1921 / 228 p. 16 (Deutscher Reichsanzeiger, Thu, 29 Sep 1921 18:00:01 GMT) scan diff

Meine Fraktion ist immer für die soziale Ausgestaltung der Kinder⸗ zulagen eingetreten. Bei der weiteren Neuregelung. der 8 bezüge, die -. 8 unsere Auffassungen berück⸗ sichti verden. (Beifall im Zentrum.) 1

vv a. 7 Mit schönen Worten ist den Beamten nicht geholfen. Meine Freunde haben immer dahin zu wirken gesucht, daß nicht nur das Grundgehalt erhöht wird, sondern auch die mittleren und unteren Beamten endlich auskömmlich bezahlt werden.

Abg. Dauer (Baper. Vp.): Die Spannung zwischen den einzelnen Ortsklassen muß auf ein erträgliches Maß gebracht 21 Wir hoffen, daß durch ein gedeihliches Zusammenarbeiten der Re⸗ gierung und der Beamtenorganisationen das gewünschte Ziel erreicht wird. 1

Die Vorlage wird in zweiter und gleich darauf debattelos auch in dritter Lesung angenommen. 8

2n es folgt die Interpellation Müller⸗Franken (Soz.): 8 „Ist die Reichsregierung bereit, angesichts des fürchtbaren Un⸗

lücks in Oppau sofort Maßnahmen zu treffen, um 1. festzu⸗ tellen, welche Umstände das Unglück verschuldet haben und was sur Verhinderung derartiger Unfälle geschehen kann, 2. den Geschädig 5 ohne jede Verzögerung aus öffentlichen Mitteln zunächst die erste Hilfe zu leisten?“

In Verbindung damit werden ein Antrag der unab⸗ hängigen Sozialisten und ein Antrag der 6. munisten beraten, die sich auf das Oppauer Unglü

beziehen. Zur Begründung der Interpellation nimmt des Wort Abg. Brey (Soz.): Bis zum 27. September sind 414 Tote di öl der Vermißten ist auf 160 angewachsen. Daneben geborgen, die Zahl der Vermißten ist auf 160 %G gewachse . gibt es zahlxreiche Schwerverletzte, darunter 40 Personen, 8 des Augenlichts beraubt sein sollen. Die Explosion hat auf ungeheure Entfernung Tod und Verderben ausgespien und schwere Verwüstungen wirtschaftlicher Art hervorgerufen. Den Toten gilt unsere Trauer, den Hinterbliehenen das Mitgefühl der Arbeiterklasse und aller edlen d guten Menschen. Möge diese Welle des Mitgefühls, die bei unseren ehemaligen Feinden Widerhall gefunden bat, ausweiten zu einem Strom hilfsbereiter Arbeit. Die⸗ jenigen, die noch auf dem Schmerzenslager liegen, begleiten unsere Wünsche auf Linderung ihrer Schmerzen und der heiße Wunsch, daß es menschlicher Pflege und ärztlicher Kunst gelingen möge, sie wieder gesund zu machen. Entsetzt fragen wir: Wo sind die Ursachen dieser Arbeitstragödie zu suchen und zu finden? Generaldirektor Bosch hat an den Gräbern in Ludwigshafen die Versicherung abgegeben, alle Versuche, die mit Ammon⸗Sulfatsalpeter auf Explosivmöglichkeit an⸗ estellt seien, hätten die Neutralität erwiesen, man stehe vor einem Rätfel. Diese Erklärung kann uns natürlich nicht beruhigen und befriedigen. Der Verdacht, daß ein Verbrechen die Ursache sei, veranlaßt durch Neid und Mißgunst auf die wissenschaftlichen Er⸗ rungenschaften, ist abzuweisen, denn sonst hätte sich das Verbrechen doch gegen die Stätten der Erzeugung gerichtet, gegen Kessel⸗ und Maschinenhäuser. Aber die haben zum Teil gar nicht, zum Teil sehr wenig gelitten. Die Stätte des Unglücks ist ein Silo, ein Lager⸗ raum, der 4000 Tonnecd Ammonsulfatsalpeter faßte. Wer das Trümmerfeld nicht gesehen hat, vermag sich keine Vorstellung von den Wirkungen der Explosion zu machen. Unter den von mir auf den Tisch des Hauses niedergelegten Bildern befindet sich auch ein Bild der Stelle, wo der Silo stand. Heute ist dort ein Krater, der nach meiner Schätzung 150 m lang und 100 m breit erscheint. Die Tiefe wird auf 10 bis 50 m geschätzt. Nach dem Rhein zu angrenzende Gemüse⸗ gärten sind mit Schutt und Asche hoch angefüllt, niemand ahnt, daß dort etwas gesät und gearbeitet worden ist. Zentnerschwere Beton⸗ brocken, zerrissene, zerbogene Reste von eisernen Trägern liegen weit durch die Feldmark von Oppau zerstreut. Diese Spuren der Ver⸗ heerung sind Beweis, daß das Material, das in dem Silo geborgen war, explosiv gewesen ist, wenn auch die Explosivität von Chemikern, Technikern und Wissenschaftlern nicht festgestellt worden ist. Die Tatsache der Explosion ist Beweis, daß die chemische Wissenschaft ihr Werk in seinen fürchterlichsten Wirkungen nicht zerkaunt hat. Während des Weltkrieges hat man zu Zerstörungszwecken chemische Präparate hergestellt, diese sollten nun anderweitig technisch gus⸗ gewertet werden, und Teile dieser Erzeugung haben sich dann in Silo Nr. 10 zu Ammonsulfatsalpeter verdichtet. Während des Welt⸗ krieges haben an mehr als einem Orte Deutschlands Explosionen stattgefunden, durch die Menschenleben und Gesundheit zerstört wurden. Leider konnten wir damals wie in vielen anderen Dingen nicht die volle Wahrheit erfahren. Damals entstanden die scharfen Spreng⸗ und Geschoßmittel aus jenen Stoffen, die nun wieder ver⸗ heerend im eigenen Lande gewirkt haben. Auf dem Felde, auf dem Wege zur Arbeit, in der Fabrik, selbst in den Schulen hat die Explosion ihre Opfer gefordert. Ich frage: Hat man im Auge gebat, daß man es mit Material zu tun hatte, das ursprünglich der Zerstörung im weitesten Sinne des Wortes dienen sollte? Die Erklärung des Generaldirektors Bosch beunruhigt uns als Organisations⸗ und Volksvertreter, sie beunruhigt die Bevölkerung von Ludwigshafen, Oppau und der ganzen Pfalz bis über die Grenzen der anliegenden Lande hinaus. Wer bürgt uns dafür, daß die Silos, in denen noch 8000 t Ammonsulfat liegen, nicht ein weiterer Unglücksherd werden können, wenn das Unglück das Werk der chemischen Zersetzung und nicht eines technischen Versehens oder Ver⸗ rechens ist? Der Direktor der chemisch⸗technischen Reichs⸗ anstalt, Oberregierungsrat Dr. Lenz, ist von der Reichs⸗ regierung an den Unglücksherd entsandt worden. Aufgabe dieses Herrn muß es sein, Sicherheit zu schaffen, daß die noch vorhandenen Läger nicht eine zweite Quelle des Todes, des Verderbens und der Verwüstung werden. Die Ursache des Unglücks muß in rücksichtslosester, unnachsichtigster Weise geprüft werden. An diesen Untersuchungen müssen die Arbeiter und ihre Vertreter mit ihren praktischen Erfahrungen beteiligt werden, wo die Wissenschaft und Technik versagt haben. Arbeitern der Nachtschicht, die das Material absprengen, loshacken und nach einem anderen Silo tran⸗ portieren mußten, fiel in der letzten Nacht die veränderte Farhe des Materials, das ursprünglich weiß war, auf. Die auf der tiefsten Stufe des terrassenförmig aufgebauten Materials arbeitenden Arbeiter haben sofort die hohe Temperatur der Masse empfunden. Die Arbeiter finden hier die Ursache der Explosion, die durch Selbst⸗ entzündung erfolgt sein wird. (Abg. Dusche: Weshalb haben sie es nicht sofort gemeldet?) In der Nacht war es ihnen nicht möglich. Die Temperatur im Silo betrug 50 bis 60 Grad (Hört! Hört! links). Die dauernd erhöhte Temperatur mußte doch als Gefahrenquelle längst erkannt worden sein. Von Maßnahmen, die die Hitzeentwicklung paralysieren könnten, ist nichts bekannt. War überhaupt ein chemis gebildeter Beamter, der mit sogenannten Wetterverhältnissen vertraut ist, am Arbeitsplatz? Besonders bedenklich erscheint es, daß der Transport des Ammonsulfatmaterials an eine andere Firma, die Tiefbau⸗ Unternehmer⸗Firma Kratz, vergeben war. Diese führte die Arbeit im Akkord aus. Die Arbeiter dieser Firma standen indessen im Tagelohn. Der Firma mußte daran liegen, möglichst viel zu schaffen, sie hatte unter ständigem Arbeiterwechsel zu leiden, nahm aber keine Arbeiter aus dem Werke an, die mehr sachverständig gearbeitet hätten. Das Drängen der Firma führte nun zu Sprengversuchen großen Umfangs, und gerade am Unglückstage scheint eine besonders große Sprengung béabfichtigt gewesen zu sein. Denn es erfolgten mehrfache Auf⸗ forderungen an Meister und Schießmeister, der Sprengung bei⸗ zuwohnen, möglichst mit photographischem Apparat. Daraus ist der Schluß zu ziehen, daß eine Rekordsprengung versucht werden sollte. (Hört; hört! links.) In diesem überhastenden Verfahren liegt gewiß eine Gefahrenquelle. Diesen Mitteilungen aus Arbeiterkreisen muß auf das peinlichste und genaueste nachgegangen werden. Einen weiteren Fehler erblicken die Arbeiter in der Prämtenzahlung, bei deren Ein⸗ führung die Arbeitervertretung nicht mitgewirkt hat und die dahin führen kann, daß eine Schicht die andere an Arbeitsleistun über⸗ treffen will und dadurch eine falsche Mischung entsteht. Die erbeiter in den chemischen Industrien haben immer zu ihrem Schutz die Be⸗ seitigung des Akkordsystems gefordert. Die Regierung muß auch dies untersuchen. Eine Sprengung der Silos darf so lange nicht mehr

