1920 / 266 p. 3 (Deutscher Reichsanzeiger, Tue, 23 Nov 1920 18:00:01 GMT) scan diff

Theater und Musik.

Im Opernhause wird morgen, Mittwoch, „Bohsme“ als Ersatzvorstellung für die am 8. d. M. ausgefallene Aufführung (198. Dauerbezugsvorstellung), mit den Damen van Endert, Hansa, den Herren Hutt, Zador, Helgers, Krasa und Philipp besetzt, auf⸗ geführt. Musikalischer Leiter ist der Generalmusikdirektor Leo Blech. Anfang 7 Uhr. b 8 G

Im Schauspielhause wird morgen „König Richard III.“ mit Fritz Kortner in der Titelrolle wiederholt. Anfang 7 Uhr.

Der Konzertbericht befindet sich in der Zweiten Beilage.

Mannigfaltiges.

Der Reichsminister des Innern hat im Hinblick auf die im Reichsetat für die Notgemeinschaft der deutschen Wissenschaft angeforderten Mittel Einladungen zu einem par la⸗ mentarischen Vortragsabend ergehen lassen, der heute, Dienstag, Abends 8 Uhr, im Sitzungssaal des Reichstags stattfinden wird. An ihm werden außer den Abgeordneten beider Parlamente Ver⸗ treter der Behörden, der Hochschulen und der Presse sowie der großen wirtschaftlichen Verbände und eine Anzahl ‚von hervorragenden Vertzetern des deutschen Wirtschaftslebens teilnehmen. Der Reichs⸗ präsident und der Reichskanzler haben ihr Erscheinen zugesagt. Der Wirkliche Geheime Rat Professor Dr. von Harnack wird über Wissenschaft und Kultur, der Geheime Rat Friedrich von Müller⸗München über Wissenschaft und Volksgesundheit, der Geheime Rat Haber⸗Berlin über Wissenschaft und Wirtschaft und der Staatsminister Dr. Schmidt⸗Ott über die Notgemeinschaft der deutschen Wissenschaft sprechen. Der Abend hat den Zweck, dem deutschen Volk die der deutschen wissenschaftlichen Forschung drohende Gefadr völligen Zusammenbruchs darzutun und Wege zu ihrer Ueber⸗ windung zu weisen.

Der „Volksbund Deutsche Kriegsgräberfür⸗ sorge, e. V.“ eröffnete, wie „W. T. B.“ berichtet, am Toten⸗ sonntag seine erste Bundestagung im Herrenhause mit einer Gedenkfeier für die Gefallenen. Aus allen deutschen Ländern und Provinzen waren Vertreter in großer Zahl anwesend. Professor Kreis (Düsseldorf) und Professor Straumer (Berlin) sprachen über deutsche Arbeit auf Kriegerfriedhöfen des Westens und Ostens, und Dr. Eulen (Berlin) gab ein Bild über den gegen⸗ wärtigen Zustand der deutschen Kriegsgräber im Auslande und die Einwirkung des Volksbundes auf ihre Pflege. Lichtbilder ans früherer Zeit zeigten, was deutsche Art und Kunst zur Ehrung der Gefallenen geleistet hat, Lichtbildaufnahmen aus jünaster Zeit ließen erkennen, daß es dringend notwendig ist, alle Kräfte zusammenzufassen, um die Gräber der Gefallenen unserm Volke zu erhalten. Der Generalsuperintendent D. Wessel (Detmold) sprach über die ethische Bedeutung der Kriegsgräberfürsorge und rief in ergreifenden Worten alle Volksgenossen auf, im Gedenken an die Gefallenen sich wieder zu pflichtbewußter Arbeit zusammenzuschließen. Der Berliner Lehrergesangverein erhöhte die weihevolle Stimmung, 8 über der Feier lag, durch vollendet und andachtsvoll vorgetragene Chöre.

In der Deutschen Kolonialgesellschaft, Abteilung Berlin⸗Charlottenburg, findet, wie schon angekündigt, Freitag, Abends 8 Uhr, im großen Festsaal der Gesellschaft der Freunde, Berlin, Potsdamer Straße 9, ein Vortrag des ehemaligen Gouverneurs Seitz über Südwestafrika während des Krieges und nach dem Kriege statt.

Breslau, 22. November. (W. T. B.) Nach zwölftägiger handlung wurde heute das Urteil in dem wegen

s Angriffs auf das französische Konsulat gefällt. Von den 21 Angeklagten wurden 5 freigesprochen, wegen Landfriedens⸗ ruchs und Plünderung wurde je 1 Angeklagter zu 1 Jahr, zu Monaten, 8 Monaten, 7 Monaten und 6 Monaten,

5 Angeklagte zu 5 Monaten, 3 Angeklagte zu 3 Mo⸗ naten und 1 Angeklagter zu 1 Monat Gefängnis ver⸗ urteilt. Das Verfahren gegen einen der AnrNgeklagten wurde ausgeschieden, das Verfahren gegen einen anderen nieder⸗ geschlagen. Den sämtlichen Angeklagten wurden mildernde Umstände zugesprochen. Die Geschworenen haben einstimmig beschlossen, für alle Verurteilten ein Gnadengesuch beim Reichspräsidenten befürworten zu wollen. Diesem Beschluß hat sich auch der Gerichtshof angeschlossen.

Kattowitz, 22. November. (W. T. B.) Wie die „Schle⸗ sische Volkszeitung“ meldet, fand am Sonnabend in Kalline (Kreis Lublinitz) eine von der Ortsgruppe der Heimattreuen Ober⸗ schlesier veranstaltete Theateraufführung statt. Nach Schluß der Aufführung wurde von polnischen Sokols, die sich auf der Straße herumtrieben, ein Schuß in den Saal abgegeben, durch den ein Mädchen verletzt wurde. Später wurde eine Handgranate in den Saal geschleudert, deren Splitter 15 Personen teilweise schwer verletzten.

