1920 / 216 p. 4 (Deutscher Reichsanzeiger, Fri, 24 Sep 1920 18:00:01 GMT) scan diff

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Eine litauische Patrouille, die sich zu weit

See Gluch beschossen. ille, Die Litauer haben ihre

vorgewagt hatte, wurde gefangen genommen. Stellungen verstärkt. Schweden. UMeber die Reichs tagswahlen berichtet „Wolsfs Tele⸗ graphenbüro“, daß bisher 182 Reichstagsabgeordnete gewählt sind, davon 68 Sozialdemokraten, 57 Konservative, 34 Liberale und 20 von den beiden Bauernorganisationen sowie 3 Links⸗ sozialisten. Die Rechtssozialisten haben 7 Sitze verloren, die Linkssozialisten 5 und die Liberalen 11; die Konservativen haben 12 Sitze gewonnen und die Bauernorganisationen 9. Die Stimmenzahl der Rechtssozialisten beträgt 170 000 mit einem Rückgang von 28 682 Stimmen, die der Konservatipen 146 627 mit einem Zuwachs von 6441 Stimmen, die der Liberalen 108 644 mit einem Rückgang von 46 230 Stimmen und die der beiden Bauernorganisaticnen 71 193 mit einem Zuwachs von 15 752 Stimmen. Die Stimmenzahl der Links⸗ sozialisten beträgt 30 844 mit einem Rückgang von 8850 Stimmen.

Schwweiz. Das Schiedsgericht für die im Friedensvertrag ange⸗ fahrien Streitfragen zwischen Belgien und Deutsch⸗ and hält gegenwärtig in Genf seine erste Sitzung ab, um das Verfahren festzustellen. Es besteht aus drei Schiedsrichtern, dem Belgier Alberie Rollin, früherem Vorsteher der Advo⸗ katenschaft und Professor an der Universität Gent, dem Deut⸗ schen Richard Hoene, Oberlandesgerichtsrat, Geheimem Justiz⸗ rat in Frankfurt a. M., und Paul Moriaud, Doyen der juristischen Fakultät der Universität Genf, als neutralem Präsidenten des Schiedsgerichts.

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Preußische Landesversammlung. 157. Sitzung vom 23. September, Nachmittags 1 Uhr. (Bericht des Nachrichtenbüros des Vereins deutscher Zeitungsverleger“*).)

Präsident Leinert eröffnet die Sitzung mit folgender Ansprache:

Nach Artikel 34 des Friedensvertrages von Versailles sollen während sechs Monate nach Inkrafttreten des Friedensvertrages von der belgischen Behörde in Eupen und Malmedy Listen ausgelegt werden; die Bewohner dieser Gebiete waren berechtigt, darin schrift⸗ lich den Wunsch auszudrücken, daß diese Gebiete ganz oder teilweise unter deutscher Souveränität verbleiben. Ich habe schon einmal, am 20. April d. J., Gelegenheit gehabt, namens der Landesver⸗ sammlung gegen die Vergewaltigung der deutschen Bevölkerung in den Kreisen Cupen und Malmedy Protest einzulegen, weil ihre Be⸗ rechtigung, schriftlich den Wunsch auszudrücken, daß diese Gebiete ganz oder teilweise unter deutscher Souveränität bleiben sollen, von den belgischen Behörden verhindert worden ist. Dieser Protest ist erfolglos geblieben. Durch Ausweisungen, absichtliche Verzöge⸗ rungen und andere Schwierigkeiten der belgischen Behörden konnte dieser Wunsch nicht zum Ausdruck gebracht werden. Trotzdem hat der Völkerbundsrat entschieden, daß die Souveränität über diese beiden Kreise auf Belgien übergeht. (Hört! Hört!) Dagegen legen wir Verwahrung ein. Und wir protestieren gegen diese das Recht der dortigen Bebölkerung vernichtende Entscheidung. (Bravo.) Die Staatsregierung hat sofort Veranlassung genommen, gegen die Ent⸗ cheidung des Völkerbundes Einspruch zu erheben, und hat folgende

lingabe an die Reichsregierung gexichtet: „Die preußische Staats⸗ regierung ist der Auffassung, daß die Entscheidung des Völkerbundsrates, durch die die Souveräntkät über die Kreise Eupen und Malmedy endgültig an Belgien übertragen wird, der Rechtsgrundlage ent⸗ behrt. Nach Artikel 34 des Versailler Vertrages ist die Entschei⸗ dung an die Voraussetzung gebunden, daß ihr eine Volksbefragung im Rahmen des Absatzes 2 des Artikels 34 vorausgeht. Zwischen Deutschland und den alliierten Mächten herrschte Uebereinstimmung darüber, daß für die gesamte Bevölkerung die Möglichkeit einer freien und unbeeinflußten Willensäußerung gewährleistet sein müßte und daß das Ergebnis dieser Volksbefragung für die Ent⸗ scheidung des Völkerbundes maßgebend sei. Die alliierten Regie⸗ rungen haben dies in ihrer Note vom 16. Juni 1919 feierlich an⸗ erkannt. Der Völkerbund hat diesen wichtigen, unter den Parteien unstreitigen Punkt des Versailler Vertrages bei seiner Entscheidung nicht beachtet. Durch unwiderlegliche Dokumente hat die deutsche Regierung nachgewiesen, daß die Listen viel zu kurze Zeit ausgelegt waren, als daß eine Eintragung aller oder auch nur der Mehrzahl der Einmwohner rein technisch durchzuführen gewesen wäre, und daß weiterhin die belgischen Behörden die Freiheit der Willensäußerung der in beiden Kreisen weit überwiegenden deutschen Bepölkerung hbewußt und in rechts⸗ und vertragswidriger Weise beeinflußt haben. Die in dem Art. 34 vorgesehene Möglichkeit einer Befragung der gesamten Bevölkerung, deren Ergebnis der Entscheidung des Pölker⸗ bundes zugrunde zu legen war, hat demnach tatsächlich nicht be⸗ standen. Die Entscheidung des PVölkerbundrates widerspricht dem Wortlaut und dem Sinn des Art. 34 des Versailler Friedens⸗ vertrages und dem von den Nationen anerkannten Grundsatz des Selbstbestimmungsrechts der Völker. Die Bedingungen, unter denen allein Deutschland in eine Abtretung seiner Souveränitäts⸗ rechte gewilligt hat, sind demnach nicht hefolgt worden. (Sehr wahr.) Das Rechtsempfinden des ganzen Volkes kann und wird diese Entscheidung niemals als bindend anerkennen (lebhafte Zu⸗ stimmung) und sieht darin keinen Rechtstitel für den Raub dieses veutschen Landes. Die preußische Staatsregierung bittet die Reichsregierung, dem Bölkerbundsrat dies zum Ausdruck zu bringen und gegen seine Entscheidung seierlichst Rechtsverwahrung einzu⸗ legen.“ (Lebhafter Beialh Ich werde darüber abstimmen lassen, ob die Landesversammlung sich diesem Protest der Staatsregierung anschließt. Ich bitte diejenigen Mitglieder der Landesversammlung, die diesem Protest sich anschließen, sich zu erheben. (Sämtliche Mitglieder erheben sich.) Ich stelle fest, daß die gesamte Landes⸗ versammlung sich diesem Protest angeschlossen hat. (Beifall.) Mit dieser Zustimmung zu dem Protest der Staatsregierung hat die Landesversammlung zum Ausdruck gebracht, daß auch sie den Ueber⸗ gang dieser deutschen Bevölkerung an Belgien niemals als bindend an⸗ erkennt. (Zustimmung.) Der Vöfkkerbundsrat hat durch seine Entschei⸗ dung die ihm im Friedensvertrag auferlegte Verpflichtung, in voller Gerechtigkeit die internationalen Beziehungen aufrechtzuerhalten und nur die Gerechtigkeit herrschen zu lassen und ferner alle Vertrags⸗ verpflichtungen in den gegenseitgen Beziehungen der organisierten Völker peinlich zu achten, mit Füßen getreten. (Sehr wahr!) Wir begrüßen die deutsche Bevölkerung der Kreise Eupen und Malmedy in dieser schweren Stunde als zu uns gehörig. Wir bitten die dortige Bevölkerung, niemals zu vergessen, daß dieses furchtbare Unrecht, das die Entscheidung des Voöllerbundes darstellt, nicht nur von dem preußischen, sondern von dem ganzen deutschen Volke nicht anerkannt wirdl (Lebhafte Zustimmung.) Wir betrachten sie als unsere Volksangehörigen und erwarten mit ihnen, daß dieser Be⸗ schluß des Völkerbundsrates bald eine Aenderung exfährt, die sich gründet auf eine dem Recht und der Gerechtigket entsprechende Selbstbestimmung der Völker. (Lebhafter Beifall.)

