Zuhörerschaft für sein Thema rechnen, wenn auch nicht zu leugnen ist, daß in Deutschland dank den Leistungen der einheimischen Flugtechnik in den Konstruktionen „V“, „Zanonia“ und „Pfeil“ ein großes Maß von Zuverlässigkeit und Gefahrlosigkeit in dem wichtigen Punkte gegeben ist, das bei uns die Lösung der Aufgabe weniger dringlich erscheinen läßt. Dennoch bildet sie den Gegenstand vielseitiger Erörterung, und Orville Wrights Plan, das „Pendel“ zum wichtigsten Organ der Stabilisierung zu machen, begegnet theoretisch auch bei uns so vielseiniger Kritik, daß es sich wohl lohnt, ihn im Vergleich mit anderen vorgeschlagenen Mitteln zu gleichem Zweck zu erwägen. Dieser Absicht gab Ingenieur Gohlke, die verschiedenen Gegenvorschläge beleuchtend, in wohl durch⸗ dachten, durch Lichtbilder unterstützten Erläuterungen Ausdruck. Obenan stehen ihm unter den Einwänden gegen Wright die von Prandtl ins Feld geführten Untersuchungen über die Relativbewegungen eines im doch selbst bewegten Flugzeug frei beweglichen Pendels. Sie sind, nach Meinung des Redners, von fast allen anderen mit der Frage sich ernstlich beschäftigenden Erfindern bisher nur ungenügend be⸗ rücksichtigt worden. Soll das Pendel auf das Flugzeug stabtlisierend wirken, muß ihm erst selbst Stabilität gegeben werden, und Prandtls Vorschlag zu diesem Zweck, der auf Ausschaltung der Schwerkraft und ihren Ersatz durch in Beziehung zu den Luftkräften stehende Beschleunigungen binausläuft, ist so wohlüberlegt, daß er vollste Beachtung verdient. Als ein Irrtum wurde es von dem Vortragenden bezeichnet, daß nach Ansicht eines Erfinders die vom Pendel erzeugten Flugzeug⸗ schwingungen einer Dämpfung bedürften. Dagegen sindet ungenügende Würdigung der wichtige Grundsatz einer dem Flugzeug durch seine Konstruktion zu gebenden und zuverlässig zu erhaltenden Mindest⸗ Relatiogeschwindigkeit zur Sicherung seiner Stabilität. Ganz unab⸗ hängig von anderen Vorschlägen hat der Franzose Doutre einen auf dem Gesetz der Massenträgheit beruhenden Stabilisator erfunden. Er scheint der Beachtung mehr wert als verschiedene andere Kon⸗ struktionen, welche Fühlflächen und den Kreisel zur Erreichung von Stabilität zu Hilfe rufen, aber geringe Aussicht haben, es zu einem Erfolge zu bringen wegen der von diesen Organen hervorgerufenen, dem Zweck ihrer Anbringung entgegenwirkenden Schwingungen des Flugzeuges. Alles in allem genommen, darf nach Ansicht des Redners den Vor⸗ schlägen Orville Wrights z. Z. die größte Bedeutung unter allen Ver⸗ suchen in gleicher Richtung zugesprochen werden, und man wird dem bewährten Erfinder, der seine Untersuchungen bis zu erfolgreichem Ausgang zu führen wiederholt zugesagt, Zeit zur Erfüllung seines Versprechens lassen müssen. Gespannt darf man darauf sein, wie er den im vorstehenden berührten Schwierigkeiten begegnen wird, die der Anwendung von Pendel in Verbindung mit Fühlflächen entgegenstehen, an denen, sicherem Vernehmen nach, Wright bisher als an den geeignetsten Mitteln festhält. Der gedankenreiche und die schwierigen Fragen lichtvoll er⸗ örternde Vortrag erntete allgemeinsten Beifall. Aus den weiteren Verhandlungen ist eine Mitteilung des Vorsitzenden, des Geheimrats Professor Dr. Miethe, von allseitiger und das Interesse an dem Verein sicher kräftig fördernder Bedeutung, wonach auf Beschluß des Vorstands die Bewilligung von Mitteln verfügt worden ist, um die Unkosten von 15 Ballonfreifahrten bezw. 30 halb⸗ freien Ballonfahrten zu decken, die unter die Mitglieder verlost werden sollen, selbstverständlich nur unter der Zahl derjenigen, die geneigt und bereit sind, einen auf sie fallenden Gewinn durch Teil⸗ nahme an einer Ballonfahrt wahrzunehmen. Meldungen sollen innerhalb zweier Wochen an die Geschäftsstelle erfolgen.