folgen, bis die Ursachen des Unglücks aufgeklärt sind. Der Gefahr einer 89 bhabeffe che ochesen weder die Arbeiter noch die Umgebun G gesetzt werden. Den Hinterbliebenen ist weitgebende Hilfe durch den 9 eb. minister zugesagt worden, der sich die Verwüstung selbst angesehen at. Die Hilfe darf sich nicht beschränken auf die Privatwohltätigkeit und die Leistungen des Werkes, sondern muß in breiterem Strom senen. Wir machen uns die Forderungen des Allgemeinen Deutschen Gewerk⸗ schaftsbundes und der Afa zu eigen, daß die Gesetzgebung 1 muß und die unzulänglichen Unfallverhütungsvorschriften grund egen nachgeprüft werden müssen, daß schuldhaftes oder fahrlässiges Vorge en untersucht werden muß, daß die Unfallentschädigungsbestimmungen endgültigen Anzahlung Industriekonzerne in Damit deckt sich im Antrag der Unabhängigen, mit dessen Ziel wir einverstanden sind. I. atrgs ee ein Fesendene Hele 827 den sozialpolitische Aus⸗ huß des Reichstags sofort an die Arbeit gehen. dee dect sich im wesentlichen mit den Forderungen der Afa. Mit diesem Antrag fordern wir einen Untersuchungsausschuß, sei es ein oder 8 anderer. 1 ie Arbeiter hinzugezogen werden. pr Tesishdie ae Oppau es Umgebung muß ausreichende Hilfe ge⸗ (Beifall bei den Sozialdemokraten.)

Reichsarbeitsminister Dr. Brauns: 1un Nach dem Bekanntwerden des Umfangs des Unglücks im Oppauer Werk der Badischen Anilin⸗ und Sodafabrik hat sich die Reichsregierung sofort und eingehend mit den Maßnahmen befaßt, die aus Anlaß des Unglücks getroffen werden müssen. Im 9 der Zuständigkeit des Reichs wurde das Reichsarbeitsministerium als das soziale Ministerium mit der Untersuchung des Unglücks, mit der Anordnung der zum Schutze der Arbeiter und der Oeffentlichkeit etwa zu ergreifenden Maßnahmen sowie mit der Durchführung der notwendigen ersten und weiteren Hilfeleistung beauftragt. Zu diesem Zwecke habe ich mich alsbald an die Unglücksstelle begeben, um mich persönlich zu unterrichten, welches die Ursachen des Unglücks gewesen sind und in welchen Richtungen sich die erforderlichen Maßnahmen bewegen müßten. 1 1

Der Umfang der Katastrophe, soweit sie Menschenleben gefordert hat, steht immer noch nicht ganz fest. ngest b 8 ist es bis jetzt noch nicht möglich gewesen, sämtliche Tote, die unter den Trümmern begraben liegen, zu bergen. ie Persönlichkeit der aufgefundenen Toten nicht mehr festzustellen. Man muß ferner auch damit rechnen, daß eine Anzahl Toter in unmittelbarer Nähe der Hauptunglücksstelle überhaupt nicht mehr auf⸗ gefunden werden kann. Die Gesamtzahl der Toten läßt sich daher bisher nur annähernd feststellen. Jedoch muß mit etwa 400 Toten bestimmt Mehrere 100 Personen sind schwer beschädigt und Die leichten Ver⸗

Festsetzung

werden müssen,

schädigungen hinreichende

Masse herangezogen werden.