Auf der Tagesordnung stebt unächst eine große Anfrage des Abgeorndneten Dr. Faßbendeg (Zentr.) über die Ent⸗ sittlichung des Volkes durch Nacktvorstellungen in Verbindung mit der Bofafbng eines Antrages des Abg. Mentzel⸗ Stettin (D. Nat.) gegen die unsittliche Literatur. Die große Anfrage des Abg. Dr. Faßbender nimmt Bezug auf

9 Mit, Ausnahme der Reden der Herren Minister, die im

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eine Kritik des „Berliner Tageblatts“ über eine „Tannhäuser Vorstellung in einem Berliner Theater, in der schärfster Protest gegen die Einfügung eines naturalistischen Balletts erhoben wird. Der Interpellant beschwert sich darüber, daß nach den Reklamen an den Anschlagsäulen solche Nackttänze immer mehr Verbreitung zu finden cheinen und daß schamlose Schaustellungen nackter Körper nicht allein Wüstlingen vor⸗ geführt werden, sondern daß auf diese Weise die sittlichen An⸗ schauungen breiter Volksmassen auf schmutzige Abwege geleitet werden. Abg. Dr. Faßbender (ZSentr.): Nach jedem Krieg und Revolution ist ein Niedergang der Sittlichkeit zu ver⸗ So weit sich die Unsittlichkeit in der Oeffentlichkeit breit macht, hat der Staat die Mittel, gegen sie einzuschreiten. Auf die einzelnen Erscheinungen will ich nicht eingehen, ich würde für sie nur die beste Reklame machen, ich stehe aber jedem Abgeordneten mit meinem Material gern zur Verfügung. Be⸗ sonders verwerflich ist die schamlose Schaustellung nackter Körper,

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jeder zeichnen.

die nun auch schon auf den Rummelplätzen stgt hindet Mit dem

Kinogesetz sind gewisse Schäden ausgerottet durch die Einführung der Konzessionspflicht, wodurch unzuverlässigen Kinobesitzern der Betrieb ganz oder für Jugendvorstellungen untersagt werden kann. Auch die Ruͤcksicht auf das Ausland muß zu Maßnahmen drängen. Die Kinozensur genügt nicht, wir müssen auch zu e ner Theater⸗ zensur kommen. Wer für die ewigen Werte der Sittlichkeit kein Verständnis hat, der sollte sich wenigstens von der Rücksicht auf die Volksgesundheit leiten lassen und zu einer Gesundung unseres Theaterwesens die Hand bieten. In Theatern, Varietés und Kaba⸗ retts werden nicht nur vielfach äußerst schlüpfrige Darstellungen ge⸗ boten, vielfach wird auch die Reinheit und die reine Mütterlichkeit verspottet. In Berlin existiert ein Blatt, das zum allergrößten Teil Inserate zur Anbahnung unsittlicher Verhältnisse, normaler und perverser Art enthält. Für den Jugendschutz kommt namentlich eine Kontrolle des Anschlagwesens in Betracht. Wer heranwachsende Kinder hat, muß sich fast scheuen, mit ihnen über die Straße zu gehen. Die Berliner Polizei ist sicherlich vom besten Willen beseelt, Aenderung zu schaffen, aber die Staatsanwaltschaft läßt es an der nötigen Entschiedenheit fehlen. Sehr bedenklich ist auch der Betrieb der Automatenläden, wo jungen Burschen das Geld aus der Tasche gelockt wird. Die Hauptversammlung der katholischen Jugendpflege hat bestimmt formulierte Forderungen an die Regierung gestellt. Besonders muß eine Konzession für den öffentlichen Verkauf von Druckschriften verlangt werden. Es handelt sich um Fragen von größter Kulturbedeutung, deshalb muß durch die viangancn Regie⸗ rung die Reichsregierung aufgefordert werden, den Uebelständen zu Leibe zu gehen. Es gehört keine Prüderie dazu, die Zustände in Berlin für unwürdig und gefährlich zu halten, deshalb bitte ich die Regierung, nach dem Rechten zu sehen und es dabei an dem nötigen Ernst nicht fehlen zu lassen. (Beifall.)

Abg. Mentzel⸗Stettin (D. Nat.): Unser Antrag ist aus der Not der Zeit geboren. Auch Regierungen und Parlamente haben in diesen Fragen, die ein furchtbares Geschwür am deutschen Volkskörper sind, mitzuwirken. Ganz gewiß sind die Probleme, die hier vorliegen, für den Wiederaufbau von außerordentlicher Bedeutung. Auch auf sittlichem Gebiete muß eine Schutzmauer errichtet werden; der moralische Niederbruch weiter Kreise des deutschen Volkes ist offenbar. Regierung und Parla⸗ mente haben in unverantwortlicher Weise unterlassen, hier bessernd einzugreifen. Frechheit und Gemeinheit breitet sich immer mehr aus, namentlich in den Großstädten. Wie Pilze schießen die Bücher, Bilder und Zeitungen aus der Erde, die sich mit schlüpfrigen Dingen befassen. Bei den Kinoreklamen sind die Abbildungen unsittlich, der Titel ist aufreizend, der Inhalt des Stückes schamlos. Ich be⸗ antrage, unseren Antrag dem Ausschuß für Bevölkerungspolitik zu überweisen. Unsere Jugend muß vor dem Schmutz bewahrt werden, demn sie ist unsere Zukunft. Wo bleibt die Polizei? Ich möchte dringend bitten, daß die Staatsregierung hierauf ihre ern,de Aufmerksamkeit richtet, daß an Orten, welche dem Publikum zu⸗ gängig sind, unzüchtige Schriften, Abhildungen aufgestellt oder sonst verbreitet werden. Woher beziehen die Verleger solcher Erzeugnisse das Papier? Die Zeitungen aller Richtungen haben mit Papier⸗ mangel zu kämpfen; auch sonst kann man oft eine wichtige Arbeit nicht drucken lassen, aber für diese Schmutzereien, die in großer Menge auf den Markt kommen, ist genug Papier vorhanden, Wie ist es ferner möglich, daß diese Schmutzliteratur auf den Bahnhösen verkauft werden darf? Wir verlangen, daß die Machtmittel des Staates uneingeschränkt hiergegen angewendet werden. Wir müssen uns zur Bekämpfung dieser furchtbaren Zustände zu⸗ sammentun. Es muß eine Auswahl guter Jugendschriften vorge⸗ nommen werden. Wir hoffen, auch die Unterstützung der anständigen Presse zu finden. Die schlüpfrigen Romane müssen aus der Tages⸗ presse verschwinden. Sie dürsen nicht auf den Bahnhöfen Perrauft werden. Es ist allerhöchste Zeit, daß Regierung und Parlamente sich ihrer Pflicht bewußt werden.