Marienwerder, 22. November. (W. T. B.) Wie die „Neuen E1ö“ Mitteilungen“ melden, ist heute früh bei dem Bahnhof Braunswalde, der letzten Station vor Marienburg, auf der Strecke Marienwerder —- Marienburg, der neu eingelegte Güterzug 8060 mit dem von Marienwerder kom⸗ menden Personenzug 1001 zusammengestoßen. Die Unglücksstelle ist am Blockhaus 63 kurz vor Marienburg gelegen. Der Zusammenstoß erfolgte auf der Brücke des Mühlengrabens. Die beiden Packwagen sowie der erste Personenwagen dritter Klasse sind ein völliger Trümmerhaufen. In diesem befanden sich eine große Anzahl Schüler. Bis gegen 8 Uhr Abends sind, wie amtlich mitgeteilt wird, 20 Tote, 11 Schwerverletzte und ein Leichtverletzter festgestellt worden. Die Verletzten wurden im Krankenhause in Marienburg untergebracht. Der Sachschaden ist bedeutend. Der Personenverkehr wird durch Umsteigen aufrecht erhalten. Die Untersuchung ist eingeleitet.

Asch, 22. November. (W. T. B.) Die Todesopfer der tschechischen Legionäre wurden gestern unter ge⸗ waltigen Trauerkundgebungen der Bevölkerung bestattet. Die Leichen waren am Kaiser⸗Josef⸗Denkmal auf⸗ gebahrt. Sämtliche Vereine, auch viele aus den sächsischen und bayerischen Grenzorten, und die ganze organisierte Arbeiterschaft ge⸗ leiteten den Trauerzug zum Friedhof, wo Ansprachen gehalten wurden.

Wien, 22. November. (W. T. B.) Die gesamte deutsche Studentenschaft peranstaltete heute vormittag vor der Wiener Universität eine Kundgebun gegen die Vergewaltigung der Sudeten⸗Deutschen. Es wurde eine Entschließung gefaßt, in der die tiefe Entrüstung der Studentenschaft gegen die Vorgänge in den Sudetenländern aus⸗ gesprochen wird. Nach Schluß der Kundgebung wollte ein Teil der Versammlungsteilnehmer zur tschecho⸗slowakischen Gesandtschaft ziehen, wurde aber von der Wache zurückgedrängt. Nur 200 bis 300 Studenten gelang es, zum Gebäude der tschecho⸗slowakischen Gesandt⸗ schaft zu kommen, wo sie eine weitere Kundgebung veranstalteten. Zu größeren Zwischenfällen ist es nicht gekommen.

Innsbruck, 22. November. (W. T. B.) Das Landes⸗ schießen bat heute bei Anhruch der Dunkelheit seinen Abschluß gefunden. Hierauf erfosgte die Preisverteilung. Es ereignete sich kein Zwischenfall. Vergangene Nacht ist der Eisen⸗ bahnverkehr nach allen Richtungen wieder aufgenommen

worden. 8

8 8 Prag, 22. November. (W. T. B.) Im Neuen Deut⸗ schen Theater wurde heute nach mehrtägiger Unterbrechung wiederum eine ungestörte deutsche Vorstellung ver⸗ anstaltet.

1“

Handel und Gewerbe.

Nach der Wochenübersicht der Reichsbank vom 15. November 1920 betrugen (+ und im Vergleich mit der Vorwoche): . Aktiva: 1919 1918

88 * 2 1 098 501 000 1 112 271 000 2 571 637 000 (+ 134 000) (— 820 000) (— 7 018 000) 1 091 653 000 1 091 732 000 V 2 550 234 000 (— 5 000) (— 1 103 000) (— 29 000) Reichs⸗ u. Darlehns⸗

kassenscheine . 20 812 620 000 9 468 528 000 3 363 665 000 (+ 652 549 000) (+ 9 901 000) (+. 176 439 000) Noten and. Banken 2 167 000 4 284 000 721 000 (+ 547 000) (+ 1 239 000) (— 2118 000) Wechsel, Schecks u. diskontierte Reichs⸗

schatzanweisungen . 52 558 944 000 34 068 476 000 21 142 468 000 (+ 2779871000) (+– 1803570000) (+– 1698878000) 13 675 000 8 590 000 15 708 000

(+ 4556 000) (+ 1 026 000) (+ 5 624 000) . 229 270 000 1231 879 000 153 620 000 (+ 2 299 000) (— 1 481 000) (+ 2 298 000)

. 10 828 995 000 1 956 833 000 2 107 381 000 (s— 357 884 000) (s— 10 663 000) (+ 54 447 000) 180 000 000

180 000 000 180 000 000 000 00 (unverändert) (unverändert) (unverändert) 104 258 000 99 496 000 94 828 000 (unverändert) (unverändert) (unverändert) 63 104 938 000 31 123 484 000 17 454 316 000

(s-— 495 175 000) (+ 48 200 000) (+. 495 063 000)

sonstige tägl. fällige Verbindlichkeiten . 16 697 864 000 11 655 316 000 10 303 817 000 ( 3405475 000) ( 1947514000) (+. 977 913 000) sonstige Passiva. 5 455 115 000 3692 565 000 1 322 239 000 (+ 171 772 000) (s— 192 942 000) (+ 455 574 000) *) Bestand an kursfähigem deutschen Gelde und an Gold in Barren oder ausländischen Münzen, das Kilogramm fein zu 2784 berechnet.

1920 K. Metallbestand*).

darunter Gold

Lombardforderungen Effekten . sonstige Aktiven.

Passiva: Grundkapital..

Reservefonds...

umlaufende Noten.

Die Elektrolytkupfer⸗Notierung der Vereinigung für deutsche Elektrolytkupfernotiz stellte sich laut Meldung des „W. T. B.“ vom 22. d. M. auf 2300 für 100 kg. 8

Die Direction der Disconto⸗Gesellschaft übernimmt laut Meldung des „W. T. B.“ mit dem 1. Januar 1921 das Bankgeschäft Karl Kur sen. in Halberstadt unter Angliederung an ihre daselbst bereits bestehende Zweigstelle. Die bisherigen Inhaber, Herr Stadtrat Dieckmann und Herr Carl Kux, treten als stellvertretende Direktoren in die Leitung der Halberstädter Zweigstelle der Disconto⸗Gesellschaft ein. 8

Paris, 21. November. (W. T. B.) Nach der offiziellen Statistik stieg in den ersten zehn Monaten dieses Jahres die Ein⸗ fuhr Frankreichs gegenüber dem gleichen Zeitraum des Vor⸗ jahres um 2386,7 Millionen Francs, die Ausfuhr um rund 11 167 Millionen (von 7733 auf 18 900 Millionen). Infolge der Vermehrung der nationalen Erzeugung verringerte sich die Einfuhr der Lebensmittel um rund 893 Mil⸗ lionen Francs, während die Ausfuhr um rund 998 ½ Mil⸗ lionen Francs stieg. Während die Einfuhr der Rohstoffe für die Industrie um 3057 Millionen anwuchs, erhöhte sich die Ausfuhr von Fertigfabrikaten von 4779 auf 12 187 Millionen, was den Auf⸗ stieg der französischen Industrie veranschaulicht.