Auch der Antrag

Selbstverständlich Auch der schwergeprüften

währt werden.

Im Rahmen

Trotz der angestrengtesten

Zum Teil ist

gerechnet werden. eine große Anzahl ist leicht verletzt worden. n;; letzungen bestehen hauptsächlich in Kopfverletzungen durch Glassplitter.

Die größten Zerstörungen weist das Werk auf. nicht, wie der Herr Vorredner angenommen hat, erst durch den Krieg entstanden, sondern war schon vor dem Kriege, und zwar zur Er⸗ Angriff genommen worden. Der Silo, hat einem riesengroßen Trichter, Der Umkreis dieses Ich werde

Das Werk ist

Düngemitteln,

Explosion stattfand, jetzt mit Wasser angefüllt, Platz gemacht. Trichters ist ein weites, unabsehbares Trümmerfeld. mir erlauben, zu den Bildern, die schon auf dem Tische des Hauses ausliegen, gleich noch einige weitere Illustrationen hinzuzufügen, ins⸗ besondere über die Zerstörungen im Werke selber.

Allein die Beseitigung dieser Trümmer ist eine schwierige Auf⸗ gabe und wird viele Millionen erfordern. störten Werkes wird es gleichwohl voraussichtlich in verhältnis⸗ mäßig kurzer Zeit möglich sein, den Betrieb wieder aufzunehmen. Die Nachricht, daß die Gemeinde Oppau gänzlich zerstört sei, ist nicht zutreffend. Allerdings ist eine Anzahl von Wohnhäusern völlig, eine sehr große Anzahl zum großen Teil zerstört. ist in anerkennenswerter Weise aber schon jetzt anßerordentlich rührig an der Arbeit, um die Wiederherstellung ihrer Wohnungen vorzu⸗ nehmen. Die Zerstörungen und Unfälle würden noch weit schlimmer und zahlreicher geworden sein, wenn nicht Angestellte und Arbeiter eine große Geistesgegenwart bewiesen und unter eigener Lebensgefahr die Feuer gelöscht und die Kessel und anderen Einrichtungen außer Betrieb gesetzt hätten.

Ueber den Verlauf und die Ursachen des Unglücks hat die Fabrik⸗ leitung zunächft folgende Mitteilung gemacht, die zum Teil allerdings auch schon in der Presse veröffentlicht ist. lauben, sie in ihrem Wortlaut zur Kenntnis des Hauses zu bringen:

Nach den Ergebnissen der bisherigen Untersuchungen über die Ursachen des Unglücks steht fest, daß die Katastrophe auf die Explosion eines Lagers von etwa 4500 Tonnen Ammonsulfat⸗ salpeter zurückzuführen ist.

Es haben zwei Explosionen stattgefunden, zunächst eine schwächere und einige Sekunden später eine sehr starke. die verheerende Wirkung der Katastrophe zurückzuführen.

Es war bisher den chemischen Sachverständigen nicht bekannt und es hat sie im höchsten Maße überrascht, daß dem seit Jahren in größtem Umfange hergestellten und gelagerten Ammonsulfat⸗ salpeter eine Explosionsfähigkeit innewohnt. bevor sie bald nach dem Kriege von der ausschließlichen Herstellung von Ammonsulfat als Düngemittel zu der Herstellung weiterer, und zwar mit Hilfe von Ammonsalpeter gewonnenen Düngemittel, überging, auf das gründlichste und sorgfältigste geprüft, ob diese neuen Salze in großen Mengen gelagert und transportiert werden

In einem Teil des zer⸗

Die Bevölkerung

Ich darf mir wohl er⸗

Auf die letztere ist

Die Fabrik hat,

Von Ammonsalpeter weiß man, kein Explosivstoff im gewöhnlicheu Sinne, doch durch sehr heftige Impulse (starke Initialzündung) unter Umständen zur Explosion

gebracht werden kann. In Oppau bestand kein Lager von Ammon⸗

Durch zahlreiche Versuche war nun festgestellt worden, daß die vorerwähnte Explosivität des Ammonsalpeters völlig zum Ver⸗ schwinden gebracht werden kann, wenn man ihn mit entsprechenden Mengen von Ammonsulfat vermischt. mit Ammonsulfat ein Doppelsalz keinem der zahlreichen Versuche mit Salzen von der in der Fabrik angewandten Zusammensetzung auch nur im geringsten als explosiv erwies. Daraus wurde der Schluß gezogen, daß auch eine Lagerung des Ammonsulfatsalpeters im größten Maßstabe keine Gefahren bieten könne. Ammonsulfatsalpeter hat deshalb bisher als derart ungefährlich gegolten, daß man seit Jahren in allen damit arbeitenden Fabriken bei Entspeicherung dieser Erzeugnisse fest gewordene Blöcke des Salzes gesprengt hat, ohne daß dabei jemals irgendwelche verdächtigen

Ammonsalpeter vermag zu bilden,

1

Erscheinungen festgestellt worden wären. So ist z. B. noch am Tage vor dem Unglück in dem später veeeve Lager ohne irgendwelche ili Erscheinungen gesprengt worden. Hebazh die aufgetretene Explosion letzten Endes zurückzuführen ist und insbesondere, wie sie eingeleitet worden is. konnte bisher nicht genau ermittelt werden und wird sich vielleicht auch künftig mit Sicherheit kaum ermitteln lassen, weil sämtliche zur Zeit der Explosion in dem explodierten Lager beschäftigt ge⸗ wesenen Personen der Katastrophe zum Opfer gefallen sind. b Soweit, meine Damen und Herren, der Bericht der Betriebs⸗

leitung.

Ich habe nun auch eine unparteiische amtliche Stelle um ihr

Gutachten über die Eigenschaften des in Oppau zur Explosion ge⸗ kommenen Ammonsulfatsalpeters gebeten, und zwar die Chemisch⸗ Technische Reichsanstalt. Der entscheidende Teil des Gutachtens, den ich wohl auch wörtlich zur Verlesung bringen darf, lautet wie folgt:

Ueber die Eigenschaften des Ammonsulfatsalpeters ist in der Literatur so gut wie nichts bekannt geworden, da er erst seit wenigen Jahren hergestellt wird und erst seitdem eine Bedeutung erlangt hat. Man wußte bislang nicht, daß auch dieses Salz durch sehr starke Initialzündungen zum erplosiven Zerfall kommen kann. VWiee die Badische Anilin⸗ und Sodafabrik selbst mitteilt, hat sie eingehende Versuche zur Ermittlung der explosiven Eigenschaften dieses Doppelsalzes mit negativem Ergebnis angestellt. Es handelte sich hierbei um Versuche in kleinem Maßstab, wie sie gewöhnlich zur Prüfung von Sprengstoffen ausgeführt werden.