Ministerialdirektor Meister: weise verständlich); Die Regierung 88 bereit, die Be⸗ strebungen auf sittlichem Gebiete zu fördern und da helfend beizuftehen, wo es gilt, einzuschrpeiten. Man kann aber von der Polizei nicht verlangen, daß sie ihre Nufpfbe auf dem Ge⸗ biete der eEgeg.; der Unsittlichkeit der Presseerzeugnisse gewisse Grenzen gezogen sind. ür Abä 8

(Auf der Tribüne nur teil⸗

Auf die Vorschläge für Abänderung des Kinogesetzes will ich hier nicht eingehen. Wenn aber im Zusammen⸗ hang mit der Lichtspielzensur verlangt wurde, daß auch eine Theaterzensur neu eintreten möchte, so sind weite Kreise der Bevölkerung der Auffafsung, daß auf diesem Gebiet eine weitere Einschränkung der Aufführungsfreiheit von Theaterstücken nicht nötig ist. Bezüglich der Reklame hat die Staatsregierung bereits Schritte bei der Reichsregierung getan. Was die Nacktaufführungen betrifft, so schließt das Nackte an sich nicht das Künstlerische aus, aber es kommen auf diesem Gebiete quch Ausschreitungen vor. Es ist bereits eine Stelle eingesetzt, die sich angelegen sein läßt, diese Dinge zu beobachten, und auch der Justizminister hat die Gerichte und die Staatsanwälte angewiesen, diesen Dingen ihre Aufmerk⸗ samkeit besonders zu schenken. Die pornographische Literatur kommt zum Teil auch aus dem Auslande zu uns. Es gibt Vorführungen die den künstlerischen Ansprüchen durchaus gerecht werden, aber au eine Reihe anderer, die die schärffte Verurteilung verdienen. Es ist allerdings schwer, im einzelnen Fall zu entscheiden, wo die Grenze zu ziehen ist. Die erwähnte Vorstellung in Beplin ist zum Gegen⸗ stand eines polizeilichen und gerichtlichen Verfahrens gemacht worden. Die Regierung wendet also der ganzen Frage die größte Nöchnerefemnbent zu und ist bereit, an der Verbesserung der Verhält⸗ nisse mitzuwirken. (Beifall.) Abg. Meyer⸗Herford (D. V.): Der Tiefstand der deut⸗ schen Kultur beschränkt sich nicht auf Berlin. Das Wichtigste ist, die Mittel zur Volksgesundung anzugeben. Durch das Lilmgesetz ist schon eine Verbesserung eingetreten. Hier önnen wir die Zensur zulassen, 828 es sich um die Volks⸗ gesundheit handelt. Gegen die Nackttänze muß Stellung ge⸗ nommen werden. Zwar ist dem Reinen alles rein. Aber die große Masse wird nicht pom Füshitl uscseh Empfinden, sondern von Empfindungen der Sinnlichkeit berührt. Die Erklärung des Re⸗ gierungsvertreters ist mir nicht sympathisch. Ich hoffe, das Ober⸗ verwaltungsgericht wird die Regierung veranlassen, ihre Anschauung zu ändern und gegen die Nackttänze vorzugehen. Die unsittliche Litevatur hat einen erschrechenden Umfama angenommen. Dadurch wird nicht nux die Unsittlchkeit gesteigert, sondern auch die Kriminalitet 8 Durch unsittliche Litergtur werden in der Jugend alle sittkichen Widerstände beseitigt. Längst ist uns ein Reichstheaterge stz versprochen. Gegen die Theaterzensur gibt es allerdings Bedenken, und wir wollen auch nicht alles unter Zeynsur stellen, aber es gibt eine Grenze, und wir müssen den Schmutz bpfeiigeh Wie kommt es, in der Zeit der Papier⸗ kngppheit die Schmutzlitenatur immer Papier zur Verfügung dos⸗ Die Polizei kann nicht alles tun, aber sie muß mithelfen, die zußersten Mißstände zu bekaͤmpfen. Wenn die Polizeistunde für die Gastwirtschaften verteese wird, müssen auch die Nachtlokale verhindert werden, nach der Polizeistunde ihr Weiben zu beginnen.

Schließlich muß aber die Selbsthilfe des deulschen Volkes dazu kommen, die gesunde deutsche Familie muß für gute, deutsche Sitte eintreten, und Schule, Kirche und Presse. müssen mithelfen. Eine Konzentration dieser Bestrebungen zur sittlichen Ertüchtigung der Jugend muß in den Jugendämtern erfolgen. Man spricht so viel vom wirkschaflüchen Wiederaufbau des Landes; mindestens ebenso wichtig ist aber der sittliche Wiederaufbau des deutschen Volkes. Dem Vorschlag, diese Anträge dem Ausschuß für Bevölke⸗ rungspolitik zu uͤberweisen, schließen wir uns an. Mögen diese An⸗ träge zur sittlichen Gesundung unseres Volkes beitragen. Dann wird dieser Tag ein Gedenktag in der Geschichte des deutschen Volkes sein. (Beifall rechts, Lachen bei den Unabhängigen Sozialdemokraten.)

Frau Abg. Dr. Wegscheider (Soz.): Wer mit seinen Gedanken nicht an der Oberflache haftet, muß wünschen, daß nicht durch eine falsche Therapie, durch Verheimlichung und Verbergung eine wirkliche Heilung der Krankheit verhindert wird. Die Jugend kann sich nicht gegen etwas erklären, das sie gar nicht kennt. Nur die größte Offenheit kann hier helfen, fort mit jeder Duckmäuserei. Eine Theaterzensur, die nach dem Muster der Kinozensur etwa den Besuch unter 18 Jahren verbietet, kann die Dinge nicht bessern. Eine Ausübung der Zensur durch Polizeiorgane führt immer nur zu einer Bespitzelung und Bevormundung durch Polizei⸗ organe. Man soll nicht immer von der Unsittlichkeit in den großen Städten reden. Wer des Morgens das Straßenbild beobachtet, sieht, daß die Berliner immer noch ein fleißiges und nüchternes, mit einem trockenen Humor begabtes Volk sind und daß sie das Arbeiten noch nicht verlernt haben. So lange man die Kinozensur nicht auch auf die Kinoanzeigen ausdehnt, wird man keinen Erfolg erzielen; man muß das Anzeigenwesen in öffentliche Verwaltung nehmen. Das Verbot des Besuchs der Kinovorstellungen durch Jugendliche unter 18 Jahren wird täglich tausendfach übertreten; wie will man fest⸗ stellen, ob jemand schon 18 Jahre alt ist. Im Winter dient der Kinobesuch vielen Leuten dazu, zu Hause Heizung und Beleuchtung zu sparen. Deshalb ist eine gesunde Siedlungstätigkeit das beste Mittel, den schädlichen Wirkungen des Kinos zu begegnen. (Beifall bei den Soz.)

