b entwurf, dem der Reichsrat zagestimmt hat, haben die Nokopse pflichtigen ein Zehntel ihres algabepflichtigen Vermögens, mindesten aber ein Drittel der Abgabe, bereits im nächsten Jahre in zue Raten zu entrichten. Nur in bestimmt bezeichneten Fällen wird der zu zahlende Betrag vom Finanzamt er⸗ näühigt . ns ue Füeee mirden Dies möge jeder enken, noch schwankt, ob er das Reichsnotopfer alsbald bezahlen soll.
Essen, 23. November. (W. T. B.) Auf dem Kongres der christlichen Gewerkschaften wurde eine Ent⸗ schließung gefaßt, die die Schaffung eines einheitlichen Arbeitsrechts fordert und verlangt, daß zur Lösung der gesetz⸗ heberischen Aufgaben auf diesem Gebiet die christlichen Gewerkschaften
erangezogen werden. Einem Antrage Behm, der die Umgestaltun des Heimarbeitergesetzes und die reichsgesetzliche Krankenversicherung der Hausgewerbetreibenden im Rahmen, der Reichsversicherungs⸗ ordnung fordert, wurde einstimmig zugestimmt. Eine die Sicherung des Existenzminimums für die Staats, beamten fordernde Entschließung, für die sich der Minister Stegerwald aussprach, wurde einstimmig angenommen. Auf Grund eines Referats des Verbandsvorsitzenden Otto⸗Düsseldorf übe
1
Steinzeit“ setzen. Die Oberkasseler Fundstelle liegt 90 Meter über See auf der Schutthalde, die unterhalb elnes sehr lange Zeit als Steinbruch benutzten Basalthügels sich findet; da sich an ihr kein Löß findet, so ist ibre a. als nachlößlich, d. h. als Magdalénien charakterisiert. Die Skelette haben einst eine pietätvolle Bestattung erfahren. Das Grab war durch große Steinplatten geschützt. Das männliche Skelett lag auf dem Rücken mit dem Kopfe nach Osten, während der Kopf der Frau auf der Brust des Mannes lag. Als Beigaben fanden sich neben dem Haarpfeile noch Knochenartefakte, die besonders wegen der geschnitzten Pferdeköpfchen die Bestätigung für die Kulturschicht bieten. Dazu kommen zwei Zähne vom Höhlen⸗ bären, ein Zahn vom Bison, ein Eckzahn vom Renntier, alles um⸗ geben von einer roten Masse, die vom Roteisenstein stammt und auf gewisse kultische Dinge deutet; ferner noch ein Unterkiefer und Knochen vom Wolf. Alle diese nacheiszeitlichen Tiere bekräftigen die Annahme der Kulturschicht des Frühmagdalsnien. Die Form der Skelette selbst ist nicht leicht zu analysieten, da sich an ihnen Eigen⸗ schaften und Merkmale finden, die vom Neandertalmenschen bis zum modernen Menschen sich erstrecken; neben dem Augenbrauenwulst am Skelett des Mannes, den enorm großen Schädeln, den enormen Ge⸗ sichtern, die sehr breit und sehr hoch waren und an die Neandertalrasse wie an die Cro⸗Magnonmenschen erinnern, die nur gering breite 1 andsv Stirn, die rechteckig gestalteten Augenhöhlen, die enormen Jochbeine, die Heranbildung des Nachwuchses in den Betrieben und Gemerꝛ⸗ beim Mann 153 Millimeter, bei der Frau 125 — 130 Millimeter. schaften wurde eine Entschließung einstimmig gefaßt, die die Dazu kommt, gleichfalls charakteristisch, die schmale Nasenöffnung, die Se der gewerblichen und fachlichen Ausbildung des Lehr⸗ sehr hochstehenden Unterkiefer, überhaupt die gewaltige 2 der ingsnachwuchses und seine Eingliederung in das christliche Eßwerkzeuge, alles dies erinnert an die älteren Typen des Diluvial⸗ Gewerkschaftsleben fordert. Angenommen wurden ferner Ent⸗ menschen. Da das Gebiß sehr stark abgekaut war, so hat Prof. schließungen über die Schaffung ausreichender Aus, und Fon⸗ Bonnetes für die Rekonstruktion ergänzt. Während man für den bildungsmöglichkeiten für die weibliche Jugend, die Net⸗ 8 8 8. Mann ein Alter von 50 bis 60 Jahren und darüber annehmen muß, wendigkeit alsbaldiger Einbringung eines Hausangestellten, Gesundheitswesen, Tierkrankheiten und Absperrungs⸗ kann die Frau auf etwa 25 Jahre geschätzt werden, da der sogenannt gesetzes, die Förderung der staatsbürgerlichen und Fac⸗ maßregeln. Sraferegehe bei ihr ““ Lr vnn emnüht⸗ noch nicht e. 8 egis “ — “ S Bewertung 8 8 — . gänzlich geschlossen waren; aber au as Skelett der Frau, das im er Handarbeit und der im gewerkschaftlichen d men zu be⸗ Nachweisung über den Stand von Viehseuchen zenzen dem des Mannes gegenüber graziöser erscheint, zeigt starke folgenden Lohnpolitik sich beschäftigender b Im⸗ in Oesterreich am 10. November 1920. “ vhn vngewöhnlch S Heeg. 11 busch. 1au einer 88 lusse S. Varmittagssitzung abge 8 g aus d ; 8 ; augenwulst feh eide Schädel zeichnen sich aus durch das schön ge⸗ gebenen Erklärung wie ver Vorsitzende des baverische (Auszug aus den amtlichen Wochenausweisen.) rundete Hinterhaupt und durch ausgebildetes Kinndreieck. Die Ver⸗ Landtages, Königsbaur, die Gerüchte über angeh Maul⸗ tiefung der Gelenkgrube führt sie der modernen Schädelbildung näher, liche Loslös E16““ ngen im bayerischen Volk⸗ e und an dem Frauenschädel beobachtet man eine Bildung, die auf eine aufs schärfste zurückF. Weder das baverische Volk, noch der ban besonders starke Ausbildung der dritten Stirnwindung des Hirns rische Landtag, noch die Regierung dächten daran, die Einbeit deuten könnte, in die Broca das Sprachzentrum legt. Die Reiches anzutasten; Bavern halte es nicht nur für seine Pfli habe heute folgende Notiz bekommen: Nähte des Schädels sind einfach verzahnt, die Kiefer er⸗ sondern für sein eigenes Interesse, auch in der Zeit der Not 8 2 1““ st ats 1 laubt 8 “ ener Mit innern an die von Cro⸗Magnon. Prof. Bonnet bezeichnet die Ske⸗ Einheit des Reiches unbedingt zu verteidigen. Verlangt werde “] Der Oberstaatsamvalt ö ach soeben “ lette als „Oberkasseler Form“ des Diluvialmenschen. Die Grund⸗ müsse allerdings, daß das staatliche Eigenleben der einzelnen Lände teilung, davor warnen zu müssen, in der Sache Schmidt, Chons, risse beider Schädel decken sich vollständig, in beiden ist der gleiche nicht unterbunden werde. Sinner einen Namen zu nennen, da die Schuldfrage bisher in keiner
Typus gewahrt. Beide Skelette haben einen gewaltigen Brustkorb Weise geklärt sei
ise geklärt sei.