Nach den ersten Nachrichten von der Explosion in Oppau hat die Shemisch⸗Technische Reichsanstalt sofort Versuche mit diesem Salz nach verschiedenen Richtungen hin durchgeführt, die noch nicht zum

Abschluß gekommen sind. Die Versuche sind etwa in gleicher Weise, wie sie schon lange vor der Katastrophe mit dem Ammoniaksalpeter ausgeführt wurden, vorgenommen worden. Es hat sich bisher ergeben, daß das Doppelsalz mit starken Sprengkapseln, wie sie zur Zündung von Bergwerkssprengstoffen (Patronen) gewöhnlich benutzt werden, nicht zur Explosion kommt. Dagegen gelang es bei Anwendung einer sehr starken Initialzündung in eisernen Röhren, das heißt bei festem Einschluß, das Doppelsalz teilweise zur Explosion zu bringen. Es sind dies aber Bedingungen, wie sie bei der Lagerung und dem Ge⸗ brauch des Düngemittels nicht vorkommen.

Bei der Einwirkung höherer Temheratur und im Feuer kommt das Doppelsalz nicht zur Explosion.

Aus den hier kurz mitgeteilten Versuchen geht hervor, daß das Doppelsalz in der Tat zur Explosion gebracht werden kann, aber nur unter Anwendung außerordentlich starker Initialzündungen, wie kräftige Sprengkapseln zusammen mit größeren Spreng⸗ stoffmengen. Die Ursache der Erplosion ist gegenwärtig noch nicht aufgeklärt und wird sich restlos auch nicht auf⸗ klären lassen, da in der Umgebung alles vernichtet ist und die beteiligten Personen ihr Leben verloren haben. Nach Angabe der

Badischen Anilin⸗ und Sodafabrik sind in den Lagern zur Auf⸗,

lockerung des stark zusammengebackten Ammonsulfatsalpeters viel⸗ fach Sprengungen mit kleinen Initialladungen schon seit Jahren vorgenommen worden, ohne daß dabei verdächtige Erscheinungen festgestellt worden wären. Ob an dem Tage der Kata⸗ strophe solche Sprengungen vorgenommen sind, steht noch nicht fest. Wenn sie in dem Lager ausgeführt wären und zu der Katastrophe geführt haben sollten, so muß man auf Grund obiger Versuche annehmen, daß außergewöhnliche Initialzündungen zur Anwendung gekommen sind. Im übrigen erscheint es verfrüht, sich schon heute, wo die Untersuchungen über die Ursachen der Explosion noch nicht abgeschlossen sind, auf eine bestimmte Ansicht festzulegen. gez. Dr. Bergmann, Geheimer Regierungsrat. gez. Dr. Lenze, Oberregierungsrat. 8 Meine Damen und Herren! Die Badische Anilin⸗ und Soda⸗ fabrik hat nun erklärt, daß die Herstellung von Ammonsulfatsalpeter oder ähnlicher Salze in Oppau nicht wieder aufgenommen werde. Dafür will sich die Fabrikleitung, damit die Landwirtschaft keine Einbuße an Düngemitteln erleiden soll, der Herstellung gänzlich ungefährlicher, aber für die Landwirtschaft ebenso brauchbarer Düngesalze zuwenden. Ferner ist die Herstellung des gleichen Erzeugnisses in einem zweiten Werk der Anilinfabrik bis auf weiteres eingestellt worden. Nach den mir gewordenen Mitteilungen haben andere als die beiden angeführten Werke das gleiche Düngemittel nicht hergestellt. Ich habe mich bei meiner Anwesenheit in Oppau natürlich nicht bloß mit der Betribbsleitung ins Benehmen gesetzt, sondern auch mit den Vertretern der Arbeitnehmer. Sie waren bei der Besprechung mit der Betriebsleitung und bei der Besichtigung der Unglücksstätte zugegen und sind außerdem noch besonders durch meinen Fachreferenten eingehend befragt worden. Bei der erwähnten Besprechung hat sich ergeben, daß auch die Arbeitnehmer damals noch kein endgültiges Urteil über die Ursachen des Unglücks abzugeben in der Lage waren und sich im wesentlichen auf die Angaben der Fabrik beschränkten. . Bei diesen vorläufigen Ergebnissen werde ich selbstverständlich die Sache nicht bewenden lassen; ich lasse vielmehr die Untersuchung des Unglücks unter Hinzuziehung unparteiischer Sachverständiger und aller unmittelbar Beteiligten, der Unternehmer wie der Arbeiter, fortfetzen. Dabei sollen alle Anregungen, auch die der heutigen Reichstagsdebatte, ihre Beachtung finden. Ich werde selbstverständlich auch die Ergebnisse der von dem Herr Reichsminister des Innern veranlaßten, in der Presse bereits er⸗ wähnten Untersuchung durch Mitglieder der Chemisch⸗Technischen Reichsanstalt, von der auch das soeben verlesene Gutachten stammt, fortdauernd im Auge behalten. Auch seitens der Staatsanwaltschaft in Frankenthal ist unter technisch⸗sachverständiger Beteiligung eine Untersuchung eingeleitet worden. Ich werde veranlassen, daß ich auch über die Feststellungen dieser Untersuchung verständigt werde. Meines Erachtens werden sich die Untersuchungen zunächst auf die näheren Umstände der Explosion und auf das chemische und physi kalische Verhalten des explodierten Stoffes an sich zu erstrecken haben, weiterhin auch auf die Frage, inwieweit etwa die Art der Einbringung in das Lager und die Lagerung selbst auf das Unglück von Einfluß gewesen ist. Es ist nicht ausgeschlosseu, daß durch Aenderungen in der Art der Einlagerung des Fabrikats, die angeblich erst vor kurzem eingetreten waren, eine Erhöhung der Explosivität herbeigeführt worden ist. 8 Ferner wird zu prüfen sein, ob die Art, wie der Stoff für den Transport vorbereitet worden ist, insbesondere die seit Jahren üblichen Sprengungen, eine solche ist nach den bisherigen Feststellungen wahr⸗

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scheinlich am Unglücksmorgen vorgenommen worden besonderen Anlaß zu dem Unglück geben konnten.

Ferner müssen meines Erachtens Gegenstand der Nachprüfung sein der Umfang der Lagerung, der Einfluß der Bauart auf die Widerstandsfähigkeit der Baulichkeiten gegen Folgen von Explosionen, die Lage der Wohnstätten in der Nähe chemischer Fabriken, deren Erzeugnisse auch nur eine entfernte Möglichkeit für solche Unglücks⸗ fälle bieten.

Alle diese Fragen müssen, wie gesagt, weiter Gegenstand der Nachprüfung sein, um daraus vom Standpunkt der Unfallverhütung weitere, gegebenenfalls auch gesetzgeberische Folgerungen zu ziehen.