Abg. Ki (Dem.): Die Anträge könnten wir wohl unter⸗ tützen, wenn nicht schon die nötigen Gesetze vorhanden wären. Der Regierungsvertreter hat aber dargetan, daß die bestehenden Gesetze zur Bekämpfung der Uebelstände ausreichen. Man muß sie nur so aus⸗ führen, wie sie gemeint sind. Da geschieht aber nicht alles, was ver⸗ langt werden muß. Die Unsittlichkeit findet sich nicht nur in den großen Städten, sie wird auf dem platten Lande als etwas so Selbst⸗ verständliches betrieben, daß man gar nicht darüber spricht. Ueber die Auswüchse des Kinowesens reden meistens Leute, die noch nie in einem Kino gewesen sind. Der Krieg ist von jener Seite ein moralisches Stahlbad genannt worden. In Wirklichkeit hat er aber 858g ganzes sittliches Leben zerrüttet. Das Gefühl für Mein und Dein ist ge⸗ Die Staatsregierung hat eine sittliche Ernegerung des Volkes wiederholt als ihre Hauptaufgabe bezeichnet. Das beste Mittel ist, die allgemeine Volksbildung zu hehen und damit die Volkösittlichkeit und Volkskultur auf eine höhere Stufe zu stellen. Nicht Einzelmenschen von höchster Kultur hervorzubringen gilt es, sondern die Kultur der Masse des Volkes muß gehoben werden. Zur Bekämpfung der Unsittlichkeit in Kunst und Likeratur haben wir genügend Einrichtungen der Selbsthilfe, diesen muß aber die Arbeitsmöglichkeit geschaffen werden. Alle aufbauenden Kräfte müssen wir zusammenfassen, um Besserung zu schaffen, wir sind aber gegen gewaltsame Eingriffe in das Kunstleben mit Hilfe der Poljzei.

Abg. Kilian (U. Soz.): Die Unsittlichkeit ist eine Er⸗ scheinung des kapitalistischen Zeitalters. Wenn ein Manmn sich in der Presse, wie sich aus einem mir vorliegenden Zeitungsartikel ergibt, über kleine im Sande buddelnde Kinder in Badehöschen, über nackte Oberschenke! Vierjähriger oder auch auch über durchsichtige Aermel von Schulkindern entrüstet, so gehört er in eine Kaltwasserheilanstalt. Wir weigern uns, die Hand zu bieten, irgendwie eine Verschärfung der Theaterzenfur durchzuführen. Wir halten es für viel besser, wenn sich solche Dinge in aller Oeffentlichkeit abspielen, wo doch eine gewisse öffentliche Kontrolle möglich ist, als wenn es auf Schleichwegen geschieht. Hier habe ich einen Hinweis auf Liebesbäder. Ich weiß nicht, was das ist, selbst mein Freund Adoloh Hoffmann weiß es nicht, der sonst doch gut Bescheid weiß. (Allgemeine große Heiterkeit.) Man mag mir doch mal angeben, wo solche sind, damit ich mich auch einmal entrüsten kann. (Heiterkeit.) Sicherlich werden solche Einrichtungen nur von zahlungskräftigen Kreisen gesucht. Die breiten Massen des Volkes gehen nicht dorthin. Gin Inserat in der „B. Z.“ kündigt Ver⸗ anstaltungen an mit einem Eintrittspreis von 15 bis 1000 ℳ. (Zuruf links: Für die Landwirtschaftswoche!) Das sind Dinge für Schieber, die mit dem Kapitalismus verbunden sind. Lehemänner gibt es in den breiten Vofksmassen nicht, diese leben in Not und Elend und verwenden ihr Geld für Brot und Kartoffeln. In einer anderen Pressestimme bezeichnete jemand es als höchste Unsittlichkeit, daß viele Mädchen ohne Unterrock gehen. Das geschieht nur, weil sie sich das notwendige Kleidungestück nicht kaufen können. In Halle konnte eine Kriegerwitwe sich nicht ärztlich untersuchen kassen, weil sie sich schämte, kein Hemd zu besitzen. Das Grundübel s die Wobhnungsfrage. Wir sind gern bereit, mit den übrigen Parteien Erziehungsarbeit zu leisten. Das deutsche Volk ist zwar arm, die Kraft ist aber noch da, die Mißstände, die Keime der Unsitelichkeit zu beseitigen.

In seinem Schlußwort sagk

Abg. Mentzel (D. Nat.): Ich wiederhole meinen Antrag, den Antrag dem Ausschuß für Bevölkerungspolitik zu überweisen. Ich bedaure, daß diese Angelegenheit, über die sich alle einig sein sollten, benutzt worden ist, politische Hetze zu üben.

Der Antrag wie auch die große Anfrage, gehen gegen die Srimmen der beiden sozialdemokratischen Parteien an den Bevölkerungsausschuß.

Es folgt die große Anfrage der Abg. Adolph Hoff⸗ mann (u. Soz.) und Gen. uüber die Ehelosigkeit der Lehrerinnen und Beamtinnen, in Verbindung damit die große Anfrage der Abg. Dr. v. Krause (D. V. und Gen. über das Eheverbot der Lehrerinnen und Be⸗ amtinnen.

Abg. Frou Reich (U. Soz.) Aus welchem Grunde ist der Beschluß der preußischen Landesversammlung vom 12. De⸗ ember 1919, betreffend „Aufhebung des Ebeverbots“ für

ehrerinnen und Staatsbeamtinnen bisher nicht zur Ausführung gelangt? Ist die Staatsregierung bexeit, sofort die dem Beschluß vom 12. Dezeoember 1919 entsprechenden Anweisungen an die in Betracht kommenden Behörden ergehen zu lassen? Gedenkt die Staatsregierung den seit Inkrafttreten der Reichsverfassung wegen Verheiratung entlassenen Lehrerinnen und Staatsbeamtinnen die Möglichkeit zu geben, wieder in ihr Amt einzutreten? Steht die Staatsregierung auf dem von den Geheimräten Leist und Gührig im Ministerium für vagedee Kunst urd Volks⸗

schwunden.

bildung vertretenen Standtpunkt, daß der Beschluß der preußischen Landesversammlung pom 12. Dezember 1919 von ihr nicht zu ge⸗ vechmigen 1. Belahendenfalls, worauf stützt sie sich mit dieser ihrer fasbang

8 Abg. Frau Poehlmann (D. V.): Es mehren sich die Klagen aus den Kreisen der Lehrerinnen und Beamtinnen, daß ihnen entgegen dem Artikel 128 der Ve assung des Deutschen Reichs und entgegen dem Beschlusse der preußischen Landes⸗ verfemmlung vom 12. Dezember 1919, betreffend Aufhebung des Eheverbots für Beamtinnen, die Erlaubnis zur Verheiratung bei weiterem Verbleiben im Amte versagt wird. Will die Staats⸗ regierung diejenigen voraussichtlich nicht zahlreichen Beamtinnen, die den Beruf der Beamtin mit dem der Hausfrau und Mutter zu vereinigen sich zutrauen, in diesem ihrem persönlichen Recht schützen? Ein Regierungs vertreter erwidert, daß die Regierung eine baldige endgültige Regelung der Frage anstrebe. Doch müssen dafür vom Neiche noch weitere Grundlagen geschaffen werden. Wir öasf en n chlt eimam den derbeecteten eörereane, und eenhttnnsn Gelegenheit geben, sich zu bewähren. ine vorläuftge Regelung ist schon durch Ministerialerlaß getvoffen wonden. Vom. R

minsterium des Inmern sind jetzt Richtlinien gegeben vwelche die Staatsregierung peranlassen werden, neue Grundsätze aufzustellen, um diese Frage zu lösen.