Beuthen, 23. November. (W. T. B.) Unter dem dringenden be
und sehr starke Rippen, beide sind nach demselben Grundtyp gebaut; 8 8 3 3 8 . 8 der sehr robuste Mann ist 172 cm groß, die Frau mit ihrem gleschfals Verdacht der Ermordung Kupkas ist ein gewisfe (Hört, Hört! rechts.) Sie sehen also, meine Herren, daß ich zweck⸗ robusten Brustkorb, aber mit schlankem Schlüsselbein, erreicht nur 8e inrich Mierczyk aus Scharley, der im Hotel Lomnit mäßig und pflichtmäßig gehandelt habe. Ich bin nicht in der Lage, 148 cm Su Dazu kommen starke Oberarme beim Manne, dessen beschäftigt ist, von der Abstimmungspolizei festgenom men und Namen zu nennen, da es sonst heißen könnte, man hätte Menschen ,— 2 ge und eßgilt ist. F das Becken des dem hiesigen Gerichtsgefängnis eingeliefert worden. unnötigerweise dem Verdacht ausgesetzt
9 2 1 8 F ier⸗ 8 11“ 3 Ee;
annes als durchaus plump zu bezeichnen, so ist das der Frau zier In einem Falle habe ich eine Ausnchme gemacht. Auf die Frage
uns allen zur einzusetzen. 3 b V- sammlung für das notleidende Kind dienen. „Deutschen Kinverhilfe⸗ haben sich Wohlfahrtsorganisationen aller Richtungen vereinigt, um das Liebeswerk an den Kindern einheitlich zusammenzufassen und auf breitester sozialer Grundlage aufzubauen. Die Reichs. und Landesregierungen begrüßen die Deutsche Kinder⸗ hilfe als das Werk freier Liebestätigkeit und lassen ihr alle Förderung zuteil werden. Sie haben bisher auf diesem Gebiete geleistet, was in ihren Kräften stand. Angesichts der großen Notlage müssen nun ober alle Kreise unseres Volkes zur Selbsthilfe aufgerufen werden. Die Frage: öffentliche oder private Hilfe, ist hier nebensächlich. Ent⸗ scheidend ist, daß unseren unglücklichen Kindern von allen Seiten und mit allen Mitteln schnell und tatkräftig geholfen wird. Unser ganzes Vaterland muß hier einmütig zusammenstehen. An Sie alle, meine Damen und Herren, die Sie zu meiner Freude so zahl⸗ reich hier erschienen sind, ergeht daher der Ruf: Helfen Sie, soweit Sie können, jeder an seinem Teil, werben Sie in Ihren Kreisen für diese edle Sache; es handelt sich um unser köstlichstes Gut, um unsere Jugend und Zukunft!“
Sodann gab Regierungsrat Grieneisen eine Darlegung über die Organisation und die Durchführung der Sammlung für die Deutsche Kinderbilfe, die mit lebhaftem Interesse entgegengenommen wurde. Frau Ethel Hansa von der Staatsoper schloß die Ver⸗ anstaltung mit einem Vortrag aus dem „Troubadour“ und einem Liede von Leo Blech. Die ausgezeichnet durchgeführte Veranstaltung
erweckte allgemein den lebhaftesten Wunsch, es möge der bevorstehenden Unternehmung zur Linderung der Not der deutschen Kinderwelt vollster Erfolg beschieden sein.
icht, für biese wichkige und große Aufgabe unser Bestes iesen Zwecken soll die nunmehr eröffnete V 3 Iks⸗ u der
beutschen Reichsanzeiger ind Preußischen Staatsanzeiger
Berlin, Mittwoch, den 24. November 1920
eine e Wolldecke übersandt. Die Sachen sind den Kriegs⸗ I bereits 1“ Die Kosten von über 17 000 Frank wurden aus Reichsmitteln bestritten. Lesestoff, Musikinstrumente und sonstige Bedürfnisse sind gleichfalls dort eingegangen, ebenso Liebesgaben aus privaten Spenden. Die deutsche Regierung und ihre Vertretung in Paris bemühen sich auf das angestrengteste, die imsendu erbeizuführen. Die Fürsorge für die letzte schwere Wartezeit ist durchaus sachgemäß organisiert. Oberstleutnant Draudt hat jetzt erneut mit allem ß die
Nr. 267.
(Fortsetzung aus dem Hauptblatt.)
Deutscher Reichstag. 32. Sitzung vom 19. November 1920. Nachtrag.