1

Koks

Wagengestellung für Kohle, und Briketts

rente 98,00, Mairente 98,50, Ungarische Goldrente —,—, Ungarische Kronenrente 118,00. Veitscher 23500,00, Siemens⸗Schuckert 1870,00. Wien, 22. November. (W. T. B.) Notierungen der Devisen⸗ zentrale: Berlin 721,50 G., Amsterdam 15550,00 G., Zürich 7975,00 G., Kopenhagen 6837,50 G., Stockbolm 9800,00 G., Christiania 6387,50 G. Marknoten 719,50 G., London 1775,00 G. 8. Prag. 22. November. (W. T. B.) Notierungen der Devisen⸗ zentrale: Berlin 119,25 G., Marknoten 119,25 G., Wien 16,25 G. London, 22. November. (W. T. B.) Wechsel auf Paris 56,57 ½, Wechsel auf Belgien 53,66 ½, Wechsel auf Schweiz 22,25, Wechsel auf Holland 11,43 ½, Wechsel auf New York 349,85, Wechsel auf Spanien 26,47 ½, Wechsel auf Ftalien —,—, Wechsel auf Deutsch⸗ land 254,50. Privatdiskont 6 ¾. 2 Paris, 22. November. (W. T. B.) Devisenkurse. Deutsch⸗ land 23,50, Amerika 16,24,0, Belgien 106,00, England 56,84, Holland 495 50, Italien 62,75, Schweiz 254,00, Spanien 214.00. Paris, 22. November. (W. T. B.) 5 % Französische Anleibe 85,20, 4 % Französische Anleihe 69,60, 3 %. Französische Rente 55,05, 4 % Spanische äußere Anleihe 173,90, 5 % Russen von 1906 —,—, 3 % Russen von 1896 18,50, 4 % Türken unifiz. 68,50,

Suezkanal 6100, Rio Tinto 1490.

Amsterdam, 22. November. (W. T. B.) Wechsel auf London 11,45, Wechsel auf Berlin 4,95, Wechsel auf Paris 20,20, Wechsel auf Schweiz 51,30, Wechsel auf Wien 1,00, Wechsel auf Kopenhagen 44,35, Wechsel auf Stockholm 63,10, Wechsel auf Christiania 44,10, Wechsel auf New York 327,50, Wechsel auf Brüssel 21,42 ½, Wechsel auf Madrid 43,50, Wechsel auf Italien 12,57 ½. 5 % Niederländische Staatsanleihe von 1915 82¹3⁄16, 3 % Niederländ. Staatsanleihe 51 Königlich Niederländ. Petroleum 665,50, Holland⸗Amerika⸗Linie 314 00, Atchison, Topeka u. Santa 107,75, Rock Island —,—, Southern Pacific 141 ½¼, Southern Railway —,—, Union Pacific 152 ¾ Anaconda 105,00, United States Steel Corp 1041 ¼⁄16. Schwach.

Amsterdam, 22. November. (Mitgeteilt durch die von der Heydt⸗Kerstens Bank.) (W. T. B.) Wechsel auf London 11,45, Berlin 4,70, Paris 20,05, Schweiz 51,35, Wien 1,00, Kopenhagen 44,25, Stockholm 62,95, Christiania 44,00, New York 326,50, Brüssel 21,15, Madrid —,—, Italien —,—.

Kopenhagen, 22. November. (W. T. B.) Sichtwechsel auf London 25,75, do. auf New York 736,00, do. auf Hamburg 11,09, do. auf Paris 46,00, do. auf Antwerpen 48,75, do. auf Zürich 116,25, do. auf Amsterdam 226,00, do. auf Stockholm 142,00, do. auf Christiania 99,90, do. auf Helsing fors 16,50.

Stockholm, 22. November. (W. T. B.) Sichtwechsel auf London 18,15, do. auf Berlin 7,60, do. auf Paris 32,65, do. auf Brüssel 34,00, do. auf schweiz. Plätze 81,25, do. auf Amsterdam 159,25, do. auf Kopenhagen 70,60, do. auf Christiania 70,15, do. auf Washington 519,00, do. auf Helsingfors 11,25.

Christiania, 22. November. (W. T. B.) Sichtwechsel auf London 25,80, do. auf Hamburg 10,70, do. auf Paris 45,50, do. auf New York 745,00, do. auf Amsterdam 226,00, do. auf Zürich 116,50, do. auf Helsingfors 16,25, do. auf Antwerpen 48,00, do. auf Stock⸗ holm 142,75, do. auf Kopenhagen 101,50. 8

11“

Berichte von auswärtigen Warenmärkten.

London, 20. November. (W. T. B.) Die Wollauttion ist heute geschlossen worden. Es waren 11 000 Ballen angeboten. Der Verlauf der Auktion war unbefriedigend, ein großer Teil der angebotenen Ware wurde zurückgezogen. Feine Merinos waren im Nrngkeich zum September 5 10 niedriger. Andere Merinosorten stellten si 20 vH und Croßbreds 20 27 vH niedriger.

Aeronautisches Observatorium.

Lindenberg, Kr. Beeskow. 22. November 1920. Ballonaufstieg von 5 ½ a bis 6 ½ a.

Ruhrrevier DOberschlesisches Revier Anzahl der Wagen

am 20. November 1920. 4 201

10 633 - am 21. Novembe Gestellt.. 6 868 Nicht gestellt .. 81 Beladen zurück⸗ geliefert. 6 548

Gestellt.. Nicht gestellt. Beladen zurück⸗ geliefert 88

Berichte von auswärtigen Wertpapiermärkten.

Köln, 22. November. (W. T. B.) Englische Noten 231,00 bis 237,00, Französische Noten 412,00 420,00, Belgische Noten 431,00 bis 448,00, Holländische Noten 2010,00 2080,00, Rumänische Noten —,—, Amerikanische Noten 66,00 68,00, Schweizerische Noten 1040,00, Italienische Noten —,—, Stockholmer Noten —,—.