Abg. Frau Ege (Soz.) Meine Partei ist immer für die Gleichberechtigung der Geschlechter eingetreten. Sie hat es im alten Deutschland nicht erreicht, da mußte erst die Revolztion kommen und eine Aenderung herbeiführen. Die Versassung bestand wohl, aber die betreffenden Ausführungs⸗ organe der Regierung warteten sehr lange mit der Ausführung. Seinerzeit hat das Zentrum und die Deutsche Volkspartei nur bedingt zugestimmt. Sie meinten, daß es besser sei, wenn den verheirateten Lehrerinnen beim Ausscheiden aus dem Amt eine Abfindungssumme gegeben würde. Die verheirateten Lehxrerinnen haben bewiesen, daß sie imstande sind, dieselben Rechte und Pflichten wie die Unverheirateten auch durchzuführen. Eine Mutterschaft verträgt sich sehr wohl mit dem Berufe einer Lehrerin. Eine Mutter kann sehr wohl eine tüchtige Lehrerin und Erzieherin sein. Nur dann wird sich die Sittlichkeit heben, wenn die Frauen nicht heruntergedrückt werden, wie es bis heute der Fall war, sondern wenn wir sie in ihrem Beruf als das gelten lassen, was sie auch sein müssen. Die Zurückdrängung der Frauen aus den Berufen ist nicht kulturfördernd. Im Handelsministerium herrscht doch noch der alte Geist, der die Frau als Mutter unterdrückte. Wir verlangen für die weiblichen Beamtinnen hieselben Rechte, wie wir sie Uisher den Beamten gegeben haben. Nicht zuletzt gerade die Widerstände von seiten der Frauen der bürgerlichen Parteien gegen die Gleich⸗ berechtigung sind schuld daran, daß wir hier nicht schon weiter gekommen sind. Man muß endlich die Ausnahmegesetze gegen die Frau abschaffen. Früher ist gerade in den Kreisen der Lehrerinnen der Prozentsatz der Prostitution nicht gering gewesen, weil man ihnen das Recht, Mutter zu sein, nicht gegeben hat.

Abg. Frau Dönhoff (D. Dem.): Wir haben pon Anfang an die Aufhebung des ECheverbots für Lehrerinnen und Beamtinnen gefordert und wollen diese Bestimmung der Ver⸗ fassung zur Durchführung zu bringen. Leider ist dieser Gedanke noch nicht überall durchgedrungen. Da muß die Volks⸗ vertretung dafür sorgen, daß die Theorie in die Praxis übergeführt wird. Ich erinnere nur an die ominösen Kreuze für die Beamtinnen, die sich in der Besoldungsvorlage finden. Viele Männer halten es unter ihrer Würde, unter einer Frau zu arbeiten. Es ist nicht richtig, daß die Frauen selbst gegen eine solche Gleichberechtigung sind. Wir müssen aber die Frauen auch mehr zur Selbständigkeit erziehen. Wir wollen gewiß nicht, daß die Lehrerinnen, die dem Kultusministerium unterstehen, unter einem anderen Recht leben als die dem Handelsministerium unterstellten. Daraus darf man aber nicht folgern, daß man deswegen das Handelsschulwesen dem Kultusministerium unterstellen müßte.

Abg. Frau Wronka (Bentr.): Die Ausführungen der Abg. Frau Ege über die Prostitution unter den Lehrerinnen sind eine schwere Beleidigung und eine unbeweisbare Behauptung: ich muß den schärfsten Protest dagegen erheben. Wir sin weit entfernt davon, die Ehe als eine Versorgung anzu⸗ sehen. Aber aus volkswivtschaftlichen Gründen müssen wir doch dahin streben, daß man zunächst an die Versorgung der Frauen denkt, die nicht dank eines eigenen Berufes für sich selbst sorgen können. Von dem Recht auf Ehe wird nur ein geringer Bruchteil der Lehre⸗ rinnen Gebrauch machen. Das beweisen die Erfahrungen aus den Ländern, wo dieses Recht schon besteht. Auch unter den unper⸗ heirateten Lehrerinnen ist eine große Zahl vollgültiger Persönlich⸗ keiten. Man will hier für bisher unverheiratete Frauen ein Recht schaffen, während man auf der anderen Seite verheirateten Frauen die Erwerbsmöglichkeiten beschränken will. Ich kann mir nicht vor⸗ stellen, daß eine aute Mutter ruhig in die Schule gehen kann, wenn sie eines ihrer Kinder daheim krank weiß. (Lebhafte Zustimmung im Zentrum.) Wir haben so viele beschäftigungslose Lehrerinnen, daß wir wirklich nicht verheiratete Lehrerinnen beschäftigen müssen, die durch die Familie ihren Berufspflichten doch teilweise entzogen werden, vor allem der sozialen Betätigung, die sonst von den Lehre⸗ rinnen geüht wird. Durch die Gewahrung einer Abfindungssumme wird den Lehrerinnen beim Ausscheiden aus dem Amt die Ehe⸗ schließung sehr erleichtert. (Beifall im Zentrum.)

Abg. Oelze (D. Nat.): Wir haben die größten Be⸗ denken gegen die Ehbeschließung der Lehrerinnen, sie würde tatsächlich nicht kulturfördernd wirken. (Sehr richtig! rechts und im Zentrum.) Niemand kann zween Herren dienen. Die physiologische Eigenart der Frau läßt sich doch nicht aus der Welt schaffen. Wenn eine Lehrerin als Ehefrau durch die Niederkunft längere Zeit dem Beruf entzogen wird, dann müßten doch immer auf Kosten des Staates Ersatzkräfte beschafft werden. Dem Manne würde die treue Lebenskgmeradin, den Kindern die sorgende Mutter entsogen, wenn die Ehefrau als Lehrerin oder Beamtin tätig ist. Was soll werden, wenn eine verheirgtete Be⸗ amtin versetzt wirdd Für die Behauptung, daß die Lehrerinnen sich aus Geschlechtshunger heraus einem schmutzigen Lebenswandel orgeben hätten, liegt nicht der Schatten eines Beweises vor. Einer Abfindungssumme bei der Eheschließung stimmen wir zu.

Abg. Frau Garnich (D. VB.): Auch wir wünschen keineswegs eine übergroße Zahl von verheirateten Beamtinnen und Lehrerinnen, halten es aber andererseits für eine unerträgliche Einschränkung der Perfönlichkeitsrechte, wenn den weiblichen Beamten und Lehrern der Anstellung die Verpflichtung zur Ehelosigkeit auferlegt wird.

Abg. Frau Reich (U. Soz.): Frau Wronka hat eigentlich eine Rede gegen ihre eigene Anwesenheit im Parlament gehalten. Die Anhänger der Chelosigkeit der Beamtinnen vergessen ganz, daß Mil⸗ lionen von Proletarierinnen verheirgtet und gleichzeitig berufs⸗ tätig sind. 1

Abg. Frau Ege (Saz.): Der Abg. Oelze wollte mich lächerlich machen. Wenn er die Gleichberechtigung der Geschlechter ablehnt, so freue ich mich, daß ich nicht mit ihm auf eine Stufe gestellt werden kann. 8 8

Präsident Leinert: Diese Bemerkung entspricht doch nicht ganz der parlamentarischen Ordnung. Ich sehe aber von einem Ord⸗ nungsruf ab, weil wir gegen Damen galant sein müssen. (Heiterkeit.)