Die Rede, die bei der Besprechung der pellation der Sozialdemokraten etreffend Kapitalverschiebungen nach dem Auslande, in Erwiderung auf Ausführungen der Abgg. Höllein (Unabh. Soz. l.), Scheidemann (Soz.), Graf von Westarp (D. Nat.) und Dr. Breitscheid (Unabh. Soz.) der Reichsminister der Finanzen Dr. Wirth gehalten hat, hatte folgenden Wortlaut:
Reichsfinanzminister Dr. Wirth: Die Rechte begrüßt es mit „um Gottes Willen“, wenn ich hierher trete. Ich danke dafür.
Meine Damen und Herren! Der Herr Abgeordnete Breitscheid hat mit sehr temperamentvollen Worten bemängelt, daß ich keine Aus⸗ führungen hinsichtlich der Namen in der Angelegenheit der Banken Schmidt, Choné, Sinner, Borchardt usw. gemacht habe. Ich habe mit Absicht keine Namen genannt (Zuruf von der U. Soz.: Deswegen . tadeln wir es jal), und ich will Ihnen gleich sagen, warum. Ich
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zu kränken. (Sehr richtig! bei den Deutschen Demokraten und im Zentrum.)
Meine Damen und Herren, die Ausführungen, die vom Herrn Abgeordneten Dr. Breitscheid gemacht worden sind, berühren meines Erachtens insbesondere den preußischen Herrn Justizminister. Und es war nach meiner Auffassung fehlerhaft, den Herrn Reichsjustiz⸗ minister in diesem Fall zu zitieren. Meine Damen und Herren, die Untersuchungen sid im Gange. Ich warte ab. Ich sage aber noch etwas mehr zu. (Zuruf links.) — Wenn wir lange warten müssen, Herr Abgeordneter, so dürfen Sie überzeugt sein, daß das Reichsfinanzmin isterium nicht nur etwa nach einem Jahre, sondern möglichst bald den preußischen Herrn Justizminister ersuchen wird, darauf hinzuwirken, daß die Untersuchung rasch und daß sie streng geführt und möglichst bald zu einem Abschluß gebracht werde. (Zuruf links: Wenn Sie Finanzminister bleiben!)
—2 darauf hingewissen, Laße. . Zurückhhalting der Gefangenen vom Standpunkt der Menschlichte — seß Wir nen die Hoffnung nicht auf, daß “ diesem feierlichen Appell Gehör schenkt und das Problem burch un⸗ verzügliche Heimschaffung endlich seine Lösung findet. (Beifalll. Auf eine Frage des Abg. Kunert (lL. Soz.) wird die alsbaldige Vorlegung eines Gesetzentwurfs zur Si cherung de.s Existenz. minimums der unteren und mittleren Beamten in Aussicht gestellt. 1 . delaaf weitere Frage des Abg. Kunert wird erklärt, daß beim Reichsnoto 8 die Auslandsdeutschen be⸗; sondere Berücksichtigung erfahren, die einjährige Frist 33 Sitz 23. N. ber 1920, N. itt 1 uh für die Rückkehr in das Ausland sei um ein weiteres Jahr ver⸗ Sitzung vom 23. November 1920, Nachmittags r. da vord 1 Sitzung 6 ch g längert worden ““ Getreide. Ein
Bericht des Nachrichtenbüros des Vereins deutscher Zeitungsverleger“*).) Schließlich fragt Abg. Kunert (U. Soz.) erklärt, daß diese Mehrbelieferung auf
Auf der T rd chst Anf belieferung der Iü mit
Auf der Tagesordnung stehen zunächst Anfragen. RKegierungsvertreter
Eine Anfrage der Abg. Frau Dr. Lüders (Dem.) betreffs des Grund einer Resolution des Reichstagen erfolge, die dadurch 8. “ Söhncpesonshen. entüer metrken wehraf, auf 10 Prchent des Feiedens. “ bedarfes erhöht, sie habe bisher etwa 15 Prozent erreicht.
Löbe bemerkt, daß diese Anfrage schon zum vierten Male w a 1 ng f gin 3 Eine Interpellation der weiblichen Abgeordneten aller
auf der “ steht, daß ein Regierungsvertreter zur Beant⸗ 1 b 8 wortung onwesend ist, daß aber die Anfrage wegen der Abwesenheit Parteien auf Vorlegung eines Reich sju gend w ohl⸗ fahrtsgesetzes wird nach einer Erklärung des Staats⸗
der Anfragestellerin noch niemals hat erledigt werden können. Abg. Frhr. von Lersner (D. Vp.) fragt an, welche Schritte sekretärs Schulz erst n ach dem 29. N o vemb er b e⸗ antwortet werden; eine Interpellation der Deutsch⸗
die Reichsregierung unternommen hat, um das schwere Los der Deut nationalen über die bolschewistischen Vorgänge in russischen
noch in Frankreich (Avignon) zurückgehaltenen gbeeeen m elöö Kriegsgefangenen⸗ und Internierungs⸗ lagern in Deutschland wird, wie Vizekanzler
lassung 28 bewirken. — 88 2 8 Reichskommissar Stücklen: Die deutsche Regierung ha 8 “ 56 z8 ee wiederholt der französischen Regierung gegenüber die d f Dr. Heinze erklärt, in der geschäftsordnungsmäßigen Frist be⸗ antwortet werden.
2 tsauffassung vertreten, daß auch die iegs
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Zusammen Gemeinden (Höfe):
Rotz 1 (1), Maul⸗ und Klauenseuche 668 (6678), Räude der Einhufer 125 (205), Schweinepest (Schweineseuche) 67 (144), Rotlauf der Schweine 42 (51). 1 8
Lungenseuche des Rindviehs, Pockenseuche der Schafe und Be⸗ schälseuche der Pferde sind nicht aufgetreten.
Kunst und Wissenscht.