Amerika Kabelauszahlung 67,00. 1“

Leipzig, 22. November. (W. T. B.) Sächsische Rente 57,50, Bank für Grundbesitz 153,00, Chemnitzer Bankverein 198,00, Leipziger Immobilien⸗Gesellschaft 158,50, Ludwig Hupfeld 485,00, Piano Zimmermann 459,00, Leipziger Baumwollspinnerei 392,00, Sächs. Emaillier⸗ u. Stanzwerke vorm. Gebr. Gnüchtel 420,00, Stöhr u. Co. 621,00, Sächs. Wollgf. vorm. Tittel u. Krüger 400,00, Chemnitzer Zimmermann 280,00. Germania 345,00, Peniger Maschinenfabrik 171,00, Leipziger Werkzeug Pittler u. Co. 428,00, Wotan⸗Werke 509,00, Leipziger Kammgarnspinnerei 495,00, Hugo Schneider 370,00, Wurzner Kunstmühle vorm. Krietsch 230,50, Halle Zucker 410,00, Fritz Schulz jun. 400,00, Riebeck u. Co. 245,00.

Hamburg, 22. November. (W. T. B.) Börsenschlußkurse Deutsch⸗Australische Dampfschiff⸗Gesellschaft 280,00 bis 289,00 bez., Hapag 201,50 bis 205,00 bez., Hamburg⸗Südamerika 445,00 bez., Hamburg⸗Bremen Afrikalinie 256,00 bez., Norddeutscher Lloyd 193,00 194,00 bez., Vereinigte Elbeschiffahrt —,— G., 331,00 B., Schantungbahn 601,00 606,00 bez., Brasilianische Bank 684,00 G., 700,00 B., Commerz⸗ und Privat⸗Bank 208,50 G., 210,50 B., Vereinsbank 211,00 G., 215,00 B., Alsen⸗Portland⸗Zement 434,50 bis 435,50 bez., Anglo⸗Continental 420,00 bis 427,00 bez., Asbest Calmon 312,00 317,50 bez. Dynamit Nobel —,— G., —,— B., Gerbstoff Renner 545,00 bis 553,00 bez., Norddeutsche Jutespinnerei 314,50 bis 315,50 bez., Lederwerke Wiemann —,— G., 400,00 B., Harburg⸗ Wiener Gummi 430,00 bis 471,00 bez., Caoko 245,00 bez., Slomann Salpeter 2750,00 bez., Neuguinea —,— G., 700,00 B., Otavi⸗ Minen⸗Aktien 775,00 G., 785,00 B., do. Genußsch. 640,00 G., 650,00 B. Tendenz: Schwächer.

Wien, 22. November. (W. T. B.) Bei verringerter Lebhaftig⸗ keit eröffnete die Börse mit erhöhten Kursen für Valutapapiere, wo⸗ gegen anf anderen Gebieten leichte Schwankungen vorherrschend waren. Später wandte sich das Interesse in erhöhtem Grade Bankaktien, tschechischen und ungarischen Werten zu. Besonders Salgo⸗Kohlen⸗ aktien stiegen rund 500 Kronen im Kurse. Im Schranken wurden Schiffahrts⸗, Petroleum⸗ und Poldihütte⸗Aktien sowie einzelne Neben⸗ werte zu wesentlich höheren Kursen umgesetzt. Der Anlagemarkt war still.

Wien, 22. November. (W. T. B.) Türkische Lose 3160,00, Staats⸗ bahn 4655,00, Südbahn 1785,00, Oesterreichische Kredit 1146,00, Ungarische Kredit 1710,00, Anglobank 1100,00, Unionbank 951,00, Bankverein 1194,00, Länderbank 1950,00, Oesterreichisch⸗Ungarische Bank 5485,00, Alpine Montan 5215,00, Prager Eisen 13050,00, Rima Muranyer 3400,00, Skodawerke 3190,00, Salgokohlen 7870,00, Brüxer Kohlen —,—, Galizia 29200,00, Waffen 3300,00, Lloyd⸗Aktien 32700,00, Poldihütte 4800,00, Daimler 1499,00, Oester⸗ reichische Goldrente —,—, Oesterreichische Krone

ente 98,00, Februar⸗] und Erste, Zweite, Dritte und Vierte Zentral⸗Handelsregister⸗Beilager

Relatipe Wind Feuchtig⸗ Geschwind.

1 b s oben unten 6 Richtung

Temperatur C0

Seehöhe Luftdruck

mm

765,5 4,7 98 WNW 740 49 65 C 720 1,6 42 ONO Bedeckt. Reif. Diesig.

Fortsetzung des Nichtamtlichen in der Ersten und Zweiten Beilage.) 1

—y—V.——’Y Theater.

Opernhaus. (Unter den Linden.) bezugsvorstellung. Bohéme. Anfang 7 Uhr. Donnerstag: Mona Lisa. Anfang 7 Uhr.

b Schauspielhaus. (Am Gendarmenmarkt.) Mittwoch: 214. Dauer⸗ bezugsvorstellung. König Richard der Dritte. Anfang 7 Uhr. Donnerstag: Die Journalisten. Anfang 7 Uhr.

Die Ausgabe der Dauet bezugskarten für den Monat Dezember zu noch 17 Vorstellungen im Opernhause und noch 9 Vorstellungen im Schauspielhause erfolgt am 26. und 27. d. M., zwischen 9 ½ und 1 Uhr, in der Theaterhauptkasse gege⸗ Vorzeigung des Dauerbezugsvertrags, und zwar: am 26. d. M. st⸗ den 1. Rang, das Parkett und den 2. Rang des Opernhauses und am 27. d. M. für den 3. Rang des Opernhauses und für alle Platz⸗ gattungen des Schauspielhauses. Gleichzeitig kommt der Unterschieds⸗ betrag für die Dauerbezugskarten zu den im November zu erhöhten Preisen im Opernhause stattgefundenen Dauerbezugsvorstellungen zur Einziehung. Die Karten zu den infolge des Streiks ausgefallenen Dauerbezugsvorstellungen (im Opernhause 2 und im Schauspiel⸗ hause 5) werden hierbei zurückgerechnet.

8

3 Familiennachrichten.

Verlobt: Frl. Benita von Bennigsen mit Hrn. Leutnant a. D. Hugo Grafen zu Bentheim⸗Tecklenburg⸗Rheda (Farm Otjipum,

Post Kalkfeld, Südwestafrika Tsumeh, Südwestafrika). Ger a Eine Tochter: Hrn. Professor Dr. Wilhelm Zinn Berlin). Gestorben: Hr. Regierungs⸗ und Forstrat a. D., Geheimer Regierungs⸗ rat Richard von Daacke (Ammerbach bei Jena). Hr. Kammer⸗ herr und Schloßhauptmann Hans August von Stockhausen Wülmersen, Reg.⸗Bez. Cassel).