Abg. Oelze (D. Nat.): Ich hatte nicht nötig, die Ausfüh⸗ runcen von Frau Ege lächerlich zu machen, sie waren es an sich schon. (Präsident Leinert ruft den Abg. Oelze zur Ordnung.) Damit schließt die Aussprache. Das Haus vertagt sich. Nächste Sitzung Dienstag, den 28. September, 1 Uhr. (An⸗

fragen und kleinere Anträge.) Schluß gegen 6 Uhr.

ünid.

Wohlfahrtspflege.

Am 12. September 1920 hat zu Leipzig die sechsunddreißigste Hauptversammlung der Hilfskasse für deutsche Rechtsanwälte stattgefunden. Das Geschäftsjahr schließt mit einer Mitaliederzahk von 11 322 gegen 9050 im Vorfahre, Das Vermögen der Kasse betrug am 30. Juni 1920 992 795 30 4. Ris zu diesem Tage war für das am 1. Juli 1920 begonnene neue Geschäftsjahr für ordentliche Unterstützungszwecke schon üͤber 191 245 verfügt. Dem Kriegsfonds sind bis zum 30. Junt 1920 insgesamt 690 911 86 zugegangen. Aus ordentlichen Mitteln der Kasse wurden diesem Fonds 640 000 üÜberwiesen. An Kriegsunter⸗ stützungen wurden bis zum genannten Tage im ganzen 1 349 591 97 bewilligt.

Gesundheitswesen, Tierkrankheiten und Absperrungs⸗ maßregeln. 1

““ Maul⸗ und Klauenseuche. Im Hinblick auf die rasche Verbreitung der Maul⸗ und Klauen. seuche und die durch sie hervorgerufenen Schäden hat, wie das „Zentralblatt der preußischen Landwirtschaftskammern“ berichtet, im u“ Ministerium für Landwirtschaft, Domänen und Forsten

8 8 8 W1“ 8 8. .

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räte, der Vorsteher der bakteriologischen Institute der Land⸗

wirtschaftskammern und sonstiger auf dem Gebiete der Seuchen⸗ forschungen tätigen Sachverständigen sowie unter Zuziehung der Vor⸗ sitzenden des preußischen Tierärztekammerausschusses und des Reichs⸗ verbandes der praktischen Tierärzte eine Beratung über geeignete Maßnahmen zur Bekämpfung dieser Seuche stattgefunden. In der Beratung wurde hauptsächlich beschlossen, zur Vermeidung der Todesgälle infolge der Seuche das in Bayern geübte Impfverfahren in geeigneter Weise zur Anwendung zu bringen. Zur Durchführung des Verfahrens sollen sämtliche prakischen Tierärzte herangezogen werden.

Paris, 22. September. (W. T. Nach einer Radio⸗ meldung aus London wütet dort eine Diphterieepidemic.

Fiume, 20. September. (W. T. B.) Einer amtlichen Mit⸗ teilung zufolge sind in Spital von Fiume vier Fälle von Beulenpest festgestellt worden.

Brüssel, 20. September. (W. T. B.) Der „Indépendance Belge“ zufolge scheint die Rinderpest dank den getroffenen Maßnahmen zum Stillstand gebracht zu sein.

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Land⸗ und Forstwirtschaft.

G Vom 14. bis 16. September tagte in München der Reichs⸗ forstwirtschaftsrat. Gegenstand der Beratungen war u. a. die Hebung der Forstsamenerzeugung, die forstliche Berufsvertretung im Reichswirtschaftsrat, die Waldbrandversicherung und Waldbeleihung, die Erhaltung des Eichenschälwaldes, die Frage, welche Maßnahmen zu ergreifen sind, damit der deutsche Wald die gesteigerten Anforderungen der Jetztzeit nach Möglichkeit ohne waldbaulichen Schaden leistet, und der Enkwurfeines Reichsforstgesetzes. Das Reichsministerium für Ernährung und Landwirtschaft hatte im Juni dieses Jahres dem Reichsforstwirtschaftsrat den Entwurf zu einem Reichsforstgefetz zu⸗ gehen lassen, der von einer Kommission in vielen Sitzungen durch⸗ beraten wurde und eine neue Gestalt erhielt; diese lag der Vollver⸗ sammlung des Reichsforstwirtschaftsrats zur Prüfung und Begut⸗ achtung vor. Der Forstrat Dr. Bertog und der Forstmeister von Arnswaldt erstatteten eingehende Referate über den Entwurf und führten dabei über die allgemeinen Gesichtspunkte aus: Die Be⸗ dürfnisfrage und die Zuständigkeit des Reiches müßten be⸗ jaht werden. Das Gesetz sei ein Rahmengesetz, zu dem die Länder nach ihren Sonderverhältnissen Ausführungsbestimmungen erlassen muͤßten. Die Länder würden gezwungen, die staatliche Auf⸗ sicht über die Waldungen einzuführen, wenn sie diese noch nicht hätten; die wirtschaftliche Freiheit des Waldeigentums werde durch das Gesetz nicht unbillig und schädlich eingeschränkt. Auch die Gemeinde⸗ und sonstigen öffentlichen Waldungen seien in das Gesetz einbezogen; für die Privatwaldungen solle das Gesetz im ganzen Umfange gelten. Staatliche Organe führten die Oberaufsicht, während die Ausführung den forstlichen Selbstverwaltungs⸗ und Vertretungskörpern unter Wahrung eines Rechtsmittelverfahrens übertragen werden solle; das Gesetz sei ein brauchbares Mittel für die Erreichung der Höchsterzeugung, aber durchaus nicht das einzige, auch nicht das beste Mittel, unsere Waldwirtschaft zu heben. Der Kommissionsentwurf wurde mit unwesentlichen Aenderungen angenommen.

Auch über die Frage der Sozialisierung der deutschen Holzwirtschaft fand eine Aussprache statt, die in der Vollsitzung vom 15. September zu folgender Erklärung des Reichsforstwirtschaftsrats führte: „Der sozialpolitische und wirtschaftspolitische Ausschuß des vor⸗ läufigen Reichswirtschaftsrats hat am 13. August d. J. den Beschluß gefaßt, daß die Holzwirtschaft gemeinwirtschaftlich geregelt werden soll. Der Reichsforstwirtschaftsrat lehnt den Plan der Sozialisierung grund⸗ sätzlich ab. Sie ist auch praktisch undurchführbar, weil Holz kein einheitlicher Rohstoff ist und die Erzeugung des Holzes im Walde fowie die Verarbeitung zu den unendlich verschiedenartigen Ver⸗ wendungszwecken nach einem festen Plan nicht geregelt werden kann.“

Theater und Miusik.