Gestern abend fand auf Einladung des Reichsministers des Innern im Reichstag ein parlamentarischer Abend statt, bei dem von be⸗ rufenen Seiten die Not der deutschen Wissenschaft dar⸗ gelegt werden sollte. Neben dem Herrn Reichspräsidenten waren der Reichskanzler, fast alle Minister, zahlreiche u“ und viele Vertreter der Wissenschaft erschienen. Der Reichsminister des Innern Koch führte die Versammlung in das Problem des Abends ein und schilderte den großen Ernst der Lage, in der sich die deutsche Wissenschaft befindet. Das deutsche Volk, dessen hochentwickelte Kultur Gefahr laufe, zu veröden, müsse Veredelungsarbeit treiben, die nur auf der Grundlage wissenschaftlicher Erkenntnis geleistet werden könne. Wer der deutschen Wissenschaft helfe, helfe damit auch dem ganzen Volke. Die Tatsache, daß das Reich und weite Kreise in ihm Verständnis für die hohe Bedeutung der Wissenschaft haben, lasse mit Hoffnung auf Gelingen an Maßnahmen zu ihrer Unterstützung herantreten. Nach dem Reichsminister nahmen Vertreter der Wissenschaft das Wort. Der Generaldirektor der Staatsbibliothek, Professor D. Dr. von Harnack sprach über den inneren Zusammenhang von Wissen⸗ schaft und Kultur. Die Wissenschaft könne nicht von ihrem alten Kapital leben und keine Pause in ihrer Forschungsarbeit machen. Sie beruhe auf einem gewissen Wohlstand und gedeihe nicht in einer Atmosphäre der Armunt. Der Geheime Regierungsrat, Professor Dr. Haber legte diß Fortschritte dar, die unsere Wirtschaft der wissenschaftlichen Forschung verdankt. Professor Dr. von Müller beß die ausschlaggebende Bedeutung der exakten wissenschaftlichen
C11.“ 8*
orschung zur Bekämpfung der Volkskrankheiten. Staatsminister a. D.
8 S chmidt⸗Ott schilderte den bereits erfolgten Zusammenschluß der wissenschaftlichen Anstalten und Verbände zu gemeinsamer Abwehr der Not und erbat mit eindringlichen Worten die tatkräftige stützung aller Berufsstände. “
8 8 C1“ E“ 1“ In der Novembersitzung der Anthropologischen Ge⸗ sellschaft gedachte der Börsißende der dahingeschiedenen Anatomen Prof. Schütz⸗Berlin und Prof. Toldt⸗Wien in ehrenden Nach⸗ rufen. Prof. Dr. Bonnet⸗Bonn berichtete über die diluvialen Skelette von Oberkassel bei Düsseldorf. Von prähisto⸗ rischen Menschenresten haben wir auf deutschem Boden neben dem Neandertaler (1856 bei “ gefunden) den Unterkiefer von Mauer (bei Heidelberg gefunden), sodann die Ehrings⸗ dorfer Stelette bei Weimar, zu denen nunmehr die 1914 im Februar in Oberkassel bei Düsseldorf aufgedeckten, fast vollständig er⸗ haltenen Skelette hinzukommen. Es ist ein männliches und ein weib⸗ liches Skelett, die beide gut erhalten sind und hinsichtlich ihrer kleinen ängel gut auseinander ergänzt werden können. Die Seltenheit Ehaegelnbialeg, sc 8r den Uenständen, den Moränen⸗ ben der Eiszeit, der dadurch; e ing und Defor⸗ mation der Knochen, den den der Humus⸗ säure bei den auf dem freien Boden beigesetzten Skeletten. Günstiger liegen die Dinge für uns in den Höhlen, wo wir vom gewachsenen Boden aufwärts alle Kulturschichten wie in einer Chronik nach⸗ einander esen imstande sind und auch durch den eingedrungenen Schlamm und Sand e aus den Verwitterungsprodukten er⸗ kennen können, 8 wel oden die Höhlen unbewohnt gewesen sind. Higsichah 3 der asseler Skelette nun sind die geologische Schicht, die begleitende Kulturperiode, die für diese maßgebende Tier⸗ welt gut bestimmt. Aus einem eil, der mit den Skeletten gefunden wurde und aus 9 bergestellt ist, schloß man suf eine Analogie der bei Andernach au mn Renntierstation, die wir ins Magdalénien, d. h. in die letzte Periode der „älteren
8
ebildet. Die Unterschenkel sind bei beiden übermäßig st wenngleich die Gelenkköpfe klein sind. Die Knochen des Wadenbeins 8 etwa um ein Drittel dicker als wir sie bei den heutigen Menschen inden. Wir müssen uns demnach den Mann vorstellen als einen Athleten von übermäßiger Körperkraft, mit faßförmigem Brustkorb, gestrecktem Unterarm und Unterschenkel, plumpem Becken und mit einem Kepfe, der ihm keineswegs ein adonisartiges Aussehen verlieh, zumal der Mund übergroß erschien. Die Frau muß ihm gegenüber zwar einen kräftigen Eindruck gemacht haben, doch ist sie kleiner und zierlicher gestaltet und neigt in einigen ihrer körperlichen Merkmale schon dem modernen Typus zu. Beide gehören jedoch zu⸗ sammen und geben uns eine Vorstellung von den Renntierjägern des Magdalénien. Es erhebt sich nun die Frage, wie die Ober⸗ kasseler Menschen sich zu den andern diluvialen Rassen stellen. Der Mann von Oberkassel steht in mancher Richtung dem Neanderthaler nahe, die Frau indessen erinnert mehr an die Rasse von Combec Capelle mit ihrem schmalen Langkopf. In ihr scheint demnach Blut von dieser Rasse zu sein. Gewisse Merkmale des Mannes von Ober⸗ kassel dagegen, besonders im Bau der Glieder, zeigen Aehnlichkeit mit dem Bau der Cro⸗Magnon⸗Reasse, auf die die Franzosen so stolz sind. Diese Cro⸗Magnons sind keine Neandertaler mehr. Die Oberkasseler Skelette sind demnach wohl zwischen die Neandertaler und die Rasse von Cro⸗Magnon einzureihen. Wie diese Umbildung aus dem Typus des Neandertalmenschen zum Menschen von Cro⸗Magnon verlaufen ist, dafür bieten uns die Funde von Prsdmost in Mähren die beste Anschauung, so daß wir hier eine der „Oberkasseler Form“ nahestehende Spezies des diluvialen Menschen vor uns haben.
heimrat Prof. Hans Virchow ergänzte die Ausführungen noch durch einzelne Bemerkungen hinsichtlich des Baues der Kiefer.
