Cronberg, 3. Mai. Ihre Majestät die Kaiserin riedrich ist, wie „W. T. B.“ meldet, von München “ heute früh in Schloß Friedrichshof eingetroffen.
Köln, 3. Mai. Das Befinden des Kardinal⸗Erzbischofs Krementz hat sich, der Köln. Ztg.“ zufolge, im Laufe des gestrigen Tages verschlimmert. Die Schwäche hat zugenommen, und der Zustand icns der Kranke fast keine Nahrung zu sich nimmt, sehr “
b 116.“ Oesterreich⸗Ungarn. “ Das Presbyterium der Wiener evangelischen Kirchengemeinde Augsburger Konfession „hat ein Communiqué veröffentlicht, welches, dem „W. T. B.“ zufolge, besagt: Das Presbyterium habe, um Mißdeutungen seines bis⸗ herigen Schweigens gegenüber der Uebertrittsbewegung vor⸗ zubeugen, einstimmig olgende Resolution beschlossen: Das Presbyterium müsse lebhaft wünschen, daß die bisherige gedeihlich fortschreitende Entwickelung der evangelischen Rire in Oesterreich, welche derselben durch die Staatsgrundgesetze und die Kirchenverfassung gewährleistet sei, nicht gestört werde, und weil nur ein aus religiöser Ueber⸗ zeugung erfolgter Uebertritt zu einem anderen Glaubens⸗ bekenntnisse vom kirchlichen Stanopunkt aus zu billigen sei, müßte sich das Presbyterium gegen jede Ausnützung des evangelischen Bekenntnisses zu politischen Zwecken entschieden verwahren. be h. “
Bei Beginn der gestrigen Sitzung des böhmischen Landtages beantwortete der Statthalter Graf Couden⸗ hove eine Interpellation über die Vorfälle in Eger und gab auf Grund amtlicher Erhebungen eine Schilderung der Vorfälle, wobei er hervorhob, daß er die nöthigen Weisungen zum Schutze der bedrohten Advokaten noch Eger habe gelangen lassen. Die be auerlichen Vorfälle auf der Straße hätten dadurch einen größeren Umfang angenommen, daß der eine von ihnen der Menge einen geladenen Revolver entgegen gehalten habe. Der Statthalter verurtheilte nachdrücklich die vorgekommenen Demonstrationen und Aus⸗ schreitungen und bedauerte, daß die Polizei denselben nicht entschieden genug entgegengetreten sei. Sollte sich er⸗ geben, daß den amtlichen Organen irgend ein Verschulden oder ein Uebergriff zur Last falle, so werde mit voller Strenge gegen dieselben vorgegangen werden. Der Statthalter wandte sich sodann nachdrücklichst dagegen, daß auf Grund mangelhafter Kenntniß des Sochverhalts gegen die gerichtliche und politische Beamtenschaft und deren patriotische Gesinnung und Pflichttreue ungerechte und beleidigende Vorwürfe erhoben würden. Was die Angriffe gegen seine Person betreffe, so erkläre er, daß er sich stets die peinlichste Gerechtigkeit zur Richtschnur genommen und es sich zur Aufgabe gemacht habe, die Gleichberechtigung beider Nationalitäten zu schützen und zu wahren. Er werde, ohne daß es hierzu irgend welcher Drohungen beduͤrfe, auch in Zukunft mit dem Aufgebot seiner ganzen Kraft in dem bezeichneten Sinne wirken. Bei der Berathung des Antrags des Landesausschusses, betreffend die Errichtung eines Kreis⸗ gerichts in Klattau, beantragte der Abg. Baya unter heftigen Ausfällen gegen die administrative Verwaltung des Landes, der Landtag möge nur dann zur Excrichtung neuer Gerichte in gemischtsprachigen und deusschen Gegenden seine Zu⸗ stimmung geben, wenn die Regierung sich verpflichte, für volle Gleichberechtigung der czechischen und deutschen Sprache einzustehen. Der Abg. Skarda erklärte im Namen der Jung⸗ czechen, dieselben verharrten fest auf dem Standpunkte, daß in ganz Böhmen die volle unverkürzte Gleichberechtigung beider Volksstämme gewahrt werden müsse. Da nicht anzunehmen sei, daß die Regierung dieses Prinzip nicht anerkennen werde, spreche er sich gegen den Antrag des Abg. Baya aus. Dieser Antrag wurde hierauf abgelehnt und der des Landesausschusses angenommen. 8
In der gestrigen Sitzung des ungarischen Unter⸗ hauses nahm im Laufe der Debatte über die Gesetzvorlage, betreffend die Gerichtsbarkeit in Wahlsachen, der Minister⸗ Präsident von Szell das Wort und bezeichnete als den Zweck der Vorlage die Sicherung der Rechte der Staatsbürger, da es ihnen ermöglicht werden solle, völlig frei und geschützt
egen eine übermäßige Agitation sowie gegen Pression und Be⸗ stechung ihrer Gesinnung bei den Wahlen Ausdruck zu geben. Die öffentliche Meinung hege zur Zeit gegen die Entscheidungen des Unterhauses über die Gültigkeit der Wahlen ein gewisses Mißtrauen; man müsse daher die Gerichtsbarkeit über die Wahlen dem höchsten richterlichen Forum, dem Obersten Gerichtshof, und zwar zunächst nur für eine Periode von acht Jahren, übertragen. Der Minister⸗Präsident richtete schließlich an das Haus die dringende Aufforderung, die Vorlage un⸗ verändert anzunehmen. 8
Großbritannien und Irland. Im Unterhause theilte gestern, wie „W. T.