Unsere zweite ebenso dringende Sorge war die Hilfeleistung für die Opfer der Katastrophe. Die Reichsregierung hat sofort bei den gesetzgebenden Körperschaften die Bewilligung von 10 Millionen für die erste Hilfeleistung beantragt. (Bravo!) Wegen der Dringlichkeit dieser ersten Hilfeleistung haben wir diese Summe im Wege des Vorschusses der in erster Linie beteiligten bayerischen Regierung schon jetzt zur-Verfügung gestellt. Ebenso haben die Regierungen von Bayern, Baden und Hessen erhebliche Summen angewiesen.

Für die Unterbringung der Obdachlosen und für den Wieder⸗ aufbau ihrer Wohnungen sind von den zuständigen örtlichen Stellen alle Maßnahmen getroffen. Reich, Länder und Organisationen der Wohlfahrtspflege wirken dabei mit. Insbesondere hat das Reichs⸗ schatzministerium aus seinen Beständen Baracken, Bekleidungsgegen⸗ stände, Textilien usw. in weitem Umfange zur Verfügung gestellt. (Bravo!) Auch das Reichsverkehrsministerium hat die Hilfeleistung durch Tariferleichterungen wirksam gefördert. Angesichts der ohnehin in Ludwigshafen gegebenen drückenden Wohnungsnot wird alles daran gesetzt werden müssen, möglichst schnell aus diesen provisorischen

Hilfsmaßnahmen herauszukommen und dem Wohnungselend dauernd

abzuhelfen. (Sehr richtig!)

Zu der Frage der Versorgung der verunglückten Arbeiter und ihrer Angehörigen hat die Badische Anilin⸗ und Sodafabrik ihrer⸗ seits am 23. September folgendes bekanntgegeben:

.Die Bestattungskosten werden, insoweit sie nicht von anderer

Seeite Betriebskrankenkasse, Berufsgenossenschaft, Gemeinde

und so fort getragen werden, von uns übernommen.

2. Jede Familie, de ren Familienhaupt tödlich verunglückt ist, erhält eine einmalige Unterstützung von 2000 ℳ.

3. Bei den bei der Katastrophe Verletzten werden wir, sofern die⸗ selben nicht wieder bei uns oder anderswo Beschäftigung finden können, auf die Dauer der Erwerbsunfähigkeit die Leistungen der Krankenkasse, der Berufsgenossenschaft und anderer öffentlicher Unterstützungskassen auf die Höhe des normalen Tariflohnes ein⸗ schließlich Kinderzulage, bezw. bei teilweiser Erwerbsbeschränkung

auf den entsprechenden Teil, ergänzen.

4. Für die Witwen der tödlich Verunglückten, solange sie sich im Witwenstand befinden und nicht anderweitig ausreichenden Arbeitsverdienst erzielen können, werden wir die ihnen von den

gesetzlichen Versicherungen (Berufsgenossenschaft und Hinter⸗ bliebenenversicherung), und anderen nicht aus eigenen Mitteln erworbenen Rentenansprüchen zufließenden Leistungen auf 50 % des normalen Tariflohnes des Verlebten erhöhen. Hierzu tritt für jedes Kind die jeweilige tarifliche Kinderzulage.

5. Ueber die Unterstützung Angehöriger verstorbener Lediger, deren einziger Ernährer der Verlebte gewesen ist, behalten wir

uns Entscheidung von Fall zu Fall vor.

6. Die vollen Leistungen zu 2, 3 und 4 treten mit sofortiger Wirkung in Kraft.

So weit die ersten unmittelbaren Leistungen der Gewerksleitung.

Auch im übrigen hat sofort nach Bekanntgabe des Unglücks die erste Hilfe in großzügiger Weise eingesetzt.

Um eine rasche Sammlung sowie eine zweckentsprechende Ver⸗ wendung der Hilfsgelder und sonstigen Hilfsmittel zu gewährleisten, hat die Reichsregierung auf Anregung des Herrn Reichspräsidenten und im Einverständnis mit der bayerischen, badischen und hessischen Regierung und unter deren Mitwirkung sowie der der Spitzen⸗ organisationen der Arbeitgeber und Arbeitnehmer von In⸗ dustrie, Handel, Gewerbe, Landwirtschaft, und unter Mitwirkung ferner auch der Presse und der karikativen Organisationen, einen Reichshilfsausschuß für Oppau“ zur Sammlung, Verwaltung und Abrechnung der aufkommenden Spenden gebildet.

Die aufkommenden Mittel werden nach Bedarf den öffentlichen Hilfseinrichtungen der betroffenen Länder überwiesen, in denen alle Be⸗ teiligten, auch die Vertreter der Ges chädigten mitarbeiten werden. Selbst⸗ berständlich werden die im Wege der Freiwilligkeit aufgebrachten Mittel nicht zur Entlastung von anderweitig verpflichteten öffent⸗ lichen oder privaten Kostenträgern Verwendung finden.

Für ihre Verwendung muß der Wille der Spender um so mehr maßgebend sein, als ein beträchtlicher Teil der Spenden mit be⸗ sonderen Auflagen zugunsten bestimmter Arten von Geschädigten gegeben worden ist.

Schon mit Rücksicht hierauf verbietet sich meines Erachtens der hier und da gewünschte Erlaß eines besonderen Versorgungsgesetzes zugunsten der Opfer des Oppauer Unglücks.

Dazu kommt, daß für die in erster Linie in Betracht kommenden Personenschäden an Betriebsangehörige schon eine gesetzliche Ver⸗

orgungsgrundlage in der Sozialversicherung, speziell in der Unfall⸗ versicherung, gegeben ist.

Die Leistungen der Unfallversicherung richten sich bekanntlich nach dem tatsächlich verdienten Lohne und folgen insoweit der Geldent⸗ wertung und den dadurch bewirkten Lohnerhöhungen. Ich darf darauf verweisen, daß die letzte Reform der Unfallversicherung, die gleichfalls der Geldentwertung Rechnung vtragen sollte, erst kürz⸗ lih im Aptil dieses Jahres, wenn ich nicht irre hier Gesetz geworden ist. Die Forderung, daß den renten⸗ berechtigten Opfern der Oppauer Katastrophe bis zur endgültigen Festsetzung der Entschädigungssummen Anzahlungen in angemessener Höhe geleistet werden sollen, wird sicher aus den für die erste Hilfe ereitgestellten Mitteln befriedigt werden können.

Soweit durch Unfälle Sachschäden hervorgerufen worden sind, sind das bürgerliche Recht und unter Umständen auch gewisse einzelstaatliche

esetze und Einrichtungen, wie beispielsweise die staatlichen mono⸗

polistischen Immobiliarbrandversicherungen maßgebend. Die Zu⸗ länglichkeit der gegenwärtig geltenden Vorschriften dieser Art nach⸗ zuprüfen, dürfte in erster Linie Angelegenheit des Reichsjustiz⸗

ministeriums sein. 89 Weiterhin hat aber eine Spezialgesetzgebung für die Opfer eines Un⸗

glücs doch ihre schweren Bedenken auch vom Standpunkt der Gesetz⸗

lebung an und für sich. Der Gesetzgeber muß die Opfer des einen Unglücks

8 1.“

genau so behandeln wie die Opfer des andern. Wir würden nicht in allen Fällen so gut gestellte Unternehmungen vor uns haben wie diesmal. Schließlich würde ein solches Gesetz nur die Verteilung der auf⸗ kommenden Gelder regeln können, wenn man auch freiwillige Spenden dabei in Betracht zieht. Das Aufkommen selbst würde doch von der freiwilligen Wohltätigkeit abhängen. Ich fürchte, die verlangte Spezialgesetzgebung würde nach dieser Seite eher hemmend als fördernd wirken. (Sehr richtig! rechts.)