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Theater und Musik.
Im Opernhause wird morgen, Donnerstag, Max von Schillings' „Mona Lisa“ unter des Komponisten eigener Leitung, mit den Damen Kemp, Hansa, Marherr⸗Wagner, Mancke und den Herren Mann, Rode als Gast, Stock, Henke, Philipp, Düttbernd und Zador besetzt, aufgeführt. Anfang 7 Uhr.
Im Schauspielhause werden morgen mit Dagny Servaes als Adelbeid Runeck und Bolz wiederholt. Anfang 7 Uhr. 8
Mannigfaltiges.
Zahlung des Reichsnotopfers. — Von amtlicher Seite werden durch „W. T. B.“ die Abgabepflichtigen auf folgendes hingewiesen: Kriegsanleihe wird auf das Reichs⸗ notopfer nur noch bis zum Ablauf dieses Jahres angenommen. Eine allgemeine Verlängerung dieser Frist ist nicht zu erwarten. Die Kriegsanleihestücke sind bei den bekannt gemachten Annahme⸗ stellen, die auch beim Finanzamt erfragt werden können, hinzugeben, Anträge auf Uebertragung von Reichsschuldbuch⸗ forderungen dagegen bei der Reichsschuldenverwaltung (Schuld⸗ buchangelegenheit) in Berlin zu stellen. In bei Fällen sind von dem Einlieferer Vordrucke auszufüllen, die bei den Finanzämtern erhältlich sind. Bei der Inzahlunggabe von Kriegzanleihen auf das Reichsnotopfer und die Kriegs⸗ abgaben werden fällige Zinsscheine nicht angenommen. — Erneut wird auf die Vorteile der baren Vorauszahlungen des Reichs⸗ notopfers aufmerksam gemacht. Auf Zahlungen dieser Art bis zum Ende dieses Jahres wird eine Vergütung von 4 vH gewährt; für 100 ℳ Steuer sind mithin 96 ℳ zu zahlen. Mit dem Tage der Zahlung erlischt die Verpflichtung zur Verzinsung des durch die Zahlung getilgten Betrages. Je früher die Zahlung erfolgt, um so weniger Zinsen sind mithin zu entrichten. Die Zahlungen, die 96 ℳ oder ein Vielfaches hiervon betragen müssen, können bei den Finanzkassen oder den mit der Wahrnehmung der Geschäfte einer solchen beauftragten Kasse, den Reichsbankanstalten sowie den als Annahmestellen für bare Vorauszahlungen bestimmten öffentlichen Sparkassen und öffentlich-rechtlichen Kreditanstalten erfolgen. Einzahlungen bei den Reichsbankanstalten, Sparkassen oder Kreditanstalten sind nur unter Ausfüllung eines Vordrucks zulässig, der bei diesen Stellen erhältlich ist. Die Zahlung git nur dann als vor dem Ablauf dieses Jahres erfolgt, wenn das Geld den genannten Kassen spätestens am 31. Dezember zugegangen ist. Für Beträge, die — gleichgültig aus welchen Ursachen oder Gründen — erst nach diesem Tage bei den genannten Kassen eingehen, wird die Vergütung nicht Es warte daher niemand bis zum letzten Augenbsic. — Abgabepflichtige, die nicht imstande sind, den ungefähren Betrag ihrer Abgabenschuld zu berechnen, erhalten vom zuständigen Finanzamt Auskunft. Wer mehr einbezahlt, als seine Schuld beträgt, läuft keine Gefahr. Die Zuvielzahlungen werden nach Feststellung der Abgabeerstattet, und zwar die baren in bar, die in Kriegsanleihe in Kriegsanleihe⸗
„Die Journalisten“ Anton Edthofer als 6
stücken; Ueberzahlungen von mehr als 300 ℳ werden mit 5 vH vom Tag der Zahlung an verzinst (§ 112 A. O.). — Nach einem Heseb⸗
8 8
Worms, 23. November. (W. T. B.) Heute früh über⸗ uhr der von Frankental kommende Personenzug am Bahn⸗ Sergen Frankentaler Straße ein Fuhrwerk. Die Schranken des Bahnüberganges waren offen. Zwei Perxsonen
EEEE1 S. 1. 8 vorgefundenen apieren dür er eine der 5 r Mühlenbesitzer Frank Doerr aus Lambsheim sein. 28
Amsterdam, 23. November. (W. T. B.) Die „Times meldet aus London, daß der Internationale Gewerk⸗ schaftsbund zum Nachfolger von Appleton, der gesem zurückgetreten ist, den bekannten englischen Eisenbahnerführer Thomas 116“] des Internationalen Gexerk. schaftsbundes wählte. den Beratungen nehmen we: 10 englische, 12 französische, 12 deutsche, 10 belgische, 6 vol⸗ ländische, 5 italienische, 5 norwegische, 4 schwedische, 4 dänische, 4 tschecho⸗slowakische. 2 luxemburgische, 2 spanische, 1 schweizerischer und 1 kanadischer Vertreter. Jouhaux wird über die Meru ofrage Mertens über die Verteilung der Rohstoffe, Oudegeest über dis Sozialisierung und Fimmen über die internationale Lage und die Stellung des Internationalen Gewerkschaftsbundes sprechen. — Einer Reutermeldung zufolge forderte Thomas in einer Rede, daß der Kongreß versuchen möge, eine gerechte Verteilung der Rohstoffe und eine Stabilisierung der Währungen siicherzustellen.
Aeronantisches Observatorium. 8
Lindenberg, Kr. Beeskow. “
23. November 1920. — Pilotballonaufstieg von 3 p bis 3 ½ p. Wind
Relative Geschwind Richtung
Seehöhe Shtheas Temperatur C0 Feuchtig⸗ 8 6 bb“ 7
122 300
S E eo92be
—,— —9
Heiter. Nebel. — Sicht 6 km.