1
8 bericht
et, der Varlaments⸗Sekretär des Aeußern Brodrick mit, es sei der Regierung vor kurzem von dem österreichisch⸗ungarischen Botschafters Grafen Deym die Mittheilung gemacht worden, daß die Bauten zur Regulierung der Stromschnellen des
Eisernen Thores im Herbst vorigen Jahres vollendet und die Schiffahrt eröffnet worden sei. Der Entwurf des beabsichtigten Gebührentarifs sei gemäß Artikel 6 des Londoner Vertrages vom 13. März 1871. der britischen Re⸗ gierung zur Erwägung unterbreitet und nach sorgfältiger Prüfung der Vertrags⸗Stipulationen und der Interessen der britischen Schiffahrt eine Verletzung der Vertrags⸗ rechte darin nicht gefunden worden. Es heiße indessen, daß die ungarische Regierung infolge der Erörterung in der Wiener Handelskammer am 10. April die Erhebung neuer Gebühren verschoben habe. — Im Verlaufe der Debatte bei der zweiten Lesung der Finanzbill tadelte Sir William Vernon Harcourt die Finanzpolitik der Regierung auf das schärfste und sprach die Hoffnung aus, es werde eine Reaktion gegenüber den ungeheuren Ausgaben ein⸗ treten, welche ruinösen Unternehmungen zugeschrieben werden müßten, die angeblich aus handelspolitischen Gründen erfolgt seien. Er sei froh darüber, daß der Schatzkanzler es be⸗ züglich der Eisenbahnen in Afrika abgelehnt habe, den Kredit des Landes einzusetzen. Redner beglückwünschte Lord Salisbury zu der Geschicklichkeit, mit der er das Abkommen mit Rußland abgeschlossen habe. Die liberale Partei wünsche nicht, die Regierung zu schwächen, sondern sie bei der Durchführung einer Politik, welche
stärken. Der Erste Lord der Admiralität Gos chen vertheidigte die Finanzpolitik der Regierung und erklärte, er hoffe, an⸗ gesichts der jüngst getroffenen Abkommens, daß die besser ge⸗ wordenen Beziehuugen der Regierungen zu einander eine Verminderung der Rüstungen herbeiführen würden. Bisher seien solche nothwendig gewesen, und die für dieselben ge⸗ machten Aufwendungen seien keine fruchtlosen. Hierauf⸗ wurde die zweite Lesung der Finanzbill mit 280 gegen 155 Stimmen genehmigt. . Der Schatzkanzler Sir Michael Hicks⸗Beach empfing gestern eine Abordnung der Wein⸗ und Spiritus⸗Vereinigung, welche gegen die Erhöhung der Weinzölle protestierte. Der Schatzkanzler erwiderte, daß die Erhöhung der Weinzölle ein wesentlicher Faktor im Budget sei; er müsse darauf bestehen, da die Regierung diese Steuer für die angemessenste halte, doch werde er hinsichtlich der Einzelheiten dem Weinhandel soviel als möglich entgegenkommen. “ Frankreich. — . Die Königin von Großbritannien und Irland hat, wie „W. T. B.“ meldet, gestern Mittag die Rückreise von Nizza nach England angetreten. 8 Der Wiederzusammentritt der Deputirtenkammer hat sich gestern in Ruhe vollzogen. Der Präsident Deschanel brachte zahlreiche Anträge un Interpellationen zur Verlesung. Der Minister⸗Präsident Dupuy bat, die Besprechung aller auf die Dreyfus⸗Angelegenheit hezüglichen Interpellationen bis nach der Fällung des Urtheils des Kassations⸗ hofs zu vertagen. Nach einigen Bemerkungen des Deputirten Viviani, welcher an den Minister⸗Präsidenten die Anfrage richtete, ob er eine Untersuchung über die Unter⸗ schlagung gewisser Aktenstücke angeordnet habe, und ob er bereit sei, sogleich nach der Entscheidung des Kassationshofs Maß⸗ regeln gegen alle kompromittierten Persönlichkeiten zu ergreifen, welches auch immer der Rang und die Stellung derselben sein möge, nahm die Kammer den Vorschlag des Minister⸗Präsi⸗ denten an. b Das Zuchtpolizeigericht verhandelte gestern gegen den General⸗Sekretär der Patriotenliga Lemenuet und ver⸗ urtheilte denselben zu 16 Fr. Geldstrafe unter Zubilligung des Strafaufschubs. 11““ “ “ Italien. ¹ In der gestrigen Sitzung der Deputirtenkammer erwiderte, wie „W. T. B.“ meldet, auf eine Anfrage des Deputirten Santini, ob und welche Missionen einige italienische Deputirte bei der französischen Regierung gehabt hätten, der Unter⸗Staatssekretär im Ministerium des Innern Marsengo⸗ Bastia, es sei durchaus unwahr, daß italienische Deputirte mit irgend einer Mission der italienischen Regierung nach Frankreich gegangen seien. Sodann wurde die Besprechung der Inter⸗ pellationen über die auswärtige Politik wieder aufgenommen. Da zahlreiche Interpellanten bemerkten, sie wollten ihre Inter⸗ pellationen erst nach der Rede des Ministers des Aus⸗ wärtigen begründen, so erklärte der Minister⸗Präsident Pelloux, die Regierung müsse, bevor sie die Inter⸗ pellationen beantworten koͤnne, die Ansichten der Inter⸗ pellanten bestimmter erfahren. Er halte das Verfahren, Inter⸗ pellationen erst nach den Erklärungen der Regierung zu be⸗ gründen, nicht für korrekt und beantrage, daß die Diskussion auf den folgenden Tag vertagt werde, damit die Regierung inzwischen ihre Anworten auf alle gestellten Fragen noch mehr abwägen könne. Der Deputirte Giolitti befürwortete diesen Antrag und bemerkie, es liege kein Anlaß vor, eine so bedeutsame Entscheidung, wie sie der Kammer zur Zeit obliege, zu über⸗ stürzen; er wünsche jedoch, daß die chinesische Frage getrennt von den übrigen behandelt werde. Der Minister des Aus⸗ wärtigen Canevaro bemerkte, er wolle nur eine kurze Er⸗ klärung abgeben, um festzustellen, wie weit seine Verantwort⸗ lichkeit in der chinesischen Frage gehe, und um sich gegen An⸗ griffe zu vertheidigen, die nicht lediglich aus dem Interesse an der Wahrheit und dem Gemeinwohl hervorgegangen seien. Der Minister verlas hierauf ein von dem Grafen Bonin als Unter⸗ Staatssekretär im Ministerium Rudini unterzeichnetes Schreiben des damaligen Ministeriums des Auswärtigen an den Marine⸗Minister, in welchem letzterer ersucht wird, Erwägungen anzustellen, ob es nicht angezeigt sei, eine Aktion in China einzuleiten und Italien dort eine Station zu verschaffen. Er behalte sich vor, auf die anderen Anklagen zu antworten, habe aber schon jetzt feststellen wollen, daß die Politik der Regierung bezüglich Chinas sich darauf beschränkt habe, der Initiative des früheren Ministeriums zu folgen. (Zwischenrufe und große Unruhe, die deshalb entstand, weil Graf Bonin vorgestern eine Interpellation begründet hatte, in welcher die Richtung gemiß⸗ dilligt wird, die der Minister des Auswärtigen Canevaro der italienischen Politik in Bezug auf China ge⸗ geben habe.) Crispi sprach im weiteren Verlauf der Debatte seine Mißbilligung darüber aus, daß man ge⸗ heime Schriftstücke öffentlich verlese, und forderte das Ministerium auf, dieser Diskussion ein Ende zu machen. Graf Bonin und der Marquis di Rudini erklärten, wenn Visconti Venosta, wie dies seine Pflicht gewesen, zeitgemäße Erwägungen habe anstellen wollen, so habe er doch nicht verfehlt, am 25. April vorigen Jahres in der Kammer zu erklären, daß eine Unter⸗ nehmung in China nicht ohne die nothwendigen Vorbereitungen durchgeführt werden dürfe. di Rudini bemerkte noch seinerseits, daß er in Uebereinstimmung mit Visconti Venosta eine Besetzung der Sanmun⸗Bay neemals gebilligt habe, noch jemals billigen werde. Der Minister des Auswärtigen Canevaro entgegnete, das Dokument, welches er verlesen habe, sei weder ein geheimes, noch ein diplomatisches Aktenstück, sondern einfach ein dienst⸗ liches Ansuchen. Der Minister⸗Präsident Pelloux wieder⸗ holte sodann die Bitte, die weitere Debatte auf heute zu vertagen, worauf die Sitzung unter andauernder Unruhe des Hauses geschlossen wurde. 3 Der Ministerrath ist auf heute Vormittag zusammen⸗ berufen worden, um die parlamentarische Lage zu prüfen und über die in der Kammer einzunehmende Haltung Beschluß zu fassen. Niederlande.