Verantwortlicher Schriftleiter: Direktor Dr. Tyrol, Charlottenburg. Verantwortlich für den Anzeigenteil: Der Vorsteher der Geschäftsstelle 8 Rechnungsrat engering in Berlin.

Verlag der Geschäftsstelle Mengering) in Berlin. Druck der Norddentschen Buchdruckerei und Verlagsanstalt,

8 Berlin, Wilhelmstr. 32.

Sieben Beilagen

8 “] 2 ö’“ 1 S (einschließlich Börsen eilage und Warenzeichenbeilag

8

Berlin, Dienstag, den 23. November

22. November 1920, Nachmittags 1 Uhr. (Bericht des Nachrichtenbüros des Vereins deutscher Zeitungsverleger“).)

Am Ministertische: der Reichsfinanzminister Dr. Wirt und der Reichsminister Koch. ““ Der Gesetzentwurf über die Autonomie

Oberschlesiens wird ohne Erörterung an eine Kom⸗ mission von 21 Mitgliedern verwiesen.

Es folgt die Interpellation der Sozialdemo⸗ kraten:

„Ist es richtig, daß namhafte Kapitalverschiebungen nach dem Ausland stattgefunden haben? Ist es weiter richtig, daß in Berlin die Aushebung des Bankhauses Grußer stattgefunden und zur vollständigen Beschlagnahme der Akten und Bücher geführt hat? Ist es ferner richtig, daß hierdurch eine weit ausgedehnte Kapitalflucht nachgewiesen ist und daß dabei eine große Anzahl Mit⸗ Se adliger und fürstlicher Häuser, darunter auch Mitglieder des

auses Hohenzollern, gefaßt worden sind? Was gedenkt die Reichs⸗ regierung seren die Beschuldigten zu zun, und was hat der Reichs⸗ finan ö getan, um für das Reich entsprechende Vermögenswerte zu sichern

Abg. Müller⸗Franken (Soz.) begründet die Interpellation: Diese Kapitalverschiebungen schädigen die Steuerkraft des Volkes, und jeder Deutsche muß hier zu Opfern bereit sein. Der Steuerabzug ist auch vielen Arbeitern und Beamten eine kaum erträgliche Last, aber wie soll hier die Opferfreudigkeit gedeihen, wenn sie sehen, wie besitzende Klassen sich um die Steuern drücken. Daher müssen die Besitzsteuern mit größerer Geschwindgkeit erhoben werden. Schon während des Krieges begannen die Kapitalverschiebungen und setzen sich jetzt fort als Folge der Korruption des Krieges. Sie sind vielfach so raffiniert vorgenommen, daß man den Schiebern nicht beikommen kann. Um so härter müssen die angefaßt werden, die man überführen kann. Das ist der Fall bei dem Bankhause Gruser, Philippson & Co. Redner schildert die Persönlichkeit des Gruser, der übrigens noch am 13. November hier an einer Aufsichtsratssitzung teilgenommen haben soll. Zu den Beziehungen Grusers gehörten neben den reaktionären Kreisen namentlich Mitglieder der Familie Hohenzollern. Es frage sich, wie viele von diesen sich an den Schie⸗ bungen mit Waren aller Art beteiligt hätten, die etwa 250 Millionen Mark betragen sollten. Ein bekannter General werde ebenfalls in Verbindung mit disser 1 genannt. Er frage nach einem Dr. Franz Schön, einem gewissen Spiro und einem issen Levy sowie einem Herrn von Wangemann und Herrn von Thus, die als Schieber be⸗ kannt geworden seien. Ein Fürst Radolin, Fürst Blücher⸗Wahlstatt, Fürstin Radziwill, Graf Schönborn hätten ebenfalls ein Konto bei Herrn Gruser besessen. Auch die Kronprinzessin habe dort verkehrt, die gegenteiligen Versicherungen der bürgerlichen Presse genügten ihm nicht als Beweis des Gegenteils. Der Interpellant fragt sodann ganz konkret bei der Reichsregierung an, ob an den Kapitalverschiebungen 1. die ehemalige Kronprinzessin Cecilie, der Pinz Eitel⸗Friedrich, der Prinz August Wilhelm und der verstorbene Prinz Joachim beteiligt z8n wären. Der Prinz Oskar sei seines Wissens nicht beteiligt gewesen, wohl aber seine Gemahlin, die Gräfin Ruppin. Nicht be⸗ teiligt ist meines Wissens e Friedrich Leopold Vater, mit dem sich ja das preußische Ministerium schon seit langem wegen Silber⸗ und Effektenschiebungen in größtem nach der Schweiz beschäftigt. Er soll seine Güter besonders belastet haben, um ittel nach der Schweiz schaffen gn. können. (Ruf rechts.) Herr von Graefe ruft mir zu: Der rote Prinz! Die „Deutsche Zeitung“ und die „Morgenpost“ haben den Prinzen Friedrich Leopold als den einzigen überzeugten Sozialdemokraten des Hauses Hohenzollern genannt. ( iterkeit.) Uns ist nichts bekannt davon, daß er jemals eine Annäherung an uns versucht hat. (Ruf rechts: Die rote Fahne!) Ich glaube auch nicht an den Versuch einer Annäherung an eine andere sozialistische Partei. Wenn die „Deutsche Tageszeitung“ schreibt, wir müßten deshalb die Schieber in unseren Reihen suchen, so ist das abwegig. Daß Prinz Friedrich Leopold bei der Revolution die rote Fahne aufgezogen hat, genügt für uns nicht, ihn als Parteigenossen anzusehen. Ich glaube vielmehr, daß er das Aufziehen der roten Fahne als die beste Mobiliar⸗ und . Fffekten⸗ versicherung angesehen hat. (Heiterkeit.) Es ist unerhört, wie gerade von diesem preußischen Kunstgegenstände in das Ausland Fschleppt sind, z. B. ein Bild nach Amerika, weil er hier nicht genug

eeld dafür bekam. Er hat 82* versucht, den Forstrat Escherich zur Verbesserung seiner Güter zu bekommen, um deren Ertrag zu steigern und mehr. Mittek in die Hand 8 bekommen. Zu den Kunden des Bankhauses gehörten 1 lauter Träger der Idee des alten Systems. (Ruf rechts: Levy!l) Die Herren von der Rechten bezeichnen die deutsche Republik immer als die Schieberrepublik, und die schwarz⸗ rotgoldene Fahne als das Symbol, als die Schieberfahne. Die „Kreuzzeitung“, der die Interpellation unbequem ist, sprach von einer Rinnsteinrepublik. ch die „Kreuz⸗