(Fortsetzung des Nichtamtlichen in der Ersten 8 und Zweiten Beilage.)
Theater. 8
Overnhaus. (Unter den Linden.) Donnerstag: 209. Dauss
be ugsvorstellung. Mona Lisa. Anfang 7 Uhr.
1 u Licht. — Silhouetten. — Bajazzi. Anfanz 4 Uhr.
Schauspielhaus. ([Am Gendarmenmarkt.) Donnerst.: 215. Daue⸗ bezugsvorstellung. Die Journalisten. Anfang 7 Uhr. Freitag: König Richard der Dritte. Anfang 7 Uhr.
Familiennachrichten.
Gestorben: Hr. Oberbürgermeister August Bernert (Ratibre. F Landesökonomierat Jakob Merrem (Gut Kirchhof be ittlich).
—
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Verantwortlicher Schriftleiter: Direktor Dr. Tyrol. Charlottenburg
Verantwertlich für den Anzeigenteil: Der Vorsteher der Geschäftsstele nungsrat engering in Berlin. Verlag der Geschäftsstelle (Mengering) in Berlin Druck der Norddeutschen Buchdruckerei und Verlagsanstalt, “ BVBerlin. Wilbhelmstr. 3Z3.
Vier Beilagen
und Erste 2 Zweite Zentral⸗Handelaregister⸗Beilage 8* ge
(Abg. Henke: Sie sind kein Preuße! gibt auch gemütliche Leute unter den Preußen,
des Herrn Abgeordneten Müller (Franken), wie es mit Dr. Spiro stehe, hobe ich geantwortet und mitgeteilt, daß dieser Mann in Haft sei; das habe ich deshalb getan, weil es hier meines Erachtens geglückt ist, einen der gefährlichsten Schieber, die wir in Deutschland über⸗ haupt haben, zu fassen. Er hat nicht nur in Hamburg vier falsche Konten geführt, wie wir bereits zweifelsfrei nachgewiesen haben, dem Mann ist auch abgenommen worden ein Perlenhalsband im Werte von 1 Million, das er nicht zum Notopfer angemeldet hat. (Hört! Hört!) Sie sehen also, daß ich berechtigt war, in diesem Fall den Namen zu nennen.
Ich bin verpflichtet, dem Herrn Abgeordneten Höllein noch auf seine Frage zu antworten, inwieweit die kaiserliche Familie, ins⸗ vesondere der Kaiser selbst, belastet ist. Ich darf dem Herrn Abgeord⸗ neten Höllein, wie auch dem Herrn Abgeordneten Breitscheid erwidern, daß die meisten ihrer Anfragen im preußischen Abgeordnetenhause zu stellen sind, also hier zuständigerweise nicht beantwortet werden können. Ich kann aber folgendes mitteilen — ich habe mir das wörtlich auf⸗ geschrieben, um nicht etwa im Ausdruck fehlzugehen —: Es ist richtig, daß mit Genehmigung des preußischen Finanzministers (hört! hört! rechts) Möbel und Hausrat aus dem Privateigentum des früheren deutschen Kaisers nach Holland ausgeführt worden sind. Nun kommt bei der zollamtlichen Ausgangsabfertigung die Zuständigkeit des Finanz⸗ ministers des Reiches. Dieses Mobiliar ist, wie dies allgemein ge⸗ schieht, geprüft worden, ob Gegenstände mit zur Ausfuhr gelangen, bezüglich deren eine Ausfuhrgenehmigung nicht vorlag. Die nach dieser Richtung hin vorgenommenen Prüfungen haben in keinem Fall be⸗ lastendes Material ergeben. (Lebhafte Rufe rechts: Hört! Hört!) Ich teile pflichtgemäß das mit, was in meinem Amt über diese Dinge bekannt ist; dazu bin ich verpflichtet.
Meine Damen und Herren, nun war ich auf das höchste über⸗ rascht, daß vorhin der Abgeordnete Graf Westarp in meinen Aus⸗ führungen Bemerkungen gefunden hat, die ihm Anlaß zu einer in der Form gewiß milden, in der Sache aber sehr scharfen Kritik ge⸗ geben haben. Ich habe die Erregung der Herren von rechts bei meinen Ausführungen nicht verstanden. Ich stelle fest, daß ich in meinen Ausführungen Mitglieder des Hauses Hohenzollern mit Namen nicht genannt, daß ich über die kronprinzliche Familie Mitteilungen überhaupt nicht gemacht habe. (Zurufe rechts.) — Nein, das ist ein Irrlum cuf Ihrer Seite. — Ich darf Ihnen deshalb aus dem steno⸗ graphischen Bericht den Satz vorlesen. Mitteilungen über die kron⸗ prinzliche Familie hat ganz allein der Herr Abgeordnete Kahl ge⸗ macht. (Hört, hört! bei den Sozialdemokraten.) Der Herr Abge⸗ ordnete Kahl hat mitgeteilt, daß Grußer, wenn ich ihn recht ver⸗ standen habe, einen Brief überbracht hat. Das habe ich als Tatsache aufgegriffen, weil mir das sehr notwendig erscheint, und ich habe in meinen Ausführungen gesagt: Aber das war ich verpflichtet, festzustellen, daß es uns eigentümlich
berührt, was auch der Herr Abgeordnete Kahl selbst festgestellt hat, daß fürstliche Personen — er, der Herr Abgeordnete Kahl hat ja die kronprinzliche Familie selber genannt, nicht ich — den Herrn Grußer als Briefträger benutzt haben. b Das war das einzige, was ich mitgeteilt habe. Ich kann deshald nicht verstehen, daß die Herren dort drüben, wie mir mitgeteilt worden ist, wieder, was schon wiederholt geschehen ist, sich in persönlich kränkenden Bemerkungen und Zurufen über mich ausgelassen haben. Ist das nicht genügend?) — Es nicht wahr? (Heiter⸗ keit.) Ich stelle das nur fest. Ich erwidere aber das, was vorhin geschehen ist, nicht; ich habe dazu gar stelle fest, daß es unverantwortlich ist, wie es von der rechten Seite wieder⸗ holt geschieht, wenn ich hier am Regierungstisch, ohne daß ich Anlaß zu geboten habe, dauernd mit beschimpfenden Kränkungen belegt werde. (Zustimmung bei den Regierungsparteien.) Ich stelle aber auch fest, daß das, was in der letzten Zeit geschehen ist, durch die Mitteilungen ausgemerzt war, die mir von führenden Herren dort emacht worden sind. Ich bedauere aufrichtig, daß beute wieder der⸗ artige Kränkungen vorgekommen sind. Ich habe die Ausführungen. die ich heute mittag hier gemacht habe, in aller Sorgfalt überlegt. Es war kein Wort dacin enthalten, das geeignet wäre, irgend jemand
keinen Anlaß. Ich stelle nur