Zweiten Kammer theilte gestern der Minister des Auswärtigen de Beaufort in seiner Antwort auf eine Interpellation des Abg. Kuyper mit, daß die süd⸗ afrikanischen Republiken nicht auf der Liste der von dem Kaiser von Rußland zur Konferenz im Haag ein⸗ geladenen Staaten ständen. Die einleitenden Schritte, welche in St. Petersburg bchüglich einer Einladung geschehen seien, seien noch nicht zum Abschluß gelangt, weil, wie er glaube, eine
In der
sichtlich
ihrer Unabhängigkeit beeinträchtigen würde. niederländische Regierung sei nicht Feneigt, nochmals in dieser
insicht Schritte zu thun. Der Abg. Kuyper beschränkte ich darauf, zu erwidern, er werde später eine Abstimmung der Kammer hierüber herbeizuführen suchen.
Türkei. .B.“ meldet, gestern in Konstantinovel gestorben.
Schweden und Norwegen. Die norwegische Regierung verlangt,
wie „W. 2
wie dem
ordentlichen Vertheidigungs⸗Etat die Bewilligung von 11 455 000 Kronen. Hiervon sind 2 ½ Millionen für das Heer und der Rest für die Flotte bestimmt. e 1
Amerika. “
Der brasilianische Kongreß wird heute werden. Wie das „Reuter'sche Bureau“ mittheilt, sagt der Präsident Campos Salles in seiner Botschaft: er sei für die Verpachtung der Zentralbahn; indessen sei der erste Schritt zur Reform der brasilianischen Finanzen die Verringerung des vielen Papiergeldes. Einer der Haupt⸗ punkte seiner Finanzpolitik sei die Anlegung eines Garantie⸗ fonds mit Hilfe der um 5 Proz. erhöhten Goldzölle. Dem Ein⸗ G lösungsfonds sollen die Einnahmen überwiesen werden, welche aus den bereits verpachteten Bahnen, den Schuldrückzahlungen
Hand der Regierung befindlichen Aktiva flössen. Sodann empfiehlt die Botschaft die Abschaffung des Gesetzes von 1875, durch welches temporäre Ausgaben von Papiergeld zu⸗ elassen werden; auch findet sie wed Hollschut empfehlenswerth. Die Einnahmen des Jahres 1898 würden annähernd 362 860 Kontos Reis (gegen 342 650 Kontos des Voranschlags) und die Ausgaben annähernd 409 290 Kontos (gegen 372 810 Kontos des Voranschlags) betragen. Für das gegenwärtige Jahr erwartet der Präsident einen Ueberschuß von 30 378 Kontos Reis. Er befürwortet die strengste Sparsamkeit und empfiehlt, daß eine Anzahl von Steuern, deren Erhebung thatsächlich der Union zustehe, den Einzelstaaten abgenommen würde.
Asien. v. E .
Die „Times“ meldet aus ö“ Tage Der britische Geschäftsträger habe dem Tsung⸗li⸗Yamen amtlich mitgetheilt, daß Großbritannien volle Genugthuung für das Verhalten des Vize⸗Königs von Kanton und der dortigen Be⸗ hörden fordere, welche den Angriff uniformierter chinesische Soldaten auf die Engländer in Kaulung zugelassen hätten. Das Tsung⸗li⸗Yamen stelle in Abrede, daß die Behörden mit dem Angriff einverstanden gewesen seien, und behaupte vielmehr, daß derselbe von den geheimen Gesellschaften ausgegangen sei.
Wie das New Yorker „Evening Journal“ aus Manila erfährt, übermittelte der Delegirte der Aufständischen, Oberst Arguelles, gestern dem General Otis einen direkten Vor⸗ schlag Aguinaldo's, welcher im wesentlichen dem in der vorigen Woche gemachten gleich ist. General Otis lehnte den Vor⸗ schlag Aguinaldo's ab und sagte Arguelles, es sei unnütz, da die Delegirten zu den amerikanischen Linien zurückkehrten, wenn sie nicht zur Annahme der Forderungen der Amerikaner bereit seien. 2
Nach einer Meldung des „Reuter'schen Bureaus wurd der General Lawton, obwohl die Delegirten der Auf ständischen sich noch in Manila befanden, gestern in ein hefti⸗ ges Gefecht verwickelt. Die telegraphische Verbindung mit hm wurde um 9 Uhr Vormittags unterbrochen.
1nn.
Parlamentarische Nachrichten.