Meine Damen und Herren! Abschließend darf ich noch einmal feststellen, daß die Reichsregierung nichts unterlassen wird, um die Ursachen des Unglücks festzustellen, und daß sie die zum Schutze der Betriebsangehörigen und Anwohner hiernach erforderlichen Maß⸗ nahmen auch durchführen wird. Ich darf ferner feststellen, daß, soweit menschliche Kraft es vermag, den durch die Kriegsfolgen ohnehin schwer betroffenen Pfälzern, die so treu an ihrem deutschen Vaterlande festhalten, geholfen werden muß und auch geholfen werden wird. (Lebhafter Beifall.)

Auf Antrag des Abg. Müller⸗ ranken findet eine Be⸗ sprechung der Interpellation statt. 5

Abg. Hofmann⸗Ludwigshafen (Zentr.): Die Bilder des Grausens, der Verheerung, der Zerstörung und des Elends, die sich in Oppau abgespielt haben, sind nicht zu schildern. Unwillkürlich fiel mir im Augenblick der Katastrophe Schillers dramatische Schilderung ein: „Pfosten stürzen, Fenster klirren, Kinder jammern, Mütter irren, Tiere wimmern unter Trümmern, alles rennet, rettet flüchtet“, und doch reichen auch Schillers Worte nicht an die tatsächliche Wirklichkeit heran. Aber auch einige Momente der Er⸗ bauung und des inneren Trostes bot die Trümmerstätte von Oppau. Heldenhafte Arbeitergestalten leisteten unter Todesverachtung die beste, edelste Kameradschaft, um ihre toten Brüder zu bergen, Verwundeten und Bedrängten, Hilfe und Rettung zu bringen. Geradezu imponierend wirkte auch die Ruhe und die würdig gefaßte Haltung der Bevölkerung Oppaus, die kaum vom ersten Schreck erholt, sofort zur tatkräftigen Aufräumungsarbeit schritt. Ich sah auch die allgemeine Hilfsbereitschaft, die alle Unterschiede auch die der Nationalität vergessen ließ. Auch muß rühmend anerkannt werden, mit welcher Bereitschaft sofort die Nachbar⸗ gemeinden Mannheim, Frankenthal Worms, Darmstadt, ja sogar Fihttfuer mit ihren Sanitätsmannschaften zur Stelle waren. Das⸗ elbe muß auch bezüglich der Besatzung anerkannt werden. Ueber fünfhundert Menschenleben hat das Unglück gefordert. Weit über tausend sind verletzt und leider dabei sehr viele erblindet. Welche Unsumme von Schmerz, Leid und Not hat dadurch in den armen

Arbeiterfamilien Einzug gehalten. Ihnen gilt unsere innerste Teil⸗

nahme, Teilnahme bewiesen durch die Tat. Die Verzweiflungsszenen an den langen Reihen der Leichen, die sich abspielten, als die Frauen und Mütter ihre, lieben Toten suchten, werden mir zeitlebens drückend auf dem Gemüte liegen. Ueber 5000 Teilnehmer, an ihrer Spiße der Reichspräsident, der Ministerpräsident von Bavern und der badische Staatspräsident, haben bekundet, wie man die Opfer auf dem Felde der Arbeit ehrt. Es handelt sich in Oppau um eine reine Arbeiterbevölkerung. Vollständig zerstört und nicht wieder⸗ aufbaufähig sind 63 Prozent aller Baulichkeiten, der über⸗ wiegende Teil ist nur noch in seinen Grundmauern und Giebeln beim Wiederaufbau verwendbar. Nur etwa 1 bis 2 Prozent der Wohnungen in Oppau gelten als minder beschädigt, d. h., daß sie nur Türen und Fenster und zum Teil Dächer verloren haben. Sach⸗ kundige schätzen den Gebäudeschaden in Oppau allein auf mindestens 1 ¾ Milliarden Mark, den Schaden an zertrümmertem Mobiliar auf etwa 50 Millionen, dazu kommen die enormen Schäden, die Ludwigshafen, Mannheim und entferntere Orte erlitten haben. Ueber die Ursache der Explosion habe ich dem Gesagten nichts hinzuzufügen. Fest steht, daß die Badische Anilin⸗ und Sodafabrik

Fein Musterbetrieb ist. Dem Antrage, auf Grund der Reichsverfassung

einen Untersuchungsausschuß einzusetzen, stimmen wir bei. Es erhebt sich die Frage, ob es zu verantworten ist, in Zukunft so gefährliche Industriebetriebe inmitten volkreicher Gegenden zu erstellen. Schließlich erwarten wir auch Maßnahmen zur Verhütung derartiger Katastrophen. Die argwöhnischen Auslassungen in einem Teil der enessen und französischen Presse, als ob das Unglück auf geheime Fabrikation eines neuen Gases mit furchtbarer Explosions⸗ kraft zurückzuführen sei, sind Vermutungen, die jeglicher sachlicher Grundlage entbehren. Ausgerechnet unter den Fesen der Be⸗ satzung in der Pfalz sollen die Deutschen eine geheime Fabrikation von Sprenggasen betreiben! Ich möchte auch von dieser Stelle sagen: Man lasse doch endlich einmal ab von solcher Ge⸗ spensterseherei mit politischem Hintergrunde! Bei der Explosions⸗ katastrophe von Oppau stehen sowohl die Betriebsleitung wie die Fachmänner der chemischen Industrie auf dem Standpunkt, daß vorläufig hier gar nichts Auftlärendes zu sagen ist. Sie stehen vor einem ungelösten Rätsel, die Zeugen der Explosion sind nicht mehr. Die badische Anilin⸗ und Sodafabrik hat sofort eine Hilfsaktion großen Stils eingeleitet, ich darf sagen in mustergültiger Weise, und zwar sofort, bevor noch die Uersache festgestellt und die Haftpflicht geklärt war. Der beantragten Ueberweisung an den sozialen Ausschuß stimmen wir zu. Arbeits⸗ losigkeit wird bei den Arbeitern des teilweise zerstörten Be⸗ triebs nicht zu befürchten sein, die Arbeiter werden zunächst bei den Aufräumungsarbeiten beschäftigt und sollen später ander⸗ weitig untergebracht werden. Im Vordergrund dringendster Hilfe steht die Notwendigkeit zur Unterbringung von Obdachlosen, deren Zahl sich auf über siebentausend stellt. Viele Obdachlose sind in Landgemeinden von der bäuerlichen Bevölkerung der Pfalz unter⸗ Füa. worden. Das Reichsschatzministerium hat sich bereit erklärt,