Bei dem Fan Erzberger hat si zeitung“ nicht so verhalten. Zwischenrufe rechts.) Herr von Graefe ruft mir wiederholt: Sk

arzprozeß! zu. Es ist unerhört, wie preußische Gerichte Prozesse E“ Wenn Sie dazu bei⸗ tragen wollen, den Sklarzprozeß zu beschleunigen, würden wir Ihnen dankbar sein. (Ruf rechts: In Preußen sind Sie ja noch die Herren!) Nein, nicht mehr. Was hat das Reichsfinanzministerium in diesen Fällen getan? Wir verlangen, haß schleunigst und rücksichtslos ein⸗ geriffen und dem Reichstag Aufklärung gegeben wird. Sowohl von der äußersten Rechten wie von der äußersten Linken wird ver⸗ sucht, den Tatbestand zu perschleiern durch Behauptungen, die ein schlechtes Licht auf die frühere Regierung werfen. Vielleicht sind einzelne dieser Taten schon zur Zeit unserer Regierung begangen worden, aber uns ist damals keiner dieser Fälle bekannt geworden; wir wären sonst selbstverständlich eingeschritten. Ich Rg e den Minister, was in dem Falle der Bank Sinner, Borchardt u. Co. geschehen ist, die in der „Freiheit“ schon am 2. Juni als Schieberbank bezeichnet wurde und der bestimmte große Kapitalverschiebungen zum veeaheg gemacht wurden. 8888

nterpellation sind wir von links angegriffen worden. Es wurd b fen, wir seien Heuchler, daß wir die

uns in der „Freiheit“ vorgeworf ler 2 G hs in, e 8 eingebracht hätten. Was soll man zu dieser Kampfes⸗

weise sagen? Haben Sie noch nicht genug von dem Denkzettel, den gi 2b scbsttchen Arbeitern gerlegt haben? (Zwischenrufe der ÜUnabhängigen Sozialdemokraten.) Können Sie denn gar nicht in Schönheit sterben? (Heiterkeit) Auch Ihr Finanzminister Geyer in Sachsen konnte nur das verfolgen, was ihm bekannt war. Au

wir haben unsere Pflicht getan, wir haben alles verfolgt, was uns bekannt wurde. Wer mehr von uns verlangt, treibt Demagogie. (Ünruhe der Unabhängigen Sozialdemokraten.) Wir verlangen, daß diaene en, die als Schieber erkannt werden, an den Pranger kommen un daß chwere Strafen über sie verhängt werden. Wo man einmal einer solchen Räuberbande am deutschen Volksvermögen auf die Spur kommt, da muß mit aller Strenge eingeschritten werden. Wir

*) Mit Ausnahme der Reden der Herren Minister, die im Wortlaute wiedergegeben werden

werden diese Sache nicht aus dem Auge lassen. Nun ist es nicht anzunehmen, daß die Beschuldigten bereits ihr ganzes Vermögen nach dem Auslande verschoben haben. Ich frage die Was ist geschehen, um das im Inlande noch befindliche Vermögen sicherzustellen, um das deutsche Volksvermögen für das ver⸗ schobene schadlos zu halten? Es sind nicht nur finanzielle, sondern auch wirkliche Werte, die auf dem Spiele stehen. Was hat die Regierung getan, um diese Gefahr zu bannen? (Beifall bei den Sozialdemokraten.)

Reichsminister der Finanzen Dr. Wirth: Geehrte Versamm⸗ lung! Der Herr Abgeordnete Müller (Franken) hat wiederholt die Frage aufgeworfen: was hat das Reichsfinanzministerium in den ge⸗ nannten Fällen getan? Ich bin bereit, in aller Aufrichtigkeit und Offenheit festzustellen, was das Reichsfinanzministerium getan hat. Der Herr Abgeordnete Müller (Franken) hat den Kreis seiner Inter⸗ pellation aber erweitert, indem er einen zweiten Fall, die sogenannten Schiebungen der Bankleute Schmidt⸗Choné und Sinner in den Kreis, seiner Betrachtungen gezogen hat. Die Herren haben gehört ich habe mir das notiert —, daß bereits am 2. Juni so führte der Herr Abgeordnete Müller (Franken) aus in der „Freiheit“ auf die Schiebungen des Bankhauses Sinner aufmerksam gemacht worden sei, und wenn ich mich recht entsinne ich habe das auch gelesen hat die „Freiheit“ geltend gemacht, daß durch die Bemühungen dieser Zeitung eine solche Schiebung aufgedeckt worden sei.

Meine Damen und Herren, wir sind in der Lage, aus den Akten nachzuweisen, daß bereits am 18. April dieses Jahres also lange bevor die „Freiheit“ davon Notiz genommen hat; ich stelle das mit Absicht fest eine Untersuchung gegen die Kaufleute Schmidt⸗Choné und Dr. Adolf Borchardt eingeleitet worden ist. Diese beiden wurden in einem uns zugegangenen Bericht großer Kapitalverschiebungen be⸗ zichtigt. Die notwendigen Ermittlungen wurden unverzüglich im April vorgenommen. Die Staatsanwaltschaft wurde bereits am 17. Mai mit dem Gegenstande befaßt.

Schmidt⸗Choné ist der Sohn des Inhabers der ehemaligen fallierten Berliner Bankfirma Anhalt und Wagner. Er bezeichnete sich als Inhaber der Cécil⸗Aktiengesellschaft, eines Hotelunternehmens in Luzern und Zürich, und als Treuhänder zahlreicher kapitalkräftiger Persönlichkeiten. Dr. Borchardt wurde als der Berliner Zutreiber bezeichnet, der die Vermögenswerte in Empfang nahm und dann mit Schmidt⸗Chons weiterleitete. Als beteiligt wurde ferner die Berliner Bankfirma Sinner und Kompanie genannt, deren Inhaber Freiherr v. Sinner, ein Schwager Borchardts, ist.