Opernhaus. ö 16XA“ Das Opernhaus brachte gestern eine Neueinstudserung von Tristan und Fsolde“ unter der musikalischen Leitung des Intendanten Max von Schillings. Um es gleich vorweg zu sagen, das Schönste daran war, trotz glänzender Besetzung der beiden Hauptrollen, einer auf Stil und Stimmung des Werkes liebevoll eingehenden Bühnenanordnung des Oberspielleiters Dr. Hörth und der neuen Ausstattung des Malers Aravantinos, die Ausarbeitung des orchestralen Teiles. Seit Mottl hat man eine so lebenswarme, diese Musik in ihrer ganzen Tiefe erschöpfende Wiedergabe hier nicht mehr gehört. Mit Recht rief man daher nach den Aktschlüssen stürmisch nach Herrn von Schillings. Von den neuen Szenenbildern war das des zweiten Aktes das gelungenste. Ernste, hoch aufragende Bäume vor der links zum Schloß emporführenden Treppe verliehen dem Bilde die rechte düstere Monumentalität und ließen auch später das symbolisch zu ver⸗ stehende Aufleuchten der Morgendämmerung gut zur Geltung kommen. Der erste Akt spielt jetzt in vollkommen geschlossenem Schiffszelt, das rechts nur durch einen Spalt das Meer erkennen läßt. Bei ge⸗ öffnetem Hintergrund sieht man auf stark erhöhtem Hinterdeck, zu dem eine Schiffstreppe emporführt, Tristan und seine Mannen stehen. Wie hei allen bisherigen Tristanaufführungen wölbt sich ein wolkenlos blauer Himmel darüber; das beweist, daß eine Textstelle immer noch falsch verstanden wird. Es ist Brangänes Bemerkung, daß „blaue Streifen im Westen“ aufstiegen. Blaue Landstreifen sind damit nicht gemeint, denn Cornwall liegt im Osten, vielmehr hlaue Streifen auf⸗ klarenden Himmels, die anzeigen, daß der Wind auffrischt und daß die bisher über dem Meere lastende Wolkendecke sich im Westen hebt. Das Auffrischen des Windes kündigt auch das vom Mastkorbe herabtönende Lied des jungen Seemanns gn. Grauer Himmel würde zudem viel besser zu der schwermütigen Stimmung passen, die guch den ersten Akt beherrscht. Bis auf dieses Mißverstehen war die Dekoration in ihrer Schlichtheit sehr wirksam, etwas dürftig und kahl dagegen die des dritten Aktes mit dem niedrigen nüchternen Gemäuer im Hintergrund. Aber alle Aeußerlichkeiten vergaß man über den Wundern der Musik und den herrlichen gesanglichen und darstellerischen Leistungen Helene Wild⸗ brunns, der jetzt bedeutendsten Isolde, Heinrich Manns als Tristan und Karin Branzells als Brangäne. Der etwas nüchterne König Marke des Herrn Helger ließ mit Wehmut an Knüpfers umvergleichliche Leistung in dieser Partie zuxückdenken. Wilhelm Rode, der den Kurwenal als Gast sang, erwies sich als verwendbare Kraft. Ueber Paul de Castonier, der die Stimme des Seemanns und außerdem den Melot sang, läßt sich ein abschließendes Urteil nicht fällen. Mit Anerkennung sind noch Herr Sommer (Hirt) und Herr Krasa (Steuermann) zu nennen. An starkem, begeistertem Beifall ließen es

die Zuhörer nicht fehlen. 8

Theater in der Koͤniggrätzer Straße. Es sind mehr als 100 Jahre verflossen, seit Cgrlo Goldoni

es

ttalienische Lustspiel ausgestaltete und vertiefte, indem er die emn enshehen der Molisreschen Charakter⸗ und Sittenkömödie für jenes fruchthar machte. Es spricht für die dichterischen Gaben des Italieners, daß wir uns noch heute an einigen seiner Stücke erfreuen und dem anerkennenden Urteil Goethes, der Goldonis Lust⸗ spiele in Italien schätzen lernte, beipflichten können. Goldonis „Locandieran sieht man unter der Bezeichnung„ Mixandpla“ nicht eben selten auf deutschen Bühnen. In Berlin bot das König⸗ liche Schauspielhaus im Jahre 1895 mit Frau von Hochenburger in der Titelrolle und unser der Mitwirkung von Matkowski und Vollmer eine Musteraufführung; später hat die Duse ihr mehr auf das Tragische gerichtetes Talent mit Erfolg diesem Lustspiel dienstbar gemacht. Die gestrige Aufführung im Theater in der Königgrätzer Straße hinterließ gleichfalls einen durchaus erfreulichen Gesamt⸗ eindruck. Den Hauptanteil an dem Erfolg hatte Else Heims, die die Mirandolina mit natürlicher Grazie, mit kecker Schelmerek und ur⸗

wüchsigem Humor spielte und eine Wirtin auf die Szene stellte, der

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vlenier 1920 unter Beteiligung sämtlicher Regierungs⸗ und z. man es wohl zutraute, alte und junge Männer in ihren Bann zu

schlagen und selbst einen ausgemachten Weiberfeind zu bekehren. Die Wirtin spielt in dem lustigen Stück eine die ganze, etwas dürftige Handlung beherrschende Rolle; ist diese, wie das gestern der Fall war, in guten Händen, so wird der Beifall nicht ausbleiben, wenn nur die übrigen Mitspielenden sich willig der lustigen Führung der schönen Mirandolina überlassen. Das taten gestern ihre Partner. Heinz Salfner verstand es, die Bekehrung des Weiberfeindes ebenso komisch wie glaubwürdig darzustellen, und die Herren Brandt und Riemann zeichneten die Schwächen der gefoppten willigen Liebhaber, des geizigen, eitelen Marquis und des leichtlebigen Grafen, mit Laune, ohne in die Karrikatur zu verfallen. Herr Pröckl betonte im Charakter des treuen, ehrlichen Fabrizio zu sehr eine an Beschränktheit grenzende Einfalt, so daß man diesem glücklichen Bewerber die Braut schließlich nicht recht gönnte. In der sprachlich geschickten Bearbeitung und Uebersetzung von Julius Haarhaus, die der Aufführung zugrunde lag, endet das Stück nämlich mit einer Verlobung der ihrer Koketterien überdrüssigen Wirtin mit Fabrizio, der im Gegensatz zu dem Fabrizio in der eigentlichen Fassung des Stückes einen Ehebund mit der gefährlichen Partnerin wagt. Die Aufführung fand eine sehr freundliche Auf⸗ nahme, so daß man ihr zahlreiche Wiederholungen voraussagen darf.

Im Opernhause geht morgen, Sonnabend, „Die Jüdin“, mit den Darnen Kemp, Hansa und den Herren Mann, Braun, Noe, Bachmann, Habich und Krasa besetzt, in Szene. Musikalischer Leiter ist der Generalmufikdirektor Leo Blech. Anfang 6 ½ Uhr.

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Im Schauspielhause wird morgen „Coriolan“ mit Theodor Beter in der Titelrolle aufgeführt. Anfang 7 Uhr.

Zwischen dem Nationaltheater in Christiania und einem Vertreter Max Reinhardts wurde ein Vertrag über ein fünftägiges Gastspiel im Nationaltheater unterschrieben. Das Gastspiel soll entweder vom 8. bis 12. November oder vom 29. November bis 3. Dezember stattfinden. Die Gesellschaft soll die gleichen Stücke spielen wie in Kopenhagen. Unter den Neuheiten be⸗ findet sich unter anderem der Urfaust.

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Konzerte.