aracken zu Notwohnungen zur Verfügung zu stellen. Was be⸗ sonders bei der Lösung dieser Frage mir ins Herz schnitt, war die Liebe und Anhänglichkeit an die Heimatscholle. Trotz Trauer und aller Witterungsunbilden wollte die unglückliche Oppauer Bevölkerung ihre Wohnstätten nicht verlassen. Ausreichende Geldmittel müssen zum Wiederaufbau möglichst schnell zur Verfügung gestellt werden. Ebenso notwendig ist die schleunige Beschaffung von Baumaterial und von Gegenständen der inneren Hauseinrichtung. Dies macht weitere Hilfs⸗ leistungen zur Notwendigkeit. Daneben müssen Mittel aufgebracht werden für die schweren Sachbeschädigungen in Ludwigshafen, Oppersheim, Frankental, Mannheim und in der weiteren Umgebung. Mit besonderem Dank hat es die betroffene Bevölkerung empfunden, daß sowohl der Reichsarbeitsminister wie der bayerische Sozial⸗ minister sofort zur Stelle waren, um sich von der Größe des Unglücks zu überzeugen und die ersten Hilfsmaßnahmen zu treffen. Die von der Reichsregierung zur Verfügung gestellten 10 Millionen zur Behebung der ersten Not werden nicht aus⸗ reichen. Meine politischen Freunde sind bereit, sich für weitere Summen sofort bereitfinden zu lassen. Bei allem Danke für die Opferwilligkeit bitten wir alle mitleidigen Menschen, in der Auf⸗ bringung weiterer Mittel nicht zu erlahmen. Unabsehbar groß ist Not und Elend. Die Erklärung des Arbeitsministers über die Ver⸗ wendung der privat aufgebrachten Mittel hat uns befriedigt, ebenso treten wir seiner Stellungnahme für ein besonderes Notgesetz für diesen Fall bei. Möge der Ruf: „Ein Volk in Not!“ ähnliche Wirkungen in großen Dimensionen auslösen, und zwar sowohl inner⸗ halb wie außerhalb unserer deutschen Volksgemeinschaft, wie es sich hei dem Rufe: „Eine Gemeinde, eine Stadt in Not!“ bei der Katastrophe in Oppau glänzend bewährt hat, ich meine hilfsbereite hilfsbereite edle Menschlichkeit! (Lebhafter Beifall im Zentrum.

Abg. Dr. Semmler (D. Nat.): Im Namen meiner poli⸗ tischen Freunde sowohl der Reichstagsfraktion als auch des ganzen Reiches bringe ich das innigste Beileid gegenüber dem Unglück zum Ausdruck, das in Oppau soviele betroffen und sovielen den Ernährer geraubt hat. Wir fühlen uns eins mit allen Teilen des Volkes, im vorliegenden Falle gibt es für uns keine Grenzen zwischen Berufsständen oder Klassen eines Volkes. Die zunächft⸗ liegende Frage ist, ob der Reichstag diejenige Instanz ist,

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welche sich mit der ganzen Auswirkung des Ungküds in be⸗ schäftigen hat, ob nicht vielmehr andere Instanzen und Beharden vorgesehen 889 die die ganze Angelegenheit in die Hand zu nehmen haben. Noch ist die Sachlage nicht spruchreif, noch steht nicht fest, ob ein Verschulden vorliegt, und wenn ein solches vorhanden ist, auf welcher Seite es zu suchen ist. Wir sind der Meinung, daß ein derartiges Unglück, das als nationales

ist, nicht irgendwie parteipolitisch auszumünzen ist.

politische Ausschlachtung eines derartigen Falles geh 1 größten Widerwärtigkeiten des parlamentarischen Systems, sie dient dazu, nicht nur eine Verhetzung der einzelnen Berufsstände herbei⸗ zuführen, sondern auch eine lasse gegen die andere in Bewegung zu setzen. Schon jetzt kann gesagt werden, daß sich ein derartiger Unglücksfall leider in jeder Wirtschaftsordnung ob privat⸗ kapitalistisch oder sozialistisch, ereignen kann. Auf die politische Seite braucht hier nicht eingegangen zu werden, da die Unter suchung den Tatbestand erst festzustellen hat. Klarer sehen wir in der volkswirtschaftlichen, überhaupt in der wirtschaftlichen Bedeutung des Falles. Der deutschen Wissenschaft und den angestrengten Arbeiten der deutschen Industrie und Technik ist es gelungen, de chemisch so widerspenstigen Stickstoff mit anderen Elementen in Ver⸗ bindung zu bringen, welche es gestatten, sie sowohl in der Landwirt⸗ schaft als auch in der Industrie weiter zu verwerten. Uns ist ein Macht mittel dadurch geworden, das erst in der Zukunft nach allen Richtungen hin zur vollen Auswirkung kommen wird. Vor dem Kriege waren wir in dem Bezuge der in Fraße stehenden Stickstoffverbindungen vom Auslande abhängig. Das ist besonders wichtig für unsere Ernährung Durch die Erfindung der künstlichen Stickstoffverbindungen sind wir in der Lage, uns in der Ernährung vollkommen unabhängig vom Auslande zu machen. In der richtigen Erkenntnis dieser Sachlage hat die deutsche Wissens aft. Technik und Industrie nichts unterlassen um die Herstellung der E tickstoffverbindungen zu verbessern und die beste Form für die Verwendung in der Landwirtschaft und Industrie zu suchen. Solche Verbindungen müssen auch in der Form dem energetischen Imperativ entsprechen; geringster Aufwand von Kraft und Stoff muß hierbei ausschlaggebend sein. Nähere Untersuchungen müssen zeigen, wie das Unglück zustande gekommen ist, aber genau so wie in den Bergwerken, bei Aether⸗, Alkohol⸗, Benzin⸗, enzol⸗, ja selbst bei Wa erdampfexplosionen lassen sich trotz der größten Vorsicht Unglücksfälle nicht fuͤr alle Zeit abstellen. Der deutschen Wissenschaft, Technik und Industrie kann wohl das Verdienst zugeschrieben werden, daß sie nach bestem Wissen und Ge⸗ wissen zu handeln bestrebt gewesen ist. Was die soziale Seite an⸗ langt, so stehen wir auf dem Standpunkt, daß unbedingt Wandel geschaffen werden muß, wenn auf irgend einer Seite ein Verschulden vorliegt. Mit großer⸗Freude haben wir vernommen, daß die ver⸗ fassunggebende Kir enversammlung Preußens nicht nur unmittelbar Sammlungen veranstaltet, sondern auch Sammlungen über das ganze Land angeregt hat. Die deutsche Landwirtschaft chat zwei Millionen Mark aus selbstaufgebrachten Fonds zur Verfügung gestellt. In allen diesen Kreisen fühlen wir uns eins mit dem Volke und sind zu jedem Opfer bereit. In volkswirtschaftlicher Beziehung müssen ebenfalls umgehend alle Mittel und Wege ergriffen werden, die einen Schaden in unserer Ernährung vermeiden lassen. Deshalb frage ich den Ernährungsminister, ob die Zerstörung so großer Mengen wert⸗ vollen Gutes unsere Ernährung im nächsten Jahre irgendwie not⸗ leiden lassen wird. In sozialer Beziehung wollen wir wünschen, daß alles geschieht, was die unheilvollen Wunden sobald als möglich ver⸗ narben läßt. (Beifall rechts.)