Die heutige (75.) Sitzung des Reichstages wurde von dem Präsidenten Grafen von Ballestrem mit folgenden Worten eröffnet: 1
Ich l dem Hause eine Tzauerbotschaft mitzutheilen. (Die Mitglieder erheben sich.) Nach einer Mittheilung des Herrn Justiz⸗ Raths von Simson ist der Vater desselben, der langjährige ehe⸗ malige Präsident des Reichstages, Reichsgerichts⸗Präsident a D. Dr. Martin Eduard von Simson gestern Abend im 89. Lebensjabre sanft entschlafen. Meine Herren, in allen Entwickelungsphasen der deutschen Einbeitsbewegung hat der Entschlafene eine hervorragende Stellung eingenemmen und eine bedeutsame Thätigkeit ent⸗ faltet. Als Präsident der Frankfurter Nationalversammlung kün⸗ digte er an der Spitze einer Deputation derselben am 3. April 1849 Seiner Majestät dem König Friedrich Wilhelm IV. von Preußen die Wahl zum Deutschen Kaiser an. Später war der Ent⸗ schlafene auch Präsident des Erfurter Parlaments. Sowohl im fonstituierenden als im ersten ordentlichen Reichstage des Norddeutschen Bundes und im Zollparlament bekleidete Simson die Stelle des Präsidenten. Als solcher überreichte er an der Spitze einer ee des Norddeutschen Reichstages am 18. Dezember 1870 Seiner Majestät dem König Wilhelm I. von Preußen in Versailles, die Adresse, durch welche Allerhöchstdemselben die deutsche Kaiserwürde angetragen wurde. Auch der Deutsche Reichstag wählte Simson zum ersten Präösidenten. Er bekleidete diese Würde von 1871 bis 1874, in welchem Jahre er aus Gesundheits⸗ rücksichten eine Wiederwahl ablehnte, während er noch bis 1876 dem Reichs⸗ tage als Mitglied angehörte. Im Jahre 1879 wurde Simson zum ersten Präsidenten des neuerrichteten Reichsgerichts in Leipzig ernannt. Im Jahre 1888 verlieh Seine Majestät der Kaiser Friedrich dem Entschlafenen den bohen Orden vom Schwarzen Adler und damit den erblichen Adel. Meine Herren, dieser in der neuesten Geschichte des Deutschen Reichs so bedeutsam hervorgetretene Mann ist nicht mehr. Trauernd und tief bewegt steht der Deutsche Reichstag an der Bahre dieses seines ausgezeichneten ersten Präsidenten, dem er immer ein hoch ebhrendes und dankbares Andenken bewahren wird. Sie haben sich von Ihren Plätzen erhoben, um das Andenken dieses Ihres ersten Präsidenten zu ehren. Ich stelle dies fest. Meine Herren, ich erbitte mir Ihre Ermächtigung zu Folgendem: 1) im Namen des Reichstages ein Beileidsschreiben an den Sohn des Verstorbenen, Herrn Justiz⸗Rath von Simson, m richten; 2) eben⸗ falls im Namen des Reichstages eine Kranzspende an der Bahre des Verewigten niederzulegen. Da kein Widerspruch erfolgt, stelle ich fest, daß diese Ermächtigung ertheilt ist. Wegen weiterer Be⸗ theiligung des Reichstages an den Trauerfeierlichkeiten gedenke ich mit den en Senioren zu berathen und bitte dieselben, sich nach Schluß der Sitzung in meinem Konferenzzimmer einzufinden.
Auf der Tagesordnung stand zunächst die zweite Be⸗ rathung des von den Abgg. Liebermann von Sonnen⸗ berg (Reformp.) und Genossen eingebrachten Gesetzent⸗ wurfs, betreffend das Betäuben der Schlachtthiere.
Auf Antrag des⸗Abg. Dr. Lieber (Zentr.) und im Ein⸗ verstaͤndniß mit dem Antragsteller wurde dieser Gegenstand abgesetzt und die Berathung der von verschiedenen Seiten
von allen Friedensfreunden gebilligt und unterstützt werde, zu
Einladung die internationale Position dieser Republiken hin⸗
gestellten Anträge wegen der Errichtung von Arbeits⸗
H81“
Der ““ des armenisch⸗unierten Ritus Azarian ist, 5
„W. T. B.“ aus Christiania gemeldet wird, im außer⸗
der Banken an die Republik und dem Verkauf anderer in der b
weder Monopole, noch erhöhten
kammern und eines Reichs⸗Arbeitsamts, die am vorigen Mittwoch abgebrochen worden ist, fortgesetzt.
Bei Schluß des Blattes nahm der Abg. von Kar⸗ dorff (Rp.) das Wort.
— Die heutige (64) Sitzung des Hauses der Ab⸗ geordneten eröffnete der Präsident von Kröcher mit folgenden Worten:
Meine Herren! Herr Justiz⸗Rath von Simson hat mir an⸗ gezeigt, daß sein Vater, der ehemalige Präsident des Deutschen Reichs⸗ tages, Reichsgerichts⸗Präsident a. D. Dr. Eduard von Simson,
estern Abend hierselbst im hohen Alter von 88 Jahren ver⸗ torben ist. Dr. von Simson hat dem Abseordnetenbause lange Zeit angebört; er ist in demselben schon in den Jahren 1849 — 51 gewesen und war Präsident des Hauses in den Jahren 1860 und 1861. Ich bitte Sie, meine Herren, um die Verdienste dieses Mannes und das Andenken desselben als Präsidenten des Hauses zu ehren, sich von den Sitzen erheben zu wollen.
Das Haus erhebt sich.
Ebenso ehrt das Haus das Andenken des verstorbenen Abg. Rath (Zentr.).
Nach Eintritt in die Tagesordnung wird zunächst in dritter Berathung der Gesetzentwurf, betreffend die Ver⸗ pflichtung der Gemeinden in der Provinz Sachsen zur Bullenhaltung, durch Annahme erledigt und sodann die Berathung des Kommissionsberichts über den Antrag der Abgg. Gamp und Genossen, betreffend Maßregeln gegen die in der Landwirtschaft herr⸗ schende Arbeiternoth, bei Punkt 6 der Kommissions⸗ anträge fortgesetzt, der die Einschränkung des bisherigen Ver⸗ fahrens, den Arbeitsmarkt durch Gewährung von besonderen Tarifermäßigungen auf weite Entfernungen zum Nach⸗ theil der Landwirthschaft künstlich zu verschieben, bezweckt.