Kriegs⸗ und Zivilgefangenen, die sich wegen anderer als disziplinärer Vergehen in Untersuchungs⸗ oder Straf⸗ haft befinden, bedingungslos heimzusenden seien. Die französische Regierung antwortete 2. Fais. ach der Ratifikation des Frie⸗ densvertrages und dem Abtransport der großen Masse Ende März 1920 trat durch eine Zusammenziehung der gerichtlich bestraften deutschen Kriegsgefangenen im Spezialdepot Avignon klar in Er⸗ scheinung, 2. Frankreich zunächst nicht gewillt sei, auf sein Recht aus Artikel 219 des Friedensvertrags zu verzichten. Der Vorsitzende des Hauptausschusses für Kriegsgefangene bei der deutschen Friedens⸗ delegation in Paris, Oberstleutnant Draudt, wies am 7. Mai 1920 im französischen Ministerium der auswärtigen Angelegenheiten unter Betonung des ungeheuren seelischen Leidens unter den Zurückgehaltenen in ernstester Weise auf die Notwendigkeit einer alsbaldigen Heim⸗ schaffung der Avignonleute hin. Französischerseits wurde erwidert, daß die Frage der Begnadigung der kriegsgerichtlich bestraften Deut⸗ schen geprüft werde. Seitens der deutschen Regierung ist nichts unversucht gelassen, um die Zurückgehaltenen der Heimat wieder zuzuführen. Die Zahl der Kriegsgefangenen in und um Avignon betrug im Winter 1919/20 zunächst nur einige achtzig, sie wuchs dann auf über 400, um zurzeit durch Entlassungen auf etwa 250 herab⸗ zusinken. Für das leibliche Wohl der Deutschen ist von deutscher Seite mit allen Mitteln gesorgt worden. Bis zum 1. Mai 1920 wurden Avignon und die von diesem Depot abhängigen Arbeitsstellen regelmäßig von dem Delegierten des dänischen Roten Kreuzes in Paris, Herrn Rosting, besucht, der in hervorragender Weise sich um unsere Landsleute dort bemühte. Mit Erlaubnis der französischen Regierung besuchte ein deutscher Vertreter der Hauptkommission vom 12. bis 14. Juli Awignon. Dieser Besuch wirkte wohltuend auf die Stimmung der Zurückgehaltenen und beseitigte mancherlei Mißstände. Inzwischen sank aber die Stimmung in Avignon und wuchsen die Klagen in beruruhigendem Maße. Oberstleutnant Draudt ist soeben
von einem weiteren Besuch zurückgekehrt, wobei er sämtliche deutsche
Gefangene gesprochen hat. Er hat sofort im französischen Ministerium für auswartige Angelegenheiten seine Eindrücke geschildert, daß er die Empfindung habe, von dem Lager eines Schwerkranken zu kommen. Der Schlüsel zu dem unhaltbaren Zustand sei in der allgemeinen Mentalität der Kriegsgefangenen und in den unsagbaren seelischen Qualen der Zurückgehaltenen gegeben. Es sei als erwiesen anzu⸗ nehmen, daß bei der Mehrzahl der Fälle in Avignon von einem verbrecherischen Willen nicht gesprochen werden kann. Die meisten Straftaten erklärten sich aus der besonderen Geistesverfassung und der Not der Kriegsgefangenen. Es befinden sich noch einige 50 Kriegs⸗ gefangene in dem Spezialdepot Avignon, ungefähr 150 in dem Arbeitslager Quers und einige in dem Arbeitslager Agay, und weitere Lager in Frankreich und Kolonien bestehen nicht. Die Arbeitslager Pouzillac und Mornas⸗Liman sind am 10. November d. J. auf⸗ gehoben worden. An beiden letzten Stellen sind unzweifelhaft durch Eigenmächtigkeit französischer nachgeordneter Stellen schwere Miß⸗ griffe vorgekommen, wogegen deutscherseits ernstester Protest eingelegt worden ist. Augenblicklich ist in der seelischen Verfassung der Kriegs⸗ gefangenen eine leichte Besserung eingetreten. Der deutsche Ver⸗ treter hat jedoch die Franzosen darauf hingewiesen, daß man sich keiner Täuschung darüber hingeben dürfe, daß diese Besserung nur eine vorübergehende sein konne. Auch wurde zu erkennen gegeben, daß die Verhältnisse in Avignon der Verbesserung bedürfen. Die Ernährungsverhältnisse genügen nicht, Beleuchtung und Heizung sind unzureichend, es fehlt an Sitzgelegenheiten und Tischen, die Schlaf⸗ einrichtungen sind für die Jahreszeit nicht genügend. Die materiellen Verhältnisse in Quers und Agay sind augenblicklich ausreichend. In Quers, woher viele Klagen über den französischen Lagerkommandanten Octobon kamen, hat sich das Verhältnis zurzeit gebessert. Die Ge⸗ fangenen in Quers haben nach dem Besuch des deutschen Vertreters im Juli einen deutschen Lagerältesten erhalten, den Schullehrer Rieger aus Schlesien, der eine befriedigende Atmosphäre geschaffen hat. In Quers und Agay wurden Oberstleutnant Draudt über die augenblicklichen Verhältnisse keine ernsten Klagen vorgebracht. Der Gesundheitszustand ist befriedigend, und nur die Eintönigkeit des Essens in Agay wird beanstandet. Abhilfe wurde zugesagt. Der deutsche Vertreter hat aber im französischen Ministerium in feier⸗ lichem Ernst darauf hingewiesen, daß die seelische Spannkraft der Kriegsgefangenen auch in den beiden Arbeitslagern nicht mehr vor⸗ handen und eine Heilung nur durch Heimschaffung möglich sei. Der
15 hat den Gefangenen von Ende Oktober 1919 bis Hen 38 650 Frank aus Reichsmitteln zu Unterstützungszwecken zu⸗ gewiesen; sie haben das Geld erhalten. Außerdem gingen ihnen Sondergeldspenden aus Rote Kreuz⸗Mitteln und von privater Seite in erheblicher Höhe zu. An Bekleidungsstücken, Nahrungs⸗ und Genußmitteln, Zigarren und Zigaretten sind mehrfach umfangreiche aus Reichsmitteln bestrittene Sendungen, darunter über siebzig⸗ tausend Zigarren uno . igaretten von der Hauptkommission in Paris 84 Avignon überwiesen worden. In den ersten Novembertagen wurde vom Hauptausschuß eine vollständige Wäscheneuausrüstung für jeden Mann, ein warmes Hemd, eine Unterhose, ein Paar Strümpfe,