Abg. Dr. Moldenhauer (D. Vp.): Die Reichstagsfraktion der Deutschen Volkspartei war, als das furchtbare Ungluͤck sich er⸗ eignete, in e versammelt, sie stand also unmittelbar unter dem Eindruck der Katastrophe. Wie damals, drücken wir der Arbeiter⸗

schaft und Bevölkerung auch jetzt unser tiefstes Mitgefühl aus. Nach den bisherigen Schilderungen der furchtbaren Auswirkungen des Un⸗ glücks und dem grenzenlosen Elend erübrigt es sich, auf Einzelheiten einzugehen. Wir haben Untersuchungen anzustellen, inwieweit sich in ukunft derartige älle vermeiden lassen. Wir begrüßen es, daß von seiten des Reichs sofort die in Frage kommenden Instanzen in ligs an gesetzt worden sind, um die Ursache aufzutlären. Dem

Antrage auf Einsetzung eines parlamentarischen Untersuchungs⸗ ausschusses stimmen wir zu. Selbstverständlich sind dabei alle in Frage kommenden Arbeiter und Angestellten hinzuzuziehen. Warnen möchte ich aber davor, die unter dem Eindruck der Katastrophe auf⸗ tretenden Urteile und Folgerungen vor abgeschlossener Untersuchung in die Oeffentlichkeit zu bringen. Hinweisen muß ich darauf, daß über 20 000 Sprengungen Ammonsulfatsalvpeter bereits vorgenommen worden sind, ohne daß sich irgendwelche Explosion ereignet hätte. Wäre man von der Gefährlichkeit überzeugt ge⸗ wesen, so hätte man baulich ganz anders gehandelt, man hätte niemals solche Silos errichtet. Sechs Wochen vor der Kata⸗ strobhe war ich selber in Oppau und habe mit führenden Chemikern und Betriebsleitern die Frage geprüft, wie groß ein, Brand⸗ oder Explosionsschaden in Oppau werden könnte. Die Ansicht ging allgemein dahin, daß ein größeres Unglück ausgeschlossen sei, die Bauten seien in Eisenbeton aufgeführt, die breiten Straßen und die vorzügliche Feuerwehr können größeres Unheil verhüten. Daß man sich so sehr getäuscht hat, be⸗ weist, daß man vor einem vollkommenen Rätsel steht. Deshalb wird man gut tun, das Ergebnis der Untersuchung abzuwarten und keine voreiligen Schlüsse zu ziehen. Der Reichstag kann vorläufig nur Mittel zur Linderung der Not bewilligen. Wir danken der Reichs⸗ regierung, dem Reichspräsidenten und den Ministern für das persön⸗ liche Erscheinen bei den Trauerfeiern. Wir hoffen, daß das Zu⸗ sammengehörigkeitsgefühl im deutschen Volke noch so stark ist, daß es gelingt, Not und Elend nach Möglichkeit zu beseitigen. Was die Anträge betrifft, so soll man nicht aus einem solchen Anlaß Notgesetze erlassen, und auch nicht die gesamten Industrien durch Sonderbesteuerung für das Unglück haftbar machen. Wenn ein Mauerstein vom Dach fällt, kann man doch nicht die ganzen Haus⸗ besitzer verantwortlich machen, oder wollen Sie die kommunistische Partei für alle Schäden haftbar machen, die von ihren Partei⸗ genossen im ganzen Reiche angerichtet sind? (Sehr gut! Heiter⸗ keit., Am Tage nach der Katastrophe ist sofort mit dem Wieder⸗ aufbau begonnen worden. Sich in dieser Weise durch schweres Leid nicht niederdrücken zu lassen, sondern zum praktischen Aufbau zu schreiten, das möge allen Volksgenossen ein gutes Beispiel sein. (Beifall rechts.)

lbg. Schwarz⸗Baden (U. Soz.): Die Opfer sind nicht nur im Dienste der Arbeit, sondern auch im Dienste des Kapitals ge⸗ fallen. Dieser Betrieb hat nicht nur der Allgemeinheit gedient, sondern auch den Interessen einiger Weniger, um möglichst hohe Ge⸗ winne herauszuholen. Es fragt sich, ob diese Produktionsweise fort⸗ gesetzt werden kann. Die Zahl der Opfer stellt ein Grauen dar. Ein subjektives Verschulden kann einzelnen Personen nicht zuge⸗ choben worden, aber, was die Direktion der Badischen Anilin⸗ und Sodafabrik Tag für Tag in die Oeffentlichkeit hinausschickt, sieht aus, als ob schon ihre Unschuld erwiesen sei. Es ist eine kühne Behauptung, daß die Explosion mit den Maßnahmen der Fabrik nicht zusammenhängt. Wir freuen uns, daß die Unternehmer zugeben, daß die Arbeiterschaft in großer Geistesgegenwart weiteres Unheil verhütet hat. Es ist schamlos, wie Besucher in Autos gekommen sind, durch die Trümmerstätten gefahren sind und die Wohnungen mit kranken Kindern aufgesucht haben, wie Kinooperateure und Photographen da waren, um aus dem Unglück eine Sensation zu machen. (Hört! Hört!) Bei der Trauerfeier wurde davon ge⸗ sprochen, daß nur Naturgewalten das Unheil angerichtet hätten. Aber die Unternehmer baben durch intensivste Arbeit hohe Gewinne erzielen wollen. Die Fabrik hat versucht, den Atmosphärendruck bis auf tausend Atmosphären hinaufzuschrauben. Die Arbeiter sehen auch in dem Prämiensystem besondere Gefahren. Die Ein⸗ setzung eines parlamentarischen Untersuchungsausschusses ist not⸗ wendig; er muß untersuchen, ob in richtiger Weise bei den Sprengungen verfahren ist. Generaldirektor Bosch hat am Grabe offen erklärt, die Fabrikation müsse weiter geführt werden, die neuen Aufgaben der Fabrik seien schwer, aber sie müßten

erfüllt werden. Man gibt also zu, daß die Arbeit auch weiter un⸗

geheuer gefährlich sein wird. Wenn solche Unglücksfälle verhůtet

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