Das Verfahren bei der Staatsanwaltschaft ich stelle das besonders fest ist noch nicht abgeschlossen. (Hört! Hört! bei der U. Soz.) Die Akten sind zurzeit nicht verfügbbar. Nähere Angaben über die Schuldfrage und die Beteiligten sind daher noch nicht möglich; doch läßt sich, soweit wir unterrichtet sind, jetzt schon sagen, daß sich das Bankhaus Sinner und Borchardt anscheinend der Kapital⸗ verschiebung nach dem Auslande gewidmet hat.

An den Nachrichten, die im Mai und Juni dieses Jahres durch die Presse liefen, ist also etwas Wahres. Wieweit sich die festgestellten Kunden der Bank auch der Kapitalflucht schuldig gemacht haben, ist jedoch noch nicht erwiesen und wird vom Gericht zu entscheiden sein.

Die Reichsfinanzverwaltung wird ihrerseits zur Sicherung der Ansprüche des Reiches in diesem Falle alles Erforderliche veranlassen, sobald das Material von der Staatsanwaltschaft eingeht.

Damit komme ich zum zweiten Fall. Es war mir also beim ersten nur darum zu tun, festzustellen, daß wir rechtzeitig, ehe überhaupt in der Zeitung die Sachen behandelt worden sind, das getan haben, was unsere Pflicht ist, nämlich die Angelegenheit dem Staatsanwalt zuzuführen.

Wir kommen zum zweiten Fall, der Gegenstand der Interpellation ist, nämlich zur Frage der Kapitalverschiebung durch das Bankhaus Grußer und Kompanie. Die am 1. Januar 1919 in Amsterdam be⸗ gründete ⸗Bankfirma Grußer, Philippsohn und Kompanie hat im No⸗ vember 1919 in Berlin, zunächst Budapester Str. Nr. 1, dann Voß⸗ straße Nr. 18, eine Zweigniederlassung eröffnet. Der derzeitige einzige Inhaber der Firma ist seit dem Tode des früheren Mitinhabers Dr. v. Tust der deutsche Reichsangehörige P. J. Grußer in Amsterdam.

Dem Reichsfinanzministerium wurde vor einigen Tagen bekannt, daß sich bei der genannten Firma in Amsterdam Millionenwerte deutscher Reichsangehöriger in Barguthaben und Effekten befänden, die unter Zuwiderhandlung gegen die Kapitalfluchtgesetzgebung durch Vermittlung der hiesigen Zweigstelle der Firma Grußer, Philippsohn & Co. dorthin verbracht worden seien. Daraufhin hat das Reichs⸗ finanzministerium sofort die notwendigen Vorerhebungen vorgenommen, die hiesige Staatsanwaltschaft in Kenntnis gesetzt und die Staats⸗ anwaltschaft ersucht, wegen des Verdachtes der Kapitalflucht das Er⸗ forderliche zu veranlassen. Wie durch die Presse bekannt geworden ist, hat die Staatsanwaltschaft die sämtlichen Geschäftsbücher der hiesigen Zweigstelle der Firma Grußer, Philippsohn & Co. sowie die Guthaben dieser Firma bei inländischen Banken beschlagnahmt.

Ueber die zahlreichen Personen, die durch die Vermittlung der Firma Grußer, Philippsohn & Co. Vermögen nach dem Ausland verschoben haben, können nach dem gegenwärtigen Stand des Er⸗ mittlungsverfahrens bestimmte Angaben noch nicht gemacht werden Richtig ist, daß unter den Ixhabern von Konten bei der Firma Grußer, Philippsohn & Co. in Amsterdam auch die Namen adliger und fürstlicher Häuser, darunter auch einiger Mitglieder des Hauses Hohenzollern, festgestellt worden sind. (Lebhafte Rufe links: Hört, hört!) Inwieweit sich die Beteiligten strafbar gemacht haben, wird der Ausgang des bei der Staatsanwaltschaft schwebenden Verfahrens ergeben. (Hört, hört! rechts. Lachen links.)

Ich komme jetzt zur Frage, die für mich die entscheidende ist; denn nicht nur in das Untersuchungsverfahren einzugreifen, würde ich ablehnen, ich lehne es auch ab, irgendwie den Schein zu erwecken, als ob ich eingriffe. Die Frage ist aber für mich die entscheidende: was hat das Finanzministerium getan? und darüber gebe ich gern Auskunft.

Das Reichsfinanzministerium hat vorsorglich sofort gegen die Inhaber von Konten bei der Firma Grußer, Philippson & Co. in Amsterdam auf Grund der Bestimmungen der Steuerfluchtgesetze Sicherungsmaßnahmen der zuständigen Finanzämter angeordnet.

(Zuruf von den Sozialdemokraten: Auch bei den Hohenzollern?) Herr Abgeordneter Müller (Franken), ich habe vor einiger Zeit es sind noch nicht viele Tage verflossen hier in meiner Etatsrede fest⸗ gestellt, wie ich es mir vorstelle, das Amt des Reichsfinanzminister zu führen. Ich habe damals gesagt, daß das Amt, das ich zurzeit zu führen die Ehre habe es ist ein dornenvolles Amt, es ist nicht geeignet, einen populär zu machen geführt wird ohne Ansehen der Partei, ohne Ansehen der Person. (Bravo!) Ich darf deshalb sagen: Sie werden das aus dem folgenden entnehmen können, was getan worden ist. Ich ergänze: auch bei den Hohenzollern. (Bravo! links. Rufe bei den Deutschen Demokraten: Selbstverständlich!) Die Grundlage hierfür bildet § 2 des Gesetzes vom 24. Juni 1919 (Reichs⸗ Gesetzblatt S. 583) zur Ergänzung des Gesetzes gegen die Steuer⸗ flucht, welches die Finanzämter zur Anforderung einer Sicherheit bis zu 50 v. H. des Vermögens des Steuerpflichtigen berechtigt, wenn Tatsachen vorliegen, welche die Annahme rechtfertigen, daß Ver⸗ mögenswerte des Steuerpflichtigen dem inländischen Steuerfiskus entzogen werden sollten. Diese Voraussetzung ist bei allen den Per⸗ sonen für vorliegend erachtet worden, welche als Konteninhaber bei der Firma Grußer, Philippson & Co. festgestellt worden sind Die Finanzämter sind daher angewiesen worden, gegen diese Per⸗ sonen unverzüglich Sicherheitsbescheide bis zum höchstzulässigen Betrage festzusetzen und alle zur Vollstreckung dieser Sicherheits⸗ bescheide erforderlichen Maßnahmen zu treffen. Nach den inzwischen eingegangenen Berichten der Landesfinanzämter ist hiernach verfahren worden.