Abg. Wetekamp (fr. Volksp.) spricht seine Befriedigung darüber aus, daß sowohl die Eisenbahnverwaltung wie die Kommission gegen die Arbeiterwochenkarten nichts einzuwenden gehabt habe. Die IV. Klasse sei am wenigsten mit Tarifermäßigungen bedacht. Hohe Tarife würden die Arbeiter auch schwerlich abhalten, nach dem Westen zu gehen, während billige Tarife es thnen ermöglichten, wieder in ihre Heimath zurückzukehren. Desbalb bitte er, den Punkt 6 abzulehnen. Abg. von Mendel⸗Steinfels (kons.): Die moderne Verkehrs⸗ entwicklung hat zu einem übermäßigen Angebot von Arbeitskräften in den Städten und zu einer Entvölkerung des platten Landes geführt. Das ist ein großer Uebelstand und eine sittliche Gefahr für das Familienleben. Gegen die Ausgabe von Wochenkarten auf kürzere Ent⸗ fernungen in der Nähe großer Städte haben wir nichts einzuwenden. Die Rückfahrtkarten auf eine Woche dagegen ziehen die Arbeiter nach den großen Städten und belasten die ländlichen Gemeinden. Die Staatsregierung und die Staatseisenbahnverwaltung darf die S der Arbeiter, möglichft bequem ohne geistige und körper⸗ liche Anstrengung ju leben, nicht unterstützzen. In den Wochenkarten auf eine Entfernung von 160 km liegt ein mächtiger Anreiz für die Arbeiter zum Aufsuchen der Städte. Gesellschaftszüge für Arbeiter und bestimmte Extrazüge, nicht Ver⸗ gnügungszüge, sind miteinander nicht zu vergleichen; denn die ersteren werden das ganze Jahr über benutzt.
Wirklicher Geheimer Ober⸗Regierungs⸗Rath Dr. von der Leyen:
Es sind Untersuchungen darüber im Gange, ob die Arbeiterfahrkarten über eine gewisse Grenze hinaus nicht mehr ausgegeben werden sollen. Es ist aber dabei zu beachten, daß die Arbeiter, welche auf weitere Entfernungen reisen, nur zum theil ländliche Arbeiter sind.Es sind roßentheils industrielle Arbeiter, die man nicht benachtheiligen darf In Bezug auf dis Gesellschaftskarten stehen sich die Interessen des Ostens und die des Westens gegenüber. Diese mässen gegeneinander abgewogen werden.
Abg. Dr. Barth (fr. Vgg.) spricht die Hoffnung aus, daß die Regierung die gestellten Anträge, die nur fromme Wünsche seien, gründlich erwägen werde. Zu den bedenklichsten gehöre der vorliegende. Er führe im Prinzip zu einer Einstellung des Eisenbahn⸗ verkehrs und zur Beseitigung der Freizügigkeit. Die Arbeiter würden in dieser ganzen Sache nur als Materie behandelt, nach ihrer Meinung fragten die Herren von der Rechten nicht. Die Arbeiter bätten aber auf die Vortbeile der Eisenbahn genau dasselbe Recht wie die Arbeitgeber. Es dürfe ihnen nicht die Gelegenbeit entzogen werden, höhere Löhne zu suchen, wo sie es für gut fänden. Die Eisenbahnverwaltung habe nicht die Aufgabe, Sozialpolitik zu treiben, sondern sich ausschließlich mit der Transportpolitik zu befassen.
Abg. von Mendel⸗Steinsels verwahrt sich gegen den Vor⸗ wurf, daß er und seine Freunde Verkehrserschwerungen im Interesse der Arbeitgeber wünschten. Sie bekämpften nur die ungesunde und künstliche Verschiebung der Arbeitsverbältnisse zu Ungunsten des platten Landes. Die Interessen von Arbeitern und Arbeitgebern feien im Grunde solidarisch. Die Linke vertrete nicht allein die Arbeiter, die Rechte habe ge nau dasselbe Arbeiterinteresse wie die Linke. Es liege auch im Interesse der Arbeiter, daß die ländliche Produktion nicht zu Grunde gerichtet werde. Eine Staatsbahnverwaltung habe nicht allein Transportvolitik zu treiben, sondern der Gesammtheit des Staats zum Nutzen zu sein. In der Hauptsache diene aber die Eisen⸗ bahn heute dem Großkapital.
Abg. Wetekamp: Zur Gesammtheit gehört auch der Arbeiter, der nur seine Arbeitskraft verwerthen kann. Er hat also denselben Anspruch auf billige Tarife, wie ihn die Agrarier für ihre Produkte in Anspruch nehmen.
Punkt 6 wird mit den Stimmen des Zentrums und der Konservativen angenommen.
(Schluß des Blattes.)
8
Der Justiz⸗Rath Franzius, Mitglied des Reichs⸗ tages für den 1. Hannoverschen Wahlb ezirk (Weener, Leer, Emden und Norden), ist, wie „W. T. B.“ meldet, gestern in Blankenburg i. H. gestorben.
Sttatistik und Volkswirthschaft.
“ Wohlfahrts⸗Einrichtungen.
„In Lippspringe hat sich ein Verein gebildet, der die Gründung eines Sanatoriums für Lungenkranke der ärmeren Bevölkerungsklassen daselbst beabsichtigt. Nachdem Ihre Majestät die Kaiserin und Königin durch Vermittelung des Pastors von Bodelschwingh eine namh afte Spende gewährt hat und sämmt⸗ liche Kommunalverbände des Regierungsbezirks Minden sowie zahl⸗ reiche Private theils größere einmalige Beiträge gewährt, theils laufende Zuschüsse gezeichnet haben, erscheint das wohlthaͤtige Unter⸗ nehmen nunmehr gesichert. —Der Kaufmann und Beigeordnete Wilhelm Dümling in Schönebeck, Reg.⸗Bez. Magdeburg, hat zu der von dem Vater⸗ ländischen Frauenverein geplanten Errichtung einer Lungenheil⸗ stätte bei Gommern 25 000 ℳ gespendet.
Von dem Kaufmann Gustav Tonne in Magdeburg wurden der dortigen Handelskammer 10 000 ℳ zur Unterstützung hilfs⸗ bedürftiger, würdiger Schiffer überwiesen.
Zur Arbeiterbewegung. In Guben ist einer Mittheilung der „Voss. Ztg.“ zufolge der
*
Ausständigen reisen zum größten Theil ab. Die Ausständigen ver⸗ langen einen Mindeststundenlohn von 35 ₰ und die Lieferung der Spaten und Stemmeisen durch die Meister.
In Lübeck haben, wie der „Köln. Ztg.“ berichtet wird, die Metall⸗Industriellen gestern alle Arbeiter „ausgesperrt“, die am 1. Mai nicht gearbeitet -n .