8. Mit Ausnahme der Reden der Herren Minist Wortlaute wiedergegeben werden.
soldungsg
Die Privatstrafverfolgung der Abgeordneten Is en mann Wulle (D. Nat.), Lübbring (Soz.) und Kempkes (D. Vp.) wird nicht genehmigt.
Drei Entwürfe, betreffend Aenderungen des Be⸗ esetzes, Ausführungsbestimmungen zum Besoldungsgesetz und Sicherung einer einheitlichen Regelung der Beamtenbesoldung, werden dem Hauptausschu ß überwiesen.
Ein Gesetzentwurfüberden Erlaß von Ver⸗ ordnungen für die Zwecke der Uebergangs⸗ wirtschaft, der die bisher fehlenden Strafbestimmungen bei Uebertretungen und eine Hinausschiebung des Außerkraft⸗ tretens der geltenden Bestimmungen bis zum 1. April 1921 vorsieht, wird einem neu zu bildenden dauernden Rechts ausschuß von 28 Mitgliedern überwiesen.
Ein Antrag des Abg. Aderhold (U. Soz.), betreffend Außerkraftsetzun ¹ von der bayerischen Regierung auf Grund des Artikels Abs. 2 für Bayern getroffenen Maßnahmen, wird am kommenden Freitag in Ver⸗ bindung mit der Interpellation, betreffend den Elektrizitäts⸗ streik, beraten werden. 8
Schließlich wird eine Vorlage über Verschärfung der Strafen gegen den C“ el, Preistreiberei und verbotene Ausfuhn lebenswichtiger Gegenstände in Verbindung mit einem denselben Gegenstand betreffenden Antrag des Ab⸗ geordneten Dr. Gildemeister (D. Vp.) dem Rechtsaus⸗ schuß überwiesen.
Damit ist die Tagesordnung erledigt.
Nächste Sitzung Mittwoch, 1 Uhr. Etats (Friedensvertragsetat).
Schluß 21½ Uhr.
Preußische Landesversammlung.
177. Sitzung vom 23. November, Nachmittags 2 Uhr. (Bericht des Nachrichtenbüros des Vereins deutscher Zeitungsverleger“*).)
Am Ministertisch: die Staatsminister Dr. am Zehn⸗ hoff und Lüdemann. Vizepräsident Dr. Porsch eröffnet die Sitzung 2 Uhr 25 Minuten. 8 Der Gesetzentwurf über eine erhöhte Anrech⸗ nung der von den Staatsbeamten und Volksschullehrpersonen während des Krieges zurückgelegten Dienst⸗ zeit wird in zweiter und dritter Beratung auf Antrag des Hauptausschusses unverändert angenommen. 8 Es folgt die erste Beratung einer Novelle zum Gesetz über die Erhebung von Kirchensteuern in den katholischen Kirchengemeinden. Ein Regierungsvertreter weist darauf hin, daß die Novelle lediglich den auf dem staatlichen Steuergebiete eingetretenen Veränderungen Rechnung trägt. 8 Abg. Ludwig (UI. Soz.): Wir lehnen die Vorlage ab nicht aus Abneigung gegen die katholische Bevölkerung, sondern weil wir den Staat nicht zum Steuerexekutor der Kirche machen wollen. Die Vorlage geht an einen Ausschuß. 8 Es folgt die zweite Beratung des Gesetzentwurfs über die Einführung einer Altersgrenze für Beamte. Der Hauptausschuß will die Zwangspensionierung, die nach der Vorlage bei unmittelbaren Staatsbeamten mit dem 65. Lebensjahre eintreten soll, bei Lehrern an den wissenschaftlichen Hochschulen erst mit dem 68. Lebensjahre vorschreiben, also an derselben Alters⸗ grenze, die die Vorlage den richterlichen Beamten setzt. Abg. Weissermel (D. Nat.) beantragt, die Vorlage an den Agsscß
Zweite Lesung des
zurückzuweisen. Einmal fehle es noch an der notwendigen Klarheit über die Rechtsstellung der Mitaglieder des Oberverwaltungs⸗ gerichts. Weiter seien nachträglich noch Petitionen von Beamten ein⸗ gegangen, die in den Bestimmungen des Gesetzes insoweit eine außer⸗ ordentliche Härte erblicken, als sie nicht in der Lage seien, kurzerhand ihren Wohnsitz zu wechseln, sobald die Zwangspensionierung eintrete.
Abg. Freymuth (Soz.) beantragt im Gegensatz zum Vor⸗ redner, die Vorlage morgen an erster Stelle weiterzuberaten; die Zeit
9 Mit Ausnahme der Reden der Herren Mini
Wortlaute wiedergegeben werden. 18