Nach beendetem Gastspiel der Prager Philharmoniker haben nunmehr auch die Konzerte unserer einheimischen Orchester wieder begonnen. Das I. Symphoniekonzert des Deutschen Opernhausorchesters verzeichnete auf seinem Programm Beethovens „Eroica“⸗Symphonie, Wagners Vorspiel zu den „Meister⸗ singern von Nürnberg“ und ein sehr reizvolles Scherzo capricceioso von Dvokak. Alle Werke wurden in sorgsamster Ausarbeitung und mit hinreißendem Schwung unter Rudolf Krasselts fein⸗ fühliger Leitung gespielt. Elisabeth van Endert geuügte in der Wahnsinnsszene aus Donizettis „Luecia von Lammermoor“ in der Koloratur technisch nicht allen Anforderungen, sang aber später Lieder von Strauß sehr schön. Das Blüthnerorchester wartete gleich mit drei Konzerten auf, von denen das Eröffnungskonzert der volkstümlichen Sonntagssymphoniekonzerte den ersten Rang be⸗ hauptete. Diese Konzerte, die nach dem Tode Edmund von Strauß eine Zeitlang notdürftig durch Gastspieldirigenten aufrecht erhalten worden waren, hatten unter der Leitung Paul Scheinpflugs einen bedeutungsvollen Aufschwung genommen. Das Erbe Schein⸗ pflugs, der nach Duisburg forkgeht, hat nunmehr Selmar Meyrowitz übernommen. Wie gleich das erste Konzert bewies, hat das Blüthnerorchester mit der Wahl dieses gediegenen Orchesterlelters eine glückliche Lösung der Dirigentenfrage gefunden. Seine vornehme, künstlerisch klare und ungesucht natürliche Inter⸗ pretation von Werken Mozarts, Beethovens und Wagners fand mit Recht den stürmischen Beifall der zahlreich erschienenen Zuhörer, so daß der Fortbestand dieser nicht zu entbehrenden Konzerte auf künst⸗ lerischer Höhe als gesichert bezeichnet werden kann. Der Konzert⸗ meister Lambinon spielte Bruchs Violinkonzert in G⸗Moll mit einschmeichelndem Ton und ausgezeichneter Technik. Auch ein Konzert des Dirigenten Hellmut Kellermann (München) mit dem⸗ selben Orchester im Blüthnersaal muß als ein Gewinn gebucht werden. Er erwies sich in Werken von Lisst und Strauß als ein gediegener Musiker und wohlbeschlagener Stabführer. Als Solist spielte Télé⸗ magque Lambrino Beethovens Klavierkonzert in Es⸗Dur; Beethovens Geist heraufzubeschwören gelang ihm aber infolge rhythmischer Eigen⸗ mächtigkeiten und mangelnder Großzügigkeit nicht. Daß die Hehe er begleitung so stilsicher und anschmiegsam geriet, gereichte dem Diri⸗ genten und dem Orchester zur besonderen Ehre. Einen unfreiwillig humoristischen Anstrich bekam an gleicher Stelle das I. Abonnements⸗ konzert des jungen Dirigenten Edmund Meisel Es geht nicht an, daß in überlangen Pausen auf dem Podium ausgedehnte Be⸗ ratungen zwischen dem mitwirkenden Sänger und dem Dirigenten und andererseits laute Auseinandersetzungen zwischen dem Kapell⸗ meister und dem Orchester coram publico abgehalten werden und dann die aufgeführten Werke in ihrem Aufbau teils gefährdet, teils bis zur Unkenntlichkeit verstümmelt vorgetragen werden. Herr Meisel scheint, nach manchen gelungeneren Stellen zu schließen, nicht unbegabt zu sein; er sollte aber in Zukunft entweder genügende Proben abhalten oder leichtere Musikstücke auswählen. Wagner und Strauß werden ihm bei ungenügender Vorbereitung stets zum Unheil gereichen. Luise Schröter (Staatsoper) und Rudolf Laubenthal (Deutsches Opernhaus) waren die Mitwirkenden. Ueber eine An⸗ zahl Klavierabende ist überwiegend Günstiges zu berichten. Ilona Kabos (Blüthnersaal) hestach durch Schwung und Tem⸗ perament bei musikalischer Sicherheit, Püra Lago (Beethoven⸗ faal) durch gut abschattierte Klangfarben, während ihr Pedalgebrauch bei Oktapengängen noch erhöhter Aufmerksamkeit bedarf. Unter dem gleichen Mangel leidet das Spiel von Edward Weiß (Blüthnersaal),, auch ist seine Auffassung der B⸗Moll⸗Sonate Chopins stark zu beanstanden. Kurt Schubert (Bechstein⸗ saal) dagegen zeigte sich diesmal ganz auf der Höhe seines anerkannten Könnens. Er erwarb sich das Verdienst, eine Neuheit von Arnold Ebel aus dem Mannuskript zur Urauf⸗ führung zu bringen. Sein „Fantasia espansiva“ (warum italienisch ) betiteltes Werk (Opus 21) ist auf moderner Grundlage aufgebaut, und das Hauptthema mit großem Können zu einem wirksamen Höhepunkt geführt. Der Mittelsatz ist etwas alltäglich in der Erfindung und auch harmonisch nicht fesselnd genug ausgestaltet. Schubert hatte sich mit viel Liebe und Sorgfalt in das Werk vertieft und verhalf ihm zu einem schönen Erfolge. Ein Kammermusikkonzert mit Werken zeit⸗ genössischer Tondichter veranstalteten Julius Dahlke (Klavier) und Walter Schulz (Cello) in der Singakademie. Letzterer hatte zunächst mit den Tücken seines Instruments (schlechtes Ansprechen und Pfeifen der Saiten) zu kämpfen, überwand diese Schwierigkeit aber im Laufe des Abends siegreich; der sattelfeste Pianist war trefflich aufgelegt und ließ alle Vorzüge seines glänzenden Könnens aufleuchten. Die Nraufführung einer Suite für Cello und Klavier (Opus 3) von Erwin Lendvai ließ infolge ihrer Erfindungsarmut keine rechte Stimmung aufkommen; einzig das Tempo di Minuetto fand größeren Anklang. Von Cellostücken Friedrich E. Kochs gefiel die schon bekannte Mazurka am besten und wurde zur Wiederholung verlangt. Eine melodiöse und harmonisch reizvolle Cellosonate von Emil Sjögren bildete den Abschluß des wertvollen Konzerts. Ein Liederabend von Mera Machnes aus New York (Klindworth⸗Scharwenkasaal) erwies sich durch die wenig reizvolle Stimme und den ungenügenden Vortrag der Sängerin als ein Fehlschlag, dagegen fand die beliebte Sängerin Minna Ebel⸗Wilde im Bechsteinsaal mit Liedern von Schubert, Richard Würz, Arnold Ebel und Reger großen Beifall. Ihre liebliche Stimme und ihr gesunder Vortrag sind bereits des zfteren gerühmt worden; ihr Gatte Arnold Ebel begleitete vor⸗ nehm und anschmiegsam. Die Lieder von Würz befremdeten durch ihre primitive Begleitung; auf weit höherer Stufe stehen Ebels⸗ Lieder, sie geben sich abwechselungsreich in der Stimmung; in harmo⸗ nischer Hinsicht wäre einigen aber noch mehr Eigenart zu wünschen. Der hier längst bekannte und beliebte Tenorist Ludwig Heß gab sein erstes Konzert in Meistersaal und erfreute seine Hörer durch die Gefühlswärme und Verstandesklarheit seiner Gesangs⸗

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