Aus Leipzig wird der „Voss. Ztg.“ telegraphiert, daß die dortigen Eisengießereien sämmtliche 1600 Former wegen Theil⸗ nahme an der Maifeier auf acht Tage „ausgesperrt“ haben.
Hier in Berlin sind gleichfalls zahlreiche Arbeiter, die am 1. Mai nicht zur Arbeit erschienen, auf einen Tag oder längere Zeit von der Arbeit ausgeschlossen worden.
Aus Brünn meldet „W. T. B.“: Die Zahl der ausständigen Textilarbeiter beträgt etwa 12 000. In zwei Fabriken wurde gestern der Zehnstundentag eingeführt, der bereits seit längerer Zeit in zwei anderen zugestanden war; etwa die Hälfte der Arbeiter einer der ersteren e⸗ hat trotzdem gestern Nachmittag die Arbeit ein⸗ gestellt. In vier Fabriken, in denen die Forderungen bisber über⸗ haupt nicht erhoben waren, verlangten ausständige Arbeiter den Einlaß, um die Arbeitseinstellung zu erzwingen, die auch thatsächlich
erfolgte.
Vr Lemberg drang, wie „W. T. B.“ berichtet, eine Anzahl feiernder Arbeiter am Montag Abend in einige Bäckereien ein und mißhandelte die arbeitenden Bäckergesellen. Die Polizei nahm 13 Ver⸗ haftungen vor und stellte die Ruhe wieder her.
Zum Ausstande der belgischen Bergarbeiter meldet „W. T. B.“ weiter: Der Ausstand der Grubenarbeiter in Herstal hat sich auf weitere Kohlengruben ausgedehnt. In Angrée ist in zwei Gruben, in denen die Arbeiter theilweise feierten, die Arbeit gestern ganz eingestellt worden. — Die Zahl der Ausständigen in dem Bassin von Charleroi hat sich gestern noch vermehrt und beträgt nun⸗ mehr 25 000. Mehrere Erzhütten mußten wegen Mangels an Kohlen ihren Betrieb einstellen oder die Produktion beschränken. — Im Bassin von Mons hat sich die Zahl der Ausständigen gestern um etwa 5000 verringert. Im Bassin du Centre ist die Lage unverändert.
Kunst und Wissenschaft. S erbe⸗
Die seit dem Monat März im Lichthofe des Kunstgew Museums veranstaltete Ausstellung von Aufnahmen mittel⸗ alterlicher Baudenkmäͤler islamitischer Kunst in Verbin⸗ dung mit den Erwerbungen, welche Dr. Friedrich Sarre auf seinen Reisen in Kleinasien und Persien gesammelt hat, ist inzwischen um einzelne werthvolle Aufnahmen sowie Sammlungsgegenstände noch weiter vermehrt worden und wird bis Ende Mai dem Publikum geöffnet bleiben.
Ueber den Verlauf der von dem Berg⸗Assessor Hupfeld geleiteten Douglas'schen geologischen Forschungs⸗Expedition im deutsch⸗westafrikanischen Schutzgebiet Togo berichtet das „Deutsche Kolonialblatt“ Folgendes: Am 11. April 1897 verließ mit dem Woermanndampfer „Lulu Bohlen“ die Expedition Hamburg und traf am 3. Mai wohlbehalten in Lome ein. Sie bestand aus den Herren: Berg⸗Assessor Hupfeld, Leutnant d. R. Klose und Steiger Hoyer; von diesen kehrte Herr Klose bereits Ende 1897 nach Europa zurück. Zu seinem Ersatz wurde im Oktober der Berg⸗Ingenieur Wulff und mit ihm der Steiger Lenczek aus⸗ gesandt. Hoyer trat seine Heimreise im Mai an, Wulff und Lenczek im November und als letzter Hupfeld im Dezember 1898. Der Hauptzweck der Expedition war die geologische Durchforschung des Landes, besonders im Hinblick auf nutzbare Mineralien. In zweiter Linie war die Expedition beauftragt, Land für Plantagenbau oder industrielle Anlagen gegebenenfalls zu erwerben. Endlich sollte sie, soweit es die Zeit gestattete, allgemein wissenschaftliche Studien treiben, insbesondere auf geographischem und etbhnographischem Gebiete. Die Karawane war bei ihrem Aufbruch von Lome, Ende Mai, über 100 Mann stark. Später betrug die Zahl der beschäftigten Leute in der Regel gegen 50. Der Marsch ging über Misahöhe und Kete⸗Kratschi. Hier wurde er durch Trägerschwierig⸗ keiten etwas aufgehalten. Vom Norden traten aufgebauschte Gerüchte über Aufstand ꝛc. ein. Der damals noch ganz unbekannte, sehr zahl⸗ reiche Stamm der Konkombas an der einzigen für die Deutschen passierbaren Straße von Basari nach Sansane Mangu batte sich erhoben, und die Basarileute selbst hatten nicht übel Lust, mit den Aufständischen gemeinsame Sache zu machen. Durch das rechtzeitige Eintreffen der Expedition gelang es dem dortigen Stationschef Dr. Gruner, wieder Ordnung zu schaffen. Von Basari verlegte die Expedition ihr Standquartier Mitte November nach dem verhältnißmäßig gesunden Dako. Von hier wurde nun der ganze Norden des Gebiets durchstreift, so Basilo, Sudu. Krikri, Tshamba, Paratau im Osten, Baͤnveri und Dumeru im Westen. Auch das Kabureland wurde besucht. Von besonderem Interesse war die Eisen⸗ industrie von Banyeri und Umgegend. Die Expedition begab sich sodann in das zentrale Togogebirgsland und zwar zunächst nach Ketshenke bei Bismarckburg, wo sie bei der Baseler Mission Auf⸗ nahme fand, später nach Gyasekang⸗Kese in Boöm. Von hier aus wurden die Landschaften Anpanga und Atakpame im Osten, Akposso, Kebu, Bosm, Tribu und Adele in der Mitte, Kete⸗Kratschi im Westen untersucht. Mit der gevlogischen ging die geographische Routenaufnahme Hand in Hand, auch wurde eine größere Zahl von Photographien aufgenommen. Pfingsten 1898 siedelte man nach der Regierungsstation Misahöhe über. Die Reisen erstreckten sich von hier östlich bis Atakvame und zum Mono, südlich bis Lome und den Adaklu, westlich bis Anum und zum Volta, nördlich bis an die Grenzen von Akposso. Von Misa⸗ höhe und Ho aus marschierte die Expedition nach Kpvong, wo der Volta überschritten wurde, und dann nach Accra. Von Accra aus wurde noch eine Rundtour nach Kyebi unternommen, dem britischen Gebiet, in welchem Gold vorkommt. Die Expedition hat dabei auf den zahlreichen Stationen der Missionsgesellschaften eine überaus liebenswürdige Aufnahme erfahren. Um Zeit zur Sichtung und Bear⸗ beitung des Materials zu gewinnen und mit Rücksicht auf die angegriffene Gesundheit der Theilnehmer der Expedition wurde sie nunmehr aufgelöst. Herr Wulff und Herr Lenczek kehrten mit dem Novemberdampfer der Woermann⸗Linie heim, Herr Hupfeld reiste an der Küfte entlang nach Kotonou und bestieg den Dezemberdampfer der französischen Linie, mit dem er am 11. Januar Marseille erreichte. Die Expedition ist so glücklich, keinen Mann, weder weißen noch schwarzen, verloren zu haben. Das Verhältniß zu den Eingeborenen war meist ein gutes. Die Anwendung von Waffengewalt ist außer im Kaburelande, wo eine staatliche Expedition damals gegen Ruhe⸗ thätig war, nirgends nöthig gewesen.