Verdingungen. (Die näheren Angaben über Verdingungen, die beim „Reichs⸗ und Staatsanzeiger“ ausliegen, können in den Wochentagen in dessen Expedition während der Dienststunden von 9—3 Uhr eingesehen werden.) Türkei.

Kaiserlich ottomanische Staatsschuldenverwaltung in Kon⸗ stantinopel: Verpachtung der Fischeretrechte im See Eftini bei Bolou (Adabazar) auf 2 Jahre vom 14. März d. J. ab. Angebote an die Hauptdirektion der genannten Verwaltung oder an ihre Agenturen in Bolou und Adabazar. 1 8

Theater und Musik.

Kammerspiele des Deutschen Theaters.

„Vom Teufel geholt“, ein Schauspiel in vier Akten des Norwegers Knut Hamsun, ist der gänzlich mißlungene Versuch eines Erzählers, für die Bühne zu schreiben. Wäre dieses Stück, das man gestern in einer vier Stunden währenden Aufführung über sich ergehen lassen mußte, das Werk eines Unbekannten, es wäre gewiß nicht zu Ende gespielt worden. Das literarische Publikum der Kammerspiele hörte aber gesittet bis zum Schlusse zu und ließ zuletzt auch nur ein ganz gesittetes Zischen vernehmen, als der Titel des Werkes endlich zur Tat wurde. Hamsun, der, wie man aus seinen Werken weiß, den Wahlspruch „Ehret die Jungen“ auf seine Fahne geschrieben hat, ist auf das Alter schlecht zu sprechen; die verbrecherischsten Neigungen schreibt er aber hier einer Frau zu, die nicht altern will. Sie, die einst gefeierte Brettldiva, hat einen vermögenden, fast verblödeten Greis geheiratet, mit dessen Gelde sie den Schein der Jugendlichkeit aufrecht zu erhalten sich bemüht; sie unterhält einen Gesinnungslumpen als Liebhaber und unterstützt einen verkommenenen Kaffeehausmusiker, der einst Zeuge ihres Künstlerruhms war, weil er die Fiktion, als sei sie immer noch die gefeierte Sängerin von einst, aufrechterhält. Aber der Ge⸗ sinnungslump betrügt und verläßt sie, der Kaffeehausmusiker macht sich im Rausche über sie lustig, und ein aus Argentinien zurückgekehrter Jugendfreund, der einst für sie geschwärmt hatte, wendet sich von ihr ab einem unbedeutenden jungen Mädchen zu. Bei der Betrachtung einer Giftschlange, die der Argentinier mitgebracht hat, stößt sie in einer Aufwallung rasender Eifersucht die Hand der jugendlichen Neben⸗ buhlerin in den Schlangenkäfig, aber nicht das Mädchen wird ge⸗ bissen, sondern der hinzuspringende Argentinier, der an der Wunde stirbt. Merkwürdigerweise hat dieser einzige dramatische Moment des Schauspiels kein polizeiliches und gerichtliches Nachspiel; der Teufel, der diesen gealterten weiblichen Don Juan zuletzt holt, ist kein Häscher, sondern der ihr von dem sterbenden Argentinier hinterlassene Nigger⸗ boy, der der letzte ihrer Liebhaber werden wird. Wie anders hätte Strindberg diese Frauengestalt, die seinem Hirn entsprungen sein könnte, auf der Bühne geschildert! Hamsun zieht, anstatt sie zu konzentrieren, die dürftige Handlung breit auseinander und läßt ganz unbeholfen, unter völliger Mißachtung von Rede und Gegenrede, einzelne Personen lange Monologe halten, während welcher die anderen Darsteller auf der Bühne feiern müssen. Diese Geduldsprobe hält der Zuschauer auf die Dauer nicht aus, auch wenn ihm aus manchen Zügen offenbar wird, daß hier in einer Kunstform, die er ganz und gar nicht beherrscht, doch ein Dichter spricht. Wo blieb da die nachhelfende Hand des Dramaturgen, wo der Rotstift des Regisseurs? Der in diesem Falle allzu pietätvolle Regisseur war Max Reinhardt, der vergeblich bemüht war, im Verein mit seinen vortrefflichen Darstellern den Vorgängen auf der Bühne Leben einzuflößen. Am besten gelang das noch Gertrud

Gohlke⸗Berlin⸗Steglitz unter Begleitung von Lichtbildern über

Eysoldt in der weiblichen Hauptrolle und Rudolf Schildkraut, der den 8 8