Meine Damen und Herren, ich stelle, auch zur Ehre meiner Beamten fest, daß das Reichsfinanzministerium alles das getan hat, was die Pflicht erfordert. B

Der Herr Abgeordnete Müller (Franken) hat dann eine große Anzahl von Fragen gestellt. Ich darf weniges davon kurz beant⸗ worten. Er hat nach der Zahl gefragt. Ich will die genaue Zahl nicht nennen. Sie ift aber weit höher als hundert. Er hat weiter nach einem bekannten General gefragt. Ich kann die Herren ver sichern, daß in den Angelegenheiten des Bankhauses Grußer ein bekannter General mir bisher nicht begegnet ist. (Hört, hört! rechts.) Der Nachdruck liegt aber auf dem Wort „bekannter“ General. (Hort, hört; links. Zuruf rechts: Einer der bekanntesten Heerführer!) Der Herr Abgeordnete Graefe hat recht, es ist gefragt worden, ob ich bitte mich aber auf das Wort festzulegen ob in den Akten des Bankhauses Grußer 8& Co. ein Heerführer mir bisher bezeichnet worden ist. Ich beantworte die Frage mit nein! Ich habe aber vorhin etwas anderes gesagt.

„Es ist dann insbesondere nach einem Dr. Spiro gefragt worden Dieser Dr. Spiro ist in sicherem Gewahrsam.

Es ist hernach eine große Liste von Personen aufgezählt worden Ich bin nicht in der Lage, auf diese Einzelheiten einzugehen. Denn jede Aufzählung einer solchen Liste könnte mißdeutet werden. 8.— beantworte aber die Frage dahingehend, daß, sofern diese Personen in den Konten der Bank Grußer & Co. vorkommen, gegen alle die Sicherheitsmaßnahmen ergriffen worden sind, die eine vor⸗ läufige Sicherung der Interessen des Reichs bedeuten. (Bravol bei den Deutschen Demokraten.)

Was die Mitglieder des Hauses Hohenzollern angeht, so be⸗ schränke ich mich auf das bereits Gesagte. Wir haben auch hier nicht die Einzelnamen zu prüfen, sondern ich habe nur festzustellen, daß die Landesfinanzämter angewiesen worden sind und das ist,

soweit ich unterrichtet bin, auch geschehen —, auch vor Mitgliedeen

von fürstlichen und königlichen Familien nicht halt zu machen. (Seh richtigt bei den Deutschen Demokraten.) Das ist das Grundprinzip des demokratischen Staates, ohne Rücksicht auf Personen und Sachen seines Amtes zu walten und seine Pflicht zu erfüllen. (Beifall im entrum und bei den Deutschen Demokraten.) 1

Abg. Dr. Düringer (D. Nat.): Wir billigen durchaus die von der Regierung sofort angeordneten amtlichen Maßnahmen. Wir wünschen, daß die Untersuchung mit möglichster Schnelligkeit, mit größtem Nachdruck, mit vollster Objektivität, ohne Ansehen der Person, durchgeführt wird. Bevor die Ergebnisse der Unter suchung feststehen, ist jede Ansichtsäußerung nur hopothetisch und greift der Untersuchung vor. Die Sache hat ihre juristische, politische und moralische Seite; jetzt haben die Juristen das Wort, und deshalb sollten die Politiker und die Moralisten sich zurückhalten. (Unruhe links.) Das ist aber durchaus nicht der Fall. Im Gegenteil hat man anscheinend auf einer gewissen Seite kaum abwarten können, die Sache hier zu diskutieren; die ganze Aufmachung beweist. daß sie zu parteipolitischen taktischen Zwecken ausgeschlachtet werden soll. (Zustimmung rechts.) Ich nehme an, daß die Inter⸗ n der Regierung nicht unerwünscht war, insbesondere dem Finanzminister, der sie beantwortet hat, obwohl gegenwärtig der Justizminister der Berufenere dazu gewesen wäre. Was die Regie⸗ rung jetzt getan hat, ist männiglich bekannt und wird allseitig ge⸗ billigt, es hätte dazu also vielleicht der Interpellation nicht bedurft. Aber soweit zurückliegende Verhältnisse in Frage kommen, berühr es eigentümlich, daß nicht die gegenwärtige Regietung, sondern die jenige beteiligt ist, der die Interpellanten selbst angehören. (Zu⸗ stimmung rechts.) Das haben die U. Soz. richtig erkannt, und daraus erklärt sich der von ihrer Seite eingebrachte Antrag. (Heiterkeit b. d. Soz.) Es drängt sich in der Tat die Frage auf: wie war es möglich, daß ein Auslandsdeutscher hier in Berlin unter den Augen der Regierung jahrelang eine solche unheilvolle Tätigkeit ent⸗ falten konnte? Soweit Schuldige der Verletzung der Steuerflucht⸗ gesetze überführt werden, verlangen wir ihre energische Bestrafung Nach den Ausführungen des Interpellanten und besonders nach den Artikeln des „Vorwärts“ hätte man glauben müssen, daß schon ins⸗ besondere Mitglieder des Hohenzollernhauses wer weiß wie schwer kompromittiert wären. Auffälligerweise sind in der Presse sonst keine Namen genannt, es ist bloß von fürstlichen und adligen Familien die Rede, nur das Haus Hohenzollern wird ausdrücklich angeführt, und der „Vorwärts“ berichtet mit sichtlichem Behagen eine Menge von Einzelheiten, die namentlich die Kronprinzessin betreffen, die in der Familie des Bankiers Grußer verkehrt, die Tochter Grußers gemalt haben soll usw. Nach mir gewordenen Informationen, die anzuzweifeln ich keinen Grund habe, sind alle diese Behauptungen der reine Schwindel, erstunken und erlogen. (Hört, hört! und große Be⸗ wegung rechts.) Es ist bekannt, daß der Kronprinz des Deutschen Reichs in Holland in sehr bescheidenen Verhältnissen lebt. (Ruf auf der äußersten Linken: Tellersammlung! Große Unruhe und Pfui⸗ rufe rechts.) Die Frau Kronprinzessin soll zum Unterhalt ihres Mannes Gelder auf einem Konto dieser Bank haben, das ist das einzige, was gegen sie ins Feld geführt werden