Land⸗ und Forftwirthschaft.
Der ständige Ausschuß des Deutschen Landwirtb⸗ schaftsraths wird am 6. und 7. Juni d. Z. in Wilhelmshöhe bei Cassel eine Sitzung abhalten, um über folgende Gegenstände zu be⸗ rathen: Errichtung einer Zentral⸗Landwirthschaftskammer für das Deutsche Reich; Abänderung des Unfallversicherungs⸗Gesetzes für Land⸗ und Forstwirthschaft; gesetzliche Regelung des Verkehrs mit Dünger⸗ und Futtermitteln; Erhebungen über die Rentabilität typischer Land⸗ wirthschafts⸗Betriede; Stand der Entschuldungsfrage des ländlichen Grundbesitzes; Wirkung des sogenannten Margarine⸗Gesetzes; die Kaiserliche Verordnung, betreffend Hauptmängel und Gewährfristen beim Viehhandel, vom 27. März 1899.
Die 25. Berliner Mastvieh⸗Ausstellung, welche heute auf dem mit Fahnen reichgeschmückten Zentralviehhof der Stadt eröffnet wurde, tritt bezüglich der Beschickung hinter der vorjährigen etwas zurück.
auf 104 im Jahre 1898 und 112 bei der diesjährigen Schau. alles freilich, was angemeldet war, 49 Thiere genannt hatten,
durch die in ihrer Heimath aus⸗
Berlin zu senden. In der Halle rechts vom großen Börsengebäude findet man die wichtigste Abtheilung der Schau, die Rinderabth
die 540 Haupt umfaßt. stammt aus der Provinz Posen, die sich diesmal in ganz hervor⸗ ragender Weise an der Ausstellung betheiligt hat. Die Mark Brandenburg, aus der überhaupt nur 17. Aussteller erschienen sind, tritt mit ihren 29 Haupt erheblich zurück. stark beschickt sind diesmal die beiden Klassen für Kälber mit
Kälber tragen den ausgesprochenen Typus des Doppellenders. Braun⸗ schweig und Bremen sind die Hauptproduktionsgebiete für Thiere dieser Art, die in Berlin ihres guten Schnitzelfleisches wegen besonders beliebt sind. Meyer⸗Bremen und die Braunschweiger Witte, Roll⸗ wage, Heyne und Pape seien als Aussteller hier genannt. Ochsen im Alter bis zu 2 ⅛ Jahren sind 45 ausgestellt, eigentlich recht wenig, da die vorjährige Schau deren 129 aufwies. liegt wohl darin, daß Berlin das Fleisch der ausgewachseneren Ochsen vorzieht. Die Thiere der übrigen Rinderklassen sind nach Rassen ge⸗ schieden, und da zeigt sich nun die interessante Thatsache, daß die Stämme des deutschen Höhelandes immer mehr überwiegen: von den in Frage kommenden 378 Thieren b2 202 den Stämmen des Höhelandes, 72 denen des Tieflandes an; 94 sind Kreuzungsprodukte, 10 repräsentieren sonstige Rassen. In den beiden Klassen für Kühe sind 39 Thiere ausgestellt, etwa eben so viel wie in früheren Jahren. Schöne Kühe hat namentlich Krause⸗Lissa, aus verschiedenen Posenschen Mästereien aus⸗ gewählt, nach Berlin gebracht. Von ihm ist auch die schwerste Kuh ausgestellt, und zwar unter Nr. 192: eine Shorthornkuh, die 870 kg wiegt. Auch Bremer⸗Jethausen sei aus dieser Abtheilung als Züchter und Mäster genannt. Am stärksten beschickt ist die Klasse der Ochsen im Alter von 2 ⅛ bis 3 ½ Jahren; sie zählt 179 Haupt, freilich immer noch weniger als im Vorjahre, wo hier 246 Thiere vorgeführt wurden. Diese Klasse bildet unstreitig den Glanzpunkt der ganzen Schau, denn die hervorragendsten Mäster Deutschlands haben gerade hier ausgestellt. Es seien nur genannt: Stich⸗Kaisershof, Nehring⸗Nimojemko, Dr. Sarrazin⸗Urbanie, der ungewöhnlich schwere Thiere vorführt, und Krause⸗Lissa. Die Klasse der alten Ochsen ist mit 116 stärker beschickt als je, und zwar fast ausschließlich mit Höhenvieh. In dieser Klasse findet man auch das schwerste Thier der ganzen Schau, den blauweißen „Cäsar“ des Herrn von Wuthenau⸗Poledno; das unter Nr. 499 ausgestellte Thier wiegt 1108 kg. Frühere Schauen haben allerdings schon schwerere Thiere aufgewiesen. Eine 16 Haupt umfassende Kollektion des Herrn Krüsemann⸗Wybranowo, Thiere bayerischer Rasse, von denen man sich befonders viel versprach, sind leider aus⸗ geblieben. Aus Brandenburg ist hier die neumärkische Domäne Breitenstein mit sehr schönen Thieren erschienen. Besonders schwere Thiere hat Krisch⸗IJnowrazlaw aus Posen gebracht. Bullen sind ins⸗ gesammt 38 ausgestellt, bedeutend weniger als im Vorjahre. Den schwersten Bullen, ein Kreuzungsprodukt von Simmenthaler und Oldenburger Rasse, hat Graf Kwilecki aus Dobrojewo unter Nr. 540 aus⸗ gestellt (1107 kg). — Die übrigen Abtheilungen der Thierschau, die in der linken Halle untergebracht sind, treten der Rinderabtheilung gegenüber stark zurück. Die Abtheilung der Schafe weist 86 Nummern auf, etwas mehr als im Vorjahr, aber doch immer noch wenig gegen die Schauen der 80er Jahre, wo hier bis 400 Schafe vereinigt waren. Die Schafzucht gilt eben nicht mehr als lohnender Erwerb. Am besten vertreten sind noch Brandenburg, Schlesien und Mecklenburg⸗Schwerin. In den Rassen hat sich wenig geändert; dagegen verschwinden allmählich die älteren Thiere vom Plan, da sich mehr und mehr das Streben nach Frühreife mit Erfolg geltend macht. Sehr schön sind die Hampshires des Herrn Pogge⸗Zierstorf. Auch Frau Kiepert⸗Marienfelde, Rehfeld⸗Golzow, Nonne⸗Großseidau und Staudinger⸗Lübsee bewähren den alten Ruf ihrer Zuchten. — In der Schweine⸗Abtheilung ist die Be⸗ theiligung mit nur 37 Anmeldungen sehr gering, wenn man bedenkt, daß z. B. im Jahre 1883 439 Schweine ausgestellt waren. Peters⸗Quilow, Bremer⸗Jethausen, Thiele⸗Ring⸗ furth seien als Maͤster in erster Reihe genannt. Viele altbewährte käster sind ausgeblieben. — Die Ausstellung der Maschinen, Geräthe ꝛc. ist von 38 Firmen beschickt. — Morgen soll zum ersten Male seit langen Jahren geschlachtetes Mastgeflügel ausgestellt werden. Ein in den 70er Jahren unternommener ähnlicher Versuch fand damals keinen Anklang.
Gesundheitswesen, Thierkrankheiten und Absperrungs⸗ Maßregeln.
Der Ausbruch und das Erlöͤschen der Maul⸗ und Klauenseuche ist dem Kaiserlichen Gesundheitsamt gemeldet worden vom Viehhofe zu Dresden am 1. Mai, das Erlöschen der Maul⸗ I vom Schlachtviehhofe zu Mülhausen i. Els. am Mai.
Von dem im Kaiserlichen Gesundheitsamt bearbeiteten „Gesundheitsbüchlein“, einer gemeinfaßlichen Anleitung zur Gesundbeitspflege mit Abbildungen im Taxt und zwei farbigen Tafeln, die zum ersten Mal im Jahre 1894 herausgegeben wurde und seit⸗ dem weite Verbreitung gefunden hat, ist im Verlage von Julius Springer hierselbst ein achter, verbesserter Abdruck er⸗ schienen (Preis kart. 1 %). Das Kaiserliche Gesundheitsamt hat arin aus dem gesammten Gebiete der Gesundheitswissenschaf dasjenige ausgewählt und gemeinperständlich dargestellt, bekannt sein sollte. In vier Abschnitten behandelt das By Bau des menschlichen Körpers, die Thätigkeit und den Zwe Organe, die Lebensbedürfnisse des einzelnen Menschen (Luft, Nahrung und Nabhrungsmittel, Kleidung, Wohnung, Thäͤtigkeit und Erholung), den Menschen in seinen Beziehungen zur Gesellschaft (Ansiedelungen, Verkehr, Erziehung, Beruf und Erwerb), die Ge⸗ fährdung der Gesundheit durch äußere Einflüsse (Witterung und Klima, Infektions⸗ und andere Krankheiten, Unglücksfälle) und in einem Anhang die Krankenpflege.
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Verkehrs⸗Anstalten.
Bremen, 2. Mai. (W. T. B.) Norddeutscher Llopd. Dampfer „Kaiser Friedrich“, d. NRew York kommend, heute Scilly passiert.
— 3. Mai. (W. T. B.) Dampfer „Wittekind“ 2. Mai Reise v. Vigo n. Southampton fortges. „Löwenkurg“, v. Brasilien kommend, 2. Mai Vlissingen passiert. „Sachsen“ 2. Mai Reise v. Genua n. Neapel fortgesetzt.
Hamburg, 2. Mai (W. T. B.) Hamburg⸗Amerika⸗Linie. Dampfer „Hungaria“ Sonntag in Colon, „Venetia“ gestern in St. Thomas angek „Patria“ gestern v. Boulogne n. New York, „Va⸗ lencia“ v. Havre n. West⸗Indien, „Adria“ v. Antwerpen n. Hamburg abgeg. „Sicilia“ Sonntag Gibraltar, „Norderney“ gestern Lizard, „Graf Waldersee“ heute Nachmittag Seilly passiert. London, 2. Mai. (W. T. B.) Castle⸗Linie. Dunottar Castle“ auf Ausreise heute in Kapstadt angek. Castle“ Union⸗Linie.
Dampfer „Arundel gestern auf Heimreise bei den Canarischen Inseln angekommen.
Dampfer „Goth“ heute auf Ausreise von Madeira abgegangen.
Rotterdam, 2. Mai. (W. T. B.) Holland⸗Amerika⸗
Es sind diesmal insgesammt in 663 Anmeldungen 818 Thiere genannt wor⸗
größte Theil der Maurer wegen Lohnstreites in den Ausstand einge⸗ lreten. Fast alle größeren Bauteng ruhen heiratheten
den, gegen 806 An eldungen mit 1038 Th
ieren im Vorjahre, immer aber
gckommen.
Linie. Dampfer „Rotterdam“ Sonntag Vorm. in New Pork an⸗
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noch mehr als 1897, wo nur 703 Thiere zur Anmeldung gekommen waren. Die Zahl der Aussteller ist dagegen gestiegen von 101 im I1“ icht ist diesmal auch wirklich zur Ausstellung gekommen; vielmehr sind 6 Züchter, die zusammen
ebrochene Maul⸗ und Klauenseuche verhindert worden, ihre Zucht⸗ und astprodukte, 25 Ochsen, 3 Kühe, 3 Bullen und 18 Lämmer, nach
eilung, Der weitaus größte Theil dieser Thiere, 285,
Sehr
117 Haupt gegen 101 im Vorjahre und 86 im Jahre 1897; 59 der
Der Grund des Rückganges